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Leselupe.de > Erzählungen
Der Doppelgänger, Teil 2
Eingestellt am 26. 11. 2001 18:35


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

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Kommentare: 16
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Der Andere Teil 2



1



Inzwischen waren mehrere Jahre vergangen. Daniel mochte Miriam noch immer gerne, aber das große Gefühl war verschwunden. Eines Tages stellte er fest, daß es nicht mehr da war. Er interessierte sich jetzt für ein anderes Mädchen aus seiner Klasse, Dagmar, die größer war als Miriam, mit langen schwarzen Haaren. Sie schrieben sich im Unterricht Liebesbriefe, gingen zusammen ins Kino und tauschten Pullover und Jacken. Es war nicht das gleiche, wie bei Miriam, aber es war interessant und aufregend.

Miriam schien es nichts auszumachen. Auch sie hatte einen festen Freund, einen Jungen aus der zwölften Klasse. Sie und Daniel waren jetzt in der zehnten.

Daniel galt in der Schule als Klaviervirtuose und bei jeder Schulveranstaltung mußte er ein Paradestück zum besten geben. Er hatte aber nicht die Absicht, ernsthaft Musiker zu werden. Er dachte, daß er einmal einen naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen würde, Chemiker oder Physiker. Die Musik würde er als Hobby weiter betreiben.

Miriam war im Schulchor. Wie die meisten anderen war sie es hauptsächlich wegen der Reisen, die der Chor unternahm. In diesem Frühjahr sollte es zu einem Festival nach Frankreich gehen. Dafür wurde intensiv geprobt.

Eines Tages saß Daniel im Garten im Liegestuhl und las in einem Buch. Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er ließ das Buch sinken und blickte sich um. Es war niemand da. Er nahm das Buch wieder auf und versuchte weiterzulesen. Doch er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Er spürte in sich eine Leere, einen grauen Bereich, der sich immer mehr ausbreitete. Ihm war elend, ohne daß er wußte, warum. So starrte er eine Weile vor sich hin. Etwas stimmte nicht mit ihm.

Später klingelte das Telefon. Seine Mutter war in der Küche beschäftigt. Daniel nahm den Hörer ab und meldete sich. Der Anrufer blieb stumm.

„Wer ist da?“ rief Daniel.

„Ich bin es,“ kam es nach einigem Zögern. Die Stimme kam Daniel merkwürdig vertraut vor. Eine Jungenstimme.

„Wer ist ich?“ fragte er.

„Du weißt schon wer ich bin,“ antwortete es aus dem Hörer. „Ich bin wieder da, ganz in deiner Nähe. Vielleicht sehen wir uns zufällig einmal.“

„Sollte ich dich kennen?“

„Das solltest du schon.“

Er hörte ein kurzes Lachen, dann hatte der andere aufgelegt. Daniel spürte Schweiß auf seiner Stirn. Tief in seinem Innern regte sich Angst. Es war, als hätte sich ein Schatten auf ihn gelegt. Ein Schatten aus der Vergangenheit.

Am Tag darauf sprach ihn eine Frau in der Buchhandlung an.

„War er nicht wundervoll, dieser Rachmaninow-Abend gestern,“ schwärmte sie. „Man findet es heute leider selten, daß so junge Leute wie Sie sich für diese herrliche Musik begeistern. Und Sie waren begeistert. Ich habe es in ihrem Gesicht gesehen.“

„Sie müssen mich mit jemandem verwechseln,“ erwiderte Daniel. „Ich war bei keinem Rachmaninow-Abend.“

„Aber natürlich, Sie haben doch neben mir gesessen,“ sagte die Frau. „Sie können es ruhig zugeben. Ich erzähle auch niemanden, daß Sie ihre kleine Freundin bei sich hatten.“

In der Schule probte der Chor jetzt jeden Tag. Am Freitag war es dann soweit. Der Bus nach Frankreich fuhr ab. Daniel war nicht dabei. Er war nicht im Chor.

Spät abends klingelte das Telefon. Daniels Mutter ging an den Apparat im Flur. Sie meldete sich und stieß kurz darauf einen entsetzten Ruf aus. Daniel erschrak. Er hatte gewußt, daß etwas nicht stimmte. Daß etwas passieren würde. Er hatte ein gräßliches Gefühl, als wenn er sich von innen her auflösen würde.

Seine Mutter kam zu ihm ins Zimmer. Sie war blaß und verstört. Sie sagte, der Bus mit dem Chor wäre verunglückt. Nachts, auf nasser Straße, war er von der Fahrbahn abgekommen und in eine Schlucht gestürzt. Es gab Tote und Verletzte. Genaues wußte man noch nicht. Später erfuhren sie dann die Namen der Toten. Unter ihnen war auch Miriam.

Herr Lautenbach, der Musiklehrer, gehörte zu den Überlebenden. Er war der Leiter des Chores und hatte während der Fahrt vorne neben dem Fahrer gesessen. Als die Polizei ihn im Krankenhaus vernahm, sagte er, daß plötzlich jemand mitten auf der Fahrbahn gestanden hatte. Es war ein Halbwüchsiger. Er blickte in die Richtung des auf ihn zu rasenden Busses und rührte sich nicht von der Stelle. Der Busfahrer hatte versucht auszuweichen. Dabei war das Fahrzeug ins Schleudern gekommen und die Böschung hinabgestürzt. Es überschlug sich mehrmals und landete zehn Meter tiefer in einem Bach. Der Busfahrer wurde eingequetscht und war sofort tot. Er befand sich auf der Seite, mit der der Bus unten aufschlug. Ebenso erging es sieben Schülerinnen.

Von dem Verursacher des Unfalls fehlte jede Spur. Merkwürdig war auch, daß der Lehrer sagte, er habe ausgesehen wie einer seiner Schüler. Wie Daniel.



2


Natürlich überprüfte die Polizei routinemäßig diese eigenartige Aussage, aber es war völlig unmöglich, daß sich Daniel zu der in Frage kommenden Zeit in der Nähe des Unglücksortes aufgehalten haben konnte.

In der Schule hatte sich die Sache mit dem nächtlichen Phantom, das wie Daniel ausgesehen haben sollte, sofort herumgesprochen. Sogar im Fernsehen war darüber berichtet worden. Ein Kamerateam kreuzte eines Tages auf. Sie befragten Lehrer und Schüler, auch Daniel. In den Pausen wurde Daniel jetzt gemieden. Während des Gedenkgottesdienstes machte man sich gegenseitig auf ihn aufmerksam. In der Reihe, in der er saß, beugten sie sich vor, um ihn anzustarren.

Daniel hatte das Gefühl, daß ihm sein Leben entglitt.

Er ging wieder auf den Friedhof und schlenderte versonnen an den Gräbern entlang. Irgendwo würde hier bald Miriams Grab sein. Er kam zu dem Mausoleum und versuchte, die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen.

Als der nächste Anruf kam, erschrak er nicht mehr. Er hatte darauf gewartet.

„Wir müssen uns treffen,“ sagte er. „Noch heute abend.“

„Kennst du die Treppe am Wehr?“ fragte der Anrufer nach einem Augenblick des Zögerns.

„Natürlich,“ antwortete Daniel. Dort war er früher manchmal mit Miriam gewesen.

„In einer Stunde. Geht das?“

„In Ordnung,“ sagte Daniel und legte den Hörer auf.

„Du willst weg?“ fragte Daniels Mutter erstaunt. „Jetzt noch?“

Sie blickte ihm besorgt nach. Der Junge war in letzter Zeit so merkwürdig. Ob das am Alter lag?

Es war völlig dunkel, als Daniel sich dem Wehr näherte. Hier brannte keine Laterne. Stufen führten hinab zum Wasser, das rechter Hand das Wehr herabgeschossen kam. Es war ziemlich laut. Am Fuß der Treppen kochte die Gischt. Dort stand jemand. Daniel stellte sich neben ihn. Er wußte, wer das war.

„Warum hast du das gemacht?“ fragte er.

„Ich brauchte sie,“ antwortete der andere.

„Wo ist Miriam?“

„Sie ist bei mir. Willst du sie sehen?“

Daniel nickte. Ein Kloß steckte ihm plötzlich im Hals.

„Dann müssen wir beide eine kleine Reise machen. Du solltest dich ja damit auskennen.“

„Ja,“ sagte Daniel. „Gehen wir.“

Der andere ging voran. Seitwärts führte eine steinerne Ufereinfassung zu einer kleineren Treppe mit einem Eisengeländer, die vor einer runden Öffnung im Mauerwerk endete. Wahrscheinlich war hier ein Ausgang der Kanalisation. Sie betraten die Röhre und gingen im Dunkeln vorwärts. Daniel folgte blindlings seinem Vordermann. Sie gingen auf einem schmalen Steg am Rand der Röhre entlang. Unter ihnen floß Wasser. Es roch modrig und dumpf. Dann krochen sie in eine andere Röhre, deren Öffnung sich in der Wand befand. Diese Röhre war kleiner und sie kamen nur gebückt vorwärts. Später wurde die Röhre größer und sie konnten wieder aufrecht gehen. Schließlich befanden sie sich in einem großen Tunnel, an dessen Ende ein Licht schimmerte.

„Jetzt folgen wir dem Licht,“ sagte Daniels Widerpart.

Allmählich weitete sich der Tunnel und sie kamen an einen Ozean. Das Wasser war ruhig und glatt, fast wie ein Spiegel. Darüber türmten sich Gewitterwolken, die von einem flackernden, schwefelgelben Licht erhellt wurden. Am Ufer wartete ein Kahn. Sie stiegen wortlos ein und legten ab. Daniels Doppelgänger hatte ein Ruder ergriffen, mit dem er steuerte. Bald näherten sie sich einer Insel. Sie bestand aus steilen, gelblichen Felsen, die unvermittelt aus dem Wasser emporragten und einen Hain düsterer Zypressen umgaben. In die Felsen waren Fensteröffnungen geschlagen und Mauerwerk war erkennbar. Auch ein oder zwei Balkone waren zu sehen. Eine Mauer aus Natursteinen grenzte den Zypressenhain zum Meer hin ab. Zwischen zwei Quadern befand sich ein kleiner Anlegeplatz, auf den sie zusteuerten. Es war ein eigenartig schöner, aber auch düsterer Ort.

„Das ist meine Insel,“ sagte Daniels Doppelgänger. „Gefällt sie dir?“

„Ist Miriam hier?“ fragte Daniel.

„Ja,“ sagte der andere. „Miriam ist hier. Du wirst sie schon noch früh genug zu sehen bekommen. Doch erst will ich dir zeigen, wie ich hier lebe.“

Sie gingen durch den dunklen Zypressenhain und stiegen einige breite Marmorstufen zu einer in den Fels hinein gebauten Villa empor. Sie betraten die Innenräume, die prächtig ausgeschmückt waren mit Wand- und Deckenbildern, reichlichen Verzierungen, Säulen und Intarsien. Allerdings gab es kaum Möbel, es war, als wäre man in einem Museum. Eine gläserne Flügeltür führte hinaus auf eine Terrasse, von der man direkt aufs Meer blickte. Auf der Terrasse standen ein Konzertflügel und eine übergroße Harfe.

Der andere ging gleich auf den Flügel zu und öffnete den Deckel über den Tasten.

„Endlich wieder daheim,“ sagte er.

Er begann kraftvoll zu spielen. Wind erhob sich und die Wellen des Meeres begannen zu wogen und zu schäumen. Vom Wind bewegt, begann die Harfe zu singen und zu klingen.

„Wo ist Miriam?“ fragte Daniel.

Der andere hörte auf zu spielen.

„Komm,“ sagte er und stand auf.

Sie gingen in einen Seitentrakt der Villa, der direkt in den Fels getrieben war. Ein Gang führte an mehreren Türen entlang. Vor einer der Türen blieb Daniels Widerpart stehen.

„Hier ist sie,“ sagte er.

Daniel öffnete die Tür und trat in den Raum. Miriam lag auf einem Katafalk. Sie schien zu schlafen. Hinter ihr war ein von schraubenartig gewundenen Säulen eingefaßtes Fenster, aus dem man auf den düsteren Zypressenhain hinaus sah.

„Kann man sie aufwecken?“ fragte Daniel.

„Ja,“ sagte der andere. „Du brauchst sie nur zu berühren. Aber warte noch einen Augenblick. Ich will dir erst etwas sagen.“

Er blickte Daniel forschend an.

„Ich schlage dir vor, hier zu bleiben,“ sagte er dann. „Überlege es dir, es ist nicht wenig, was ich dir biete.“

„Das ist eine Toteninsel,“ sagte Daniel. „Warum sollte ich hier bleiben?“

„Du wirst nicht altern und nicht sterben,“ sagte der andere. „Wir sind hier nicht den Gesetzen der Zeit unterworfen, wie sie bei euch herrschen.“

„Ich werde mit Miriam zurückkehren,“ sagte Daniel. „Hier will ich nicht sein.“

„Wie du willst,“ erwiderte der andere. „Aber sage nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Du wählst Tod und Vergänglichkeit. Ich gehe jetzt. Warte noch einen Moment, ehe du sie aufweckst. Sie soll uns nicht beide zusammen sehen.“

Er verließ das Zimmer. Bald hörte Daniel wieder Musik. Der Wind rauschte in den Zweigen der Zypressen.

Daniel trat an das Lager und berührte vorsichtig Miriams gefaltete Hände. Sie schlug die Augen auf, blickte Daniel an und lächelte.

„Daniel,“ sagte sie. „Wo bin ich hier? Ist das ein Krankenhaus?“

„Ja,“ erwiderte Daniel. „Das ist eine Art Krankenhaus. Du hast sehr lange geschlafen und jetzt bist du wieder gesund.“

„Was machst du hier?“

„Ich bin gekommen um dich nach Hause zu bringen. Wir müssen jetzt gehen.“

Daniel und Miriam verließen das Zimmer und eilten zu der Marmortreppe, die in den Zypressenhain hinab führte. Sie gingen zu der Anlegestelle, an der das Boot lag und stiegen ein. Daniel ruderte hinaus. Bald waren sie auf dem Ozean und die Insel entschwand ihren Blicken. Als sie sich der Küste näherten, kamen ihnen zahlreiche Boote entgegen. Daniel bemühte sich, nicht zu ihnen hin zu blicken.

Als sie die Treppe am Flußwehr empor stiegen, ging gerade die Sonne auf. Sie blickten zur Stadt hinüber. Es war ihre Stadt, aber sie hatte sich verändert. Überall waren neue Häuser. Die Autos sahen so merkwürdig aus. Daniel blickte Miriam an. War das Miriam? Neben ihm stand eine ältere Frau. Sie hatte graue Haare. Sie blickte ihn an und schien ebenfalls erschrocken zu sein.

„Daniel,“ sagte sie. „Bist du das? Was ist mit uns geschehen?“

Er sah in ihre Augen. Es war Miriam. Es war ihr Gesicht, das nun feine Falten um die Augen und die Mundwinkel hatte. Sie wirkte immer noch knabenhaft. Er spürte, daß er sie liebte, daß er nie aufgehört hatte, sie zu lieben. Er ergriff ihre Hand.

„Komm,“ sagte er. „Laß uns gehen.“


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Stefan Seifert

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