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Leselupe.de > Horror und Psycho
Der Dunkle
Eingestellt am 06. 06. 2008 20:37


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Marcus Richter
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Registriert: Jan 2003

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Der Dunkle





ÔÇ×O ihr Herrscher des unterirdischen Reiches, g├Ânnet mir, Wahres zu redenÔÇŽÔÇť
Gustav Schwab






Irgendwo hinter der B├╝hne hatten sie seinen Kopf.
Kikki standen Schwei├čperlen auf der Stirn. Sie war eingeklemmt. Sie stand auf den Zehenspitzen und keuchte, als sich ein kr├Ąftiger K├Ârper an ihr vorbei schob. F├╝r einen Augenblick presste sich ihr ein steifes Glied gegen den R├╝cken, und zwei H├Ąnde nahmen ihre Schultern und zogen sie an sich. Dann ein Ton, eine Fanfare vielleicht, und der Druck und die H├Ąnde verschwanden, und Zehntausende bewegten sich wie ein Heer einen Schritt nach vorn.
Nur einen Schritt! Aber im selben Moment begannen sie in den vorderen Reihen zu schreien, und die Security warf sich auf Holzbalken, die die Absperrung zwischen B├╝hne und Fanraum abst├╝tzen sollten. Die Pf├Ąhle gruben sich tief in den Stadionboden, und die Betonf├╝├če, in welche die Absperrung eingelassen war, bewegte sich Millimeter f├╝r Millimeter auf das Stahlger├╝st zu, das sich ├╝ber die B├╝hne wie eine gespreizte Hand erhob. Als wollten sie eine gewaltige Kavallerie aufhalten, stachen die Stahlfinger in den Himmel.
An den Enden der hoch aufragenden Stangen flatterten schwarze Fahnen, von denen sich das leuchtend wei├če Bild eines Schildkr├Âtenpanzers abhob. Ohne Kopf, ohne Beine, nur das ovale Rund, ├╝ber das sich feine, wei├če Linien zogen, wie Notenlinien etwa oder Gitarrensaiten. Dar├╝ber ein Name, der Name - einer, den man nie vergessen w├╝rde, wenn man ihn einmal geh├Ârt hatte. Kikki hielt den Atem an.
ÔÇ×OrpheusÔÇŽ
ÔÇŽOrpheus!ÔÇť

Der sternenklare Himmel war in undurchdringliches Schwarz getaucht. Kein einziger Stern, nichts. Es konnte einen verr├╝ckt machen, wenn man zu lange hinsah, auch wenn man wusste, dass oben auf dem Dach des Stadions die Spotlights gen Nachthimmel gerichtet waren und das Sternenlicht f├Ârmlich auffra├čen, bevor es sie hier unten erreichen konnte. Kikki wurde gesto├čen und geriet in die Schraubzwinge einer Gruppe von Back-Sabbaths, die sie mit genieteten Lederjacken aufs Korn nahmen. Sie duckte sich weg und kam irgendwo hoch, den Mund weit offen und keuchend.
Luft!
Dann kam das Kreischen. Junge Frauen w├╝hlten sich an den Leibern von Unbekannten empor und bestiegen sie wie lebendige Felsen. Ein starker Geruch stieg auf, der den markanten Gestank von alkoholisiertem Atem ├╝berdeckte. Die jungen Frauen wurden irre und pressten ihre Sch├Â├če in die Nacken von M├Ąnnern, wegen derer sie sonst die Stra├čen gewechselt h├Ątten. Sie lie├čen sich Schnapsflaschen hinaufreichen und begossen mit dem Inhalt ihre Br├╝ste. Kikki wurde empor gehoben und sp├╝rte einen hei├čen Atem an ihrem Becken, als irgendwo ganz in der N├Ąhe eine riesige Stichflamme hochging und ins Nachtschwarz verpuffte. Und das war genau in dem Augenblick als Judd Randall die Saiten seiner schwarzen E-Gitarre anschlug und die R├╝ckkopplung ganz vorn eine Massenpanik ausl├Âste.
Niemand kommt da raus, dachte Kikki und rutschte ├╝ber einen hei├čen, kahl rasierten Sch├Ądel auf breite, muskul├Âse Schultern.
Niemand, dachte sie.
Jetzt nicht mehr!

Es hatte viele Rockbands in den letzten Jahren gegeben. Gute und Schlechte. Das war wie das Einmaleins des Rock`n┬┤Roll. Wer blieb, wurde entweder irre oder das Heroin mistete den ganzen Laden aus, bis nur noch die Bassisten auf der B├╝hne standen und schwankende Schlagzeuger, die nach jedem Song nach hinten zu kippen drohten. Der Alkohol holte sie alle. Gute Gitarristen suchte man gew├Âhnlich in der Entzugsklinik oder in der Irrenanstalt. Hepp Dean, der Songwriter und Frontmann von Under Down hatte angeblich epileptische Anf├Ąlle bekommen, wenn er nur eine Gitarre zu Gesicht bekommen hatte. Aber das war nie jemandem aufgefallen, jedenfalls nicht solange er auf der B├╝hne stand. Im Sanatorium hatten sie ihm dann Elektroschocks verpasst, bis sein Gehirn nur noch ein gro├čes Schwarzes Loch war, in dem alles auf Nimmerwiedersehen verschwand. Man konnte dieses Schwarze Loch in seinen Augen sehen, hie├č es. Und was aus Billy Pikes geworden war, der nach einem Besuch bei ihm nie wieder gesehen wurde, konnte sich jeder, der von der Sache wusste, selbst zusammen reimen.
Er war ein seinen Augen verschwunden, sagten sie. Billy Pikes war durch die Augen von Hepp Dean in das Schwarze Loch in seinem Sch├Ądel gezogen worden.

Aber das war nichts gegen Orpheus. Nein, schei├če! Nichts konnte dagegen an. Das Schwarze Loch von Hepp Dean war nichts weiter als eine gekr├Ąuselte Rosette im Gegensatz zu dem, was man sich ├╝ber Orpheus erz├Ąhlte. Und dabei hatte Sol Stark nie Drogen genommen, nie getrunken oder mit Frauen rumgemacht. Sol Stark hatte mit dem R├╝cken zum Publikum gespielt, sich nie umgedreht. Er hatte nie Zugaben gegeben, war einfach abgegangen, wenn das Set gespielt war. Die meisten hatten ihn gehasst; so sehr hatten sie ihn geliebt. Und die gro├čen Tourenveranstalter h├Ątten sich lieber den Strick genommen, als diese Band mit diesem Frontmann zu verpflichten. In London hatten vierundzwanzigtausend Fans nach dem Konzert 94 die B├╝hne gest├╝rmt und die Aufbauten bis auf die Grundfesten niedergerissen. Das Equipment war im Feuer aufgegangen, und der Veranstalter hatte sich noch in derselben Nacht mit einem Derringer in den Kopf geschossen. Danach schrieb Sol Stark den Song bullitt in your head, und es hielt sich sechs Wochen auf Platz eins der US-Charts.
Aber nur ein halbes Jahr sp├Ąter war es vorbei. Alles war vorbei. In Birmingham schnitten sie Sol Stark den Kopf ab. Angeblich waren es betrunkene Frauen, einige Hundert, die die B├╝hne st├╝rmten und sich mit Cuttern und Taschenmessern ├╝ber den Mann hermachten.
Er soll bis zum Schluss gesungen haben. Auch als der Kopf schon vom Rumpf getrennt worden war.
Nat├╝rlich war das unm├Âglich, jedenfalls sagten das die ├ärzte.
Aber einige glaubten es.

Aus den Lautsprechern dr├Âhnte Judd Randalls Gitarrensolo zu thin┬┤ abou┬┤. Kikki sah die scharf geschnittene Gestalt hinter den Vorh├Ąngen verschwinden, um nur Augenblicke darauf auf einer Empore zu erscheinen, die sich in schwindelerregender H├Âhe ├╝ber der B├╝hne erhob. Sie sp├╝rte, wie sich ihr Magen verkrampfte, als der Kahlkopf unter ihr ihre Kniekehlen presste und den muskelbepackten Nacken in ihrem Schoss wand. Sie riss die H├Ąnde in die H├Âhe. Sie kreischte, als das Gitarrensolo endete und Dan Dan in der Mitte der B├╝hne auf das Schlagzeug einh├Ąmmerte, das sich um ihn herum wie ein Turm erhob. Dan Dan trug Ketten an H├Ąnden und F├╝ssen. Ein irres Bild. So als w├╝rde Dan Dan davonfliegen, wenn er k├Ânnte. Herman Wall stand links und spielte den Bass mit einer eisernen Spore. Er trug noch immer ein schwarzes Trauerband am Oberarm, obwohl die Sache mit Stark nun schon ├╝ber zehn Jahre zur├╝ck lag. Wenn er aufschaute, konnte man das Glitzern in seinen Augen noch auf hundert Meter sehen. Er hatte sich zwei silberne Tr├Ąnen in die Haut unter den Augen implantieren lassen. Bei Schwarzlicht schimmerten sie durch die Haut, als w├Ąren es Sterne.

Und dann der Kasten, dieses schwarze Ding, das ganz vorne am B├╝hnenrand stand, auf einem Klapptisch, irgendeinem wackligen Ding. Jedes mal wurde das Publikum auf einen Schlag still, wenn Judd Randall diesen Kasten auf die B├╝hne trug und ihn hochhielt, sekundenlang.
Da drin war Sol Starks Kopf, hie├č es. Der Dunkle, wie sie ihn nannten. Nur sein Kopf.
Und jedes Mal, wenn die Menge aus den Lautsprechern Sol Starks Stimme vernahm, wenn er sein thin┬┤ abou┬┤ in ihre Ohren br├╝llte, so als w├Ąre er noch lebendig, dann redeten sie sich ein, dass seine Stimme vom Band kam, dass es ein Fake war, dass es nicht wahr sein konnte.
Aber Kikki konnten sie nicht t├Ąuschen. Sie sp├╝rte es in ihrem Schoss, in ihren Schenkeln, die sie wie Fangeisen um den Nacken des Kahlkopfes geschlungen hatte. Sie wusste, dass der Geruch ihn wahnsinnig machte. Sie sp├╝rte, wie er sich wand, wie die Musik und die Hitze ihm zu Kopf stiegen.
Sie sah auf die B├╝hne und krallte sich in den schwitzenden Sch├Ądel.
Dieser Gesang kam nicht vom Band.
Jede Faser ihres K├Ârpers wollte es hinausschreien.

Es war der DunkleÔÇŽ





Vermerk:

Nachdem Orpheus seine Euridike nicht aus der Unterwelt befreien konnte, und sie dort zurueck liess, verfiel er in grosse Schwermut und verfasste die schoensten und traurigsten Liebeslieder der Antike. Es heisst, Maenner haetten ob der Schoenheit seines Gesangs ihre Frauen verlassen und sich dem Orpheus angeschlossen. Von den Frauen geliebt und gehasst, wurde Orpheus von einer wilde Horde, dem Rausch verfallener Frauen, den Maeanden, der Kopf abgeschnitten und auf seine Lyra(eine Gitarre aus dem Panzer einer Schildkroete) gebunden und in einen Fluss geworfen.
Der Kopf aber sang weiter von seiner Liebe zu Euridike, bis ihm Hermes(??) schliesslich zu schweigen gebot.
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

Version vom 06. 06. 2008 20:37
Version vom 07. 06. 2008 14:07
Version vom 11. 06. 2008 13:36

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Marcus Richter
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2003

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Ja, aber es ist nur als Einstieg gedacht. Schlie├člich muss Orpheus in die Unterwelt und Euridike retten - oder es zumindest versuchen. Trotzdem ist der Text einigerma├čen abgeschlossen, was mich freut.

F├╝r eine lange Version brauche ich nat├╝rlich Zeit. Eine Unterwelt muss hinein, ein d├╝steres Labyrith, in das ein durchgeknallter Bienenz├╝chter(oder etwas ├Ąhnliches - Bienen m├╝ssen auf jeden Fall hinein) ein junges M├Ądchen entf├╝hrt. Aber ich bin mir noch nicht sicher - rocken muss es auf jeden Fall!

Bis dahin muss dieser Text f├╝r sich stehen.

Und ich hoffe, das tut er.

Gr├╝sse, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Gr├╝nbein

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