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Leselupe.de > Erzählungen
Der Fluch - Eine Biographie von Jenseits der Straße - Forts. T1
Eingestellt am 19. 12. 2003 03:08


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karona
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Dec 2003

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1964, fast zum Abschluss der Schulzeit, nahm ich, als Mitglied einer offiziellen Kreisdelegation, dann noch am allerletzten Deutschlandtreffen in Berlin teil.
Sportlicherseits war ich in jenen Jahren bei den Kanuten aktiv und hatte im regionalen Bereich einige Erfolge in der Leichtathletik, insbesondere in den Laufwettbewerben zu verzeichnen, u.a. als Kreismeister im 3000 - m - Lauf.

Vor der Abschlussprüfung im Sport trainierte ich dann, auf dem Sportplatz der BSG Stahl Eisenhüttenstadt sehr intensiv, um meine Lauftechnik bei entsprechender Anleitung zu verbessern. Auf diesem Platz richteten die 10 Klassen der Stadt zum Ende des Schuljahres gemeinsam ihre Abschlussprüfung im Sport aus. An diesem Tag schaffte ich es trotz meiner nur 1,68 m Minimalkörpergröße tatsächlich, den schnellsten 1500 - m - Lauf, aller Prüflinge zu absol-vieren.

Wie ich Jahre später erfahren sollte, hatte ich sogar, mit zwei Schulfreunden zusammen im Luftgewehrschießen eine Punktzahl erreicht, die den DDR Rekord in unserer Altersklasse bedeutet hätte. Der Verantwortliche vergaß nur diesen fristgerecht zu beantragen. Weshalb ich das erzähle? Mir kommt es darauf an, darzustellen, dass mein Leben auch damals schon von Vielseitigkeit geprägt war. Den Nachweis, dass sich daran in den folgenden Jahrzehnten nichts sonderlich änderte, konnte und musste ich noch sehr oft erbringen.

Literarisch gesehen waren die Befreiungskriege gegen Napoleon und damit die Freischärler um Lützow, wie Geschichte überhaupt, für mich schon immer von großem Interesse. Damit natürlich auch die Symbole des Freiheitskampfes, die Schwarz - Rot - Goldenen Farben. Diese trugen die Mansfelder Knappen, als Kokarden an ihren Uniformen. Sie wurden damit bekanntlich die Geburtshelfer für die Farben der Deutschen Nationalflagge. In der Faszination für diese Männer war nachfolgendes Gedicht begründet.

Schwarz - Rot - Gold
Als Lützows verwegene Reiterscharen,
noch ohne Tyrannenoberhaupt waren.
Als Trommelwirbel und Husarengesang,
auf wilder Jagd in den Wäldern erklang,
da strömte zu ihnen das schwarze Volk,
die Mansfelder Knappen es waren.
Sie trugen in den Freiheitskampf,
die Schwarz- Rot - Goldenen Farben.

Wild kamen sie daher gesprengt,
den blitzenden Säbel in der Hand
und das Horrido als Schlachtruf erklang.
Sie ritten unter der deutschen Fahne,
die der Preußenkönig verbot,
sie sangen deutsche Freiheitslieder
und färbten verblutend die Erde rot.
Rot, dass dem morschen Adel grauste,
der zitternd und bebend zu Boden sank,
rot, dass der Freiheit Sturmwind brauste
und neue Saat im Blut erstand.

Doch verraten wurde das Volk vom Adel,
der wieder zu triumphieren begann.
Von neuem musste der Arme leiden,
die Zeit der Diktatur brach an.
Müde zogen die Knappen nach Hause,
gelichtet war ihre tapfere Schar
doch in ihren Herzen brannte ein Feuer
das niemals zu vertilgen war.
Verbittert legten sie ihre Fahne die
Schwarz - Rot - Goldene zur Ruh,
um von neuem mit ihr zu stürmen,
bricht das Morgenrot einst den Bann.

Heut trägt diese Fahne ein Emblem,
in stürmischen Jahren geboren.
Auf allen Meeren kann man sie sehn,
in Fabriken und auf den Türmen.
Stolz kündet sie von neuem Leben,
in blutiger Nacht erkoren.
Auf ihren Saum hat die Volksarmee,
für Deutschlands Einheit geschworen.

Die letzte Zeile, die Deutsche Einheit betreffend, ist in den ganzen Jahren tatsächlich nur einmal aufgefallen und zwar den Journalisten der Zeitung „Der Hochseefischer“ in Rostock. Selbst auf der Unterführerschule, der Bereit-schaftspolizei in Ligau, reagierte niemand, als ich das Gedicht im Original, auf einem Meeting vortrug.

Bisher sollten Außenstehende an meinen Schilderungen die Kindheit betreffend, nichts ungewöhnliches, von den nicht alltäglichen Begegnungen mal abgesehen, entdeckt haben. Das war von mir auch so beabsichtigt. Ich wollte bis hierher das Gefühl vermitteln, es mit einem ziemlich normalen Jugendlichen, mit seinen vielen Stärken und Schwächen, zu tun zu haben. Dass mein Denken und Handeln darüber hinaus von einer abweichenden Denkweise bestimmt und abhängig war, hatte ich eingangs bereits erwähnt.
Im Laufe der folgenden Jahre wurde mir dieses unerklärbare und drängende Gefühl jedoch immer schmerzhafter bewusst. Seit ungefähr dem fünften Lebensjahr hatte ich ja nun mal, ohne es interpretieren zu können, die unstillbare Sehnsucht, ein Mädchen zu sein. In der Pubertät, das heißt noch in der Schulzeit, steigerte sich dieses Verlangen ins Unermessliche und damit der Zwang es auszuleben.

So richtete ich mir zum Beispiel auf unserem Hausboden eine kleine Nische ein, in der ich mein Outfit des Öfteren, dabei immer von der Angst begleitet erwischt zu werden, mit Buntstiften veränderte. Jedoch erst, wenn ich mich auch noch umgezogen hatte, war ich glücklich und fühlte mich so richtig wohl in meinem Element. Eines muss ich jedoch hinzufügen, ich verstand nicht, was in und mit mir vorging. Nur mein Grübeln und das Inmichhineinhorchen brachte mich auch nicht weiter. Das wurde mir schon zu dieser Zeit schmerzhaft bewusst.

Seltener geschah es, dass ich, wenn bereits alles fest schlief, in Mutters Schuhen auf dem verhältnismäßig dunklen Innenring unserer Wohnstätte ein paar Runden drehte. Früh morgens hatte ich dann zumeist große Mühe, den roten Kopierstift von den Lippen zu entfernen. Eigenartigerweise hatte von meinen Exkursionen nie jemand etwas mitbekommen.

Darüber hinaus fuhr ich in dieser Zeit gerne zu meiner Großmutter, nach Frankfurt. Ich schlief dort immer in so einer Art Wohnküche, während sie ihr Bett im Wohnzimmer stehen hatte und dort ihren Schlaf der Gerechten schlief. Jedenfalls, kaum, dass sie sich zur Ruhe legte und sämtliche Lichter gelöscht waren, holte ich die zumeist unter dem Bett deponierte Bekleidung hervor, um dann meinen Sehnsüchten nachzugeben. Falls sie auch gerade noch frischen Wein aus ihren Ballons abgefüllt hatte, was meistens der Fall war, machte ich es mir so manches Mal richtig gemütlich. Das konnte natürlich nicht ewig unent-deckt bleiben. Vor allem auch weil ich aus ihrem Kleiderschrank immer mal Strümpfe klaute, die sie von ihren Westreisen mitgebracht hatte und die eigent-lich gar nicht für mich bestimmt waren. Irgendwie kam sie mit der Zeit, mit dem Ist- Bestand in ihrem Schrank, nicht mehr klar und ahnte schlimmes. Deshalb hatte ich eines Tages wirkliche Erklärungsnöte, zumal ich immer ihr Lieb-lingsenkel gewesen bin und das auch bleiben wollte. Ich hatte meine Oma nämlich sehr gerne.

Unsere Großmutter war einst, wie alte Fotografien offerierten, eine sehr schöne Frau und dazu eine wundervolle. Selbst im höheren Alter ließ sich das nicht nur erahnen. Mit meinem Problem kam sie nach meiner Enttarnung zwar überhaupt nicht zurecht, aber das sollte unser Verhältnis zu meinem Glück nicht allzu lange trüben.
Zu unserem Chef hatte sie seit jeher ein eigenartig gespanntes, man kann fast sagen skurriles Verhältnis, vor allem in den früheren Jahren. Sie schimpfte ihn ständig einen Kommunisten und wetterte auf die Russen, während er sich aufregte, weil sie nur den Feindsender „Rias“ hörte.
Oma sollte trotz allem später die Einzige sein, von der ich auf See regelmäßig Post bekam. Zudem stand sie jedes Mal mit einer riesigen Tüte getrockneter Äpfel auf dem Bahnhof, wenn ich mit Kurs Rostock auf diesem einfuhr. Nachhaltig ist mir auch in Erinnerung geblieben wie sie mit mir, ich war bereits im ersten Lehrjahr, losging, um mich vollständig neu einzukleiden. Von meinen Eltern konnte ich in dieser Hinsicht, aufgrund der Anzahl der Geschwister, nicht allzu viel erwarten. Deshalb war ich sehr glücklich, dass ich von meiner Bekleidung die nicht nur recht abgetragen erschien, sondern auch war, an-schließend einiges in den Müll entsorgen konnte. Um den Ist- Zustand zu untermauern: ein Mitlehrling borgte mir zuvor regelmäßig seine Cord- Schlaghose, damit ich nicht gar zu sehr in meiner eigenen Gala auffiel.

Das Paradoxe an meiner Situation und eigentlich im Widerspruch zum bisher geschilderten stehend, möchte ich nun, bevor ich in Rostock eintreffe, an einem Beispiel belegen.

Im Juli 1965 unternahmen zwei der drei 10. Klassen unserer Polytechnischen Oberschule eine Abschlussfahrt nach Karpacz, ins Riesengebirge. Es waren wunderschöne Tage die wir dort, unter anderem mit einem Besuch auf der Schneekoppe verbunden, verleben durften. Für ein echtes Highlight sollte ich jedoch sorgen. So lernte ich gleich am ersten Tag die wunderschöne Polin Ludmila kennen. Wir waren etwa gleichaltrig und verstanden uns auf Anhieb bestens. Sie war für mich mit ihrem hübschen, von langen schwarzen Haaren umrahmten Gesicht, in dieser kurzen Zeit das schönste Mädchen der Welt. Da ihren Eltern das Hotel gehörte und sie gerade Ferien hatte, konnten wir dann praktisch die ganze Woche zusammen verbringen. Es sollte für uns zwar nur eine kurze, aber dafür heftige Episode sein, in der wir förmlich zu explodieren schienen. Der Tag des Abschieds war für uns, wie nachvollziehbar sein sollte, ein sehr schmerzhafter, vor allem, weil sie gerne mit nach Deutschland gekommen wäre. Wir wussten allerdings beide, dass dieser Wunsch ein unerfüllbarer Traum bleiben musste.

Selbst unser noch recht junger Klassenlehrer konnte sich im Nachhinein eines wohlwollenden Kommentars nicht enthalten, wobei in seiner Stimme sogar so etwas wie Neid mitklang. Die junge Pädagogikstudentin war ohne
Übertreibung sogar so hübsch anzusehen, dass mir in Rostock doch tatsächlich ihr Foto aus dem Spind gestohlen wurde. Ich habe besagtes Ereignis mit angeführt, um damit meine innere Zerrissenheit, die nicht in Worte zu fassen ist, zumindest etwas zu belegen.

In der ersten Zeit meiner Lehre muss ich wohl noch vollkommen unter diesen, für mich unvergesslichen Eindrücken, gestanden haben, denn eines Tages setzte ich mich hin und brauchte ein im Kopf schon völlig fertiges kleines Gedicht, nur noch niederzuschreiben.

Mädel mit rehbraunen Augen
und dunkel wallendem Haar,
Du hast mir schon damals gefallen,
als ich noch ein Schüler war.
Innig lernte ich lieben,
Küsse kenn ich nur von Dir,
Mädel wo bist Du geblieben,
wartend vereinsam ich hier.
Immer in einsamen Nächten,
hab ich dein Antlitz vor mir.
Ständig muss ich an Dich denken,
träumen ich wäre bei Dir.

Dieser Zusammenhang ist mir allerdings erst jetzt, nach 38 Jahren, da ich meine Erinnerungen zu Papier bringe, bewusst geworden. Sachen gibt’s.


Lehrzeit beim DFK - Rostock

1965 mit Beginn der Lehrzeit, war meine Problematik, die ich ja selber als solche ansah und die trotz Ludmila weiterhin Bestand hatte, erst einmal weitestgehend verdrängt. Vor allem war der Druck dem ich mich ständig ausgesetzt fühlte, zumindest für die nächste Zeit, einigermaßen entschärft. Das schlimmste an meiner Situation war aber nach wie vor, dass ich genauso wenig wie Außenstehende wusste, wie mir geschah.

Ich begann, wie bereits angekündigt, meine Lehre beim Deutschen Fischkombinat in Rostock. Eigentlich wäre ich ja gerne zur Handelsflotte gegangen. Da ich aber selber davon überzeugt war, dass meine Zeugnisse dafür nicht ausrei-chen werden, bewarb ich mich erst gar nicht bei der Seereederei. Auf den Drang in die Ferne wollte ich jedoch nicht vollends verzichten.

Ein Traum wäre für mich ebenfalls in Erfüllung gegangen, wenn ich als Naturforscher den Amazonas hätte erkunden können. Geweckt wurde dieses Begehren durch die vielen Abenteuerromane, die ich während meiner Schulzeit, regelrecht in mich reingefressen hatte und das manchmal bis ins Morgengrauen hinein. Licht unter der Bettdecke spendete mir, bei diesen Lesenächten, eine Taschenlampe. Der Titel eines Buches, das ich bis heute nicht vergessen habe, nannte sich „Das illegale Gebietskomitee arbeitet“. Darin wurde auf ca. 900 Seiten über den Partisanenkampf im 2. Weltkrieg berichtet. Ich glaube, ich war damals 10 Jahre alt, denn ich las es noch während unserer Frankfurter Zeit.

Dass ich auf Grund der politischen Verhältnisse unerfüllbaren Träumen nachhing, war mir dabei selber klar. Ich ging dann den Weg vieler, die bei der Deutschen Seereederei Rostock chancenlos gewesen wären und bewarb mich beim Fischkombinat Rostock. Da in meinem Fall positiv beschieden wurde ergab es sich, dass für mich im September 1965 in Rostock eine zweijährige Lehrzeit begann.

Gleich zu Anfang wurde ich von der Schulleitung als Aktivleiter für die Hälfte unserer Klasse berufen. Das geschah in der Annahme, dass ich auf Grund meiner schulischen Beurteilung, im sozialistischen Sinne, Vorbild sein würde. Zu dieser Wertschätzung passte allerdings nicht, dass ich gleich in den ersten Tagen unserer Ausbildungszeit einen kleinen Aufstand probte. Ich wollte nämlich nicht einsehen, dass man mich zu einer Zwangsmitgliedschaft beim FDGB (Freier deutscher Gewerkschaftsbund) verpflichten konnte ohne je eine Chance gehabt zu haben, mir über den Sinn dessen Gedanken machen zu können. Mitglied der Gewerkschaft wurde ich zwar kurze Zeit später sowieso, aber vom Aktivleiterposten hatte man mich zuvor noch sicherheitshalber, wegen Unbere-chenbarkeit, entbunden. So war das eben, wenn man in Fragen Vorbildfunktion eine eigene Meinung vertrat.

Das erste Lehrjahr bestimmten vorwiegend die theoretischen Fächer Nautik, Fischereifachkunde, Seefahrtkunde und in der Praxis vor allem der Netzboden. Dort war Knotenkunde genauso angesagt wie das Spleißen und vor allem das Erlernen der Stricktechnik, die bei der manuellen Herstellung von Netzteilen und bei Netzreparaturen gefragt war.

Die Freizeit verbrachten die meisten Hochseefischerlehrlinge, wenn nicht gerade eine Heimreise angesagt war auf ihren Stuben beim Skatspielen oder ähnli-chen abstumpfenden Beschäftigungen. Das war ja nun überhaupt nicht mein Ding. Demzufolge zog ich an den Wochenenden meist allein los, um die Rostocker Jugendclubs im Sturm zu erobern oder andere Veranstaltungen in der Stadt zu besuchen. Wie ich dabei mit den 37,- DDR Mark Lehrlingsendgelt ausgekommen bin, weiß ich heute allerdings nicht mehr. Meine Eltern konnten mir keine Unterstützung gewähren, da wir inzwischen die Stückzahl von 8 Geschwistern erreicht hatten. Wobei mein letztgeborener Bruder erst während meiner Lehrzeit das Licht der Welt erblickte. Ich konnte es damals einfach nicht fassen, als ich auf einmal liebe Grüße von H. erhielt. Noch weniger, als ich dann bei einer Heimfahrt feststellen musste, dass sich mein Verdacht bestätigt hatte.

Die DDR vertrat zu dieser Zeit eine recht offene kulturpolitische Linie, zumindest im Verhältnis zu den vergangenen Jahren, seit Gründung der DDR. Davon sprach nicht nur das Interieur des schönsten Rostocker Jugendclubs am Kapuzenhof, der u.a. mit einer modernen Lichtorgelanlage ausgestattet war. Auch musikalisch gesehen ging die Post ab. An die Auflagen hielt sich dort kaum jemand und so waren es überwiegend westliche Gruppen, wie die Beatles oder die Rolling Stones, die den Hauptanteil der Interpreten und Musikgruppen stellten. FDJ - Lieder wurden dort meines Wissens nie gesungen.

Die Abendstunden nutzte ich oft um ein wenig zu schreiben. Der Krieg in Vietnam hatte damals in seinen brutalsten Ausmaßen gerade seinen Höhepunkt erreicht. Das war für mich Anlass, wieder einmal mit der entsprechenden Wut im Bauch, ein Gedicht zu verfassen.


Vietnam
Taufrisch funkelt das Feld in der Sonne,
jubilierende Lerchen in der Luft,
am nahen Wiesenrain ein Fuchs,
der Morgen tagt.
-Weidengewisper,
im weißen Ufersand,
das erste Spiel fröhlicher Kinder

Weit weg in einem anderen Land,
zerstören zu gleicher Zeit,
amerikanische Bomber,
Schulen erbaut von friedlicher Hand.
Städte werden verwüstet,
Blutdunst und Aasgeruch vervollkommnen das Bild.
Weinend gehen Mütter durch die Straßen.
Sie suchen ihr Kind und wissen nicht ob es lebt.

Doch ein Volk kämpft um seine Freiheit,
eine Welt übt Solidarität,
denn sie weiß, wenn sie heut nicht zusammengeht,
eines Tages der Erdball nicht mehr besteht.

Das erste Lehrjahr war für mich ein sehr ereignisreiches. Jedoch nicht nur, weil inzwischen ein weiterer Kosmonaut, nämlich Leonow, die Chance wahrgenommen hatte mir die Hand zu reichen. Das geschah anlässlich seines Besuches in Rostock, vom Straßenrand her. Hier sollte trotz allem nicht der Eindruck entstehen, dass ich nichts anderes im Sinn hatte, als auf der Jagd nach dem Händereichen, von Prominenten zu sein. Das hatte sich jeweils aus der Situation heraus so ergeben.

Meine Gedichte waren übrigens inzwischen fast alle in der Hochseefischerzeitung veröffentlicht worden. Das Gedicht Schwarz - Rot - Gold fand sogar anlässlich des Republikgeburtstages zusammen mit dem Foto eines Verarbei-tungsschiffes für die letzte Seite Verwendung, allerdings mit einer kleinen Veränderung. Die Zeile von der deutschen Einheit hatten die Redakteure umgeschrieben. Ich weiß aber nicht mehr wie sondern nur, dass und dass ich mich aufgeregt hatte, weil darüber vorher kein Wort verloren wurde.

Mit diesem Gedicht belegte ich bei einem betriebsinternen Literaturwettbewerb den zweiten Platz. Es war ein bis dahin beispielloser Vorgang, dass ein Lehrling zu einer Siegerehrung eingeladen werden musste. Bei nämlicher befand ich mich dann auch im Kreise einiger in Ehren ergrauter Kapitäne und anderer Funktionsträger, deren fassungslosen Blicken ich mich fortwährend ausgesetzt sah. Die 75,- Mark, die ich als Preis erhielt, waren für mich, wie sollte es anders sein, ein wahrer Segen.

Noch im Herbst übernahm ich auf dem Pionierschiff „Vorwärts“, dem ersten Frachtschiff der DDR- Handelsflotte, den unbezahlten Freizeitjob eines Ar-beitsgemeinschaftsleiters. Dabei machte es mir großen Spaß, den 10 bis 12 jährigen Seemannsknoten oder andere seefahrttechnische Kenntnisse zu vermitteln, die ich gerade selbst erst erlernt hatte.

Ein echtes Highlight war dann für alle beteiligten Kinder und für mich ein Kuttertörn Warnow aufwärts. Es ging zu einem Freizeitstützpunkt des Fischkombinates Rostock. Ich staune noch heute darüber, dass mir die Eltern ihren Nachwuchs, Jungen und Mädchen, für diesen Törn anvertrauten. Immerhin war ich für die Betreuung der 12 Kinder allein verantwortlich, zumal es eine Aktion dieser Art zuvor noch nie gegeben hatte.

Wir starteten bei schönstem Wetter mit 2 K 6, das heißt mit kombinierten Ruder- und Segelkuttern, mit jeweils 6 Ruderplätzen. Die Begeisterung der Kinder kannte natürlich keine Grenzen.

Am späten Nachmittag am Ziel angekommen bauten wir als erstes unsere Zelte auf und entfachten danach ein Feuer. Ein Teil unserer Vorräte wurde in einen gusseisernen Kessel verbracht und sollte darin eigentlich in eine wohlschmeckende Mahlzeit verwandelt werden. Als die Soße von mir mit zwölf Eiern angereichert in eine feste Masse degenerierte, tat das dem Spaß keinen Abbruch. Immerhin hatten wir ja genug zum Grillen mitbekommen. Eine schnitt-fähige Soße, die sich sogar als Fleischbeilage eignete und bis auf ein paar Reste am Kesselgrund so gut wie vertilgt wurde, sollte ich allerdings nie wieder im Leben zubereiten.

Die Stunden, die wir hier an der Warnow verbrachten, waren für die Kinder, aber auch für mich, ein tolles Erlebnis. Wir bedauerten nur, dass die Zeit so schnell vergangen war. Pünktlich wie vereinbart, legten wir dann am Sonn-tagabend wieder bei der „Vorwärts“ an. Dieses historische Schiff wurde dann ja bedauerlicher Weise, wie so vieles an Erhaltenswertem, in den Zeiten der Wie-dervereinigungseuphorie, verschrottet.
Übrigens, die Disziplin der Kinder die dabei waren ist für mich, auch aus heutiger Sicht, noch immer sehr beeindruckend.

Irgendwann geht ja alles einmal zu Ende und so auch das erste Lehrjahr. In dieser Zeit mussten wir, wie alle Lehrlinge davor, den Gang zur Musterung antreten. Einige von uns, darunter auch meine Wenigkeit, hatten sich in ihrer Unbedarftheit breit schlagen und gleich zu vier Jahren Volksmarine überreden lassen. Das sollte für mich später noch sehr unangenehme Folgen haben. Zu dieser Zeit legten wir dann auch unsere schmucke Marineuniform, die sich nur durch den fehlenden Knoten an der Kieler Bluse von der Uniform der Volksmarine unterschied, das letzte Mal an. Hochseefischer im zweiten Lehrjahr trugen nämlich jene Uniformen nicht mehr.


Mein Lehrlingstrawler Typ III – ROS 225 Cottbus

Die Zuteilung auf die einzelnen Fischereifahrzeuge erfuhren wir Anfang Juni 1966. Zusammen mit drei weiteren Matrosenlehrlingen wurde ich dem Seitentrawler ROS 225 „Cottbus“ zugeteilt. Das war der letzte für die Rostocker Fischerei, auf DDR - Werften gebaute Seitentrawler.

In Bremen liegt ROS 223 „Gera“, ein Trawler dieses Typs, der gerade noch vor der Verschrottung gerettet werden konnte, als Museumsschiff vor Anker. Er kündet nunmehr als einstiges Überbleibsel von der Geschichte der ehemals großen DDR- Fischereiflotte, des Fischkombinates Rostock. An dieser Stelle möchte ich mich bei den Bremer Enthusiasten, die sich für den Erhalt dieses Trawlers einsetzten, bedanken. Falls sie es denn je lesen sollten.

Die „Cottbus“ lag, als wir anmusterten, noch zur Generalüberholung in der Rostocker Neptunwerft. Eines Tages wurden wir Vier vom Käpt’n gefragt wer denn von uns Lust hätte, bei der anstehenden Probefahrt, als Kochsmaat anzuheuern. Ich gehörte schließlich zu den zwei Auserwählten und konnte, genau wie mein Kumpel, das Auslaufen kaum erwarten.

Eines späten Nachmittags ging es dann, mit unserem völlig leeren Schiff, für vier Tage von der Ostsee aus bis ins Kattegatt. Es war für uns Neulinge schon ein sehr beeindruckendes Erlebnis, Warnemünde und dann allmählich den Leuchtturm der Hafenmole, bei herrlichem Sonnenuntergang, in der Ferne entschwinden zu sehen.

Im frühen Morgengrauen wurden wir allerdings unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ein Sturm, der inzwischen aufgezogen war und in Spitzen Windstärke 12 erreichte, lehrte uns Landratten erstmals das Fürchten. Das leere Schiff und die kurzen Ostseewellen waren nämlich eine unheilige Allianz, mit der wir gar nicht zurechtkamen. Die Besatzung amüsierte sich zudem köstlich darüber, wie wir beide abwechselnd, ganz grün im Gesicht, an der Reling standen und Neptun fütterten, oder versuchten den Sinn unseres Hierseins, das Kartoffelschälen, zu realisieren. Irgendwann war es dem Koch dann doch zuviel und er schickte uns beide nach oben. Die Kartoffeln schälte er mit finsterster Miene alleine weiter.

Nach dieser Bewährungsprobe der ersten Reise gingen wir davon aus die Seekrankheit bereits überwunden zu haben, währenddessen den anderen Jungmatrosen diese Erfahrung noch bevorstand. Unsere Vermutungen und Hoffnungen sollten sich alsbald bestätigen. Als wir wenige Tage später in Richtung Grönland, zu den Fangplätzen ausliefen und der Nordatlantik uns mit einem Sturmtief empfing, hatte ich im Gegensatz zu unseren „Neulingen“ keine Probleme mehr.

Unser Job bestand bei der Ausreise vorwiegend darin die Ruderwache zu übernehmen und den Trawler auf Kurs zu halten, was uns nach nur wenigen Tagen auch recht gut gelang. Tag und Nacht im vier Stunden Törn auf der Brücke zu stehen war jedoch auch erst gewöhnungsbedürftig. Ab jetzt hieß es für uns jedenfalls, über 70 Tage lang, auf engstem Raum, auf See zu verbringen.

Die Kajüte teilte ich mit Gustav einem Seemann, bei dem das Gefühl aufkam, dass er in höherem Auftrag handelte und bestrebt war, den Alkohol bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu vernichten. Dieser Gustav hatte mich ein-mal, als wir noch in der Werft lagen, zu einer Sauftour mitgenommen. Dabei gab es im Ratskeller von Rostock neben reichlichem Alkohol und den Querbeet, eine deftige Käseplatte. Ich weiß nur noch, dass ich seitdem über viele Jahre hinweg Käse in Verbindung mit Alkohol meiden musste.

Gustav war aber ein feiner Kerl. Er hatte für mich, was auch immer anlag, stets ein offenes Ohr. Was mich allerdings abstieß war seine Rotznase, die, wenn er besoffen war, standardgemäß lief. Als ich Gustav Jahre später durch einen Zufall in Potsdam wieder treffen sollte konnte ich es nicht fassen. Inzwischen war er nach erfolgreichem Pädagogikstudium Lehrer geworden. Auch sonst hinterließ er in seinem feinen Zwirn bei mir einen sehr seriösen Eindruck. Der deckte sich nun gar nicht mit meinen auf See gemachten, einjährigen Erfahrungen.

Aber nun zu den anderen Mannschaftsmitgliedern. Die dachten wohl ähnlich wie mein Gustav, denn auf Aus- oder Heimreisen, letzteren falls noch vorrätig, gaben sie sich dem Alkoholgenuss in aller Ausgiebigkeit hin.

Vor allem Matrose Flöte war bei entsprechendem Pegelstand, öfters Zielpunkt ausgefallener Scherze, seiner Mannschaftskameraden. Eines Abends zum Beispiel, Flöte hatte seinen Geist längst aufgegeben, zogen sie ihm die Hosen runter, um an seinem Gehmächte ein großes, mit einer Kette versehenes, Vorhängeschloss zu befestigen. Die Kette wurde dann am Bettpfosten festgemacht. Kamerad Flöte wurde allerdings nicht einmal durch das Gegröle seiner Gefähr-ten wach. Erst am nächsten Morgen, als er allmählich zu sich kam, bemerkte er etwas von der zusätzlichen Vorrichtung in seinem Genitalbereich und fing fürchterlich an zu fluchen.

Solche kleinen Einlagen leisteten sich die Männer jedoch nur auf Dampftörns oder wenn die Fischerei wegen schlechten Wetters ein paar Tage nicht möglich war. Ansonsten arbeiteten sie, wie man im Volksmund sagt, wie die Tiere und kannten keine festen Arbeitszeiten.

Die richtigen Namen der Besatzungsmitglieder sollten sich mir nur in Ausnahmefällen einprägen, denn so gut wie alle sprachen sich nur mit ihrem Spitznamen an. Da gab es den Bestmann Katja, den Netzmacher Stiefel, die Decksleute Ponko, Flöte, Millifotz u.s.w. Mich riefen sie recht bald Paddelfuß. Wohl deshalb weil ich aus ihrer Sicht immer etwas auffällig durch die Fischberge an Deck paddelte. Daraus wurde der Spitzname Baddel mit B, so sprach sich’s wohl besser aus.

Menschen dieses Schlages von Sturm, Eis und bis an die Leistungsgrenze gehender Arbeit geprägt, lernt man das kann ich aus innigster Überzeugung sagen, so nur bei der Hochseefischerei kennen.

Zwei Seitentrawler der Flotte, dazu gehörte die „Cottbus“, hatten den 16 zu 8 Stundentörn noch nicht abgeschafft. Das hieß während der Fischerei erst nach 16 Arbeitsstunden müde und ausgelaugt in die Koje fallen zu dürfen.
In den 16 Stunden wurden Schleppnetze ausgefahren oder eingeholt und der Fisch für die Übergabe vorbereitet. Meist standen wir jedoch während der Schleppzeit an Deck, um den vorhergehenden Fang zu schlachten oder besser zu „Lebern“. Diese Kabeljauleber wurde an Bord zu Lebertran verkocht. Für die Stammbesatzung war das ein lukratives Nebeneinkommen. Zusätzlich wurde der oft reichliche Beifang zu Fischmehl verarbeitet.

Die „Cottbus“ war jedenfalls zu damaliger Zeit eines jener Fischereifahrzeuge auf denen das meiste Geld verdient wurde. Erst bei Temperaturen ab ca. minus 15 Grad wurde auf das Schlachten verzichtet. Bei allen Temperaturen die darüber lagen, standen wir mit nassen Stoffhandschuhen bis zur Erschöpfung an Deck, um den Kabeljau aufzuschlitzen und die Leber zu entnehmen. Manches mal war der Fisch am Kopf so groß, dass er kaum festgehalten werden konnte. Aber wehe die Matrosen hatten das Gefühl, dass wir nicht schnell genug waren. Da konnte es schon mal passieren, dass ein glitschiger Fisch auf einmal flugfähig wurde. Es geschah zudem recht häufig, dass noch zusätzlich, beschädigte Netze geflickt oder bei Totalverlust ein neues Netzgeschirr angeschlagen werden musste. Falls die Frage auftauchen sollte, der ausgeschlachtete Kabeljau wurde natürlich ebenfalls an die Fang- und Verarbeitungsschiffe zur Weiterverarbeitung übergeben.

Dass dieser Job zu keiner Zeit ungefährlich für Leib und Leben war, sollte folgende Episode belegen. Es hieß wieder einmal Übernahme von leeren Sterten von einem Fang- und Verarbeitungsschiff. An diesen großen Netzen waren, um sie an der Wasseroberfläche zu halten, große schwere Eisenfässer angeschlagen. Nachdem das Netzwerk bereits an Deck lag, wurden die Eisenfässer wie üblich auf das Schutzdach gehievt, um sie dort bis zur nächsten Übergabe zu lagern. Wir standen zu zweit auf dem Dach, um die Fässer in Empfang zu nehmen, als der Trawler in der hohen Dünung, mehr als erwartet überholte. Das geschah in dem Moment als das „Leggo“ (lass fallen) des Netzmachers ertönte. Ich werde nie erfahren was mich veranlasste instinktiv einen Schritt zur Seite zu treten. Jedenfalls schlugen die schweren Eisenfässer aus bestimmt vier Metern Höhe dort auf wo ich auf total vereister Fläche, noch zehntel Sekunden vorher, gestanden hatte. Allen Männern an Bord steckte der Schreck jedenfalls noch Minuten später in den Knochen.

Die längste Zeit die ich bei klirrender Kälte mit an Deck stand, waren durchgehende 36 Stunden, nur durch einige Minuten Aufwärmpause unterbrochen. In dieser kurzen Zeit wurde dann schnell ein Pflaumenmusbrot vertilgt und etwas Kaffe hinuntergestürzt. Ich glaube die genannten Beispiele sollten ausreichender Beleg dafür sein, dass wir Jungfacharbeiter die Arbeit an Deck in ihrer extremsten Härte und Gefährlichkeit live kennen gelernt haben.

Die Besatzung honorierte unseren Einsatz allerdings nach jeder Reise indem sie eine Mütze herumgehen ließ, die an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, immer reichlich gefüllt war. Dadurch bedingt, hatten wir zu unserer kargen Lehrlingsrente immerhin ein gutes Zubrot. Das hieß real, dass wir mit ca. 1000,- DDR Mark unsere Heimreise in beheimatete Gefilde antreten konnten. Das verdiente zu DDR Zeiten kaum ein Facharbeiter im 4- Schichtbetrieb.

Wir erlebten jedoch nicht nur diese unsäglichen, für „Landratten“ unvorstellbaren Arbeitsbedingungen. Vor allem die Natur mit ihrem einmaligen Flair sollte immer wieder für wunderschöne und unvergessliche Augenblicke sorgen. Bis heute sind jene Stunden für mich in steter Erinnerung geblieben in denen ich morgens als Rudergänger auf der Brücke stand, oder noch besser als Ausguck Steuerbords saß und den Sonnenaufgang inmitten von Eisfeldern erleben durfte. Diese Eisfelder erstreckten sich meist soweit das Auge reichte über den Horizont hinaus.

Unvergesslich sind ebenfalls jene Momente, in denen sich die Sonne in unbeschreiblich fluoreszierendem Licht langsam hinter gewaltigen Eisbergmassiven hervorschob. Die dabei entstehende Farbenpracht ist geradezu faszinierend und gleichsam atemberaubend. Wer diese Kraft der Farben einmal live erleben möchte, muss sich schon in die nördlichen Breiten begeben, denn in den europäischen Industriegebieten ist jene Farbenintensität wegen der Luft-verschmutzung undenkbar. Von bleibender Erinnerung sind für mich darüber hinaus die Polarlichter, die sich oft des Nachts über die unermesslichen Weiten des Firmaments ergossen. Dazu gehören aber auch jene Tage an denen die Sonne zu mitternächtlicher Stunde nicht unterging und wir bei hellem Tageslicht unsere Arbeit an Deck verrichten konnten.

Besonders genossen habe ich die seltenen Stunden an denen keine Arbeit anlag und mich die unendlichen Weiten des Atlantik zum Träumen animierten. Aber ebenso jene Momente an denen ich in der Ferne die riesigen Leiber unseres Wegs kreuzender Wale ausmachen konnte, die für mich ganz allein mit ihren Spritzfontänen ihren Gruß aus den Tiefen und Weiten des geheimnisvollen Ozeans entboten. Das Leben auf See war eben mehr als das tägliche Schuften an Deck. Zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehörte das Lesen, das Präparieren von Seesternen und Seehasen und wenn die Zeit es einmal zuließ der Plausch mit meinen Lehrlingskameraden.

Das eben genannte sind wesentliche Gründe weshalb ich, trotz der vielen Jahre die inzwischen ins Land gegangen sind, in mir immer noch diese unerklärliche Sehnsucht nach der Ferne verspüre.

Den ersten Landgang überhaupt sollten wir Matrosenlehrlinge auf Grönland erleben. Es war im August und sommerlich warm, als wir eine amerikanische Tankstation anliefen. Für die Mannschaft ergab sich dabei die seltene Gelegenheit, sich auf der Insel ein paar Stunden lang die Beine zu vertreten. Der ein oder andere ließ es sich hier nicht nehmen, für sein Fotoalbum ein paar Aufnahmen zu machen. Das einzig bemerkenswerte in dieser Einöde waren jedoch die sich auf felsigen Untergrund bis ins unendliche erstreckenden Moosgeflechte und die vielen roten Beeren daran. Weit und breit gab es nämlich keine Siedlung zu erspähen und die einzigen Menschen denen wir begegneten, gehörten zum amerikanischen Stationspersonal. Ansonsten kann ich wenigstens sagen schon einmal auf dieser großen Insel gewesen zu sein

Es gab auf den Fangplätzen leider auch sehr bittere Stunden. Weihnachten 1966 zum Beispiel geriet ein englischer Hecktrawler, den ich einen Tag vorher noch wegen seines modernen Designs bewundert hatte, in Brand. Dieser Tag wurde, da auch einige Männer in ihren Kojen verbrannten, für die Seeleute aller Nationen ein Tag der Trauer. Es ist besonders auf See ein eigenartig, ergreifen-des Gefühl, wenn Menschen, denen man Stunden vorher noch zugewinkt hatte, urplötzlich nicht mehr unter den Lebenden weilten.

Ein besonderes Erlebnis wurde für uns, wir fischten nunmehr vor Labrador, das Einlaufen in den Hafen von Sankt Johns, Kanada. Dort mussten wir wieder einmal Treibstoff fassen. Auf den Landgang, den wir dort bekamen, freuten wir uns riesig. Ich glaube unsere Aufregung, erstmals amerikanisches Festland be treten zu dürfen, ist für jeden nachvollziehbar. Das geschah 1967 auf unserer vorletzten Lehrlingsreise.

Mich beeindruckten damals insbesondere die Menschen, denen wir in der kleinen Stadt, auf jener kanadischen Halbinsel begegneten. Der krasse Gegensatz von Einwohnern mit offensichtlich indianischem Einschlag, zu jenen mit europäisch herbem, der ihre englische Herkunft nicht verleugnen ließ, faszinierte mich damals ganz besonders, das weiß ich noch wie heute.

In Kanada bestaunten wir sogar die ersten Farbfernseher unseres Lebens, die uns zu bestätigen schienen, aus einer anderen Welt gekommen zu sein. Es war für uns Ostdeutsche sowieso beeindruckend, die Vielfalt der Angebote in den Kaufhäusern live erleben zu dürfen. Ein Handicap gab es allerdings. Da wir keinerlei Landeswährung besaßen blieb nur übrig, uns an den Schaufenstern im wahrsten Sinne des Wortes, die Nasen platt zu drücken.

Einen Augenblick lang spielte ich sogar mit dem Gedanken nicht mehr an Bord zurückzukehren. Vielleicht hielten mich die Horrorgeschichten von gescheiterten Flüchtlingen, die sich in den Wäldern Kanadas als Holzfäller verdingen mussten, davon ab.Ich weiß es nicht mehr. Heute sehe ich das allerdings als gezielte Propaganda der DDR Staatsdoktrin an. Übrigens spielte die offizielle DDR Politik zumindest auf den Trawlern fast überhaupt keine Rolle. Es ging einzig und allein darum, „Kohle“ zu machen und davon so viel wie möglich.

Die vorletzte Reise sollte nun in den nächsten Tagen, zumindest aus meiner Sicht, zu einem Horrortrip werden.
Ohne einen für mich erkennbaren Grund fingen die Besatzungsmitglieder, nach dem Wiedererreichen des Fangplatzes, plötzlich an, Möwen mit Fischleber anzufüttern. Wenn sich der „Dumme August“, so hieß diese Möwenart im Volksmund, in seiner Fressgier auf die Leber stürzte, schlugen die Männer mit langen Bootshaken erbarmungslos auf die Tiere ein. Hunderte von ihnen stürz-ten zu Tode getroffen oder verletzt, auf die Wasserfläche auf. Es war für mich äußerst schmerzhaft und schockierend, wie diese urplötzlich entartete Meute jeden Treffer mit wüstem Gebrüll und Begeisterungsstürmen begleitete. Dar-über hinaus fand ich es schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie sich die eigenen Artgenossen auf die Verletzten stürzten und diese regelrecht zerfleischt wurden.

Mir war bei diesen Szenarien sprichwörtlich zum „Kotzen“ zu Mute. Vor Wut regelrecht schäumend sprach ich daraufhin meine Mitlehrlinge an, ob sie sich das länger mit anschauen wollten. Entsetzt waren sie ja allesamt, aber zu feige dazu, mit mir gemeinsam beim Kapitän zu protestieren. Auch Gustav, einer von den wenigen Decksleuten die sich dieser Horrorszenarien enthielten, traute es sich nicht, sich einzumischen. Ich wusste natürlich ebenfalls, dass das Kapitänsrecht in jeder Beziehung Gültigkeit hatte und er wie üblich in der See-fahrt, über uneingeschränkte Machtbefugnisse verfügte.
Nach vier Tagen hielt ich es jedenfalls nicht länger aus. Obwohl mir in der Magengegend recht flau war und das Herz bis zum Halse schlug konnte und wollte ich nicht länger schweigen.

Als ich dem Kapitän gegenüber schließlich meine Empörung zum Ausdruck brachte, sprach blanke Wut in seinen Augen. Was ich mich einzumischen hätte, war noch die banalste seiner Reaktionen. Ich wusste, dass er sich, wenn er auf der Brücke anwesend war, ebenfalls köstlich an den Massakern an den unschuldigen Tieren ergötzt hatte. Wahrscheinlich ließ er letztendlich aus Angst davor, dass ich nach dem Einlaufen reden werde, das Szenario verbieten.

Auf der Brücke war danach, wenn ich Ruderwache hatte und er im Dienst war, eisiges Schweigen angesagt. Da unser von der Körpergröße her eher kleine Käptn aber schon immer ein großer Schweiger gewesen ist, brauchte er sich nicht groß umzustellen. Nur, jetzt „polkte“ er noch intensiver an seinem hinteren Halsbereich und die Beule, die dadurch entstand, war wohl nach dieser Reise noch um ein wesentliches größer als sonst üblich.

An Deck erlebte ich für den Rest der Reise ein regelrechtes Spießrutenlaufen. Vor Tagen noch als bester Lehrling auf dieser Fangreise gelobt, konnte ich jetzt machen was ich wollte, nichts war mehr richtig.

Das setzte sich auf unserer letzten Fahrt auf der Cottbus so fort. Nachdem offensichtlich wurde, dass ich wegen der Vorfälle nirgends vorstellig geworden bin und auch sonst nichts an die „große Glocke“ gebracht hatte, ließen sie re-gelrecht die Sau raus. Meine Mitlehrlinge bedauerten mich zwar auf diesem letzten Törn, aber, „Siehst du, das haben wir dir gleich gesagt“ oder ähnliches bekam ich des Öfteren zu hören.

Für mich war es jedenfalls auch deshalb ein guter Tag, als wir wieder an Land, unsere Facharbeiterzeugnisse entgegen nehmen konnten. Wenige Tage später schon erfuhren wir, auf welchen Schiffen wir als Jungmatrosen anheuern sollten.

Der Vorfall mit den Möwenmassakern war natürlich, so hoffe ich es zumindest, ein einmaliger Vorgang in der Fischereiflotte, der DDR. Er beruht jedoch, wie nachlesbar, auf eigenen authentischen Erlebnissen.


Zubringertrawler ROS 415 „Heinz Priess“

Mein erstes Schiff, als Jungfacharbeiter, wurde ein nagelneuer Zubringertrawler. Er lag, als ich anheuerte noch am Ausrüstungskai, der Wolgaster Marinewerft, vertäut.

Die Probefahrt hatte dieser Trawler, als ich sein Deck das erste Mal betrat, bereits erfolgreich bestanden und so gab es vor dem Auslaufen nur noch Kleinigkeiten, aus der Mängelliste abzuarbeiten. Nach 14 Tagen hieß es dann end-lich, „Leinen los“. Schon wenige Tage später pflügte der moderne Heckfänger die Wogen des Nord- Atlantik, mit Kurs Labrador.

Im Gegensatz zur „Cottbus“ brauchte hier nicht am Ruder gestanden zu werden. Obwohl die „Cottbus“ ebenfalls nicht mehr über ein Handruder verfügte, sondern an einem Schaltpult mit Knopfsteuerung Kurs gehalten wurde, gab es sehr große technische Unterschiede. Wenn der Z-Trawler ROS 415 „Heinz Priess“ erst einmal auf Kurs lag, wurde die Automatik eingeschaltet. Der Rudergänger brauchte die Anlage nur noch sitzend zu überwachen. Bei Kursänderung wurde kurz umgeschaltet und ein kleines Handrad bedient. Die Arbeit an Deck war bei diesem modernen Heckfänger gegenüber dem Seitenfänger, ebenfalls um ein wesentliches leichter. Nur eins ist auch Fakt: Geld ließ sich auf der „Cottbus“ um ein vielfaches mehr verdienen, da es hier keine Anlagen zum Fischmehl oder Lebertran kochen gab.

Auf diesem Z- Trawler war das Schachspiel, im Gegensatz zum Doppelkopf auf der „Cottbus“, der Hauptfreizeitvertreib. Wie es das Schicksal so wollte, war ich zu dieser Zeit noch in Topform und besiegte einige der sich bisher unbesiegbar wähnenden. Das lag vielleicht daran, dass wir die Freizeit in der Ganztagsschule sehr oft zum Schach spielen genutzt hatten.

In der ersten Zeit fand man es auch noch ganz reizvoll, gegen mich zu spielen. Aber wie konnte es angehen, dass ein Spunti noch dazu mit „Eierschalen hinter den Ohren“ die Eliten der Mannschaft aufmischte. Auf jeden Fall brachten mir diese Siege, zumindest bei einigen Mitgliedern der Schiffscrew, mit der Zeit schlechte Karten ein.

Hinzu kam, dass die gesamte Besatzung von einem außer Dienst gestellten Seitentrawler übergewechselt war und sich daher schon länger kannte. In solcher Konstellation war ich folgerichtig erst einmal weitestgehend in eine Außenseiterposition gedrängt, was allerdings nicht unbedingt etwas mit dem Schachspielen zutun haben musste. Auf See war eben sowieso alles ein wenig anders.

Die erste Fangreise verlief für alle Seiten sehr zufriedenstellend. Das heißt aus technischer Sicht und fischereiertragsmäßig. Ein Ereignis sprengte dann aber doch noch den Rahmen des Üblichen. Eines Morgens erreichte die Schiffe auf dem Fangplatz die Nachricht, dass es auf einem Z-Trawler einen schweren Unfall gegeben habe und der Verletzte so schnell wie möglich nach Sankt Peer (Französisch Kanada) geschafft werden müsse. Es bestehe akute Lebensgefahr, hieß es. Da es für unser Schiff eine Testfahrt war und diese generell pauschal, ohne Fangquote, abgerechnet wurden, übernahm unser Kapitän den Auftrag.

Zu dieser Zeit befand sich auch gerade De Gaulle in Kanada. Entweder war er mit der Flotte französischer Kriegsschiffe, die im Hafen von Sankt Peer vor Anker lag, angereist, oder sie lag wegen seines Besuchs dort an der Pier vertäut. Das entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.
Jedenfalls wurde der Funkspruch in der Kriegsschiff- Flottille gleichfalls empfangen und schon kurze Zeit später nahm einer der Begleitkreuzer Kurs auf unseren Fangplatz. Hieran wurde wieder einmal ersichtlich, dass die große Weltpolitik zu damaliger Zeit, wie in fast allen Friedenszeiten, (daran änderte auch der „Kalte Krieg“ nichts) auf See keine so wesentliche Rolle spielte. Vor allem, wenn es wie in diesem Fall, um die Rettung menschlichen Lebens ging.

Die westdeutschen Trawlerbesatzungen nahmen zum Beispiel bei Unfällen und ähnlichem die ärztliche Betreuung durch DDR Ärzte gerne in Anspruch. Auf ihren Schiffen fuhr nämlich generell kein medizinisches Personal mit. Im Gegensatz dazu hatten die Verarbeitungsschiffe dieses immer an Bord und gleichzeitig medizinische Einrichtungen, um selbst kleinere Operationen durchführen zu können. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass auch nur einmal aus politischen Gründen die medizinische Hilfe versagt wurde.

Den Verletzten, der noch immer ohne Besinnung war, hatten wir schon kurz nach Eingang des Notrufes von dem betroffenen Zubringer übernommen. Mit Volldampf ging es nun dem französischen Kreuzer entgegen.
Bei der Übernahme des Verunfallten vom Trawler staunte ich dann nicht schlecht, als ich trotz der dicken Mullbinden, den Verletzten als ehemaligen Mitlehrling Kalle identifizieren konnte. Das wurde mir dann auf Anfrage auch bestätigt. Er hatte beim Hieven des Netzes die Talje (Kükenstaak) eines gerissenen Seiles auf den Schädel bekommen.

Es sollten dann keine drei Stunden mehr vergehen, bis die Rauchfahne des Kriegsschiffes am Horizont sichtbar wurde. Als der große graue Schiffskörper, dwars See (parallel) neben uns lag, konnte ich mich des Eindrucks nicht erweh-ren auf einer Nussschale angeheuert zu haben. Wir empfanden es zudem als sehr beruhigend, diesem, mit unzähligen Kanonenrohren bestückten Giganten, zu Friedenszeiten begegnet zu sein.

Da die Zeit knapp war, ließen wir, sobald beide Schiffe in Position lagen, ein Schlauchboot zu Wasser, um den Verletzten zu übergeben. Da oft praktiziert, verlief die Übergabe an den Kreuzer ohne Zwischenfälle. Die Begeiste-rung der Franzosen kannte dann keine Grenzen, als wir ihnen bei einer zweiten und dritten Schlauchboottour, noch zwei riesige weiße Heilbutte mit auf den Weg gaben. Die waren so groß, dass es nicht möglich gewesen wäre, beide auf einmal zu transportieren.

Zum Abschied erwiesen sich die Schiffe unterschiedlichster Bauart und Einsatzgebiete mit ihren Thyphonsignalen, noch einmal die Referenz. Da lagen sie aber bereits wieder auf Kurs und dampften ihren entgegengesetzten Zielen entgegen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Freiwache und schaute dem Kreuzer noch sehr lange hinterher. Ich glaube sogar so lange, bis nicht einmal mehr seine Rauchfahne sichtbar war.

Meinen Lehrlingskameraden traf ich unversehens Jahre später, in der S- Bahn Richtung Fürstenwalde wieder. Er erzählte mir, dass er nach ca. einem dreiviertel Jahr Aufenthalt im Krankenhaus von Sankt Peer gesundet die Heim-reise nach Rostock antreten konnte. Zuvor meinte er, habe er noch eine sehr schöne Zeit in Französisch Kanada verbracht. Sankt Peer lag damals etwas abseits von den üblichen Fangplätzen. Deshalb dauerte es so lange, bis er von dort abgeholt wurde. Seinen Job auf See trat er allerdings danach nicht wieder an.

Nach weiteren 14 Tagen wurde dann der letzte „Hol“ an Deck gehievt. Anschließend vertäute die Besatzung das Geschirr und es ging auf Heimreise. Etwa im Kattegatt, schon fast vor der Haustür, sollte ich einen unverzeihlichen Fehler begehen. Wir hatten an besagtem Tag eine Dünung von ungefährer Windstärke sechs bei ansonsten wunderschönem, sonnigem Wetter. Ich hatte gerade Freiwache und genoss diese Zeit an Deck, als ich unvermittelt eine Taube anfliegen sah.

Die ließ sich, nach ein paar Flugrunden über Deck, völlig erschöpft auf der Heckslipanlage nieder. Ich weiß nicht welcher Teufel mich ritt, jedenfalls erklomm ich den Heckmast, um diese kleine Taube zu retten. Selbige bekam ich zwar nicht zu fassen, aber der Kapitän dafür mich, hoch oben, ins Visier. Die anschließende Standpauke war echt seemännisch und gleichzeitig für den Kapitän ein willkommener Anlass, mich am Ende der Reise abzumustern. Hinter vorgehaltener Hand hatte ich jedoch erfahren, dass das nur ein Vorwand sei, weil das Schiff an Land schon von einem Besatzungsmitglied, der ehemaligen Gang erwartet wurde. Dieser Matrose, inzwischen wieder von einer längeren Krankheit genesen, sollte und wollte unbedingt wieder zu seiner Mannschaft gehören. Aus heutiger Sicht kann ich das ja nachvollziehen, denn ich hatte mir bis auf den Taubeneklat nichts zu schulden kommen lassen und während der Reise sogar Freunde gefunden. Nur die hatten eben kein Einspruchsrecht.


Loggerreisen

Auf den nächsten Reisen kam ich dann auf verschiedenen Loggern, als Springer zum Einsatz. Diese Fahrzeuge fischten damals nur noch in der Biskaya und in der Nordsee.

Gleich auf dem ersten Logger war ich naiv genug, beim ersten Hol, das Keschern der Heringe auf eine Spund zu übernehmen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass diese Arbeit nun traditionsgemäß täglich zu meinen Obliegenheiten gehören würde, wie mir leider zu spät gesagt wurde. Ich glaube aber, dass das eher dieser sogenannte „Trick siebzehn mit Löffelangabe“ war. Irgendwann spürte ich jedenfalls in der Folgezeit meine Arme nicht mehr. Das kann allerdings nur nachvollziehen wer selber schon einmal 150 Korb Heringe, mit einem Kescher geschaufelt hat und das fast täglich, drei Wochen lang. Auf den folgenden Loggerreisen machte ich den Fehler natürlich nicht mehr. Ich staunte eher wie bescheiden ein Mensch seinen eigenen Ansprüchen gegenüber werden kann.

Durch meine Springertätigkeit lernte ich zwangsläufig einige Loggerbesatzungen kennen und stellte fest, dass diese Männer einen viel angenehmeren Umgang im Miteinander pflegten als die Trawlerbesatzungen, die ich zuvor kennen gelernt hatte. Die größere Enge auf den Schiffen und die noch härteren Bedingungen, nicht nur im Kampf gegen die Naturgewalten, trugen wohl ihr Übriges dazu bei. Auf einem dieser Logger hatte dann zum zweiten Mal, fast mein letz-tes Stündlein geschlagen.

Ich stand an besagtem Tag beim Netzfieren neben einem Lehrling an Deck und wies ihn darauf hin, doch auf die Kurleine zu achten. Ich hatte kaum zu Ende gesprochen, da geschah das, was ich bei ihm gerade verhindern wollte. Ich hing nämlich mit meinem Fuß in einem sogenannten Kinken, einer Schlaufe die entsteht wenn das Stahlseil durch den Seegang einen Moment lang nicht unter Spannung steht. Wahrscheinlich dachte nicht nur ich in diesem Augenblick, dass es das für mich gewesen sei. Jedenfalls spürte ich, während ich mit der Kurleine mithüpfte, die Kraft der Schlinge, die meinen Fuß umspannend, diesen nicht freigab und in mir bereits den Hauch des Todes. Jeder, mich einge-schlossen, rechnete damit, dass ich in wenigen Augenblicken, durch die Last des außenbordigen Netzgeschirrs, in der Talje des Scheerbrettes zerquetscht werden würde. Ich wusste, wenn ich jetzt aufgab blieb ein dankbarer Matrosenlehrling zurück, aber von mir selber würde man nur noch unansehnliche Fetzen aus der Nordsee bergen können.

Wie ich es anstellte kann ich nicht mehr sagen, aber kurz vor der eigentlichen Katastrophe sollte es mir tatsächlich gelingen, meinen Fuß aus dem Stiefel zu befreien. So ging stellvertretend nur ein doch so wertloses Stück Gummi, nämlich mein Seestiefel, nach Außenbords.

Der Kapitän hatte, wie alle an Deck, den Vorgang von der Brücke aus beobachtet und wohl ebenfalls den Atem angehalten. Die Blässe in seinem Gesicht sprach jedenfalls dafür und auch danach noch Bände. Rührend fand ich, wie mir alle ob meiner bewahrten Ruhe gratulierten und keiner Einspruch erhob, dass ich meinen recht intensiv angeschwollenen Fuß erst einmal auf der Brücke auskurieren sollte.

Es war nun bereits das zweite Mal, dass ich dem Tod ins Antlitz schaute. Zumindest beim letzteren Vorfall hatte ich mir das Leben durch beherrschtes Verhalten selber bewahrt. Hätte ich hierbei Panikattacken bekommen, würde ich seit jenem Augenblick zu den zahlreichen Seeleuten gezählt haben, die auf See für den Sozialismus ihr Leben ließen, zumindest laut Nachruf.

Nicht alltägliche Vorgänge gab es übrigens auch in der Geschichte der Rostocker Hochseefischerei. So erlebte ich es, dass ein Logger bereits vierzehn Tage in den vermeintlichen Fischgründen in der Nordsee verweilte, ohne einen einzigen Hol gemacht zu haben. Der Kapitän bekam in der ganzen Zeit nie ein Echolotsignal das ihn hätte veranlassen können das Netzgeschirr begründet auszufahren. Fisch bekamen wir allerdings doch noch zu sehen. Der wurde uns von einem aus Rostock kommenden Logger, für den Eigenbedarf, übergeben.

Auf dieser Reise, das Schiff war wie gesagt noch vollkommen ohne Ladung, gerieten wir in einen Orkan wie er selbst von den älteren Besatzungsmitgliedern noch kaum erlebt worden war.

Unter Land zu dampfen kam für den Kapitän nach der Sturmwarnung nicht mehr in Frage. Dazu war die Entfernung zur norwegischen Küste einfach zu groß. So geschah es, dass wir das Unwetter wohl oder übel in der sturmge-peitschten Nordsee überstehen mussten.

Als ich, wie jeder andere zur Ruderwache eingeteilt, das Ruder übernahm, hatte der Orkan bereits seine schlimmsten Ausmaße erreicht. Ich hatte ja inzwischen schon einige Stürme überstanden, aber auf dieser leeren „Nussschale“, an einem großen hölzernen Handruder stehend, Kurs halten zu müssen übertraf alles bisher Dagewesene und das, obwohl die Wogen im Atlantik manches Mal um ein vielfaches höher waren.

Nicht besonders schlimm war, dass der ohrenbetäubende Lärm in der sturmgepeitschten See keine Verständigung mit dem anwesenden Schiffsoffizier aufkommen ließ. Der schaute meines Erachtens auch ein wenig bleicher als sonst drein und was sollte er auch wesentliches sagen.

Brecher auf Brecher ließen in kurzer Folge, das kleine Schiff zu einem Spielball der Elemente werden und das Brückenhaus in seinen Grundfesten erzittern. Es oblag mir nun 2 Stunden lang den Logger ganz allein auf Kurs zu halten. Der kleinste Steuerfehler hätte bereits genügt, das Fischereifahrzeug dwars See schlagen zu lassen und um uns höchst wahrscheinlich in die ewigen Fischgründe zu schicken.

Mit fast wilder Entschlossenheit hielt ich nun, in der mir ewig währenden Zeit, das schicksalbestimmende hölzerne Ruder fest umklammert. Dafür, dass es mir genau wie den anderen gelang Kurs zu halten, sollte dieser Bericht, Beleg genug sein.

Es war Stunden später für alle Besatzungsmitglieder ein glücklicher Moment, als der Sturm merklich nachließ und wir uns an die Beseitigung der Schäden machen konnten. Dass die mächtigen Wogen alles, was an Deck nicht gut genug festgezurrt war über Bord fegten, oder zumindest kurz und klein schlugen, hatte für die meisten, auf jeden Fall zu dieser Zeit, nur einen untergeordneten Stellenwert.

Ich bin auch heute noch der Meinung, dass es kaum jemanden gab der nicht mit dem Schlimmsten rechnete und insgeheim mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Der Ehrlichkeit halber sollte ich mich davon nicht ausnehmen.

Auch die Loggerreisen waren nicht nur harte, bis an die psychische Substanz gehende Arbeit. So lernte ich auf diesen Fahrten u.a. auch die Schönheit und Naturbelassenheit der norwegischen Fjorde kennen. Welchem DDR Bürger waren diese Begegnungen ansonsten schon vergönnt. So sind die Stunden die wir in Egersund verbrachten, für mich gleichfalls unvergesslich. Unvergesslich auch wegen des Schnapsschmuggels dort, mit dem wir unsere kargen Valuta merklich aufbesserten, um anschließend in den Geschäften einkaufen zu können.

Die Norweger witterten förmlich die Anwesenheit von DDR Fischereifahrzeugen und fanden immer einen Weg, um an die verbotenen Produkte zu kommen. Allerdings auch der Zoll und darüber hinaus die berüchtigte „Schwarze Gang“, die ständig mit einem Hubschrauber unterwegs war, um den Alkoholschmuggel zu unterbinden. Und wehe dem, den sie erwischten. Für das Fischkombinat wurde es jedes Mal eine teure Angelegenheit, denn die Schiffe wurden wenn es ganz schlimm kam, an die Kette gelegt und völlig auseinander genommen. Anschließend mussten sie mit teuerer Valuta ausgelöst werden. Für den Delinquenten folgte natürlich zwangsläufig, eine fristlose Entlassung.

Erstaunlicherweise blühte das Geschäft trotzdem über alle Maßen. Ich hatte mir zum Beispiel vom Schnapsgeld, umgerechnet für wenige DM- West, im heimischen Intershop, meine ersten echten Jeans kaufen können.
Ich muss dazu sagen, dass wir einen kleineren Betrag an harter Währung, für die Tage auf See, gutgeschrieben bekamen. Ich glaube es waren zu damaliger Zeit, pro Tag, 0,60 DM auf den Loggern und 0,30 DM auf den anderen Fischereifahrzeugen. Den Gutschein den wir nach der Reise zusammen mit unserem Lohn erhielten, konnten wir in Rostock in einem extra für Seeleute eingerichteten Laden, einlösen.

Auf meiner vierten Loggerreise ging es auf Sardinen und Makrelenfang, in die Biskaya. Nach ca. 14 Tagen erreichte uns auf dem Fangplatz ein Funkspruch aus Rostock, der meine Einberufung beinhaltete. Dass sich die Besatzung köstlich amüsierte und ich so manchen Witz ertragen musste, dürfte dabei naheliegend sein. Zu meinem Glück zwang uns aber ein Sturm, in einer Bucht in der Straße von Dover, vor Anker zu gehen. Daraus resultierend liefen wir erst drei Tage nach Ablauf meines Termins in Rostock ein. Die Einberufung hatte sich für mich damit erst einmal erledigt. Dass die ganze Aktion ein Racheakt vom Wehrkreiskommando sei, dessen war ich mir jedoch fast sicher.

Während einer Liegezeit ein paar Wochen vorher wurde ich nämlich, mit der Begründung die Unterlagen auf den neuesten Stand bringen zu müssen, zum Wehrkreiskommando beordert. Es stellte sich dann aber heraus, dass das Hauptanliegen bei diesem Termin die Bestätigung meinerseits, die vier Jahre Volksmarine betreffend, gewesen ist. Logisch, dass man an jungen Hochseefischern, auf Grund ihrer Ausbildung und Erfahrung besonders interessiert war. Damit, dass ich inzwischen anders entschieden hatte, kamen die Genossen Offiziere nun überhaupt nicht zurecht. Je mehr Gegenargumente ich einbrachte, desto überzeugter waren sie von meiner Eignung für gerade diesen Job. Nach ca. zwei Stunden Bearbeitungszeit gaben sie aber schließlich auf. Als „Vergeltungsaktion“, so reimte ich es mir zusammen, kam es nun eben zur Einberufung, zu den Motorisierten- Schützen nach Rostock.

Es war im Juni 1968, als ich mich wieder einmal auf Heimreise nach Eisenhüttenstadt begab. Wie es der Teufel wollte fuhr von Erkner, einem Vorort von Berlin, kein Anschlusszug mehr in Richtung Frankfurt/Oder. Die Bahnhofs-kneipe hatte ebenfalls schon dicht gemacht. So begab ich mich in die Bahnhofsunterführung, um die vielen Stunden die ich ausharren musste ein wenig geschützt zu verbringen.

Es war noch nicht allzu viel Zeit vergangen, da gesellte sich eine junge Frau zu mir. Wir waren ganz allein in der Unterführung und irgendwie war ich über die Abwechslung dankbar, als sie unvermittelt anfing, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Zeit hatten wir dafür ja ausreichend. So erzählte sie unter anderem, dass sie ihre Eltern nie kennen gelernt hätte und unter schrecklichsten Bedingungen bei furchtbaren Pflegeeltern aufgewachsen sei. Später sollte ich dann ihren Stiefvater, als Oberleutnant und Chef der Transportpolizei des Berliner Ostbahnhofs, kennen lernen. So schlecht, wie er von ihr geschildert wurde, erwies er sich gar nicht, auch wenn er eines Tages bei unserem Hochzeitsmahl diverse Besteckteile mitgehen ließ. Das konnte mein Vater, der das mitbekam, nun wiederum überhaupt nicht nachvollziehen.

Jedenfalls verstand es diese junge Frau, mich mit ihrer Geschichte zutiefst zu rühren und in meinen Grundfesten zu erschüttern. Das sollte auch einer der Gründe sein, weshalb ich sie letztendlich fragte, ob sie denn Lust hätte mit mir auf Reisen zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich ja noch an den guten Kern in jedem Menschen. Außerdem war ich auch ein wenig stolz darauf dieser hübschen jungen Frau, mit ihren unterschiedlichen Augenfarben, nämlich einem blauen und einem braunen Auge, begegnet zu sein. Dazu spielte wahrscheinlich auch in meinem Fall eine Rolle, dass wir auf See immer die Angst in uns verspürten auf dieser Ebene etwas zu verpassen.

Mit dem ersten Zug fuhren wir dann gemeinsam nach Frankfurt an der Oder und mieteten uns im ersten Hotel am Platze ein. Geld spielte dabei für mich, auf Grund meines guten Verdienstes, keine Rolle. In diesem Hotel sollten wir nachfolgend, ein paar wunderschöne Tage verbringen. Die meiste Zeit davon allerdings im Bett, oder zur Abwechslung auch einmal unter der Dusche. Von da an wollte ich sie auf jeden Fall nicht mehr so ohne weiteres ihres Wegs ziehen lassen. Ich entschloss mich also sie, ohne Vorwarnung meiner Eltern, mit nach Hause zu nehmen.

Die staunten allerdings nicht schlecht und gaben sich zudem anfangs recht kritisch. Trotzdem durften wir eines der Kinderzimmer belegen, in dem wir dann wiederum die meiste Zeit im Bett verbrachten. Übrigens fuhr ich, als meine Freizeit um war, nur noch nach Rostock, um die Kün-digung einzureichen. Ihr Schicksal hatte mich nämlich derart betroffen gemacht, dass ich ihr zukünftig helfen wollte, im Leben bestehen zu können. Schon wenige Tage später fing ich bei der Berliner Weißen Flotte als Boots-mann an. Unglück nehme deinen Lauf!



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Ideale sind wie Sterne,
Man kann sie nicht erreichen,
Aber man kann sich an ihnen orientieren.

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