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Leselupe.de > Erzählungen
Der Freund des Lastenträgers
Eingestellt am 03. 08. 2008 13:19


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bamark
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2003

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Damals, als die Welt wieder einmal zwischen Scham und Verzweiflung ihre Wunden zur Schau stellte, lernte ich - wohl nicht per Fortunam - einen etwa 12 Jährigen Knaben kennen, dessen Geschick einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machen sollte. Freilich war die ganze Tragweite dieser Bekanntschaft, mir erst am Ende der Tage zugänglich.

In angemessenen Abstand beobachtete ich den Knaben, als er vom zerbombten Bahnhof kommend, sich durch die Ruinen der einstmaligen Hauptstadt Oberösterreichs, in Richtung des grossen Stromes, scheinbar gedankenverloren dahin ging.
Auf seinem Kopf trug er einen, für sein kindliches Aussehen, viel zu grossen dunkelblauen Hut mit breiter Krempe, welcher im abstrakten Gegensatz zu seiner sonst ländlichen Bekleidung, auf mich einen eigenartigen Eindruck machte.
In der rechten Hand hielt er einen alten, mit Schnüren umspannten Koffer, an dem eine behelfsmäßig gebundene Trageschlaufe angebracht war, fest umschlungen.
Immer wieder, nach wenigen Schritten, den scheinbar voll bepackten Koffer von der linken in die rechte Hand wechselnd, ging er, den ihm schon bekannt scheinenden und mit Schutt überladenen Weg, unbeirrten Ganges weiter.

Der Wechsel des Koffers zur Linken, dauerte immer etwas länger als der zur Rechten, woraus ich den Schluss zog, dass die Kraft seiner linken Hand eher dazu ausreichte, seinen Hut nach einigen Schritten wieder zurecht zurücken, wenn dieser auf Grund seiner Größe, allzu tief in sein kindliches Gesicht zu rutschten drohte.
Je näher er dem grossen Strom kam, vermeinte ich ein nervöses Zucken seiner Augenlider zu bemerken, denn sein Handrücken wischte immer häufiger über das schmale Bubengesicht, als wolle er böse Ahnungen vorab verscheuchen.

Vor dem, im Tausendjährigen Reich erbauten Brückenkopf, mit den links und rechts residierenden Steinlöwen, stockte er plötzlich, nahm den dunkelblauen Hut vom Kopf und setzte sich beschützend auf seinen alten Koffer.
Wie er gebannt ans andere Ufer des blauen Stromes blickte, schien mir, er wolle sich ein letztes Mal mit etwas völlig unvermeidlich Erscheinendem, mutig und entschlossen auseinander setzen.
Meine Gedanken,den starren Ausdruck im Bubengesicht zu deuten,
wurden jäh unterbrochen, als der Junge mit einer Entschlossenheit wie man sie sonst nur bei abgebrühten Erwachsenen, die eine Gefahr zu wittern vermeinen kennt, ging er geradewegs und erhobenen Hauptes, auf die uniformierten Grenzposten des diesseitigen Brückenkopfes zu.
Einer von diesen,in seiner Funktion als alliierter Zonenwächter, schien den Jungen schon aus früheren Kontrollen zu kennen und begrüßte in mit einem lachenden " hallo Boy", während ein Zweiter ihm seinen grossen Hut vom Kopf nahm und mit einem rohrähnlichen Gerät ein grau-weisses Pulver auf seinen Kopf sprühte. Es war wohl als desinfiszierender Akt gegenüber den wilden Stämmen der Österreicher gedacht.
Nach diesem Prozedere setzte ihm der Uniformierte, wohl wegen der Größe der Kopfbedeckung lachend, seinen Breitkrempigen wieder auf seinen Kopf und stupste ihn in Richtung des jenseitigen Brückenkopfes.

Sein Hut, so schien mir noch, saß zu locker auf dem Haupt des Knaben und währenddessen seine linke Hand zum Lastenausgleich schwingend beschäftigt war, wohl auch wegen seines eiligen Schrittes, war die Kopfbedeckung zuweit nach hinten in den Nacken verschoben worden.
Ein plötzlicher Windstoß - etwa in der Mitte der Brücke -blies dem verdutzten Knaben, noch ehe seine linke Hand schützend eingreifen konnte, den Dunkelblauen vom Kopf und ließ denselben in sanftem Bogen über das Brückengeländer gleiten.
Wie vom Blitz getroffen, ließ der Knabe seinen in der rechten Hand umklammerten Koffer fallen, ergriff mit beiden Händen den Lauf des Geländers, so als wolle er sich mit einem kräftigen Stoß seinem Hut, der sich den Fluten des Stromes näherte, hinterher stürzen.

Ein plötzlich einsetzendes Gelächter, wie ich vermeinte vom jenseitigen Brückenkopf, herüber dröhnend, unterband meine Gedanken dem Knaben zu Hilfe zu eilen, zumal ich mit Erleichterung bemerkte, dass dieser mit gesenktem Kopf und an der rechten Hand seinen Koffer hinterher ziehend, wie in Trance sich dem jenseitigen Zonen-Kontrollpunkt zu bewegte.
Das Gelächter der grau-braun uniformierten Wächter verstummte allmählich, je näher der Knabe an sie heran kam.
Einer dieser Befreier wies ihn mit einem "stoi" an stehen zu bleiben, während ein Anderer ihm den Koffer abnahm und nachdem er diesen von den Schüren befreit hatte, er mit einem nach "hurra" klingenden "karascho", einen Ranken Speck aus dem geöffneten Koffer zog. Er drückte dem Knaben den Koffer aus dem Wäsche quoll, in die Hand und mit einem "dawai" bedeutete er dem Jungen weiter zu gehen.
Die in der Warteschlange, scheinbar teilnahmslos und mit gesenkten Köpfen stehenden Menschen, kramten wie schützend in ihren Taschen und es schien so, als würde sie das Geschick des Knaben nicht interessieren dürfen.

Mein aufblitzenden Mitgefühl wurde durch die einige Strassen weiter stattfindende Begegnung des Knaben mit einem Mann in schwarzer Soutane schlagartig ausgeblendet, zumal dieser seinen Arm um die Schulter des Knaben legte, so als wolle er ihn vor unliebsamen Künftigkeiten schützen.
Indessen fragte er jedoch den Jungen mit gespielter Ruhe, jedoch in forschen Ton, ob er den Dunkelblauen und den Speck im Koffer habe.
Dies erzeugte bei mir eine ähnliche Unruhe, als ich vor Kurzem den Knaben am jenseitigen Ufer auf seiem Koffer sitzend beobachtet hatte.
Nein, hörte ich den Knaben noch sagen, der Hut schwimmt in der Donau und den Speck habe ich an zwei Hungernde am diesseitigen Brückenkopf abgeben müssen. Lediglich die mir von meiner Mutter mitgegebene Wäsche befindet sich noch darin.

Tja, meinte daraufhin der Präfekt mit erregtem Gesichtsausdruck zu seinem Schützling, da musst du wohl im Gebet und bei den Übersetzungen des Ovid, mir oral gefügiger sein, dir dabei mehr Mühe geben und Gefühl zeigen, anstatt in deinem ungehobelten Dialekt zu verharren.
Schweigend und mit gesenktem Kopf der Knabe, der Schwarzgekleidete erhobenen Hauptes, durchschritten beide das grosse Tor eines Gebäudes, welches mir wie eine Zuchtanstalt erschien.

Das Beharren in seiner Mundart, so meinte der Zögling, als ich ihm ein Jahr später, in entgegengesetzter Richtung über die Brücke laufend begegnete, habe zwar die "nicht genügend" bei den Übungen der oralen Ovid-Lektüren weiter vermehrt.
Jedoch, versicherte mir lächelnd der Knabe, habe ihm Homer`s
Odysseus den lang ersehnten Abgang in die Freiheit des Seins gewiesen.

Nach unendlich langer Zeit, sah ich einen alternden Herrn inmitten der Brücke über den blauen Srom stehen und ein jugendliches Lächeln umspülte seinen Mund.
Als ich die Ähnlichkeit zu dem damaligen Knaben zu erahnen vermeinte und ihn darauf hin ansprach, erklärte er mir, dass er seit langer Zeit keine Koffer mehr benutze, sondern nur mehr das Wesentliche, so wie mich, in seinem Rucksack mit sich trage.
Auf meinen fragenden Blick reagierend meinte er, es gäbe noch eine Vielzahl von Begleitern, so wie dich. Die meisten sind inzwischen zu Freunden mutiert, deshalb ist mir das Lastentragen auch "ertäglicher" geworden.
Nun komm aber zu deinen Freunden in meinen Rucksack und laß auch diese bei Gelegenheit ihre Vergangenheit relativieren.
__________________
bamark

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