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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Gammler
Eingestellt am 12. 11. 2000 10:59


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Der Gammler

Die Karte zuckt leise zwischen ihren Fingern, als der Stempel in dem orangenen Metallkasten das dritte Feld auf ihr entwertet.
Noch ein wenig aus der Puste lĂ€ĂŸt sich das MĂ€dchen auf eine der vielen freien BĂ€nke plumpsen. Sie lehnt den triefenden, blauen Regenschirm an die schmale Ablage unter dem Fenster. Die Tropfen rinnen am Stoff herunter und sammeln sich in einem zierlichen See am Boden, der rasch zu einer PfĂŒtze heranwĂ€chst.
Mit einem sanften Vibrieren setzt sich die Straßenbahn in Bewegung; pĂŒnktlich um dreiundzwanzig Uhr fĂŒnfunddreißig, wie sie mit einem Blick auf die Armbanduhr bemerkt. Vor zwölf wird sie nicht mehr nach Hause kommen, wie sie es ihren Eltern gesagt hatte. Aber weshalb sollte sie denn auch gehen, wenn es gerade am schönsten ist? Von diesem albernen Sprichwort, das dafĂŒr spricht, hĂ€lt sie ĂŒberhaupt nichts. Schließlich trifft sie ihre alten Freundinnen und Freunde nur so selten.
Mit der Hand fĂ€hrt sie sich durch ihre klammen, dunklen Locken und betrachtet in der dĂŒsteren Fensterscheibe ihr Spiegelbild, die sich ihr dort zeigt, nur aus Licht und Schatten bestehend. Das langsame Verglimmen der Großstadtbeleuchtung hinter der Scheibe mĂŒht sich ab, sich durch das nasse Mosaik der Wassertropfen auf dem Glas in den Wagen zu streuen. Doch kommt es gegen die kaltweißen Neonröhren schwerlich an.
Sie schaut sich um. Es sitzen mit ihr nur noch sehr wenige Leute in der Bahn. Sieben Personen, vier Frauen und drei MĂ€nner, davon ein PĂ€rchen, das sich in die hinterste Ecke verkrĂŒmelt hat und dort eifrig herumknutscht.
Sie werden bald abbrechen mĂŒssen, denkt sie bei sich. Dies ist die letzte Bahn heute nacht.
Sanft bremst der Wagen ab und hÀlt an der nÀchsten Haltestelle. Johanneskirche/City.
Das PĂ€rchen erhebt sich und der Junge drĂŒckt auf den Knopf bei der TĂŒr, ohne dabei vom Mund seiner Freundin abzulassen. Die SchwingtĂŒr öffnet sich. Zum Aussteigen mĂŒssen sich die beiden Verliebten allerdings doch voneinander trennen. Sie lachen ausgelassen.
Komisch, denkt sie, darauf, daß die beiden auch frĂŒher aussteigen könnten, ist sie gar nicht gekommen. Schade eigentlich. Bis zum Ende durchfahren und erst dann aus dem Liebestaumel wieder aufsteigen, wenn der Straßenbahnfahrer sie hinausbittet, -- das wĂ€re doch viel romantischer und witziger. LĂ€chelnd zuckt sie fĂŒr sich die Schultern. Schade eigentlich. Sie mag es, knutschende Paare zu beobachten.
Eine dunkle Gestalt nĂ€hert sich draußen etwas taumelnd der Bahn und drĂŒckt auf den Knopf der TĂŒr ihr gegenĂŒber. Sie kann zuerst nicht genau erkennen, um wen es sich handelt. Erst als er einsteigt und sich stolpernd die zwei Stufen empormĂŒht. Der alte Gammler nimmt in derselben Sitznische Platz, in der auch sie sitzt; ihr schrĂ€g gegenĂŒber.
Sehr begeistert ist sie im ersten Moment nicht davon. Obwohl der Alte richtig knuffig aussieht in seinem betagten, verflickten, langen Mantel und mit dem karierten Stoffhut auf dem Kopf. Jedoch schwebt auch eine leise, promillegetrĂ€nkte Fahne zu ihr herĂŒber, die sie ihre Nase rĂŒmpfen und ihre Miene zunĂ€chst etwas verfinstern lĂ€ĂŸt.
Der alte Mann beugt sich vor, um die vollgestopfte PlastiktĂŒte zwischen seine Beine zu stellen und durch das Fenster in die nasse Innenstadt hinauszuschauen, dem PĂ€rchen nach. Eng umschlungen verschwindet es gerade in diesem Moment hinter der verglasten Schaufensterecke eines Juweliers. Kurz vorher hat es noch einige Augenblicke verharrt und die Auslage bewundert; regenverborgen unter der Jeansjacke des Jungen.
Der Opa entblĂ¶ĂŸt lĂ€chelnd eine Reihe gelblich weißer ZĂ€hne.
"Schade, daß sie nicht geblieben sind.- FĂŒrwahr", murmelt er in seinen Bart, der aus kurzen, grauen Stoppeln besteht, die unter dem Kinn in einem dicken, durchlöcherten Wollschal verschwinden.
Das MĂ€dchen hebt ĂŒberrascht die Brauen und lĂ€chelt auch. Sie kann nicht sagen, warum und weshalb, aber dieser alte Mann ist ihr sympathisch, trotz der leichten Alkoholfahne und dem etwas schmuddeligen Aussehen.
"Das habe ich auch eben gedacht", sagt sie zu ihm. "Wie sonderbar, daß Sie das auch denken, obwohl Sie sie doch vorher gar nicht gesehen haben."
Er blickt sie etwas verwirrt an.
"Aber ich kenne die beiden doch", behauptet er, als sei es selbstverstÀndlich.
"Oh." Sie ist ĂŒberrascht. Wieder eine Situation, an die sie ĂŒberhaupt nicht gedacht hat. Langsam fĂ€hrt die Bahn weiter.
"Nein, nein, ich kenne sie nicht persönlich", wirft der Alte lĂ€chelnd ein. "Ich weiß nur ĂŒber die beiden Bescheid, mĂŒssen sie wissen."
"Ah", macht das MÀdchen und nickt verstÀndnisvoll, obwohl sie nicht so recht begriffen hat, was er genau meint.
"Ja", brummelt der Alte. "Er tut mir leid ... Nur noch zwei Wochen ..." Seine blauen Augen schauen traurig in den Regen hinaus.
"Was ist denn dann?" fragt sie. Ihre Neugier ist geweckt worden. Der Gammler lehnt sich zurĂŒck und schĂŒttelt traurig, die Stirn runzelnd, den Kopf.
"Nein", sagt er "Das gehört nicht hierher. Noch nicht."
BedĂ€chtig nimmt er den Stoffhut ab und legt ihn neben sich auf das Polster. Ihr Blick fĂ€llt auf sein schon recht lichtes, grauschimmerndes Haupthaar. Dann greift seine Hand wĂŒhlend in eine innere Tasche seines verflickten Mantels und holt eine Nickelbrille heraus. Er haucht die kreisrunden GlĂ€ser beschlagen und beginnt, sie mit dem einen fransigen Ende des Wollschals zu polieren. Das MĂ€dchen beobachtet dabei seine HĂ€nde. Sie stecken in schwarzen Handschuhen, deren FingerhĂŒllen fehlen. Kleine Wasserperlen haften noch an dem Stoff. Es sind sehr gepflegte HĂ€nde. Auf den OberflĂ€chen seiner Finger wachsen kleine GrĂŒppchen kurzer, schwarzer HĂ€rchen. Und er hat saubere FingernĂ€gel. Völlig unpassend fĂŒr ihn, wie sie findet.
Ihr Blick hebt sich mit der sauberen Brille auf seine Nase und sie bemerkt, daß der Opa sie anlĂ€chelt. Sie lĂ€chelt zurĂŒck.
Da schleicht mit einem Male etwas sehr Nachdenkliches in das rauhe Gesicht des Mannes. Er verschrÀnkt die Arme, um gleich darauf mit der rechten Hand sein unrasiertes Kinn zu reiben.
"Ich glaube, ich kann dir helfen, MÀdchen", sagt er und mustert sie dabei aus verengten Augen. Sie ist völlig perplex.
"Mir?" stammelt sie. Ihr LĂ€cheln zuckt verkrampft.
"Gewiß", sagt der Gammler und beginnt, in der Plastiktasche zwischen seinen ausgelatschten Schuhen herumzukramen.
"Schokolade?" Er prĂ€sentiert ihr die halboffene Tafel, von der schon einige Riegel fehlen. Sich selbst bricht er zwei StĂŒcke ab und schiebt sie sich in den Mund. Das MĂ€dchen schĂŒttelt heftig den Kopf. Ihr LĂ€cheln zuckt noch nervöser.
"Nein, danke."
Der Alte hebt kurz die Schultern, öffnet die Packung ganz und legt sie neben sich auf die Bank. "Vielleicht ja spĂ€ter", murmelt er. "Aber das ist es nicht, was ich meinte." Sein Zeigefinger unterstĂŒtzt seine Verneinung.
"Aha", macht sie und fragt sich, ob es mehr ĂŒberrascht oder eher fragend klingt.
Er nickt nur, da er schlucken muß.
"Wissen Sie ..." Er faltet die HĂ€nde im Schoß und beugt sich zu ihr vor. Seine Fahne schwappt extremer auf sie ein. Doch dann hĂ€lt er inne und schaut ĂŒber die Schulter durch das hinter ihr liegende Abteil. Die Bahn fĂ€hrt an einer Haltestelle vorbei, weil hier niemand ein- oder aussteigen will. Die zwei MĂ€nner und drei Frauen, die in sich gekehrt auf ihren FensterplĂ€tzen sitzen, werden in ihrer Apathie nicht gestört.
Der alte Mann vor ihr zieht eine Schnute und ĂŒberlegt sichtlich, wie er das, was er sagen will, wohl besser ausdrĂŒcken könnte.
"Lassen Sie mich Ihnen einige Geschichten erzĂ€hlen", sagt er dann schließlich langsam und grĂŒblerisch zu einigen höherliegenden Winkeln des fahrenden Raumes. Bevor er fortfĂ€hrt, stopft er sich jedoch noch ein weiteres StĂŒck Schokolade in den Mund.
"Sehen sie den jungen Mann, hinten links?" fragt er kauend, ohne zurĂŒckzublicken.
Ja, natĂŒrlich sieht sie ihn. Er ist ihr schon vorhin aufgefallen. Ein sehr gut aussehendes Kerlchen mit einem hĂŒbschen Gesicht und dunkelblonden, kurzen, etwas wirren Haaren. Aber er ist unrasiert und nagt heftig an seinem Daumennagel.
"Der Junge ist vor kurzem Vater geworden", sagt der alte Mann.
"Oh", meint das MĂ€dchen. "Der ist dafĂŒr aber noch recht jung. Der ist doch höchstens zwanzig."
"Er ist achtzehn", entgegnet der Gammler. "Er hat sein Kind aber noch nie gesehen und wird es auch niemals zu sehen bekommen."
"Warum?" will das MĂ€dchen wissen.
"Nun, das war so ...", beginnt er und lehnt sich zurĂŒck. "Die Mutter des Kindes war mal auf einer ... Fete - so sagt man wohl - Dort lernte sie auch den jungen Mann da hinter mir kennen. Sie hatten beide ziemlich viel getrunken und ... na ja ... sie flirtete heftig mit ihm und er auch mit ihr und ..." Er fuchtelt unbeholfen mit den HĂ€nden. "Na ja ... Es kam halt eins zum anderen und da ..."
"Ah ja", macht das MĂ€dchen. "Ich verstehe."
"Ja", sagt der Opa, beruhigt ausatmend. "Jedenfalls wurde sie schwanger. Und der Junge dort war der Vater."
"Nun, das ist Pech", urteilt das MĂ€dchen schulterzuckend. "Selbst Schuld. HĂ€tten ja beide aufpassen können. Muß er halt die Konsequenzen mittragen ..."
"Will er ja auch." sagt der alte Mann und sie sieht ihn fragend an. Die Bahn passiert eine Haltestelle, ohne anzuhalten.
"Der Junge kommt aus einem guten, reichen Haus. Und er liebte das MĂ€dchen auch. Er liebte sie wirklich. Und er wollte auch fĂŒr beide sorgen. FĂŒr die Mutter und fĂŒr das Kind. Das MĂ€dchen ist ebenfalls noch sehr jung. Mitte siebzehn. Doch sie ist auch stolz. Sie weiß, was sie will. Und fĂŒr das, was sie will ... nun, dafĂŒr ist sie fĂŒr ein Kind einfach zu jung.
Sie hat es zur Adoption freigegeben und es in ein entfernteres Kinderheim gesteckt, um dem Jungen jeden Weg aussichtslos zu machen, an die Vaterschaft zu kommen. Wenn sie schon nicht die Mutter sein kann beziehungsweise will, soll der Vater auch nicht Vater werden."
"Wie dumm", wirft das MĂ€dchen ein. "Wer weiß, ob das Kind jemals Eltern bekommt?"
Der Alte hebt die Schultern.
"So ist es aber. Da vorne sitzt ein Vater, der weiß, daß er ein Vater ist und es auch sein will, aber nicht darf. Nicht kann. - Er weiß, irgendwo ist sein Kind, doch kommt er nicht an sein Kind heran. Kennt nicht dessen Geschlecht, geschweige denn dessen Namen. - StĂŒck Schokolade?"
Sie schĂŒttelt fassungslos den Kopf.
"Mein Gott", murmelt sie.
"Tja", sagt der Alte kauend. "Sehen Sie die Frau in der Vierersitznische dort hinter mir?"
Er nickt schrÀg hinter sich. "Die, die so abwesend aus dem Fenster starrt."
"Ah", nickt das MĂ€dchen erkennend. "Die. - Ja."
"Weißt du, sie ist Straßenbahnfahrerin." lĂ€chelt er. Dann dĂ€mpft er die Stimme. "Sie hat ein Problem. Sie fĂ€hrt jeden Tag diese Linie hier, die FĂŒnfundvierzig, von Heimbruch Endstelle bis Tonnstett Schleife. Zumindest in den letzten Wochen. Die Strecke fĂŒhrt direkt durch die Innenstadt. Wie eigentlich alle Bahnlinien. Jeden Tag eine stressige Rush-our. Jede Schicht eine."
"Na und? Es ist doch ihr Job, mit diesem Streß auch fertig zu werden", sagt das MĂ€dchen.
"Da hast du schon recht", stimmte ihr der Gammler zu. "Aber das wĂ€r' ja auch gar nicht ihr Problem. Ihr Problem ist, daß wĂ€hrend des Feierabendverkehrs eben niemand mehr mit ihr fĂ€hrt."
Das MĂ€dchen zieht die Stirn kraus. "Wie? FĂ€hrt sie denn so schlecht?"
"Nein. Sie versteht es ja auch nicht. Sie fĂ€hrt nicht besser und nicht schlechter als jeder andere ihrer Kollegen auch. Sie schummelt auch nicht beim Fahrkartenverkauf. Im Gegenteil. Es ist sogar so, daß wĂ€hrend des ganzen Tages ihre Bahn rappelvoll ist. Daß die Leute in Pulks an den Haltestellen warten und sich stehend dicht an dicht im Wagen zusammendrĂ€ngeln mĂŒssen, damit alle mitfahren können. Aber zur Hauptverkehrszeit, zu Ladenöffnung oder Ladenschluß, wo doch normalerweise der meiste Andrang herrscht, ist ihre Bahn total leer. Kein einziger Fahrgast. Erst recht nicht in der Innenstadt. Die Leute stehen dann zu Dutzenden vor den offenen TĂŒren der angehaltenen Bahn und steigen nicht ein. Es ist, als ob niemand ihre Bahn sieht.
Und das ist nicht etwa bloß bei ihrer jetzigen Linie 45 so. Nein, nein, nein, das ist bei jeder Strecke, die sie in den letzten Wochen und Monaten fĂ€hrt, so."
"Das glauben Sie doch selbst nicht. Wie soll das denn zugehen?" widersprach das MĂ€dchen dem Alten skeptisch.
"Oh, wenn du mir nicht glaubst, junges FrĂ€ulein, dann frage die Dame doch. Sie grĂŒbelt gerade wieder einmal darĂŒber nach. Doch gib acht, daß sie nicht wieder anfĂ€ngt zu weinen und zu schreien. Das hat sie heute morgen schon getan. Hat verzweifelt versucht, die Leute in ihre Bahn zu bitten. Doch es wollte niemand." Wieder zuckt er bedauernd mit der Schulter. "Jetzt ein StĂŒckchen Schokolade?"
Immer noch möchte das MĂ€dchen nichts. Sie verneint wortlos, völlig in verwirrten Gedanken versunken. Der Gammler bricht sich ein weiteres StĂŒck ab und verleibt es sich ein.
"Wieso erzĂ€hlen Sie mir das alles?" fragt sie. "Was hat dies alles mit mir zu tun? Vor allem: Woher wollen Sie das alles ĂŒber diese Menschen wissen?"
Der Gammler schaut ihr direkt in die Augen. Hatte er nicht blaue? Sie sind braun.
"Die Oma mit dem Buch. - Sehen Sie sie?" fragt er, ohne seinen Blick aus dem ihren zu nehmen.
Sie nickt, unfÀhig, von seinen Augen abzulassen. Die offene Antwort auf ihre Frage ist ihr plötzlich unwichtig geworden. Die Bahn fÀhrt ruppelnd weiter und weiter.
"Sie ist ĂŒber achtzig. Seit ihrer Jugend liest sie mit wachsender Begeisterung Kriminalromane. Einen nach dem anderen. Alle, die sie in die Finger bekommt. Buch fĂŒr Buch. Tausende mĂŒssen es inzwischen sein." Er stockt, löst seinen Blick aus ihrem, um ihn kurz ĂŒber seine Schulter zu schicken. Darauf wendet er sich wieder dem MĂ€dchen zu.
"Sie kennt so ziemlich alle Kniffe und Tricks der Kriminalgeschichte und -literatur", spricht er leise.
"Und?" fragt sie gebannt.
"Letzte Woche Mittwoch hat sie urplötzlich bemerkt, daß sie durch ihr kriminalistisches Wissen und ihre erlesene Erfahrung, absolut in der Lage ist, jeden Menschen, wo auch immer und wann auch immer, immer und ĂŒberall zu ermorden, ohne daß ihr irgendwer auf die Schliche kommt."
Da lacht das MĂ€dchen auf. "Och, kommen Sie, jetzt hören Sie aber auf. Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Das weiß ja sogar ich ..."
Das lĂ€chelnde Funkeln in seinen grĂŒnen Augen lĂ€ĂŸt sie verstummen.
"Frag sie", fordert er sie auf. "Geh rĂŒber zu ihr und frag sie doch, wie sie dich um die Ecke bringen wĂŒrde. Jetzt und hier. Ohne grĂ¶ĂŸere Probleme. Auf irgendeine Art und Weise. Und versuche dann, darauf zu erwidern. Es zu widerlegen. Nun los. Mach schon. Geh."
Sie sieht ihn gebannt an. Ihr Mund steht ein wenig auf. Angst beginnt sich in ihr zu regen. Oder ist es Unbehagen?
Noch drei Stationen. An dieser fÀhrt die Bahn gerade vorbei.
"StĂŒck Schokolade?"
Heftig schĂŒttelt sie den Kopf. "Nein", keucht sie.
Der Gammler lÀchelt sie an. "Der Mann, der uns am nÀchsten sitzt ..."
"Was ist mit ihm?" flĂŒstert sie schnell, als er nicht sofort weiterspricht. Hektisch schaut sie zu ihm hinĂŒber. Sein Kopf lehnt mĂŒde an der schwarzen Scheibe und schlĂ€ft. Sein Mund bildet einen ĂŒbertrieben schmollenden Bogen.
"Er war Clown", sagt der Gammler leise, fast flĂŒsternd. Er stand lange Zeit in der Manege. Bis zu dem Tag, an dem er merkte, daß die Menschen statt ĂŒber seine SpĂ€ĂŸe ... ĂŒber ihn lachen.
Damit wurde er nicht fertig. Seitdem sitzt er hier und denkt ĂŒber sich nach."
Das MĂ€dchen spĂŒrt eine kalte GĂ€nsehaut, die sich langsam ĂŒber ihren Nacken zieht und jedes Haar aufrichtet, das sie zu greifen bekommt. Die nochmals angebotene Schokolade des Alten ĂŒbersieht sie. Ihr Blick schweift zu der Frau herĂŒber, die einsam, wie die anderen auch, an einem der Fenster sitzt und hinausstarrt. Die Augen der Frau sind geweitet und ihr Unterkiefer zittert ein wenig, als wolle die Frau gleich losweinen.
"Was ist mit ihr?" fragt das MĂ€dchen und fĂŒhlt sich höchst unwohl bei dieser Frage und erst recht bei dem Gedanken an die Antwort darauf. Doch sie mußte es jetzt wissen.
Der Gammler schaut kauend hinter sich zu jener Frau herĂŒber.
"Och, die", sagt er, wendet sich ihr daumenleckend wieder zu und drĂŒckt sich SchokoladenkrĂŒmel von dem groben Stoff seines Mantels. "Die hat letztens Gott getroffen. ZufĂ€llig natĂŒrlich."
"Gott ...", wiederholt das MĂ€dchen wie abwesend. Der Alte nickt.
"Ja-a ... Sie war anschließend ganz schön enttĂ€uscht. Na ja, ist sie immer noch, wie man sieht. Nimmt sich das ganz schön zu Herzen."
Sie sieht den Gammler an.
"Warum erzÀhlen Sie mir das alles?"
"Oh", macht er. FĂŒr einen Augenblick schaut er richtig ratlos aus. Dann legt er den Kopf schief und blickt sie mit dunklen Augen an.
"Interessiert es Sie nicht?"
"Was hat das alles mit mir zu tun? Hat es etwas mit mir zu tun?" fragt sie sehr langsam. "Wer sind Sie?"
Er geht nicht darauf ein. Er schaut aus dem Fenster in die verregnete Finsternis hinaus. Sein Mund öffnet sich kurz, als wolle er etwas sagen. Doch hÀlt er inne und schaut sie wieder an.
"Weißt du," beginnt er, "ich halte es fĂŒr sehr unwahrscheinlich, daß irgend jemand nicht einen Teil, zumindest einen kleinen Teil von sich selbst als Leiche im Keller hat. Einen Teil von sich, von dem man nichts mehr wissen möchte, ĂŒber den man nur zu gerne hinwegsieht, den man am liebsten ganz vergessen will. Viele vergessen ihn auch. Oder besser: sie verdrĂ€ngen ihn.
Diejenigen, die ihn nicht so recht verdrÀngen können, die fahren alle irgendwann mal hier mit uns mit. -- Und denen biete ich dann meine Schokolade an."
"So, wie ... mir?"
Der Alte nickt.
"Aber ... aber ich ... Ich kenne mich doch."
"Oh, aber nein, nicht doch, niemand kennt sich selbst richtig", sagt er bedauernd. "Du kennst nur die, die du zu sein hoffst. Du selbst bist eine ganz andere. Du spielst dich selbst an dir vorbei. Versuchst du nicht die ganze Zeit schon, mich zu verstehen, mein liebes MĂ€dchen? - Das kannst du aber nicht. Du siehst mich reden und verstehst mich doch nicht. Wann lernst du endlich, daß du taub bist, mein MĂ€dchen? Du schiebst mir deine eigenen Worte in den Mund und gibst einem völlig betrunkenen Gammler, der dir gegenĂŒber sitzt und dir immer wieder Schokolade anbietet, irgendwelche Antworten, die gar nicht zu seinem lallenden Monolog passen, in dem er sich bei dir immer wieder fĂŒr seine Betrunkenheit entschuldigt.
Was glaubst du, wie verwirrt er ist? Denk mal darĂŒber nach, was mit deinen Freunden von heute abend war, die du ja schon sooo lange kennst. -- Ach, mein armes MĂ€dchen ..." Daraufhin fĂ€llt sein Blick auf das Schild der Haltestelle draußen. "Heimbruch. Du mußt raus. Beeile dich. Deine Eltern warten schon auf dich."
Er erhebt sich kurz und drĂŒckt fĂŒr sie auf den Halteknopf ĂŒber dem Fenster. "Geh, mein MĂ€dchen. Noch kannst du. Überlasse deinen Platz denjenigen, die ihn nötiger haben."
Sie schaut nach draußen und sieht durch den wĂ€sserigen Schleier vor ihren Augen das Haltestellenschild in der Dunkelheit leuchten. Sie erhebt sich und wendet sich etwas taumelnd der TĂŒr zu. Doch dann dreht sie sich noch einmal um.
"Aber ... ich ...", beginnt sie weinend, doch sie hört sich nicht. Die ganze Zeit hat sie nichts gehört. Nur ihre Gedanken.
Der Gammler schaut sie mit seinen hellblauen Augen an und wiegt lÀchelnd den Kopf hin und her.
"Geh", formen seine Lippen. Sie liest das Wort ab. Wie sie es damals lernen mußte. "Wir fahren noch ein StĂŒckchen weiter. Nimm doch noch ein StĂŒck Schokolade mit auf den Weg ..."

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Ja, etwas unheimlich, hat aber eine gewisse Stimmung, die fĂŒr diesen Autor so typisch ist. Die Leute sind bidhaft dargestellt, Dialog ist sehr lebendig.

Mit freundlichen GrĂŒssen

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maskeso
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Göttlich. Ein echter Favorit.
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Die Hölle sind wir selbst.

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Guest
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Was soll die Anspielung? Er schreibt einfach sehr NORMAL, ohne Doppeln-Moppeln und daher sehr schön.

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maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

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Welche Anspielung?????????????????????????????????

sag nicht, du meinst "Zweifel sind erlaubt"


Ich finde diese Geschichte göttlich, und zwar ganz ohne irgendwas anderes zu implizieren. JA.
__________________
Die Hölle sind wir selbst.

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Guest
Registriert: Not Yet

Also, dann ist es i.O.

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