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Leselupe.de > Erzählungen
Der Gammler
Eingestellt am 05. 10. 2003 13:31


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Markus Veith
Routinierter Autor
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Die Karte zuckt leise zwischen ihren Fingern, als der Stempel in dem Metallkasten das freie Feld entwertet. Noch ein wenig aus der Puste lässt sich das Mädchen auf eine der vielen freien Bänke plumpsen. Sie lehnt den triefenden, blauen Regenschirm an die Ablage unter dem Fenster. Die Tropfen rinnen am Stoff herunter und sammeln sich in einem zierlichen See am Boden, der rasch zu einer Pfütze heranwächst.
Mit einem sanften Vibrieren setzt sich die Straßenbahn in Bewegung; pünktlich um dreiundzwanzig Uhr fünfunddreißig, wie sie mit einem Blick auf die Armbanduhr bemerkt. Vor zwölf wird sie nicht mehr nach Hause kommen, wie sie es ihren Eltern gesagt hatte. Aber weshalb sollte sie gehen, wenn es gerade am schönsten ist? Von diesem albernen Sprichwort hält sie überhaupt nichts. Schließlich trifft sie ihre alten Freundinnen und Freunde nur so selten.
Mit der Hand fährt sie sich durch ihre klammen, dunklen Locken und betrachtet in der düsteren Fensterscheibe ihr Spiegelbild, das sich ihr dort zeigt, nur aus Licht und Schatten bestehend. Das langsame Verglimmen der Großstadtbeleuchtung hinter der Scheibe müht sich ab, sich durch das nasse Mosaik der Wassertropfen auf dem Glas in den Wagen zu streuen. Doch kommt es gegen die kaltweißen Neonröhren schwerlich an.
Sie schaut sich um. Es sitzen mit ihr nur noch sehr wenige Leute in der Bahn. Sieben Personen, vier Frauen und drei Männer, davon ein Pärchen, das sich in die hinterste Ecke verkrümelt hat und dort eifrig herumknutscht.
Sie werden bald abbrechen müssen, denkt sie bei sich. Dies ist die letzte Bahn heute nacht.
Sanft bremst der Wagen ab und hält an der nächsten Haltestelle. Johanneskirche/City. Das Pärchen erhebt sich und der Junge drückt auf den Knopf bei der Tür, ohne dabei vom Mund seiner Freundin abzulassen. Die Schwingtür öffnet sich. Zum Aussteigen müssen sich die beiden Verliebten allerdings doch voneinander trennen. Sie lachen ausgelassen.
Komisch, denkt sie. Darauf, dass die beiden auch früher aussteigen könnten, ist sie gar nicht gekommen. Schade eigentlich. Bis zum Ende durchfahren und erst dann aus dem Liebestaumel wieder aufsteigen, wenn der Straßenbahnfahrer sie hinausbittet, – das wäre viel romantischer und witziger. Lächelnd zuckt sie die Schultern. Schade eigentlich. Sie mag es, knutschende Paare zu beobachten.
Eine dunkle Gestalt nähert sich draußen etwas taumelnd der Bahn und drückt auf den Knopf der Tür ihr gegenüber. Sie kann zuerst nicht genau erkennen, um wen es sich handelt. Erst als er einsteigt und sich stolpernd die zwei Stufen empor müht.
Der alte Gammler nimmt in derselben Sitznische Platz, in der auch sie sitzt; ihr schräg gegenüber. Sehr begeistert ist sie im ersten Moment nicht davon. Obwohl der Alte richtig knuffig aussieht in seinem betagten, verflickten, langen Mantel und mit dem karierten Stoffhut auf dem Kopf. Jedoch schwebt auch eine leise, promillegetränkte Fahne zu ihr herüber, die sie ihre Nase rümpfen und ihre Miene zunächst etwas verfinstern lässt.
Der alte Mann beugt sich vor, um die vollgestopfte Plastiktüte zwischen seine Beine zu stellen und durch das Fenster in die nasse Innenstadt hinauszuschauen, dem Pärchen nach. Eng umschlungen verschwindet es in diesem Moment hinter der verglasten Schaufensterecke eines Juweliers. Kurz vorher hat es noch für einige Augenblicke die Auslage bewundert, regenverborgen unter der Jeansjacke des Jungen.
Der Opa entblößt lächelnd eine Reihe gelblich weißer Zähne. „Schade, dass sie nicht geblieben sind“, murmelt er in seinen Bart, der aus kurzen, grauen Stoppeln besteht, die unter dem Kinn in einem dicken, durchlöcherten Wollschal verschwinden.
Das Mädchen hebt überrascht die Brauen und lächelt auch. Sie kann nicht sagen, warum und weshalb, aber dieser alte Mann ist ihr sympathisch. Trotz der leichten Alkoholfahne und dem etwas schmuddeligen Aussehen. „Das habe ich auch eben gedacht“, sagt sie. „Wie sonderbar, dass Sie das auch denken, obwohl Sie sie doch vorher gar nicht gesehen haben.“
Er blickt sie verwirrt an. „Aber ich kenne die beiden doch“, behauptet er, als sei es selbstverständlich.
„Oh.“ Wieder eine Situation, an die sie überhaupt nicht gedacht hat.
Langsam fährt die Bahn weiter.
„Nein, nein, ich kenne sie nicht persönlich“, wirft der Alte lächelnd ein. „Ich weiß nur über die beiden Bescheid.“
Das Mädchen nickt verständnisvoll, obwohl sie nicht so recht begriffen hat, was er genau meint.
„Ja“, brummelt der Alte. „Er tut mir leid ... Nur noch zwei Wochen ...“ Seine blauen Augen schauen traurig in den Regen hinaus.
„Was ist denn dann?“ fragt sie. Ihre Neugier ist geweckt.
Der Gammler lehnt sich zurück und schüttelt traurig, die Stirn runzelnd, den Kopf. „Nein“, sagt er „Das gehört nicht hierher. Noch nicht.“ Bedächtig nimmt er den Stoffhut ab und legt ihn neben sich auf das Polster. Ihr Blick fällt auf sein schon recht lichtes, grauschimmerndes Haupthaar. Dann greift seine Hand in eine innere Tasche des verflickten Mantels und holt eine Nickelbrille heraus. Er haucht die kreisrunden Gläser beschlagen und beginnt, sie mit dem fransigen Ende des Wollschals zu polieren.
Das Mädchen beobachtet seine Hände. Sie stecken in schwarzen Handschuhen, deren Fingerhüllen fehlen. Kleine Wasserperlen haften noch an dem Stoff. Es sind sehr gepflegte Hände. Auf den Oberflächen seiner Finger wachsen kleine Grüppchen kurzer, schwarzer Härchen. Und er hat saubere Fingernägel. Völlig unpassend für ihn, wie sie findet.
Ihr Blick hebt sich mit der sauberen Brille auf seine Nase und sie bemerkt, dass der Opa sie anlächelt. Sie lächelt zurück.
Da schleicht mit einem Male etwas sehr Nachdenkliches in das raue Gesicht des Mannes. Er verschränkt die Arme, um gleich darauf mit der rechten Hand sein unrasiertes Kinn zu reiben. „Ich glaube, ich kann dir helfen, Mädchen“, sagt er und mustert sie dabei aus verengten Augen.
Sie ist völlig perplex. „Mir?“ stammelt sie.
„Gewiss“, sagt der Gammler und beginnt, in der Plastiktasche zwischen seinen ausgelatschten Schuhen herumzukramen. „Schokolade?“ Er präsentiert ihr die halboffene Tafel, von der schon einige Riegel fehlen. Sich selbst bricht er zwei Stücke ab und schiebt sie sich in den Mund.
Das Mädchen schüttelt heftig den Kopf. Ihr Lächeln zuckt verkrampft. „Nein, danke.“
Der Alte hebt kurz die Schultern, öffnet die Packung ganz und legt sie neben sich auf die Bank. „Vielleicht ja später“, murmelt er. „Aber das ist es nicht, was ich meinte.“ Sein Zeigefinger unterstützt seine Verneinung.
„Aha“, macht sie und fragt sich, ob es mehr überrascht oder eher fragend klingt.
Er nickt nur, da er schlucken muss. „Wissen Sie ...“ Er faltet die Hände im Schoß und beugt sich zu ihr vor. Seine Fahne schwappt extremer auf sie ein. Doch dann hält er inne und schaut über die Schulter durch das hinter ihr liegende Abteil. Die Bahn fährt an einer Haltestelle vorbei, weil niemand ein- oder aussteigen will. Die zwei Männer und drei Frauen, die in sich gekehrt auf ihren Fensterplätzen sitzen, werden in ihrer Apathie nicht gestört.
Der alte Mann zieht eine Schnute und überlegt sichtlich, wie er das, was er sagen will, wohl besser ausdrücken könnte. „Lassen Sie mich Ihnen einige Geschichten erzählen“, sagt er schließlich langsam und grüblerisch, ohne sie dabei anzusehen. Bevor er fortfährt, stopft er sich ein weiteres Stück Schokolade in den Mund. „Sehen sie den jungen Mann, hinten links?“ fragt er kauend, ohne zurückzublicken.
Natürlich sieht sie ihn. Er ist ihr schon vorhin aufgefallen. Ein sehr gut aussehendes Kerlchen mit dunkelblonden, kurzen, etwas wirren Haaren. Aber er ist unrasiert und nagt heftig am Daumennagel.
„Der Junge ist vor kurzem Vater geworden“, sagt der alte Mann.
„Oh“, meint das Mädchen. „Dafür ist er aber noch jung. Der ist doch höchstens zwanzig.“
„Er ist achtzehn“, entgegnet der Gammler. „Er hat sein Kind aber noch nie gesehen und wird es auch niemals zu sehen bekommen.“
„Warum?“ will das Mädchen wissen.
„Nun, das war so ...“, beginnt er und lehnt sich zurück. „Die Mutter des Kindes war mal auf einer ... Fete? So sagt man wohl. Dort lernte sie auch jenen jungen Mann da hinter mir kennen. Sie hatten beide ziemlich viel getrunken und ... na ja, sie flirtete heftig mit ihm und er auch mit ihr und ...“ Er fuchtelt unbeholfen mit den Händen. „Es kam halt eins zum anderen und da ...“
„Ah ja“, macht das Mädchen. „Verstehe.“
„Ja“, sagt der Opa erleichtert. „Jedenfalls wurde sie schwanger. Und der Junge dort war der Vater.“
„Nun, das ist Pech“, urteilt das Mädchen schulterzuckend. „Selbst Schuld. Hätten ja beide aufpassen können. Muss er halt die Konsequenzen mittragen.“
„Will er ja auch“, sagt der alte Mann und sie sieht ihn fragend an.
Die Bahn passiert eine Haltestelle, ohne anzuhalten.
„Der Junge kommt aus einem guten, reichen Haus. Und er liebte das Mädchen. Er liebte es wirklich. Er wollte für beide sorgen. Für die Mutter und für das Kind. Das Mädchen ist ebenfalls noch sehr jung. Mitte siebzehn. Aber sie ist auch stolz. Sie weiß, was sie will. Und für das, was sie will ... nun, dafür ist sie für ein Kind einfach zu jung. – Sie hat es zur Adoption freigegeben und es in ein entferntes Kinderheim gesteckt, um dem Jungen jeden Weg aussichtslos zu machen, an die Vaterschaft zu kommen. Wenn sie schon nicht die Mutter sein kann beziehungsweise will, soll der Vater auch nicht Vater werden.“
„Wie dumm“, wirft das Mädchen ein. „Wer weiß, ob das Kind jemals Eltern bekommt?“
Der Alte hebt die Schultern. „So ist es aber. Da vorne sitzt ein Vater, der weiß, dass er ein Vater ist und es auch sein will, aber nicht darf. Nicht kann. Er weiß, irgendwo ist sein Kind. Doch kommt er nicht an sein Kind heran, kennt nicht dessen Geschlecht, geschweige denn dessen Namen. – Stück Schokolade?“
Sie schüttelt fassungslos den Kopf. „Mein Gott“, murmelt sie.
„Tja“, sagt der Alte kauend. „Sehen Sie die Frau in der Vierersitznische?“ Er nickt schräg hinter sich. „Die so abwesend aus dem Fenster starrt.“
„Ah“, nickt das Mädchen erkennend. „Ja?“
„Weißt du, sie ist Straßenbahnfahrerin“, lächelt er. Dann dämpft er die Stimme. „Sie hat ein Problem. Sie fährt jeden Tag diese Linie hier, die 45. Zwischen Heimbruch Endstelle und Tonnstett Schleife. Zumindest in den letzten Wochen. Die Strecke führt wie alle Bahnlinien, direkt durch die Innenstadt. Jeden Tag eine stressige Rush-our. Jede Schicht eine.“
„Na und? Es ist ihr Job, mit diesem Stress fertig zu werden“, sagt das Mädchen.
„Da hast du schon recht“, stimmte ihr der Gammler zu. „Aber das wäre auch nicht ihr Problem. Ihr Problem ist, dass während des Feierabendverkehrs eben niemand mehr mit ihr fährt.“
Das Mädchen zieht die Stirn kraus. „Wie? Fährt sie so schlecht?“
„Nein. Sie versteht es ja auch nicht. Sie fährt nicht besser und nicht schlechter als jeder andere ihrer Kollegen auch. Sie schummelt auch nicht beim Fahrkartenverkauf. Im Gegenteil. Es ist sogar so, dass während des ganzen Tages ihre Bahn rappelvoll ist. Dass die Leute in Pulks an den Haltestellen warten und sich stehend dicht an dicht im Wagen zusammendrängeln müssen, damit alle mitfahren können. Aber zur Hauptverkehrszeit, zu Ladenöffnung oder Ladenschluss, wenn der meiste Andrang herrscht, ist ihre Bahn total leer. Kein einziger Fahrgast. Erst recht nicht in der Innenstadt. Die Leute stehen zu Dutzenden vor den offenen Türen der angehaltenen Bahn und steigen nicht ein. Es ist, als ob niemand ihre Bahn sieht. Und das ist nicht bloß bei ihrer jetzigen Linie 45 so. Nein, nein, bei jeder Strecke, die sie in den letzten Wochen und Monaten fährt.“
„Das glauben Sie doch selbst nicht. Wie soll das denn zugehen?“ widersprach das Mädchen dem Alten skeptisch.
„Oh, wenn du mir nicht glaubst, junges Fräulein, dann frage die Dame doch. Aber sachte. Gib acht, dass sie nicht wieder anfängt zu weinen und zu schreien. Das hat sie heute morgen getan. Hat verzweifelt versucht, die Leute in ihre Bahn zu bitten. Wollte aber niemand.“ Wieder zuckt er bedauernd mit der Schulter. „Jetzt Schokolade?“
Sie verneint wortlos, völlig in verwirrten Gedanken versunken. Der Gammler bricht sich ein weiteres Stück ab und verleibt es sich ein.
„Wieso erzählen Sie mir das?“ fragt sie. „Was hat das mit mir zu tun? Vor allem: Woher wollen Sie das über diese Menschen wissen?“
Der Gammler schaut ihr direkt in die Augen. Hatte er nicht blaue? Sie sind braun.
Die Bahn fährt rumpelnd weiter und weiter.
„Die Oma mit dem Buch. – Sehen Sie sie?“ fragt er, ohne seinen Blick aus dem ihren zu nehmen.
Sie nickt, unfähig, von seinen Augen abzulassen. Die offene Antwort auf ihre Frage ist ihr plötzlich unwichtig geworden.
„Sie ist über achtzig. Seit ihrer Jugend liest sie mit wachsender Begeisterung Kriminalromane. Einen nach dem anderen. Alle, die sie in die Finger bekommt. Buch für Buch. Tausende müssen es inzwischen sein.“ Er stockt, löst seinen Blick aus ihrem, um ihn kurz über seine Schulter zu schicken. Dann wendet er sich wieder dem Mädchen zu. „Sie kennt so ziemlich alle Kniffe und Tricks der Kriminalgeschichte und -literatur“, spricht er leise.
„Und?“ fragt sie gebannt.
„Letzte Woche Mittwoch hat sie urplötzlich bemerkt, dass sie durch ihr kriminalistisches Wissen und ihre erlesene Erfahrung, absolut in der Lage ist, jeden Menschen, wo auch immer und wann auch immer, immer und überall zu ermorden, ohne dass ihr irgendwer auf die Schliche kommt.“
Das Mädchen prustet los. „Och, kommen Sie, jetzt hören Sie aber auf. Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Das weiß ja sogar ich ...“ Das lächelnde Funkeln in seinen grünen Augen lässt sie verstummen.
„Frag sie“, fordert er sie auf. „Geh rüber zu ihr und frag sie doch, wie sie dich um die Ecke bringen würde. Jetzt und hier. Ohne größere Probleme. Auf irgend eine Art und Weise. Und versuche dann, darauf zu erwidern. Es zu widerlegen. Na, los. Mach schon. Geh.“
Sie sieht ihn gebannt an. Ihr Mund steht ein wenig auf. Unbehagen beginnt sich in ihr zu regen. Oder ist es Angst? Noch drei Stationen. An dieser fährt die Bahn gerade vorbei.
„Stück Schokolade?“
Heftig schüttelt sie den Kopf. „Nein“, keucht sie.
Der Gammler lächelt sie an. „Der Mann, der uns am nächsten sitzt ...“
„Was ist mit ihm?“ flüstert sie schnell, als er nicht sofort weiterspricht. Hektisch schaut sie zu ihm hinüber. Sein Kopf lehnt an der Scheibe. Sein Mund bildet einen übertrieben schmollenden Bogen.
„Er war Clown“, sagt der Gammler leise, fast flüsternd. Er stand lange Zeit in der Manege. Bis zu dem Tag, an dem er merkte, dass sein Publikum gar nicht über seine Späße lacht ... sondern über ihn. – Damit wurde er nicht fertig. Seitdem sitzt er hier und denkt über sich nach.“
Das Mädchen spürt eine Gänsehaut, die langsam über ihren Nacken zieht und jedes Härchen aufrichtet, das sie zu greifen bekommt. Die nochmals angebotene Schokolade des Alten übersieht sie. Ihr Blick schweift zu der Frau herüber, die einsam, wie die anderen auch, an einem der Fenster sitzt und hinausstarrt. Die Augen der Frau sind geweitet. Ihr Unterkiefer zittert, als wolle sie gleich losweinen.
„Was ist mit ihr?“ fragt das Mädchen, fühlt sich aber höchst unwohl bei der Frage und erst recht bei dem Gedanken an die Antwort darauf. Aber sie muss es jetzt wissen.
Der Gammler schaut kauend hinter sich zu jener Frau herüber. „Och, die“, sagt er und wendet sich ihr daumenleckend wieder zu. „Die hat letztens Gott getroffen. Zufällig natürlich.“ Er drückt sich Schokoladenkrümel von dem groben Stoff seines Mantels.
„Gott ...“, wiederholt das Mädchen wie abwesend.
Der Alte nickt. „Ja, ja. Sie war anschließend ganz schön enttäuscht. Na ja, ist sie immer noch, wie man sieht. Nimmt sich das alles sehr zu Herzen.“
Sie sieht den Gammler an. „Warum erzählen Sie mir das alles?“
„Oh.“ Für einen Augenblick schaut er ratlos aus. Dann legt er den Kopf schief und blickt sie mit dunklen Augen an. „Interessiert es Sie nicht?“
„Was hat das alles mit mir zu tun? Hat es etwas mit mir zu tun?“ fragt sie langsam. „Wer sind Sie?“
Er geht nicht darauf ein. Er schaut aus dem Fenster in die verregnete Finsternis hinaus. Sein Mund öffnet sich kurz, als wolle er etwas sagen. Doch hält er inne und schaut sie wieder an. „Weißt du“, beginnt er, „ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass irgend jemand nicht einen Teil, zumindest einen kleinen Teil von sich selbst als Leiche im Keller hat. Den Teil von sich, von dem man nichts mehr wissen möchte, über den man nur zu gerne hinwegsieht, den man am liebsten vergessen will. Viele vergessen ihn auch. Oder besser: Sie verdrängen ihn. – Aber diejenigen, die ihn nicht verdrängen können, die fahren alle irgendwann mal hier mit uns mit. Und denen biete ich dann meine Schokolade an.“
„So, wie ... mir?“
Der Alte nickt.
„Aber ... aber ich ... Ich kenne mich doch.“
„Oh, aber nein, nicht doch. Niemand kennt sich selbst in und auswendig“, sagt er bedauernd. „Du kennst nur die, die du zu sein hoffst. Du selbst bist eine ganz andere. Du spielst dir selbst was vor, mein liebes Mädchen. Versuchst du nicht schon die ganze Zeit, mich zu verstehen? – Das kannst du aber nicht. Du siehst mich reden und verstehst mich doch nicht. Wann lernst du endlich, dass du taub bist, mein Mädchen? Du schiebst mir deine eigenen Worte in den Mund und gibst einem völlig betrunkenen Gammler, der dir gegenüber sitzt und dir immer wieder Schokolade anbietet, irgendwelche Antworten, die gar nicht zu seinem lallenden Monolog passen, in dem er sich bei dir immer wieder für seine Betrunkenheit entschuldigt. – Was glaubst du, wie verwirrt er ist? Denk mal darüber nach, was mit deinen Freunden von heute abend war, die du ja schon sooo lange kennst. – Ach, mein armes Mädchen ...“
Daraufhin fällt sein Blick auf das Schild der Haltestelle draußen. „Heimbruch. Du musst raus. Beeile dich. Deine Eltern warten schon auf dich.“ Er erhebt sich kurz und drückt für sie auf den Halteknopf über dem Fenster. „Geh jetzt besser. Noch kannst du. Überlasse deinen Platz denjenigen, die ihn nötiger haben.“
Sie schaut nach draußen und sieht durch den wässerigen Schleier vor ihren Augen das Haltestellenschild in der Dunkelheit leuchten. Sie erhebt sich und wendet sich wankend der Tür zu, dreht sich aber noch einmal um. „Aber ... ich ...“, beginnt sie weinend, hört sich jedoch nicht. Nur ihre Gedanken. Wie schon die ganze Zeit über.
Der Gammler schaut sie mit seinen hellblauen Augen an. „Nun geh schon nach Hause“, formen seine Lippen. Sie liest die Worte ab, wie sie es hat lernen müssen. „Wir fahren noch ein Stückchen weiter. Nimm doch noch ein Stück Schokolade mit auf den Weg ...“



Oktober – November 1994
überarbeitet im Juni 2003


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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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GabiSils
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Danke fürs Einstellen, Markus! Meine "10" hast du schon

Gruß,
Gabi

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wondering
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Hallo Markus,

eine schöne und tiefe Geschichte, die du wie immer sehr detailgetreu und erzählerisch flüssig geschrieben hast. Diesmal frage ich mich allerdings, ob du dich für die Aussage der Geschichte nicht zu sehr in Details verstrickt hast, die eigentlich nicht wichtig sind für die Szenerie. An manchen Stellen wirkt die Erzählung m.E. dadurch zu aufgeblasen.

Zweierlei habe ich nicht verstanden (was durchaus an mir liegen kann):
warum spricht der Gammler das Mädchen mittendrin per "sie" an und sonst mit du?
wozu lässt du den Gammler die Augenfarbe wechseln? soll damit das "Göttliche" unterstrichen werden?

Und dann noch drei Kleinigkeiten:
- "wenn es gerade am Schönsten ist"
- promillegetränkt würde ich durch alkoholgetränkt ersetzen, denn Promille kann man nicht riechen
- "durch ihr kriminalistisches Wissen und ihre erlesene Erfahrung," -"erlesen" würde ich durch "angelesen" ersetzen, denn erlesen ist ja eigentlich etwas Anderes...

Insgesamt hatte ich viel Freude an mal einem ganz anderen "Veith"

Viele Grüße
wondering
__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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