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Leselupe.de > Erzählungen
Der Geschichtenerzähler von Tralee
Eingestellt am 28. 04. 2003 13:39


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hades
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Der Geschichtenerzähler von Tralee

Lange Zeit bevor Fernseher die Wohnstuben und Pubs in Irland verseuchten, fiel den Geschichtenerzählern die Aufgabe zu die Menschen zu unterhalten. Die Dörfler versammelten sich allabendlich in der Lounge des Pubs um den Kamin, um der Erzählungen des Storytellers zu lauschen. Es geschah nicht selten, dass sich die Geschichte eines guten Erzählers über mehrere Tage hinzog. Stunden vorher schon fieberte man dem Abend im Pub entgegen, um die Fortsetzung zu hören. Das Ale floss in Strömen und mit jeder Pint wurde die unheimliche Geschichte unheimlicher, die Mysteriöse mysteriöser und Witzige witziger.
Meist waren es alte, erfahrene Männer, die das Beste zu erzählen hatten, und niemand wusste, ob sie die Geschichten erfunden oder erlebt hatten.
Heute finden an vielen Orten in Irland jährlich die so genannten „Storyteller Festivals“ statt. Die Geschichtenerzähler des Landes kommen an diesen Tagen zusammen, um die alte schöne Tradition für kurze Zeit wieder aufleben zu lassen. Die Menschen in den Dörfern vergessen dann ihre Fernseher oder sonstigen Zeitkiller und kommen, wie in alten Zeiten, zusammen, um der alten Art zu huldigen.
Eines Tages, während eines solchen Festivals, saß ich im alten ‚Joyces’ in Kiltimagh, jene Zeit, als Anny Joe, die alte Dame mit dem jungmädchenhaften Lachen, und ihre Schwester noch die Landladies dort waren, als ein soeben angekündigter Erzähler alter Tradition aus Tralee von der Grafschaft Clare den Gastraum betrat. Er war hier bekannt und als er mit Applaus empfangen wurde, wusste auch ich, dass er es war. Unmittelbar versammelten sich die Besucher im Kreis um den Künstler, der auf einem erhöhten Stuhl Platz genommen hatte. Ich hatte damals den Namen dieses Mannes vergessen; umso lebendiger war die Geschichte, die er erzählte:
„Sie kennen mich als seriösen Erzähler, dem nie der Stoff für eine Geschichte ausgeht. Sie wissen vielleicht auch, dass ich immer alles selbst erlebt habe, was ich erzähle. Aber selbst diejenigen, die mich kennen, werden nicht glauben, was mir vor langer Zeit passiert war.
Ich war noch ein verhältnismäßig junger Mann, als ich bereits als Geschichtenerzähler lokalen Ruhm erworben hatte. Jung und Alt, viele sogar wesentlich älter als ich, kamen allabendlich ins Pub unseres Dorfes zusammen, um meinen Geschichten zu lauschen. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich bereits ein Meistererzähler war. Dann passierte es: Es war ein St. Patricks Day, als mir plötzlich bewusst wurde, dass all meine Geschichten nun bekannt waren und ich nichts mehr zu erzählen hatte. Ausgerechnet an jenem Tage erwartete jeder von mir etwas Spannendes oder Lustiges. Da ich mich diesem Erwartungsdruck nicht gewachsen fühlte, packte ich das Nötigste zusammen und verließ wie verbannt mein Heimatdorf, um der erwarteten Schande zu entgehen.
Viele Wege war ich seitdem gegangen und an etlichen Orten hatte ich mich als Tagelöhner verdingt; doch nie hatte ich es versucht, mich wieder mit meiner Kunst zu ernähren. Eines Tages kam ich auch hierher nach Kiltimagh; niemand kannte mich seinerzeit hier. Es war spät, als ich eintraf, und die Pubs hatten bereits geschlossen. Nur hier im Joyces hörte ich noch Stimmen. Ich klopfte an die Tür, erst vorsichtig, dann forsch und zuletzt unverschämt, ich brauchte eine Unterkunft für jene Nacht. Endlich öffnete eine alte Dame die Tür, schätzte mich mit einem kurzen Blick ab und zog mich unvermittelt am Handgelenk in das Pub.
Hier war noch der Teufel los; der kleine Raum war prall gefüllt und unzählige Stimmen schwirrten im Raum. Ich trank etliche Pints und war sehr guter Dinge, als ich bemerkte, dass außer mir bereits alle Gäste gegangen waren. Die alte Dame stand neben mir und sagte:
‚Ich weiß nicht, was sonst du suchst, aber ich nehme an, dass du zumindest eine Schlafgelegenheit für diese Nacht brauchst, die kann ich dir geben.’
Ihr könnt euch vorstellen, wie dankbar ich war dieses Angebot erhalten zu haben.“
Der Geschichtenerzähler verneigt sich in Richtung Anny Joes und sagt:
„Deine Mutter war eine großartige Frau, Ann.“
Anny Joe zeigte ihr schönstes Jungmädchenlächeln.
„Nun ja“, fuhr der Geschichtenerzähler fort, „die alte Dame führte mich zwei enge Treppen nach oben in einen Raum, den ich für mein Leben nicht vergessen werde. Am gegenüberliegenden Ende unter der Decke sah ich einen großen Wasserkasten, der laut gluckerte. Rechts stand eine Liege, die mit einer Spitzen beschlagenen Decke abgedeckt war. Ein altertümlicher Schrank enthielt verschnörkelte fromme Gegenstände. Auf einem Tisch, der mitten im Raum stand, lagen vielerlei Arten von Utensilien, deren Nutzen ich nicht einzuordnen vermochte. Anny Joes Mutter lud mich ein, es mir auf dem Bett bequem zu machen.
Als sie gegangen war, legte ich mich sofort hin, das Gluckern, mal mehr, mal weniger, ließ mich aber lange nicht einschlafen. Plötzlich schreckte ich hoch; ich musste letztendlich doch eingeschlafen sein. Mir war, als ob ich unten im Pub Geräusche gehört hätte; tatsächlich polterte es in diesem Moment von unten. Ich glaubte, dass jemand aus diesem Haus noch arbeiten würde und drehte mich zur Seite, um weiter zu schlafen; dann ertönte ein schriller Schrei, als ob jemand um sein Leben fürchtete. Ich saß senkrecht im Bett und richtete meine Aufmerksamkeit nach unten. Von dort drangen nun hastig flüsternde Stimmen nach oben. Mir wurde unheimlich und ich versuchte die Lampe auf dem Tisch zu finden. Im Raum war es stockfinster, so dass ich nach ihr tasten musste. Ich war sicher, sie dort gesehen zu haben, doch meine Hände konnten sie nicht finden. Dann durchbrach ein noch markerschütternder Schrei die Finsternis, so dass ich mich reflexartig abduckte. Mein Körper bebte vor Angst und ich versuchte mir plausible Erklärungen zurecht zu legen; alle Möglichkeiten, die ich ersann, überzeugten mich nicht. Ich hörte halblautes Gemurmel; es mussten mindestens ein Dutzend Männer dort unten sein.
Nachdem ich eine ganze Weile in geduckter Haltung verbracht hatte, fasste ich all meinen Mut zusammen und beschloss, mich hinunter zu schleichen und nachzuschauen. Mir war nicht wohl in meiner Haut, dennoch schaffte ich es, mich bis vor die Tür zum Pub zu schleichen. Es schwoll ein seltsames Getöse aus diesem Raum und es schien, als ob dieses nicht von menschlichen Stimmen herrührte; dann gellte wieder ein Todesschrei und zuckte mir durch das Mark. Kalter Schweiß perlte auf meiner Stirn. Ich war weder in der Lage zu flüchten, noch das Pub zu betreten; erstarrt stand ich dort und umklammerte den Türgriff. Dann sagte eine männliche Stimme:
„Da ist doch jemand an der Tür, ich rieche es.“
Mich packte das kalte Entsetzen; ich war entdeckt.
„Wollen wir ihn nicht zu uns einladen?“, vernahm ich von einer anderen Stimme, „dann muss er nicht länger wie ein Dieb an der Tür lauschen.“
„Ja, holen wir ihn zu uns“, meinte ein Dritter, „soll er uns sagen, warum er uns bespitzelt.“
„He du“, rief ein anderer, „komm herein und zeige dich, wenn du nicht zu verbergen hast.“
Obwohl ich vor Angst wie gelähmt war, bewegte sich mein Körper mechanisch, ohne meinen Willen aber auch ohne dass ich es noch hätte verhindern können; ich konnte mich nicht mehr entziehen.
Mitten im Pub stand ein großer runder Tisch, um den tatsächlich zwölf grimmige Männergestalten saßen. In der Mitte brannte die Lampe, die ich oben in meinem Schafraum nicht mehr finden konnte. Von der gequälten Frau, die ich hier vermutete, sah ich keine Spur. Einer zeigte auf einen dreizehnten leeren Stuhl und sagte:
„Wie damals hattest du dich hinter der Tür versteckt, um dich deiner Aufgabe zu entziehen? Setze dich! Wir haben auf dich gewartet; jetzt sind wir vollzählig.“
Diese Aussage ging mich noch seltsamer an als das Vorhergegangene. Ich versuchte mir die Beklemmung nicht anmerken zu lassen und setzte mich, wie geheißen. Der gleiche Sprecher fuhr fort:
„Heute jährt sich zum siebenhundertsten Mal der Tag, an dem unser Bruder Georg McOlean von seiner Gattin Máire heimtückisch ermordet wurde. Wir übrigen dreizehn Brüder hatten diese Schlange überführt, sie verurteilt und enthauptet. Aus diesem Anlass kommen wir alle einhundert Jahre hier zusammen, um von der verdammten Máire das Geständnis zu erzwingen. Dieses haben wir soeben erhalten.“
Dann richtet er seinen Blick zu mir und sagt:
„Bruder Jeremias, du bist gerade wieder einmal zur rechten Zeit gekommen, um das Urteil erneut zu vollstrecken; du weißt, dass deine Hand das Schwert der Rache führt.“
Kalter Schweiß stand mir auf dem Rücken; ich war hier unter Verrückte geraten. Unter einem irren Vorwand hatte man eine arme Frau gequält, um dieses so genannte Geständnis zu erzwingen; ich konnte diese Todesschreie nun einordnen. Jetzt sollte ich dieses bedauernswerte Wesen ermorden.
„Hole die Delinquentin, „sagte der Sprecher zu einem seiner Brüder. Dieser erhob sich und verschwand in den hinteren Raum. Wenige Sekunden später führte er eine junge Frau mit einem blutbefleckten weißen Gewand herein; ihre Augen waren mit einer schwarzen Binde verbunden. Es war eine sehr hübsche Frau, doch ihr Gesicht hatte den gequälten Ausdruck einer Geschundenen. Der ‚Bruder’ nahm ihr die Binde von den Augen und setzte sich wieder auf seinen Platz. Da erhob sich der Sprecher und verkündete:
„Máire McOlean, du bist des heimtückischen Gattenmordes überführt.“
Bei diesen Worten verdüsterte sich Máires Gesicht, und zu meinem Erstaunen erkannte ich Schuld darin.
„Aus diesem Grunde verurteilen wir dich zum Tode durch Enthaupten. Unser Bruder Jeremias wird dieses Urteil vollstrecken.“
Die Brüder im Kreis nickten und murmelten:
„So sei es.“
Die Männer erhoben sich von ihren Stühlen; ich tat es ihnen nach. Einer von ihnen verschwand in dem Hinterraum, sechs weitere ergriffen die junge Frau und legten sie rücklings auf den Tisch. Einer schob ihr eine dicke Rolle unter den Nacken. Während dessen kam der Mann aus dem Hinterraum zurück, er trug ein langes Schwert. Er kam auf mich zur, ergriff das Schwert mit beiden Händen über dem Schaft des Griffes und reichte es mir herüber.
„Nimm dieses Schwert der Rache, Bruder Jeremias, und vollstrecke unser Urteil. Diese Frau hat einen deiner Brüder getötet, und du hast die beneidenswerte Aufgabe sie zu richten.“
Willenlos ergriff ich das Schwert, doch dann konnte ich nicht mehr.
„Ihr seit nicht meine Brüder“, schrie ich, „ich habe euch noch nie in diesem Leben gesehen.“
Doch die Männer reagierten nicht, sie murmelten im Chor:
„Richte die Verdammte, Jeremias, richte sie.“
Gebetsmühlenartig skandierten sie diese Worte, immer und immer wieder. Paralysiert erhob ich das Schwert, unter mir lag diese arme Gattenmörderin, die in diesem Moment angstvoll auf die Klinge des Schwertes starrte.
„Ich kann sie doch nicht umbringen“, raste es mir durch den Kopf. Dann schrie ich heraus:
„Ihr seid doch verrückt, ich kann sie nicht umbringen.“
Das Schwert in meinen Händen wurde schwer, der Raum schwankte, mir schwindelte. Immer schneller rotierte das Geschehen.
***
Schweißgebadet saß ich im Bett, neben mir Anny Joes Mutter; sie hatte den Arm um mich gelegt.
’Ruhig’, sagte sie, ‚du hast geträumt. Es ist nicht gut Geschichten zu träumen, besser man erzählt sie.’“
Der Mann aus Tralee machte eine Pause und blickte in die Runde. Jetzt erinnerte ich mich auch, dass er tatsächlich Jeremias McOlean hieß. Es war totenstill im Pub, jeder wusste, dass seine Geschichte noch nicht zu Ende war. Dann fuhr er mit spitzbübischer Mine fort:
Auf dem Tisch fehlte die Nachttischlampe. Ich traute mich nicht, danach zu fragen. Aber seit jener Zeit konnte ich wieder Geschichten erzählen. Wenn mir einmal nichts einfällt, erzähle ich die Geschichte über einen Geschichtenerzähler, der keine Geschichten mehr erzählen konnte.“

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