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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Globus-Teil 1
Eingestellt am 05. 03. 2002 00:08


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knychen
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Der Globus- Teil 1

Ganze drei mickrige Anrufe hatte ich auf meine Annonce bekommen.
„Globus zu verkaufen, alt, dekorativ, ca.30cm hoch, einfach mal ansehen,1000DM VB, Tel.030/...........“
Nachdem zwei der Anrufer- ein SchĂŒler, der eigentlich einen beleuchteten Globus suchte und eine Ă€ltere Dame, die ihren Mann, einen pensionierten Geografielehrer, mit dem StĂŒck zum Geburtstag ĂŒberraschen wollte und gehofft hatte, der Preis wĂ€re ein Druckfehler- ziemlich schnell wieder absprangen, meldete sich der Dritte im Bunde mehrmals und schließlich konnten wir uns auf einen Termin einigen. Wir wĂ€hlten eine Musikkneipe in Neukölln, weil man dort draußen sitzen konnte,
ohne großartig vom Straßenverkehr belĂ€stigt zu werden. Es war September und die Abende luden zum Freiluft-Bier ein.
Den Mann, am Telefon nannte er sich Jamsir Gottok oder so Ă€hnlich, ĂŒbrigens fast ohne Akzent, hatte ich gebeten, ein bisschen Zeit mitzubringen, denn ich wollte ihm, in dem ich einen verstĂ€ndnisvollen Sammler vermutete, die Geschichte des angebotenen StĂŒckes erzĂ€hlen.
Er machte zwar nicht direkt AusflĂŒchte, schob keine Termine vor, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, er war nur an dem StĂŒck interessiert, nicht an der Geschichte. Dabei war sie in diesem Falle immens wichtig und ich musste sie endlich einmal los werden.
Wir trafen uns an einem spĂ€ten Samstagnachmittag. Fast zur gleichen Zeit bogen wir aus zwei unterschiedlichen Richtungen in den Eingangsbereich des „Dilemma“. Der Einfachheit halber hatte ich mich als klein, langhaarig und blond bezeichnet und dass ich wahrscheinlich abgeschnittene Bundeswehrhosen und ein schwarzes Tuch um den Kopf tragen wĂŒrde. Nicht gerade die beste Kleidung um seriös zu wirken, wie ich im Nachhinein zugeben muss, aber ich wollte hinterher noch um die Blöcke ziehen und meinen Profit verfeiern, denn dass der Mann den Globus kaufen wĂŒrde, war sicher.
Also wir trafen uns an der TĂŒr zur Kneipe und er sprach mich sofort an.
Shake-hands, ein Schultheiß fĂŒr mich und ein Wasser fĂŒr ihn bestellen und dann holte ich das Teil aus dem Rucksack.
Der Globus lag immer noch in dem Pappkarton, den der Trödler mir damals zur VerfĂŒgung gestellt hatte.
„Herr Gottok- so war doch der Name ?- hĂ€tten sie etwas dagegen, wenn ich zuerst alles erzĂ€hle, was ich ĂŒber dieses seltsame GerĂ€t weiß und es dann erst zeige?“
„Herr Wade- so war doch der Name ?- lassen sie mich kurz in den Karton sehen; wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege und der Inhalt dem entspricht, was ich zu sehen wĂŒnsche, werde ich mir mit VergnĂŒgen ihre Geschichte anhören, ihre GetrĂ€nke bezahlen und ihnen zum Schluss diesen Umschlag ĂŒbergeben. Über den Preis werde ich nicht diskutieren.“ Dabei lĂ€chelte er in einer Form, die in manchen Romanen als ölig bezeichnet wird.
Ich fand, dass das nur fair wĂ€re und öffnete den Pappdeckel. Er schaute wirklich nur ganz kurz hinein. Sichtlich befriedigt lehnte er sich dann zurĂŒck und gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er ganz Ohr wĂ€re.
Die Bedienung brachte das Bier und das Wasser, ich holte mir eine Gauloise aus der Schachtel, bot ihm ebenfalls eine an, die er dankend ablehnte, und begann.
„Es war letztes Jahr im SpĂ€tsommer. Wir waren wie immer in Frankreich unterwegs, meine Freundin und ich, und gerade auf dem Weg von Pont Saint Esprit nach Mende, der Hauptstadt des Departements Lozere. Da wir völlig ohne Zeitdruck waren, fuhren wir auf winzigsten und unbedeutendsten Straßen fast entlang der Luftlinie und kamen ungefĂ€hr zwanzig Kilometer vor Mende bei der kleinen Ortschaft Laubert auf die Nationalstraße 88. Es war erst frĂŒher Nachmittag und genau die richtige Zeit fĂŒr einen Grande Creme. Die Straße wĂŒrde nun in immergleichen Serpentinen die restliche Strecke gestalten und irgendwie hatte ich die Erinnerung an einen oder zwei Gasthöfe auf diesem StĂŒck im Hinterkopf.
Und richtig, ich hatte noch nicht das erste Mal komplett hochgeschaltet, da stand schon ein verwittertes Schild mit der Aufschrift: ANTIK-BROCANTE 0,5 Ă  droite.
Das heißt ja eigentlich nichts weiter, als das uns nach circa 500 Metern ein Mittelding zwischen AntiquitĂ€tenhandel und Trödler erwarten wĂŒrde, aber erfahrungsgemĂ€ĂŸ stehen irgendwo auf dem GrundstĂŒck zwei, drei der ĂŒberall vorhandenen ehemals weißen Plastikstapelmöbel und ein Kaffee, wenn auch in ranzigen Tassen , wĂ€re nicht mehr weit.
Das Anwesen lag in einer Rechtskurve. Mit der RĂŒckseite an die Schieferfelsen geduckt und an der Vorderseite von ausladenden Platanen beschattet, bot es einen idyllischen Anblick.
Ehemals sicherlich eine RaststĂ€tte fĂŒr geplagte Fuhrleute mit der Möglichkeit die Pferde zu trĂ€nken und ein paar Stunden auszuruhen, war es nun bedingt durch die permanent gewachsene MobilitĂ€t der Gesellschaft und des dazu notwendigen höheren Aktionsradius der Fahrzeuge seiner eigentlichen Funktion beraubt. Also hatten sich die jetzigen Besitzer die nostalgischen GefĂŒhle der Touristen zunutze gemacht und durch den umsichtigen Ankauf alter HaushaltsgerĂ€te und Möbel den Grundstock fĂŒr einen halbwegs florierenden Antikhandel gelegt.
Meine französischen Sprachkenntnisse reichen im nĂŒchternen Zustand nicht ĂŒber WegerklĂ€rungen und das Übersetzen von Speisekarten hinaus, aber aus egoistischen GrĂŒnden hatte ich mir irgendwann den Standardsatz angeeignet, den man braucht, wenn man alte BĂŒcher sammelt. Auf meine diesbezĂŒgliche Frage an den gelangweilt herumsitzenden Aufpasser antwortete dieser mit einer vagen Handbewegung, die den gesamten Bereich vom Scheuneneingang bis zur an den Felsen reichenden RĂŒckwand des HauptgebĂ€udes einschloss.
Meine Freundin, geĂŒbt in solchen Situationen, setzte sich mit „Damals bei uns daheim“ von Hans Fallada in einen der StapelstĂŒhle, ließ sich eine kalte Coke bringen und wusste: Das kann jetzt dauern.
Die allgemeinĂŒblichen Bauernmöbel, Kinderbettgestelle, Stehlampen und WĂ€schestĂ€nder, behĂ€ngt mit den abenteuerlichsten GewĂ€ndern, ließ ich bald hinter mir und hatte plötzlich das GefĂŒhl, mich nicht mehr in dem GebĂ€ude zu befinden.
Richtig, die WĂ€nde waren aus fugenlosem Naturstein, also gab es einen Stollen, wahrscheinlich als Keller angelegt und heute eben als Ausstellungsraum genutzt. Die KĂŒhle umfing mich und dann war ich endlich im Reich meiner TrĂ€ume.
BĂŒcher ĂŒber BĂŒcher lagen wahllos gestapelt und aufgereiht in durchhĂ€ngenden Regalen, SchrĂ€nken ohne TĂŒren, WĂ€schekörben, kurz in allem, was geeignet ist, GegenstĂ€nde aufzubewahren.
Ich versuchte mir einen groben Überblick zu verschaffen, aber der Versuch war sinnlos. Alles lag kreuz und quer, nicht thematisch, nicht alphabetisch, nicht nach GrĂ¶ĂŸe geordnet, es war ein „grand bordelle“.
Selbst in die SteinwĂ€nde waren Nischen geschlagen, angefĂŒllt mit vergilbten, schimmligen, sich in alle Richtungen biegenden Erzeugnissen der Buchkunst aus grob geschĂ€tzt dreihundert Jahren.
Mehr oder weniger wahllos griff ich hinein und musste nach einigen Stichproben feststellen, dass ich bisher nur BĂ€nde mit kirchlichen Themen gefunden hatte.
In einer Felsnische jedoch entdeckte ich hinter braunen goldbedruckten BuchrĂŒcken einen Globus. Zuerst wollte ich ihn mit einer Hand herausnehmen, er war ja nicht groß, aber die Hebelgesetze und sein Eigengewicht ließen mich doch beidhĂ€ndig zugreifen. Mit meiner Entdeckung kehrte ich in den besser beleuchteten vorderen Teil zurĂŒck, suchte mir eine freie Stelle auf einem stabilen Tisch und besah mir das FundstĂŒck.
Der Fuß war quadratisch und aus poliertem braunrotem Marmor. Er stieg etwa fĂŒnf Zentimeter pyramidenartig an und kurz vor dem Treffpunkt der vier gratlos geschliffenen Kanten begann eine Spirale aus bronzefarbenem Material. Wie eine um einen unsichtbaren Fussball gewickelte Rolle Isolierband verlief sie in vollendeter RegelmĂ€ĂŸigkeit zum oberen Pol, wobei der Abstand der einzelnen Bahnen konsequent bei etwa fĂŒnf Millimetern lag. Das Band selbst war vielleicht vier Millimeter breit. Vom oberen zum unteren Pol dieses Gebildes schwang sich in etwa zwei Zentimetern Abstand ein gleichmĂ€ĂŸiger Bogen aus dem gleichen Material, Ă€hnlich den heute handelsĂŒblichen Globen, nur ohne Skalierung.
In der Mitte dieses Bogens befand sich eine Öse, in welcher ein Dorn steckte. Er glĂ€nzte kobaltblau, wie man es von einigen Angelhaken und MistkĂ€fern kennt. Die Spitze des Dornes zeigte in die Kugel hinein und oben endete er fĂŒnf Zentimeter ĂŒber dem Zenitpunkt des Bogens. Vom Marmorfuß einmal abgesehen, machte das Ganze einen sehr filigranen und zerbrechlichen Eindruck, was aber tĂ€uschte, wie ich mit vorsichtigem Druck feststellen musste. Die Spiralkugel war stabil und unnachgiebig wie Gußstahl
In der durchsichtigen Kugel befand sich eine zweite Kugel aus nicht identifizierbarem Material. Ich konnte ja nicht hineingreifen und auch mit meinen Blicken nur BruchstĂŒcke erhaschen. Soviel ich aber sehen konnte, waren auf dieser zweiten Kugel die Umrisse der Kontinente mit Gebirgen und so weiter plastisch abgebildet.
Was mich irritierte, waren zwei Dinge.
Zum einen gab es keine sichtbaren BerĂŒhrungspunkte zwischen der inneren und der Ă€ußeren Kugel, zum anderen standen die Pole in senkrechter Linie zum Untergrund, ich vermisste die Neigung der Erdachse.
Dann sah ich, dass in zweien der PyramidenflĂ€chen am Fuß jeweils fĂŒnf Punkte in Kreisform eingedrĂŒckt waren.
Wo hatte ich so was schon gesehen?
Na klar, vorgestern am Strand, ich saß direkt am Wasser und die mutigsten AuslĂ€ufer der Wellen streiften gerade so meine Badehose. Jedes mal wenn eine Welle leicht schaumig zurĂŒckfloss, machte der Strandsand eine wundervolle farbliche Methamorphose durch. Ich hab sie vor Augen, aber ich kann sie nicht beschreiben. Darum geht es auch nicht.
ZurĂŒck blieb nĂ€mlich eine glatte feuchte Sandschicht, die geradezu einlud, mit sinnlosen Hieroglyphen bemalt zu werden.
FĂŒr Freunde des geschriebenen Wortes eine Herausforderung, man muss schnell sein, die nĂ€chste Welle kommt bestimmt. Irgendwann hatte ich das Spiel satt und fing an zu malen und um mir das Gestalten einer Blume zu erleichtern, drĂŒckte ich fĂŒnf Fingerkuppen leicht auf den nachgiebigen Sand.
Genauso sahen die AbdrĂŒcke auf dem Fuß des Globus aus.
Aber die fehlende Befestigung?
Erst dachte ich an eine magnetische Spielerei, ich versuchte weiterhin durch die Ritzen des Geflechtes zu spĂ€hen und entdeckte dabei auf der mir abgewandten Seite des Fußes eine Inschrift. Nachdem ich sie mir ins Licht gedreht hatte, deutete ich die Schrift als HebrĂ€isch. Es sah fĂŒr mich eindeutig aus wie die Inschriften auf den GrĂ€bern dieses alten jĂŒdischen Friedhofes in Prag. Lesen kann ich so was leider nicht, aber einige der Zeichen schienen ein Muster zu ergeben, das mich an das Wort „mazel“ erinnert. Mazel heißt auf hebrĂ€isch „Viel GlĂŒck“ und wenn das kein gutes Zeichen ist.
Beim Umdrehen des Globus hatte ich unbeabsichtigt die Fingerkuppen in die Vertiefungen gelegt und als ich jetzt das Wort „mazel“ aussprach, begann sich die innere Kugel zu drehen.
Aber wie?
Völlig planlos linksrum, rechtsrum, vorwĂ€rts, rĂŒckwĂ€rts, ein abrupter Richtungswechsel jagte den nĂ€chsten.
Erschrocken nahm ich meine Finger von dem Ding und im selben Augenblick schoss der Dorn mit einem harten, klackenden GerĂ€usch in das Innere der Ă€ußeren Kugel und blieb mit seiner Spitze auf der AußenflĂ€che der inneren Kugel stehen.
Die innere Kugel stoppte ihre rasanten Drehungen, ohne auch nur im Mindesten nachzufedern oder sonst welche Schwingungen zu zeigen.
Vorsichtig hob ich den Globus empor und konnte erkennen, dass der Dorn auf eine Inselgruppe zeigt, die in einem schönen Bogen das Ochotskische Meer vom Pazifik trennt, nÀmlich die Kurilen.
Den Globus wollte ich haben.
Ich trug ihn voller EntdeckerglĂŒck strahlend vor mir her wie eine TrophĂ€e, das Falscheste, was man machen kann, wenn man handeln will, aber das war mir egal. Ich wollte ihn haben.
Als ich dem trÀge Fliegen verscheuchenden Aufseher mit den Worten:
„Que le truc?“ oder so aus seiner gewiß wohlverdienten Siesta aufstörte, erschrak er förmlich, als er erkannte , was ich in der Hand hatte.
Er versuchte mir wortreich zu erklĂ€ren, dass dieses StĂŒck unverkĂ€uflich sei. Aber ich ließ nicht locker und so sagte er schließlich was von „patron“, griff sich ein Portable und rief jemanden an. Jemand schien wissen zu wollen, wer sein bestes StĂŒck kaufen möchte, denn der Typ erzĂ€hlte ihm was von VOWEEBÜSS und BERLENG und nannte mir endlich den Preis von dömijfrong. Ich hatte mit mehr gerechnet. Zweitausend Franc, sechshundertfĂŒnfzig Mark, ich sagte : JA.
Er gab mir einen Karton, der ehemals eine KĂŒchenmaschine transportfĂ€hig gemacht hatte, ebendiesen Karton, der jetzt hier auf dem Tisch steht, Herr Gottok, steckte das Geld in die Hosentasche, rief :“Bon route“ und „Fermer“ und wir mussten vom GelĂ€nde.
Am Abend saßen wir mit Freunden in Mende vor der „Cristall Bar“, radebrechten uns in einem Mischmasch aus deutsch, englisch und französisch durch die Neuigkeiten des vergangenen Jahres und zu vorgerĂŒckter Stunde gab es kaum noch Kommunikations-, dafĂŒr umsomehr Motorikprobleme.
Ich erlitt gerade eine vernichtende Niederlage beim Billard, als mich ein Bild im schrĂ€g ĂŒber uns befindlichen Fernseher aufmerksam machte. Es zeigte in grafischer Darstellung wie ein Atlas den Pazifik, das Ochotskische Meer, ein bißchen Festland und die Kurilen. Auf einer gepunkteten Linie fuhr ein symbolisiertes Schiff bis zur am weitesten vorgelagerten Insel und dort endete die Linie mit einem roten Kreuz. Es war exakt der gleiche Punkt, den auch der Dorn des Globus am Nachmittag angezeigt hatte.
Ich rief Michel, unseren Bekannten vor Ort herbei und fragte ihn, was dort los sei.
Er wusste nicht sofort ĂŒber Einzelheiten Bescheid und wechselte deshalb ein paar lautstarke Worte mit Christian, dem Barkeeper. Das GesprĂ€ch endete mit dem ĂŒblichen Olala und Merde und dem lockeren SchĂŒtteln der rechten Hand aus dem Handgelenk heraus auf Michel’s Seite und einem mehrmaligen „Cest la vie“ des glĂ€serpolierenden Christian.
Dann berichtete Michel.
Um 15 Uhr 10MET war am heutigen Nachmittag ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff ohne vorherige Gefahrenmeldung von sÀmtlichen Bildschirmen verschwunden. Es war eindeutig gesunken, was anhand herumtreibender GegenstÀnde geschlussfolgert wurde, Rettungsboote jedoch konnten wohl nicht mehr ausgesetzt werden. Man rechne mit im schlimmsten
Falle 973 Toten, mehrere Rettungsschiffe sind vor Ort.
Soweit die Fakten.
Das war mir etwas zu viel des Zufalls.
Meine rotweinumnebelten Gedanken versuchten einen logischen Zusammenhang zwischen dem Globus und der UnglĂŒcksmeldung herzustellen, aber wenn die Synapsen ersteinmal verklebt sind, hilft nur noch ausnĂŒchtern.
Am nĂ€chsten Morgen redete ich mit Melanie ĂŒber einen möglichen Zusammenhang zwischen der Katastrophe und meinem gestrigen Einkauf, aber die Vorstellung, das Eine hĂ€tte mit dem Anderen zu tun erschien uns bei allem HinundherĂŒberlegen
als zu bizarr.
Was wÀren die Konsequenzen aus einem Zusammenhang ?
Die erste Möglichkeit, von mir erhoffte, sah so aus: Das UnglĂŒck stand unausweichlich bevor und der Hinweis des Globus könnte zur Gefahrenabwendung gedacht sein. Das brĂ€chte mich aus der Verantwortung und ließe sich nur ĂŒber eine nochmalige Anwendung mit genauer Zeitregistrierung ermitteln. Dann mĂŒsste man nur noch die Nachrichten verfolgen und wĂŒrde sehen. Tja, was wĂŒrde man denn sehen? Was hoffte man denn zu sehen? WĂ€re man zufrieden und beruhigt, wenn nichts passieren wĂŒrde?
Die zweite Möglichkeit, und vor dieser hatte ich Angst, war ein minutiöses zeitliches Zusammentreffen eines Experiments mit einem erneuten UnglĂŒck. Das konnte dann eindeutig nicht mehr als Warnung verstanden werden, denn wozu eine Warnung, wenn man darauf nicht mehr reagieren kann. In dem Falle wĂ€re der Globus oder die ihm innenwohnenden KrĂ€fte also die Ursache eines UnglĂŒcks und mich als den neugierigen Tester trĂ€fe ein riesiger Teil der Schuld.
Langsam wurde es philosophisch.
WĂŒrde ich neugierig genug sein, einen erneuten Versuch zu wagen und könnte ich mit einer eventuellen Schuld am Tode von vielleicht vielen Menschen leben?
Andererseits, wer könnte mir diese Mitschuld nachweisen?
Ich entschloss mich fĂŒr einen erneuten Versuch. Aber ich wollte Melanie nicht damit belasten, an einem eventuellen UnglĂŒck schuld zu sein und setzte sie von meinem Vorhaben nicht in Kenntnis.
Wenn jemals jemand wegen dieser Sache ein Urteil abgeben mĂŒsste, sollte mich dieses ganz allein treffen.
Als am Nachmittag Melli zu einem kleinen „parcour de commerce“ durch die Boutiquen von Mende schlenderte, setzte ich mich in unseren Bus, fuhr zum die Stadt monumental ĂŒberragenden Mont Mimat und parkte mit der rechten Seite des Autos, dort wo die SchiebetĂŒr ist, ganz dicht am Abbruch des Felsplateaus.
Ich öffnete die TĂŒr und hatte die ganze Welt vor mir.
In eintausendvierhundert Metern Höhe, die Stadt mit ihrer mittelalterlichen Kathedrale und den ringförmig angelegten Straßen, welche die sĂ€mtlich mit Schiefer gedeckten HĂ€usermengen in gleichmĂ€ĂŸige Segmente zerschnitt, vor mir aus gebreitet. Und soweit man sah Berge, Berge mit einem Farbton, der nur mit irgendwo zwischen dunklem Blau und hellem GrĂŒn umschrieben werden kann. Ein Kleinod in dunkel schimmerndem Samt. DarĂŒber ein blauer Himmel, der höchstens noch in der Provence schöner ist, durchzogen von schneeweißen Wölkchen. Weiße SchĂ€fchen auf dem Weg in den heimatlichen Stall.
Wenn ich schon die schöne Welt auslöschen sollte, musste sie mir wenigsten in bester Erinnerung bleiben.
Aber ich schweife ab.
Ich holte den Globus heraus, stellte ihn passenderweise auf unsere Überlebenskiste, das ist so eine alte Munitionskiste, in der wir Dinge wie Gaskocher, Töpfe, Besteck, all den Kram, den man fĂŒr ein mehrtĂ€giges Picknick außerhalb der Zivilisation braucht, aufbewahren, setzte mich davor und legte die Fingerspitzen beider HĂ€nde Kuppe an Kuppe.



Ende Teil 1

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kny

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