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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Held
Eingestellt am 18. 11. 2000 08:04


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
Kommentare: 81
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Ich habe FlohmĂ€rkte immer geliebt. Damit meine ich jene großen MĂ€rkte, wo alte BĂŒcher nach alten BĂŒchern riechen und echte Silberservices nach Gewicht verkauft werden.
Mein Vater war AntiquitĂ€tenhĂ€ndler und auf seinen BeutezĂŒgen durch halb Europa nahm er mich des öfteren mit. Er besuchte immer dieselben TrödelmĂ€rkte in den großen Metropolen des Kontinents. Und immer an den selben Wochentagen. Wir hatten einen richtigen Zeitplan, wo wir wann sein mußten. Schon frĂŒh morgens, so gegen fĂŒnf, wenn ein Trödelmarkt eröffnete, waren wir bereits dort und warteten darauf, daß sich die ersten weißen Laken oder Folien der StĂ€nde lĂŒfteten. Zu dieser Stunde konnte mein Vater noch hoffen, einige SchnĂ€ppchen zu entdecken und zu erwerben, bevor der langschlafende Touristenstrom den Markt ĂŒberflutete.
Meist war es dann so, daß mein Vater mir zwanzig Mark in der jeweiligen WĂ€hrung ĂŒberließ und ich so meine eigenen ersten GeschĂ€fte machen konnte. SpĂ€ter gestand er mir, daß er so stets die Vater-Schmach meiner Anwesenheit hatte verhindern wollen, fĂŒr den Fall, daß ihn mal ausgekochte HĂ€ndler ĂŒber den antiquaren Tisch gezogen hĂ€tte.
Ein Markt in London hatte es meinem Vater und mir besonders angetan. Er war ziemlich groß und fĂŒllte sĂ€mtliche benachbarten Gassen aus. Hier konnte ich stundenlang herumlaufen. Die Zeit wurde nie langweilig. Überall gucken, ausprobieren, anprobieren, anfassen und begutachten. So tief die stöbernden Sinne reichten.
Oft feilschte ich auch, doch nur um des Feilschens willen und weniger, um etwas fĂŒr mich zu erwerben. Manchmal gelang es mir sogar, das Geld gewinnbringend zu gebrauchen, indem ich hier etwas billig herunterhandelte und erwarb, um es dort hochgefeilscht zu verkaufen. Aber meist lief ich einfach nur herum und genoß die Auslagen. - Überquellenden Tische mit bemalten Pozellan und Geschirr und Besteck. Blankpolierte ZinngefĂ€ĂŸe mit schnulzigen Motiven. StĂ€nde, die sich gĂ€nzlich auf Lampen und Kerzenleuchter spezialisiert hatten. Tiffanys, etliche Lampenschirme ohne Leuchten und Leuchten ohne Lampenschirme, Lampen, die man sich selbst zusammensetzen konnte, verschnörkelte Lampen, einfache Lampen, ehemals teure Lampen und ehemals schöne Lampen.
An anderen StĂ€nden gab es noch (oder auch wieder) eingeschweißte WC-Garnituren oder KĂŒchengerĂ€te, welche noch in der Originalverpackung angeboten wurden. Diese verblichenen Schachteln mußten doch jahrzehntelang von ihren KĂ€ufern aufbewahrt worden sein.
Es gab Dinge, die so dermaßen hĂ€ĂŸlich waren, daß sie nie jemand kreiert haben konnte. Bilder, so kitschig, daß keiner sie hĂ€tte vollenden können. Und doch wurden sie gekauft. Solche Dinge kann man nur hungrig sammeln oder aus ganzem Herzen genießen.
Da gab es reine TechnikstĂ€nde. Aus WohnzimmerschrĂ€nken herausmontierte Lautsprecher. Schreibmaschinen, mit fehlenden Tasten. Alte Fernseher, die in ihrem elektrischen Leben nie in den Genuß von Kabelprogrammen gelangen wĂŒrden. Fotoapparate, deren Bedienungsanleitungen noch in Altdeutsch verfaßt worden sein mußten. Möbelartige Radios, von Telefunken und Imperial und anderen Marken, die es gar nicht mehr gab, da die Herstellerfirmen Bankrott gemacht hatten, weil ihre Produkte zu robust gewesen waren. Ich habe gesehen, wie sie zu antiken RundfunkmĂ€uerchen ĂŒbereinandergestapelt waren.
Gleich daneben konnte eingepacktes Autozubehör liegen. Oder auch Badezimmeramaturen aus Chrom. Oder eine Garnison TrinkglÀser und Karaffen. Oder abgegriffener Kupfer- und Messing-Zierrat.
Hier und da schlich ein Schwall leicht muffigen Geruches durch den Schweiß der Menschen. Sei es der Mottenkugel-Odem der kunterbunt behangenen KleiderstĂ€nder, oder der Duft von Tausenden von BĂŒcher, welche halbzerflĂŒckt und wundgelesen, in Pappkartons auf ihren Verkauf warteten.
Andere StĂ€nde hatten schubladenweise Armbanduhren und Schmuck anzubieten. Woher sie sie hatten, fragte niemand. ArmeemĂŒtzen und Uniformen, die lĂ€ngst nicht mehr vermißt wurden und aus lĂ€ngst vergessen gewollten Zeiten stammten.
Wieder andere StĂ€nde hatten sich auf Spielzeug spezialisiert. Puppen, die mal "Mama" gesagt haben mochten. PlĂŒschtiere, deren Kirmesherkunft man an der ReisfĂŒllung und den aufgeklebten Plastikaugen erkennen konnte. Kistenweise Comics, die von fiebrigen Freaks mit hektischen Fingern durchforstet wurden.
Ü-Eier gab es damals schon. Doch fand man die heute unbezahlbaren DotterfĂŒllungen noch in Krimskramkisten; als Lockmittel fĂŒr kleine Kinder, die sich "da mal was raussuchen durften", damit Papa und Mama ihre Blicke auf die Auslagen werfen konnten.
All das wurde ĂŒberschallt von energischem Feilschen und von der Musik der vielen Schallplatten-StĂ€nde. Aus allen Ecken tönten Komm-mal-her's und Schau-doch-mal's und Wieviel?'s in jeder Tonart und LautstĂ€rke.
Wenn es einen Ort gibt, an dem alle GegenstÀnde, die irgendwann einmal verloren worden sind, wieder auftauchen, so ist es dieser Markt.
Sagte ich schon, daß ich diesen Trödelplaneten liebte? Kann sein. Ich werde es immer wieder sagen. Denn, und das war ein Pflichtbesuch bei jedem Londoner Streifzug: Ich mußte meinen Helden sehen.
Mino, der stĂ€rkste Mann der Welt. Ach, was sage ich - des Universums. Mino brauchte man nie suchen. Man fand ihn. Mino war stets da, wo Applaus zu hören war und die Menschen in einer weiten Traube die Straße versperrten. Ich mußte mich immer erst durch die hohen Masten der Leute hindurchwinden, um ganz nach vorne zu kommen.
Ich sehe ihn heute noch vor mir. Er war nicht besonders groß, aber um so krĂ€ftiger. Er trug immer einfache, weite Stoffhosen und ein einfaches, weißes, geripptes TrĂ€gerhemd. darunter ballten sich Minos phantastische Muskeln und er zeigte sie freizĂŒgig der ganzen Welt. Dichte, schwarze Haare hatte er und eine lange Narbe, die sich wie eine Ackerfurche tief und rot links an seiner Nase entlangzog. Und seine Augen. Seine dunklen Augen, in denen es blitzte, wie bei einer elektrischen Entladung.
Einige der Leute sagten, er sei Zigeuner, aber andere Leute brachten das GerĂŒcht auf, Mino hieße in Wirklichkeit Edward und sei gebĂŒrtiger EnglĂ€nder aus Sussex. Die Haare sollte er sich angeblich nur schwarz gefĂ€rbt haben. Diesen Unsinn glaubte ich natĂŒrlich nicht. Das konnte ich gar nicht glauben und eigentlich war es mir ein RĂ€tsel, wie die Leute, die in Minos Augen sahen, dieser LĂŒge auch nur ansatzweise Glauben schenken konnten.
Niemand konnte stĂ€rker sein als Mino. Keiner war den Wahnsinnsgewichten, die mein Held bei sich hatte, gewachsen, außer er selbst. Es waren Gewichte aus Stahl oder Eisen, ich wußte es nicht genau, aber sie waren so schwer, daß die MĂ€nner aus dem Publikum sie nur mit MĂŒhe und Not anheben konnten. Und er, Mino, hob zwei. An jedem Arm einen. Bestimmt einen Meter hoch.
Dann befestigte er diese beiden Gewichte und noch zwei weitere aneinander, machte daran eine Kette mit einem Lederriemen fest und legte sich den Riemen um den Nacken. Daraufhin ging er tief in die Hocke und verharrte so eine Weile. Die Menschenmenge um ihn herum hielt gebannt den Atem an. Und dann - mit einem zornigen Schrei, der mich jedesmal aufs neue erschaudern ließ, hob er unter dem tosenden Applaus das doppelte Gewicht hoch.
Und das war noch lÀngst nicht alles.
Er machte sich einen Spaß daraus, MĂ€nner aus dem Publikum zum Tauziehen herauszufordern. Zwei Kerle gegen ihn alleine. Ich kann mich nicht erinnern, daß Mino hierbei mal nicht gewonnen hĂ€tte. Und wie er dann jedesmal die MĂ€nner ins LĂ€cherliche zog. Er feuerte die zwei als SchlappschwĂ€nze an und die Menge quittierte ihm seine oft bösartig beleidigenden SpĂ€ĂŸe mit begeistertem Klatschen. Dann funkelte es in seinen dunklen Augen besonders feurig.
Zum Schluß ließ sich Mino immer von den MĂ€nnern mit Eisenketten fesseln und forderte sie mit seiner mĂ€chtigen Stimme auf, fester zu ziehen. KrĂ€ftig! Dabei fluchte er wie ein Rohrspatz und beschimpfte und verspottete die beiden Kerle, sie seien Waschlappen und kleine MĂ€dchen. Die wurden dann oft wirklich ungehalten und zerrten die Ketten so fest sie konnten um Minos breiten Körper.
Und dann, als wieder Ruhe eingekehrt war und alle Augen voller Unruhe auf den Geketteten gerichtet waren, da spannte mein Held seine Muskeln an. Jeden Muskel und jede einzelne Sehne konnte man sehen. Kraftgeballt zeichneten sie sich unter seiner Haut ab. Sein dunkles Gesicht mit der langen Narbe lief rot an, die Adern an den SchlĂ€fen und am Hals wölbten sich gefĂ€hrlich, schienen sich prall aufzupumpen. Mino ging zitternd in die Knie. Er biß die ZĂ€hne so fest aufeinander, daß sie sicherlich bei jedem anderen Menschen zerplatzt wĂ€ren. Man wollte schon glauben: "Gleich ist es aus mit ihm.", da konnte man beobachten, wie sich die einzelnen Kettenglieder langsam auseinanderbogen. Einen Augenblick spĂ€ter klirrte es und die Kette sprengte entzwei und rasselte schlaff auf den Asphalt. Einmal fiel mir ein zersprungenes Kettenglied direkt vor die FĂŒĂŸe.
Und da stand er dann wieder - die Muskelarme siegreich emporgerissen: Mino, der StĂ€rkste! Mino, der Held! Die Leute jubelten und klatschten und als er seine Tweed-MĂŒtze nahm, da brauchte er gar nichts weiter zu tun, als dazustehen. Die Leute kamen zu ihm und das Gewicht vieler MĂŒnzen beulte die MĂŒtze unten aus.
Ich gab ihm immer etwas und jedes Mal gab er mir dann einen Klaps gegen die Schulter und zwinkerte mir freundlich zu.
Ja. Mino war mein Held. - Die zersprungene Kette habe ich aufbewahrt und trage das StĂŒck als meinen stĂ€ndigen Begleiter in meiner Jackentasche. Bis heute.
Ich bin nun dreiunddreißig Jahre alt.
Seit etlichen Jahren bin ich nicht mehr auf dem Markt gewesen. Ehrlich gesat, ich scheue mich, zu gestehen, daß fast zwei Jahrzehnte vergangen sind, seit ich das letzte Mal in London war. Denn mitten in der PupertĂ€t war es mir irgendwann zu doof geworden, meinen Vater auf seinen Trödeltrips zu begleiten. Ich hing viel lieber in Diskotheken herum, um mich im Knutschen zu versuchen und mich von der gerade aufwallenden, neuen Welle umspĂŒlen zu lassen. Ich zappelte durch meine stĂŒrmischen Jugendtage und stieß mir die Hörner rund, um wieder ruhiger zu werden. In der Arbeit der folgenden Jahre vergaß ich die Zeit und lebte mein stinknormales Leben.
Aber das Leben ist doch zufĂ€lliger, als man meinen mag. Vor einigen Tagen ĂŒberredete mich ein Freund zu einem Spontantrip nach England und so komme ich nach Jahren mal wieder auf die Insel.
Es ist Winter, aber das macht nichts. Ich freue mich an den alten Anblicken der Großstadt, ob sie nun kalt sind oder nicht. Und wĂ€hrend mein Freund sich in Museen aufwĂ€rmt, kann ich es mir natĂŒrlich nicht nehmen lassen, meinen alten Markt zu besuchen, um die Farben in meiner Erinnerung wieder aufzufrischen.
Seine Straßen erscheinen mir in ihrem alten, rauhbeinigen Glanz, obwohl ich glaube, daß einige der HĂ€user wohl renoviert worden sind. Doch ist es möglich, daß ich mir dies nur einbilde. Ich hoffte auch zuerst, daß der Stand, an dem es German Bratwurst gibt, Einbildung ist, doch leider ist dem nicht so.
LĂ€chelnd strolche ich an den StĂ€nden und Auslagen vorbei. Im Grunde hat sich nicht viel geĂ€ndert. Mir fĂ€llt nur auf, daß hier heute einige der Dinge liegen und verkauft werden, die bei meinem letzten Besuch in London der letzte Schrei waren.
Da sehe ich plötzlich eine von diesen kleinen Nippesgebilden auf einem Auslagetisch stehen und muß unterdrĂŒckt lachen, da ich glaube, diese Figur zu kennen. Es ist eine zierliche Porzellan-Szene aus 'Alice im Wunderland', mit Humptidumpti auf der Mauer. Meine Phantasie lĂ€ĂŸt nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder muß ich sie irgendwann mal hier gekauft und dann wohl spĂ€ter verloren haben und sie ist automatisch hierher zurĂŒckgekehrt, oder aber sie hat diesen Verkaufstisch seit fast zwanzig Jahren nicht verlassen und ich habe sie schon damals hier stehen sehen.
Dieser Gedanke gefĂ€llt mir. Ich notiere ihn mir, wie es meine Gewohnheit ist, sofort in meinem NotizbĂŒchlein, welches ich stets bei mir trage. NotizbĂŒcher haben die praktische Angewohnheit, daß sie klein sind und ohne zu drĂŒcken in alle möglichen Jackentaschen passen. Sie haben aber auch die schlechte Angewohnheit, daß sie eben klein sind und es furchtbar umstĂ€ndlich ist, in ihnen zu schreiben, wenn nichts in der NĂ€he ist, wo man sie drauflegen kann. - Daher hocke ich mich hin und benutze meinen Oberschenkel als Unterlage.
Wie ich in dieser Stellung meine Gedanken aufschreibe und die Beine der englischen Bevölkerung an mir vorĂŒberstolpern lasse, bemerke ich ein paar ausgelatschte Turnschuhe, die mein Blickfeld durchqueren. Das Kunstleder und das Plastik an ihnen ist brĂŒchig und an den Seiten heruntergetreten. Ihre Spur verlĂ€uft unregelmĂ€ĂŸig. Sie weicht aus und lĂ€ĂŸt nicht ausweichen.
Gewiß ist kein Nobelviertel, aber solcherart Beine fallen immer auf und sei es nur fĂŒr einen nasegerĂŒmpften Blick. Ich erhebe mich, um mir den Menschen und Inhaber dieser Schuhe genauer anzusehen.
Der alte Mann schleppt sich und seine Sporttasche durch die Menge. Das er ein wenig wankt, liegt nicht etwa an einem ĂŒberschwappenden Alkoholspiegel, sondern schlicht am Alter des Mannes.
Er trĂ€gt eine graue Stoffhose und einen löchrigen hellblauen Pullover. Seine Haltung ist gebeugt und seine Bewegungen so sperrig, als bemĂŒhe er sich krampfhaft, gerade zu laufen. Auf der blassen Kopfhaut kann man verkrustete SchĂŒrfstellen unter den grauen, spĂ€rlich dĂŒnnen Haaren entdecken. Sein Gesicht schaut aus, als sei es mit der Zeit nach unten gesackt und baumle nur noch in seiner alten Verankerung. Die Narbe neben der Nase ist nur noch eine etwas tiefere Falte.
Ich gehe ihm nach. Ich spĂŒre eine plötzliche Benommenheit aufkommen, die meinen FĂŒĂŸe in Bewegung setzt und ganz automatisch laufe ich hinter ihm her. Einfach, weil ich es immer getan habe, wenn ich ihn in diesen Straßen gesehen habe.
Ich warte auf den Applaus. Den hat es oft gegeben, wenn Mino durch die Straße ging. Aber diesmal gibt es keinen Applaus.
Mino tapst an den Leuten vorĂŒber. Ihre Blicke folgen ihm zwar, doch ist weder Bewunderung, noch Ehrfurcht in ihren Gesichtern zu lesen. Ich muß mir eingestehen, daß ich Mitleid mit diesem alten Mann habe. Daß auch ich Mitleid mit diesem alten Mann habe. Daß auch ich viel lieber weggucken wĂŒrde.
An der Ecke zur nĂ€chsten Straße bleibt der alte Mann stehen, blickt ausdruckslos um sich und stellt seine Tasche ab. Ich bleibe in einiger Entfernung, um mich eine Weile an der Hauswand festzuhalten. Mir ist schwindelig. Mir ist, als bröckele in mir etwas langsam auseinander. Mein Atem wölkt sich grau in den Februar. Minos auch. Trotzdem zieht sich der Alte nun den durchlöcherten Pullover aus und bĂŒckt sich nach seiner Tasche. Ich erschrecke so, daß ich mir beide HĂ€nde vor den Mund halten muß, damit sich mein hilfloses Ächzen ungehört in meine Handschuhe murmeln kann.
Mino trĂ€gt auch diesmal ein geripptes Unterhemd ohne Ärmel. Doch ist es mehr fleckig als weiß und wohl lange nicht gewechselt worden. SchweißrĂ€nder aus alten Tagen zieren den RĂŒcken. Die Muskeln hĂ€ngen ihm lappig am dĂŒrren, verwelkten Körper.
In der TĂŒr eines Ramsch- und Souvenirladens lehnt ein dicker Mann. Er ist wohl auch der Besitzer der VerkaufsstĂ€nde, die den BĂŒrgersteig vor dem Laden einnehmen. Mißbilligend runzelt er die Stirn.
"Hey, Eddi!" ruft er. "Mach's kurz, ja!"
Der alte Mann schaut kurz auf und nickt schweigend in die Richtung des Souvenirladens. Sein Narbengesicht verzieht sich dabei bitter, so als habe er sich beim Schweigen auf die Zunge gebissen.
Das Rufen des Dicken hat die Leute aufmerksam werden lassen. Einige sind stehengeblieben und schauen dem alten Mann, den der Dicke "Eddi" genannt hat, befremdet und belustigt zu, wie dieser in seine Sporttasche greift und eine Kette herausholt. Auch ich komme nÀher heran, um genauer sehen zu können. Heute sind mir keine SÀulenbeine mehr im Weg. Da sind keine Gewichte in der Tasche. Nur eine Kette. Und die ist weder besonders dick, noch sonderlich lang.
Ohne ein Wort zu sagen geht der alte Mann in der Runde herum, drĂŒckt den Leuten die Kette in die Hand und fordert sie mit heftigen Gesten auf, an der Kette zu reißen und sie auf Festigkeit zu prĂŒfen. Die Haut an seinen Armen baumelt dabei. Einige Leute lachen. Das kenne ich von frĂŒher. Nur haben sie da mit Mino gelacht und nicht ĂŒber einen alten Mann.
Der Alte hat noch immer kein Wort gesprochen. Kein feistes Lachen wie frĂŒher, nichtmal ein LĂ€cheln ist auf dem angespannten Gesicht zu sehen. Um uns herum hat sich eine Menschentraube angesammelt und neugierig beobachten die Leute das Geschehen. Doch sind auch ihre Blicke nicht wie die Blicke von frĂŒher. In den Augen damals war kein BelĂ€cheln und Grinsen zu sehen gewesen.
BeschÀmt schaue ich auf meine Schuhe.
Da steht er plötzlich vor mir, greift mich beim Handgelenk und zieht mich in die Mitte des Kreises. Ich bin so erschrocken, daß ich zusammenzucke. Er drĂŒckt mir das eine Ende der Kette in die Hand. Das andere Ende schlingt er sich um seinen mageren Leib und hĂ€lt es sich vor der Brust zusammen.
Zu keiner Bewegung fĂ€hig, verharre ich und starre in sein altes Gesicht, auf den offenen, kalt atmenden Mund, auf die laufende Nase. Dann auf die Kette, die zwischen ihm und mir hĂ€ngt, wie eine groteske Nabelschnur. Ich weiß, was ich zu tun habe. Vor zwanzig Jahren hĂ€tte ich viel darum gegeben, es einmal tun zu dĂŒrfen. Aber heute will ich es nicht tun.
Der Alte starrt mich an und nickt mir immer wieder auffordernd zu. Er wird ungeduldig. 'Gleich verhöhnt er mich.' schwirrt mir durch den Kopf. ' Gleich macht er sich ĂŒber mich lustig und alle lachen mich aus. Doch da spricht Mino endlich: "Los, mach schon! Fessel mich endlich mit der Scheißkette!"
Das hat Mino frĂŒher auch immer gebrĂŒllt. - Nur viel kraftvoller.
Der Alte hat kaum noch ZÀhne. Rostig aussehende Stumpen halten sich in seinen schÀbigen Felgen fest und seine Stimme klingt wie ein fistelndes Reibeisen. Wieder lachen und kichern die Leute um uns herum.
Dann ziehe ich doch an der Kette. Humpelnd dreht sich der Alte um die eigene Achse, so daß sich der dĂŒnne Eisenstrang um ihn herumwickelt. Dabei zerrt und zieht er sich keuchend von mir weg, damit der Zug strammer wird. Ich umfasse die Kette stĂ€rker, ziehe sie in meine Richtung. Jede dieser Bewegungen gibt mir einen Stich, tut mir im Innersten weh. Trotzdem ziehe ich mit aller Kraft. Ich glaube, wenn ich noch fester zerre, könnte ich den Alten problemlos wie eine kleine, klĂ€ffende Töle ĂŒber den markt fĂŒhren, so kraftlos sind seine Zappeleien, mit denen er sich dreht.
Vor meinen Augen zerrieselt mein Held. Wie eine Bleifigur an Sylvester zerschmilzt der frĂŒhere Mino in meinen HĂ€nden zu einer PfĂŒtze qualmenden Etwas, das keinen Namen mehr hat. Es dreht sich windend und krĂŒmmend und keuchend vor mir im Kreis, wobei sich der Kettenstrang auf dem schmuddeligen Hemd eindrĂŒcken. Die weiche, schlaffe Haut der Oberarme quetscht sich durch die Eisenglieder.
"Fester!" krÀht der gefesselte Greis und ein Tropfen fÀllt ihm aus der Nase.
Ich will das alles nicht. Ich kann kaum atmen vor Unwillen, aber ich bewege mich so mechanisch, daß ich den Zug meiner HĂ€nde gar nicht mehr spĂŒre.
Dann ist keine Kette mehr da. So lang ist sie gar nicht gewesen. Nicht so lang wie frĂŒher - und auch dĂŒnner. Die Kette hat ihn nur dreimal umwunden. Doch das Zappeln, mit dem der Alte die Spannung erhöhen wollte, hat das Fesseln in die LĂ€nge gezogen. Die HĂ€nde hat er die ganze Zeit krampfhaft gefaltet mit dem einen Ende der Kette vor der Brust gehalten. Nun öffnet er sie und reckt mir ein kleines, geöffnetes Zylinderschloß entgegen. Es ist eines jener Sorte, die man nur noch zudrĂŒcken muß. Er hat es dort die ganze Zeit ĂŒber festgehalten. Ich nehme es benommen aus den zitternden, gebundenen HĂ€nden. Feucht und warm fĂŒhlt es sich an. "Mach zu! - Aber feste!"
Ich greife nach dem losen Ende der Kette. Eine Erinnerung schiebt sich mir in die Gedanken. Ich habe diesen Vorgang des Schloßanlegens damals oft beobachtet und immer habe ich innerlich gebangt: Er kann sich vielleicht nicht befreien. Vielleicht klappt es diesmal nicht. Diesmal ist es vielleicht zu fest.
Doch dann ist mir immer eingefallen, daß es ja Mino ist, mein Held, und ich habe mir keine Sorgen mehr gemacht.
Doch was ist jetzt? Ich beobachte nun nicht mehr. Ich lege das Schloß selbst an. Die Kette ist kĂŒrzer und dĂŒnner. Mino hat auch keine Gewichte gehoben. Er ist also noch ausgeruht. - Vor zwanzig Jahren wĂ€re Mino noch ausgeruht gewesen. Mein Held Mino hĂ€tte sich mit so etwas erst gar nicht abgegeben. Gelacht hĂ€tte er darĂŒber.
Der alte Mann vor mir lacht nicht.
Ich habe das Schloß angelegt. Einen Augenblick weiß ich nicht, was ich tun soll. Dann trete ich in den Menschenkreis zurĂŒck. Es kommt mir wie eine Flucht vor. Die Scham kriecht mir aus dem Nacken. Meine Hand greift in meine Jackentasche und umklammert das alte KettenstĂŒck, das sich dort befindet. Ich drĂŒcke so fest zu, daß mir die Handinnenseite weh tut. Ich spĂŒre, wie meine Beine zittern. Ich will nicht hinschauen, aber ich muß es schließlich tun. Irgendwie muß ich das alles doch tun, oder?
Es dauert nur einen kurzen Augenblick, dann ist es schon vorbei. Es ist lĂ€ngst nicht so dramatisch, wie in meiner Erinnerung. Aus dem Stumpenmund des Mannes quoll ein lautes Ächzen. Der lichte, dĂŒnngraue Kopf lief rot an. Ein Ruck, ein Rasseln und die Kette rutschte ĂŒber die Schultern um den faltigen Hals. Das war's.
Keine zersprungenen Kettenglieder klirren auf die Straße. Kein triumphales Lachen. Keine jubelnde Menge. Doch das macht mir nichts mehr. Meine Erinnerung ist so zusammengeschrumpft worden, daß mir nichts mehr fehlt.
MĂŒdes, höfliches Klatschen tröpfelt durch den Kreis. Der Alte humpelt schnell zu seiner Sporttasche und holt eine gammelige Tweed-MĂŒtze hervor. Dann muß er sich beeilen, denn die Menschentraube pflĂŒckt sich schon auseinander. Ein paar mitleidige MĂŒnzen kann er noch sammeln.
Ich fĂŒhle mich immer noch wie benommen. Wie am Asphalt festgewurzelt, die HĂ€nde in den Jackentaschen versteckt, stehe ich noch da, als er schließlich zu mir kommt. Einen Augenblick lang schaut er mich nur an. Und ich schaue ihn an. Er lĂ€chelt nicht und ich bin sicher, wenn ich nun nicht die Hand aus der Jackentasche geholt hĂ€tte, wĂ€re er im nĂ€chsten Moment einfach weitergegangen, weil er sich in den letzten Jahren an solche Reaktionen gewöhnt hat. Ohne jegliche Mienenregung hĂ€lt er die MĂŒtze in meine Richtung. Ich lege ihm fĂŒnf Pfund, die ich noch in der Tasche habe und das alte geborstene Kettenglied auf die kleinen MĂŒnzen.
Die alten Augen des Mannes verengen sich verwirrt und ein irritierter, fragender Blick hebt sich aus dem Innern der MĂŒtze zu mir empor.
"Das haben sie verloren." sage ich nur zu ihm.
Der Alte starrt mich an. Dann blickt er wieder in die MĂŒtze auf den gebrochenen Eisenring, der um einiges grĂ¶ĂŸer ist, als die Glieder der Kette in seiner Tasche. Bestimmt eine Minute steht er so da und auch ich rĂŒhre mich nicht. Schließlich schaut er wieder zu mir auf und ich sehe, wie sein Blick aus seinen Augen schwimmt. Da verzieht er den Mund zu einem LĂ€cheln und mit einer trĂ€gen Bewegung gibt er mir einen Klaps gegen die Schulter. Als er zwinkert, löst sich ein Tropfen aus seinem linken Auge und rinnt durch die Narbe an seinem Gesicht herab.
Dann dreht sich mein Held Mino um, rÀumt seine Sachen in die zerschlissene Sporttasche und verschwindet wenig spÀter in der Dichte des Trödelmarktes.

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So schön! Aber findest Du nicht, dass Deine Texte viel zu gut fĂŒr die Leselupe sind? Die könnte man unendlich lesen, lesen ...

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maskeso
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Registriert: Aug 2000

Werke: 28
Kommentare: 280
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Wirklich wunderbar. Die erzÀhlhaltung, die Sprache (wenn auch unspektakulÀr), der Inhalt.
Zu gut fĂŒr die Leselupe? Was soll denn der Unfug?
__________________
Die Hölle sind wir selbst.

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Registriert: Not Yet

Mit dem "Zu gut fĂŒr die Leselupe" habe ich gemeint: Wer so wunderschön schreibt, hebt sich deutlich von dem allgem. Niveau ab und seine Geschichten gehören in ein Buch, wo nur seine Geschichten sein konnen.

Marina

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maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 28
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Einigen wir uns einfach darauf, dass die Geschichte sicherlich druckreif ist..
__________________
Die Hölle sind wir selbst.

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Guest
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Jawohl! Druckreif fĂŒr ein Buch, wo nur seine Geschichten gedrĂŒckt werden können. Ohne Nachbarn, O.K.?

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