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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Held (2. Runde)
Eingestellt am 17. 05. 2001 22:39


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Der Held

Ich habe Flohm├Ąrkte immer geliebt. Damit meine ich jene gro├čen M├Ąrkte, wo alte B├╝cher nach alten B├╝chern riechen und echte Silberservices nach Gewicht verkauft werden.
Mein Vater war Antiquit├Ątenh├Ąndler und auf seinen Beutez├╝gen durch halb Europa nahm er mich des ├Âfteren mit. Er besuchte immer dieselben Tr├Âdelm├Ąrkte in den gro├čen Metropolen des Kontinents. Und immer an den selben Wochentagen. Wir hatten einen richtigen Zeitplan, wo wir wann sein mu├čten. Schon fr├╝h morgens, so gegen f├╝nf, wenn ein Tr├Âdelmarkt er├Âffnete, waren wir bereits dort und warteten darauf, da├č sich die ersten wei├čen Laken oder Folien der St├Ąnde l├╝fteten. Zu dieser Stunde konnte mein Vater noch hoffen, einige Schn├Ąppchen zu entdecken und zu erwerben, bevor der langschlafende Touristenstrom den Markt ├╝berflutete.
Meist war es dann so, da├č mein Vater mir zwanzig Mark in der jeweiligen W├Ąhrung ├╝berlie├č und ich so meine eigenen ersten Gesch├Ąfte machen konnte. Sp├Ąter gestand er mir, da├č er so stets die Vater-Schmach meiner Anwesenheit hatte verhindern wollen, f├╝r den Fall, da├č ihn mal ausgekochte H├Ąndler ├╝ber den antiquaren Tisch gezogen h├Ątte.
Ein Markt in London hatte es meinem Vater und mir besonders angetan. Er war ziemlich gro├č und f├╝llte s├Ąmtliche benachbarten Gassen aus. Hier konnte ich stundenlang herumlaufen. Die Zeit wurde nie langweilig. ├ťberall gucken, ausprobieren, anprobieren, anfassen und begutachten. So tief die st├Âbernden Sinne reichten.
Oft feilschte ich auch, doch nur um des Feilschens willen und weniger, um etwas f├╝r mich zu erwerben. Manchmal gelang es mir sogar, das Geld gewinnbringend zu gebrauchen, indem ich hier etwas billig herunterhandelte und erwarb, um es dort hochgefeilscht zu verkaufen. Aber meist lief ich einfach nur herum und geno├č die Auslagen. - ├ťberquellenden Tische mit bemalten Pozellan und Geschirr und Besteck. Blankpolierte Zinngef├Ą├če mit schnulzigen Motiven. St├Ąnde, die sich g├Ąnzlich auf Lampen und Kerzenleuchter spezialisiert hatten. Tiffanys, etliche Lampenschirme ohne Leuchten und Leuchten ohne Lampenschirme, Lampen, die man sich selbst zusammensetzen konnte, verschn├Ârkelte Lampen, einfache Lampen, ehemals teure Lampen und ehemals sch├Âne Lampen.
An anderen St├Ąnden gab es noch (oder auch wieder) eingeschwei├čte WC-Garnituren oder K├╝chenger├Ąte, welche noch in der Originalverpackung angeboten wurden. Diese verblichenen Schachteln mu├čten doch jahrzehntelang von ihren K├Ąufern aufbewahrt worden sein.
Es gab Dinge, die so derma├čen h├Ą├člich waren, da├č sie nie jemand kreiert haben konnte. Bilder, so kitschig, da├č keiner sie h├Ątte vollenden k├Ânnen. Und doch wurden sie gekauft. Solche Dinge kann man nur hungrig sammeln oder aus ganzem Herzen genie├čen.
Da gab es reine Technikst├Ąnde. Aus Wohnzimmerschr├Ąnken herausmontierte Lautsprecher. Schreibmaschinen, mit fehlenden Tasten. Alte Fernseher, die in ihrem elektrischen Leben nie in den Genu├č von Kabelprogrammen gelangen w├╝rden. Fotoapparate, deren Bedienungsanleitungen noch in Altdeutsch verfa├čt worden sein mu├čten. M├Âbelartige Radios, von Telefunken und Imperial und anderen Marken, die es gar nicht mehr gab, da die Herstellerfirmen Bankrott gemacht hatten, weil ihre Produkte zu robust gewesen waren. Ich habe gesehen, wie sie zu antiken Rundfunkm├Ąuerchen ├╝bereinandergestapelt waren.
Gleich daneben konnte eingepacktes Autozubeh├Âr liegen. Oder auch Badezimmeramaturen aus Chrom. Oder eine Garnison Trinkgl├Ąser und Karaffen. Oder abgegriffener Kupfer- und Messing-Zierrat.
Hier und da schlich ein Schwall leicht muffigen Geruches durch den Schwei├č der Menschen. Sei es der Mottenkugel-Odem der kunterbunt behangenen Kleiderst├Ąnder, oder der Duft von Tausenden von B├╝cher, welche halbzerfl├╝ckt und wundgelesen, in Pappkartons auf ihren Verkauf warteten.
Andere St├Ąnde hatten schubladenweise Armbanduhren und Schmuck anzubieten. Woher sie sie hatten, fragte niemand. Armeem├╝tzen und Uniformen, die l├Ąngst nicht mehr vermi├čt wurden und aus l├Ąngst vergessen gewollten Zeiten stammten.
Wieder andere St├Ąnde hatten sich auf Spielzeug spezialisiert. Puppen, die mal "Mama" gesagt haben mochten. Pl├╝schtiere, deren Kirmesherkunft man an der Reisf├╝llung und den aufgeklebten Plastikaugen erkennen konnte. Kistenweise Comics, die von fiebrigen Freaks mit hektischen Fingern durchforstet wurden.
├ť-Eier gab es damals schon. Doch fand man die heute unbezahlbaren Dotterf├╝llungen noch in Krimskramkisten; als Lockmittel f├╝r kleine Kinder, die sich "da mal was raussuchen durften", damit Papa und Mama ihre Blicke auf die Auslagen werfen konnten.
All das wurde ├╝berschallt von energischem Feilschen und von der Musik der vielen Schallplatten-St├Ąnde. Aus allen Ecken t├Ânten Komm-mal-her's und Schau-doch-mal's und Wieviel?'s in jeder Tonart und Lautst├Ąrke.
Wenn es einen Ort gibt, an dem alle Gegenst├Ąnde, die irgendwann einmal verloren worden sind, wieder auftauchen, so ist es dieser Markt.
Sagte ich schon, da├č ich diesen Tr├Âdelplaneten liebte? Kann sein. Ich werde es immer wieder sagen. Denn, und das war ein Pflichtbesuch bei jedem Londoner Streifzug: Ich mu├čte meinen Helden sehen.
Mino, der st├Ąrkste Mann der Welt. Ach, was sage ich - des Universums. Mino brauchte man nie suchen. Man fand ihn. Mino war stets da, wo Applaus zu h├Âren war und die Menschen in einer weiten Traube die Stra├če versperrten. Ich mu├čte mich immer erst durch die hohen Masten der Leute hindurchwinden, um ganz nach vorne zu kommen.
Ich sehe ihn heute noch vor mir. Er war nicht besonders gro├č, aber um so kr├Ąftiger. Er trug immer einfache, weite Stoffhosen und ein einfaches, wei├čes, geripptes Tr├Ągerhemd. darunter ballten sich Minos phantastische Muskeln und er zeigte sie freiz├╝gig der ganzen Welt. Dichte, schwarze Haare hatte er und eine lange Narbe, die sich wie eine Ackerfurche tief und rot links an seiner Nase entlangzog. Und seine Augen. Seine dunklen Augen, in denen es blitzte, wie bei einer elektrischen Entladung.
Einige der Leute sagten, er sei Zigeuner, aber andere Leute brachten das Ger├╝cht auf, Mino hie├če in Wirklichkeit Edward und sei geb├╝rtiger Engl├Ąnder aus Sussex. Die Haare sollte er sich angeblich nur schwarz gef├Ąrbt haben. Diesen Unsinn glaubte ich nat├╝rlich nicht. Das konnte ich gar nicht glauben und eigentlich war es mir ein R├Ątsel, wie die Leute, die in Minos Augen sahen, dieser L├╝ge auch nur ansatzweise Glauben schenken konnten.
Niemand konnte st├Ąrker sein als Mino. Keiner war den Wahnsinnsgewichten, die mein Held bei sich hatte, gewachsen, au├čer er selbst. Es waren Gewichte aus Stahl oder Eisen, ich wu├čte es nicht genau, aber sie waren so schwer, da├č die M├Ąnner aus dem Publikum sie nur mit M├╝he und Not anheben konnten. Und er, Mino, hob zwei. An jedem Arm einen. Bestimmt einen Meter hoch.
Dann befestigte er diese beiden Gewichte und noch zwei weitere aneinander, machte daran eine Kette mit einem Lederriemen fest und legte sich den Riemen um den Nacken. Daraufhin ging er tief in die Hocke und verharrte so eine Weile. Die Menschenmenge um ihn herum hielt gebannt den Atem an. Und dann - mit einem zornigen Schrei, der mich jedesmal aufs neue erschaudern lie├č, hob er unter dem tosenden Applaus das doppelte Gewicht hoch.
Und das war noch l├Ąngst nicht alles.
Er machte sich einen Spa├č daraus, M├Ąnner aus dem Publikum zum Tauziehen herauszufordern. Zwei Kerle gegen ihn alleine. Ich kann mich nicht erinnern, da├č Mino hierbei mal nicht gewonnen h├Ątte. Und wie er dann jedesmal die M├Ąnner ins L├Ącherliche zog. Er feuerte die zwei als Schlappschw├Ąnze an und die Menge quittierte ihm seine oft b├Âsartig beleidigenden Sp├Ą├če mit begeistertem Klatschen. Dann funkelte es in seinen dunklen Augen besonders feurig.
Zum Schlu├č lie├č sich Mino immer von den M├Ąnnern mit Eisenketten fesseln und forderte sie mit seiner m├Ąchtigen Stimme auf, fester zu ziehen. Kr├Ąftig! Dabei fluchte er wie ein Rohrspatz und beschimpfte und verspottete die beiden Kerle, sie seien Waschlappen und kleine M├Ądchen. Die wurden dann oft wirklich ungehalten und zerrten die Ketten so fest sie konnten um Minos breiten K├Ârper.
Und dann, als wieder Ruhe eingekehrt war und alle Augen voller Unruhe auf den Geketteten gerichtet waren, da spannte mein Held seine Muskeln an. Jeden Muskel und jede einzelne Sehne konnte man sehen. Kraftgeballt zeichneten sie sich unter seiner Haut ab. Sein dunkles Gesicht mit der langen Narbe lief rot an, die Adern an den Schl├Ąfen und am Hals w├Âlbten sich gef├Ąhrlich, schienen sich prall aufzupumpen. Mino ging zitternd in die Knie. Er bi├č die Z├Ąhne so fest aufeinander, da├č sie sicherlich bei jedem anderen Menschen zerplatzt w├Ąren. Man wollte schon glauben: "Gleich ist es aus mit ihm.", da konnte man beobachten, wie sich die einzelnen Kettenglieder langsam auseinanderbogen. Einen Augenblick sp├Ąter klirrte es und die Kette sprengte entzwei und rasselte schlaff auf den Asphalt. Einmal fiel mir ein zersprungenes Kettenglied direkt vor die F├╝├če.
Und da stand er dann wieder - die Muskelarme siegreich emporgerissen: Mino, der St├Ąrkste! Mino, der Held! Die Leute jubelten und klatschten und als er seine Tweed-M├╝tze nahm, da brauchte er gar nichts weiter zu tun, als dazustehen. Die Leute kamen zu ihm und das Gewicht vieler M├╝nzen beulte die M├╝tze unten aus.
Ich gab ihm immer etwas und jedes Mal gab er mir dann einen Klaps gegen die Schulter und zwinkerte mir freundlich zu.
Ja. Mino war mein Held. - Die zersprungene Kette habe ich aufbewahrt und trage das St├╝ck als meinen st├Ąndigen Begleiter in meiner Jackentasche. Bis heute.
Ich bin nun dreiunddrei├čig Jahre alt.
Seit etlichen Jahren bin ich nicht mehr auf dem Markt gewesen. Ehrlich gesat, ich scheue mich, zu gestehen, da├č fast zwei Jahrzehnte vergangen sind, seit ich das letzte Mal in London war. Denn mitten in der Pupert├Ąt war es mir irgendwann zu doof geworden, meinen Vater auf seinen Tr├Âdeltrips zu begleiten. Ich hing viel lieber in Diskotheken herum, um mich im Knutschen zu versuchen und mich von der gerade aufwallenden, neuen Welle umsp├╝len zu lassen. Ich zappelte durch meine st├╝rmischen Jugendtage und stie├č mir die H├Ârner rund, um wieder ruhiger zu werden. In der Arbeit der folgenden Jahre verga├č ich die Zeit und lebte mein stinknormales Leben.
Aber das Leben ist doch zuf├Ąlliger, als man meinen mag. Vor einigen Tagen ├╝berredete mich ein Freund zu einem Spontantrip nach England und so komme ich nach Jahren mal wieder auf die Insel.
Es ist Winter, aber das macht nichts. Ich freue mich an den alten Anblicken der Gro├čstadt, ob sie nun kalt sind oder nicht. Und w├Ąhrend mein Freund sich in Museen aufw├Ąrmt, kann ich es mir nat├╝rlich nicht nehmen lassen, meinen alten Markt zu besuchen, um die Farben in meiner Erinnerung wieder aufzufrischen.
Seine Stra├čen erscheinen mir in ihrem alten, rauhbeinigen Glanz, obwohl ich glaube, da├č einige der H├Ąuser wohl renoviert worden sind. Doch ist es m├Âglich, da├č ich mir dies nur einbilde. Ich hoffte auch zuerst, da├č der Stand, an dem es German Bratwurst gibt, Einbildung ist, doch leider ist dem nicht so.
L├Ąchelnd strolche ich an den St├Ąnden und Auslagen vorbei. Im Grunde hat sich nicht viel ge├Ąndert. Mir f├Ąllt nur auf, da├č hier heute einige der Dinge liegen und verkauft werden, die bei meinem letzten Besuch in London der letzte Schrei waren.
Da sehe ich pl├Âtzlich eine von diesen kleinen Nippesgebilden auf einem Auslagetisch stehen und mu├č unterdr├╝ckt lachen, da ich glaube, diese Figur zu kennen. Es ist eine zierliche Porzellan-Szene aus 'Alice im Wunderland', mit Humptidumpti auf der Mauer. Meine Phantasie l├Ą├čt nur zwei M├Âglichkeiten zu: Entweder mu├č ich sie irgendwann mal hier gekauft und dann wohl sp├Ąter verloren haben und sie ist automatisch hierher zur├╝ckgekehrt, oder aber sie hat diesen Verkaufstisch seit fast zwanzig Jahren nicht verlassen und ich habe sie schon damals hier stehen sehen.
Dieser Gedanke gef├Ąllt mir. Ich notiere ihn mir, wie es meine Gewohnheit ist, sofort in meinem Notizb├╝chlein, welches ich stets bei mir trage. Notizb├╝cher haben die praktische Angewohnheit, da├č sie klein sind und ohne zu dr├╝cken in alle m├Âglichen Jackentaschen passen. Sie haben aber auch die schlechte Angewohnheit, da├č sie eben klein sind und es furchtbar umst├Ąndlich ist, in ihnen zu schreiben, wenn nichts in der N├Ąhe ist, wo man sie drauflegen kann. - Daher hocke ich mich hin und benutze meinen Oberschenkel als Unterlage.
Wie ich in dieser Stellung meine Gedanken aufschreibe und die Beine der englischen Bev├Âlkerung an mir vor├╝berstolpern lasse, bemerke ich ein paar ausgelatschte Turnschuhe, die mein Blickfeld durchqueren. Das Kunstleder und das Plastik an ihnen ist br├╝chig und an den Seiten heruntergetreten. Ihre Spur verl├Ąuft unregelm├Ą├čig. Sie weicht aus und l├Ą├čt nicht ausweichen.
Gewi├č ist kein Nobelviertel, aber solcherart Beine fallen immer auf und sei es nur f├╝r einen naseger├╝mpften Blick. Ich erhebe mich, um mir den Menschen und Inhaber dieser Schuhe genauer anzusehen.
Der alte Mann schleppt sich und seine Sporttasche durch die Menge. Das er ein wenig wankt, liegt nicht etwa an einem ├╝berschwappenden Alkoholspiegel, sondern schlicht am Alter des Mannes.
Er tr├Ągt eine graue Stoffhose und einen l├Âchrigen hellblauen Pullover. Seine Haltung ist gebeugt und seine Bewegungen so sperrig, als bem├╝he er sich krampfhaft, gerade zu laufen. Auf der blassen Kopfhaut kann man verkrustete Sch├╝rfstellen unter den grauen, sp├Ąrlich d├╝nnen Haaren entdecken. Sein Gesicht schaut aus, als sei es mit der Zeit nach unten gesackt und baumle nur noch in seiner alten Verankerung. Die Narbe neben der Nase ist nur noch eine etwas tiefere Falte.
Ich gehe ihm nach. Ich sp├╝re eine pl├Âtzliche Benommenheit aufkommen, die meinen F├╝├če in Bewegung setzt und ganz automatisch laufe ich hinter ihm her. Einfach, weil ich es immer getan habe, wenn ich ihn in diesen Stra├čen gesehen habe.
Ich warte auf den Applaus. Den hat es oft gegeben, wenn Mino durch die Stra├če ging. Aber diesmal gibt es keinen Applaus.
Mino tapst an den Leuten vor├╝ber. Ihre Blicke folgen ihm zwar, doch ist weder Bewunderung, noch Ehrfurcht in ihren Gesichtern zu lesen. Ich mu├č mir eingestehen, da├č ich Mitleid mit diesem alten Mann habe. Da├č auch ich Mitleid mit diesem alten Mann habe. Da├č auch ich viel lieber weggucken w├╝rde.
An der Ecke zur n├Ąchsten Stra├če bleibt der alte Mann stehen, blickt ausdruckslos um sich und stellt seine Tasche ab. Ich bleibe in einiger Entfernung, um mich eine Weile an der Hauswand festzuhalten. Mir ist schwindelig. Mir ist, als br├Âckele in mir etwas langsam auseinander. Mein Atem w├Âlkt sich grau in den Februar. Minos auch. Trotzdem zieht sich der Alte nun den durchl├Âcherten Pullover aus und b├╝ckt sich nach seiner Tasche. Ich erschrecke so, da├č ich mir beide H├Ąnde vor den Mund halten mu├č, damit sich mein hilfloses ├ächzen ungeh├Ârt in meine Handschuhe murmeln kann.
Mino tr├Ągt auch diesmal ein geripptes Unterhemd ohne ├ärmel. Doch ist es mehr fleckig als wei├č und wohl lange nicht gewechselt worden. Schwei├čr├Ąnder aus alten Tagen zieren den R├╝cken. Die Muskeln h├Ąngen ihm lappig am d├╝rren, verwelkten K├Ârper.
In der T├╝r eines Ramsch- und Souvenirladens lehnt ein dicker Mann. Er ist wohl auch der Besitzer der Verkaufsst├Ąnde, die den B├╝rgersteig vor dem Laden einnehmen. Mi├čbilligend runzelt er die Stirn.
"Hey, Eddi!" ruft er. "Mach's kurz, ja!"
Der alte Mann schaut kurz auf und nickt schweigend in die Richtung des Souvenirladens. Sein Narbengesicht verzieht sich dabei bitter, so als habe er sich beim Schweigen auf die Zunge gebissen.
Das Rufen des Dicken hat die Leute aufmerksam werden lassen. Einige sind stehengeblieben und schauen dem alten Mann, den der Dicke "Eddi" genannt hat, befremdet und belustigt zu, wie dieser in seine Sporttasche greift und eine Kette herausholt. Auch ich komme n├Ąher heran, um genauer sehen zu k├Ânnen. Heute sind mir keine S├Ąulenbeine mehr im Weg. Da sind keine Gewichte in der Tasche. Nur eine Kette. Und die ist weder besonders dick, noch sonderlich lang.
Ohne ein Wort zu sagen geht der alte Mann in der Runde herum, dr├╝ckt den Leuten die Kette in die Hand und fordert sie mit heftigen Gesten auf, an der Kette zu rei├čen und sie auf Festigkeit zu pr├╝fen. Die Haut an seinen Armen baumelt dabei. Einige Leute lachen. Das kenne ich von fr├╝her. Nur haben sie da mit Mino gelacht und nicht ├╝ber einen alten Mann.
Der Alte hat noch immer kein Wort gesprochen. Kein feistes Lachen wie fr├╝her, nichtmal ein L├Ącheln ist auf dem angespannten Gesicht zu sehen. Um uns herum hat sich eine Menschentraube angesammelt und neugierig beobachten die Leute das Geschehen. Doch sind auch ihre Blicke nicht wie die Blicke von fr├╝her. In den Augen damals war kein Bel├Ącheln und Grinsen zu sehen gewesen.
Besch├Ąmt schaue ich auf meine Schuhe.
Da steht er pl├Âtzlich vor mir, greift mich beim Handgelenk und zieht mich in die Mitte des Kreises. Ich bin so erschrocken, da├č ich zusammenzucke. Er dr├╝ckt mir das eine Ende der Kette in die Hand. Das andere Ende schlingt er sich um seinen mageren Leib und h├Ąlt es sich vor der Brust zusammen.
Zu keiner Bewegung f├Ąhig, verharre ich und starre in sein altes Gesicht, auf den offenen, kalt atmenden Mund, auf die laufende Nase. Dann auf die Kette, die zwischen ihm und mir h├Ąngt, wie eine groteske Nabelschnur. Ich wei├č, was ich zu tun habe. Vor zwanzig Jahren h├Ątte ich viel darum gegeben, es einmal tun zu d├╝rfen. Aber heute will ich es nicht tun.
Der Alte starrt mich an und nickt mir immer wieder auffordernd zu. Er wird ungeduldig. 'Gleich verh├Âhnt er mich.' schwirrt mir durch den Kopf. ' Gleich macht er sich ├╝ber mich lustig und alle lachen mich aus. Doch da spricht Mino endlich: "Los, mach schon! Fessel mich endlich mit der Schei├čkette!"
Das hat Mino fr├╝her auch immer gebr├╝llt. - Nur viel kraftvoller.
Der Alte hat kaum noch Z├Ąhne. Rostig aussehende Stumpen halten sich in seinen sch├Ąbigen Felgen fest und seine Stimme klingt wie ein fistelndes Reibeisen. Wieder lachen und kichern die Leute um uns herum.
Dann ziehe ich doch an der Kette. Humpelnd dreht sich der Alte um die eigene Achse, so da├č sich der d├╝nne Eisenstrang um ihn herumwickelt. Dabei zerrt und zieht er sich keuchend von mir weg, damit der Zug strammer wird. Ich umfasse die Kette st├Ąrker, ziehe sie in meine Richtung. Jede dieser Bewegungen gibt mir einen Stich, tut mir im Innersten weh. Trotzdem ziehe ich mit aller Kraft. Ich glaube, wenn ich noch fester zerre, k├Ânnte ich den Alten problemlos wie eine kleine, kl├Ąffende T├Âle ├╝ber den markt f├╝hren, so kraftlos sind seine Zappeleien, mit denen er sich dreht.
Vor meinen Augen zerrieselt mein Held. Wie eine Bleifigur an Sylvester zerschmilzt der fr├╝here Mino in meinen H├Ąnden zu einer Pf├╝tze qualmenden Etwas, das keinen Namen mehr hat. Es dreht sich windend und kr├╝mmend und keuchend vor mir im Kreis, wobei sich der Kettenstrang auf dem schmuddeligen Hemd eindr├╝cken. Die weiche, schlaffe Haut der Oberarme quetscht sich durch die Eisenglieder.
"Fester!" kr├Ąht der gefesselte Greis und ein Tropfen f├Ąllt ihm aus der Nase.
Ich will das alles nicht. Ich kann kaum atmen vor Unwillen, aber ich bewege mich so mechanisch, da├č ich den Zug meiner H├Ąnde gar nicht mehr sp├╝re.
Dann ist keine Kette mehr da. So lang ist sie gar nicht gewesen. Nicht so lang wie fr├╝her - und auch d├╝nner. Die Kette hat ihn nur dreimal umwunden. Doch das Zappeln, mit dem der Alte die Spannung erh├Âhen wollte, hat das Fesseln in die L├Ąnge gezogen. Die H├Ąnde hat er die ganze Zeit krampfhaft gefaltet mit dem einen Ende der Kette vor der Brust gehalten. Nun ├Âffnet er sie und reckt mir ein kleines, ge├Âffnetes Zylinderschlo├č entgegen. Es ist eines jener Sorte, die man nur noch zudr├╝cken mu├č. Er hat es dort die ganze Zeit ├╝ber festgehalten. Ich nehme es benommen aus den zitternden, gebundenen H├Ąnden. Feucht und warm f├╝hlt es sich an. "Mach zu! - Aber feste!"
Ich greife nach dem losen Ende der Kette. Eine Erinnerung schiebt sich mir in die Gedanken. Ich habe diesen Vorgang des Schlo├čanlegens damals oft beobachtet und immer habe ich innerlich gebangt: Er kann sich vielleicht nicht befreien. Vielleicht klappt es diesmal nicht. Diesmal ist es vielleicht zu fest.
Doch dann ist mir immer eingefallen, da├č es ja Mino ist, mein Held, und ich habe mir keine Sorgen mehr gemacht.
Doch was ist jetzt? Ich beobachte nun nicht mehr. Ich lege das Schlo├č selbst an. Die Kette ist k├╝rzer und d├╝nner. Mino hat auch keine Gewichte gehoben. Er ist also noch ausgeruht. - Vor zwanzig Jahren w├Ąre Mino noch ausgeruht gewesen. Mein Held Mino h├Ątte sich mit so etwas erst gar nicht abgegeben. Gelacht h├Ątte er dar├╝ber.
Der alte Mann vor mir lacht nicht.
Ich habe das Schlo├č angelegt. Einen Augenblick wei├č ich nicht, was ich tun soll. Dann trete ich in den Menschenkreis zur├╝ck. Es kommt mir wie eine Flucht vor. Die Scham kriecht mir aus dem Nacken. Meine Hand greift in meine Jackentasche und umklammert das alte Kettenst├╝ck, das sich dort befindet. Ich dr├╝cke so fest zu, da├č mir die Handinnenseite weh tut. Ich sp├╝re, wie meine Beine zittern. Ich will nicht hinschauen, aber ich mu├č es schlie├člich tun. Irgendwie mu├č ich das alles doch tun, oder?
Es dauert nur einen kurzen Augenblick, dann ist es schon vorbei. Es ist l├Ąngst nicht so dramatisch, wie in meiner Erinnerung. Aus dem Stumpenmund des Mannes quoll ein lautes ├ächzen. Der lichte, d├╝nngraue Kopf lief rot an. Ein Ruck, ein Rasseln und die Kette rutschte ├╝ber die Schultern um den faltigen Hals. Das war's.
Keine zersprungenen Kettenglieder klirren auf die Stra├če. Kein triumphales Lachen. Keine jubelnde Menge. Doch das macht mir nichts mehr. Meine Erinnerung ist so zusammengeschrumpft worden, da├č mir nichts mehr fehlt.
M├╝des, h├Âfliches Klatschen tr├Âpfelt durch den Kreis. Der Alte humpelt schnell zu seiner Sporttasche und holt eine gammelige Tweed-M├╝tze hervor. Dann mu├č er sich beeilen, denn die Menschentraube pfl├╝ckt sich schon auseinander. Ein paar mitleidige M├╝nzen kann er noch sammeln.
Ich f├╝hle mich immer noch wie benommen. Wie am Asphalt festgewurzelt, die H├Ąnde in den Jackentaschen versteckt, stehe ich noch da, als er schlie├člich zu mir kommt. Einen Augenblick lang schaut er mich nur an. Und ich schaue ihn an. Er l├Ąchelt nicht und ich bin sicher, wenn ich nun nicht die Hand aus der Jackentasche geholt h├Ątte, w├Ąre er im n├Ąchsten Moment einfach weitergegangen, weil er sich in den letzten Jahren an solche Reaktionen gew├Âhnt hat. Ohne jegliche Mienenregung h├Ąlt er die M├╝tze in meine Richtung. Ich lege ihm f├╝nf Pfund, die ich noch in der Tasche habe und das alte geborstene Kettenglied auf die kleinen M├╝nzen.
Die alten Augen des Mannes verengen sich verwirrt und ein irritierter, fragender Blick hebt sich aus dem Innern der M├╝tze zu mir empor.
"Das haben sie verloren." sage ich nur zu ihm.
Der Alte starrt mich an. Dann blickt er wieder in die M├╝tze auf den gebrochenen Eisenring, der um einiges gr├Â├čer ist, als die Glieder der Kette in seiner Tasche. Bestimmt eine Minute steht er so da und auch ich r├╝hre mich nicht. Schlie├člich schaut er wieder zu mir auf und ich sehe, wie sein Blick aus seinen Augen schwimmt. Da verzieht er den Mund zu einem L├Ącheln und mit einer tr├Ągen Bewegung gibt er mir einen Klaps gegen die Schulter. Als er zwinkert, l├Âst sich ein Tropfen aus seinem linken Auge und rinnt durch die Narbe an seinem Gesicht herab.
Dann dreht sich mein Held Mino um, r├Ąumt seine Sachen in die zerschlissene Sporttasche und verschwindet wenig sp├Ąter in der Dichte des Tr├Âdelmarktes.

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