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Leselupe.de > Erzählungen
Der Irre im Glashaus
Eingestellt am 31. 08. 2003 14:19


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uweboe
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Registriert: Aug 2003

Werke: 8
Kommentare: 21
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Vorwort fĂĽr LL:

In reger Zusammenarbeit mit Michael Schmidt und Marcus Richter wurden die Teilerzählungen unter dem Überbegriff "Genie und Wahnsinn" aus der Rubrik "Fantasy" heraus nach "Erzählungen" verschoben.

Genie und Wahnsinn sind
-Der Irre im Glashaus
-Die Verkennung genialster Veranlagungen des Komponisten Z.
-Liebe Uta (ein ungelöstes Liebesrätsel)

Danke fĂĽr Eure Mitarbeit.

Uwe


Genie und Wahnsinn


Der Irre im Glashaus

Der Götter Geist
ist Poesie.
Sagt Er,
nicht Sie!

Die Götter sind wohl abgeschafft,
der Poesie Potenz gar abgeschlafft.
Die neue Macht heißt ‚peinlich fühlen’,
wenn Er versucht Sie aufzuwĂĽhlen.

Sie zieht es vor konform zu bleiben;
ihr ist es peinliches GefĂĽhl,
obwohl ‚Romantik’ Sie stets sucht!
Der Worte wildestes GewĂĽhl,
gilt als verrucht.
Sie schätzt mehr das ‚moderne Treiben’.


Interessiert es sie, daß ich von Berufs wegen Übersetzer bin? Nein? Nun, es spielt zum Verständnis meiner Geschichte auch keine all zu große Rolle; genau genommen könnte ich auch Schreiner, Metzger, Bademeister, Bürgermeister, Schönheitschirurg oder Atomphysiker sein. Wichtig ist nur, daß sie sich merken, daß ich als sogenannter ‚Freiberufler’ arbeite. Im Falle der anderen Berufsgattungen auch ‚Selbständiger’ genannt oder ganz einfach nur ‚Chefarzt’ (obwohl die ja meist angestellt sind) oder oder oder. Mein Beruf gefällt mir. Er erfüllt mich. Er gefiel mir sogar einmal sehr! Vor Jahren. Nachdem ich `89 das Abitur – immerhin mit nur einer Ehrenrunde – abgelegt hatte, entschied ich mich ratlos zu sein. Genau! Ich wußte nicht so recht was tun! Meine Mutter sorgte sich sehr, da Sohnemann Medizin studieren sollte. Ihren Wünschen nach. Ich persönlich fand die Medizin zu blutig und zu desinfiziert und entschied mich, der guten Noten in Mathematik und Physik und der schlechteren in Politik und Sprachen wegen für eine Ausbildung zum Übersetzer, da die Zeit im Gymnasium ja nicht ausgereicht hatte, mich in diesen Disziplinen bis an die Grenzen des menschenmöglichen zu bringen.

Daß ich mich dazu entschied, ist nicht einmal die halbe Wahrheit, ich würde sogar behaupten, daß irgend etwas für mich entschied. So eine Art ‚innere Stimme’. Oder war es Luisa, die Italienerin aus dem Fernmeldeamt, in dem ich jobbte?

Wenn sie jetzt glauben, daß ich wußte, daß Luisa Italienerin war, nur weil sie eben Luisa hieß, so täuschen sie sich schwer. Luisa saß an den Computern im Nebenzimmer und umherspazieren ist bei dieser Art von Arbeit nicht unbedingt vorteilhaft, so daß sich menschliche Kommunikation auf den in der Eingangshalle vorfindbaren Aufenthaltsraum beschränken mußte. Welch ein Glück, daß er allen Geschlechtern zugleich diente: den Frauen, den Männern, den Rauchern und auch den Nichtrauchern. Und wo die Geschlechter zusammentreffen, da steht im Normalfall auch ein Telefon. Und dieses Telefon steht dort alleine. Alleine gegen den Rest der Geschlechter. Was denken sie? Daß man da sehr gut mithören kann? Genau! Und da ich ein Mann bin und Nichtraucher und viel zu ruhig, um für das Geschlecht der rauchenden oder auch nicht rauchenden Frauen auch nur im Geringsten interessant sein zu können, wird es sie nicht verwundern, daß bei geschlossenem Munde meine Ohren um ein Vielfaches empfindlicher arbeiteten und ich somit sofort registrierte, daß Luisa sehr hübsch war. Zudem sprach sie in die Mikrofone der Fernmeldevermittlung akzentfreies Deutsch und in die Muschel des roten Telefonhörers im Aufenthaltsraum fließendes Italienisch. Fließend deshalb, da sie wie ein rauschendes Bächlein ununterbrochen Worte von sich gab ohne dabei auch nur im Geringsten ans Luftholen zu denken. Betäubt durch ihre Stimme und die im Sprachrhythmus wippenden Brüste mußte mir – nachdem ihr die Luft ausging und sie den Telefonhörer auflegte – trotz Schüchternheit ein Sätzlein wie: „Luisa, mach’s mit mir“ entglitten sein, denn ehe ich mich versehen konnte, saß ich zuhause am Tisch ihrer sizilianischen Familie und erhielt Unterricht in ihrer Heimatsprache. Daß ich Luisa heiraten sollte versteht sich von selbst, daß ich es dennoch nicht tat, bedingt, daß ich bis heute vermieden habe südlich von Rom Italien zu erkunden.

Um mich von den Strapazen temperamentvoller, italienischer Liebe und Wortakrobatik zu erholen, beschloß ich meine erworbenen Italienischkenntnisse per Studium zu erweitern und mich zudem offen für mir bis dato unbekannte Sprachen zu zeigen. Ob es besonders sinnvoll war ‚Siswati’ als zukunftsträchtige und gewinnbringende Spracherweiterung zu wählen, wollte mir zu diesem Zeitpunkt wohl eher keinen kritischen Gedanken wert sein, so daß dem Lustgewinn beim Erlernen neuer Dinge nichts im Wege stand und der Mühen Lohn sich sogar in Form guter Noten, Urkündchen und Zertifikaten auszahlte. Weiß der Teufel, was mich geritten hatte aus diesem Erlernten dann nach erfolgreichem Studium auch noch einen Broterwerb zu machen? Und wie sie sich bestimmt erinnern werden, bat ich sie einige Zeilen zuvor, sich den ‚Freiberufler’ zu merken; voilà, hier wären wir nun, will sagen: hier bin ich und arbeite an der Tatsache, daß es zwar leicht Kirschen essen ist, aber schwer Geld verdienen mit dem Hinübersetzen von Italienisch nach Siswati oder her von Siswati nach Deutsch oder hin oder hü oder hott. Und selbst innerhalb der europäischen Sprachen – als da blieben Italienisch und Deutsch – war die gefräßige Konkurrenz so groß, daß vom Kuchen des durch Gewinn erzielten Wohlstandes mit Mühe die Krümel übrig blieben. Ja, und von diesen Krümeln blieben in absehbarer Zeit dann nur noch Staubkörnchen, welche in Atome zu zerfallen drohten, würde mein Hirn nicht bald an Lösungsstrategien gegen knurrende Mägen zu arbeiten beginnen. Ob mein Gehirn jedoch zu diesem Zeitpunkt auf Höchstleistungen getrimmt war mag anzweifelbar sein, es entschied sich jedoch alte Talente im Bereich der mathematischen Logik hervorzukramen und die Übersetzertätigkeiten durch das Erstellen von Computersoftware zu erweitern. „Was soll nun das“, werden sie fragen? Ich könnte dann zur Antwort geben: „dies sei eine andere Geschichte“, aber schließlich sind sie enttäuscht, wenn der Genuß beim Verzehr dieser Zeilen zu kurz ausfiele und würden demnach weder diese Lektüre weiterempfehlen, noch nach weiteren Geniestreichen des vorliegenden Autoren suchen, so daß ich nicht wage auch nur das geringste Detail unerklärt zu lassen und verschachteln werde, was das Zeug hält! Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei der Software: ich denke, daß bei meiner Zeugung, spätestes jedoch bei meiner Geburt etwas schief gelaufen sein mußte. Nichts Großartiges. Nein, auch nichts vordergründig Auffälliges, eben ein kleiner Fehler. Nennen sie es ruhig Mutation (also Genfehler) oder auch nur zu engen Geburtskanal; beides denkbar. Wie auch immer, in den ersten Lebensjahren machte es sich nicht besonders bemerkbar. Der kleine kann sich eben gut selbst beschäftigen, war das stolz proklamierte Urteil der Eltern. Der Kleine spielte Lego, steckte Eisenbahnschienen zusammen, demolierte Elektrogeräte. Verwarf wieder die Legowelt, zerriß das Schienenparadies, nur die zerstörten Radio- und Fernsehgeräte konnten im frühen Kindheitsstadium noch nicht wieder in den ordnungsgemäß funktionierenden Zustand zurückgeführt werden. Doch nur „wer wagt, gewinnt“! Neue Legowelten entstanden, Paris’ Gare de l’est wurde nachgebaut, neu erworbene Taschenrechner auf das Genaueste analysiert.

Wundert es sie da zu hören, daß der Kleine keine Zuneigung zum Fußball fand? Wäre es ihnen als ‚Eltern’ als unangenehm aufgefallen, daß der Kleine keine Freude an „welches Schweinerl hätten sie denn gern?“ zeigte (in Anbetracht der Tatsache, daß zu diesen Zeitpunkten immer wieder aufs Neue für das Vorhandensein eines funktionsfähigen Farbfernsehgerätes gesorgt wurde)? Aber hätten sie sich wenigstens gesorgt, wenn der Kleine erste Anzeichen von Unterernährung zeigte, da das tägliche ‚Kreativ- und Analyseprogramm’ Papas und Mamas Berufsarbeitszeiten zusammen übertraf und somit weder Zeit für Essen, noch für Schlaf blieb? Grundsteine für die Zukunft legen, denken sie jetzt wohl? Mama beriet sich jedoch mit Papa und ging daraufhin mit mir zum Kinderarzt. Nach gründlichster Untersuchung ließ dieser verlauten, daß wahrscheinlich die Grippe oder Scharlach anstünden und riet meiner Mutter zu einem Schnapsglas voll Sahne in der Frühe; für den Kleinen, nicht für die Mama, der Unterernährung und der Nerven, also des Schlafes wegen. Nach einer Woche war das Theater dann vorbei, der ‚Schnaps’ wurde vom Speiseplan gestrichen, da der Kleine jetzt nicht nur nichts mehr aß, sondern zudem das nicht Gegessene ausspie! Es wurde kein weiterer Arzt konsultiert, man schwieg. Eigentlich war ja alles in Ordnung.

Was in Ordnung war, war jene Gehirnhälfte, die dem sogenannten ‚analytischen Verstand’ zukam, um Dinge und Theorien so lange auseinander zu nehmen, bis entweder nichts mehr übrig bleibt oder sich alles im Kreise dreht. Da diese Art von Denkvorgang gewöhnlicherweise alles und jeden scheibchenweise zerstückeln möchte, eignet er sich auch besonders gut im 21. Jahrhundert, um die Scheibchen durch ‚Bits und Bytes’ zu ersetzen und somit den Elektronengehirnen zu trotzen oder sie doch wenigstens zu beherrschen, in der Form, welche man ‚Programmieren’ nennt.

Verstehen sie jetzt vielleicht, weshalb bei untergehendem Broterwerb durch Übersetzertätigkeiten eine Überlebensstrategie meines Gehirns sein mußte, sich selbst in den Vordergrund zu drängen; zudem sie ja zuvor erfuhren, daß dieses arme Organ unnötigerweise ‚sprachlich vergewaltigt’ wurde, obwohl dies überhaupt nicht seinen Neigungen entsprach? Sollen wir an dieser Stelle eine Gedenkminute für das 21. Jahrhundert einlegen, für Bits und Bytes und Frequenzverdoppelungen?

Das Nebeneinanderher von Übersetzen und Computer füttern, als verzweifelter Versuch durch Addition beider Einkommen vielleicht aus einem Hungertuch mehrere zu machen und später die Hungertücher evtl. mit Tellern, Gabeln, Messern, Löffeln und die Teller wiederum mit Möhrchen, Tomätchen, Sardellchen und kleinen Nüdelchen bedecken zu können, vielleicht noch ein Gläschen, vielleicht auch ein Rotweingläschen und dies denn endlich mit Inhalt zu füllen; ja, das war Licht am Horizont. Ein Problem war nur, daß weder der Tag mehr als 24 Stunden hatte, noch meine Firma ‚Microsoft’ hieß, so daß ich einsehen mußte, daß selbst bei stärkster Zurücknahme meiner eigenen Bedürfnisse – wie Schlafen, Essen, Einkäufe tätigen, Körperausscheidungen zu entsorgen und Zähne zu putzen – dafür immerhin noch ein Minimum von vier Stunden nötig war, so daß leider nur 20 für den Broterwerb übrig blieben. Und das war zu wenig ... für den Broterwerb! Als ich dann, nach reiflicher Überlegung, zu dem Schluß kam, daß der Schlaf wohl wenigstens versuchsweise auf Null zurückgefahren werden könnte, läuteten meine inneren Alarmglocken in Form hochfrequenten Herzschlagens, welches bei geöffnetem Munde durchaus bis auf vier Meter Entfernung zu hören war; der Lungenvolumenresonanz wegen!

Da dieses Alarmklingeln beim Telefonieren mit Kunden recht unseriös störend wirkte, entschloß ich mich einen Spezialisten für innere Motorenschäden zu konsultieren, welcher mich, der privaten Atmosphäre wegen, die meine Krankenkasse ausstrahlte auch sofort freundlichst mit der Nadel piekste, um meinen Lebenssaft zu kosten. „Koste es was es wolle“, dacht er wohl, denn das Abzapfen meiner flüssigen Seele schien ihm Freude zu bereiten, da er Dutzende kleiner Spritzlein mit dem lebenserhaltenden Saft füllte. Ich habe dafür sehr viel Verständnis, da dieser Saft ja nicht nur mein, sondern auch das Leben des fürsorglichen Arztes erhalten soll! Auch wurden weder Geld, noch Mühen gescheut meine Eingeweide mit Ultra-, Infra- und Überschall zu durchleuchten, um mir abschließend mitteilen zu können, daß ich vielleicht schon einmal einen kleinen Vorschuß der kommenden Arztrechnungen anzahlen sollte, da es für sinnvoller erschien die Lösung meiner gesundheitlichen Probleme einem Klinikum anzuvertrauen! „Ach, wie schön“, dachte ich, dort stehen bestimmt die modernsten Apparaturen, die noch nicht abgezahlt waren.

Kliniken und Krankenhäuser im Allgemeinen machen mir Angst! Ich kann ihnen nicht genau sagen woran das liegt. Von außen betrachtet können sie u.U. recht unscheinbar freundlich wirken, doch ab der ersten Schwelle, die übertreten, erzeugen sie allesamt einen leichten Sog, der nach innen gerichtet scheint. So eine Art Staubsauger! Also verstehen sie mich bitte jetzt nicht falsch, das ist lediglich mein bescheidenes Empfinden. „Entschuldigen sie!“, sprach ich den Herrn an der Pforte an, „ich habe hier einen Einweisungsschein für dieses Krankenhaus ...“. „Anmeldung!“, brummte es zurück, noch ehe ich gedachte mein Sprüchlein zu beenden. „Bitte?“, wollte ich wissen. „Sie müssen damit zur Anmeldung gehen, nicht hier an der Pforte“. Nun, damit habe ich eigentlich gerechnet, nur: „Wo ist diese Anmeldung denn bitte?“ „Dort rechts“! Mein zitterndes „Dankeschön“ wird er wohl nicht mehr geortet haben, da die Sehkraft uns Menschen mehr Aufmerksamkeit abfordert, als das Hören und die Augen jenes netten Pfortenbewachers sichtlich überanstrengt den Kurven eines weißen Kittels mit weiblichem Inhalt nachstarrten.

Bis ich die Türen der Anmeldung erreichte, hatte sich meine Herzfrequenz gegenüber der Messung meines Hausarztes bereits verdoppelt, Ansätze von Ohrgeräuschen waren bemerkbar und die Atmung setzte zeitweise, wenn auch noch nicht lebensbedrohlich, aus. „Guten Tag, ich habe hier eine Krankenhauseinweisung meines Hausarztes ...“ „Ah, ja!“ „Bitte?“ „Ihre Versicherungskarte bitte!“ „Ah, ja, hier bitteschön.“ „Sie sind privat versichert!“ „Ja!“, hatte ich bisher geglaubt. „Bei welcher Versicherung?“ „Ich denke, sie haben meine Karte!?“ „Der Computer kann diese Karte nicht lesen!“ „Und jetzt?“ „Haben sie etwas Geduld, ich muß den Systemadministrator rufen.“ Geduld hatte ich genügend, nur hing sie an einem mittlerweile extrem dünnen Geduldsfaden, der jetzt riß! „Gute Frau“, sagte ich in einem Moment geistiger Helle, „die Daten, die sie vorerst benötigen, stehen auch in gedruckter Form auf der Karte, soweit sie des Lesens fähig sind!“ Jetzt ging es voran, ich wurde in die Schranken der psychiatrischen Fürsorge verwiesen. Nach gründlichster Eingangsuntersuchung entschied man, daß die ‚geschlossene Abteilung’ noch nicht in Frage kam und gestand mir somit ein Zimmer in netter ‚offener’ Atmosphäre zu, da ich weder zu Suizidtaten neigte, noch die Dame in der Anmeldung angesprungen hatten.

„Sie haben Angst!“, entglitt es der für mich zuständigen Ärztin. „Sehr wohl!“, wollte ich antworten, wenn nicht meine Gesichtsmimik in der Position des angesetzten ‚S’ erstarrt wäre, da der Erstdiagnose in rascher Reihung die Möglichkeiten einer Nierenarterienverengung, Schilddrüsenüberfunktion oder Gehirnorganstörung folgten. Spätestens jetzt hatte ich ernsthafte Angstprobleme, die aber aus Gründen der Logistik vorerst unbehandelt blieben, um organische Fehlfunktionen, durch modernste Untersuchungsmethoden auszuschließen ... oder zu entdecken! Das Einzige, was dem Entdeckerdrang an diesem Tage noch entgegenstand, war dessen Ende; es ward Feierabend. Um der zuständigen Nachtschwester das Leben zu erleichtern, wurde entschieden, meiner Oskar-Mazeratschen Tendenzen wegen – er entschied sein Wachstum einzustellen, ich verweigerte den Schlaf -, ein schlafförderndes Medikament anzusetzen, das meinen über drei Jahrzehnte gestärkten Willen brechen sollte, um durch erzwungene Schlafzufuhr meinen Gemütszustand zu erhellen. ‚Denkst du wohl!’, dachte ich wohl, denn sobald die Mediziner das Feld räumten, und die Nachtschwester das Terrain betrat, war mein Abendprogramm gesichert – ich entschied die Einnahme des Schlafmittels zu verweigern. Glücklicherweise wurde diese Entscheidung auch zu keinem Problem, da mein Zustand und Verhalten wohl mehr einem 10-, als einem 30-jährigen entsprachen und in des Nachtschwestern Herze mit Sicherheit mütterliche Gefühle regte. „Bitte, dann eben nicht, ich kann sie ja nicht zwingen!“, hieß ihre Antwort und ich möchte wetten, daß sie auch noch ganz, ganz leise „leider“ gesagt hatte. Zu glauben, daß der folgende Morgen gemütlich anfangen würde, wäre vermessen gewesen. Nach der freundlich formulierten Feststellung des Oberarztes Walfang – er heißt so, dafür kann er nichts -, daß ich wohl nicht kooperativ sei und eine stationäre Behandlung nicht möglich, entglitten mir Tränen der Rührung über diese detaillierte Beobachtungsgabe und ich warf mich winselnd zu Boden, um mich für die nächtliche Untat gebührend zu entschuldigen. Glücklicherweise traf ich Walfang damit direkt ins Herz, er verstand sofort, der junge Patient hatte Probleme Vertrauen aufzubauen. Welch’ väterliche Regung; ich erwartete nun Küßchen oder Streicheleinheiten von Seiten der für mich zuständigen Ärztin oder doch wenigstens der anwesenden Krankenschwestern, doch weit gefehlt, vertrauensbildende Maßnahmen anzukündigen schien eine Sprachkodierung für das Ansetzen von angstnehmenden Psychopharmaka zu sein. Doch lieber diese Pillen schlucken, als angekettet zu werden, dachte ich, und begann kooperativ Ängste abzubauen. Die folgenden Tage zeigten deutlich, daß die bisher verabreichte Menge an Psychodrogen nicht ausreichten, um mich von einer Bratröhre in die andere zu schieben, was lediglich des Ausschlusses organischer Fehlfunktionen dienen sollte, von mir aber mit wildem Fuchteln und Schreien quittiert wurde. Als sie mich dann endlich, unter Zuhilfenahme kontrastreicher Soßen – gargeschmort hatten und Reste meines Selbstvertrauens und Sachverstandes wieder zurückkehrten, mußte ich eine Verfünffachung meiner ‚Angstnehmer’ feststellen, was ehrlich gesagt meinem eh’ schon etwas angeschlagenen Kreislauf nicht unbedingt zugute kam. Sollten sie jetzt der Meinung sein, daß nach abgeschlossener Bratröhrenbehandlung dem Patienten die Spannung der Erwartungshaltung in Bezug auf die Diagnose genommen würde, so liegen sie schlicht daneben! Diagnosen sind Daten und Daten sind zum Sammeln da. Und erst wenn gesammelt wurde, was zu sammeln geht, können sie – soweit es ihr Geisteszustand zuläßt – einen Gesprächstermin beim zuständigen Internisten bekommen. Und vergessen sie nie, daß sie im Krankenhaus sind und nicht im Urlaub; beim Internisten verhält es sich umgekehrt!

‚Krankengymnastik’ heißt das Zauberwort, wenn eine Erhöhung der Medikation nicht mehr sinnvoll erscheint, da ernst zu nehmende gesundheitliche Schäden durch evtl. auftretende Nebenwirkungen zu befürchten sind. Krankengymnastik, weil ... Bewegung hat noch nie geschadet. Frau Sonnenschein – ja, sie wirkte so auf mich, aber sie hieß auch so – erklärte mir, daß der Mensch nicht nur Angst, sondern auch Muskeln habe und diese Muskeln in der therapeutischen Krankengymnastik gezielt trainiert werden sollen. Der Mund blieb mir vor Erstaunen offen stehen, derweil sie erklärte; es fiel mir unendlich schwer mich auf meine Muskeln zu konzentrieren, während meine Blicke nicht mehr in der Lage waren sich vom Kurvenreichtum dieser ‚Fruchtbarkeitsgöttin’ zu lösen. Zärtlich schob sie mir den herabhängenden Unterkiefer, während ihres einleitenden Vortrages, wieder nach oben und begann schließlich mit leichteren, muskelkräftigenden Maßnahmen, die selbst ein einfach strukturierter Mann verstehen konnte. Hierzu wurden Gummibänder um beide Handflächen gelegt und durch Armesarbeit deformiert, so daß sie mal quer, mal längs, mal diagonal in die Länge gezogen wurden, dabei stets prüfend, ob Atem und Herzschlag der Beanspruchung stand hielten. Vergaß ich zu atmen, brauchte sie nur scherzhaft meinen Unterkiefer erneut nach unten zu ziehen, um der im Überfluß vorhandenen Umgebungsluft das Einströmen zu erleichtern; schlüge mein Herz zu langsam, hätte es gereicht, wenn sie sich in das Blickfeld meiner Augen begeben hätte, statt seitlich von mir Platz zu nehmen. Bei den Armen blieb es alsbald nicht alleine, da so ein menschlicher Köper noch mehr zu bieten hat. Um den Stand des Fortschrittes meines Muskelaufbaues zu begutachten, schien es von Vorteil, wenn sie von Zeit zu Zeit die jeweils schon besprochenen und gestärkten Muskelpartien abtastete, um deren Spannungszustand zu prüfen. Interessanterweise spielen Arm- und Beinmuskulatur bei der krankengymnastischen Therapie von Ängsten eine untergeordnete Rolle, wobei jene Muskelpartien, die sich in etwa von der Brustmuskulatur zum Popo erstrecken die therapeutisch maßgebenderen zu sein schienen. Frau Sonnenschein war mit dem Fortschritt meines Trainings nicht unzufrieden, lediglich die Tatsache, daß eine Nebenwirkung der mir verschriebenen ‚Angsthemmer’ sich negativ auf eine Stelle meines Körpers auswirkte, der auch mit therapeutischem Muskelaufbau nicht nahe zu kommen war, nahm ihr ein wenig die Freude am Genuß ihres Arbeitstages. Und wenn ich bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht depressiv war, so setzten die Depressionen spätestens dann ein, als mich Frau Sonnenschein an ihre untergebenen Schülerinnen weitergab und selbst nur noch sporadisch kontrollierte.

Jene Nebenwirkungen jedoch, die sich auf das Abschlaffen bestimmter Körperregionen spezialisiert hatten, wirkten sich erstaunlicherweise nicht auf die dazugehörigen Hirnregionen aus, was nicht dazu beiträgt das Seelengleichgewicht ausgewogener zu gestalten. Im Gegenteil! Um den Verlust von Frau Sonnenschein nicht zu ‚Verlustängsten’ werden zu lassen, nahm sich die Stationsschwester Claudius meiner an, d.h. sie wurde viel mehr aus medizinischen Gründen auf mich angesetzt, um in sprachlicher Auseinandersetzung mir meine Lebensgeheimnisse zu entziehen. Wohl aus der tiefen Einsicht, daß Sprechen die Seele befreit. Und so sprach sie und sprach und sprach, ob ich es wollte oder auch nicht.

Sie sprach von ihrer Heimat, in der sie nicht mehr war, sprach von Zerrissenheit und Kultur, sprach von Beruf und vom Alltag, von Großem und Kleinem, sprach von Vergangenem und Gegenwärtigem, sprach von Begonnenem und Beendetem, sprach von Sonne und Wind, sprach vom Meer und vom Salz, sprach von Musik und vom Träumen, sprach schnell und erregt, sprach ruhig und ernst, sprach von Banalem und Besonderem, sprach von Mythen und Sagen, sprach vom Regen und seinem Bogen, sprach von den Farben und von Gott und der Welt. Und wenn sie gehen mußte, so verebbte der Klang ihrer Stimme noch lange nicht. Meist schlief ich dann ein und träumte von Heimat und Kultur und von den Farben des Regenbogens und von Gott und der Welt, träumte von der Sonne und dem Meer und dem Salz des Lebens, träumte ruhig vom gleichmäßigen Geräusch eines Baches oder wild wie von Blitzen, die den Himmel zerrissen. Und irgendwann, es war gewiß kein besonderer Tag, also ein Tag wie jeder andere auch, wurde mir bewußt, daß ich sie liebte. Ja, ich hatte mich in die Krankenschwester Claudius verliebt. Mir wurde bewußt, daß mir ihre Stimme fehlte, wenn sie nicht sprach, daß mir ihre Stimme fehlte, wenn sie keinen Dienst hatte, daß mir ihre Stimme fehlte, wenn sie im Urlaub war, daß mir ihre Stimme fehlte, wenn ich eines Tages diese Klinik verlassen mußte! Und irgendwie wurde mir klar, daß ihre Stimme und ihre Worte, ihre kleinen Geschichten, ihre Träume und Darstellungen, ihre Sichtweisen und Einsichten, ihr heiter Belangloses, ihr ernst, fast Erschrockenes viel tiefer ging, als bloßer Voyeurismus. Und dennoch entsann ich mich, wie in den letzten Tagen und Wochen, zwischen Wörtchen und Wort, zwischen Sätzchen und Satz, zwischen Geschichtchen und Geschichte, dann auch feurig-magische Augen im Gegenlicht der einfallenden Sonne blitzten. Augen, die träumten, Augen die erkannten, Augen die fragten, Augen die forderten, Augen die in ein anderes Universum zu blicken vermögen. Und dennoch entsann ich mich, wie in den letzten Tagen und Wochen zwischen Wörtchen und Geschichte da auch ein fremder Geruch war, der erforscht werden wollte, der nach mir griff und mich fesselte, der mich betörte und neckte und der wunderbar greifbar blieb, selbst wenn ich träumte. Und im Traum vergrub ich meine Nase tief zwischen ihren Brüsten, um lustvoll einatmend mich an ihrem Duft zu berauschen; mit wilder Zunge ihre Säfte zu kosten und nie mehr in die Banalitäten der realen Welt zurückkehren müssen. Die Sehnsucht nach ihr wurde so unerträglich, durch den Gedanken eines Tages entlassen zu werden und nichts getan zu haben, als still zuzuhören und verträumt die Augen zu verdrehen, daß ich zu Feder, Tinte und Papier griff und mein Sehnen in Worte faßte.

Noch betäubt vom Komponieren der Liebesworte wachte ich am folgenden Morgen auf, als Krankenschwester Claudius – ihr „guten Morgen“ hauchend – eintrat und wies wortlos, da benommen, auf das kleine Kuvertchen hin, das auf dem Zimmertisch lag – der Brief an sie! „Für mich?“, ihre Frage. Ein Nicken von mir.

Ob Humor und Pflichtbewußtsein zusammenpassen wage ich nicht zu entscheiden, mir jedoch blieb nur, es mit Humor zu nehmen, als ich mitbekam, daß Krankenschwester Claudius in pflichtbewußter Manier meine Liebestat dem Chefarzt vorgelegt hatte, in der tiefen Überzeugung mir und meiner Gesundheit damit zu dienen. Aus der logischen Schlußfolgerung des medizinischen Expertenteams heraus, daß nach dem Liebesbrief die Befruchtung folgen müßte, zog man es vor, mich an die Kollegen der geschlossenen Psychiatrie zu übergeben, die solche Begattungstaten zu erkennen im Stande waren und sie zu verhindern wußten. Spätestens jetzt verstand ich, daß Wahrheit und Wahrheit zwei Paar Stiefel waren, und daß innerhalb der Örtlichkeit in der ich mich derzeit befand mein Fühlen und Denken sich der medizinischen Lehrmeinung unterzuordnen hatten. Ade süße Stimme, durch Glastüren getrennt! Wissen sie, ob Liebeskummer zum Katalog anerkannter Krankheiten gehört? Da half kein Heulen und Strampeln, kein Lechzen und Stöhnen, kein Schreien und Glucksen. Aus und vorbei! Durch Glastüren getrennt! Spätestens jetzt hatte ich einen Grund ernsthaft irre zu werden. Die Krallen meiner Pranken in weißen Kalkstein zu bohren, meine Reißzähne in zuckende Oberarme zu hauen oder auch nur mit meinem Kopf gegen Betonmauern zu rennen. Aus und vorbei! Durch Glastüren getrennt! Was half gegen was, welcher Maßstab war echt, wer vermochte noch zwischen Dichtung und Wahrheit zu trennen, in Welten, die Dichtung mit Lüge verwechselten und das Wort des Mitmenschen für eine schallende Ohrfeige hielten, anstatt für die Botschaft die es immer war? Wo ist das Wort geblieben, das den stummen Gegenstand von seiner Bewegungslosigkeit befreite, die Bewegungen des Bewegten durch Zeit und Raum schickten, die Attribute des Gesehenen und Gefühlten zu bunten Träumen verquickten und Wort an Wort gereiht den Zauber des Menschseins erwachen ließen? Hier schien mir nun die Reduktion auf das Ungesagte erwünscht, nein, vielmehr auf das Ungedachte. Was tun? Tier sein unter Tieren, die sich für Menschen hielten, um jene, die sie wiederum für Tiere hielten zu bewachen? Oder den Menschen im Menschen suchen? Ich entschied schweigend zu denken und mit mäßig irrem Blick das zu analysieren, was von der realen Welt übrig geblieben war. Anfangs schien das sehr wenig, doch Stunde um Stunde erhellte das Schweigen die Stille und brachte die Magie alter, uralter Zeiten wieder hervor, die dem Wort voranging, ja gar einst das Wort erschuf; eine Sprache, die ohne Laute und Gedanken dennoch kommunizierte.

„Guten Tag, verehrter Mitpatient. Oder möchten sie viel lieber als Mitmensch angesprochen werden? Ihr Schweigen wird ihnen nichts nützen, sie werden trotzdem verstehen was ich sage! Glauben sie nur nicht, daß ich ihre Geschichte nicht kenne – den Weltschmerz, die Panik, die liebe zu einer Frau! Ja, schauen sie ruhig mein irres Grinsen mit entsetzter Mine an, aber glauben sie ja nicht, daß sie viel anders dreinblicken. Ist ihnen der Tag zu kurz geworden? Haben sie den Schlaf vom Speiseplan der Genüsse gestrichen? Haben sie ihren Taktstock aus der Hand gegeben, im verwegenen Glauben andere wüßten besser mit ihrer Lebenssymphonie umzugehen? Nun, verzeihen sie lieber Mitmensch – oder wollen sie Freund genannt werden – meine Dreistigkeit ihnen Vorwürfe zu machen, da ich doch selbst nicht besser gehandelt habe ... keiner hier! Die Einen nennen es den ‚kleinen Tod’, die Andern eine Chance! Beides klingt nach Wiedergeburt, finden sie nicht auch? Mein Freund! Sie fragen nach meiner Geschichte? Na, sehen sie, sie fragen ja schon, obwohl sie ihre Stimmbändchen gefroren halten. Fragen sie, fragen sie nur, so werden sie schneller wieder ihre alten Gewohnheiten aufnehmen und Fragen in Worte gestalten! Sie fragen also – mein Freund – nach meinen Gründen für den Aufenthalt hier? Nun, ich entschied, daß es nicht normal sei, über vier Jahrzehnte eine Firma an zweitoberster Stelle zu leiten, um dann nicht mehr lesen zu können, um nicht mehr hören zu können, um nicht mehr gehen zu können. Ja, um in den sogenannten Ruhestand einzutreten und dafür – wie eine Art unsinniger Pfand – meine Lebensqualitäten abzugeben. Meine Augen sind aber gesund, meine Ohren nicht minder und meine Beine würden auch das Doppelte meines Körpergewichtes noch gut tragen. Auch all die anderen Organe, die sich in meinem Körper zu einem ‚Ich’ vereinen, haben keine Mängel. Und dennoch verweigern meine Augen den Genuß von Lesbarem, meine Ohren den Verzehr von Schauspiel und Musik und meine Beine den einfachen Dienst beizeiten den Ort zu wechseln. Und anstatt zu begreifen weshalb, fragte auch ich nur bei anderen nach dem ‚Warum’. Und nun bin ich hier, da mein Mund lebensunlustige Dinge formulierte; müde von der täglichen Wiederkehr des Gleichen, sein eigenes Ende zu beschreiben begann. Und dieses Gesagte fügte sich nun nicht mehr in jene Ordnung, die der Masse ihre – ach, so bescheidenen – Sicherheiten vorgaukelt, ermahnte vielmehr den Einzelnen seinen eigenen Lebensweg zu erkennen, um erschrocken festzustellen, daß er nur aufgesetzte Maske war und nicht das eigene ‚Ich’, welches mit Gold aufzuwiegen, die unersättliche Waage der Unendlichkeit benötigen würde. Ja, mein Freund, auch sie haben an der Ordnung der Ordentlichen gerührt, ob sie es nun wollten oder auch nicht. Nennen sie es Schicksal, Magie, nennen sie es Zufall oder Fügung ... zurückdrehen werden auch sie das Rad der Zeit nicht, nicht verlangsamen, auch nicht stoppen. Mit Verlaub, mein Name ist Bäumeler und wie heißen sie?“

Ich hätte fast Faust gesagt, doch blieb ich bei Wagner, der Taufzeremonien wegen und der ordentlichen Bürokratie. Tja, nun hatte mich das Wort tatsächlich wieder und die Götter der Freundschaft ihren Spaß mit uns beiden, dem Bäumeler und mir. Er, der Alte und ich der Junge, ein selbsternanntes Team, das unschlagbar im Geiste zwischen den Glastüren paradierte (er im Rollstuhl, ich ihn schiebend). Da sprachen wir vom Gewesenen und wenig von dem, was kommen könnte, da die Mächte der Fremdherrschaft zu nahe und die Freiheit zu fern waren. Und daß Bäumeler weder lesen, noch hören, geschweige denn nicht gehen konnte, galt nur für die Ordnung der Ordentlichen und nicht für die reichen im Geiste, die – mit Verlaub – wir beliebten zu sein! Doch waren die Todessehnsucht von Bäumeler und meine Gier nach dem vollen Leben zwischen Glastür und Glastür gefangen und die Angst vor der Ordnung trieb uns sicherheitshalber jenes verwegene Grinsen von Irrsinn unter die Gesichtsmuskulatur. Sicher ist sicher und Sicherheit brauchen die Wächter der Ordnung, um die Ordnung zu wahren. Und als hätten die Götter der Mystik ihre Chance gewittert – die Langeweile im Pantheon war seit mehr als 2000 Jahren schier unerträglich -, schoben sie Wotan zu uns, selbstverständlich auch ihn durch die verglasten Schleusen. Daß er einen Vor- und wir beide – Bäumeler und ich – nur den Nachnamen preisgaben, soll sie nicht weiter beunruhigen; es gibt manchmal eben doch kein ‚Warum’! Wotan litt – so sagten die Ärzte, nicht wir – unter dem Wahn, auf sämtlichen Computern, die ihm unter die Finger kamen, Windows ’95 installieren zu müssen. Das ist ein Computer-Betriebssystem, also eine Basis-Software, ohne die jene Maschinen nicht sehr brauchbar wären. Ich denke er landete nicht wegen seinem Zwang, die Installation vollbringen zu müssen, auf der Geschlossenen, sondern deshalb, da es schon seit Jahren Besseres auf dem Markt der Betriebssysteme gab, als Windows ’95! Es ist nur zu gut einsichtig, daß die innere Ordnung einer Gesellschaft durch massenhaftes Benutzen veralteter Software massiv gefährdet würde! Doch hielt ich die verantwortungsvollen Ärzte nicht für besonders klug, denn hätten sie Wotan weiterhin wüten lassen, dann hätten sie damit ihre Geldbeutel viel umfangreicher ernährt, da all die Tausende von irre gewordenen Windows-95-Benutzern die Reihen vor den Krankenhausanmeldungen füllen würden. Das kommt davon, wenn man den Katalog der Allgemeinbildung nicht ständig erweitert, bzw. von unnötigem Ballast befreit! Es ging keine drei Wochen, bis Wotan, Bäumeler und ich genügend Lebensinformationen des jeweils anderen gesammelt hatten, um zu erkennen, das wir das ‚heilige Triumpherat des Irrenhausausbruches’ bildeten! Wotan würde auf dem Computer im Schwesternzimmer das Betriebssystem auf Windows ’95 zurückschrauben, ich die nötigen Handgriffe tun, um die Glastüren, die uns von der Freiheit trennten, per Softwareeingriff vollelektronisch zu öffnen und Bäumeler derzeit die Nachtschwester mit Selbstmordversuchen auf Trab halten. Die Möglichkeit eines Probedurchganges gab es nicht ... einmal oder keinmal, jetzt oder nie. Und endlich ward uns dann auch die schwierige Entscheidung genommen, wie an den Sicherheitsschlüssel des Schwesternzimmers heranzukommen ist: man sollte das Schicksal viel öfter beim Schopfe packen: die Nachtschwester knallte schwungvoll die Türe zum Schwesternzimmer zu, um den ersten ihrer nächtlichen Rundgänge durch die Patientenzimmer anzutreten. Eben genau so schwungvoll steckte sie den Sicherheitsschlüssel der Türe in das dazugehörige Schloß und – ebenso schwungvoll – drehte sie den Schlüssel im Schloß und – sie ahnen es schon – riß sie das Schwert wieder aus der Scheide ohne die Vollendung dieses Vorganges abzuwarten und setzte sich gleichzeitig in Bewegung, um ja keine Zeit mit Belanglosem zu vergeuden. Hätte sie sich nur einen Augenblick mehr Zeit gelassen, so wäre das letzte Sechstel des Schlüssels nicht im Schließzylinder verblieben, um bei beginnendem Laufreflex eine starke Verbiegung zu erleiden, die durch ‚gehen wollen’ und gleichzeitigem ‚festhalten wollen’ und ebenso gleichzeitiger Ratlosigkeit über dieses mehrfache ‚Wollen’, wohl kaum vermeidbar gewesen ist! Die Nachtschwester stockte kurz in ihrem Tun – der Ruck, der vom verbogen, verklemmten Schlüssel über Finger, Hand, Unter- und Oberarm, Schulterblatt, Rückenmuskulatur, Becken, Ober- und Unterschenkel endlich die Fußsohlen erreichte, ließ wohl auch nichts anderes als ‚Stocken’ zu. Es war ihr sichtlich peinlich, denn der Ersatzschlüssel lag – des Diebstahls geschützt – im nun fest verschlossenen Schwesternzimmer und ließ ihr keine andere Wahl, als über das noch zugängliche Patiententelefon auf dem Gang, den hausinternen Schlüsseldienst zu benachrichtigen. Weiß Gott, welcher Gott nun gewußt hatte, daß es dazu kommen würde und mir rechtzeitig einen Drang auf der Blase verschaffte, um pünktlich an jener Stelle zu sein, die mir den vollständigen Umfang vorheriger Situation aufzunehmen erlaubte. Just in dem Augenblick, als die nächtliche Schwester zum Telefon rannte, huschte ich in Richtung verklemmtem Schlüssel, bog ihn – ob er nun brechen würde oder auch nicht, auf einen Versuch kam es an – so gut es eben ging gerade, zog ihn ab, dröselte ihn vom Bund der gesamten Schlüssel und steckte das erste Sechstel eines x-beliebigen anderen Schlüssels des Bundes in das Schloß ... und verbog es. Der Gott des Schlüsseldienstes war mit mir, der echte Schlüssel brach nicht und die Nachtschwester war lange genug mit dem Telefonieren beschäftigt, um nichts von meiner verbotenen Aktion zu bemerken! Das Einzige, was jetzt noch schief laufen konnte, war, daß der Schlüsseldienst ebenfalls probieren würde den Schlüssel zuerst gerade zu biegen, um ihn nicht ersetzen zu müssen, wobei der Schwindel auffliegen würde. Doch, als ob ein Glück nicht Glück genug wäre, er tauschte ihn aus, da ein gebrochener Schlüssel und damit ein verbleibendes Sechstel im Zylinder nur zusätzliche Arbeit bereiten würde.

Ich hatte keine Zeit, den Göttern des Ausbruchs gebührend zu huldigen, dachte jedoch, daß ‚keine Huldigung’ Huldigung genug sei, da sie – die Götter – wohl Verständnis für die Eile haben werden. Die Zeit war reif und sie drängte vor allem auch. Ich suchte Wotans Zimmer auf und frage, wie viel Zeit er bräuchte, um das Betriebssystem zu ändern und erfuhr, daß das bei Windows ’95 in einer halben Stunde erledigt sei, rechnete weitere 15 Minuten für meine Handgriffe hinzu und überbrachte Bäumeler die frohe Botschaft jetzt mit den Künsten der Suizidakrobatik zu beginnen, jedoch pünktlich nach Ablauf von 45 Minuten Einsicht zu zeigen und das Ganze so wohl dosiert, daß die Krankenschwester nicht zu härteren Drogen oder gar dem diensthabenden Arzt greifen mußte. Ich übergab Wotan den gestohlenen Schlüssel – der trotz des Zurückbiegens durchaus brauchbar war – und jener stürmte das Dienstzimmer der Nachtschwester, nachdem Bäumeler mit seiner Show begonnen hatte. Nach 30 Minuten tauschten Wotan und ich die Plätze; meine Wenigkeit hantierte nun in den Eingeweiden des Krankenhaus-Computernetzwerkes herum, um für etwa weitere 20 Minuten alle zur Flucht notwendigen Sicherheitstüren auf elektronischem Wege offen zu halten. Als auch meine Tat vollbracht, schloß ich das Dienstzimmer wieder ab und begab mich – gleichtuend mit Wotan – in Warteposition. Erst als die Nachtschwester Bäumelers Zimmer verließ, um sich Notizen bezüglich des Vorgefallenen zu machen, schien der richtige Zeitpunkt gekommen, um die eigentliche Flucht zu starten. Wotan gab erst Bäumeler ein Zeichen, danach erschien er bei mir. In exakt vereinbartem Timing entschwanden daraufhin zuerst Bäumeler, gefolgt von Wotan und schließlich auch ich durch die erste Pforte, die uns von der Freiheit trennte. Soweit, so gut! Der Rest sollte zwar von Seiten der Elektronik – also dem computergesteuerten Offenhalten der Türen – kein Problem mehr sein, jedoch war die ‚Königin der Nacht’ alles andere als in ihrem Verhalten berechenbar und so waren weniger Ruhe, als vielmehr Eile geboten. Wer wußte genau, ob ihr Bäumelers Selbstmordattacken auf den Geist gingen oder ihr vielmehr aufs Gemüt schlugen oder das Pflichtbewußtsein ansprachen, als vor nicht all zu langer Zeit bei Schwester Claudius’ Liebesbriefdilemma. Kurz und gut, der Weg war länger als ausbruchsreifen Irren zumutbar! Doch werde ich es nicht müde, immer und immer wieder die selben alten Floskeln zu wiederholen – die Geschichte aufzublähen; ja, sie haben recht – und sie heroisch ermahnend darauf hinzuweisen, daß nur der gewinnt, der wagt und dies selbstverständlich im Konditionell! Daß geschlossene Anstalten sich am Ende der Welt befinden, muß nicht ausdrücklich erwähnt werden, daß ihre Gänge verwirrt und verwunden sind wie Gottes Wege wohl auch nicht. Trepp ab, zwei weitere Glastüren, hinten rechts die kleine Treppe wieder hinauf, um einer Zwischenpatroullie zu entgehen, oben dann wieder links-gerade, kurz stopp, dann weiter, wieder runter, den zweiten Treppenabgang suchend und findend, Trepp ab, Trepp ab, vier weitere Glastüren, Trepp ab, zwei Türen und ab durch die Mitte. Ja, die Mitte der Hauptpforte vor dem Klinikgelände, denn diese Schlafkappe, die hier diente, interessierte sich – wie sie schon zuvor erfuhren – recht wenig für den Patienten und dessen Wohlbefinden; viel eher für Kurven unter weißen Kitteln, zumalen sie weiblicher Natur und unter dem Kittel nur Kurven wohlgeformter nackter Haut und keine weitere störende Unterwäsche waren, bzw. hatten – also an hatten! Also ansonsten nackt waren, weil zuvor schon, der Erregung wegen, ausgezogen und fortgeworfen ... aber was erzähle ich; wen interessiert das schon?

Bäumeler war verdächtig gut drauf. Das lag wohl daran, daß das Rollstuhlschauspiel beendet und das Lebensschauspiel eine neue, viel aufregendere, Facette bekommen hatte; ich fragte mich ehrlich besorgt, wie er jemals zu seinen finsteren Suizidgedanken zurückfinden möchte, wenn dieses nette Grinsen zum Dauerzustand werden sollte? Wotan dagegen wirkte nicht sehr entspannt, da er trotz gelungenem Ausbruch nicht mehr die Zeit fand diverse Fehler im Windows ’95 Betriebssystem aufzuspüren und zu beseitigen oder wenigstens zu protokollieren, um sie anschließend an den Microsoft-Support zu übersenden, der sowieso nie antworten würde ... was soll’s! Ich? Wie es mir ging fragen sie? Keine Ahnung, es ist mir ehrlich gesagt entfallen. Daß mittlerweile etwa ein bis drei Polizei-Streifenwagen nach uns fahnden würden, war durchaus im Bereich des Möglichen, konnte jedoch auch genau so gut nicht sein und belastete nicht uns, sondern wahrscheinlicher die Konten irgendwelcher Haftpflichtversicherungen, die für derartige Sperenzchen aufzukommen hatten. Verschnaufpause? Jetzt? Natürlich jetzt, wenn auch ungelegen und vielmehr als Verlegenheitslösung, da unser Ausbruchsplan zwar durchaus als genial und gelungen einstufbar war, jedoch nach der Pforte – also der Hauptpforte des Klinikgeländes – endete, da keiner von uns dreien damit rechnete an dem Tag auszubrechen, der jetzt eben der Auserwählte war und demnach verdammt wichtige Teile der Logistik schlicht fehlten. Sie rechnen jetzt mit ratlosem Herumstehen und damit dem erhöhten Risiko erwischt zu werden! Nein, in meinem Skript steht etwas anderes: „Bäumeler“, steht da! Bäumeler grinste immer noch, grinste vielmehr vielmehr als zuvor, so, als ob der Lebenszufall – dieser Lebensschwachsinn – ihm rein philosophisch recht gut in den Kram paßte! „Steigt doch bitte dort drüben in das Taxi“, sagte er, die Lage vollkommen überblickend, „ich denke, daß die Mastercard, die ich bei mir führe, noch genügend Deckung haben dürfte, um den Fahrer zu bezahlen!“ „Soso“, könnte jetzt eine passende Antwort gewesen sein, doch sie blieb aus oder wohl vielmehr im Halse von jeweils Wotan und mir stecken. Statt der verwunderten Aussprache von „Soso“ glitten wir also auf die Rückbank eines Taxis; Bäumeler auf den Beifahrersitz, um den Chauffeur zu dirigieren.

Ich hätte jetzt große Lust, den Weg wortreich zu beschreiben, doch hatte ich Bäumeler vor Niederschrift dieser Geschichte zu versprechen – Handschlag -, daß der angesteuerte Ort nicht nachvollziehbar sein dürfe, und so springe ich gänzlich kunstlos direkt zum Ende der Reise und sage: „Wald!“ Irgendein Stückchen Wald am Rande irgendeiner Großstadt in Deutschland. Aussteigen, bezahlen, wilde Flucht des Taxis, samt Fahrer – versteht sich von selbst! Ich denke, diese Haltestelle dürfte ihm – selbst bei bestem Nervenkostüm – nicht sonderlich angenehm gewesen sein.

Bäumelers Schutzengel sprachen und nahmen uns somit den Druck, die Frage nach dem „wieso gerade hierhin“ stellen zu müssen. Wie sie noch wissen, war zwar bis zur Hauptpforte des Klinikums, jedoch danach nichts mehr geplant; und das war gut so, denn es macht viel mehr Freude verworrene Realitäten zu erzählen. „Bäumeler, Bäumeler, eins-zwei-drei ... zauber ’mal schnell eine Erklärung herbei“, flüsterten die Englein im Himmel, nur um uns die Wortkargheit zu nehmen, denn sie wußten natürlich schon alles, wie Engel halt eben so sind. „Drei-zwo-eins-null, ich heiß zwar nicht Krull, aber dieses Arschgesicht, das ein Stüflein in meinem Berufsleben über mir stand, nannte sich seit seiner Geburt so.“, war Bäumelers Kontern auf der Englein Gesang. „Soso, ach, der Krull, ja, der war wohl wirklich ’ne echte Null, zumindest was seinen Charakter betraf!“, schmiß der Engel Chor in schlechtestem Reim zurück. „Den Krull hab’ ich belogen, viel Bargeld hinterzogen. Und das über achtzehn Jahre lang, mir wurde dabei nicht auch nur einmal bang!“, versuchte sich daraufhin wieder Bäumeler und sah ein, daß Goethe das besser konnte.

Wotan war der erste vom Duo Wagner-und-Wotan (also mir und Wotan), der begeistert den Choral von Bäumeler und den Engelein durchbrach und schlicht nach dem Umfang des unerschlagenen Wertes frug. „2,7 Millionen Euro“, entglitt es Bäumeler nicht ohne Stolz. „Und da sich dies wunderbar durch drei teilen läßt, schlage ich vor, wir buddeln das Zeug jetzt schleunigst aus, teilen es, verschwinden dann schnell und setzen uns ab, solange noch keine deutschlandweite Suchmeldung nach uns vorliegt“. Märchen enden gewöhnlich so oder so ähnlich, meine Geschichten jedoch nicht; sie gehen an derartigen Stellen immer noch ein wenig weiter.

Das, dem Bruttosozialprodukt entzogene Kleinod wurde in Windeseile geortet, entgraben und geteilt. Sie fragen jetzt, wie das von Statten gehen kann, so gänzlich ohne Hacke und Schaufel? Wenn ich auch nicht all’ zu viel von der Örtlichkeit verraten darf, so sei doch kurz erwähnt, daß in biederen Schrebergärten gewöhnlich Unmengen an derartigem Hack- und Schaufelgerät herumliegt und wir zwar in finsterstem Walde, doch immerhin in Deutschland waren, so daß die nächsten Gartenwerkzeuglager ... sagen wir: auf der Strecke lagen! Etwas kurzsichtig erschien nun die Entscheidung, den Taxifahrer nicht zurückgehalten oder ihn wenigstens geknebelt und gefesselt zu haben, um jetzt nicht per pedes in die Zivilisation zurückkehren zu müssen. Da uns jedoch – wollten wir uns nicht der Zeitverstreichung wegen erwischen lassen – nichts anderes übrig blieb, als unseren Füßen zu vertrauen, setzte sich das ‚heilige Triumpherat des Irrenhaus-Ausbruches’ nicht langsam, sondern schnell in Bewegung, um kurz darauf festzustellen, daß wiederum kein Plan vorlag, wohin die Reise eigentlich gehen sollte.

„Gemeinsam sind wir stark“, hatte uns zwar die Radio- und Fernsehwerbung gelehrt, aber drei Irre mit beachtlicher Anzahl an baren Euro an Bord waren bestimmt mindestens so auffällig wie ‚drei Chinesen mit dem Kontrabaß’. Eine rational, emotionslose Bandentrennung unserer kurzfristigen Dreier-Ehe war nicht möglich; Rotz und Wasser wurde geheult, da kein Biograph je dies Stückchen Wahrheit aufschreiben würde, um Abertausenden von ‚Zuhause Gebliebenen’ ein wenig surreale Freude ins Eigenheim zu bringen. Bäumeler rannte zum nächstgelegenen Bahnhof, Wotan zum nächstgelegenen Bahnhof und ich zur nächstgelegenen Zug-Haltestelle, ich glaube, man nennt es auch Bahnhof. Bäumeler fuhr in die eine Richtung, Wotan in die andere und ich in die eine, bog dann aber rechts ab, während Bäumelers Zug die Geradeaus-Richtung beibehielt. Bäumeler machte etwas, Wotan tat etwas anderes und ich setzte mich nach Griechenland ab. Genauer gesagt schlich ich mich nach Athen, nicht weil ich Griechisch sprach, das tat ich nämlich nicht, sondern weil mein Freund Zachos die Wohnung seiner Schwester als Asyl anbot und Zachos eben Athener war und die angebotene Wohnung in Athen. So einfach ist das! Zachos erfuhr von den 0,9 Millionen Euro und der ganzen Geschichte, das war Ehrensache, denn er ist ein Freund. Ja, wirklich! So etwas gibt es auch in ihrem Leben unter Umständen noch ... einen Freund, eine Freundin, mit dem oder der sie durch Dick-und-Dünn gehen und die wildesten Geheimnisse teilen können.

Ich briet meinen Oberkörper auf Lesbos, die Beine auf Kreta und die Fingerspitzen verbrannte ich mir bei dem Versuch auf eine hübsche Griechin zuzugehen, die weder Sinn für Deutsch, Italienisch, noch Siswati hatte und auch nicht für Liebesspiele englischer Art zu haben war. Unbefriedigter Dinge paddelte ich nach Athen zurück, sagte den Göttern auf der Akropolis ein kurzes „Hallo“ und „Dankeschön für alles“, um mich daraufhin melancholisch-verstimmt in mein Asyl zurückzuziehen. Nun, Geld ist eben doch nicht alles – welch lebensphilosophische Anwandlung! Eine Abwandlung brachte auch nicht die Abhandlung meiner Geschichte in Form einer bedrückend langweiligen Biographie, die eh keiner lesen würde, und so fragte ich Zachos um Rat, was tun? „Keine Ahnung“, war sein Rat. „Lern Griechisch oder laß uns Gyros essen gehen“. Wir aßen Gyros und ich lernte anschließend Griechisch an einer anerkannten Sprachenschule in Athen. Nach vergangenen drei Wochen stellte uns unser Lehrer Kostas eine Nachzüglerin aus Deutschland vor, wobei mich kurzfristig der Schlag traf, als Kostas in mühevoller Zungenakrobatik – er war immerhin Grieche – Frau Claudius vorstellte. Ich hob den Kopf, kaum hatte ich „Claudius“ vernommen, sah hin, erkannte und flog vom Stuhl. Wie gut, daß Schwester Claudius noch Restkenntnisse von Mund-zu-Mund-Beatmung besaß und diese auch genußvoll bei mir anwandte. Mit Erfolg, ich erwachte wieder. „Sie hier“, sagte ich. „Sie hier“, sagte sie. Beide gleichzeitig, versteht sich von selbst; daraufhin darf man sich etwas wünschen, wir wünschten beide das Gleiche und dazu war der Unterrichtsraum zwar technisch brauchbar, jedoch nicht romantisch genug, so daß wir uns von Kostas und den Mitschülern verabschiedeten und ...

Nun, hier endet die erfundene Geschichte. Es war nett, daß sie durchgehalten haben, aber vergessen sie bitte nicht, daß es so etwas in Wahrheit nie geben wird. Ich wünsche ihnen noch eine gute Nacht oder einen wunderschönen guten Tag – je nachdem, wo sie sich gerade befinden -, trinke meinen Wein zu ende, schlage meinen Notizblock zu, bezahle die Rechnung und gehe nach hause. „Tschüssi“, würde Schwester Claudius an dieser Stelle sagen. „Leben sie das Leben, solange ihnen der Himmel nicht auf den Kopf fällt“, hat ihnen Majestix schon geraten! Was sollte man dazu noch hinzufügen?

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Marcus Richter
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Hi Uwe,

ein gewaltiges Werk. Dachte, ich könnte den ersten Teil mal schnell runterlesen. Hat sich aber als Fehleinschätzung erwiesen. Werde das, bei gegebener Muse, nachholen.

Ich kann aber jetzt schon sagen, daß der erste Teil sehr schön flott anfängt. Also was heißt flott, - klasse! Ich bin jetzt gerade in der Mitte und schlage mich ein wenig mit der ärztlichen Bürokratie herum : Schlafmittelchen, Depressiva, beginnender Krankengymnastik. Werde dir meine Meinung bei gegebener Zeit zukommen lassen.

Fürs erste muss ich mich mal mit Michael kurzschließen, in wie weit wir die bereits eingestellten Teile löschen müssen, damit es zu keiner Überschneidung in den Foren kommt.

Für alle, die diesen Thread öffnen: Man lasse sich von Uwes Geschichten treiben und versuche nicht, diese Texte auf einmal zu lesen. Ich kann bereits sagen, daß der zweite Teil sehr zu empfehlen ist.
Man möge sich da einlesen und sich seine Meinung bilden.

Bis die Tage,
Marcus
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Hallo Uwe,

ich würde diesen Beitrag hier so ändern, dass nur der noch nicht gepostete Teil hierin ist, die Titel kann man ( Moderator ) dann ja nach deinem Wunsch ändern. Dann könnte ich die Orginalbeiträge aus fantasy hierhin schieben. Da würden Kommentare und Bewertungen erhalten bleiben.

Alles in einem ist ein wenig lang und es ist zu befĂĽrchten, das es dann keiner liest.

Bis bald,
Michael

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Marcus Richter
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Hi Uwe,
habe jetzt mal gekonnt das Schlachtschiff des Irren im Glashaus umschifft und kann dir eine erste Meinung sagen.
Also der Anfang war klasse, der Schluss war gut und mittedrin hats mich als Leser ausgehebelt, will sagen, darniedergestreckt. Wie ein edler Ritter kämpfte ich mich durch den langen Mittelteil, immer den Gral kurz vor Augen und doch so weit entfernt, daß er scheinbar hinter dem Horizont lag.

Ich schätze mal, daß da irgendwas gekürzt werden muss. Zwischen der Entscheidung, einen Arzt auf zu suchen und der entgültigen Klarheit, daß der Prot. an der, ihm verwehrten Liebe krankt, muss es zügiger gehen, wenn du (ich hab es schon bei "Z" anedeutet) den Leser nicht mit deinem STil erschlagen willst.

Wie gesagt, der STil ist gut, krankt aber manchmal an Handlungsarmut.
Das ändert sich dann am Schluss. Da kommt wahrhaftig eine echte Handlung dazu. Also Handlungen, die mit Worten beschrieben werden.
Am Anfang ist es ähnlich aber da kannst du als Erzähler noch handlungsarm bleiben, weil du dich ja erstmal vorstellst. Dann kommt der Knackpunkt mit der Einweisung.
Und irgendwie wird es da lang, sehr lang.

Aber gut. Das ist jetzt hier kein kein normales Geschichtchen. Sonst wĂĽrde mir das Grosz nicht so sehr gefallen.

Gruss, Marcus

PS: Das Gedicht am Anfang war ja mal klasse! Diese letzte Zeile! Ich hab zwar nicht laut, aber grinsend gelacht - wenn es sowas gibt.


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uweboe
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Hallo Marcus ...

... und Danke fĂĽrs "Durchhalten/Durchlesen"!

Ja, ja, das Ganze ist bestimmt "ĂĽberarbeitungsbedĂĽrftig", nur schiebe ich das schon etwa ein halbes Jahr vor mir her!

Bei "so vielen Zeilen" artet die Überarbeitung in Streß aus, aber ich werde wohl in der Winterszeit bei einigen guten Gläschen Rotwein dem Ganzen zu Leibe rücken.

GrĂĽĂźe, Uwe

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