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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der Kaiser ist tot, es lebe der Kaiser
Eingestellt am 01. 07. 2010 08:59


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Michael Schmidt
Routinierter Autor
Registriert: Jan 2002

Werke: 39
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Ein neuer deutscher Kaiser wurde gesucht. Der Alte hat abgedankt. Kurzfristig, überraschend, die Begründung dürftig.
Früher waren das noch Zeiten. Da regierten Kaiser auch mal über 30 Jahre. Manche Generationen kannten gar keinen anderen, zu lang lebten die Blaublütigen, zu früh starb das gemeine Volk.
Heute lebt das gemeine Volk lange. Aber auch in der Gegenwart finden sich die Dauerläufer unter den Staatsoberhäuptern. Elizabeth II. regiert seit den frühen Fünfzigern und ist der Inbegriff der britischen Queen. Die Vorstellung, auf diese Stelle könnte ein Mann, gar ihr kruder Sohn Prinz Charles, treten, ruft merkwürdige Gefühle hervor.
Die Queen des ehemaligen britischen Empire repräsentiert die Ewigkeit und daran konnte selbst die beliebte Lady Di nicht kratzen. Die Welt wird wurzellos, sollte einer ihrer Enkel übernehmen. Das englische Reich ist somit nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. Doch wer zweifelt daran, dass Elizabeth II. ewig regiert?
Nicht für die Ewigkeit gedacht ist der Kaiser des Vatikanstaats. Nachdem Johannes Paul II. gefühlte 50 Jahre auf seinem Posten klebte, bis Gott ihn in sein Himmelreich rief, kam die überraschende Wahl auf den deutschen Kardinal Ratzinger. Schon in die Jahre gekommen sei er ein Übergangspapst, so war allenthalben zu hören. Aber Benedikt XIV. ist ein zäher Knochen und selbst die deutschkatholische Missbrauchsorgie überstand sein starkes Herz und wir dürfen gespannt sein, ob er der erste Papst sein wird, der die Hundert überschreitet oder ob der göttlichen Fügung durch sein Umfeld nachgeholfen wird und wir erneut Rauch über dem Vatikan bewundern dürfen.

Der deutsche Kaiser ist zurückgetreten. Und das liegt wohl auch an seiner neuen Stellenbeschreibung. Statt Kriege zu führen und bestenfalls zu gewinnen, statt die Deutsche Nation zu einen oder die Nation vor dem bösen Onkel aus dem Westen zu schützen, ist er ein Scheinriese.
Seine Funktion beschränkt sich darauf, zu repräsentieren und damit ist er die genaue Entsprechung der englischen Queen, die sich die Arbeit vom Unter- und Oberhaus abnehmen lässt.
Der Bundespräsident, so nennt man diesen Kaiser neudeutsch, ist seit dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte machtlos und gleichzeitig machtvoll. Er hat eigentlich nichts zu sagen, soll Deutschland im Ausland vertreten und ansonsten der nette Onkel im Schloss Bellevue sein. Und erfüllt damit den deutschen Wunsch nach Adel, nachdem Wilhem II. nicht mehr ist und diverse Prinzen eher durch ihre in der Öffentlichkeit durchgeführten Toilettengeschäfte aufgefallen sind.
Der Bundespräsident ist aber machtvoll, kann er doch die Bundesregierung entlassen. Auch jedes Gesetz benötigt seine Unterschrift.
Horst Köhler war das nicht genug. Seine Daseinsberechtigung schwand. Dazu muss man sich seinen Lebenslauf ansehen. Erst Sparkassenboss, dann Sekretär im Finanzministerium, später Chef des IWF, alles Funktionen, in denen man das Monster der Finanzmärkte mit Füttern kann. Dieses wuchs und gedieh, doch zum Schluss war es so groß, dass man es an die Ketten legen musste.
Vorfahrt für Arbeit war der vorgegebene Slogan, doch Vorfahrt für das Finanzmonster hätte es ehrlicherweise heißen müssen. Das fraß und die hinterlassene Kahlheit führte zur vielzitierten größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Depression.
Depressiv wurden nur die Staatshaushalte, denen die Misswirtschaft der Finanzbranche überschrieben wurde. So einfach geht es im modernen Raubritterkapitalismus.
Köhler, das Finanzgenie, sah sich wohl seiner Aufgabe beraubt. Der Hinweis, man könne ja auch Wirtschaftskriege führen, wurde wohl gänzlich missverstanden und die Flucht aus dem Amt war die Folge.
Das ist der wirkliche Unterschied zwischen dem Bundespräsidenten und dem deutschen Kaiser. Der deutsche Kaiser wurde als solcher geboren und nur das Henkersbeil ließ ihn abdanken. Wurde er in guten Zeiten wie ein Gott verehrt, wurde er in schlechten aus dem Haus gejagt.
Unser Bundespräsident ging von selbst. Selbst wenn er gewollt und länger durchgehalten hätte, mehr als zehn Jahre geht nicht.
Kein Kaiser also, erst recht keine Queen.

Der neue deutsche Kaiser ist auch eigentlich nicht der Bundespräsident. Nein, er nennt sich Kanzler und ist mit aller Macht ausgestattet, nur begrenzt vom Präsidenten.
Dort regiert er mal munter, mal aussitzend, oft aber eine gefühlte Ewigkeit. Die Nachkriegsgeneration kannte nur eine, den Alten namens Adenauer, der wie Pattex an seinem Stuhl klebte. Sein Format übertraf nur der Vater der Korruption, unser aller Vereinigungskanzler Kohl, der hatte fast kaiserliches Format. Als Erfinder des Aussitzens regierte er wohl 17 Jahre und selbst da dachte er nicht ans Aufhören.
Doch die Demokratie war ihm im Weg und er wurde abgewählt.
So etwas kann einem Bundespräsidenten nicht passieren. Der wird schließlich für seine 5 Jahre von der Bundesversammlung gewählt und muss schon selbst zurücktreten. Mir ist nicht bekannt, dass man ihn aus dem Amt jagen kann.
Vielleicht klappt es ja mit mobben und vielleicht ist das der Grund, warum er so überraschend zurücktrat.
Vielleicht erleben wir bald auch die Gründung einer neuen Partei, bevor die Politik des billigen Geldes unwiderruflich zu Ende ist.
Es gibt da einige Kandidaten, die heimatlos sind: Merz, Koch, Clement und jetzt auch Köhler.
Und die Partei des deutschen Kaisers wäre doch mal ein guter Titel. Denn wozu braucht man den Deckmantel des Liberalismus. Damit erreicht man im Moment doch nur unter 5 Prozent.
Geldadel aller Welt, vereinigt euch. Sonst ist euer Reich am Sinken. Und es wäre doch schade um das viele Geld.

Die Wahl selbst war diesmal interessant und bot einiges. Eine zerstrittene Bundesregierung, die laut Umfragen ihre Mehrheit klar verloren hat. Eine Wasserstandsmeldung, aber immerhin.
Gerüchten zu Folge wäre die Regierung vor dem Aus, würde ihr Kandidat scheitern. Wulff, der Gestalt gewordene Traum eines Schwiegersohns, schien der richtige Kandidat für unsere Konsensrepublik. Der nette Onkel aus Niedersachsen, immer charmant und immer integer, laut eigener Aussage kein Machtmensch und damit wie geschaffen für das Amt des obersten Repräsentanten.
Rot-grün machte den schwarz-gelben Denkspielen einen Strich durch die Rechnung und stellte einen eigenen Kandidaten auf und der hatte es in sich.
Gauck, ein evangelischer Pfarrer aus dem Osten und Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die sogenannte Gauck-Behörde, war alles andere als eine auf der Hand liegende Wahl.
Die Linke, ehemals SED+Lafontaine, ist die einzige reelle Machtoption für SPD und Grüne und das liegt an dem neu etablierten Fünfparteiensystem. Da müssen entweder starke Ergebnisse her, so hat es schwarz-gelb letzten Herbst geschafft, oder eine große Koalition und die endete ja gerade erst und sorgte für eine sozialdemokratische Schrumpfkur, die bis zur 20 Prozenthürde reichte.
Alternativ sind Dreierkoalitionen, aber Ampel und Jamaika scheinen sich auszuschließen. FDP und Grüne haben am Beispiel der großen Parteien gesehen, wie man sich farblos und überflüssig machen kann. Hat die SPD mit den Hartz-Gesetzen im konservativen Lager gewildert, ist Rüttgers nicht umsonst der gefühlte Arbeitnehmerführer aus dem Ruhrpott. Die Sozialdemokratisierung der CDU macht selbst vor den Haudraufs aus Bayern nicht halt.
Also müsste Rot-rot-grün her. Doch die SPD sendet andere Signale. Die Präsentation Joachim Gaucks muss ein Schlag ins Gesicht der SED Nachfolger gewesen sein, ist ein Bürgerrechtler doch bei den Altkadern der DDR kein wählbarer Kandidat.
Vielleicht sollten damit die Jünger Lafontaines heim in den Schoß der Sozialdemokraten gelockt werden?
Das Ergebnis der Wahl spricht eine andere Sprache. Die Linke hat Wulff gewählt, ob indirekt oder direkt sei dahingestellt, das Ergebnis spricht eine eindeutige Sprache. Und das war nicht überraschend, kündigten die Kommunisten dies früh genug an.
Wen wollte die SPD ansonsten locken?
Eine Rückkehr zur Großen Koalition? Damit das nächste Wahlergebnis einstellig ist?
Eine sozialliberale Koalition? Die gelbe Partei des Finanzadels und die Nahles-SPD scheinen unvereinbar.
Blicken wir nach NRW, dort scheinen Antworten zu liegen. Arbeitnehmerführer Rüttgers ist gescheitert und die CDU wird wieder zurechtrücken und der SPD einen Platz im halblinken Mittelfeld überlassen, das scheint mir sicher.
Eine Minderheitsregierung soll es machen. Qualität soll überzeugen und der SPD zur alten Stärke verhelfen. Hannelore Kraft ist dies durchaus zuzutrauen. Und die Einigkeit mit Grün, gerade in NRW nicht selbstverständlich, ist unübersehbar.
Beide vertrauen auf den Souverän, das deutsche Volk. Und die Zustimmungspunkte sind seit der Wahl im Herbst gestiegen. Rot-grün wartet auf die Selbstzerfleischungkräfte der christlich-liberalen Koalition, um wie Phönix aus der Asche ohne die dunkelrote Kraft das Ruder zu übernehmen.
Respekt!
Man wird sehen, ob dies gelingen wird.
Zurück zur deutschen Politikerelite.
Warum der Präsident nur maximal zehn Jahre regieren darf, obwohl er eigentlich nur ein Papiertiger ist, wissen nur die Väter des Grundgesetzes. Auch sie wissen nur, warum der viel mächtigere Bundeskanzler dagegen auf unbestimmte Zeit regieren darf.
Dort gehört die Fessel angelegt und die grundgesetzliche Losung:
Zehn Jahre ist genug.
Den Bundespräsidenten sollte man an sich in Frage stellen. Da hätte doch mal Kostensenkungspotential. Und im Gegensatz zum Entwicklungshilfeministerium steht kein FDP Mann im Weg.

__________________
DerErnstFallMichaelSchmidt
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Version vom 01. 07. 2010 08:59

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