Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87786
Momentan online:
451 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Mann, der nicht mehr wollte
Eingestellt am 30. 04. 2001 08:57


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Pinky
H├Ąufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 25
Kommentare: 34
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Eine grelle Explosion ganz in seiner N├Ąhe warf ihn zu Boden. Instinktiv rollte er sich in den Bombenkrater hinein und pre├čte sich tief auf die Erde. Kugeln sirrten durch die Luft und die Schreie der Verwundeten hallten von den H├Ąuserw├Ąnden wider, wurden jedoch vom Artilleriefeuer ├╝bert├Ânt. Gleich neben ihm lag einer seiner Kameraden. Er kannte ihn zumindest vom Sehen her - oder besser: hatte ihn gekannt, denn jetzt war er tot. Eine Granate hatte dem armen Schwein das halbe Gesicht weggerissen.
Ruhig sah er wieder weg. In den letzten drei Jahren war er dem Tod so oft begegnet, da├č er ihn in und auswendig kannte, in jeder nur denkbaren Variation. Manchen sah man die Verwundung fast nicht an, bei anderen wieder erkannte man nahezu nicht einmal mehr, da├č das je ein Mensch gewesen war. Und wozu das alles? Weil sich irgendwelche spinnenden Machthaber wieder einmal nicht ganz einig waren.
Er fluchte lauthals, streckte dann den Kopf in die H├Âhe und jagte einen MP-Garbe zu feindlichen Linie hin├╝ber. Wo der Rest seines Zuge steckte, wu├čte er nicht so genau. Irgendwann im Kampfget├╝mmel hatte er den Anschlu├č verloren. Er wu├čte blo├č, da├č der Treffpunkt seiner Truppe die Fabrik etwa f├╝nfhundert Meter vor ihm war. Allerdings k├Ąmpften die verdammten Arschkerle so verbissen drum, als ginge es um ihr Leben. Nun, genaugenommen war es auch so.
Noch einmal blickte er sichernd hoch, sprang dann auf und jagte zum n├Ąchsten Bombenkrater, dabei scho├č er unentwegt. Er wu├čte nicht, ob er dabei jemanden traf, aber eigentlich war ihm das herzlich egal. Das alles hier war ohnehin l├Ącherlich. Erwachsene M├Ąnner st├╝rmten zwischen H├Ąuserruinen herum und w├Ąlzten sich dabei in Dreck und Schutt. Zu Hause stand viel Arbeit an, aber nein, sie mu├čten hier Haschmich spielen. Und das auf Leben und Tod.
Wieder warf er sich zu Boden. Eine weitere Explosion ersch├╝tterte den Erdboden, und dort, wo eben noch ein Wohnblock gestanden hatte, ragte nun ein staubwallender Schutthaufen empor. Aus einem reinen Reflex heraus, ri├č er seine Waffe in die H├Âhe und feuerte. Knapp darauf h├Ârte er einen gellenden Todesschrei. Verdammt! Wenn er dachte, da├č er nun vielleicht einen Menschen get├Âtet hatte. Einen Menschen mit Tr├Ąumen, mit W├╝nschen, mit einer Familie und Freunden und mit einer Vergangenheit - allerdings mit keiner Zukunft mehr. Wenn er daran dachte, nagte das schon an seinem innersten Selbst.
Mit einem Kopfsch├╝tteln versuchte er den Gedanken zu verjagen wie ein l├Ąstiges Insekt. Wenn er erst dar├╝ber nachzugr├╝beln begann, w├╝rde er noch verr├╝ckt werden.
Er kroch zum Rand seines Kraters und sp├Ąhte hinaus. Es war verh├Ąltnism├Ą├čig ruhig, sah man einmal von dem best├Ąndigen Artilleriefeuer ab. So sprang er wieder hoch und hastete zu einem Schutthaufen. Er warf sich wieder kurz nieder, rannte dann geduckt weiter, feuerte, als er eine Bewegung auf der gegnerischen Seite sah, und lie├č sich zur Seite fallen, als die Gegner nun ihrerseits das Feuer erwiderten. Hastig rollte er sich hinter einen Schutthaufen, von denen hier ja genug waren. ├ťberhaupt bestand die Gegend nur aus Schutthaufen, Granatenkratern, leeren H├Ąuserruinen und einer ganzen Menge Toten. ├ťberall lagen sie - und nicht nur von einer Seite. Sowohl eigene als auch fremde Uniformen sah er hier. Tote auf beiden Seiten, einer sah schlimmer aus wie der andere. Und alle sinnlos gestorben. Und zu Hause sollte jemand die Felder bestellen. Die Tiere wollten gef├╝ttert, Nahrungsmittel mu├čten erzeugt und alles andere m├Âgliche hergestellt werden.
Mit unglaublicher Klarheit registrierte er pl├Âtzlich, wie einige Steinchen den Haufen hinunterkullerten - und alles erschien ihm pl├Âtzlich noch unsinniger wie zuvor. Er seufzte, richtete sich auf, scho├č sicherheitshalber ein paar Mal und st├╝rmte dann weiter geduckt nach vor in Richtung Fabrik.
Wieder donnerten die Gesch├╝tze, allerdings dieses Mal von der anderen Seite. Seine eigene Truppe hatten die M├╝hlen endliche angeworfen. Rundherum kamen die Leute aus den Gr├Ąben und rannten, wild schie├čend, auf den Feind zu. Warum br├╝llten sie dabei blo├č so w├╝tend? Wahrscheinlich, um ihre eigene Angst zu ├╝berdecken. Er hatte keinen Grund, w├╝tend zu sein. Schon gar nicht auf Leute, die er ├╝berhaupt nicht kannte. Eigentlich war er ja blo├č hier, weil er sonst wegen Feigheit vor dem Feind erschossen werden w├╝rde. Und auf die anderen scho├č er blo├č, damit sie ihn selbst nicht trafen. Aber er sah keinen Grund, auf sie w├╝tend zu sein. Noch hatten sie ihm ja nichts getan.
Weiter vor ihm explodierte ein riesiger Wohnblock. Er h├Ârte genau das schrille Schreien der darin stationierten Gegner. Kein einziger w├╝rde da herauskommen.
Aber die anderen lie├čen sich das nicht gefallen. Anstatt sich nur aufs Verteidigen zu beschr├Ąnken, machten sie nun einen Ausfall - leider unterst├╝tzt von ihren Gesch├╝tzen.
Er warf sich wieder in einen Krater und landete dabei fast auf einem toten Kameraden. Angeekelt rollte er zur Seite. Aber sein Blick ging doch noch einmal zu dem Mann zur├╝ck und fiel dabei auf seine Hundemarke. Da mu├čte er pl├Âtzlich an das Medaillon denken, das er um seinen Hals trug, und in dem sich ein Bild von seiner Frau befand. Und da mu├čte er wieder an sie denken. Nicht vorzustellen, was es f├╝r ihn bedeuten w├╝rde, sie nie wieder zu sehen. Hoffentlich war ihr nichts passiert! Ob sie sich wohl auch gerade solche Sorgen um ihn machte? Oder wollte gar nicht daran denken, was mit ihr w├Ąre, sollte er nie wieder kommen. Was w├╝rde sie denken, f├╝hlen, tun? Ihr w├╝rde es wahrscheinlich genauso gehen, wie der Frau dieses Mannes hier. Oder jedes einzelnen, der aus diesem sinnlosen Krieg nicht wieder zur├╝ckkam. Was mu├čte es bedeuten, wenn pl├Âtzlich die Nachricht kam, da├č man den Menschen, den man liebte, nie wieder sehen w├╝rde?
Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als er vor und ├╝ber sich einen Schrei h├Ârte. Er ri├č seine MP hoch und feuerte. Er h├Ârte ein gurgelndes, ersticktes Keuchen, dann kippte der ├╝ber ihm pl├Âtzlich um und fiel zu ihm herunter. Einer seiner Gegner, wie er erkannte. Und in dessen Augen sah er ├ťberraschung und Schmerz und auch etwas Furcht, aber keine Spur von Ha├č. Auch dieser Mensch hatte niemand geha├čt. Selbst ihn nicht, obwohl er gerade vorgehabt hatte, ihn zu t├Âten.
Und dann sah er, da├č der Tote noch etwas anderes in der Hand hielt, als sein Gewehr. Vorsichtig ├Âffnete er die verkrampfte Hand und nahm ein zerknittertes Foto daraus. Es zeigte den Toten selbst mit einer Frau und einem vielleicht f├╝nfj├Ąhrigen Kind, wie sie vor einem See standen und lachend in die Kamera winkten.
Und in diesem Moment geschah etwas mit ihm. Der Kampfl├Ąrm r├╝ckte in den Hintergrund, das Schreien der Verwundeten und Sterbenden, das Kampfgebr├╝ll und die gerufenen Befehle, das Krachen der Explosionen und das Knattern der Gewehre, das alles drang nur noch ged├Ąmpft zu ihm vor. Unendlich vorsichtig legte er das Foto zur├╝ck in die Hand des Toten.
Er l├Âste den Riemen seiner MP und legte die Waffe langsam und ganz sacht vor sich auf den Boden. Dann stand er auf, wandte sich um und ging nach Hause.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!