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Leselupe.de > Erzählungen
Der Mann, dessen Name Dieter war, hieß Dieter
Eingestellt am 22. 05. 2010 01:34


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Janosch
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Eines Tages, nicht weit von hier entfernt, da ergab es sich, dass sich etwas zugetragen hatte. Ein Mann kaufte sich ein Haus, ein großes Haus, durchaus ansehnlichen Schnittes – ein hübsches Haus, um nicht zu sagen schnittig. Er wollte darin wohnen. Als er das Haus nun endlich sein eigen nennen konnte, fiel ihm der missliche Umstand auf, als er so durch die Flure streifte und die großen Gardinen aus den Fenstern wedeln sah, da es gerade stürmte und schneite, ja, da fiel ihm auf, dass ihm irgend etwas fehlte in diesem seinem neuen eigenem Haus. Er kam recht schnell drauf, was es war, aber vorher nahm er sich seine Brille zur Brust und putzte sie gehörig, denn auch eine Brille verzehrt sich nach der täglichen Pflege durch den kleinen Mann mit Hut, ebenso wie durch einen großen Mann mit Bart und Fingerhut. Er legte die Brille beiseite und begann für sich selber in sich reinzunuscheln:

„Ach, liebe Welt. Jetzt habe ich hier ein Haus, bin glücklich und restlos zufrieden, jedoch, ach, bangt und rumort es in meiner Brust. Es ist ein bitteres Ziehen, ein wehes Leid – es ist mir ganz, als zöge jemand Tau in meinem Herzen und alle Stricke rissen. Was mir fehlt, oh ach, meine liebe Brille, ist ein Weib, das ich mir zur Brust nehmen kann, wenn ich mal sauer auf sie bin. Eine holde Magd, die immer Zuhause ist und mir ein Süppchen kocht, wenn mir danach beliebt. Eine treue Gefährtin, ein verlängerter Arm, mit dessen Hilfe ich im Keller an die Schubladen ran komme, die ich, ach, zu hoch gestapelt habe.“

Der Mann, dessen Name Dieter war, hieß Dieter. Ihm war in seinem langen Leben, das er nunmehr bereits seit achtunddreißig Jahren führte, so einiges Untergekommen. Selbst bei heftigem Regen, war er meist noch irgendwo Untergekommen, manchmal unter einem Schirm, anderntags aber auch einfach unter einem Hochstand im Wald. Aber die richtige Frau war ihm noch nicht Untergekommen. So sehr er sich auch bemühte und abrackerte, wie eine trächtige Kuh im Mausrad, die richtige Frau war bisher nicht dabei. Einmal wäre er sogar beinahe, um nicht zu sagen um ein einziges Haar, ein sehr dünnes zudem, umgekommen. Doch jemand rettete ihm total knapp das Leben. Aber das hatte fast nichts mit Frauen zu tun.

Dieter war ein angesehener Mann, er arbeite im staatlich verifizierten Bootsverleih, der nah am Wasser gebaut war, im nächsten Ort. Sein Haus stand in einem anderen Ort, wobei beide ziemlich kleine Orte waren, um die man im Grunde wenig Worte verlieren mag, es sei denn, es passiert dort etwas interessantes, das einer spannenden Erzählung genügt. Dem war häufig nicht so. Jedoch war Dieter ein ganz außergewöhnlicher Mann mit sehr sehr vielen erzählenswerten Eigenschaften und einer hochtragischen Geschichte, die er bisher in seinem Leben erlebt hatte und die ihn sehr gezeichnet hat. Man sah die Augenringe. Jeden Morgen, als sein Wecker schrie, als gäbe es keinen Morgen mehr, erschrak er so gewaltig, dass er fast aus seinen Latschen kippte. Dann stand er zumeist mit beiden Beinen falsch auf, zog sich aber die richtigen Hausschuhe wieder an. Dieter mochte Kaffee. Er trank viel, gerne und schnell. Am Frühstückstisch jedoch, viel ihm immer wieder auf, wie alleine er doch war, in seinem neuen, schönen, großen Haus. Auf dem Tisch hatte er Zeitschriften mit einigen schönen Frauen hingelegt und das war auch der Grund, warum er sich in seine Zeitung, die er stets am Morgen vor der Arbeit zu lesen pflegte, ein großes Loch hineinschnitt: Damit er da heimlich hindurch gucken und die ansehnlichen Frauen in den Magazinen und Modeheften studieren konnte, die sich da auf dem Tisch für ihn räkelten.

Er fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sein Wohnort war zwar nicht sonderlich weit von dem nächsten Ort entfernt, wo seine Arbeit auf ihn wartete, jedoch war die Strecke ziemlich weit, schwer und steinig, sodass er immer völlig durchnässt seinen Chef begrüßen musste, wenn es geregnet hatte. Sein Chef trug Glatze und Hut. Es war ein gutaussehnder Chef, er hatte Frau und Kind und führte daneben noch eine weitere Familie, ebenfalls mit Frau und Kind, jedoch hatte er in dieser zwei Kinder, zwei Töchter, die er alle beide, sowie das eine Kind seiner anderen Familie, den Burschen, wie er ihn nannte, selber gezeugt hatte. Die Frauen aus beiden Beziehungen wussten nichts voneinander, nur die Kinder gingen in die gleiche Schule, zumal es nur eine Schule gab, die für drei Örtlichkeiten genügen musste. Sie wussten davon, dass sie einen gemeinsamen Vater hatten, hielten aber dicht.

Dieter jedoch hatte keine Kinder, keine Frau. So manches Mal ereignete es sich, dass er sich bei der Arbeit durch seine Haare fuhr und über alles nachdachte. Über die Frauen und über die Kinder und über die Welt an sich mit ihren fiesen Tücken und Machenschaften. Er überlegte sich gut, dass er unbedingt sterben wolle, wenn er älter ist, so um die achtundneunzig vielleicht. Jünger wollte er nimmer sterben, das ging ihm dann doch zu weit, auch in Anbetracht der Tatsache, dass es ja sicher noch einiger Zeit bedurfte, bis er endlich eine Frau gefunden hätte. Und diese Zeit wollte er nutzen. Und als er sich so durchs Haar fuhr, viel ihm seine Brille ein. Diese hatte er seit Langem schon nicht mehr geputzt und so nahm er sie, ja, fast ein wenig spitzbübig und übermotiviert von der Nase, um ihr eine gehörige Tracht Putze zu verpassen. Er pflegte seine Brille gut. Und nachdem sie fertig gepflegt war, steckte er sich einen Bügel in den Mund, allerdings nachdem er sich seine Sekundärbrille, die in seiner Jackentasche nur auf ihren Einsatz lauerte, aufsetzte, um nach wie vor nicht den Überblick zu verlieren. Er dachte nach wie vor nach. Über so einiges. Und trug sich selber ein paar Worte vor, die er leise und federleicht in den Wind säuselte:

„Ach, jetzt sitze ich hier bei der Arbeit und mir zerfleischt es das Genick. Hätt‘ ich doch nur ein holdes Filinchen, das mir Zuhause den Hof bereitet, ordentlich kehrt und oben im Schrank schrubbt und staubsaugt, in allen Ecken und Kanten, bis die zu kurze Schnur des Staubsaugers ihr „Nö“ an die Decke ruft. Ach, hätt‘ ich doch ein Weib mit dem ich durch Dick, durch Dünn gehen könnte, das jedoch recht schlank sein sollte, nicht älter als neunundzwanzig und das noch Single ist. Wie freundlich würde sich der Tag anfühlen. Wie wundervoll würde die Sonne auf mich und die weite Welt darniederscheinen, wie heiter und beschwingt spielte die Musik im Orgelschnädderädäng meines Herzens. Ach, hätte ich…“

Da unterbrach ihn sein Chef mit der Glatze und dem Hut. Dieter erschrak und erkundigte sich umgehend, wie lange dieser bereits hinter der Mülltonne hockte, um heimlich den philosophischen Klängen des Dieters zu lauschen. Sein Chef nämlich hatte, verfolgt vom lästigen Missgeschick, vergessen aus seinem Versteck hervorzukriechen, bevor er Dieter, seinen treuen Angestellten, beim sinnieren unterbrach. Sein Chef, der sich übrigens Herr Heinskopp nannte und einen langen Bart besaß, welcher seine Worte leicht nuschlig hervorbringen ließ, trat mit den folgenden Worten auf Dieter zu und sprach ihm nun etwas herbei:

„Dieter, so geht das aber nicht. Arbeiten will ich dich sehen hier, nicht so ein Rumgequatsche und Geeiere. Wir haben alle unsere Probleme, unsere Last zu tragen, unseren Rucksack zu schnallen und ordentlich mit alkoholischen Getränken zu bepacken, damit wir nicht so viel in der Kneipe ausgeben müssen, sondern beim Konsum nebenan, uns für wesentlich weniger Geld die Dröhnung geben können. Dieter, wären wir beste Freunde, würde ich mit dir heute Abend einen Trinken gehen. Du tust mir sehr leid, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass es dir bald besser geht. Ich selber habe auch so grässliche Zeiten durchgemacht, es war schlimm. Schlimm war es. Ich wusste gar nicht wie mir geschah, als mich die Bianka stehen und liegen lies. Da stand ich dann wie vergessen und nicht abgestellt. Ich war immer noch angestellt beim Zigarettenladen und die Bianka tat es mir immer noch an. Was tat sie mir nur an, ach, damals, ach. Die Bianka aus dem Kurort, da habe ich sie kennengelernt, auf Kur beim Frührentnerschwimmen. Sie war die jüngste Rentnerin, hatte wahrlich viel Geld und außerdem stand ich auf sie, ich fand sie nett und hübsch. Aber dann ließ sie mich im Regen stehen und in tausend Kübeln ergoss sich der trübe Himmel über mir. Als käme Gott herbei, um einen riesigen Schwamm mit einer Hand kräftig über mir auszuwringen. Mit seiner rechten Klebe hatte er bestimmt schon mal beim Armdrücken gewonnen, so viel Regen und abertausend Regentropfen tropften auf mich hernieder, sodass es auf der Straße und auf meiner Nase nur so prasselte. Ich rate dir vom Herzen, treuer Freund und x-belieber Arbeitskollege von Nebenan: Lass die Finger von den Frauen. So viel Regen und Leid hast du dein Lebtag noch nicht erlebt.“

So gut, stimmig und plausibel Herr Heinskopps Geschichte auch klingen mochte, eine Verwicklung darin erschien Dieter jedoch nicht ganz koscher und er schickte sich an, die Verwirrungen zu entfitzeln, die sich ihm darboten. Und so fing er an das Wort zu ergreifen:

„Zunächst einmal freue ich mich sehr über ihre Anteilnahme, sehr geehrter Herr Heinskopp. Jedoch verstehe ich eines nicht so ganz: Wie konnten sie, nachdem ihnen jene Bianka den blanken Rücken zugekehrt hatte, neuen Mut und Kraft schöpfen, um bald darauf in dem Schoße zweierlei weiterer Damen zu versinken, die sie jetzt als unabhängig voneinander laufende Beziehungen betreiben? Hatten sie keine Angst, eine ihrer neuen Frauen könnte sich als eine Bianka entpuppen und sie müssten erneut das unaustehliche Gegöss des wilden Himmels über sich ergehen lassen, das sie damals bis auf die kleinkarierte Unterhose klitschnass zu machen vermochte?“

„Dies ist keine leichte Antwort.“, erwiederte Herr Heinskopp, sein Chef mit der Glatze und dem Hut, der recht gut aussah. „Jedoch will ich versuchen es ihnen nahezubringen. Es verhält sich nämlich so, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht erklären kann, gesegneter Freund und Arbeitskumpane. Die tiefen Schmerzen der Trauer und der Klage meines ach so bangen Herzens, war ich versucht aufzufangen, indem ich viele Frauen gleichzeitig jonglierte. Ich wollte damit auf andere Gedanken kommen. Die Frauen dieser Welt, die wir dafür auserwählen, uns von der gescheiterten Liebe abzulenken, sind wie Schlaftabletten, die man schluckt, um in einer gedankenreichen Nacht von der Zerissenheit des Herzens nicht um den Schlaf gebracht zu werden. Sie sind wie der Rausch, sind der Jack Daniels in deinem Rucksack, der deine Sinne so betrübt, sodass deine Gedanken gar nicht mehr wissen, in welcher Eierschale sie ihr Zuhause aufschlagen sollen. Man darf sie nicht zum Schlüpfen bringen, ich gebe dir diesen einen Tip: Setze dich nie mit deinen allerwertesten vier Buchstaben zum Brüten auf das unreife Ei deiner Gedanken, deiner Wehmut und Trauer. Bring das Ei zum Kochen, iss es oder wirf es roh an die Fensterscheiben des hiesigen Bürgermeisteramtes.“

Dieter, der noch etwas aufgewühlt von den tiefen Eiergedanken seines Chefs war, zog erst einmal die linke Augenbraue hoch, aber dies tat er nur für sich selber, indem er sein Antlitz von Herrn Heinskopp abwendete. Dann schaute er ihn wieder an, setzte sich seine Primärbrille über die Sekundärbrille drüber, welche nach wie vor auf seiner Nase verharrte, um sich erstaunlich klug aussehen zu lassen. Nun sah er alles doppelt gut und ihm wurde so einiges klar:

„Also sind ihre beiden Familien nichts weiter als das Abfallprodukt ihrer unterdrückten Liebesgedanken zu dieser einen Frau, die sich da, frohgemut und taumelnd wie der Schmetterling den Lenz zu begrüßen vermag, Bianka nannte?“

Und diese eine Frage zerbarst dem wackeren Chef mit der Glatze wie vom Schlag getroffen das brüchige Gemüt. Tausend Splitter flatterten in den Kammern seines Herzens wild durcheinander, sodass selbst ein Kammerjäger vor jenem Treiben sein Jagdgewehr in die Badewanne hätte werfen müssen. Hatte er zuviel preisgegeben und warum traf sein x-beliebiger Arbeitskollege und holder Weggefährte von Welt mit seinen Worten so unverblümt und zielgenau? Herr Heinskopp fasste sich ein Herz, spuckte in die Hände und rieb das Ganze dann an seiner Hose wieder ab, auf dass seine Hände wieder einem sauberen, trockenen Zustand gleichen mochten. Er würdigte Dieter keines letzten Blickes, zog seinen Hut, sodass die kalte Glatze relativ gutaussehend die Umgebung zu reflektieren wusste und ging ab.

Dieter zeigte sich von der abrupten Reaktion seines Chefs doch etwas überrascht. Und so machte er seinem Unmut sogleich Luft, indem er die Stirn gehörig runzelte und wie ein begossener Pudel drein schaute. Was hätte ihn so verschrecken können, war es etwa sein Mundgeruch? Er kramte in seiner Hosentasche und machte dort ein leckeres Kaugummi mit Zimtgeschmack ausfindig. Daraufhin setzte er beide Brillen wieder ab – er war der Auffassung, dass den gegebenen Umständen der neuen Situation nur eine einzige Brille, seine Primärbrille entsprechen konnte.

Dann kam ein Kunde. Es war der Erste des Tages, es war 14:37 – dies wusste Dieter, da er auf die Uhr schaute. Der Kunde schien schon eine Weile gewartet zu haben, so grimmig und bis zum Anschlag geladen, blickte er drein. Er lief ungeduldig auf und ab und nieder und wieder hoch und zwei Schritte zur Seite. Dann bemerkte er Dieter, der sich ihm nun zuwendete. Der Kunde schaute aber erst mit voller Absicht nicht in die Richtung von Dieter, wahrscheinlich, weil er so tun wollte, als wenn er ihn noch nicht registriert hätte. Vielleicht war es ja eine Art Rachehabitus, dem er fröhnen musste, nachdem er doch ach so lange wartete. Dann zupfte er sich jedoch flugs noch eine Wimper, als wolle er sich irgendeinen Wunsch erfüllen lassen und begann in die Richtung von Dieter loszusprechen:
„Ich hätte gern ein Boot ausgeliehen.“
Dieter nickte und wusste darauf nach kurzem Innehalten nichts Besseres zu antworten, als:
„Hier, Bitteschön.“
Dieter winkte dem Kunden nach, als er mit seinem Kanu den feuchten Fluss entlang schlurfte und hinter der nächsten Brücke verschwand.

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