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Leselupe.de > Erzählungen
Der Moment des Fotographen
Eingestellt am 09. 11. 2008 17:03


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Leachim G
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Der Moment des Fotographen

Lautlos √∂ffnet sich die Wohnungst√ľr und ein alter Mann betritt den Vorraum. Sein weniges graues Haar tr√§gt er mit Pomade an den Seiten seines Kopfes festgeklatscht. Obwohl man ihm sein Alter ansieht (es m√∂glicherweise sogar h√∂her sch√§tzen w√ľrde) wirkt er r√ľstig und gepflegt. Einzig ein schwaches Zittern scheint seinen K√∂rper schubweise in Bewegung zu bringen, auch seine langen Arme und feingliedrigen H√§nde, in denen er ein Paket h√§lt, scheint es in seiner Gewalt zu haben. An einem ledernen Band, das der Mann um seine rechte Schulter tr√§gt, h√§ngt eine Kamera. Der Mann ist Fotograph.

Sachte schlie√üt er die T√ľr hinter sich und begibt sich dann in Richtung Wohnzimmer und dort zum Sofa in der Mitte des Raumes. Seine Schuhe zieht sich der Fotograph nicht aus. Im Gegensatz zu ihm ist die Wohnung in keinem guten Zustand und das Wenige an Schmutz, das er Tag f√ľr Tag an den Sohlen seiner Schuhe mit nach Hause bringt, f√§llt hier kaum auf.
Beim Sofa angekommen, stellt er das Paket auf einen Tisch aus dunklem Holz, der, neben dem Sofa, als einziges M√∂belst√ľck in der Mitte des gro√üen Wohnzimmers steht.
Wie auf scheinbar allem in der Wohnung des Fotographen liegt eine zarte Staubschicht auf beidem. Alleinstehend und ohne Haushaltshilfe ist ihm die Pflege seines Heimes in den letzten Jahren sichtbar √ľber den Kopf gewachsen. Zwar liegt nichts sinnlos in den R√§umen herum - er ist sehr ordentlich, unser Fotograph - doch ist der Verfall √ľberall sichtbar, wird sichtbar gemacht durch das Licht, das zwischen den halb zugezogenen schweren Vorh√§ngen in die R√§ume f√§llt und vom Staub in der Luft zu Lichtbahnen gemacht wird. Doch diese D√ľsternis und das Flirren des Staubes in der Luft besch√§ftigen ihn nicht.
Dankbar l√§sst sich der Fotograph auf das Sofa fallen und gleichzeitig entrinnt den Federn des M√∂bels und der Lunge des Fotographen ein leises √Ąchzen. Es war ein anstrengender Tag, anstrengend und nicht sehr ertragreich. Ist es tats√§chlich so, fragt sich der Fotograph, dass mit den Jahren die lohnenden Motive weniger werden? Kann das sein? Nicht das erste Mal stellt er sich diese Frage, nein, schon mehrmals - und in den letzten Monaten immer h√§ufiger - kam ihm dieser Gedanke. Und zu Recht erschreckt er ihn. Angenommen, es k√§me der Tag, an dem er seine Wohnung verlie√üe und in eine Welt hinaustr√§te, die ihm nichts mehr zu bieten h√§tte oder, noch erschreckender, der er trotz aller Anstrengungen nichts mehr entrei√üen k√∂nnte! Dieser Gedanke macht ihm Angst, und die Ungewissheit √ľber die Antwort l√§sst ihm eine G√§nsehaut sein knochiges R√ľckgrat hinauf sprie√üen.
Mit seiner Linken winkt er ab, gerade so, als wolle er diese Gedanken verscheuchen, wie lästige Insekten, die unangenehm nahe am Ohr summen und surren, verjagen.
So beugt er sich nach vorne und dreht das Paket, das er mitgebracht hat, derart, dass er die darauf angebrachten Aufkleber lesen kann. Das Paket ist aus rauem Karton, gelblich wie Nikotinfinger und wird von zwei dicken, kreuzförmig um das Paket gebunden Streifen braunen Paketbandes verschlossen. Der Fotograph stellt es leicht schräg und beginnt, mit einem seiner langen Fingernägel (oh doch, auch diese sind gepflegt) an einem der Klebestreifen herum zu nesteln.
Endlich trennt er ihn durch und widmet sich dem zweiten. Inzwischen hat sich ein warmes L√§cheln auf seinem Gesicht ausgebreitet. Gut m√∂glich, dass es nur deshalb so warm wirkt, weil sich das Licht nur schwach zwischen den Vorh√§ngen und durch den staubigen √Ąther bis zu ihm durchk√§mpfen kann. Samtig umspielt es seine faltigen Wangen, die Kr√§henf√ľ√üe neben seinen glitzernden Augen. Und doch √§hnelt er in diesem Moment mehr einem Kind denn einem Greis.
Vorsichtig hebt er den Deckel hoch und setzt ihn sanft neben dem Paket auf dem Tisch ab. Nun faltet er noch d√ľnnes Papier auf die Seite und hebt zwei St√ľcke Styropor aus dem Karton. Das L√§cheln wird zu einem Grinsen, als er sie schlie√ülich sieht: seine Kamera. Seine Favoritin. Die Kamera, die er immer noch an einer Lederschnur um seine Schulter h√§ngen hat, ist nur eines seiner Ersatzger√§te. Selten nur und nie wirklich gl√ľcklich mit seiner Entscheidung, arbeitet er mit einer dieser (in seinen Augen) minderen Apparate. Warum nimmt er sie dann √ľberhaupt in die Hand? Er wei√ü es selbst nicht, die Wahl und die Entscheidung liegt scheinbar nicht bei ihm und in den letzten Wochen gab es nicht einmal eine Alternative.
Die Favoritin musste er n√§mlich zur Reparatur einschicken, nachdem er sie hatte fallen lassen. Jener Moment war schrecklich f√ľr ihn gewesen. Nicht nur seine Lieblingskamera war m√∂glicherweise zerst√∂rt, mehr noch war der Fotograph dar√ľber erschrocken, dass seine H√§nde schuld an dem Missgeschick hatten. Ungl√§ubig blickte er auf sie hinab. Sie zitterten. Gebt mir noch Zeit, flehte er sie an, es ist zu fr√ľh. Doch H√§nde h√∂ren einen nicht und so zitterten sie weiter.
Seit diesem Tag f√§llt dem Fotographen das Zittern h√§ufiger auf, aber er verdr√§ngt es aus seinen Gedanken. Seine Angst dar√ľber darf ihn nicht l√§hmen und ihn bei seinem Gesch√§ft behindern. Noch nicht.
Nach dem Missgeschick machte er sich mit der defekten Kamera auf den Weg in eines der Fachgesch√§fte, die er √ľber die Jahre als seinem Vertrauen halbwegs w√ľrdig kennengelernt hatte.
Der Verk√§ufer, ein junger, dicklicher Mann mit gl√§nzenden Wurstfingern, hielt das Geh√§use mit den Dellen hoch, wendete es unter dem kalten Licht der Neonr√∂hren hin und her und wollte wissen, ob unser Fotograph sich nicht vielleicht eine der neuen digitalen Spiegelreflexkameras ansehen m√∂chte? Einige Modelle seien derzeit im Angebot und schon die kleinen, g√ľnstigeren Ger√§te w√§ren qualitativ sehr ordentlich. Der Fotograph hatte nur ein L√§cheln f√ľr den jungen Verk√§ufer √ľbrig, sanft den Kopf gesch√ľttelt und die Reparatur seiner Kamera verlangt.
Nach einem Schulterzucken (wie Sie meinen, bedeutete das) nahm der Verk√§ufer die Daten auf: Modell, Serien-Nummer, Adresse des Kunden und dessen Namen. Der Fotograph gab ihm die gew√ľnschten Informationen. Wir aber erfahren nichts davon. S√§mtliche Informationen √ľber seine Kamera sind irrelevant und zu Adresse und Namen m√ľssen wir nur soviel wissen: seine d√ľster verhangene Wohnung ist sein Eigentum, vor Jahrzehnten geerbt und nur leidlich (wie wir bereits erfahren haben) k√ľmmert er sich um ihre Reinlichkeit. Seinen Namen wiederum braucht niemand zu kennen, geht er doch seit Langem keiner Arbeit nach und auch Freunde hat er keine. W√§re er nicht ab und an zu gesellschaftlichen Kontakten wie diesem gezwungen und w√§re das Finanzamt nicht jedes Jahr an seinem nicht unbedeutenden Verm√∂gen interessiert, k√∂nnte man davon ausgehen, dass er gar nicht existierte. Die Kamera in der Hand und mit gem√§chlichem Gang w√ľrde er namenlos und von seiner Umwelt unbemerkt - auch unbehelligt - durch seine Tage spazieren.

Nat√ľrlich wird er, wie in jenem Fotofachgesch√§ft, bei allen m√∂glichen Gelegenheiten mit dem Umstand konfrontiert, dass die analoge Fotographie am Ende ihres Lebenszyklus angekommen zu sein scheint. Wenige nur, alte Enthusiasten wie er selbst einer ist und m√∂glicherweise auch noch einige J√ľngere, denen ein Bild mehr bedeutet, als einen Knopf zu dr√ľcken, das Werk zu betrachten und mit einem weiteren Knopf aus dem Speicher der Kamera und aus dem Ged√§chtnis des Fotographen zu tilgen, scheinen an dieser Form der Fotographie festzuhalten.
Aber f√ľr unseren Fotographen ist das nichts. Das fertige Bild, das ist f√ľr ihn das Produkt eines sch√∂pferischen Prozesses, deren erster Schritt die Nutzung seiner Sinne ist. Vielmehr die Gabe, sich von seinen Sinnen benutzen zu lassen! Denn diese eine Wahrheit hat der Fotograph f√ľr sich herausgefunden, sie zu irgendeinem Zeitpunkt - wann genau ist das passiert? - wie einen am Wegesrand liegenden F√ľnf-Euro-Schein entdeckt und aufgehoben: nicht er selbst, also sein k√∂rperliches Selbst, ist es, der seine Umgebung sondiert und in dieser be√§ngstigenden Flut an gro√üen und kleinen M√∂glichkeiten das Motiv heraussucht. Dazu w√§re er, w√§re niemand in der Lage.
Die Wahrheit ist vielmehr, dass er in jenem unwahrscheinlich geringen Zeitraum, den er an einem beliebigen Platz verbringen mag, niemals auch nur einen Bruchteil dessen erfassen k√∂nnte, was ihn umgibt und w√§hrend er noch dabei ist, zu √ľberlegen ob denn das Licht, ja, auch die Farben und ein Mindestma√ü an Dynamik oder Poesie oder was auch immer sich in der vor ihm liegenden Szene verbergen mag, vorhanden ist, vollf√ľhren seine H√§nde einen Bogen aufw√§rts und dr√ľckt sich das k√ľhle Geh√§use seiner Kamera schon an sein Jochbein, l√∂st ein Finger ohne ein Anzeichen von Zweifel den Ausl√∂ser und konserviert ein Bild auf Film.
Von zwei Dingen, die einen Fotographen von einem St√ľmper unterscheiden, ist diese Wahrheit f√ľr unseren Fotographen der erste Punkt.
Der zweite ist folgender: der Fotograph wird dieses Bild entwickeln und wird es aufbewahren. Nicht, weil er ein sentimentaler Narr ist. Nein. Weil das Bild gut ist. Weil er seinen Sinnen gestattet hatte, sich einen Teil der Welt auszusuchen und ihr diesen in einem speziellen Moment zu entrei√üen. Erst hatten sich die Sinne die Gewalt √ľber den Fotographen angeeignet, anschlie√üend einen Abdruck der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt. Beides ist auf dem Bild zu sehen, l√§sst man sich ganz und gar darauf ein sogar sp√ľren! Warm vibriert es unter den Fingern, so ein Bild wenn es aus der Entwicklungsfl√ľssigkeit gezogen wird. Da passiert etwas im Kopf. Wahrhaftig sind die Gef√ľhle, die es ausl√∂st wenn man es schafft, es nicht blo√ü anzugaffen, diesen vulg√§ren und brutalen Akt begeht, der immer mehr zur Mode geworden ist (wie der Fotograph nicht selten bei sich denkt) sondern sich dem√ľtig etwas erz√§hlen l√§sst.
Genau das tut unser Fotograph. Nur aus diesem einen Grund verl√§sst er Tag f√ľr Tag seine Wohnung und kehrt am Abend heim. Nur ein kleines, karges Abendessen g√∂nnt er sich dann - tats√§chlich ist er ein sehr hagerer Mann - bevor er sich anschickt, die beengende Dunkelkammer, die an sein Badezimmer angrenzt, zu betreten um sich √ľberraschen zu lassen und dabei in diesem roten Licht wie ein Mittzwanziger, gleich darauf mehr wie neunzig wirkt. Ganz ein Spiegelbild dessen, worauf er gerade blickt. Meist ist er zufrieden.

Behutsam dreht der Fotograph das Geh√§use der Favoritin vor seinem Gesicht. Seine Finger liebkosen das Metall, die k√ľhlen Fl√§chen und sauber gearbeiteten Fugen. Endlich wieder diese Kamera in H√§nden zu halten beruhigt ihn.
Schlie√ülich legt er sie vorsichtig in das Paket zur√ľck und steht auf, um in die Dunkelkammer zu gehen - er m√∂chte noch den Film der Ersatzkamera entwickeln.
Nutzen wir diese Gelegenheit und betrachten unseren Fotographen ein wenig n√§her. Dass er gepflegt wirkt, beinahe kahl und schlank ist, haben wir bereits erfahren. Bei n√§herem Hinsehen entdecken wir aber noch mehr: wie f√ľr viele allein stehende M√§nner scheint auch f√ľr ihn das B√ľgeln der W√§sche nicht notwendig zu sein. Arg zerknittert wachsen die karierten Hemds√§rmel aus der abgetragenen Weste hervor, die beige Anzughose - fr√ľher zweifellos mit akkurater B√ľgelfalte versehen - h√§ngt formlos an den d√ľrren Beinen des Mannes herab. Auch sie ist an mehreren Stellen abgewetzt.
Ebenso wenig kann der Eindruck der R√ľstigkeit einem genaueren Blick standhalten. Kraftlos scheint die Haut in Falten √ľber seinem K√∂rper zu liegen, sie ist blass und wirkt beinahe durchsichtig. Bedeckt von unz√§hligen Altersflecken verst√§rkt sie noch den Eindruck von Verfall, den seine leicht geb√ľckte Gehweise mit den schlurfenden Schritten hervorruft, l√§sst den Fotographen zerbrechlich und verg√§nglich wirken. Schubweise durchf√§hrt ihn das kaum sichtbare Zittern wie Sch√ľttelfrost. Alter und Krankheit haben ihn in ihre Mitte genommen.
Davon unbeirrt h√§lt er weiter auf die Dunkelkammer zu und geht an W√§nden vorbei, die von der Decke bis zum Boden mit Fotographien behangen sind. Schwarz-wei√üe Bilder - manche in Rahmen, die meisten jedoch blo√ü doppelseitigem Klebeband an der Tapete befestigt - die zeigen, was das Auge des Fotographen √ľber die Jahrzehnte geschaut hat.
Kein rei√üerisches oder dramatisches Motiv findet sich darunter. Es sind stille und intime Momentaufnahmen von Fremden, vom Fremden. Jahrzehntelang hat er beinahe t√§glich einen Spaziergang ins Unbekannte unternommen um sich sp√§ter, daheim beim Entwickeln der Bilder, etwas davon zeigen lassen, was er zuvor nicht f√§hig war, zu sehen. Und noch heute √ľberrascht es ihn regelm√§√üig, wie fremd und unbekannt ihm vorkommt, was die feuchten Bl√§tter Papier ihm zeigen, wenn er sie zum Trocknen aufh√§ngt.
Letztendlich bekommen die Bilder einen Platz an einer der W√§nde in der Wohnung oder - wie in den letzten Jahren h√§ufiger - werden in einem der unz√§hligen Alben oder Ordner abgelegt, die den Gang zum Schlafzimmer s√§umen. Was ihnen aber allen gemeinsam ist: einmal abgelegt oder aufgeh√§ngt w√ľrdigt sie der Fotograph keines Blickes mehr. Darin sieht er keine Veranlassung, in dem kurzen Zeitraum zuvor hat er sich doch schon alles zeigen lassen, wof√ľr das Bild steht.
Jetzt steht er in der Dunkelkammer und schlie√üt die T√ľr hinter sich. Auch hier ist es staubig und er ist nicht gl√ľcklich dar√ľber. Doch schafft er es nicht, den Staub drau√üen zu halten. Ist er doch √ľberall! So lebt er eben mit den unausweichlichen Bildfehlern, die seine Fotographien des √∂fteren verunstalten, am Ende aber deren Aussage nicht schm√§lern k√∂nnen.
Mit einer flinken Bewegung entnimmt er seiner Ersatzkamera den Film und beginnt das Handwerk, das seine Sinne nicht beherrschen. Hier drin ist er der K√ľnstler, der Handwerker, konzentriert und erfahren nimmt er sich der Sch√§tze an, die er heute mit nach Hause gebracht hat. Meist geht es ihm nicht schnell genug. Die Zeit, die die Fl√ľssigkeit ben√∂tigt, ihm die Bilder aus dem Film zu kondensieren wird ihm jedes Mal zur Ewigkeit. Der Geruch der Chemikalien und das Licht, das alles in einen d√§monischen Schimmer h√ľllt, erwecken eine kindliche Vorfreude in ihm.
Sicher, er kann nicht viel mehr tun als warten. Aber er ist sich bewusst, dass ein kleiner Fehler seinerseits, eine Unachtsamkeit oder die Wahl eines falschen Zeitpunktes, das Ergebnis beeintr√§chtigen k√∂nnen. Und hier drin ist er auf sich allein gestellt, keine Sinne, die ihm helfend unter die Arme greifen und seine H√§nde lenken. An diesem Ort z√§hlt nur sein Blick und sein Gef√ľhl, hier ist er der K√ľnstler.
Und ja, nat√ľrlich ist er ein K√ľnstler. H√§lt er nicht am Ende des Tages ein Werk in H√§nden? Etwas, das er (wenn auch nur bildlich gesprochen) ‚Äěgeschaffen‚Äú hat? Geschaffen oder zumindest dabei mitgeholfen, es in die Welt zu bringen? Durch nichts unterscheidet er sich dadurch vom Bildhauer, vom Maler. Gemeinsam ist ihnen doch auch, dass ihnen bewusst ist, dass nicht der Meissel, auch nicht der Pinsel (oder hier die Kamera) das Werkzeug ist, sondern sie selbst es sind, die zum Werkzeug und zum unwissentlichen (ja, das ist wichtig!) Komplizen ihrer Sinne gemacht werden!
Mag er noch so gro√ü reden, der K√ľnstler, der der Maler (und der Bildhauer und der Fotograph) f√ľr seine Aussenwelt auch ist, davon, was er denn gef√ľhlt und gesehen hat, welche Motivation ihn angetrieben hat, den Pinsel mit nerv√∂sem Schwung auf die Leinwand zu fetzen - er selbst wei√ü es besser. Bevor der Prozess beendet ist, hat er keine Ahnung, was ihn erwarten wird. Nur von einer Sache ist er √ľberzeug: er hat etwas anderem gedient. Wird ihm wieder und bis zum Ende dienen. Der K√ľnstler ist n√§mlich ein gl√ľcklicher Diener. Deshalb hat er auch nur eine Sorge, und zwar, dass dieser endliche K√∂rper, diese anf√§llige H√ľlle, mit deren Hilfe die Sinne ihr t√§gliches Wunder vollbringen, einmal aufh√∂rt, das Spiel mitzumachen. Und manchmal wird diese Sorge regelrecht zur Angst.
Zum Beispiel dann, wenn die Hände zu zittern beginnen.

Im Leben unseres Fotographen haben sich diese √Ąngste aber auf einem noch weit dramatischeren Weg einen Platz gesichert. Und zwar in der Form von Krebs. Genau das sei es n√§mlich, das seine Knochen zerfr√§√üe, teilte ihm sein Arzt lapidar bei einem dieser gesellschaftlichen Anl√§sse, bei dem seinem Namen eine dem Fotographen nicht nachvollziehbare Wichtigkeit innegewohnt hatte, mit. Der Fotograph flehte nicht, er wurde nicht von Angst gel√§hmt oder lie√ü sich in sonst einer Weise anmerken, dass er das, was ihm eben gesagt worden war, verstand. Einzig an die Zeit, die ihm noch bleiben und wie er sie n√ľtzen w√ľrde, dachte er.
An dieses Gespr√§ch denkt er auch jetzt wieder, w√§hrend er darauf wartet, dass der Film fertig entwickelt ist und er sie vergr√∂√üern kann. So ungeduldig er auch ist, er hat gelernt, mit der Zeit, die das Entwickeln ben√∂tigt, umzugehen und sie manchmal zu ignorieren und einfach nicht wahrzunehmen. Selten kommen ihm Gedanken √ľber die Vergangenheit. Nur heute ist er nicht ganz bei der Sache, den ganzen Tag schon besch√§ftigen ihn unerledigte Dinge und unvollst√§ndig durchdachte Gedanken.

Fertig. Unser Fotograph hält die frischen Vergrößerungen vor sich und betrachtet sie stumm. Mal hält er sie in Armlänge vor sich hin, dann wieder sieht er sie aus wenigen Zentimetern Entfernung an. All die Details, an die er sich gar nicht erinnern kann - wie sollte das auch möglich sein, belehrt er sich - nimmt er in sich auf.
Hier strahlt das Licht der Mittagssonne, das auf das Haupt des Jungen f√§llt, der vor einem Heurigen herumlungert. Seit er sich das erste Mal die M√ľhe gemacht hat, bis in die Gegend von jenem Heurigen zu wandern, um wieder etwas Frisches und Unverbrauchtes vor die Linse zu bekommen, sieht er den Jungen √∂fters. Noch nie hat er ihn abgelichtet. Bisher war es nicht richtig. Heute war es dann soweit.
Forschend und beinahe gierig streicht sein Blick √ľber die Fotos. W√§hrend das Zwielicht in der Dunkelkammer seine Falten in weiche tiefe T√§ler verwandelt und sein Alter unterstreicht, sticht der jugendliche, scharfe Glanz seiner Augen aus seinem Gesicht hervor.
Sie sehen einen Jungen, der gescheitert ist. Nicht, dass man auf den Grund dieses Scheiterns zeigen k√∂nnte, nein, es ist die Gesamtheit aller sichtbaren und unsichtbaren Details, die uns einen gebrochenen jungen Mann pr√§sentiert. Daran besteht kein Zweifel. M√ľsste man es erkl√§ren, w√ľrde man vielleicht auf die H√§nde des Jungen verweisen. Wie sie unnat√ľrlich verbraucht und alt aussehen, wie sie vor ihm herabbaumeln in einer grotesken und sichtlich unbequemen Haltung. Oder das derbe Gesicht, dessen Augen und Mund kein Leben beherbergen. Vielleicht ist der Junge krank oder nimmt Drogen. Doch darauf kommt es nicht an, nur darauf, dass der Junge ungew√∂hnlich ist und nat√ľrlich, so nat√ľrlich, dass man etwas von dem Leid und den Entt√§uschungen, die er durchlebt haben muss, f√∂rmlich an und in sich selbst zu sp√ľren vermeint.
Er ist zufrieden, unser Fotograph.

Sorgf√§ltig h√§ngt er die Bilder zum Trocknen auf und kehrt wieder ins Wohnzimmer und zum Sofa zur√ľck. Er holt seine Favoritin aus dem Karton und schlurft ins Schlafzimmer.
Stra√üenlaternen werfen mildes Licht in den Raum. Es f√§llt auf das Bett und die darauf aufgeschichteten Kissen und Decken. Doch ist es noch nicht hell genug. Der Fotograph sch√ľttelt mit seiner freien Hand einen der Vorh√§nge ein St√ľck weiter auf. So ist es besser, man kann nun beinahe den ganzen Raum sehen. Zus√§tzlich knipst er noch eine kleine Lampe, die auf einem Sekret√§r an der dem Fenster gegen√ľberliegenden Seite steht, ein.
Mit Bewegungen, die seine H√§nde seit unz√§hligen Jahren unz√§hlige Male vollf√ľhrt haben, befestigt er die Kamera auf einem Stativ, das er schon vor Tagen dort aufgestellt hat. Dann blickt er durch den Sucher und justiert das Stativ nach. Bei alledem ist er vorsichtig. Nicht wieder fallen lassen!, mahnt er sich. Drei Wochen musste er warten und er hatte die Zeit genutzt, das Notwendigste vorzubereiten. Wenige Kleinigkeiten sind noch zu erledigen und unser Fotograph macht sich gesch√§ftig an die Arbeit. Ein pl√∂tzlicher Eifer scheint von ihm Besitz ergriffen zu haben und beschleunigt seine Bewegungen, macht sie geschmeidiger.
Die Wohnungst√ľr ist nicht abgesperrt sondern angelehnt, dessen hat er sich gerade versichert. Es w√ľrde nur Probleme machen und deshalb hat er sie einen Spalt weit offen gelassen. Man muss es niemandem schwer machen, die Dinge waren doch ohnehin schon kompliziert genug, findet er.
Im Badezimmer flammt eine grelle Neonr√∂hre auf. In ihrem bl√§ulich-kalten Licht zieht sich der Fotograph die Hose aus, schl√ľpft in eine Windel und zieht die Hose wieder an. Bei der Windel handelt es sich um eine f√ľr Erwachsene, f√ľr Inkontinente. Zwar ist er nicht inkontinent und seit beinahe zwei Tagen hat er nichts mehr gegessen, seit heute Morgen auch nichts mehr getrunken - doch man kann nie wissen, nicht wahr? Unser Fotograph √ľberantwortet sich zwar gern seinen Sinnen, nicht aber dem Zufall.
Gewissenhaft pr√ľft er, ob alles so sitzt, wie er sich das vorstellt und macht zur Kontrolle ein paar Schritte. Passabel, nicht perfekt, aber passabel, findet er.
Er tritt an das Medizinschr√§nkchen und √∂ffnet die verspiegelte T√ľr. Ungew√∂hnlich leer ist es, bis auf ein paar Pflaster und Standard-Pr√§parate, wie man sie in jedem Haushalt finden kann, befindet sich nur noch ein braunes R√∂hrchen darin. Genau danach greift er nun und schraubt den Deckel ab um sich anschlie√üend den Inhalt in die Handkuhle zu leeren.
In zwei Etappen sp√ľlt er die Tabletten mit ein paar Schlucken warmen Wassers aus dem Zahnputz-Becher hinunter. Der metallische Geschmack l√§sst seine Augen tr√§nen. Das leere Fl√§schchen stellt er wieder in das Medizinschr√§nkchen und schlie√üt die T√ľr.
F√ľr einen kurzen Moment blickt er in sein Spiegelbild. Dabei denkt er √ľber nichts Bestimmtes nach, auch empfindet er nichts Besonderes. Mit n√ľchternem Blick mustert er einfach dieses Gesicht, das er ein Leben lang immer nur hinter einer Kamera versteckt hat.
Doch die Zeit dr√§ngt, der Fotograph l√∂scht das Licht im Badezimmer und kehrt zur√ľck ins Schlafzimmer.
H√∂lzern legt er sich auf sein Bett und zieht sich m√ľhsam in eine angenehme Position, die Kamera ist dabei genau auf ihn gerichtet. Er streicht sich nicht die Falten auf seiner Weste und seiner Hose glatt. Nein, das w√§re Betrug. Das ist nicht seine Art, den Sinnen in ihr Werk zu pfuschen.
Vorsichtig legt er den vorbereiteten Selbstausl√∂ser neben seine H√ľfte und h√§lt die andere Hand, in der nun ein massiver Briefbeschwerer aus Kupfer liegt, dar√ľber. Seine Hand zittert dabei nicht und einen Moment wundert der Fotograph sich dar√ľber, wie nat√ľrlich ihm die Situation vorkommt und wie er - sollte es √ľberhaupt passiert sein - jemals an seinem Vorhaben zweifeln konnte.
Doch dieser Gedanke √ľberkommt ihn nur einen Augenblick. Schon kreist der n√§chste um den Briefbeschwerer. Lange wird es nicht dauern, denkt er und h√∂rt sein Herz dabei noch regelm√§√üig gegen seine Brust schlagen. W√§hrend er auf dieses Pochen horcht fragt er sich gleichzeitig, was wohl mit seinen Bildern passieren wird? Archiviert man sie? Oder werden sie versteigert, verkauft, vernichtet? Eigentlich k√ľmmert es ihn nicht, er hat ja bereits ihre Geschichten gelesen.
Weit mehr interessiert ihn, was mit der Kamera in diesem Raum geschehen wird. Ob wohl jemand den Film entwickeln wird, fragt er sich. Und was wird derjenige sehen? Wird diese Person l√§cheln, sich vor Ekel abwenden? Nun, in welcher Art und auf gleich welchem Weg auch immer: sollte dieses eine, sein letztes Bild jemandem etwas erz√§hlen d√ľrfen, w√§re allem Gen√ľge getan.
Dann wäre er zufrieden.

Version vom 09. 11. 2008 17:03
Version vom 10. 11. 2008 12:28

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