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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Raser
Eingestellt am 23. 04. 2006 19:42


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Raniero
Textablader
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Der Raser

Er war als schneller, sportlicher Fahrer bekannt, nicht wenige bezeichneten ihn gar als Raser. Wenn er mit dem Auto unterwegs war, kannte er keine langsamen Geschwindigkeiten, wie er selbst betonte, das war er seinem ‚schnellen Hirschen‘, einem Auto der Luxusklasse, schuldig.
Außerhalb dieses Fahrzeuges, im privaten wie im beruflichen Umfeld, galt er als ausgesprochen höflich und umgĂ€nglich, doch sobald er das Steuer in der Hand hielt, rastete bei ihm etwas aus, rastete er völlig aus. Das Auto stellte fĂŒr ihn nicht wie fĂŒr viele andere ‚normale‘ Zeitgenossen ein bequemes Fortbewegungsmitteln auf vier RĂ€dern mit mehr oder weniger Komfort dar, nein, das Auto symbolisierte fĂŒr ihn einen wesentlichen Teil seines Lebensinhaltes, wenn nicht den wesentlichsten.
‚Freie Fahrt fĂŒr freie BĂŒrger‘.
Dieser unselige Spruch, das Motto aller Autonarren und der hinter ihnen stehenden InteressenverbÀnde, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, den Sonnabend zum Tag ihres Lieblingsspielzeuges zu erklÀren, war auch seine Devise.
Seine grĂ¶ĂŸte Verachtung galt merkwĂŒrdigerweise nicht den FußgĂ€ngern oder anderen Nichtautofahrern, nein er galt den Autofahrern selbst, aber nicht allen.
Es war nicht die Gruppe der forschen, zĂŒgigen Pedaltreter, sondern die der unsicheren langsamen Kandidaten unter den autofahrenden Verkehrsteilnehmern, diese Dauerhemmnisse auf den Straßen, die einem vernĂŒnftigen Fahrer wie ihm den tĂ€glichen Spaß am Auto vermiesten.
‚BenĂ€hmen sich alle Autofahrer so wie ich, am Steuer, gĂ€be es keine UnfĂ€lle mehr‘
war sein Credo.

Er stand vor Gericht, weil er einen folgenschweren Unfall verursacht haben sollte, mit seiner Raserei, bei dem er selbst und sein Fahrzeug nicht einmal einen Kratzer abbekommen hĂ€tten; durch seine rĂŒpelhafte und aufdringliche Fahrweise soll er mit enorm ĂŒberhöhter Geschwindigkeit derart nah auf ein langsam auf der linken Autobahnspur fahrenden Kleinwagen aufgefahren sein, dass die Fahrerin vor Schreck die Kontrolle ĂŒber ihr Fahrzeug verloren und es in den seitlichen Graben gelenkt habe.
Bei diesem Manöver ĂŒberschlug sich der Kleinwagen mehrere Male und die beiden Insassen, die Fahrerin sowie ihre fĂŒnfjĂ€hrige Tochter fanden hierbei den Tod.
Es gab mehrere Zeugen, fĂŒr diesen Unfall, doch diese widersprachen sich in vielen maßgeblichen Detailpunkten, sodass das Gericht ihm nicht nur keine einwandfreie Schuld an dem Geschehen nachweisen sondern nicht einmal zweifelsfrei beweisen konnte, dass er das unfallverursachende schnelle Auto ĂŒberhaupt gefahren habe.
Das Gericht sprach ihn frei, von dem schweren Schuldvorwurf.
‚In dubio pro reo‘ so verlangt es der Rechtsstaat.
Nichtsdestotrotz redete der vorsitzende Richter ihm nach dem Urteilsspruch und seiner BegrĂŒndung eindringlich ins Gewissen:
„Dieser Freispruch beinhaltet keine moralische Freisprechung, sondern nur eine rechtliche. Solange wir Ihnen eine Schuld nicht nachweisen können, gilt die Unschuldsvermutung, zu Ihren Gunsten. Nur der allmĂ€chtige Gott und Sie selbst wissen genau, was in diesen tragischen Sekunden passiert ist, und wenn Sie eine Schuld tragen, kann auch nur dieser Gott, wenn es einen gibt, Sie davon freisprechen“.
Das emotional bewegte Publikum im Gerichtssaal spendete bei diesen Worten Beifall.
‚Nur der allmĂ€chtige Gott und Sie selbst wissen genau...‘
Die letzten Worte des Richters wogen wie eine Zentnerlast auf ihm, als er das GerichtsgebĂ€ude verließ.
Da er nicht religiös war, machte er sich keine Gedanken darĂŒber, ob es einen Gott gab, der es wusste. Ausschlaggebend war fĂŒr ihn nur die Tatsache, dass es außer ihm keinen anderen gab, der es wusste.
Alles Weitere hing nur von ihm allein ab.
Niemals wĂŒrde er diesen schrecklichen Augenblick vergessen können, als vor ihm der Kleinwagen nach rechts ausscherte und sich anschließend ĂŒberschlug, nachdem er mit seinem schnellen Auto mit ungeheurer Geschwindigkeit und BrutalitĂ€t fast zentimeternah auf diesen Wagen aufgefahren war.
Er konnte sich im Nachhinein sein Verhalten selbst nicht erklÀren; diese MentalitÀt, die er an den Tag legte, ein jedes Mal, wenn er sein raketenschnelles Auto bestieg, wie von einer Sucht erfasst, zu rasen.
Wiederholte Male hatte er hierbei, wie e er glaubte, dank seiner hervorragenden Fahrkunst BeinahunfÀlle vermieden, doch nun war sein Fahrzeug zur Mordwaffe geworden.
Im gleichen Moment noch, in dem er bemerkte, welches furchtbare UnglĂŒck er angerichtet hatte, mit diesem Geschoss, verlangsamte er sein Fahrzeug und verließ die Autobahn an der nĂ€chsten Ausfahrt.
Benommen fuhr er zurĂŒck, auf der Gegenfahrbahn, und stellte sein Auto auf einem Parkplatz in der NĂ€he der Unfallstelle, die sofort gesperrt wurde, ab. Zu Fuß bewegte er sich weiter am rechten Rand der Fahrbahn in Richtung Unfallschauplatz; er fiel niemandem auf, weil mittlerweile auch die Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn zum Stillstand gekommen waren und viele Insassen ihre Fahrzeuge verlassen hatten und zu Schaulustigen geworden waren.
Nie wĂŒrde er den Anblick vergessen: diesen Kleinwagen, der kaum noch als Auto zu erkennen war, ĂŒberall Blut, verstörte Gesichter bei den Helfern von Polizei und Feuerwehr.

Er bestieg sein Auto, das er auf dem Parkplatz hinter dem Gericht abgestellt hatte, und fuhr los, mit langsamer Geschwindigkeit. Nicht einmal den FĂŒhrerschein hatten sie ihm abgenommen; in dubio pro reo.
Ziellos fuhr er durch die Straßen der Stadt.
Seine Gedanken kreisten um die einzige Frage, ob und wie er mit der Last der Schuld weiterleben könne; sie einem anderen Menschen, und stĂ€nde er ihm noch so nahe, einzugestehen, kam fĂŒr ihn nicht in Frage, nach dem Freispruch.
Er lenkte seinen Wagen auf die Autobahn und drĂŒckte auf‘s Gaspedal.
Es herrschte wenig Verkehr, auf dieser Strecke. Er beschleunigte sein Auto, wurde schneller und schneller, bis er fast die Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte.
Die Fahrzeuge auf der rechten Fahrspur schienen zu stehen, als er an ihnen vorbeiflog.
Von weitem sah er ihn vor sich, den BrĂŒckenpfeiler, an dem er in Tagen vor dem Prozess des öfteren vorbeigefahren war; nun bewegte er sich mit unverminderter Geschwindigkeit auf diesen Pfeiler zu.


Als er aufwachte, im Krankenhaus, vernahm er klar die Stimme eines weißgekleideten Mannes, der sich ĂŒber ihn gebeugt hatte:
„Dieser Patient hier ist ein besonders tragischer Fall. Es scheint so, als habe er innerhalb kurzer Zeitspanne alle Launen des Schicksals ertragen mĂŒssen.
Zuerst wurde er vor Gericht eines schweren Vergehens beschuldigt,
bei dem man ihm vorhielt, er habe mit seinem schnellen Wagen, den er gleichsam als Waffe missbrauchte, den Tod zweier Menschen verursacht. Erst vor einigen Tagen jedoch wurde er gĂ€nzlich von diesem Vorwurf freigesprochen, und nun hat sein eigenes Auto, diese furchtbare Waffe, wie man sie beim Prozess genannt hatte, dem Leben dieses Unschuldigen beinahe ein Ende gesetzt.“


Der Arzt, seine Kollegen und die Krankenschwester, die am Krankenbett standen, bemerkten nichts von dem, was sich im Innersten des Komapatienten abspielte.
Dieser aber erreichte ein hohes Alter, ohne dass sich sein Zustand jemals verÀnderte.

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HFleiss
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Der Raser

Der bösen Tat die strafende Gerechtigkeit. Ja, so kann man es schreiben, aber man kann es auch ganz anders schreiben. Mich hĂ€tte interessiert, was wĂ€hrend des Rasens in dem Fahrer vor sich geht (seltsamerweise hat er keinen Namen). Was auch ging in ihm vor, als er vor Gericht stand? Ich hĂ€tte mir (in Teilen) die Gerichtsverhandlung auch als Szene gewĂŒnscht, als Mittelpunkt der ErzĂ€hlung. Es wird hier einfach zuviel erzĂ€hlt (man nennt das Behaupten) und zuwenig "gezeigt" (das heißt, dass du dir selbst die Möglichkeit der AnnĂ€herung an den Leser nimmst). Schon ganz gut der Schluss (als Pointe), schön kurz und das Wesentliche gesagt. Ein paarmal bin ich ĂŒber stilistische Holper gestolpert.

Lieben Gruß
Hanna

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Raniero
Textablader
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Hallo Hanna,

na, ja, es wird schon ziemlich ausfĂŒhrlich beschrieben, was er nach der Gerichtsverhandlung empfand, und ebenso, wie er auf den Richterspruch reagierte.
Was er wĂ€hrend des Rasens dachte und fĂŒhlte, habe ich, so glaube ich, ebenfalls mit der Besachreibung seiner Arroganz herĂŒber gebracht.
Der bösen Tat die strafende Gerechtigkeit, ist m.E. ein erlaubtes Stilmittel, mit so einer Begebenheit umzugehen.

Gruß Raniero

PS
Wozu braucht der Protagonist einen Namen, der tut doch nichts zur Sache.


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Gorgonski
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Hallo Raniero

Ich mußte bei der Geschichte an den Testfahrer von Mercedes denken, der in dieser Sache eine traurige BerĂŒhmtheit erlangte.
Nun wird Dein Prot ein Opfer seiner selbst und ich denke man kann das so stehen lassen.

MfG; Rocco
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dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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Raniero
Textablader
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Hallo Rocco,

er wird ein Opfer seiner selbst, aber schlimmer,als er sich das vorgestellt hat.

Gruß Raniero

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Raniero

Ja, so kann man es auch nennen.

MfG; Rocco
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