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Leselupe.de > Erzählungen
Der Reismühlenhändler
Eingestellt am 04. 09. 2002 12:03


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Barks
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2002

Werke: 5
Kommentare: 13
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Eine atemlos erzählte Hommage an Carlos H. Ruppert aus Neckarbischofsheim im Kraichgau




Neckarbischofsheim im Kraichgau. 1963 bis 67. Das waren Jahre aus Watte. Meine letzten unschuldigen Kinderjahre in diesem armseligen Kraichgaustädtchen mit seinem Fünfeckigen Turm, seinen vielfältigen Mauern, seiner alten Totenkirche, mit 'meinem' aufgelassenen Friedhof, in dem ich meine ganze Jugend verbrachte und den mein Vater zur Hälfte unterhöhlte, weil sein wucherndes Fassbierlager, unglückseligerweise direkt zu Füßen des Kirchleins an den Hang geklebt, einem nimmersatten Moloch gleich, Kubikmeter um Kubikmeter Graberde samt Knochen verschlang, teuer gerächt durch verlorene Prozesse mit der Kirche (zu Recht: wie kann man Friedhöfe aushöhlen, Kirchen untergraben, wie kann es angehen, daß Bauernburschen mit Totenschädeln Fußball spielen, mitten auf der Hauptstraße eines Kraichgaustädtchens ?).

Ja, dieses sibirische Dorf mit seiner fast hallenden Leere und seiner ganz speziellen, ganz eigenen Reichskristallnacht, schon damals längst vergessen, selbstvergessen. Es war wohl einfacher so.

Von etwas Schönem, fast Wundersamem will ich aber reden: der leibhaftigen Existenz der großen weiten Welt inmitten dieser inneren und äußeren Ödnis - von einer traumbeflügelnden Person, nein !, einer kompletten phantastischen Situation will ich erzählen, Jahr für Jahr hat sie sich zugetragen, hat stattgefunden, ganz öffentlich, mitten in dieser Death-City, der schon damals nur noch die huschenden Strohhexen fehlten...Tod und Schädel hatte sie bereits genug - und selbst diese hatte mein Vater preisgegeben und ihrer Ruhe beraubt und ich verzeihe ihm trotzdem, so kann vielleicht wenigstens er die Ruhe finden, die er im Leben nie hatte.

Das HOTEL DREI KÖNIG, direkt an der Hauptstraße, noch heute im Wirbel der Pächterwechsel vor sich hinkniend mit seinem breiten Gehweg, diesem ehemaligen Biergarten voller Wunder,( ein besonderes war die Wirtstochter Karin, meine erste Liebe mit 9 Jahren und ihrem blauen Kleid, das seltsamerweise ein 'Matrosenkleidchen' war... wozu, um Himmels Willen, für ein Mädchen im Kraichgau 1964? Aber es sah geradezu fürchterlich hübsch aus und ich werde es nie vergessen. Und die starke Karin, die darinsteckte, auch nie, die mich locker in „die Alleebach" stieß, wenn ich zu frech wurde...) - nun, der Wunderbiergarten, das ganze Hotel, beide getrennt ihrer Vergangenheit beraubt, mit leeren Augenhöhlen: klein ist es geworden für mich, das HOTEL DREI KÖNIG, klein, armselig, gewöhnlich, entzaubert, gewichtslos. Es ist nichts mehr. Es taugt nicht mehr für Phantasien. Man strebt gedankenlos, völlig unaufgehalten an ihm vorbei, dem Schtetl zu ( ja 'Schtetl', damals wie vordamals und noch heute so genannt von den Bürgern, wer diese wunderschöne Bezeichnung wohl ausgerechnet dort hat liegenlassen ? - nun, diejenigen sind nicht mehr...nur unsere Schande ist geblieben und vielleicht war mein Vater auch hiervon ein Teil - ich habe es nie erfahren können). Kein Seitenblick ist nötig, kein Ohr zu spitzen... es ist alles, wie es sein soll, in diesem Neckarbischofsheim des Jahrtausendwechsels. No business as usual. Die Flügel dieser Stadt hängen. Und über dieser Stadt hängen weitere Flügel. Alles kehrt zu Dir zurück, meine unglückselige Haßgeliebte mit deiner dreimal verfluchten Schmitthenneranstalt dort oben auf meinem persönlichen Galgenberg, noch heute nach Jahrzehnten von widerwärtigen Schwefeldämpfen umhüllt...und doch, und doch: nirgendwo in meinem Leben mehr hat die Sonne auf altem Holz so gerochen wie in deinen Sommern, du Elende. Aber davon will ich heute nicht reden.

Wah ! Pah ! Wedelnde, teils von der Sonne Perus, teils von der Diabetes gebräunte Hände, die dunkle Brille unter einem eleganten weißen Panama-Hut (manchmal auch einer hellen amerikanischen Schirmmütze mit durchsichtigem grünen Schild), das weite, weiße Hemd (einem Kaftan gleich) mit einer Reihe wertvoller gold- und schwarzglänzender Füllfederhalter – was für ein Erlebnis !

Wah ! Pah ! , die Zigarette fegte durch die Luft, begleitete die entrüstete Hand mit dem goldenen Siegelring auf ihrem Rückweg zu der obersten der aufgeschlagenen Zeitschriften, einer amerikanischen... viele Zeilen unterstrichen, in rot und blau, die Ränder vollgekritzelt mit kritischen Anmerkungen oder Lob, ich erspähte 'ha!'s und 'ja!!!'s genauso oft wie 'pah!'s und 'wah!'s auf diesen internationalen Rändern :

Carlos H. Ruppert hielt Hof in seinem Hotelfenster.

Und gelegentlich - an besonders schönen Tagen, von denen es in meiner Jugend noch so viele gab, genau wie in jeder anderen Jugend, im Gegensatz zur Gegenwart, in der nichts, aber auch garnichts mehr so schön ist, wie es damals immer war, ha ha, da lach ich bis zum Erbrechen... - an schönen Tagen diese Hofhaltung auch direkt vor dem Fenster an seinem Tisch im Biergarten: Carlos, auf mancher Visitenkarte auch schon mal 'Carlos H. Ruperto', in Neckarbischofsheim aber immer und immer und auf ewig 'Rupperts Heiner', der Nachbar meiner Kindheit, Dauermieter eines Hotelzimmers, mein streitbarer Pegasus mit Silberhaar und Sonnenbrille, geschlagen mit diesem kleinbürgerlichen Namen, der Herkunft, der Enge - getreulich Jahr für Jahr wieder zurückgekehrt an den Ort seiner Qual, den er zeitlebens floh und dem er erst nach dem Erlahmen seiner Flügel, dem Verblassen seiner Träume und durch Siechtum und Tod entkommen durfte.


Heute ist es ein fahles Loch, dieses rechte Fenster im Erdgeschoß des Hotels, gleich neben der Treppe zum Friedhof, ja, neben dem Fenster der Tod, wie kitschig, damals aber war es ein Fenster, das nicht hineinging, in dieses Haus, sondern hinausführte in die weite Welt, nach Peru, in die Anden, unglaublich weit, weit weg. Und es war voller Glitzerdinge, dieses Zimmer.

Voll fremder Gerüche, Aromen, nur einmal, ein einziges Mal durfte
ich es betreten in den schnellen Jahren meiner Kindheit, und nie
hätte ich gewagt, etwas zu berühren, in diesem Zauberzimmer, diesem Raumschiff aus einer anderen Welt ... angefüllt mit Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Koffern, Bildern, unaussprechlich geheimnisvollen Dingen (wovon die Harmlosesten noch zwei wirklich echte Schrumpfköpfe waren, die mein Herz bis in die Haarspitzen hinein schlagen ließen, diese verkniffenen, ausgemergelten, indianischen Antlitze, mit ihren grob vernähten Lidern und Mündern, denen ganz offenbar großes Leid geschehen war...). Versprochen hatte er mir einen, mein dicker alter Reismühlenverkäufer, wenn ich etwas älter geworden sei und man meine Angst nicht mehr würde riechen können, dann sollte ich einen haben, von den Geschrumpften, und seine Geschichte dazu.

Aber die Jahre verpufften, ich wurde nicht älter, bis heute nicht, und so konnte er mir all das nicht schenken, mein Pegasus. Auch nicht die silberne Muschel mit dem kleinen Bachlauf und dem kreisenden Mühlrad und den zwitschernden, sich um und um drehenden Vögelchen, die so klein waren, daß man sie mit dem bloßen Auge fast nicht mehr wahrnahm, er hatte sie aus China mitgebracht (aus China ! 1965 aus China ! der Reismühlenhändler C.H. Ruppert aus Neckarbischofsheim!), auch sie konnte er mir nicht mehr schenken: ich wurde nie wirklich älter und er mußte immer und immer wieder weg aus seinem Hotelzimmer, aus dessen Fenster er meine Sommer zu phantastischen Explosionen machte... hin nach Lima/Peru, in die Avenida Espana 240, wo sein Büro war, wo er seine Reismühlen verkaufte und von wo aus er dieses seltsame Land immer und immer wieder durchquerte, durchpflügte und durchackerte.

Und er durchquerte es nicht nur, er liebte und er haßte es gleichermaßen, weil es ausgebeutet war und unterdrückt und weil er die Indianer liebte, die unbemerkt und unbetrauert dahinsiechten und -starben und er war Teil der Seuche, die sie mordete und er wußte es und konnte sich nicht wehren oder wollte sich nicht wehren, und gerade auch das wußte er ganz genau... und er las und las, Bücher und Zeitschriften und wetterte und wetterte in diesen Sommern in seinem Hotelfenster mit furiosem Zorn und großen Gesten.


Wah ! Pah ! Und er erzählte eine Geschichte nach der anderen, und er wußte alles besser und immer noch besser, er war Don Carlos, der garnicht stille Don - und er brachte die Leute zum Schäumen, zum Überschäumen gar, mit seinen Behauptungen und seinen Besserwissereien. Selbst als Kind merkte ich, wie fehlbar er war, wie überheblich oft, wie verletzend manchmal.


Gelegentlich kamen Lieferungen für ihn an, mit unglaublichen Ess- und Trinkwaren aus völlig abgedrehten Ländereien, zu denen er mit herzlicher Süffisanz einlud, wohl wissend, daß niemand auch nur ahnte, was das alles war, wie es zu handhaben war, ob es nicht am Ende zu einer giftigen Blasenspur über den Boden bis hin zum Krankenwagen führen konnte...und er konnte diese ängstlichen Gedanken sehen und ergötzte sich an diesen kleinen menschlichen Sackgassen, dieser funkensprühende Teufel, dieser Global-Player der Boshaftigkeiten... Oh, sie schäumten zu Recht, die Neckarbischofsheimer ! Ha ! Dem Volksschulrektor B., dem gab er manchen Sommer keinen seiner begehrten Schmalfilme zum Vorführen, dem nicht, der hatte ihn belächelt, ohne Humor belächelt, der wollte besserwissen, was in Lima los war, aus seinen Büchern – Wah ! - 'Bücher sind alles, aber nicht für alle, Sie Lehrerlein, Sie armseligstes, mit Ihrem am Sitz festgewachsenen Arsch' Pah ! - ja, so konnte er dahintoben.

Und ich lief zu Steinhausers und holte ihm seine JUNO. Was waren das aber auch für elegante, cremefarbene Zigarettenschachteln, sie passten einfach zu diesem Kosmopoliten, diesem wunderbar fehlbaren geschäftlichen Herumtreiber, in die Wirklichkeit entsprungen mit seinen weißen Stoffschuhen, aus einem der Filme, die sie CASABLANCA nannten oder so.


Als meine Familie diesen Ort verließ, verließ auch er mein Leben. Und bald darauf verließ ihn das seine. Man sagte mir Jahre später - und ich hoffe, es handelt sich um eines dieser boshaften Lügengerüchte - er sei elend in einem Altersheim zugrunde gegangen, noch in den letzten Monaten gnadenlos 'ausgebeutet' von einer vielfach jüngeren Frau... ich will sowas nicht glauben. Auch wenn es eigentlich haarscharf ins Bild passen könnte.

Viel lieber wünsche ich mir, daß Don Carlos in einer schneeweißen zweimotorigen Turboprop durch eine glitzernde Wolke aus Sternenstaub in seinen grandiosen Reismühlenhändlerhimmel geschaukelt wurde ...


Pah ! Wah ! Du alter Haudegen ! Träum schön ! Noch bist Du nicht tot ! Ich denke an Dich ! Du hast meinem kleinen badischen Dorf allein dadurch Stadtrechte verliehen, daß Du es mit Drachenfeuer und Lichtblitzen und der weiten Welt erfüllt hast.

Auch wenn von all Deinen angesagten Geschenken nur ein altes Buch voller handschriftlicher Anmerkungen und einer Widmung auf mich gekommen ist: Du hast mir mehr als genug hinterlassen !



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Parsifal
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Registriert: Not Yet

Reismühlenhändler

Hallo Barks,

angeregt von Deiner Geschichte, die mich entfernt an Kurt Matthies erinnert, komme ich von Deiner Homepage zurück. Schön, daß es noch solche verqueren, verkauzten satirischen Seiten gibt.
Danke!

Parsifal

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Barks
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2002

Werke: 5
Kommentare: 13
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Verkauzt

Danke, Parsifal. Was soll ich machen ? Ich BIN so...

Gruss

Barks

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