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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Rosengarten
Eingestellt am 14. 08. 2003 10:21


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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

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Der Rosengarten

Schon seit ich zu denken begonnen hatte, faszinierte mich das alte Haus. Es war eines jener alten, herrschaftlichen HĂ€user aus dem 19. Jahrhundert.
Ein großes, stattliches Anwesen, mit einem schmiedeeisernen Tor und einer langen Zufahrt, die rechts und links von mĂ€chtigen LaubbĂ€umen gesĂ€umt wurde. Das gesamte GrundstĂŒck war von einer hohen Mauer umgeben, um seine Bewohner vor neugierigen Blicken zu schĂŒtzen. Als kleines MĂ€dchen hatte ich oft durch die GitterstĂ€be des Tores gestarrt, um einen Blick auf die zwei TĂŒrme des Hauses zu werfen, die im Hintergrund aus dem GrĂŒn herausragten. Ich hatte mir nichts sehnsĂŒchtiger gewĂŒnscht, als einmal ĂŒber die Mauer in den Garten schauen zu dĂŒrfen. In meiner Fantasie wohnte in dem Haus ein hĂŒbscher Prinz, der sich bei meinem Anblick sofort verlieben und mich heiraten wĂŒrde. Ein einziges Mal war es mir gelungen, an der Mauer hochzuklettern und hinĂŒberzuschauen. Meine Erwartungen waren nicht enttĂ€uscht worden. GrĂŒne RasenflĂ€chen wechselten sich mit Blumenbeeten und Baumgruppen ab. Dazwischen standen Steinfiguren und Springbrunnen, sogar einen Teich konnte ich sehen. Am schönsten jedoch war der Rosengarten. BĂŒsche mit BlĂŒten in sĂ€mtlichen Rot-, Rosa-, und Orangetönen breiteten ĂŒppig ihre Zweige aus und verströmten einen sĂŒĂŸlichen Duft. Inmitten dieser BlĂŒtenpracht stand ein weißer Holzpavillon. Leise Musik war zu hören und ein wunderhĂŒbsches MĂ€dchen in einem Tutu und Ballettschuhen drehte Pirouetten auf dem Holzfußboden. Mit offenem Mund starrte ich auf das MĂ€dchen. Sie erinnerte mich an die zierliche Ballerina der alten Holzspieluhr, die meine Großmutter mir einmal vom Flohmarkt mitgebracht hatte. Wenn man den Deckel öffnete, erklang eine wunderschöne Melodie und die Ballerina begann zu tanzen.
Ich konnte mich gar nicht mehr von dem Anblick des MĂ€dchens losreißen. Sie bewegte sich mit einer solchen Harmonie und strahlte beneidenswert viel Anmut aus in ihrem hĂŒbschen Kleid.
„Was machst Du dort oben? Scher dich sofort da weg“, fuhr mich eine Stimme grob an. Ein Mann in einer grĂŒnen Latzhose blickte drohend zu mir herauf. Ich erschrak furchtbar, sprang von der Mauer und lief so schnell ich konnte nach Hause. Das Mietshaus, in dem ich seit dem Tod meiner Eltern mit meiner Großmutter wohnte, war alt und baufĂ€llig. Überall blĂ€tterte der Putz von den WĂ€nden und im Treppenhaus roch es meistens nach abgestandenem Essen. Die Straße vor dem Haus war nicht geteert, und wenn es geregnet hatte, versank man förmlich im Morast.
Ich erzÀhlte Grossmutter von dem MÀdchen im Rosengarten.
„Oh, das muss Mariella gewesen sein“, sagte sie, „die Tochter der Besitzer. Sie ist eine sehr begabte BalletttĂ€nzerin und man sagt ihr eine große Karriere voraus.“

Es ist mir nie wieder gelungen, ĂŒber die Mauer zu schauen. Beim nĂ€chsten Mal, als ich es versuchen wollte, hatte man Stacheldraht am oberen Mauerrand befestigt, und so hatte ich mich nicht mehr getraut hinaufzuklettern.

Die Jahre vergingen. Noch oft dachte ich an die schöne TĂ€nzerin aus dem Rosengarten. Ob sie wohl eine berĂŒhmte Ballerina geworden war?
Als meine Großmutter starb, ich war damals gerade zwanzig Jahre alt geworden, verließ ich meine Heimatstadt. WĂ€hrend der nĂ€chsten Jahre arbeitete ich fĂŒr eine große Immobilienfirma und verbrachte viel Zeit im Ausland . Einmal erhielt ich von meinem Arbeitgeber den Auftrag, ein Haus in meinem ehemaligen Wohnort zu besichtigen, ein großes altes Anwesen. Schon als ich die Adresse des Hauses gelesen hatte, beschlich mich eine leise Vorahnung, welche in Gewissheit umschlug, als ich vor dem schmiedeeisernen Tor stand. Mein Herz begann laut zu pochen. Selbst nach all diesen Jahren ĂŒbte das Haus noch immer diese besondere Faszination auf mich aus. Nun wĂŒrde ich es endlich in Ruhe anschauen dĂŒrfen. Ich konnte durch seine RĂ€ume und den Garten wandern und musste nicht mehr wie ein Spion versuchen, heimliche Blick zu erhaschen. Forsch drĂŒckte ich auf den Klingelknopf. Kurz darauf ertönte eine weibliche Stimme: „Sie wĂŒnschen bitte?“ Ich nannte meinen Namen und den meiner Firma, und bevor ich noch hinzufĂŒgen konnte, dass ich einen Besichtigungstermin hatte, begann das große Tor sich schon wie von Geisterhand betĂ€tigt zu öffnen. Eine unbeschreibbare Vorfreude ĂŒberkam mich, ich war regelrecht gierig danach, endlich alles zu sehen. Ich ließ mein Auto vor dem Eingangstor stehen und ging langsam auf das Haus zu. Die BĂ€ume entlang der Auffahrt waren in all den Jahren noch dichter geworden, und fast kein Sonnenstrahl gelangte mehr durch das dichte grĂŒne BlĂ€tterdach. Hin und wieder blieb ich stehen, um einen Blick in den Garten zu werfen. Er wirkte ziemlich ungepflegt, ĂŒberall wucherte Unkraut und die RasenflĂ€chen schienen schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gemĂ€ht worden zu sein. Aus den Springbrunnen floss kein Tropfen Wasser mehr und die Steinfiguren waren von einer grĂŒnen Moosschicht ĂŒberzogen. Dann lag das Haus vor mir, majestetisch, pompös, die beiden TĂŒrme stolz in die Luft gereckt.
Doch auch hier hatte der Zahn der Zeit genagt. Der Besitz schien in den letzten Jahren ziemlich vernachlĂ€ssigt worden zu sein. Über eine lange Treppe gelangte ich zum Eingangsportal, wo ich bereits von einer Ă€lteren Dame erwartet wurde.
„Mein Name ist Delia“, stellte sie sich vor, „kommen Sie doch bitte herein“. Ich betrat vor ihr die riesige Eingangshalle und hielt den Atem an. Im Inneren schien das Haus nichts von seinem einstigen Prunk verloren zu haben. Der Marmorfußboden wirkte zwar an einigen Stellen etwas stumpf, war aber ansonsten blitzsauber geputzt.
An den WĂ€nden hingen ein riesiger eingerahmter Spiegel und viele Bilder. Als ich nach oben schaute, blickte ich auf ein wunderschönes DeckengemĂ€lde. Eine große geschwungene Treppe fĂŒhrte in die erste Etage auf eine Galarie.
„Ich werde Ihnen zunĂ€chst das Haus zeigen und dann fĂŒhre ich Sie zu der Hausherrin, sie wartet im Rosengarten auf Sie“, riss mich Delia aus meinen Gedanken.
„Gerne“, sagte ich und zog einen Notizblock und meine Kamera aus der Tasche. Die nĂ€chste dreiviertel Stunde gingen wir durch sĂ€mtliche RĂ€ume des Hauses. Obwohl viele Zimmer schon lange nicht mehr benutzt wurden, und die Möbel mit weißen Laken abgedeckt waren, konnte man doch noch viel von der Schönheit und Eleganz ahnen, die das Haus zu seinen Glanzzeiten einmal ausgestrahlt haben musste. Ich machte mir Notizen und verknipste einen ganzen Film.
„Wenn Sie nun durch die hintere TerrassentĂŒr gehen, ĂŒber die RasenflĂ€che und links am Teich vorbei, laufen Sie genau auf den Rosengarten zu“, erklĂ€rte mir Delia.

Wenige Augenblicke spĂ€ter lag er vor mir. Er war nicht mehr so, wie ich ihn in Erinnerung hatte, die RosenbĂŒsche wuchsen wild in alle Richtungen und auch hier nahm das Unkraut ĂŒberhand. Nur der sĂŒĂŸliche Duft der RosenblĂŒten schwebte wie damals in der Luft. Von dem Pavillon, in dem die schöne Ballerina ihre Pirouetten gedreht hatte, war die weiße Farbe abgeblĂ€ttert. Ich ging darauf zu und bemerkte erst jetzt, dass dort im Schatten eine Frau saß. Sie hatte eine Decke ĂŒber ihre Beine gelegt und blickte wie selbstvergessen vor sich hin. Ihr dunkelblondes Haar war von vielen grauen StrĂ€hnen durchzogen und lieblos im Nacken zusammengebunden. Sie hatte ein verhĂ€rmtes Gesicht und wirkt viel Ă€lter, als sie wahrscheinlich war.
„Hallo, ich komme von der Immobilienfirma“, sprach ich sie an.
Es war, als ob ich sie von einer langen Reise zurĂŒck in die Wirklichkeit geholt hĂ€tte. Langsam drehte sie ihren Kopf in meine Richtung und schien mich zu registrieren.
„Oh, guten Tag“. Sie streckte mir ihre Hand entgegen und lĂ€chelte mich zaghaft an. Doch das LĂ€cheln umspielte nur ihre Mundwinkel, der Ausdruck ihrer Augen blieb leblos und leer.
„Was fĂŒr ein schönes Anwesen“, versuchte ich ein GesprĂ€ch zu beginnen,
„ich denke, hierfĂŒr lĂ€sst sich bestimmt ein Liebhaber finden.“
„Ja, das wĂ€re schön. Ich habe leider keine Familie mehr, und fĂŒr mich alleine ist es einfach zu groß.“
Ich erzĂ€hlte ihr, wie ich das Haus schon als Kind bewundert hatte, und als ich die schöne TĂ€nzerin erwĂ€hnte, da war es, als hĂ€tten ihre Augen fĂŒr einen kurzen Moment aufgeleuchtet.
„Dieses MĂ€dchen bin ich gewesen“, kam es leise ĂŒber ihre Lippen. „ich habe jeden Tag hier getanzt . Ich war so begabt, wissen Sie, ein berĂŒhmtes Tanzensemle hatte mich bereits unter Vertrag genommen. Alle TĂŒren standen mir offen“, sie hielt einen Moment inne und rĂ€usperte sich, „bis dieser VerrĂŒckte mir alles genommen hat. Meine TrĂ€ume, meine Freiheit, den Sinn meines Lebens.“
Ihre HĂ€nde umklammerten das Buch, welches sie auf dem Schoß hielt , sodass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Er war betrunken und hat einfach die rote Ampel ĂŒberfahren. Ich ĂŒberquerte gerade die Straße und er erwischte mich mit voller Wucht. Seitdem bin ich an dieses Ding hier gefesselt.“ Sie zog mit einem Ruck die Decke weg und entblĂ¶ĂŸte den Rollstuhl, in dem sie saß.
„Die Ärzte haben alles versucht, aber sie konnten nichts mehr tun. Ich bin seit dem Unfall querschnittgelĂ€hmt.“ Bitterkeit, aber auch Resignation und Hoffnungslosigkeit klangen in ihren Worten mit, und ein Zucken um ihre Mundwinkel verriet mir, wie sehr sie dies alles bewegte.
„Bitte sagen Sie nichts, ich will nicht bedauert werden, helfen Sie mir einfach, das Haus zu verkaufen. Ich kann es nicht mehr ertragen, Tag fĂŒr Tag hier zu sitzen und in Erinnerungen zu schwelgen.“
Ich fĂŒhlte ein unbeschreibliches Mitleid mit dieser armen Frau. Damals, als ich bei meiner Großmutter in der schĂ€bigen Wohnung gelebt hatte und nur meine TrĂ€ume und Phantasien der einziger Lichtblick gewesen waren, da hatte sie alles gehabt, Reichtum, eine sorglose Jugend und eine vielversprechende Zukunft. Dies alles war ihr in einem einzigen Moment genommen worden und hatte sie als gebrochenen Menschen ohne Hoffnung und Perspektive zurĂŒckgelassen. Ein Spruch kam mir in den Sinn, den ich einmal irgendwo gelesen hatte: Das Leben gleicht oftmals einer Rose, die voll erblĂŒht, Stolz und Schönheit ausstrahlt, aber manchmal einfach ohne Grund abgepflĂŒckt und weggeworfen wird, um irgendwo einsam zu verwelken.
„Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde einen KĂ€ufer fĂŒr Ihr Haus finden“, sagte ich und drĂŒckte ihre Hand.
„Dann bringen Sie mich bitte ins Haus zurĂŒck, damit wir den Vertrag aufsetzen können“, forderte sie mich auf.
WĂ€hrend ich sie zurĂŒck schob, trug uns der Wind den Duft der Rosen nach.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hi Estrella,

ich finde, deine Story ist sprachlich gut und sorgsam gearbeitet. Mir hat es auch Spaß gemacht, sie zu lesen, wenn auch das Ende sehr frĂŒh vorhersehbar ist. Manche Sachen sind m.E. plakativ: Hier das reiche BallettmĂ€dchen, dort das arme StadtmĂ€dchen, deren Eltern ausgerechnet auch noch beide gestorben sind (Das finde ich etwas zu deutlich, ebenso wie den Stacheldraht, der dann auf die Mauer kommt. Hier drohen Klischees.). Vielleicht sollte man an solchen Stellen eher vorsichtiger werden und auf die Geschichte vertrauen als auf solche "Zutaten". Es ist so oder so schon eine "Schicksalsgeschiche", die mich ein wenig an jene schönen Geschichten von Hebbel erinnert. Man landet aber leicht im Sentiment. Zum Schluss ist dem Leser sofort klar, um welches Haus es geht. Es klingt fast merkwĂŒrdig, dass die Maklerin nicht auf Anhieb weiß, dass es eben DAS Haus ist, sondern sie nur eine "leise Vorahnung" beschleicht, obwohl sie die Adresse bekommt.
Auch den Unfall mit der roten Ampel finde ich wieder dramatisch und schicksalhaft, ein Fremder ist Schuld, aber das wĂ€re fast ein neues Thema, m.E. wĂ€re auch eine "schlichte" Lösung denkbar, also einfach eine Krankheit ect., glaubhafter als eine QuerschnittslĂ€hmung, die auch wieder als "Effekt" (Decke) prĂ€sentiert wird. So weit meine Gedanken zum Rosengarten, der am Ende verwildert und vernachlĂ€ssigt ist. Manchmal könnte man den Leser auch "ĂŒberraschen". Warum sollte zum Beispiel der Rosengarten nicht auch zum Schluss wunderbar gepflegt sein? Wir wissen ja: Verfall des reichen MĂ€dchens - Verfall des Hauses - Verwilderung des Gartens - alles sehr eindeutig, warum nicht einmal ein paar "Widerhaken" und "Abweichungen" bringen.
Ich hoffe, dass du meine Worte als "Anregung" aus meiern Sicht und nicht als "Kritik" verstehst.

Beste GrĂŒĂŸe
__________________
Monfou

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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
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Hallo Monfou novou,

Danke, dass Du meine Geschichte gelesen hast und sie Dir gefallen hat. Die Geschichte ist in einem anderen Forum durch vorgegebene Worte entstanden. Sie ist vielleicht etwas voraussehbar und mag auch das eine oder andere Klischee enthalten aber ich denke, ich werde sie mal so stehen lassen. Zumal sie in dieser Fassung auch schon in Österreich veröffentlicht worden ist und eine gute Resonanz bekommen hat.

Liebe GrĂŒsse
Estrella

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