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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Sack des Rigoletto
Eingestellt am 29. 04. 2009 19:33


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Raniero
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Der Sack des Rigoletto

Die Opernliebhaber waren gespalten, lange Zeit schon vor Auff├╝hrung des Rigoletto von Giuseppe Verdi, in zwei unvers├Âhnliche Lager, und das hatte einen durchaus nachvollziehbaren Grund.
Der neue Regisseur am st├Ądtischen Opernhaus, eine nicht unumstrittene Pers├Ânlichkeit, hatte angek├╝ndigt, den Rigoletto in einer Fassung zu bringen, wie sie seinerzeit von der Zensur u. a. gew├╝nscht, von Verdi aber emp├Ârt abgelehnt worden war, die so genannte Fassung ohne Sack.
Unmittelbar daraufhin waren sie entstanden, diese beiden gegens├Ątzlichen Lager, und entsprechend ihren lautstark verk├╝ndeten Meinungen unterteilte man sie in Anh├Ąnger mit respektive ohne Sack.
W├Ąhrend die Vertreter der konventionellen Richtung es einfach f├╝r unm├Âglich hielten, den buckligen Hofnarren in der entscheidenden Szene ohne Sack auf die B├╝hne zu bringen, zeigten sich die anderen nicht nur geneigt, sondern konnten es kaum erwarten, Rigoletto ohne Sack, sozusagen sacklos, singen zu lassen.
Hierbei lie├čen beide ÔÇÜFraktionenÔÇÖ vollkommen au├čer acht, dass bei einer Oper die Musik der wichtigere Part ist gegen├╝ber der auf der B├╝hne sichtbaren Handlung., doch sie lie├čen sich nicht davon abbringen, sich ├╝ber eine geplante Auff├╝hrung in Rage zu reden, die noch gar nicht gespielt worden war; und das alles wegen des verfluchten Sackes des Rigoletto.


Der Abend war gekommen.
Beide Lager hatten, angeregt durch eine Aufforderung eines Boulevardblattes, ihrer Meinung durch entsprechendes Outfit Nachdruck verliehen, und so sah man, wohin man auch blickte, im Parkett und auf den R├Ąngen gleicherma├čen Personen mit wei├čen wie schwarzen Kopfbedeckungen; wei├č f├╝r den Sack, schwarz gegen denselben.

Bis zur entscheidenden Szene, dem un├╝bertrefflichen Finale der Oper war es bis auf einiges Feixen hinter vorgehaltener Hand ziemlich ruhig geblieben, im Publikum, nun aber trat Totenstille ein.
Alles hielt den Atem an, alle warteten auf den Auftritt des buckligen Narren.
Wie w├╝rde er Sparafucile entgegentreten, und vor allem, was w├╝rde er von diesem entgegen nehmen?
Doch Rigoletto erschien nicht, stattdessen trat der eigenwillige Regisseur vor den B├╝hnenvorhang und verk├╝ndete mit steinerner Stimme:
ÔÇ×Meine Damen und Herren, nach den Unruhen der letzten Zeit hinsichtlich der beabsichtigten Spezialfassung des Rigoletto blieb mir nichts anderes ├╝brig, als einen Kompromiss zwischen den beiden verfeindeten Bl├Âcken herzustellen.
Dieser Kompromiss sieht erstens vor, den Darsteller des Rigoletto mit Sack auftreten zu lassenÔÇŽÔÇť
An dieser Stelle setzte ungeheurer Jubel ein, auf der Seite der Liebhaber des konventionellen Theaters, w├Ąhrend von der Gegenseite schrille Pfiffe ert├Ânten.
Erst nach einer l├Ąngeren Pause konnte der Regisseur fortfahren:
ÔÇ×Ein Kompromiss, meine Damen und Herren, setzt aber stets ein gewisses Geben und Nehmen voraus, und das bedeutet im KlartextÔÇť, erhob er die Stimme,
ÔÇ×der Sack bleibt zu, ich wiederhole, der Sack des Rigoletto bleibt zu!ÔÇť
Noch bevor die ersten Reaktionen des Publikums einsetzten, verschwand er schnell hinterm Vorhang, der gute Mann, vielleicht bef├╝rchtete er SchlimmeresÔÇŽ


Dann aber brach die H├Âlle los, im Saal.
Die Vertreter der wei├čen Liga f├╝hlten sich get├Ąuscht, hatten sie doch nur einen Teilsieg errungen. Was sollte der Sack auf der B├╝hne, wenn er zublieb?
Die Gegenseite war zwar auch nicht zufrieden, freute sich aber umso mehr ├╝ber die w├╝tenden Reaktionen der Traditionalisten.
Es dauerte eine ganze Zeitspanne, bis die Oper fortgesetzt werden konnte.
Schlie├člich aber erschien Rigoletto auf der B├╝hne und nahm aus der Hand des gedungenen M├Ârders den Sack entgegen, diesen Sack, der f├╝r soviel Unruhe gesorgt und das ├Âffentliche Leben der ganzen Stadt fast lahm gelegt hatte.
Schon erklangen die ersten Worte GildaÔÇÖs, der Tochter Rigolettos, aus dem Sack heraus, eine bis dato wohl nie da gewesene Szene auf einer Opernb├╝hne, und statt seiner sterbenden Tochter umarmte Rigoletto w├Ąhrend des unsterblichen Duetts die ganze Zeit den verfluchten Sack.


Auf der B├╝hne erlosch das Licht, und nach einem Augenblick stillen Verharrens setzte ein in diesem Musiktheater noch nie vernommener Applaus ein, Futuristen und Traditionalisten jubelten quasi um die Wette.
Dieser Jubel aber wurde pl├Âtzlich um ein Vielfaches ├╝bert├Ânt, von einem furchtbaren Grollen, das mitten aus dem Erdmittelpunkt zu kommen schien.
Das Grollen, so stellte man sp├Ąter fest, hatte sein Epizentrum in Mailand, und zwar in diesem kleinen Geb├Ąude im Innenhof der Casa di RiposoÔÇŽ

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