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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Schutzengel
Eingestellt am 29. 08. 2003 16:37


Autor
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Scarlett
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2003

Werke: 4
Kommentare: 3
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Die Stadt lag weit unter ihr. Die Menschen waren so klein wie Spielzeugfiguren. Katja sa├č nun schon seit etwa einer halben Stunde auf dem Balkongel├Ąnder im siebten Stock eines Hochhauses und hielt sich an der S├Ąule zu ihrer Linken fest.

Sie dachte an die Diagnose, die ihr Leben f├╝r immer ver├Ąndert hatte.

Vor etwa drei Tagen hatte der Arzt Katja verk├╝ndet, da├č eventuell keine Besserung ihrer Kopfschmerzen eintreten w├╝rde. Diese grauenvollen Schmerzen, die sie seit nunmehr drei Jahren heimsuchten, sie qu├Ąlten, sie l├Ąhmten! Katja schlief mit den Schmerzen ein und an jedem neuen Morgen waren sie in gleichem Ma├če wieder da, um sie in grotesker Art und Weise willkommen zu hei├čen.

Die ├ärzte, die Katja schon so oft gewechselt hatte, waren nach unz├Ąhligen, erfolglosen Untersuchungen ratlos und wu├čten sie nicht mehr aufzubauen. Doch wie sollte es denn nun weitergehen? Mit dieser Diagnose wurde ihr jeglicher Lebenswille genommen.

Die Schmerzen schienen rein psychischer Natur zu sein, denn die Verspannungen, denen die ├ärzte die Schuld gaben, lie├čen sich mit Massagen und Krankengymnastik immer wieder gut beheben. Das konnte also auch nicht die wahre Ursache sein.

Sie war zu Beginn der unendlich langen Schmerz-Odysee noch so tapfer gewesen, hatte stets versucht, positiv zu denken und sich abzulenken. Doch als sich herausstellte, da├č es ein Dauerzustand zu werden begann, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei.

Ihre Arbeit im B├╝ro einer kleinen, medizintechnischen Firma leidete darunter. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren, lebte bildlich gesehen in einem mit Schmerzen vollgef├╝llten Fass und sp├╝rte nicht einmal mehr die W├Ąrme des Sonnenlichtes.

Auch ihre Familie litt sehr darunter. Ihr Mann und ihre Eltern waren verzweifelt, weil sie das Liebste, das sie besa├čen, leiden sehen mu├čten und doch nicht helfen konnten. Sie war traurig, dass sie die Z├Ąrtlichkeiten ihres Mannes weder genie├čen, noch im gleichen Ma├če erwidern konnte, wie sie es eigentlich wollte.

Sie war jetzt 28 Jahre alt und f├╝hlte sich durch die Schmerzen so vergr├Ąmt und verbittert, als k├Ânnte sie auf bereits 70 Jahre zur├╝ckblicken.

Katja dachte an den Abschiedsbrief, den sie auf die Telefonbank ihrer Wohnung gelegt hatte. Sie kannte die Gewohnheiten ihres Mannes und wu├čte, da├č ihn sein erster Weg, nach Betreten der Wohnung, zum Telefon f├╝hren w├╝rde. Weder er noch ihre Eltern w├╝rden ihr diesen Schritt verzeihen und sie wusste, was sie ihnen antat und dennoch sah sie keinen anderen Ausweg mehr.

Feigheit! Dieses Wort hallte pl├Âtzlich in ihrem Kopf. Doch war es wirklich nur Feigheit, die sie diesen letzten, endg├╝ltigen Schritt planen lie├č? Katja hatte panische Angst davor, da sie nicht wu├čte, was sie erwarten w├╝rde, aber alles erschien ihr in diesem Augenblick ertr├Ąglicher als dieses bittere Meer von Schmerzen.

Sie bat Gott um Verzeihung f├╝r diesen Schritt. Ihr Glaube hatte ihr ├╝ber all die Jahre Kraft gegeben. Nun war Katja nur noch von diesem unglaublichen Schmerz ausgef├╝llt.
Sie schaute noch einmal auf die weit unter ihr liegende Stra├če.

Wer w├╝rde sie finden und in welchem Zustand w├╝rde das, was noch von ihr ├╝brig war, sein? Doch diese Gedanken schob sie gleich wieder von sich.

Als Katja tr├Ąnen├╝berstr├Âmt die S├Ąule loslassen wollte, geschah es!

Sie sp├╝rte einen Druck auf ihren beiden Schultern ÔÇô Katja schrak zusammen.

Das konnte nicht sein. Die Balkont├╝r hinter ihr war verschlossen. Dennoch war der Druck auf ihren Schultern so real, da├č sie sich zum Umdrehen zwang.

Es war niemand zu sehen!

Nun stritten sich all die feinen H├Ąrchen im Nacken und auf den Armen um einen Stehplatz. Bevor sie noch begreifen konnte, was geschah, sp├╝rte sie eine unsagbare W├Ąrme in sich. Sie breitete sich, in ihrem Kopf beginnend bis hin zu den F├╝├čen in ihrem ganzen K├Ârper aus und durchflutete sie mit Zuversicht und nie gekanntem Lebenswillen.

Dieses wundervolle Gef├╝hl lie├č f├╝r einen Augenblick all ihre Schmerzen in den Hintergrund treten und langsam, sich an der S├Ąule festklammernd, kletterte Katja zur├╝ck auf den sicheren Boden.

Zusammengekauert sa├č sie lange Zeit in einer Ecke des Balkons und versuchte vergebens, ihren sich sch├╝ttelnden K├Ârper zu beruhigen.

Sie wu├čte pl├Âtzlich mit Sicherheit, da├č es f├╝r sie weitergehen w├╝rde. Irgendeinen Weg w├╝rde sie finden. Und wenn sie sich letztlich f├╝r immer mit den Schmerzen auseinandersetzen mu├čte. Sie wollte leben.

Sie war nicht gesprungen! Sie wurde daran gehindert, daran gab es keinen Zweifel!

Als Katja sp├Ąter auf dem Gehweg stand und zum Balkon hinaufsah, der beinahe ihr Leben beendet h├Ątte, sp├╝rte sie wieder diese wohlige W├Ąrme.

Und als sie sich auf den Heimweg machte, um den grausamen Brief zu vernichten, bevor ihr Mann ihn lesen konnte, sagte sie leise:

ÔÇ×Ich danke Dir, mein lieber Schutzengel.ÔÇť

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