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Leselupe.de > Erzählungen
Der Stein des Anstoßes
Eingestellt am 08. 09. 2001 15:08


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Elmar Feische
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Der Stein des Anstoßes

Es ist lange her,
daß ich so empfand
wie ich heute empfinde.
Ich denke mir das Licht in mein Dunkel
und ich sehe wieder.
Sehe, was andere nicht sehen.
Ich nehme einen Stein vom Boden auf.
Er liegt schwer in meiner Hand.
Ich nehme ihn in beide Hände.
Er dankt es mir
Daß ich ihn zweihändig umsorge
Ihn wärme
und die Last auf mich nehme
ihn aus der Fülle der Steine herauszuheben.
Und er sagt mir
Ich bin nicht irgendein Stein
Ich bin ein Stein
der eine Geschichte hat,
eine Geschichte, die lohnt erzählt zu werden.
Aber:
Wie alt bis du,
der du mich umsorgst und wärmst,
mich aus der Kälte und aus dem Dunkel
wieder ans Licht holst,
in das ich mich nicht mehr traute.
warum verlangst du von mir,
dir zu erzählen,
warum ich zum Stein des Anstoßes wurde.
Ich verrate es dir und nur dir.
Denn du hast mich aus meiner Steinzeit
ins Sonnenlicht der Gegenwart erhoben.
Ich kann nicht für dich entscheiden
ob es ein Fehler war
daß du mich aufnahmst
aufnahmst vom Boden der Vergangenheit,
um mich, wie eine Neugeburt
ins Licht der Gegenwart zu stellen.
Hier bin ich nun
Und konfrontiere dich – nur dich?
Mit meinen Erinnerungen.
Ich weiss nicht, ob es Verfallsdaten
Für Steine gibt,
wenn, dann du hast du sie aufgehoben:
du hast mich
aus einer Myriade von Artgenossen
wieder ans Licht geholt –
und mir damit die Möglichkeit gegeben,
die ich – vielleicht –
am Boden der Vergessenheit gelagert,
als unerreichbar abgeschrieben hatte:
ich kann und werde – nur dir- erzählen,
was ich in meiner, mir aufgezwungenen Steinzeit
erlebt, gesehen – und verschwiegen – habe.

Ich war schon ganz im Anfang.
Im Taumel der Elemente
Lag ich bereits steinern im Weg
und eckte an mit meinem Einwand
gegen die geplante und durchgeführte Festlegung
der Bedeutung von Finsternis und Licht:
mir wären die Begriffe Dunkelheit und Erleuchtung
lieber gewesen..
Aber was wußten wir zu Beginn von Worten
In die wir uns hätten kleiden können.
Das Feigenblatt, das unsere Blöße bedecken sollte,
es war uns fremd,
da wir vorher keine Blöße empfunden hatten.
Als ich schon war, ja, da waren wir frei und offen,
wir hatten nichts zu verbergen.
Wir waren noch nicht viele
als wir begannen, uns unsere Welt zu richten.
Wären wir allein im Paradies geblieben,
hätten wir verhindern können,
daß wir eben diese Welt
jetzt so erbarmungslos vernichten?
Als ich damals meine steinerne Haut
gegen den Strom hielt,
wurde ich mit den Attributen ausgestattet,
die mir noch heute anhaften:
ein Stein ist hart, ein Stein ist kalt,
ein Stein hat keine Gefühle,
ein Stein ist ein Nichts:
Wenn er irgendwo liegt, liegt er im Weg,
dazu verdammt, aus dem Weg geräumt zu werden.

Aber was wäre geworden
aus dem Lauf der Welt
wenn ich mich nicht immer quergelegt hätte.
Sicher, ich war nur ein Stein im Getriebe,
aber ich war ein wichtiger Stein.
Meine Mit-Steine hatten es vorgezogen
Sich nicht um Grundlegendes zu kümmern
Sie hatten sich von dem Strom der Zeit fortschwemmen lassen
daher sind sie heute nicht mehr.
Aber ich war, ich bin und ich werde bleiben,
nichts kann mich davon abhalten
zu bleiben, was ich war und bin:
ein Stein des Anstosses.

Ich habe viel gesehen und gehört
Im Vergehen der Jahre.
Menschen, die sich mehr dünkten als ich
Leben nicht mal mehr in der Erinnerung.
Ihre Tage sind gezählt und vergangen
und haben nirgends eine Markierung hinterlassen.
Während ihres erbärmlichen Daseins
das sie in langen Jahren zählten,
sonnten sie sich zeitweise in der Gewissheit,
dass die Welt ohne sie nicht fortbestehen könne.
Der Wind der Zeit hat ihre Überheblichkeit weggeblasen
Wie Spreu im Wind.
Ich jedoch, der Stein, bin weiterhin und werde weiter sein.

Ehedem lag ich, getarnt mit meiner Unscheinbarkeit
nicht weit von einer Hinrichtungsstelle.
Die geifernden Zuschauer strömten aus allen Winden herbei
ihre Fußtritte trafen mich nicht so schmerzhaft wie ihre verzerrten Gesichter.
Sie hatten sich aus ihrem „Leben“ freigenommen,
um bei der Begegnung mit dem Tod dabei zu sein.
Dicht neben mir legt sich ein Mann mit seinem Sohn in Position,
gewissenhaft prüfend, ob denn die avisierte Kreuzigung
für ihn und auch das Kind gut einsehbar.
Der Blickwinkel, den er gewählt, ist optimal,
erlaubt den Blick sowohl total als auch im Detail.
Noch hat man Zeit und kann sich leiblich stärken,
denn der Tod auf leeren Magen ist ihm suspekt.
Der Mann, den man gedenkt ans Kreuz zu schlagen, ,
war früher mal sein bester Freund,
aus welchem Grund auch es ihm nicht gleich gelang,
der Hetzjagd auf den Mann mit kühlem Kopfe zu begegnen.
Und doch gelang es ihm, erfolgreich mit dabei zu sein,
denn immerhin: die Schuld, die dieser Mann sich aufgeladen,
war sehr gravierend und damit unentschuldbar.
Er hatte sich, bisher ein Mann von unscheinbarer Wirkung,
zu einer Größe aufgeschwungen,
die niemand hinter der Fassade seines Wesens
auch nur vermutet hätte.
Die Schuld, wie andere es genannt,
war ihm als das Natürlichste erschienen.

Wie ein Schutzschild hatte er sich vor sie gestellt,
als alle anderen schon die aufgehobenen Steine
auf ihre Werfbarkeit prüften.
Ich lag abseits damals,
so daß ich nicht an der Steinigung der Frau teilnehmen musste.
Wäre ich in der Nähe gewesen,
hätte ich sicher nicht verhindern können,
zu einem Wurfobjekt zu werden,
einer der vielen Steine zu sein,
die den Tod der Ehebrecherin herbeiführten.

Er hatte es nicht verhindern können,
da er allein gegen die vielen war.
Man hatte ihn ergriffen und ohne Verhandlung
gleich zur Hinrichtungsstelle geführt.
Seine Mutter und der Freund, den er sehr liebte,
standen jetzt unter dem Kreuz, an das man ihn geschlagen hatte.
Die steinern erschlagene Ehebrecherin
Hatte man neben ihn im Tod auch an ein Kreuz genagelt,
die Nägel vom Ehemann durchs tote Fleisch ins Holz getrieben..

Als er starb, verdunkelte sich nicht der Himmel
Und es riss kein Vorhang entzwei.
Es war nur ein großer Schmerz in ihm,
der sich noch vergrößerte,
als er mit den letzten Blicken die Menschen
unter, neben und vor dem Kreuz sah.
Er fühlte ganz deutlich ein großes Bedauern,
daß er nicht bleiben konnte,
um seinen Freunden beizustehen,
die jetzt damit weiterleben mussten,
dass eigentlich ihre Feigheit es war,
die seinen Tod bewirkte.

Ich weiss bis heute nicht, was mich bewog
aus meiner Tarnung hervorzukommen
und mich wieder einmal quer zu legen,
so quer in den Weg des Mannes mit seinem Sohn,
das sie über mich stolperten
und der Sohn in das Messer viel,
daß sein Vater noch von der Hinrichtungs-Mahlzeit
in der Hand gehalten hatte.
Blut tropfte auf mich herab

und vermischte sich sich auf mir
mit dem Blut aus vorigen Jahrhunderten.

Nimm mich auf und öffne dich für mich,
ich – der unscheinbare, der kalte, der nutzlose –
ich kann dir wärme geben,
wärme gegen die kälte der welt,
wärme gegen haß und zwietracht,
wärme gegen gewalt und ignoranz.

Ich bin nicht schön, nein –
Du musst schon genau hinsehen,
ich habe keine glatte, makellose Oberfläche,
dafür habe ich kerben und vertiefungen,
die sich im laufe der jahrhunderte
in mein steinernes antlitz eingegraben haben.

In diesen Kerben und Vertiefungen habe ich
Geschichten für dich aufbewahrt,
die ich dir und nur dir – erlaube,
aus der Dunkelheit der Vergangenheit hervorzuholen,
um sie ins Licht der Gegenwart zu stellen.

Ich war dabei, und ich habe Leid und Schmerz gesehen
Für das ich keine Worte finde.
Aber dennoch will ich es versuchen.
Ich bin mir sicher, daß ich die Verpflichtung habe,
auszusprechen, was nicht auszusprechen ist.
Hier akzeptiere ich meine mir zugeteilte Existenz:
Ich bin hart, ich bin kalt, und ich reflektiere nur,
kalt und nüchtern, was ich gehört, und was ich gesehen habe.

Ich wurde von einer Kakophonie von Geräuschen
Aus einer von mir nicht gewünschten Zwischen-Steinzeit,
in eine grelle Wirklichkeit gestellt.
Du kennst das Geräusch und die damit verbundenen Gefühle,
wenn ein Zug in eine Station einläuft?
Ich lag dort – zwischen den Schotter-Steinen –
Gewärmt und behütet von der einzigen Sonne,
die unsere Erde wärmen kann.

(Dies könnte, wenn es denn weiter verfolgt würde, größere Dimensionen annehmen. Ich - als "Junior"-Mitglied, wenn auch fortgeschritteren Alters - wäre für Rückmeldungen von "Senior"-Mitgliedern mit mehr Erfahrung - dankbar, ob das Projekt den Einsatz weiterer Zeit und Anstrengungen rechtfertigt).


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Morgana
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2001

Werke: 19
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Profil
Hallo

Ich bin zwar kein Senior-Mitglied. Wollte Dir aber dennoch sagen, das ich die Idee einen Stein berichten zu lassen was er erlebte gut finde. Die Emotionslosigkeit mit der der Stein "spricht", läßt mich meine eigenen Emotionen bei dem erzählten Geschehen um so deutlicher sehen. Zu deinem Stil sag ich lieber nix. Dazu bin ich selber noch zu "grün" hinter den Ohren ;-) Aber ich finde Du solltest daran weiterarbeiten.

Hoffe ich konnte Dir ein wenig helfen

Bright blessings

Morgana
__________________
Man kann nicht wissen ob man etwas kann oder nicht, bevor man es nicht versucht hat...

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