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Leselupe.de > Erzählungen
Der Tod des Fürsten
Eingestellt am 27. 11. 2002 19:05


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Ohrenschützer
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Der Tod des Fürsten

Der Tod des Fürsten

Als die letzte Stunde seines Lebens gekommen war, ließ der kinderlose und vereinsamte Fürst seinen treuen, mit ihm gealterten Diener rufen, um ihm zu danken und ihm seinen letzten Willen zu eröffnen. Er fühlte, dass ihm nur noch wenig Zeit gegeben war, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, fand aber inmitten seiner erdrückend werdenden Schmerzen nicht die rechten Worte. So nahm er die Hand des knienden Dieners und drückte sie mit seinen ermattenden Kräften, sah ihm in die Augen und erkannte betroffen dessen Lebensenergie, die im Gegensatz zu seiner unermesslich groß schien. “Bete Er für mich”, flüsterte der Fürst und versuchte, es nicht kläglich klingen zu lassen. Der Diener nickte ernst und verneigte sich nochmals ehrfürchtig vor seinem Herrn.

Seine Augen spielten dem Fürsten bereits Streiche, bunte Farben durchflossen diabolisch das bleiche Gesicht des Dieners. Der Fürst musste die schweren Lider, die ihm nach unten sinken wollten, angestrengt offen halten. Jedoch die Trägheit seines Körpers und die verlängerte Aufnahmezeit widersprachen seinem noch immer recht klaren Geist, der sich mühte, die bei ihm eintreffenden Bilder richtig zu stellen, um des Fürsten äußerlichen Verfall nicht allzu offen zu legen. Die Zeit verstrich. Der Fürst blinzelte durch seinen Farbenschleier dem Diener entgegen und schien ihm langsam zu entschwinden.

“Vergebt mir, o Herr”, hörte der Fürst eine Stimme, die wie durch eine riesige Kathedrale hallte, “ich bitte untertänigst um die Gnade, als Euer gehorsamer Diener Euch für Eure grenzenlose Güte zu danken.” Es war die Stimme des Dieners, tatsächlich, er hatte gesprochen. Wie ungläubig, in Wirklichkeit aber alles beschwerlich einsammeln müssend, wandte sich der Fürst mit geöffnetem Munde seinem Untertan zu. Der Diener senkte den Blick und ergraute, als spiegle sich sein Gebieter in ihm, und wilde Striche und Zeichen tanzten um seine Stirn, die trotz aller Anstrengung nicht zu entziffern waren.

“In Gottes Namen, hoher Herrscher, erhört nun die bescheidenen Dankesworte Eurer ehrfürchtigen Gefolgschaft, die Euch voller Liebe und Hingabe dienen durften.” Die Arme des Dieners entkegelten sich, streckten sich zum Unmaß, wiesen auf die Tür am Ende des weiten Schlafgemachs und öffneten sie. Wie an Fäden gezogen, wurde eine Reihe Menschen vom Diener hereingeführt und vor dem brechenden Auge des Fürsten ausgebreitet. Der Sterbende erkannte niemanden mehr, er sah nur eine Wand von Leibern, eine bunte, sich verbeugende Wand. Keine Veränderung seiner Gesichtszüge konnte seinen Dank noch ausdrücken, wie nach innen gewandt starrte er durch den Farbenfluss vor seinen Augen auf eine immer unbekannter wirkende Welt.

“Da sind jene, die einst das Wasser von den edelsten Gewässern der ganzen Erde in Eimern ins Gebirge trugen und dort ausschütteten, damit Ihr Euch bei der Jagd mit der kühlenden Nässe eines Bachs erfrischen konntet.” Die Augen des Fürsten weiteten sich, er stöhnte auf und wand sich, langsam erstarrend, wie ein morscher Baum im anwachsenden Herbstwind. Die Leichtigkeit fiel an ihm herab wie einzelne, welke Blätter, und immer mehr beengt von einer unbestimmbar drückenden Last klammerte er sich an sein letztes Erdengespräch. Es erinnerte ihn an die Vorstellung einer Schaustellertruppe, wie der Diener behände die einen aus dem Zimmer bugsierte und mit beneidenswerter Eleganz die nächsten fast malerisch vor das Angesicht des Fürsten brachte.

“Vor Euch, o gerechter Herrscher, verneigen sich nun diejenigen, welche die Euch genehme Uhrzeit errieten und ihre Knechte in alle Teile des Landes schickten, um die Zeitmesser danach auszurichten.” Des Fürsten Augen tränten emotionslos, die Gestalten zerflossen weiter, er fühlte sich erschauern und bot seinen Rest an Stärke auf, um dem Sog stand zu halten, der ihn aus dem Leben reißen wollte. Es war, als stünde er im Inneren seiner Burg und müsste das bleierne Fallgitter beim Tor mit allen Kräften offen halten, um den Diener jenseits des Burggrabens noch sehen zu können. Beide Arme stemmte er gleichsam gegen das Gewicht seiner Lider, das seine Füße in den Boden trieb. Sein Ächzen begleitete jeden Atemzug, wie auch das wallende Auf und Ab seines Brustkorbs, mehr Energie auspressend als schöpfend.

“Nun danken Euch in Ehrfurcht all jene, die sich Geschichten ausdachten, welche man Euch erzählen konnte, und jene, die sämtliche Konversationspartner auf die richtigen Themen vorbereiteten. Und daneben alle, die Euren Tagesablauf planten und alle scheinbaren Zufälligkeiten einberechnet haben.” Der Diener führte eine Unzahl an Menschen herein, vielmehr leitete er sie durch das Schlafgemach hindurch. Dem Fürsten schien es, als ob sie über seinen Leib stiegen, manche fielen darüber und blieben als Last auf ihm, bis der getreue Untertan sie flugs wegzerrte. Wie aus Geisterwelten tauchten sie auf und entschwanden mit ihren Niemandsgesichtern, zurück in unbekannte Versenkungen, Menschen wie Götter, mit Schicksalsfäden zwischen den Fingern, vernetzt mit dem Fürsten, eine Marionette für das Spiel vor sich selbst, dem einzigen Zuschauer einer vergänglichen Vorführung, nun dem letzten Vorhang nahe, wo der Schauspieler sein Spielen erkennt, da sich neben ihm alle Helfer und Helfershelfer mitverbeugen, verneigen bis in die Tiefen der Entkräftung, Aushauchen des letzten Dankes...

“Ich höre tief ergebendst, mein Fürst”, hauchte der Diener, “vergebens” echote es im Gehirn des Kämpfenden, die Augen nun geschlossen, der seinen Untertan vor sich kniend erriet. Der Moment war gekommen. Der Fürst erkannte es und ließ ab von seiner Umklammerung des Lebens. Die Gewissheit, dass es bald überstanden war, ließ ihn nun doch noch ein letztes Mal erstarken und er konnte, wenn er nicht darüber nachdachte, flüstern: “Quält mich nicht weiter.” Wurde er verstanden oder nicht? Der Diener kam näher, hielt sein Ohr dicht an die Lippen seines Herrn, um kein Wort sinnlos zerstäuben zu lassen in der todgeschwängerten Luft. “Ich habe - niemals gewusst - dass man - meinetwegen hat - Berge abgetragen - Lügen erzählt - Hähne krähen lassen - Wieso - alles - nicht - gewusst - bemerkt”.

Der Fürst stöhnte und entschwand, sein Griff lockerte sich, während der Diener ihm Antwort gab, er fiel zurück, rücklings in daunenweiche Atmosphären, und das eindringende Wohlbehagen befand sich im Widerstreit mit den pfeilspitzen Worten des Dieners, die seine Seele trafen und sein ganzes Leben rückblickend in ein sinnentleertes Nichts zogen.

“Mein Fürst! Ihr habt Eurem Stande gemäß leben können. Das war die Aufgabe, die Euch mit auf den Weg gegeben worden ist. Davon durftet ihr nichts wissen. Niemals solltet Ihr Euch schuldig gefühlt haben, dass andere für Euch sorgen mussten, das Paradies war Euch zugedacht. Denn wenn wir es alle nicht erreichen können, dann soll zumindest einer aus unserer Mitte einem Gott gleich aus den Tiefen des Glücks schöpfen können. So glücklich wie ihr hat sich niemand aus unserer Mitte je fühlen können.”

Der leblose Körper des Fürsten zeigte nichts davon, wie er lachte, wie er „Ihr Idioten“ brüllte, wie sich die Silben von „sinnlos“ und „aber“ überschnitten, wie seine Worte „ihr Glücklichen habt gewusst, wofür ihr lebt“ von der bedächtigen Stille wie mit Deckweiß übermalt wurden...
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Der Ohrenschützer

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Zefira
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hui!

Lieber Ohrenschützer,

da fallen mir ja fast die Ohren ab...

... und spontan zwei Dinge ein: hast Du je "Gormenghast" von Mervyn Peake gelesen? Deine Sprache erinnert mich sehr an ihn. Und zweitens: Du lieferst da ein sehr interessantes Gegenstück zum Sündenbock-Topos - der Glücksbock-Topos. Originelle Idee!

Mir gefällt diese Geschichte sehr; ich habe ein paar Verbesserungsvorschläge für einzelne Formulierungen, aber insgesamt ist dieser Beitrag für mich ein echtes Highlight. Besonders die Schilderung des Gebärden-Wechselspiels beherrschst Du souverän, da kommt ein Schmankerl nach dem anderen. Bitte mehr davon!

Zu den Einzelheiten:

Als die letzte Stunde seines Lebens gekommen war, ließ der kinderlose und vereinsamte Fürst seinen treuen, mit ihm gealterten Diener rufen, um ihm zu danken und ihm seinen letzten Willen mitzuteilen. Er fühlte, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, fand aber inmitten seiner erdrückend werdenden Schmerzen nicht die rechten Worte. So nahm er die Hand des knienden Dieners und drückte sie mit seinen ermattenden Kräften, sah ihm in die Augen und erkannte betroffen dessen Lebensenergie, die unermeßlich groß schien gegenüber der seinen. “Bete Er für mich”, flüsterte der Fürst und versuchte, es nicht kläglich klingen zu lassen. Der Diener nickte ernst und verneigte sich nochmals ehrfürchtig vor seinem Herrn.

Die Augen des Fürsten spielten ihm bereits Streiche, bunte Farben durchflossen diabolisch das bleiche Gesicht des Dieners. Der Fürst musste die schweren Lider, die ihm nach unten sinken wollten, angestrengt offen halten. Jedoch die Trägheit seines Körpers und die verlängerte Aufnahmezeit widersprachen seinem noch immer recht klaren Geist, der sich mühte, die bei ihm eintreffenden Bilder richtig zu stellen, um seinen Verfall nicht allzu offen zu legen. Das ist ein bißchen wirr; wenn der Geist noch recht klar ist, warum will er dann seinen Verfall verschleiern? Ich glaube zu verstehen was Du meinst, aber vielleicht wäre es besser, einfach zu sagen, daß sich seine Sinne trüben und er Mühe hat, die Eindrücke zu ordnen. Die Zeit verstrich. Der Fürst blinzelte durch seinen Farbenschleier dem Diener entgegen und schien ihm langsam zu entschwinden.

“Vergebt mir, o Herr”, hörte der Fürst eine Stimme, die wie durch eine riesige Kathedrale hallte, “ich bitte untertänigst um die Gnade, als Euer gehorsamer Diener Euch für Eure grenzenlose Güte zu danken.” Es war die Stimme des Dieners, tatsächlich, er hatte gesprochen. Wie ungläubig, in Wirklichkeit aber alles beschwerlich einsammeln müssend, wandte sich der Fürst mit geöffnetem Munde seinem Untertan zu. Der Diener senkte den Blick und ergraute, als spiegle sich sein Gebieter in ihm, und wilde Striche und Zeichen tanzten um seine Stirn, die trotz aller Anstrengung nicht zu entziffern waren. Das ist jetzt sehr sprechend und bildhaft. Super!

“In Gottes Namen, hoher Herrscher, erhört nun die bescheidenen Dankesworte Eurer ehrfürchtigen Gefolgschaft, die Euch voller Liebe und Hingabe dienen durften.” Die Arme des Dieners entkegelten sich, streckten sich zum Unmaß, wiesen auf die Tür am Ende des weiten Schlafgemachs und öffneten sie. Wie an Fäden gezogen, wurde eine Reihe Menschen vom Diener hereingeführt und vor dem brechenden Auge des Fürsten ausgebreitet. Immer besser!! Der Sterbende erkannte niemanden mehr, er sah nur eine Wand von Leibern, eine bunte, sich verbeugende Wand. Keine Veränderung seiner Gesichtszüge konnte seinen Dank noch ausdrücken, wie nach innen gewandt starrte er durch den Farbenfluss vor seinen Augen auf eine immer unbekannter wirkende Welt.

“Da sind jene, die einst das Wasser von den edelsten Gewässern der ganzen Erde in Eimern ins Gebirge trugen und dort ausschütteten, damit Ihr Euch an Eurem Jagdtag mit der kühlenden Nässe eines Bachs ergötzen konntet.” „bei der Jagd“ und „erfrischen“ fände ich besser. Die Augen des Fürsten weiteten sich, er stöhnte auf und wand sich, langsam erstarrend, wie ein morscher Baum im anwachsenden Herbstwind. Die Leichtigkeit fiel an ihm herab wie einzelne, welke Blätter, und immer mehr beengt von einer unbestimmbar drückenden Last klammerte er sich an sein letztes Erdengespräch. Es erinnerte ihn an die Vorstellung eine Schaustellertruppe, wie der Diener behände die einen aus dem Zimmer bugsierte und mit beneidenswerter Eleganz die nächsten fast malerisch vor sein Angesicht brachte.
Ich lasse ein paar sehr gelungene Absätze aus...

Der Fürst stöhnte und entschwand, sein Griff lockerte sich, während der Diener ihm Antwort gab, er fiel zurück, rücklings in daunenweiche Atmosphären, und das eindringende Wohlbehagen konkurrierte finde ich zu technisch – vielleicht besser „wurde gestört durch die pfeilspitzen Worte“...? mit den pfeilspitzen Worten des Dieners, die seine Seele trafen und sein ganzes Leben rückblickend in ein sinnentleertes Nichts zogen.

“Mein Fürst! Ihr habt Eurem Stande gemäß leben können. Das war die Aufgabe, die Euch mit auf den Weg gegeben worden ist. Davon durftet ihr nichts wissen. Niemals solltet Ihr Euch schuldig gefühlt haben, dass andere für Euch sorgen mussten, das Paradies war Euch zugedacht. Denn wenn wir es alle nicht erreichen können, dann soll zumindest einer aus unserer Mitte eines Gottes gleich aus den Tiefen des Glücks schöpfen können. So glücklich wie ihr hat sich niemand aus unserer Mitte je fühlen können.”

Der leblose Körper des Fürsten zeigte nichts davon, wie er lachte, wie er „Ihr Idioten“ brüllte, wie sich die Silben von „sinnlos“ und „aber“ überschnitten, wie seine Worte „ihr Glücklichen habt gewusst, wofür ihr lebt“ von der bedächtigen Stille wie mit Deckweiß übermalt wurden...

*genießerisch seufz*
Zefira


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Ohrenschützer
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Gegen-hui

Hallo Zefira!

Als erstes muss ich anbringen, dass ich mich über die konstruktivste Kritik, die mir im iNetz jemals untergekommen ist, sehr gefreut habe. Vielen Dank für die nähere Auseinandersetzung. Jeder angesprochene Punkt ist näherer Betrachtung wert.

Ich bin nicht ganz unbeschlagen in Literatur, Mervyn Peake sticht jedoch in meiner Gedächtniskartei nicht hervor – aber schon aus Neugier werde ich mich mal einlesen.

„ihm seinen letzten Willen mitzuteilen“ statt „übertragen“: Grundsätzlich habe ich eine alt wirkende, erhabene Sprache gewählt, um eine mittelalterliche Stimmung auszudrücken. Dass der Fürst seinem Diener den letzten Willen nicht nur mitteilt, sondern ihn ihm überträgt (im Sinne einer hohen Verantwortung und moralischen Verpflichtung, ihn auszuführen), unterstreicht meinem Empfinden nach auch die erhöhte Position des Fürsten. Eine Kompromisslösung wäre vielleicht „ihn mit der Umsetzung seines letzten Willens zu betrauen.“

„dass ihm nur noch wenig Zeit blieb“ statt „gegeben war“: Der Unterschied der beiden Formulierungen liegt meiner Meinung nach in der Andeutung, dass es auch über dem ach so wohlgeborenen Fürsten eine höhere Instanz gibt, die seine irdische Macht relativiert; und auch im bewusst künstlicheren Stil. Möchte ich nach einiger Überlegung so belassen.

Passage mit „Lebensenergie“: Bin mit der Korrektur durchaus einverstanden, da der Sinn unangetastet bleibt und die Verständlichkeit erhöht wird, Übrigens ein für mich typischer Lapsus, es mit den Verschachtelungen zu weit zu treiben, um zu viele Nebensätze zu vermeiden (Regen und Traufe).

„Der Fürst musste die schweren Lider, die ihm nach unten sinken wollten, angestrengt offen halten. Jedoch die Trägheit seines Körpers und die verlängerte Aufnahmezeit widersprachen seinem noch immer recht klaren Geist, der sich mühte, die bei ihm eintreffenden Bilder richtig zu stellen, um seinen Verfall nicht allzu offen zu legen.“ Das ist ein bißchen wirr; wenn der Geist noch recht klar ist, warum will er dann seinen Verfall verschleiern? Ich glaube zu verstehen was Du meinst, aber vielleicht wäre es besser, einfach zu sagen, daß sich seine Sinne trüben und er Mühe hat, die Eindrücke zu ordnen.

Interessant, dass es bei der kurzen Passage „um einen Verfall nicht offen zu legen“ Verständnisprobleme gibt. Meine Vision war die folgende: Des Kern des Fürsten Persönlichkeit steckt in einem dicken Mantel seiner Sinnesorgane. Optisch ausgedrückt, bricht sich das Licht nicht mehr klar durch diesen Mantel, sondern wird verfälscht, der Mantel wird milchig, verschmutzt und blind – er verfällt. Diese Trennung zwischen Kern und Mantel ist natürlich für einen Außenstehenden nicht sichtbar, er erkennt nur, dass die Eindrücke von außen nicht mehr richtig ankommen. Der Fürst versucht also, die Schwächung seiner Organe durch seinen immer noch klaren Geist und einen starken Willen zu kompensieren, um selbst im Tod noch seinem Status gerecht zu bleiben und seinem Diener nicht als sabbernder Halbkretin in Erinnerung zu bleiben (krass ausgedrückt). Warum des Fürsten Geist sich müht, liegt also – kurz gesagt – an seinem Stolz und seinem Glauben an ein hehres Menschentum (oder zumindest ein hehres Fürstentum). Wie man diese Aussage verständlicher und trotzdem nicht zu lang formulieren könnte, ist mir unklar, werde es mir noch überlegen.

Zur Stelle „damit Ihr Euch an Eurem Jagdtag mit der kühlenden Nässe eines Bachs ergötzen konntet.” -- „bei der Jagd“ und „erfrischen“ fände ich besser.
Gegen die Formulierung „Jagd“ ist nichts einzuwenden, ich wollte mit „Jagdtag“ ein wenig den vorgeplanten und strikt einzuhaltenden Lebensablauf des Fürsten darstellen, der die logistische Meisterleistung der Dienerschaft überhaupt erst ermöglicht. Auch „erfrischen“ ist wahrscheinlich das treffendere Wort als „ergötzen“ (obwohl es so schön altertümelnd ist).

„Der Fürst stöhnte und entschwand, sein Griff lockerte sich, während der Diener ihm Antwort gab, er fiel zurück, rücklings in daunenweiche Atmosphären, und das eindringende Wohlbehagen konkurrierte -- finde ich zu technisch – vielleicht besser „wurde gestört durch die pfeilspitzen Worte“...? -- mit den pfeilspitzen Worten des Dieners, die seine Seele trafen und sein ganzes Leben rückblickend in ein sinnentleertes Nichts zogen.“
Ich habe auch schon nach einem weniger modernen Wort gesucht, aber keines gefunden, das ebenso präzise ausdrückt, was ich mitteilen will. An „gestört“ gefällt mir nicht, dass der Eindruck entsteht, das Wohlbehagen sei schon da (außerdem berechtigt und als gut bewertet) und würde von den Worten verletzt. Ich dachte an „befand sich im Wettstreit mit“, aber das klang mir zu spielerisch. Meine Vision war der Kampf zweier gleichberechtigter Mächte: breit gegen schmal, spitz gegen stumpf, aktiv gegen passiv, außen gegen innen. Nichts davon hat ein Vorrecht oder ist „besser“ als das andere. Möglicherweise ist die Formulierung „befand sich im Kampf mit“ noch die passendste, auch wenn sie mir fast zu allgemein und flach erscheint.

„Eurem Stande“ – Natürlich, selbstverständlich! Manchmal geht mein missionarischer Eifer, den Genitiv zu retten, mit mir durch.

Es ist das höchste Lob, wenn jemand nicht nur den Sinn einer Erzählung versteht (aus „Glücksbock“ wird bei mir lediglich „Glückskind“) und sie für gut befindet, sondern sich noch ausführlich kritisch damit beschäftigt. Ein großes Danke für die investierte Zeit, vielleicht fühle ich mich auch einmal imstande, eines deiner Werke ähnlich zu analysieren. Und sollten dir einmal aufgrund negativer Ursachen die Ohren abzufallen drohen, wende dich vertrauensvoll an mich...

Ganz herzliche Grüße
__________________
Der Ohrenschützer

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Zefira
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Lieber Ohrenschützer,
noch sind die Ohren dran

Jetzt habe ich mir extra das Synonymlexikon beigeholt, um nach Alternativen zuu "übertragen" zu fahnden. Was mich an diesem Wort stört, ist, daß es so klingt, als solle der letzte Wille des Fürsten dann der letzte Wille des Dieners werden -compris? Wie wäre es mit "kundzutun, kundzugeben, bekunden, ankündigen" (alles mit -kund klingt ein wenig altmodisch) oder "zu eröffnen"?

Die Passage mit dem "Verfall" hat, wie sie jetzt formuliert ist, den Fehler, daß sie einen Verfall des Geistes impliziert: "... seinem noch immer recht klaren Geist, ...um seinen Verfall nicht allzu offen zu legen", wobei sich Verfall ganz klar auf Geist bezieht. Dein Anliegen ist es aber, wenn ich Dich recht verstehe, daß der Geist ganz klar ist, die Sinneseindrücke aber beeinträchtigt und der Körper schwach; es sind also die Organe, die verfallen sind. Das müßtest Du klarstellen.

"konkurrierte" - ja, "lag im Kampf mit" ist vergleichsweise farblos, wie wäre es mit "lag im Widerstreit" oder "rang um die Oberhand mit den pfeilspitzen Worten etc." ? Nur so als Ideen....

Ich finde es großartig, wie Du dir um jeden Ausdruck Gedanken machst. Sehr oft lese ich hier Texte, von denen der Autor selbst sagt "das habe ich eben mal so hingeschrieben"; nichts dagegen zu sagen, aber oft sind die Texte dann auch danach... Ich werde mal versuchen, noch ein paar Leute hier vorbeizuschicken.

Liebe Grüße,
Zefira

ps. noch zu Mervyn Peake: im Literaturcafe habe ich seine Romantrilogie "Gormenghast" einmal vorgestellt,
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Ohrenschützer
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Klarheit tritt ein

Liebe Zefira,

Dass die Ohren noch dran sind, liegt wahrscheinlich daran, dass du damit nicht liest!

ad „übertragen“: J’ai compris, jetzt erst vollständig, meine Ambition wird größer, die Formulierung zu ändern. „Eröffnen“ ist nicht schlecht. Wird genommen.

ad „Verfall“: Aber auch hier verstehe ich nun vollkommen, wo das Kommunikationsproblem liegt. Habe, glaube ich, eine akzeptable Lösung gefunden.

ad „konkurrierte“: „Widerstreit“ ist ein ausgezeichneter Ausdruck - Sofort akzeptiert!

ad „großartig“ Ich meinerseits finde es großartig, wie du dich für fremde Texte engagierst! Was meine Formulierungen betrifft, ist das wahrscheinlich überhaupt der Mitgrund, warum ich schreibe. Die unterschiedlichen Mittel der Kommunikation ausloten, zu sehen, welch amorpher Sinn oft von einem Gehirn in ein klobiges Wort gepackt wird, um von einem anderen Gehirn in ähnlicher Form vielleicht wieder ausgepackt wird – das macht Literatur und Sprache erst richtig interessant für mich. Ich stoße erst in nachträglicher Analyse darauf, aus welchen Gründen genau ich einen bestimmten Ausdruck gewählt habe, beim Schreiben selbst findet das meiste aus dem Gefühl oder der „Vision“ heraus statt.

Ganz herzliches Dankeschön für die allgemeine und spezielle Unterstützung! Dass gewisse Autoren ihre Autor-ität bezüglich ihrer Formulierungen nicht durch sachliche Gründe untermauern können, ist mir auch eher schleierhaft und erweckt den Eindruck von Ungenauigkeit und Gedankenlosigkeit. Jedenfalls kann dann keine handwerkliche Verbesserung passieren, und mir persönlich ist das schon recht wichtig.

Deinen Link zu Mervyn Peake hab ich mir notiert – bin schon gespannt! Ein schönes Wochenende und liebe Grüße
__________________
Der Ohrenschützer

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Rainer
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hallo ohrenschützer,

was soll ich dazu noch sagen?
ich habe deine ausgezeichnete geschichte schon kurz nach ihrem erscheinen gelesen, auch standen damals schon zefiras kommentare darunter; allerdings habe ich wohl in der aufregung des gefechts vergessen zu bewerten.
ich selbst bin meist zu oberflächlich um mit jedem wort zu ringen, aber genau das macht wohl die "meister" aus: das ringen, der kampf um jedes wort, das abwägen aller möglichkeiten, das hinterherspüren jeder bedeutung. wobei ich damit nicht sagen will, dass man so immer die ideale lösung selbst findet, sondern ich glaube, dass dafür die hilfe anderer nötig ist (die man natürlich sich selbst zurücknehmend auch annehmen können wollen muß - aber da sehe ich kein problem bei dir).
deine hier verwendete sprache gefällt mir ausgezeichnet, wohl auch deswegen, da ich selbst die sprachliche hochliteratur des ausgehenden 19. / beginnenden 20. jahrhunderts sehr schätze. oft denke ich da: hier ist jedes wort wohlüberlegt, nichts zufälliges, aber manchmal, wie bei dir, trotzdem flüssig zu lesen ohne symbolüberfrachtet zu sein.

so, jetzt hast du mich neugierig gemacht; ich suche mir mal ein paar andere werke von dir.


grüße

rainer

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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Ohrenschützer
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Hallo Rainer!

Wow - hab ich da einen Fan gewonnen? Vielen Dank für das überschwängliche Lob, das sich sogar in deinen Nebensätzen findet. Dann werd ich mir mal auch einen Text von dir zur Brust nehmen . Bis jetzt hab ich dich von früher nur mit kompetenten Kommentaren in Erinnerung.

Was das Ringen um jedes Wort betrifft, so hab ich auch die Vermutung, dass Qualität nur daraus entstehen kann. Nichts gegen die spontane Eingebung, ohne die geht gar nichts. Aber die Texte, mit denen ich am meisten zufrieden bin, sind die über zehn Mal überarbeiteten.

Liebe Grüße
__________________
Der Ohrenschützer

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