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Leselupe.de > Erzählungen
Der Türsteher
Eingestellt am 13. 10. 2003 19:11


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gorenalb
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2003

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Das Terrassen Cafe – August 1980

Es war Samstagabend und ich stand wie gewöhnlich auf der oberen Terrasse vor dem Eingang zum Tanzcafe und wartete geduldig auf die ersten Gäste. Dieter, unser Kellner stand zwei Schritte hinter mir und blickte interessiert über die belebte Terrassenstrasse, wo eine lange Reihe von Autos vor dem Cafe parkte. Es war zehn nach Sieben, die Nacht war noch jung. Die gläserne Doppeltür, die in das Innere des Cafes führte, war weit geöffnet und leichte, angenehme Tanzmusik drang nach draußen und vermischte sich mit dem nicht allzu lauten Straßenlärm.
Noch war es hell, und dank der dieses Jahr zum ersten Mal eingeführten Sommerzeit würde es noch mindestens bis Zehn Uhr hell bleiben. Es war ein ausßergewöhnlich heißer Sommertag gewesen und auch jetzt noch waren es bestimmt nicht weniger als 25 ºC im Schatten.
Am blauen Himmel war, wie schon in den letzten Tagen, keine einzige Wolke zu sehen.
Mein Job bestand hauptsächlich darin, an der Eingangstür zu stehen, und nur diejenigen Leute hereinzulassen, die einen anständigen Eindruck machten. Also keine Betrunkenen, keine Asozialen und vor allem auch keine Ausländer. Natürlich gab es auch Ausnahmen. Ich war übrigens eine von diesen Ausnahmen, denn ich war ironischerweise kein Deutscher.
Aber ich durfte mich zu den „Eingeborenen“ zählen, denn ich lebte seit meinem vierten Lebensjahr in Deutschland.
Das also war im Großen und Ganzen meine Arbeit, vier bis fünf Mal in der Woche,
von sieben Uhr abends bis eins, halb zwei Nachts. Zugegeben, es war ein nicht allzu kreativer Job, aber er brachte mir immerhin pro Abend 70 deutsche Märker ein. Und da ich Student war, war das sozusagen ein Traumjob für mich.
Auch Dieter war Student. Er studierte Medizin in Gießen. Er war schlank und hochgewachsen, hatte
blaßblaue Augen und dunkelblondes gelocktes Haar. Sein Gesicht zierte ein gepflegter Robin Hood Schnurrbart.
Kurzum, ein gutaussehender und intelligenter junger Mann, auf den die Frauen nur so flogen.
Neben Dieter und mir, arbeiteten im Cafe außerdem noch Frau Scherer, eine alternde und verbitterte Kellnerin, die als Einzige fest angestellt war, und Manuela, eine fröhliche und junge Studentin, die zusammen mit der Chefin hinter der Bartheke bediente. Die territorialen Grenzen waren klar abgesteckt. Dieter war für den rechten Flügel und die beiden Eingangstische zuständig, und Frau Scherer für den linken, größeren Flügel und den kleinen Raum im hinteren Teil des Cafes.
Zwischen dem Eingang und der langen Bartheke ,die ohne Zweifel die Hauptattraktion des Cafes darstellte, befand sich eine kleine mit Parkett ausgelegte Tanzfläche, und an deren Stirnseite die kleine Bandnische.
Zweimal im Monat zwängte sich eine Dreimann-Band in diese kleine Nische um den Gästen heiße Live-Tanzmusik vorzuspielen.

Das Cafe befand sich im Herzen der Badestadt, direkt gegenüber dem großen Kurpark.
Oberhalb des prachtvollen Kurparks, nur einen Steinwurf vom Cafe entfernt, stand majestätisch und elegant,
das im achtzehnten Jahrhundert errichtete Kurhaus, das in den Gründerjahren, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Spielkasino beherbergte. Heute diente es hauptsächlich als Konzert- und Theatersaaal.
Nur wenige Meter vom Cafe entfernt, stieg die Parkstraße hoch zum Johannesberg, der wie ein stummer Wächter über die Stadt Bad Nauheim wachte.
Die Parkstraße war die Haupteinkaufsstraße der Stadt. Boutiqen, Geschäfte, Eisdielen, Gaststätten und Pensionen reihten sich hier aneinander und wetteiferten um die Gunst bzw. Geldbörse der Besucher.
Das Terrassen Cafe selbst war im Untergeschoß eines fünfstöckigen Wohnhauses untergebracht, das um die Jahrhunderwende erbaut wurde. Es war ursprünglich ein Bürohaus, und für kurze Zeit, in den Kriegsjahren 39-45, beherbergte es sogar das Rathaus der Stadt. In diesem Haus, im zweiten Stock genauer gesagt, lebte ich mit meinen Eltern und meinen beiden Schwestern. Das Haus war alt und verkommen, die Wohnungen klein und unpraktisch aufgeteilt.
Der Besitzer investierte nur das Allernötigste, und die sechzehn Mietparteien im Haus ließen sich mit einer relativ niedrigen Miete, die sie zu entrichten hatten, ohne große Mühe ruhighalten. So war es dann auch kein Wunder, daß das Treppenhaus, der Keller, der Dachboden und der Hof, in den man nur durch das Haus gelangen konnte, einen ziemlich verwahrlosten Eindruck machten.
Nur die Fassade strahlte in frischem Weiß und täuschte so den vorbeispazierenden Beobachter.
Doch die zentrale Lage des Hauses mit Blick über den großen Kurpark machte so Manches wieder wett.
Der Aufstieg zum Cafe führte vom Bürgersteig hoch zur unteren Terrasse, und dann weiter zur oberen
Terrasse, von der man in das Innere des Cafes gelangte. Die obere Terrasse war überdacht und an den Seiten mit riesigen Glasscheiben versehen, um den Gästen Schutz vor Wind und Regen zu bieten.
Acht breite Treppenstufen trennten die untere Terrasse vom Bürgersteig, und zehn weitere die obere
Terrasse von der unteren. Ein gepflegtes Blumenbeet umrahmte den unteren Teil der Terrasse, und aus weißen, langen Blumenkästen, die auf den Terrassengeländern angebracht waren, ergoß sich im wahrsten Sinne des Wortes, ein Meer von Blumen in verschwenderischer Fülle und in den verschiedensten Formen und Farben.
Dieser wunderschöne Anblick war ein Postkartenfoto alle Male wert. Und so war es dann auch kein Wunder, daß sich viele Gäste am Fuße des Terrassen Cafes ablichten ließen.
Es gibt Bilder, die sich einem Menschen tief in sein Gedächtnis brennen. Dieses Bild mit dem Cafe und dem großen fünfstöckigen Haus, in dem ich meine glücklichen Kinder- und Jugendjahre verbracht hatte, war für mich eines davon.

Ich freute mich also, wie schon gesagt, des schönen Wetters, und begrüßte die ersten Gäste, die schwatzend und lachend die Treppe emporkamen, mit einer höflichen Verbeugung : “Guten Abend die Herrschaften !”
“Guten Abend !” antworteten mir die zwei Männer und Frauen, die ich sofort als Kurgäste erkannte, fast gleichzeitig.
Sie blieben unsicher neben mir stehen. “Ist das ein Tanz-Cafe ?”, fragte einer der beiden Männer.
Ich nickte. “Jawohl das ist ein Tanz-Cafe, aber nicht irgendein Tanz-Cafe, sondern das beste weit und breit.” Die beiden Frauen und Männer lachten amüsiert auf und betraten neugierig das Innere des Cafes.
“Es ist ja noch niemand da”, sagte eine der beiden Frauen.
„Sie sind die ersten“, antwortete ich, „daher können sie sich auch die besten Plätze aussuchen.
Und haben sie keine Angst, in einer Stunde wird es hier gerammelt voll sein.”
Nach kurzer Beratung beschlossen sie dazubleiben. Frau Scherer stand schon diensteifrig neben den Gästen und versuchte sie in ihr Gebiet zu lotsen, doch zu ihrer Enttäuschung entschlossen sie sich für den rechten Teil, für den der Dieter zuständig war. Während Dieter sich um die Gäste kümmerte und ihre Bestellungen entgegennahm, gesellte sich Frau Scherer zu mir und beobachtete skeptisch das Geschehen.
„Gut, daß ich sie los bin, die werden eh nur Bier und Wasser bestellen, wetten daß?”
Dieter eilte in die Küche und kam nach einer Weile grinsend mit zwei Flaschen Wein und vier Gläsern zurück.
Frau Scherer rümpfte die Nase und stolzierte beleidigt hinaus auf die Terrasse. Auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Frau Scherer sah in Dieter einen ungeliebten Konkurrenten, den sie bei jeder Gelegenheit auszustechen versuchte. Und dabei war ihr jedes Mittel recht.
So hatte sie sich die betuchtesten Stammkunden geangelt, und reservierte für sie jeden Samstagabend
einige zentralgelegene Tische. Solche Stammkunden, die nur teuren “Pommery” und “Remmy Martin” tranken, waren natürlich gern gesehene und wichtige Leute im Cafe. Hier wurde der Mensch noch nach dem Geldbeutel klassifiziert, und nicht etwa nach der Intelligenz oder sonst einem anderen überflüssigen Charakterwesen. Money talks, und so wurde aus dem dümmsten Aufschneider ein VIP, dem nicht nur die Frau Scherer, sondern auch die Chefin in den spendablen Hintern kroch.
Ganz zu schweigen von den weiblichen Gästen, die von soviel “Glanz und Gloria” total überwältigt waren und sich für ein paar kostenlose Getränke gern betatschen und knutschen ließen.
Natürlich war das eine bestimmte Sorte von Frauen, obwohl ich immer wieder eines Besseren belehrt wurde. Denn es gab auch echte Klassefrauen, die sich zu meiner Enttäuschung von so einem Dummreichen zum Schluß abschleppen ließen.
Aber diese Paschas waren natürlich eine wichtige Einnahmequelle für das Cafe, und so mußten wir alle eine gute Mine zu diesem falschen Spiel machen.
Außer diesen Machos gab es dann auch die durchschnittlich verdienenden Möchtegernkasanovas,
die wie Hyänen auf der Pirsch, nach ihren Opfern suchten. Hatten sie dann mit durchdringendem Kennerblick erst einmal so ein Opfer ausgemacht, pirschten sie sich vorsichtig heran und versuchten mit unsagbarer Geduld und Geschicklichkeit, die auf jahrelange Erfahrung zurückzuführen war, das Opfer, hier Frau, zu „erlegen”.
Sie investierten nicht mehr als nötig, vielleicht zwei oder höchsten drei Getränke.
Dann gab es noch die sogenannten “grauen Mäuse”, die unauffälligen Gäste, die die Mehrheit unserer Stammgäste bildeten.
Diese Männer gingen allen möglichen Berufen nach. Sie waren Angestellte, Vertreter, Handwerker, Lehrer, Rechtsanwälte, Verkäufer, und verdienten sich ihr Geld mit ehrlicher und harter Arbeit. Sie waren meistens entweder zu schüchtern oder zu verklemmt und es fehlte ihnen zumeist die Courage, die Frauen auch nur anzusprechen, geschweige denn anzumachen.
Trotzdem kamen sie immer wieder und hofften, daß sie irgendwann einmal vielleicht mit einer Frau am Arm das Cafe verlassen würden. Natürlich wollten nicht alle nur das Eine, viele von ihnen wollten einfach nur tanzen, ein paar Bier trinken und sich amüsieren.
Die letzte Gruppe unserer Besucher waren die Kurgäste, die als namenlose Randfiguren einen beachtlichen Teil zum alltäglichen Umsatz beisteuerten. Sie waren in der Stadt zur Kur und nutzten diese Gelegenheit um neue Bekanntschaften zu machen, und die „Draufgänger“ unter ihnen, gingen sogar noch ein bißchen weiter, manchmal zu weit. Es gab eine Menge Ehen, die nach so einer „Gesundheitskur” in die Brüche gingen.
Ihr größtes Problem war, daß sie bis spätestens zehn Uhr abends in ihren Sanatorien und Kliniken zurück sein mußten.

Ich begrüßte immer mehr Gäste, und auf ein Zeichen der Chefin hin, durfte ich nur noch Stammgäste
hereineinlassen. Dies bedeutete, daß der Laden gerammelt voll war. Stammgäste mußte man natürlich immer
hereinlassen.

Aus dem Cafe trat Herr Dremmel zu mir auf die Terrasse. Er war naßgeschwitzt, und sein Deodorant hatte schon seit einiger Zeit aufgehört zu wirken. „Was für eine Hitze”, brummte er. „Das hält doch kein Mensch aus.”
Herr Dremmel , ein netter und solider Mittfünfziger, arbeitete als Beamter bei den Stadtwerken. Er war seit mehreren jahren Witwer, und hatte bislang nicht das Glück gehabt eine passende Partnerin zu finden.
So kam er dann jedes Wochenende ins Cafe um sich ein bißchen zu amüsieren, und wer weiß,
vielleicht hatte er ja Glück, und er fand hier im Cafe die Frau die er suchte. „Was für eine Hitze“,
wiederholte er. „Mannomann was für eine Hitze.“ Ich merkte, daß ich nicht drumherumkam meine Anteilnahme zu bekunden. „Ja, ja es ist sehr heiß hier draußen.“ Er schaute mich böse an. „Nicht hier draußen, da drinnen ist es heiß!“ Ich verbesserte mich rasch. „Drinnen muß es ja wahnsinnig heiß sein, wenn es hier draußen schon so heiß ist.“ Herr Dremmel nickte zustimmend.

Kurz nach Sonnenuntergang erschien, schon leicht angetrunken, Herr Bock, der nette und immer gutgelaunte Chefkassierer der hießigen Postbank.
Herr Bock war einer der Wenigen, die nicht des Amüsements wegen in das Tanz-Cafe kamen.
Er liebte es, Samstagabends von einem Etablissement zum anderen zu tigern, um sich dann dort mit Freunden und Bekannten einen oder auch mehrere hinter die Binde zu kippen. Er tanzte nie und suchte auch keine Frauenbekanntschaften, jedenfalls nicht bei uns im Terrassen Cafe. Erst viel später erfuhr ich, daß seine Frau ihn zugunsten eines Anderen verlassen hatte. Über diese Trennung ist er anscheinend nie hinweggekommen, denn eines Tages fand man ihn tot in der Badewanne seiner Wohnung.
Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten.

Es war kurz nach elf Uhr, und eine weitere Gruppe von Kurgästen verließ lärmend das Lokal. Sie waren leicht beschwipst und bester Laune. Ich erkannte die beiden Paare wieder, die diesen Abend sozusagen eröffnet hatten. „Sie haben wirklich Recht gehabt. Das ist bei weitem das beste Tanzlokal in der Gegend. Aber jetzt müssen wir in die Heia.“ Mit diesen Worten brachen sie erneut in einen Lachkrampf aus.
Ich schaute ihnen amüsiert nach, wie sie laut lachend nach rechts in Richtung Stadtmitte schaukelten.
Die Luft war jetzt angenehm kühl, und ein leichter Wind rauschte monoton durch die Blätter der Bäume des gegenüberliegenden Kurparkes. Die fortgeschrittene Stunde trug ein übriges dazu bei, mich müde zu fühlen.
Ich erwachte aus meinen Gedanken und schaute auf meine Armbanduhr.Es war kurz vor Mitternacht.
Das Cafe war inzwischen so vollbesetzt, daß die Gäste an der Theke schon in drei Reihen standen.
Ganz zu schweigen von den Tischen, diese waren natürlich bis auf den letzten Stuhl besetzt.
Die Mehrzahl der Gäste, die sich üblicherweise an der Bar aufhielten, waren Stammgäste.
Die Tische dagegen wurden von Kurgästen und Paaren bevorzugt.
Wie ich schon erwähnte, mußten die Kurgäste schon um zehn Uhr abends zurück in den Kliniken sein, aber die meisten kümmerten sich nicht darum und nahmen eine Rüge gern in Kauf.
Auf der kleinen Tanzfläche waren so viele Paare zusammengepfercht, sodaß man glauben konnte daß es sich um eine Rettungsinsel handelte, auf die sich so viele Menschen wie möglich retten wollten. Es war ein riesiges Geschiebe und Gedränge. Und trotzdem, oder gerade deswegen waren die Leute in großartiger Laune, wiegten sich eng umschlungen, ob sie wollten oder nicht, zu der heißen Tanzmusik die aus den über ihren Köpfen angebrachten Lautsprechern tönte. Es war ein fröhliches Chaos, das sich von Minute zu Minute zu steigern schien.
Im Cafe hatte sich die Luft inzwischen so sehr erhitzt, daß die Chefin alle Fenster hatte aufmachen müssen. Eine gar nicht so einfache Angelegenheit, wenn man bedenkt, daß die Fensterbänke mit etlichen Blumentöpfen und Leuchtern zugestellt waren.
Natürlich hatte die Chefin die Fenster viel zu spät geöffnet, aus reinen Geschäftsgründen natürlich. Denn wenn es heiß ist, schwitzt man und wenn man schwitzt, verliert der Körper Flüssigkeit, und diese mußte man dann in Form von Bier oder einem anderen Getränk dem Körper wieder zuführen. Das natürlich kam dem Geschäft sehr zugute, denn je mehr die Gäste schwitzten umso mehr tranken sie, und umso größer war der Umsatz. Logisch, nicht ? Jedenfalls war die Chefin bestens gelaunt. Sie stand hinter der Bartheke und trank fröhlich mit den spendablen Gästen. Natürlich war sie schon mehr als nur leicht beschwipst.
Deswegen merkte sie es auch nicht, daß der Dieter es desöfteren „verschwitzte”, seine Bestellungen an der Getränkekasse einzugeben. Auf diese Art und Weise verdiente er sich vor allem an den Wochenenden ein dickes Zusatzgehalt. Natürlich ahnte die Chefin etwas, aber sie konnte ihn nie auf frischer Tat ertappen, dazu war der Dieter viel zu clever, er ging immer auf Nummer sicher. Ich dagegen befand mich in einer moralischen Zwickmühle; auf der einen Seite verband mich eine langjährige Freundschaft mit der Familie Wiesenberger, und auf der anderen Seite war der Dieter ein Arbeitskollege von mir, der sich mühsam sein Studium finanzieren mußte. Und so entschloß ich mich, der Chefin nichts zu erzählen.
Es war Mitternacht.
Auf dem Bürgersteig vor dem Cafe ging ein hochgewachsener älterer Mann auf und ab.
Er trug einen hellen eleganten Anzug, darunter ein schwarzes Hemd und auf dem Kopf einen großen
Strohhut, der sein Gesicht zum größten Teil verdeckte.
Schließlich schien er sich einen Ruck zu geben und stieg die Treppe zum Cafe empor.Er hatte die
Sechzig schon überschritten, wirkte aber etwas jünger. Er schien meine Anwesenheit gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. „Guten Abend der Herr”, begrüßte ich ihn freundlich. Er nickte nur kurz in meine Richtung und steuerte langsam in das Innere des Cafes.
Ich schätzte, daß ihm unser Tanzlokal mit seiner lauten Musik und der schon fast lasterhaften Ausgelassenheit nicht entsprechen würde.
Und ich sollte Recht behalten. Schon nach wenigen Minuten kam der alte Mann wieder auf die Terrasse zurück.
Sein Blick schien sich verhärtet zu haben. Grußlos stieg er die Treppe hinunter und verschwand
kurz darauf aus meinem Gesichtsfeld.


Eine Woche später, es war erneut Samstag, kam der alte Mann wieder. Es war wie schon letzten
Samstag kurz nach Mitternacht, als er in der weit geöffneten Türe des Cafes erschien.
Ich begrüßte ihn auch dieses Mal wieder mit einer freundlichen Verbeugung.
Er nickte mir erneut nur kurz zu und betrat das Cafe.

Dieses Mal verfolgte ich ihn neugierig mit meinen Augen. Er steuerte nach links um die Tanzfläche
herum und blieb dann abrupt hinter der linken Spiegelsäule stehen.
Er stand minutenlang reglos hinter der Säule und schaute dem hektischen Treiben an der Bartheke zu.
Nach einer Weile drehte er sich um und steuerte auf den Ausgang zu.
Er trat neben mich und blickte mich schweigend an. Ich konnte seinen Blick nicht mit hudertprozentiger
Sicherheit deuten. Es schien sich Enttäuschung und Trauer in seinem Gesicht wiederzuspiegeln.
Umständlich kramte er in seiner Jackentasche und holte ein kleines Foto heraus.
„Kennen sie diese Frau?”, fragte er mich. Ich betrachtete das Foto und tat so, als würde ich in meinem
Gedächtnis suchen müssen. Natürlich hatte ich die Frau auf dem Foto sofort erkannt. Es war Doris.
Ihren Nachnamen kannte ich allerdings nicht. Sie zählte seit einiger Zeit zu unseren Stammgästen, die samstagnachts, nachdem die letzten Kurgäste gegangen waren, unser Lokal aufzusuchen pflegten. Sie verließ das Cafe meistens in Begleitung eines Mannes. Und es war niemals derselbe Mann.
„Ich bin mir nicht sicher”, antwortete ich langsam,
“es kommen so viele Gäste hierher, ich kann mir unmöglich alle Gesichter merken.
Ist das ihre Tochter?”, fragte ich. „Nein” sagte er, „das ist meine Frau”.
Ich murmelte eine Entschuldigung, denn ich wollte ihn nicht beleidigen. Er winkte ab und schaute mir erneut in die Augen. „Ja, sie könnte wirklich meine Tochter sein, sie ist dreißig Jahre jünger als ich.
Sie sitzt hinten an der Bar, umgeben von Möchtegernkasanovas, die nur das eine wollen, nämlich mit ihr ins Bett zu steigen.”
Ich empfand zwar Mitleid mit dem alten Mann, aber ich wollte mich auf gar keinen Fall einmischen,
denn Diskretion war das oberste Gebot in unserem Tanzlokal.
Stumm steckte er das Foto wieder in die Jackentasche, drehte sich um und stieg die Treppe rasch hinunter.
Er kam nie wieder ins Cafe. Auch Doris, seine attraktive Frau, kam niemals wieder. Die Leute erzählten sich, daß ihr Mann gestorben sei, und sie umgezogen wäre, nach Süddeutschland zu ihrer Mutter.

In den beiden Jahren, in denen ich als Türsteher im Terrassen Cafe tätig war, hatte ich es gelernt, Menschen mehr oder weniger richtig einzuschätzen. Ich konnte dank dieser erworbenen Menschenkenntnis Aufschneider und Playboys, Zuhälter und Nutten, Geschäftsleute, Lehrer, Vertreter, Beamte und einfache Arbeiter meist auf den ersten Blick, spätestens aber nach einigen belanglosen Sätzen, erkennen.

Kurz vor Torschluß tauchte Günther Raab der „Abschlepper“ neben mir in der Tür auf.
Anscheinend hatte er in den anderen Tanzlokalen keinen Abschlepperfolg verbuchen können.
Seine häßlichen Froschaugen glänzten, und seine nach mehreren plastischen Operationen immer noch verunstaltete Nase glühte regelrecht wie eine rote Laterne. Man erzählte sich, daß ihm sein Rottweiler die Nase abgebissen hätte. Meiner Meinung nach war dies jedoch nicht der einzige Schaden mit dem er herumlief.
„Wie ist die Ware heute?” fragte er mich, „Hoffentlich nicht wieder so ein Schrott wie am letzten Samstag.” „Keine Ahnung, schauen sie doch selbst nach!” antwortete ich ihm leise, denn es war mir unangenehm auf so eine Frage überhaupt zu antworten.
Er schritt an mir vorbei und betrat das Cafe mit langsamen Schritten. Seine Augen suchten nach weiblichen Besuchern. Er erinnerte mich an einen Kojoten, der auf nächtliche Beutesuche war. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß es sich eventuell lohnen könnte einige Zeit in unserem Cafe zu verbringen, steuerte er zielbewußt auf die Bartheke zu und wurde dort von der Chefin mit einem geschäftlichen Küßchen begrüßt.
Ich konnte diesen schmierigen Typen nicht ausstehen, und jedes Mal wenn ich ihn sah wurde es mir regelrecht übel. Er gehörte zu derjenigen Sorte von Männern, die glaubten, daß sie jede Frau flachlegen konnten. Er rühmte sich, daß er schon mit mehr als 300 Frauen geschlafen hatte.
Das mit dem Schlafen konnte ich irgendwie glauben, denn er verließ unser Etablissement meistens stockbesoffen und dessen, wessen er sich so sehr rühmte, wahrscheinlich gar nicht mehr fähig. Aber man konnte ja nie wissen.
Günther war übrigens eine zeitlang Besitzer des Terrassen Cafes gewesen und hatte das Cafe dann an die Familie Wiesenberger, die heutigen Besitzer verkauft. Aber das war jetzt gut 10 -15 Jahre her.
Es war kurz vor zwei Uhr und die Chefin legte endlich meine Lieblingsplatte auf – Gute Nacht Freunde, es wird Zeit zum Schlafengehen. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette. Dieses Lied signalisierte
den verbliebenen Gästen, daß Feierabend war, und mir, daß ich in zwanzig Minuten in meinem Bett sein würde. Zufrieden sang ich mit. Das Lokal leerte sich jetzt zunehmend.
Nur an der Theke blieben noch ein halbes Dutzend hartnäckiger Gäste sitzen die, animiert durch die Chefin, ungestört weitertranken und sich lauthals unterhielten.
Frau Scherer und Dieter hatten schon längst die Aschenbecher eingesammelt und die Tische abgeräumt.
Jetzt warteten sie ungeduldig auf die allabendliche Abrechnung. Jeder von ihnen wußte schon wieviel er gebont hatte, und wieviel Trinkgeld er dementsprechend an diesem Abend gemacht hatte.
Endlich verließen auch die letzten Gäste das Lokal, unter ihnen der widerliche Günther.
Er hatte wieder einmal Erfolg gehabt. Eine dümmlich kichernde und ziemlich betrunkene Blondine hatte sich an seinem Arm eingehängt.
Sein Gesicht war rot vor Erregung. Seine Augenlider zitterten über den von Begehren verschleierten Augen. Ich sah wie er am ganzen Körper schwitzte. Der Schweiß saß in großen Perlen auf seiner Stirn und seinem Nasenersatz. Er wischte sich mit dem Handrücken über Stirn und Wange. Sein rechter Arm war fest um die Hüfte der Frau geschlungen. Mit hastigen Schritten zog er seine „Beute” die Treppe hinunter, in Richtung seines weißen Mercedes Coupe, und nur wenige Minuten später rauschte der Wagen am Terrassen Cafe vorbei.
Ich wunderte mich, daß sie es nicht gleich im Wagen getrieben hatten.


Ilse Werner

Am nächsten Abend, ich war gerade erst durch die Hintertür eingetreten, bat mich die Chefin in den Keller zu gehen und einige Flaschen Wein zu holen.
Ich versuchte alle möglichen Ausreden, doch es half nichts. Zum Schluß mußte ich mich ihrer Forderung beugen und in den Keller gehen. Ich mochte nicht in den Keller gehen. Schon als Kind hatte ich große Angst in den Keller hinunterzusteigen. Furchterregende Fantasien hatten sich in meinem Hirn eingenistet und begleiteten mich auch dieses Mal wieder auf dem Weg nach unten in die muffigen Kellergewölbe.
Ich öffnete mit dem Schlüssel die große Metalltür, die den Weinkeller vor ungebetenen Besuchern schützte.
Eine innere Stimme sagte mir das rechte Weinregal anzusteuern. Da ich mit der inneren Stimme keinen Streit beginnen wollte, tat ich wie sie mir befohlen.
Ohne es eigentlich zu wollen, schob ich zuerst die Schubkarre mit dem vertrockneten Zement zur Seite und dann das leere Weinregal von der Wand weg. Was war los mit mir, warum tat ich das nur?
Irgendetwas schien mich zu lenken.
Plötzlich kam ich ins Stolpern und stürze seitwärts gegen die ungetünchte Wand. Zu meiner Überraschung gab diese unter meinem Fliegengewicht nach und ich fand mich nur wenige Augenblicke später inmitten eines Haufens von Ziegelsteinen, Staub und Mörtel wieder. Ich fluchte lauthals vor mich hin.
Verdammt noch mal, wie konnte ich nur so tollpatschig sein. Ich versuchte vorsichtig wieder aufzustehen. Aus dem Kellerflur drang nur spärliches Licht in den Weinkeller, aber ich konnte deutlich die kleine Nische sehen, die ich unfreiwillig freigelegt hatte. Irgendetwas zwang mich diese Nische einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Langsam und mit einem mulmigen Gefühl im Magen, näherte ich mich dem dunklen Loch, das mich fast magisch anzog. Ich hielt den Atem an.
Mir war plötzlich kalt, aber nicht nur die feuchte Kälte im Keller ließ mich frösteln.
Meine Nackenhaare sträubten sich als ich eine Bewegung hinter der Öffnung auszumachen glaubte.
Träumte ich, oder stand da wirklich eine Frauengestalt vor mir? Ich versuchte mich zusammenzureißen.
Nur nicht durchdrehen, einfach cool bleiben. Doch die Erscheinung blieb. Es war keine Einbildung.
Ich konnte nur undeutlich ihre Umrisse erkennen, aber sie schien ein helles Faltenkleid zu tragen, das oben mit einem breiten Kragen versehen war.
Ihr Körper war von dumpfem grünlichen Licht umhüllt. Die Silhuette klärte sich allmählich und ich konnte nun deutlich ihr Gesicht erkennen. Es war ein recht hübsches Gesicht, mit hohen Wangenknochen und einem vollen Schmollmund. Die Augen konnte ich aus dieser Entfernung nicht erkennen. Ihr Alter war schwer zu erraten, sie mochte anfang oder mitte Dreißig sein.
Mein Gehirn signalisierte mir, daß hier etwas nicht stimmte und drängte mich so schnell wie möglich wegzurennen, doch irgendetwas hielt mich davon ab. Meine Beine waren wie angewurzelt, ich konnte mich nicht vom Fleck rühren. Mein Herz raste und mein wiedereingetretener Atem glich dem eines asthmakranken Rhenozeros.
Ich hatte alle Mühe, ruhig zu bleiben. War ich denn verrückt geworden, oder war das nur ein böser Albtraum, aus dem ich jeden Augenblick erwachen würde.
Was hatte die Frau dort zu suchen?
„Wer, wer, wer .... sind sie?“ stotterte ich, „Wie, wie, wie.... sind sie hier reingekommen?“
Ein verlegenes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und es schien eine kleine Ewigkeit
zu vergehen bevor sie mir leise antwortete.
„Es tut mir sehr leid, daß ich dich so erschreckt habe. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben,
ich tue dir nichts.“ Ihre Stimme klang melodisch und angenehm.
„Wer ich bin und wie ich hierhergekommen bin, will ich dir gerne erzählen.“
„Mein Name ist Ilse, Ilse Werner, und ich wurde am 19.8.1965, nachdem man mich vergewaltigte
und ermordete, hier hinter dieser Mauer eingemauert.“ Meine Gänsehaut meldete sich abrupt zurück.
„Ich weiß, daß das sehr fantastisch klingt, aber bitte glaube mir, es ist die Wahrheit.“
Ich räusperte mich leise. „Ja aber... wenn sie doch tot sind, wer oder was sind sie dann …?“
„Das ist schon schwieriger zu erklären, aber sagen wir der Einfachheit halber, daß ich ein Geist bin.“
„Ein Geist, der keine Ruhe findet ?“ fragte ich unsicher. „Ja, das könnte man so sagen.“
„Und wer hat sie umgebracht, und wieso ?“ fragte ich neugierig.
Traurig blickte sie mich an. „Der Mann heißt Günther Raabe, und er war damals der Besitzer des Terrassen Cafes.“ Sie fuhr fort: „In jener Freitagnacht bin ich in das Cafe gekommen, um mich ein bißchen zu amüsieren, ich wollte nur ein bißchen tanzen, weiter nichts.“
„Mein einziger Fehler war es, daß ich mich von diesem Günther zu einem Drink habe einladen lassen.
Ich weiß was du denkst, und du hast recht, ich hätte gar nicht erst in das Terrassen Cafe kommen sollen.“
Ich blickte erstaunt in ihre stechenden Augen, die in mir wie in einem offenen Buch zu lesen schienen.
„Nach dem ersten Drink kamen noch weitere, und zum Schluß war ich schon so beschwipst, daß
ich gar nicht merkte, daß wir ganz alleine im Lokal geblieben waren.
Günthers Plan hatte hervorragend geklappt, er hatte mich genau dort, wo er mich von Anfang an haben wollte.“
„Das paßt genau zu dem Bild, das ich mir von dem Kerl gemacht habe“, murmelte ich.
„Nachdem er es mit der sanften Tour nicht geschafft hatte, schlug er mich brutal zusammen,
und vergewaltigte mich hinter dem Barttresen.“

Sie stockte. „Nachdem er damit fertig war, und sein Gesicht ganz nahe an das meine kam, habe ich ihm so fest ich nur konnte in die Nase gebissen.“
„Da kommt die Narbe also her“, sagte ich und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
Die Frauenerscheinung nickte.
„Während er mit seiner blutenden Nase beschäftigt war, versuchte ich mich aufzurappeln und
zu fliehen. Doch er holte mich ein, riß mich zu Boden und…..“, sie stockte erneut für einen
Augenblick, „......und drehte mir im wahrsten Sinne des Wortes den Hals um.“
Ich schwieg betroffen und mußte mich anstrengen, meine Wut zu unterdrücken.
„Dieser Dreckskerl !“, entfuhr es mir trotzdem.
„Ich hatte bis zum Schluß gehofft, daß er mich nach der Vergewaltigung laufen lassen würde,
doch das war ein Irrtum.“ „Ein tödlicher Irrtum“, fügte ich hinzu.
Danach schwieg ich erneut. Und auch Ilse schwieg. Ich wollte etwas sagen, irgend etwas, mein Beileid ausdrücken oder etwas in dieser Richtung, doch ich brachte einfach keinen Laut über meine Lippen.
Dennoch brach ich als erster das Schweigen. „Das ist zwar schon fünfzehn Jahre her, aber der Gerechtigkeit muß dennoch Genüge getan werden. Die Frage ist nur, wie kann man den Mord beweisen?
Sie können ja wohl kaum als Zeugin im Gerichtssaal auftreten, oder?“
Ilse lächelte vielsagend. „Ich bin sicher, daß du einen Weg finden wirst. Ich vertraue dir, du bist ein guter Mensch. Und außerdem ist es kein Zufall, daß ich gerade dir erschienen bin.“
Ich spürte wie ich leicht errötete.
Plötzlich und ohne die geringste Vorwarnung, fing sich alles vor meinen Augen zu drehen.
Mir wurde schwindlig. Ich schwankte und nur mit Mühe konnte ich mich aufrecht halten.
Die Kreiselbewegungen vor meinen Augen wurden immer schneller und schneller.
Staub wirbelte auf als sich der Mörtel von der Decke löste. Die Wände knirschten, der Boden unter meinen Füßen zitterte, und der Weinkeller machte Anstalten als würde er jeden Augenblick über mir zusammenbrechen wollen.
Ich stolperte hinaus in den Gang und rannte wie von tausend Furien gehetzt die Kellertreppe nach oben.
Oben angekommen, stieß ich die Kellertür heftig ins Schloß. Mein Atem ging rasselnd.
Ich begann zu zweifeln, ob bei mir alles in Ordnung war.

Natürlich erzählte ich niemandem von meiner Begegnung mit Ilse. Nicht einmal meinen Schwestern.
Ich wäre wahrscheinlich für verrückt erklärt worden. Und so entschied ich mich, den Fall vorerst alleine weiter zu verfolgen.
Am nächsten Morgen suchte ich die Geschäftstelle der Wetterauer Zeitung auf und bat um Einblick in die Zeitungsausgaben nach dem 19.8.1965.
Ich wurde zu einem Mikrofilmleser mit Bildschirm geführt und begann die lokalen Nachrichten im Zeitungsarchiv zu durchstöbern. Und tatsächlich, zwei Wochen nach dem angeblichen Mord, am 3.9.1965, wurde eine junge Frau, die auf den Namen Ilse Werner hörte, als vermißt gemeldet. Ich erkannte sie auf dem Bild sofort wieder. Es war zweifellos die Frau, die ich im Keller gesehen hatte.
Die Polizei bat die Bevölkerung um Mithilfe und um Hinweise die zum Auffinden der Frau führen konnten. Ich suchte weiter und fand einen Monat später einen weiteren Artikel über die verschwundene Ilse Werner.
Nach damaligen polizeilichen Ermittlungen, die von einem Kommissar namens Meißner geleitet wurden, hatte man Ilse Werner zum letzten Male im „Terrassen Cafe“ gesehen, bevor sie spurlos verschwand.
Günther Raab, der damalige Lokalbesitzer konnte sich, dem Zeitungsartikel zufolge, angeblich nicht an die Frau erinnern, obwohl Zeugen ausgesagt hatten, daß er sich an dem fragwürdigen Abend sehr intensiv um die junge Frau gekümmert hatte.
Doch die mysteriöse Affäre wurde niemals aufgeklärt, und Ilse Werner blieb verschwunden.
Mit den Fotokopien der beiden Artikel in der Tasche verließ ich den Zeitungsverlag.













Der Mord - 19.8.1965

Ich versuchte einzuschlafen. Unruhig wälzte ich mich in meinem Bett hin und her.
Zum Kuckuck, warum hatte das Schicksal gerade mich dazu erkoren, über diese Leiche zu stolpern.
Warum konnte es nicht einer meiner Nachbarn sein? Frau Fries zum Besipiel. Ganz Bad Nauheim hätte sie zusammengeschrien. Oder Herr Anton, der Mann mit dem steifen Bein. Oder Dieter.
Nein, je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, daß ich, ohne übertriebene Bescheidenheit, der richtige Mann für diesen außergwöhnlichen Auftrag war.
Doch was sollte ich tun ? Zur Polizei gehen ? Mitten in diese Überlegungen flimmerte es vor meinen Augen.
Mir wurde plötzlich heiß und kalt. Mein Schädel drohte zu zerplatzen. Irgend etwas griff nach mir und versuchte mich nach oben zu reißen. Dann spürte ich keinen Schmerz mehr. Ich spürte überhaupt nichts mehr. Ich fühlte mich emporgehoben und merkte wie ich meinen Körper verließ und ganz leicht und locker zur Decke schwebte. Ich blickte nach unten und konnte zu meinem Entsetzen meinen eigenen Körper sehen,
der ruhig in meinem Bett zu schlafen schien.
Panikartig wollte ich mich irgendwo festklammern, doch ich spürte weder Arme noch Beine. Es war als wäre ich ein körperloses, schwebendes Etwas. Den Kräften des Bösen wehrlos ausgesetzt.
Dann schwebte ich auch schon zum Fenster und war im nächsten Augenblick durch das geschlossene Fenster nach draußen gelangt. Unglaublich, ich bin einfach durch die Wand geschwebt und befand mich jetzt in Höhe des zweiten Stockwerks, etwa zehn Meter über dem mit Teerrollen ausgelegten Daches des Terrassen Cafes. Ich mußte unwillkürlich an Peter Pan denken.
Es war anscheinend noch früh am Abend, denn die Terrassenstraße war noch ziemlich belebt.
Auf den ersten Blick schien alles wie immer. Auf der unteren Terrasse saßen viele Kurgäste, grauhaarige Damen und Herren, und genossen den unverstellten Blick auf die Terrassenstraße und den dahinterliegenden Kurpark. Draußen hasteten mit Einkaufstüten beladene Passanten vorbei. Doch halt, hier stimmte etwas nicht. Die Autos parkten auf dem Bürgersteig, und das war schon seit einiger Zeit verboten. Auch schienen alle Autos ausnahmslos ältere Modelle zu sein. Ich begann allmählich zu verstehen, was es mit meinem nächtlichen Ausflug auf sich hatte.
Wie im Zeitraffer sah ich, wie sich die Gäste von ihren Plätzen erhoben und das Cafe verließen.
Immer mehr Gäste verließen die Tanzbar. Dann hörte ich wie die Eingangstür geschlossen wurde.
Die Lichter gingen aus.
Ich schwebte langsam in das Cafeinnere.
An der Theke saßen Ilse und Günther Raab. Sie waren alleine. Günther wirkte jünger und schlanker als ich ihn in Erinnerung hatte. Auch schien seine Nase noch heil und ohne Blessuren. Ilse trug ein hellblaues Faltenkleid mit breitem Kragen, das ihre Figur stark betonte. Sie sah sehr verführerisch aus mit ihrem Schmollmund und dem tiefen Ausschnitt, der jetzt noch ein wenig tiefer schien.
Elegant holte Günther eine Flasche Pommery Champagner aus einem der Kühlfächer unter dem Bartresen und begann den Drahtverschluss zu öffnen.
Ilse kicherte leise vor sich hin. Sie war zweifellos sehr beschwipst.
Günther ging um die Theke herum und setzte sich auf den Barhocker neben Ilse.
Dann zog er sie zu sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr.
„Nein, das kommt gar nicht in Frage, sagte sie empört.“ Ihr Lächeln war wie weggeblasen.
„Nein gibt es bei mir nicht“, zischte Günther und zog sie brutal an sich.
Die Champagnerflasche fiel von der Theke und der teuere Inhalt wurde gierig vom alten Teppichboden aufgesaugt.
Ilse versuchte sich zu wehren, doch ihre Kräfte reichten bei weitem nicht aus, diesem Kerl Widerstand zu leisten. Als sie anfing zu schreien, schlug ihr Günther seine rechte Faust brutal ins Gesicht.
Ihre Lippe platzte auf und auch ihre Nase fing zu bluten an.
Ich sah wie sie schmerzhaft ihr Gesicht verzog.
Doch die Angst, die sie bestimmt verspürte mußte wesentlich schlimmer sein als der körperliche Schmerz.
„Keinen Mucks, sonst werde ich noch ungemütlicher.“
Mit einem groben Ruck riß Günther ihr den oberen Teil des Kleides vom Leib.
Seine gierigen Augen schienen aus den Augenhöhlen zu treten als er ihre vollen Brüste sah,
die jetzt frei vor ihm baumelten.
„Bitte, bitte lassen sie mich doch gehen“, bettelte Ilse, und versuchte ihren bloßgelegten Busen mit den Händen zu verdecken. Doch Günther war schon zu sehr erregt, als daß er jetzt hätte aufhören können.
Wie ein wildes Tier sprang er die junge Frau an. Schmerzhaft spürte sie den Aufprall, als er sie auf den Boden warf.
Ilse schien wie versteinert. Anscheinend begriff sie erst jetzt, daß sie es hier mit einer gefährlichen und
unberechenbaren Bestie zu tun hatte und daß es vielleicht besser wäre ihren Widerstand einzustellen,
um diese Bestie nicht noch rasender zu machen.
Ich ballte die Fäuste in hilfloser Wut. Angewiedert mußte ich zusehen, wie Günther die schluchzende und am ganzen Körper zitternde Frau wie einen Sack auf den Boden warf und sie brutal vergewaltigte.
Er blieb auf ihr liegen. „Na siehst du, das war doch halb so schlimm.” Dann küßte er ihr Kinn.
Günther stieß einen schrillen Schrei aus, als Ilse ihm mit voller Kraft in die Nase biß.
Er sprang auf und hielt sich schmerzverzerrt die Nase. Das Blut schoß ihm aus der klaffenden Wunde und hatte schon sehr bald sein weißes Hemd dunkel rot gefärbt.
Währenddessen hatte sich Ilse mühsam aufgerappelt und versuchte den Ausgang zu erreichen.
Doch Günther packte sie von hinten an den Haaren und schleuderte sie erneut auf den Boden.
Dann riß er ihr den Kopf hoch und drehte ihn mit voller Kraft, bis ein lautes Knacken zu hören war.
Er hatte ihr brutal den Nacken gebrochen.
Mit einem fragenden und verständnißlosen Blick starb Ilse Werner am 19.8.1965 im Terrassen Cafe.
Vergewaltigt und anschließend auf bestialische Weise ermordet von Günther Raab, dem “Abschlepper”.
Ich schaute auf die grosse Wanduhr neben der Theke. Sie zeigte zwei Uhr und drei Minuten.
Der Mörder richtete sich langsam auf. Er nahm eines der Küchentücher und preßte es auf die blutende Nase. Innerhalb kürzester Zeit war auch das Küchentuch vollgesaugt mit seinem Blut.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht wickelte er die Leiche in einen alten Teppich, den er im angrenzenden Lagerraum gefunden hatte und hievte sie laut fluchend auf die linke Schulter. „Du Miststück, das hast du jetzt davon.“
Nachdem er sich vergewissert hatte, daß sich niemand zufällig im Hinterhof befand, verließ er das Cafe durch den Küchenausgang und marschierte schnurstracks auf die Kellertür zu. Ich folgte ihm, oder besser gesagt ich schwebte hinter ihm her. Er schaltete das Treppenlicht an und stieg die steilen Stufen hinunter.
Dann öffnete er die große Tür des Weinkellers und schaute sich in dem länglichen Raum um.
In der rechten Ecke des Raumes hatte man, warum auch immer, eine zusätzliche Nischenwand zu bauen begonnen, doch das schien schon einige Zeit her zu sein. Jedenfalls standen da noch ein Schubkarren, zwei verrostete Maurerkellen, eine Schaufel, ein schwarzer Plastikeimer und ein großer Haufen Ziegelsteine herum. Neben dem Schubkarren lagen zwei ungeöffnete Zementsäcke. Günther zwängte Ilses Leichnam in die kleine Nische hinter der halbfertigen Mauer und begann, nachdem er einen Sack Zement mit einem Eimer Wasser zu Mörtel vermischt hatte, wie ein Besessener die Mauer zu vervollständigen. Mit einer handwerklichen Geschicklichkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, zog er die Mauer in kürzester Zeit hoch.
Wer weiß, vielleicht war er gelernter Maurer gewesen.
Während er aber die arme Ilse brutal auf den Nischenboden warf, konnte ich genau erkennen, wie sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche rutschte und neben den aus dem Teppich herausragenden Füßen Ilses fiel. Günther merkte es jedoch nicht.
Nachdem er die kleine Ziegelsteinwand fertiggestellt hatte, schob er eines der beiden großen Weinregale vor die Nischenmauer. Dann sammelte er das Werkzeug zusammen und mit einem dämonischen Grinsen verließ er den Keller. Immer wieder blickte er sich argwöhnisch um, als hätte er Angst beobachtet zu werden.
Was sollte ich jetzt tun ? Oder besser gefragt, was konnte ich jetzt tun?
Hätte ich bei Peter Pan besser aufgepaßt, dann wüßte ich jetzt wie man wieder zurück auf die Erde kommt.
Ich blickte Günther noch hinterher als er mit seinem Sportwagen davonpreschte.
Dann fing sich erneut alles um mich herum zu drehen. Nicht schon wieder dachte ich....und im nächsten Augenblick schien ich aus großer Höhe in mein Bett zu fallen. Dann war Sendepause.

Hauptkommissar Meißner

Am nächsten Morgen fühlte ich mich hundeelend. Ich hatte das Gefühl überhaupt nicht geschlafen zu haben und der ganze Körper tat mir weh. Lustlos stocherte ich in meinem Frühstück herum, was mir einen tadelnden Seitenblick meiner Mutter einbrachte.
Wie pflegte mein ehemaliger Klassenlehrer Herr Popadiuk, Gott sei seiner Seele gnädig, immer so schön zu sagen: „Wo ein Wille ist, da ist meistens auch eine Autobahn.“
Nach dem hastig heruntergeschlungenen Frühstück entschloß ich mich zur Kripo zu gehen.
Was hätte ich bitteschön sonst noch tun können ?
Aber wer wird mir die Geschichte schon glauben, selbst ich glaubte sie nicht. Vielleicht hatte ich Halluzinationen, Tagesträume ? Deswegen entschloß ich mich noch einmal in den Keller zu gehen. Dieses Mal nahm ich eine Taschenlampe mit. Bevor ich den Weinkeller betrat, räusperte ich mich laut, um Ilse nicht zu erschrecken. Lächerlich, wie konnte man einen Geist erschrecken ? Wenn hier einer schreckliche Angst hatte, dann war ich das. Ich öffnete vorsichtig die Tür. Ungläubig blickte ich in die Richtung, in der ich die zusammengefallene Ziegelsteinmauer zu erblicken erwartete. Doch die Wand stand wieder heil an ihrem Platz. Da hatten wir die Bescherung.
Es war also doch alles nur ein Traum gewesen, oder? Im Schein der Taschenlampe konnte ich ein Stück zusammengefaltetes Papier oder Pappe erkennen. Vorsichtig hob ich es auf. Es war ein vergilbter Führerschein. Ausgestellt auf den Namen Günther Raab. Mein Herz machte einen Freudensprung.
„Danke Ilse. Damit haben wir den Kerl !“

Eine knappe Stunde später parkte ich meinen roten 74er Käfer auf dem Besucherparkplatz der Kripo in der Kreisstadt Friedberg. Mit lautem Herzklopfen näherte ich mich dem Empfangstresen, der mit einem jungen Polizeibeamten besetzt war. Ich hatte noch nie etwas mit der Polizei zu tun, geschweige denn mit der Kripo. Meine Aufregung war also verständlich.
Stotternd fragte ich den Beamten, ob ich mit dem Kommissar Meißner sprechen könnte.
„Hauptkommissar Meisner“, verbesserte mich der junge Polizist. „Worum geht es denn bitte?“
„Es geht um einen Vermißtenfall, den der Hauptkommissar Meisner seinerzeit bearbeitet hat.“
Der Beamte nahm den Telefonhörer in die Hand und wählte eine zweistellige Nummer.
„Bitte sagen sie ihm noch, daß es sich um die vermißte Ilse Werner handelt.“
Nach einer Weile, die mir wie eine kleine Ewigkeit vorkam, kam ein älterer Mann aus dem Aufzug und steuerte, nachdem ihm der Beamte an der Rezeption mit einer Kopfbewegung in meine Richtung deutete, auf mich zu.
Ich stand auf. Er reichte mir die Hand und stellte sich als Hauptkommissar Hans Meißner vor.
Nachdem ich mich namentlich vorgestellt hatte, bat er mich ihm zu folgen. Wir fuhren mit dem Aufzug in den zweiten Stock, und betraten wenig später sein Büro. Nachdem er mir höflich Platz angeboten hatte, und sich selbst hinter den kleinen Schreibtisch setzte, fragte er mich ohne Umschweife was ich mit dem Fall Ilse Werner zu tun hätte.
„Ich möchte ihre wertvolle Zeit nicht allzusehr in Anspruch nehmen, aber ich glaube, daß meine Geschichte sie sehr interessieren wird.“ Dann erzählte ich ihm von meiner Begegnung mit Ilse in unserem Keller.
Geduldig hörte er mir zu. „Ich weiß, daß es fantastisch klingt, aber genauso hat es sich zugetragen. Außerdem habe ich einen Beweis. Mit einer etwas zu theatralisch wirkenden Bewegung holte ich den alten Führerschein Günther Raabs aus meiner Jackentasche und legte ihn auf den Schreibtisch. Ich war mir sicher, daß der Kommissar jeden Augenblick aufspringen würde und mich in seine Arme zu nehmen; schließlich hatte ich ja seinen Fall gelöst.
Ich fühlte mich in diesem Augenblick als Sherlock Holmes. Selbstsicher blickte ich in die Augen des Kommissars. Ruhig, fast zu ruhig für meine Begriffe, hob dieser den Führerschein mit spitzen Fingern vom Tisch auf und begutachtete ihn einige Sekunden. „Junger Mann, Herr Raab war für lange Zeit der Besitzer des Terrassen Cafes. Und als solcher war er bestimmt dutzende Male in seinem Weinkeller. Sei es um Wein zu holen, den Bestand aufzunehmen oder einfach den Weinkeller mal zu inspizieren. Es gibt keinen Grund, des Führerscheines wegen irgendwelche voreiligen Schlüsse zu ziehen. Und was ihre Geschichte anbelangt, so müssen sie doch zugeben, daß sie sich wie das Hirngespinst eines entlaufenen Geistesgestörten anhört.“
Ich hätte mich ohrfeigen können. Da saß ich nun ich armer Tor, und noch dazu vor einem Hauptkommissar und verlangte von ihm, nicht mehr und nicht weniger, als an Geister und Gespenster zu glauben.
Ich hätte in den Erdboden versinken können vor Scham. Nur gut daß ich ihm nicht auch noch die Peter Pan Geschichte erzählt hatte. Dann steckte ich jetzt schon bestimmt in einer Zwangsjacke und wäre auf dem Weg in eine Irrenanstalt.
Während ich wie ein begossener Pudel dasaß, fuhr der Kommissar nach einer kurzen Pause fort.
„Da sie mir aber weder den Eindruck eines Alkoholikers noch den eines Irren machen, und zudem noch ernsthafte Recherchen, warum auch immer, über das Verschwinden der Frau Werner angestellt haben, werde ich mit ihnen zu dem besagten Keller fahren.
Ich möchte sie aber vorher noch auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen. Sollten sie sich mit dieser ganzen Geschichte einen Streich oder Spaß erlauben, so könnte das ernsthafte Konsequenzen für sie nach sich ziehen.“
Ich schluckte laut.

Ich wartete auf dem Bürgersteig vor dem Terrassen Cafe auf den Hauptkommissar, der einen Parkplatz suchte. Ich fühlte mich irgendwie erleichtert, die Geschichte endlich jemandem erzählt zu haben. Doch mußte es ausgerechnet ein Kommissar, pardon ein Hauptkommissar sein ?
Herr Meißner hatte seinen Polizeiwagen, einen dunkelblauen BMW, in der Parkstraße geparkt, und kam soeben um die Ecke geschlendert. Während ich wie auf glühenden Kohlen saß, schien er es überhaupt nicht eilig zu haben. Warum sollte er auch. Bestimmt dachte er, daß ich verrückt war.
Dann schritten wir Seite an Seite zur Eingangstür des Wohnhauses. Ich ging vor und führte den Kommissar zur Hintertür des Gebäudes wo sich der Eingang zum Keller befand. Die Kellertür stand weit offen.
Modrige und abgestandene Luft schlug uns entgegen als wir die steilen und unregelmäßigen Treppenstufen hinunterstiegen. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Der Kommissar schob das leere Weinregal ein wenig zur Seite und untersuchte die niedrige aus Ziegeln gebaute Nischenwand.
Nachdem er mühelos einen größeren Teil der Ziegelsteine herausgebrochen hatte, leuchtete er mit einer großen Taschenlampe in die dahinter liegende Nische.
Ich spürte die Aufregung in mir bis in die Haarwurzeln, mein Herzschlag verdoppelte sich, Schweiß lief mir über Gesicht und Rücken. Die Spannung wurde unerträglich. Was würde passieren, wenn da nichts zu finden war in der Nische ?
Herrgott, je mehr ich darüber grübelte, desto ungläubiger erschien mir die ganze Geschichte.
Nach einer ganzen Ewigkeit zog der Kommissar seinen Kopf wieder heraus und drehte sich langsam zu mir herum. Er schaltete die Taschenlampe aus.
Nichts, aber auch gar nichts rührte sich in seinem Gesicht. Meine Schläfenadern hingegen waren angeschwollen und das Blut rauschte mir in den Ohren. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten.
„Nun, ist da eine Leiche oder nicht? So sprechen sie doch“
„Tja, es scheint fast so als ob sie recht hätten. Da ist tatsächlich eine Leiche, und zwar in einem recht guten Zustand. Aber wir müssen erst einmal untersuchen ob es sich wirklich um Ilse Werner handelt.“
Ein ungeheures Glücksgefühl sprengte schier meine Brust. Mir fiel regelrecht ein Stein vom Herzen, ach was sage ich da, ein ganzer Haufen Steine, nein ein ganzer Berg von Steinen fiel mir vom Herzen. Ich war also nicht verrückt. Selbst der Hauptkommissar verzog sein Gesicht zu einem kurzen Lächeln.

Der Keller wurde genauestens untersucht, auf den Kopf gestellt so zu sagen. Große Scheinwerfer erhellten die sonst so dunklen und unheimlichen Kellergewölbe. Der Ort des Schreckens schien auf einmal gar nicht mehr so schrecklich.
Polizeibeamte, Gerichtsfotografen und Gerichtsmediziner liefen die steile Kellertreppe hoch und runter. Sie untersuchten, fotografierten, vermaßen, protokollierten und weiß der Kuckuck was noch.
Zum Schluß wurden die sterblichen Überreste der unglücklichen Ilse in einem Zinksarg aus dem Keller getragen.


Das Geständnis

Die Beweislast gegen Günther Raab war erdrückend. Außer seinem Portemonnaie, das in der Nische gefunden wurde, waren eindeutig seine Blutspuren auf dem Kleid der Ermordeten und auf dem Teppich identifiziert worden. Selbst ein Stückchen von seiner Nase war in Ilses Rachen gefunden worden.
Mit modernster Labortechnik konnte so eindeutig bewiesen werden, daß er, Günther Raab, der Mörder
Ilse Werners war.
Angesichts dieser überwältigenden Beweislast gestand Günther Raab die blutige Tat und rekonstruierte sie im Friedberger Polizeipräsidium unter Anwesenheit des Rechtsanwaltes und den übrigen Polizei- und Gerichtsvertretern. Auch ich war zugegen als Günther kaltblütig und ohne auch nur die geringste Reue zu zeigen, den bestialischen Tathergang schilderte.

Beim Abschied schüttelte mir der Friedberger Polizeipräsident persönlich die Hand.
„Ich danke ihnen von ganzem Herzen für ihre Hilfe. Ohne sie wäre der Fall niemals geklärt worden.
Aber irgendwie habe ich das Gefühl, daß sie den Tathergang schon vorher ganz genau kannten. Oder irre ich mich ?“
„Wissen Sie Herr Polizeipräsident“, sagte ich nach einer kleinen Pause von gespielter Selbstsicherheit und einem bedeutungsvollen Seitenblick auf den Hauptkommissar der direkt neben mir stand, „es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde.......“

Und so wurde der Mörder fünfzehn Jahre nach seiner Tat doch noch von der Gerechtigkeit eingeholt.
Man kann zwar vor der Gerechtigkeit fliehen, sich verstecken, aber letztendlich, und wenn es noch so lange dauert, wird man von ihr doch noch eingeholt.
Der Mord an Ilse Werner würde also gesühnt werden. Aber ob der Täter seiner gerechten Strafe zugeführt würde, war zweifelhaft. Während der Mörder fünfzehn Jahre lang nach der Tat ein Leben in Saus und Braus führte, zerbrach das kranke Herz von Ilses Mutter an der jahrelangen Ungewißheit ob des Schicksals ihrer Tochter. Hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen starb sie nur fünf Jahre nach dem Verschwinden ihrer einzigen Tochter.
Fünfzehn Jahre hatte Ilses Geist, oder was es auch immer war, auf die Person gewartet, die ihr vertrauenswürdig erschien, um ihr die Geschichte zu erzählen. Fünfzehn Jahre war ihre Seele dazu verdammt, auf ihre Erlösung zu warten, die letztendlich in Gestalt eines jungen Studenten, nämlich in Gestalt meiner Wenigkeit, erschien.

Die Wetterauer Zeitung veröffentlichte die traurige Geschichte der Ilse Werner ganz groß auf ihrem Titelblatt und auch die Bildzeitung widmete dem Terrassen Cafe Mord eine ganze Seite, auf der sie die Tat in allen Einzelheiten schilderte. Mein Name wurde zwar einige Male erwähnt, ohne jedoch meinen, wie ich zumindest glaubte, ausschlaggebenden Beitrag zur Aufklärung des Falles, genügend hervorzuheben.

Die einzigen Trauergäste, die zu Ilses Beerdigung erschienen, waren der alte Hauptkommissar und ich. Stumm schüttelten wir uns die Hände am frisch ausgehobenen Grab. Der Pfarrer hielt eine kurze Grabrede und endete mit den Worten:
„Selbst ein Peter Pan hätte es nicht besser machen können. Danke von ganzem Herzen.“

Trotz der leichten Gänsehaut die mich überfiel, mußte ich selbstzufrieden lächeln.







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Goren Albahari

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