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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Turmbau zu Babel
Eingestellt am 19. 05. 2003 12:25


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Penelopeia
Autorenanw├Ąrter
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Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie
sprachen untereinander: Wohlauf, la├čt uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als M├Ârtel und sprachen: Wohlauf, la├čt uns
eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle L├Ąnder.
Da fuhr der HERR hernieder, da├č er s├Ąhe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und
einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden k├Ânnen von allem, was sie sich vorgenommen
haben zu tun. Wohlauf, la├čt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, da├č keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort
in alle L├Ąnder, da├č sie aufh├Âren mu├čten, die Stadt zu bauen. Daher hei├čt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller L├Ąnder Sprache und sie von
dort zerstreut hat in alle L├Ąnder...

*

Am Anfang war eine Sprache, eine Ursprache, eine Sprache aller: eine, die alle verstanden... Es gab keine Sprachbarrieren... Worte dieser Ursprache waren: Baut, auf, gemeinsam, hau, ruck, ja, es, geht, wir, schaffen, das, zusammen, sind, wir, stark, nichts, kann, uns, beirren und noch viele sch├Âne andere Worte, die in Liebe, gegenseitigem Verst├Ąndnis und voll von Hilfsbereitschaft benutzt wurden...
So begann man zu bauen: Stra├čen, Wege, H├Ąuser, eine ganze Stadt. Dann hatte einer eine Idee: Wir brauchen einen Turm! Wieso? - Ja, erkl├Ąrte der Findige, wenn er zu uns herabsteigt, sich die Stadt zu betrachten, wird er doch wohl einen markanten Punkt... Er k├Ânnte von da oben aus bei bester Rundsicht unser Werk betrachten. Das leuchtete allen ein. Und so hie├č es: Wohlan, la├čt uns Ziegel streichen und brennen!
Die ersten Mi├čverst├Ąndnisse tauchten auf bei der Frage nach der erforderlichen H├Âhe: Hundert Fu├č? Tausend? Hunderttausend? Zwar sprachen alle von "sehr gro├č", aber hier zeigte sich zum erstenmal, da├č dazu doch mehrere Meinungen - oder Anschauungen - existierten. F├╝r den F├╝hrer der Baukolonne hie├č "sehr gro├č" tausend Fu├č. H├Âher ginge es schlecht, meinte er, die Seile, die Aufz├╝ge, die R├╝cken seiner M├Ąnner... F├╝r den Stadtk├Ąmmerer hie├č "sehr gro├č" hundert, allerh├Âchstens zweihundert Fu├č - die Finanzen..! Bek├╝mmert schaute der K├Ąmmerer zum Priester. Der gl├Ąnzte mit dem anderen Extrem: bis an den Himmel, nur das k├Ânne gro├č genannt werden, nur so werde man dem Herrn gefallen.
Man erreichte keine Einigung. Zu fest sa├čen pl├Âtzlich die Vorstellungen in den K├Âpfen davon, was dem Herrn gefallen k├Ânnte... Und so blieb ein jeder bei seiner Meinung. Der Polier sprach, wenn er ausdr├╝cken wollte, da├č etwas sehr gro├č sei, fortan nur noch von "Mega" und "Mille". Der K├Ąmmerer von "Kostenlawine". Der Priester von "himmelhoch"...

Der n├Ąchste Disput entstand beim Thema: Ausf├╝hrung der Fundamente. Der Polier meinte, sie sollten, entsprechend der Gewichtigkeit des darauf aufzubauenden Turmes und des Herrn, gut und tief und dauerhaft gegr├╝ndet sein. Der Stadtk├Ąmmerer war vehement dagegen: Alles unterhalb der Erdoberfl├Ąche sei ohnehin nicht sichtbar und w├╝rde also keine Punkte bringen, koste daf├╝r aber erhebliche Teile der Stadtfinanzen... Der Priester war da etwas toleranter: Er sagte, es sei ganz egal, wie das Fundament ausgef├╝hrt werde, entscheidend sei, da├č es die Basis bilde f├╝r das Werk, das den Herrn erfreuen werde. Das Fundament seines Glaubens lie├če sich hinsichtlich seiner materialtechnischen und geometrischen Ausf├╝hrung auch nicht exakt beschreiben, folglich k├Ânne es doch ziemlich egal sein, wie so ein Turmfundament ausgef├╝hrt werde, Hauptsache, es gebe die Zuversicht f├╝r den weiteren Aufbau des gottgef├Ąlligen Werkes...

Die Diskussionsrunde endete mit tiefem Mi├čvergn├╝gen. Man trennte sich mit sehr verschiedenen Vorstellungen im Kopf von dem Begriff "Fundament". Und wenn hinfort der Polier das Wort gebrauchen wollte, vermied er es und sprach lieber von "Basis". Der K├Ąmmerer sprach von "Grundlage", manchmal auch von "Budget", von "begrenzten M├Âglichkeiten", "Rahmen", "Handlungsspielraum"...,
Der Priester sprach von "Vertrauen", "Glaube", "Hoffnung", "Zuversicht", "Trust"...

Und so h├Ąuften sich die Mi├čverst├Ąndnisse. Die Frage der Ausf├╝hrung einer Treppe zur obersten Plattform rief auch noch den Architekten der Stadt, bekannt und besp├Âttelt vielerseits als spinniger Sch├Ângeist, auf den Plan. Allerdings hatte er Auftrag vom B├╝rgermeister, f├╝r eine ├Ąsthetische Konzeption - nach seinen Vorstellungen - zu sorgen... Und so beschrieb der Archiktekt, was ihm der B├╝rgermeister als Treppe f├╝r das gottgef├Ąllige Werk plausibel gefl├╝stert hatte: Breit, gewendelt, au├čenliegend, f├╝r alle Welt sichtbar, k├╝hn, emporstrebend, aus wei├čem Marmor, mit kunstvoll gestalteten Gel├Ąnderpfosten...
Der Polier st├Âhnte. Eine Treppe, sagte er, habe Stufen und Podeste, k├Ânne im Inneren gef├╝hrt werden und aus Holz sein, da sie nicht direkt der Witterung ausgesetzt sei (er dachte dabei auch daran, die Arbeit auf die Zimmerleute abw├Ąlzen zu k├Ânnen)... Der K├Ąmmerer beharrte auf einer Holzleiter... Der Priester war in diesem Punkt am unm├Ą├čigsten: Eine komplette Prozession aller Priester der Stadt m├╝sse an den heiligen Tagen nebeneinander gemessenen Schrittes Stufe f├╝r Stufe, ohne gr├Â├čere Anstrengung und Schwei├čvergie├čen - was d├Ąchte sonst das Volk! - zur obersten Plattform steigen k├Ânnen, um dort, entspannt, ruhig und konzentriert auf den Dienst am Herrn, das Opfer entrichten zu k├Ânnen... Der K├Ąmmerer verlie├č gru├člos die Besprechung.
Fortan benutzte keiner mehr das Wort Treppe: Der K├Ąmmerer sagte nur noch "Leiter", das manchmal wie "leider" klang. Der Polier sprach von "stairs", der Architekt von "Escalier". Der Priester versteifte sich auf das Wort "Eskapade"...

Gleiches passierte wiederum bei der Frage, wie die oberste Plattform zu gestalten sei. Der K├Ąmmerer schlug vor, das Bauwerk spitz auslaufen zu lassen. Das sei unter dem Kostenaspekt am g├╝nstigsten. Der Priester ri├č entsetzt die H├Ąnde hoch: Wenn ER k├Ąme und sich setzte..!
Der Polier schlug eine kleine Steinplatte vor, die k├Ânne man noch nach oben transportieren, so zum Abschlu├č der Arbeiten, als quasi letzte gro├če Kraftanstrengung, schon in der Vorfreude auf die Arbeitspause und einen kleinen Urlaub...
Der Architekt erinnerte sich, der B├╝rgermeister habe etwas von "Hochsitz" oder "Thronsitz", sch├Ân ├╝berdacht, mit Nebengem├Ąchern f├╝r die Nebenfrauen, erz├Ąhlt.

Hinfort verwendete der Architekt statt des einfachen, allen verst├Ąndlichen Wortes "Plattform" das Wort "high-life". Der Polier begn├╝gte sich mit "Platte", der K├Ąmmerer benutzte das Wort "Point of expansive", der Priester sprach von "sainte hauteur"...

Und gleicherma├čen passierte es bei vielen anderen Fragen, da├č unterschiedlichste Vorstellungen zutage traten, was denn dem Herrn gem├Ą├č sei, was der erwarte, was ihn zu wohlmeinendem Verhalten bringen w├╝rde... Immer wieder brach Streit aus, endend mit dem Auseinandergehen der erbosten Verhandlungspartner... Jedesmal nahm jeder ein anderes Wort hinfort f├╝r den besprochenen und zum Streitpunkt gewordenen Teil des Turmes mit sich... Und die Worte verbreiteten sich, aber nicht in der ganzen Stadt, sondern immer nur im jeweiligen Anhang, in der Lobby des betreffenden Gespr├Ąchsteilnehmers. Der Polier streute die neuen Worte bei seinen Maurern und legte sie darauf fest, der K├Ąmmerer bei seinen Angestellten, der Priester zelebrierte seine Dienste und schrieb Kommentare unter Einsatz der neuen Worte etc.

Je l├Ąnger der Bau dauerte, umso verworrener wurde die Situation. Es bildeten sich Gruppen, die sich nicht mehr verstanden: der Herr hatte ihren Sinn verwirrt...

Der Wegzug der ersten von ihnen war nur noch eine Frage von Monaten. Der Bau wurde eingestellt, unfertig.


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blaustrumpf
???
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Hallo, Penelopeia

Nette Idee, wirklich.

Aber die babylonische Sprachverwirrung scheint mir schon fr├╝her zu beginnen. "Wohlauf" sind vermutlich alle Beteiligten, aber das klassische "etzatle", "soderla", "pack ma's", "aufi geht's", "nadannwollmermal" etc. hei├čt "wohlan", Steigerung: "wohlan denn".

Okeee, Kr├╝melpickerei, elendige...

Sch├Âne Gr├╝├če von blaustrumpf
__________________
Daf├╝r bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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Penelopeia
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wann beann die Sprachverwirrung...

Hallo Blaustrumpf,

danke f├╝r Deinen Kommentar, freut mich, wieder von Dir zu h├Âren.

Tja, wann sie begann, die gro├če "Sprachverwirrung" - wer k├Ânnte das schon konkret sagen... Die Spezialisten streiten sich bis heute, ob es eine Ursprache gab oder sich unabh├Ąngig voneinander Sprachformen bzw. Vorformen von Sprache entwickelten... Das ist f├╝r mich auch gar nicht so interessant. Lustiger finde ich es, die Geschichte vom Turmbau und der g├Âttlichen Sanktion f├╝r anma├čende Hochbauten der Menschen - sprich: der Bestrafung menschlichen Hochmutes durch Gott - vom "Kopf auf die F├╝├če" zu stellen. Denn denkbar w├Ąre es doch immerhin, da├č sich die Menschen in ihren eitlen Bestrebungen selbst um die Basis f├╝r Freundschaft, Kommunikation, Verstehen etc. brachten, oder? Solche Prozesse lassen sich m.E . nach auch heute noch beobachten, wenn auch nicht immer sofort eine neue Sprache dabei entsteht, sondern nur Mi├čverst├Ąndnis auf Mi├čverst├Ąndnis...

Pen.

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Rote Socke
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Diesen Text habe ich sehr gerne gelesen und er hat mich angeregt mir vielf├Ąltige Gedanken ├╝ber das Thema machen zu k├Ânnen.

Sch├Âne Gr├╝├če
Socke

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Penelopeia
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Hallo Rote Socke,

freut mich, da├č der Text ein bi├čchen Spa├č macht... Ich bin nicht so ganz zufrieden damit, denn die Darstellung der Sprachverwirrung als Proze├č der Begriffsverwirrung, ausgel├Âst durch individuelle egoistische Sichtweisen, will mir noch nicht so gelungen erscheinen... (Allerdings handelt es sich bei dem vorliegenden Text auch nur um einen schnellen Versuch, das Thema zu fassen; eine Versfassung stelle ich vielleicht in die Rubrik Satire.)

Liebe Gr├╝├če

Pen.

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Rote Socke
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Ich finde gerade das ist Dir gelungen!

Socke

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