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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Uhrmacher
Eingestellt am 08. 06. 2003 18:38


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habibi
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2003

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Der Uhrmacher

NatĂŒrlich kann man alles zu einem Abenteuer stilisieren. Diese Geschichte ist schlichtweg gewöhnlich und keineswegs spektakulĂ€r.
Das Glas meiner Armbanduhr was gebrochen. Ich brauchte ein neues. Keine große AffĂ€re, das kleine Hindernis – ich war in Hanoi! An der Rezeption des kleinen Hotel, in dem ich abgestiegen war, verstanden die zwei dauerfreundlichen Herren mein Problem erst nicht. Als dann endlich die sprachlichen Hindernisse beseitigt waren verstanden sie das ganze noch weniger. Gab es doch an jeder Straßenecke die fliegenden Uhrmacher auf ihren Velos mit angebauter Werkstatt. Dass diese Operateure mir nicht qualifiziert vorkamen quittierten die Herren mit einem LĂ€cheln. Was immer das hieß!
Ich mietete ein Velo fĂŒr wenige MĂŒnzen und radelte los- eigentlich, um die Stadt zu erkunden und nebenher doch nach einem UhrengeschĂ€ft Ausschau zu halten.
Neben einem von Weißen frequentierten Cafe entdeckte ich einen kleinen Laden mit verstaubter Auslagendekoration und einem selbstgemalten Schild, auf dem eine Uhr dargestellt war. Ich öffnete die TĂŒre und trat in einen halbdunklen Raum mit Dielenboden, spĂ€rlich mit einem Tisch und einem Stuhl und einigen Schachteln auf dem Boden möbliert. Eine TĂŒröffnung fĂŒhrte in einen weiteren Raum. Niemand war zu sehen oder zu hören, also rief ich, und vernahm nach einigem Rumoren ein tiefes mĂŒhsames Atmen und ein Alter schlurfte aus dem Nebenzimmer herbei. Er ordnete mit den HĂ€nden sein Haar und zupfte seine Hosen zurecht. Ich hatte ihn wohl in seinem VormittagsschlĂ€fchen gestört.
Herr Moi war 87 Jahre alt. FrĂŒherer Privatlehrer bis der große Befeiungskampf, erst gegen die Franzosen, dann gegen die Amerikaner, begonnen hatte Er hatte GlĂŒck gehabt, all die SĂ€uberungen und Wechsel der eigenen Landsleute und die Bomben der einen und der anderen Befreier ĂŒberlebt. Der laden, der er fĂŒr seine patriotischen Verdienste mietfrei betreiben konnte, er brachte zwar nicht viel ein, aber er beschĂ€ftigte ihn. Und er war weg von zu Hause, wo drei Generationen sich gegenseitig auf di FĂŒĂŸe traten. Außerdem war der Laden Anlaufpunkt fĂŒr seine Veteranenkollegen fĂŒr einen Tee und fĂŒr GesprĂ€che ĂŒber die Vergangenheit. Selten kam einmal ein Kunde, fast nie ein AuslĂ€nder. Obwohl in den letzten Jahren zunehmend, vor allem junge Amerikaner, in dem Cafe nebenan verkehrten. Aber die jungen Leute mit ihren Mobyletten interessierten sich nicht fĂŒr die Reparatur von Uhren und außerdem sprachen sie kein Französisch – und Herr Moi sprach kein Englisch.
Da kam dieser EuropÀer und weckte ihn aus seinen Dösen und versuchte mit Gesten zu erklÀren, dass er ein neues Uhrglas brÀuchte. Bis sie beide erkannten, dass sie sich in Französisch hervorragend unterhalten konnten.
Herr Moi glĂ€nzte in geschliffenen Formulierungen, ganz im Gegensatz zu mir. Er steigerte sich noch, als zwei seiner frĂŒheren KampfgefĂ€hrten dazukamen und seine weltmĂ€nnische Art bewunderten. Die Sprache der frĂŒheren Kolonialherren war zwar nur mehr den Ă€lteren JahrgĂ€ngen vertraut aber durchaus höher geachtet als das plumpe Englisch, das die jĂŒngeren „bisnismen“ benutzten. Die Uhr war bald Nebensache, die Unterhaltung uferte aus, weg von dem ĂŒblichen „wie finden Sie unser Land?“ und „gefĂ€llt es Ihnen bei uns?“. Die Veteranen hatten Geschichten und Fragen, die ĂŒber den Uhrmacher weitergegeben wurden, und wenn dann die Antworten oder Kommentare aus dem Französisch wieder zurĂŒck kamen, wurde aus dem erwartungsvollen DauerlĂ€cheln ein offenes Lachen – egal welche Antwort es war.
Irgendwann kam ich auf meine Uhr zurĂŒck und Herr Moi scheuchte seine Freunde vor die TĂŒre. Er hatte zu tun!
Er kramte aus einer Schachtel eine Handvoll UhrenglĂ€ser hervor, allesamt scheinbar staubig und alt. Nachdem er die richtige GrĂ¶ĂŸe herausgesucht hatte wurde klar, die GlĂ€ser waren „blind“. Wie Milchglas. Aber Herr Moi meinte nur „pas de problĂšme“, holte eine Tube Polierpaste aus seiner Zauberschachtel und einen Lappen und polierte das Glas. Er offerierte mir wĂ€hrenddessen ein Metallarmband fĂŒr meine Uhr zu einem unwiderstehlichen Preis. Als das Glas an einer Ecke klar poliert war und ich an den Erfolg glaubte erklĂ€rte Herr Moi mir, dass er die Uhr auseinander nehmen mĂŒsse um das Glas von hinten einsetzten zu können. Völlig klar!? Von einer frĂŒheren Ă€hnlichen Reparatur, damals im Judenviertel von Prag, wusste ich, dass eine Schraubzange das auszuwechselnde Glas sphĂ€risch krĂŒmmt und damit das Teil von Vorne zu wechseln möglich machte. Aber hier fehlte wohl diese spezielle Werkzeug. Und damit wĂŒrde diese Generalreparatur notwendig werden.
Herr Moi öffnete den Uhrendeckel und zog ganz professionell die Aufzugsschraube heraus und – ließ sie auf den Dielenboden fallen.“ pas de problĂšme“ meinte er nur wieder und suchte diese Minischraube mit kurzsichtigem Tasten.
Herr Moi dachte „der nette EuropĂ€er sieht wirklich betroffen aus, nur weil ich diese dĂ€mliche Schraube auf den Boden fallen ließ. Aber, wenn ich sie nicht mehr finde, ich habe genĂŒgend andere in meiner Schachtel. Nicht ganz die gleichen, aber so Ă€hnlich, und er wird den Unterschied nicht merken“.
Ich war erleichtert, als Herr Moi mir anbot, doch bei seinen Freunden draußen in der Sonne zu warten. Das wĂ€re unterhaltsamer. Ich ergĂ€nzte im Stillen „und Nervenschonender!“ Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, dass dies Uhr wohl hiermit den Weg allen Irdischen gehen wĂŒrde.
Die Veteranen und ich versuchten mit Gesten und Mimik ein bisschen Konversation, der Übersetzer fehlte spĂŒrbar. Aber ich war auch nicht richtig bei der Sache, mehr bei meiner Uhr. Nach gut einer halben Stunde kam Herr Moi aus seinem Laden und ĂŒberreicht mir meine Uhr. Mit neuem Band und – zu meinem Erstaunen – sie funktionierte! Auch noch lange danach bis ich sie Jahre spĂ€ter wegen des gebrochenen Armbandes verlor.
Weil wir uns so gut unterhalten hatte, war es beinahe schwierig, die Reparatur zu bezahlen. WĂ€hrend diese Hin und Her dachte Herr Moi: “wie kann ich diesem Mann das begreiflich machen, dass er mich bezahlen muss, wenn ich es auch aus Höflichkeit pro forma ablehne, ihm aber trotzdem die Illusion lasse, dass er uns sympathisch ist?“
Wir verabschiedeten uns wie alte Freunde.


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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo habibi,

mir hat der Text prima gefallen. Eine sehr unterhaltsame Geschichte. Trotz der KĂŒrze glaubte ich einen kleinen Roman gelesen zu haben. Da stecken etliche Infos drin, die Du bestens eingefĂŒgt hast und keine RĂŒckfrage benötigen.

Einige Fehlerchen haben sich eingeschlichen, aber die wirst Du sicher selbst entdecken.

Schöne GrĂŒĂŸe
Socke

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Zefira
???
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Klasse, habibi (schöner Nick ĂŒbrigens)

Ich finde es hinreißend, mit welcher Chuzpe Du die Gedanken des doch völlig fremden Herrn Moi wörtlich wiedergibst. (Das ist jetzt keine Ironie - mich hat das wirklich begeistert!)

Und die Schilderung des Ladens - herrlich bildhaft. Ich hab mit drin gestanden.

Lieben Gruß,
Zefira (hingerissen)
__________________
schmollfisch

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habibi
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2003

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Hi Zefira,
hat etwas gedauert dir zu antwordten, war unterwegs. was mich wundert: woher kennst Du die Bedeutung des Wortes Habibi?! Oder hat mich Dein Foto getĂ€uscht? Jedenfalls, danke fĂŒr die Bewertung, Fortsetzung folgt aus Korea. Herzlich, Habibi


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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo habibi,

*lach* ich habe hier eine CD mit sog. "Weltmusik" (spanische, arabische und pakistanische Elemente), auf der das Wort "habibi" so oft vorkommt, daß ich es mal bei Google eingegeben habe.

Ich finde, es klingt freundlich und liebevoll. Manchmal nennt meine Tochter ihre Hasen so

GrĂŒĂŸe aus Hessen,
die Westwindin
__________________
schmollfisch

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