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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Weg
Eingestellt am 29. 10. 2002 16:22


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nell
Hobbydichter
Registriert: May 2002

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Der Weg

Der Abendhimmel des verregneten Tages f√§rbt den Horizont hellrot, durchbrochen von blauen Streifen als wollte er sagen, dass selbst ein verregneter Tag noch einen sonnigen Abend bereithalten kann. Er genie√üt den Wind, der ihm die langen Haare ins Gesicht weht und G√§nsehaut auf seinen Armen entstehen l√§sst. Die Wolkenformationen lassen Bilder vor seinem geistigen Auge entstehen. Die letzten Bl√§tter fallen von den B√§umen, es ist k√ľhl und die Dunkelheit wird jetzt schnell hereinbrechen. Bald sieht es um ihn herum so aus, wie in ihm drin; in ihm drin ist es nur noch dunkler, die Stra√üe wird ja zumindest von Stra√üenlaternen sp√§rlich beleuchtet. In ihm drin gibt es kein Licht mehr, erloschen vor vielen Jahren.

Es ist kalt geworden, doch die K√§lte zeigt ihm, dass er noch lebt, auch wenn er innerlich bereits gestorben ist. Dieses Lebensgef√ľhl muss er sich immer mal wieder bewusst machen, sonst vergisst er, dass er noch lebt und nicht nur existiert. Der Schmerz seiner Kratzer, blauen Flecke und Brandmahle zeigt ihm, dass er noch am Leben ist, dass er noch f√ľhlen kann; ihm wird schwindelig, sein Magen verkrampft sich. Kein Wunder. So hat er doch seit gut einer Woche nichts Richtiges mehr gesessen. Doch man sieht es ihm nicht an. Da steht ein sportlicher, schlanker junger Mann, dem es doch so gut geht; seine Ausbildung hat er so gut wie abgeschlossen, wenn da nicht dieser letzte gro√üe Schritt w√§re, den er sich nicht zu gehen traut. Im Inneren ein Schlachtfeld, es herrscht Krieg, unabl√§ssig, gegen ein Gef√ľhl nach dem anderen. Doch pl√∂tzlich schl√§gt es zu, erbarmungslos, ohne vorherige Anzeichen und ohne Mitleid. Er kommt weder k√∂rperlich noch geistig zur Ruhe und m√∂chte am liebsten aus sich heraus, alles wird pl√∂tzlich so eng. Diese tiefe Traurigkeit wird zu Verzweiflung, zu Panik, zu Wut, blinder Wut gegen sich, gegen sein Leben. Er schl√§gt mit der Faust auf das Metallgitter des Balkons, auf dem er steht. Er ist w√ľtend auf unz√§hlige Weisen, die alle auf einmal losbrechen, aber alle nach innen gerichtet.
Er l√§sst den Blick zum Himmel schweifen, Wolken sind aufgezogen und durch ein paar Risse und Wolkenl√ľcken sind einsame Sterne zu sehen. Der Mond, den er nur erahnen kann, f√§rbt die davor befindliche Wolkendecke in ein dunkles Blau; kein Schwarz mehr. Ringsum h√ľllt die Nacht alles in einen schwarzen Mantel und scheint es zu besch√ľtzen, bis die ersten Sonnenstrahlen den Mantel √∂ffnen und alles in einem neuen Licht dem Tag entgegengehalten wird. Doch jetzt ist alles schwarz und still. √Ąu√üerliche Ruhe. Stillstand.
Und genau diese Stille demonstriert Einsamkeit und bringt ihn fast um, lässt Gedanken entstehen, die ihn allmählich zum Wahnsinn treiben.
Seine Gedanken kreisen; er l√§sst sie zu und sich in der Dunkelheit verlieren. Und dann immer nur diese Stille, die ihm das Ausma√ü der Einsamkeit vor Augen f√ľhrt und schlie√ülich fast wahnsinnig werden l√§sst. Die beeindruckende Nacht, die Ruhe, die frische Luft, der leichte Wind, werden mit einem Mal zur Falle. Eine Falle, die nur am Rand Bilder des Gl√ľcks bereith√§lt. Der Boden, der unter ihm aufrei√üt und in unerreichbarer Tiefe als gro√ües schwarzes Loch auf sein Versinken wartet, h√§lt unvergessliche, schmerzliche Bilder bereit. Alles, wirklich alles hat f√ľr ihn eine tiefe, qu√§lende Traurigkeit an sich.
In seinem Bauch hat sich ein tiefes schwarzes Loch gebildet, in ihm liegt ein tonnenschweres Bleigewicht, was ihn immer tiefer zieht und es tut so weh… eine seltsame Verzweiflung sitzt tief in ihm drin & lauert, auf ihren n√§chsten Moment, wo sie √ľber ihn herf√§llt! Blitzartig √ľberf√§llt ihn diese unkontrollierbare Angst; alles wird sinnlos, pl√∂tzlich und v√∂llig unerwartet trifft ihn das Chaos volle Breitseite. Er hat das Gef√ľhl, au√üer Kontrolle zu geraten, leise zu verzweifeln… Seine Angst k√§mpft gegen sein √ľberw√§ltigendes Bed√ľrfnis, diese namenlose Wut irgendwie k√∂rperlich auszudr√ľcken!
Seine Empfindungen – sein Leben – scheinen sich seiner Kontrolle zu entziehen… Doch bevor er total abdreht, nutzt er die Chance, die ihm sein K√∂rper bietet. Er ist da, an ihm kann er alles ablassen, doch nicht ohne Folgen. Welche Frau wird ihn mit den Narben und blauen Flecken schon attraktiv und anziehend finden. Welche Frau m√∂chte einen Mann an ihrer Seite, der mit seinen Aggressionen nicht umzugehen wei√ü. Aber all das ist f√ľr ihn ein abgeschlossenes Thema, er hat sich l√§ngst aufgegeben und wird nie eine Beziehung f√ľhren, wie auch!? Wie soll eine Beziehung ohne k√∂rperliche N√§he funktionieren, denn die kann er nicht geben.
Und so versucht er, die qualvollen Gef√ľhle durch andere zu ersetzen, einfach zu sp√ľren, dass es noch etwas anderes gibt und dass er noch lebt! Das √§ndert nat√ľrlich nichts an der Situation, aber er f√ľhlt sich, wenn auch nur f√ľr den Bruchteil einer Sekunde, etwas besser. Sein Gehirn scheint sich in solchen Momenten einfach abzuschalten und l√§sst dem Zwang freien Lauf. Alles dreht sich im Kreis und entzieht sich seiner Kontrolle.

Er sieht in die Nacht, es ist einundzwanzig Uhr vierunddrei√üig. Er sp√ľrt pl√∂tzlich, dass die K√§lte sich schleichend um ihn zieht, ihn festh√§lt, ummantelt, sich langsam in seinem K√∂rper ausbreitet, jeden Winkel besetzt, um ihm schlie√ülich die Luft zu nehmen. Er droht zu ersticken, zu ertrinken in den Wogen der Nacht. Er hat l√§ngst verloren, aus Angst und Einsamkeit, das Resultat seiner Verzweiflung, hat er sich aufgegeben. Und keiner hat es bisher gemerkt und auch keiner wird es zuk√ľnftig bemerken. Innerlich einfach gestorben!
So viel l√§uft gegen seine Vorstellungen, obwohl er sich nicht mal sicher ist, ob er eigene Vorstellungen hat. Vielleicht sind es ja die Vorstellungen der anderen, die er als seine annimmt bzw. annehmen musste. Er f√ľhlt sich einsam, weil ihm das Reden so schwer f√§llt und er sich damit selbst einsam macht. Er hat Angst vor seinen Gef√ľhlen, Angst davor, dass er vielleicht die Kontrolle verliert, dass er sich immer mehr in seine eigene Gedankenwelt zur√ľckzieht, Angst, nie ein einigerma√üen „normales“ Leben f√ľhren zu k√∂nnen, den Kampf, den er jeden Tag aufs Neue k√§mpft, zu verlieren! Er ist verzweifelt, weil er nichts dagegen zu tun wei√ü, verzweifelt √ľber den Kampf mit sich selbst, seiner Gef√ľhls- und Gedankenwelt. Er w√ľrde so oft am liebsten alles zusammenschlagen, so stark ist das innere Gef√ľhl. Doch er kann nichts von diesen Emotionen herauslassen, so sehr die Bombe in seinem Bauch auch tickt. Das w√ľrden die gesellschaftlichen Normen, Regeln, sein hoher Anspruch an sich selbst und von anderen an ihn gerichtet niemals zulassen. Die einzige M√∂glichkeit, der er sieht, ist, diese Wut gegen sich zu richten, wenigstens ein kleines Ventil zu √∂ffnen…

„Du brauchst professionelle Hilfe!“; wie oft hat er diesen Satz schon geh√∂rt. Immer eindringlicher bekam er diesen Satz zu h√∂ren, bis es ihm zu viel wurde. Er gab nach und geht seit dem diesen Weg, obwohl er in Gedanken einen ganz anderen Weg verfolgt, einen Plan, den wohl einfachsten, aber auch feigesten. Seit einigen Jahren geht er diesen Plan regelm√§√üig Schritt f√ľr Schritt und sehr pr√§zise in Gedanken durch. Doch so lange er nicht f√§hig ist, ihn in die Tat umzusetzen, wird er diesen, ihm angebotenen Weg gehen. Seinen Weg? Dar√ľber ist er sich nicht sicher, aber war es nicht schon immer so? Alles hat man ihm vorgekaut, er musste es nur noch schlucken und sich damit abfinden bis zu dem Tag, als er sich auf Anraten entschloss, nicht immer nur das zu befolgen, was er von anderen gesagt bekam. Nat√ľrlich passte dieser pl√∂tzliche Sinneswandel nicht in das Schema, in das er von den anderen eingeordnet worden war. Er war lange genug zurechtgebogen worden, es wurde Zeit, Eigenverantwortung zu √ľbernehmen. Leider war auch dies nicht seine Idee, sondern die Au√üenstehender und das Umsetzen erwies sich schwieriger als er gedacht hatte. Er sollte langsam mal etwas selbst entscheiden, aber wie f√§llt man eine Entscheidung, die man auch vertreten kann? Man hat es ihm nie beigebracht, nie gesagt, was in solchen Situationen zu tun ist. Bis zu dem Tag, als er eine Entscheidung zu treffen hatte und von einem Fremden zum ersten Mal Hinweise und Ratschl√§ge erhielt, wie man Entscheidungen trifft. Sofort kam der R√ľckschlag aus den eigenen Reihen, warum er so sehr auf Fremde baut und nicht auf die famili√§ren Banden zur√ľckgreift. Ja, warum wohl, weil er von diesen ach so starken Banden nie das bekam, was er wollte. Er wurde zurechtgebogen, nach ihren Vorstellungen, aber was er eigentlich wollte, danach hat nie jemand gefragt, es geschweige denn zugelassen. Und auch dieses Mal wieder. Der Weg zur professionellen Hilfe, wie oft ist er ihn im Geiste schon gegangen, zehn Mal, zwanzig Mal, er wei√ü es nicht. Er wei√ü auch nicht, ob er ihn von selbst jemals gegangen w√§re. Dennoch war dieser √úbergriff seiner Bekannten die wohl einzige M√∂glichkeit, ihn am Leben zu halten. Er w√§re nicht mehr hier, wenn sie ihn nicht auf diesen Weg gebracht h√§tte. Aber was ist daraus geworden. Er geht diesen Weg allein, sie hat ihn ein St√ľck begleitet um sicher zu gehen, dass er nicht umkehrt und ihn dann irgendwann alleine weitergehen lassen. Da wurde es zum ersten Mal so richtig eisig um ihn herum und nach jeder Stunde dieses Weges schien er immer tiefer zu fallen. Der Weg gestaltet sich holprig, nicht immer geradlinig und der anfangs bereits sehr schmale Weg wurde immer unwegsamer und einsamer. Ab und zu kann er Rast machen, auf einer Bank f√ľr eine Stunde aus dem Dickicht ins Licht sehen, aber was geschieht dann. Die Schritte von Rastplatz zu Rastplatz werden immer schwieriger, er f√ľhlt sich von Mal zu Mal einsamer, abgewiesen, zur√ľck- und allein gelassen in einer Welt, in der er sich nicht mehr zurechtfindet. Die Welt um ihn herum wird immer k√§lter und feindseliger. Immer zu den w√§rmsten Minuten auf der Bank muss er diese verlassen, weil der N√§chste sich diesem Rastplatz n√§hert. Das Verlassen dieser Sicherheit und Geborgenheit versetzt ihm jedes Mal einen heftigen Stich, so ist es doch der einzige Ort, an dem er sich so richtig wohl, verstandenen und so akzeptiert f√ľhlte, wie er ist. Die Angst vor dem n√§chsten Rastplatz w√§chst und wird unertr√§glich, aus Angst, diesen sch√ľtzenden und auch ermutigenden Ort wieder genau in dem Moment verlassen zu m√ľssen, wenn er sich am sichersten f√ľhlt. Dies f√ľhrt dazu, dass er die M√∂glichkeit der Rast nicht mehr richtig nutzen kann, immer aus Angst, in den entscheidenden Momenten weitergehen zu m√ľssen. Die Zeit scheint ihm in den Momenten ganz besonders schnell davon zu laufen, obwohl sie ihm sonst immer wie eine Ewigkeit vorkommt und er sich so sehr nach diesem Ankerplatz sehnt. Aber was ist am Ende dieses Weges, was oder auch wer wird auf ihn warten, was passiert, wenn es diese M√∂glichkeit der Rast nicht mehr gibt? Diese Vorstellung l√§sst in erstarren. Der Puls erh√∂ht sich, das Herz √ľberschl√§gt sich. Er m√∂chte diesen Ort nicht verlieren. So sehr w√ľnscht er sich, dass am Ende des Weges wieder ein Rastplatz wartet, den man auf einer anderen Ebene ab und zu und v√∂llig ungezwungen aufsuchen kann. Aber darf er √ľberhaupt darauf hoffen? Wird der, der ihm auf dem Weg Rast anbot und seine Geschichte kennt, sich darauf einlassen?

Mittlerweile ist es dreiundzwanzig Uhr einundvierzig und sehr kalt geworden; er fr√∂stelt, sp√ľrt den kalten Atem der Nacht durch seine Glieder schleichen. Er atmet tief ein, die Luft ist angenehm klar; es riecht nach Erde, feuchtem Gras, ein Geruch, der nicht so leicht zu beschreiben ist. Und dann diese leisen, behutsamen Ger√§usche inmitten der tiefen Stille. Ged√§mpfte Ger√§usche eines Igels, der sich durch das heruntergefallene Laub tastet, in der Ferne ein Kater, die sich in wildem Gefecht mit einem anderen Kater um eine Katze rauft. Doch alles scheint sich der Dunkelheit und der damit verbundenen Stille anzupassen, als m√∂chte die Natur keinen aus seinem Schlaf wecken. Kein L√§rm, der einem in den Ohren hallt, keine Hektik, keine Reiz√ľberflutung, mit der man tags√ľber zu k√§mpfen hat.
Noch einmal ziehen Bilder an ihm vorbei, noch einmal fließen die Tränen unkontrolliert an seinen Wangen herunter, noch einmal zeigt er all seine Empfindungen, die noch nie jemand sehen durfte. Ein letztes Mal. Und nicht einmal der Mond kann es sehen.

Ein Wirbel, ein Strudel, ein Sog zieht ihn in die Tiefe. Er will springen oder aber einfach nur die Augen schließen und Schluss; er hat noch nie einen Plan so durchdacht wie diesen, bis auf das kleinste Detail verfolgt bis zum Hier und Jetzt; er hat es sich fest vorgenommen und keiner will und wird es verhindern. Der unwiderrufliche Plan der langsamen Selbstvernichtung hat damit ein Ende.

Er tritt ein paar Schritte hervor an das Gel√§nder und lehnt sich hin√ľber. Eine Fledermaus fliegt dicht an ihm vorbei, sie scheint ihm den Weg zu zeigen. Den Blick gen Himmel gerichtet, breitet er die Arme aus und macht aus dem Augenblick die Unendlichkeit.

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Arkona
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2002

Werke: 5
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Hallo nell,

bitte nehme es mir nicht √ľbel, aber ich hasse diese Art Geschichten. Sie klingen f√ľr mich fast so, wie eine Anleitung f√ľr Leute, denen es tats√§chlich schlecht geht.
Es gibt Foren, da werden diese Storys verdächtig oft gepostet.
__________________
Arkona

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nell
Hobbydichter
Registriert: May 2002

Werke: 6
Kommentare: 7
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@arkona

Wieso sollte ich Dir Deine Meinung √ľbel nehmen - ich bin f√ľr konstruktive Kritik, egal ob positiver oder negativer Natur, immer offen - nur so kann ich mich weiterentwicklen. Ich muss zugestehen, dass diese Geschichte nicht gerade vor Optimismus "bl√ľht", dennoch, finde ich, sollte man sich auch mit solchen Themen auseinandersetzen und sie nicht totschweigen. Vielleicht bin ich zu sehr ins Detail gegangen, vielleicht ist es aber genau das, womit wir uns besch√§ftigen sollten, wenn wir jemanden kennen, der sich so verh√§lt, wie diese fiktive Person in der Geschichte. Ich danke Dir f√ľr Deine ehrlich Meinung!!!

Liebe Gr√ľ√üe,
Nell

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