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Leselupe.de > Erzählungen
Der Zeitlauscher
Eingestellt am 08. 01. 2004 16:34


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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"Adieu, Klara“, sagt der Mann leise in die Nacht hinein.
Daraufhin geschieht lange Zeit nichts. Der junge Mann steht bei der gro√üen Eiche und horcht auf den Wind. Dessen Rauschen sch√ľttelt an den m√§chtigen √Ąsten des alten Baumes, l√§sst sie √§chzen und st√∂hnen. Der tr√ľbe Blick des J√ľnglings scheint sich an etwas sehr weit Entferntes zu lehnen. Er schaut nur in eine Richtung, als erwarte oder beobachte er etwas. Oder - als sehe er jemandem nach. Aber dort ist niemand. Nur die Dunkelheit der Nacht. Und der Wind, der vom nahen Meer weht und sein Lied durch den alten Baum s√§uselt.
Konrad wendet sich um und geht, wischt sich fl√ľchtig mit der Armbeuge √ľber das Gesicht. Seine Spur zieht sich durch das nachtgr√ľne Gras. Der Mond wurde schon fr√ľh von vor√ľber ziehenden Wolken geraubt.
Der Weg zum Bode-Haus f√ľhrt Konrad am Strand entlang, wo sich die Brandung wie ein sch√§umendes Laken √ľber den Sand legt und vom Meer wieder zur√ľckgezogen wird. In seinem kleinen Heim legt Konrad den groben Mantel und den Wollschal ab.
‚Hier habe ich einen Kleiderst√§nder stehen. Er ist genau so gro√ü wie ich. Und hier links daneben ist eine gro√üe Truhe.’
Er greift nach der Schachtel mit den langen Streichhölzern und nach dem Kerzenleuchter.
‚Und hier in der Ecke ist der Kamin.’
Wenig später prasselt ein lebendiges Feuer zwischen den Scheiten. Zusammen mit mehreren Kerzen erhellt es das Zimmer.
Obwohl er es k√∂nnte, benutzt Konrad Elektrisches Licht kaum. Viel zu kalt; zu tot. Er liebt die alten Feuert√§nze und das Wiegen der Schatten an den W√§nden. Doch heute, zum ersten Mal, erf√ľllt ihn das Schauspiel in seinen eigenen vier W√§nden mit Unbehagen. – Und mit Einsamkeit.
Er hat sich nie einsam gef√ľhlt. Oft w√§re es ihm lieb gewesen, ein einziges Mal nur die wohlige Behaglichkeit der absoluten Stille kennen zu lernen. Allein zu sein. – Aber jetzt ...
Er fröstelt.
‚Dort, wo du jetzt stehst, ist ein gro√üer Sessel mit einer hohen Lehne. Der geh√∂rte meinem Gro√üvater.’
Konrad nimmt in ihm Platz, die Beine der W√§rme entgegen gestreckt. Drau√üen, √ľber dem Land, entlockt der Herbst der Zeit den n√§chsten Morgen und tr√§ge schleicht die Dunkelheit in ihre Verstecke zur√ľck.
Konrad w√ľhlt seine Arme durch die dicken √Ąrmel ins Innere des Pullovers und findet den Anh√§nger, der ihm an einem Lederriemen um den Hals h√§ngt: Ein verschn√∂rkeltes K aus Bronze in einem Kranz aus ebenfalls bronzenem Eichenlaub, so gro√ü wie ein Kreis von Daumen und Mittelfinger. Sanft umtastet Konrad die kleinen Formen und Biegungen des Kleinods.
Lange sitzt der junge Mann in dem Sessel, gedankenverloren und in sich gekehrt. Hände und Amulett unter Wolle warm umschlungen. Sein Blick träumt in den Flammen. Irgendwann schließt er die Augen. Einschlafen kann er jedoch nicht.
Vergangenheiten halten ihn wach ...
* * *
Als er noch klein war, war seine Welt ein Kauderwelsch, ein wirrer Urwald aus Sprache. Viel zu viele W√∂rter f√ľr zu wenige M√ľnder, die sich meist nicht einmal zu ihnen bewegten.
Seine Eltern waren zun√§chst sehr erfreut dar√ľber, wie schnell Konrad zu reden lernte. Dann aber schlug ihr Stolz in Besorgnis um, denn ihr Sohn zeigte zunehmend das seltsam anmutende Verhalten grundlos loszubrabbeln. Er reagierte zwar auf all jene Spielereien, mit denen Erwachsene Kleinkindern die ersten Worte zu entlocken versuchen, jedoch weitaus √∂fter schien er auf Personen einzugehen, die niemand sehen konnte. Wie aus heiterem Himmel lachte er los, als h√§tte jemand einen tollen Scherz getrieben oder ihn mit einem komischen Laut belustigt. Nur wusste niemand wer, denn es war kein Mensch in der N√§he des Laufstalls.
In den folgenden Jahren nahm das seltsame Verhalten des Jungen bedenkliche Formen an. Er schwatzte beim Spielen in die leere Luft hinein und die Eltern hörten ihn auf Fragen antworten, die sie ihm nicht gestellt hatten.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Das gibt sich“, beruhigten die √Ąrzte, die Konrads Eltern mit ihm aufsuchten. „Kinder erfinden manchmal imagin√§re Spielkameraden. Besch√§ftigen Sie sich mehr mit ihm, und Sie werden sehen: Ihr Konrad wird sehr bald sein Interesse an diesen Phantasiegestalten verlieren.“
Das war leicht gesagt. Seine Eltern mussten beide den ganzen Tag arbeiten, um f√ľr sich und ihre beiden Kinder – Konrad hatte eine √§ltere Schwester – das teure Leben in der Stadt zu erm√∂glichen.
Bald glaubte niemand mehr daran, dass es sich um einen unsichtbaren Spielkameraden handelte, der da ständig in Konrads Einbildung spukte. Der Kleine wachte nachts schreiend auf, zitternd und bleich vor Angst. Es seien welche im Zimmer. Ganz viele. Überall höre er Stimmen. Da ... und da ... und dort auch. Geräusche, Laute, Sprache.
„Aber was genau h√∂rst du denn?“ versuchten die Eltern zu ergr√ľnden. „Sag es uns doch.“
Konrad konnte es nicht sagen. Er hörte immer mehr. Und was er da wahrnahm, vermischte sich zu einem chaotischen Gefasel, einem unverständlichen Durcheinander, das kaum auseinander zu halten war. Also suchte der kleine Junge selbst nach einer Möglichkeit dieses Tohuwabohu von Stimmen und Geräuschen zu entwirren. Wenn er darin etwas hörte, was er kannte und ihm vertraut war, so hielt er in Gedanken angestrengt daran fest und versuchte es zu malen.
Und so begann der vierjährige Konrad eine Begabung zum Zeichnen zu entwickeln, die von jedem als außergewöhnlich gelobt wurde. Doch war sie allein aus der Not geboren, nicht anders erklären zu können, was in seinem lauten Kinderkopf vorging.
Konrads Bilder verwunderten jeden Betrachter. Unter ihnen war kein einziges der √ľblichen Wachsmal-Tiere und nicht ein windschiefes Haus. Sie stellten vielmehr ganz allt√§gliche Situationen dar: Eine Frau beim Geschirrsp√ľlen. Kinder beim Ballspielen auf einem Spielplatz. Ein verliebtes P√§rchen auf einer Bank im Park. Ein rauchender Mann. Zwei tratschende Frauen.
Je älter der Knabe wurde, um so detaillierter wurden seine Bilder. Bis auf ein Merkmal, das sofort bei jedem Werk auffiel: Keine der Figuren besaß ein Gesicht.
Man fragte Konrad nat√ľrlich, weshalb diese Gestalten gesichtslos seien. Und er gab stets die geheimnisvolle Antwort, dass er Gesichter nur dann malen k√∂nne, wenn er sie schon einmal gesehen habe. Jene Menschen habe er aber nie gesehen.
Diese Aussage gab den √Ąrzten, die mit Konrad zu tun hatten, noch mehr R√§tsel auf. Kein Arzt und kein Psychologe konnte die mitunter hervorragenden Zeichnungen des Jungen deuten, da deren Darstellungen offenbar weder verschl√ľsselt noch ertr√§umt oder real erlebt waren.
Was war mit diesem Jungen los? War er etwa hellh√∂rig? Konnte er √ľber weite Entfernungen hinweg h√∂ren, durch Zimmerw√§nde und ganze H√§userblocks? Oder war das, was er da st√§ndig wahrnahm, so etwas wie Stimmen aus einer anderen Welt? Vielleicht gar ... aus dem Jenseits?
Konrad wurde den Menschen in seiner Umgebung immer unheimlicher. Niemand vermochte den Eltern ihre Bef√ľrchtungen zu nehmen. Nicht einmal ihr Sohn selbst.
„Wie h√∂rst du diese Stimmen denn?“ wurde Konrad so oft gefragt, dass er diese f√ľr ihn selbst schwierige Frage bald wirklich leid war.
„Die sprechen alle ganz wild durcheinander. Da kann ich nie was richtig verstehen. Und einzeln reden sie nur manchmal.“
„Aber ... wann h√∂rst du diese Stimmen?“
„Nur, wenn ich will.“
Das klang meist patzig, war aber die Wahrheit. Denn irgendwann hatte Konrad herausgefunden, wie er die Stimmen in sich eindämmen und verstummen lassen konnte, wenn und wann er wollte. Irgendwie klappte das. Es geschah in seinem Kopf.
„Das ist so, wie wenn man was ausknipst. Licht oder so.“
Jedenfalls wurde er mit Hilfe dieser Methode nicht mehr von den unheimlichen Kl√§ngen und Gespr√§chen bel√§stigt, und bald sah Konrad diese nicht mehr als St√∂rung an. Ganz im Gegenteil: Wenn ihm langweilig war, ‚knipste’ er in seinem Kopf einfach wieder auf Empfang und h√∂rte dem Gebrabbel zu. Auf diese Weise lernte er mit der Zeit die Stimmen zu sortieren – „auseinander zu h√∂ren“, wie er es nannte. Und Konrad tat dies mit wachsender Begeisterung. Man merkte ihm sofort an, wenn er den H√∂rspielen lauschte, die sich da irgendwo in seinem Gehirn abspielten. Er sa√ü dann da, in einer stillen Ecke, die Augen geschlossen, und in seinem kindlichen Gesicht spielte sich die gesamte Palette der verschiedenen Gef√ľhlsregungen ab. Mal blickte er gespannt und mal √ľberrascht drein, dann traurig oder fr√∂hlich, entr√ľstet oder schadenfroh und h√§ufig kicherte er nur still vergn√ľgt in sich hinein.
So war das Geheimnis um Konrads seltsame Begabung zwar noch nicht gelöst, aber immerhin bereitete sie ihm und seinen Eltern keine Sorgen mehr.
Da sein Vater und seine Mutter dem Jungen nach ihrem Arbeitstag nicht ausreichend die von den √Ąrzten geratene Aufmerksamkeit spenden konnten, geh√∂rte Konrads Hauptsympathie weniger ihnen, als viel mehr seiner √§lteren Schwester. Er hatte sie liebevoll auf den Namen ‚Blume’ getauft. Ihren richtigen Vornamen mochte Blume nicht und hatte ihrem kleinen Bruder schlicht verboten, sie so zu nennen. Konrad verstand das. Er mochte den Namen auch nicht.
Das M√§dchen k√ľmmerte sich r√ľhrend um ihren Bruder. Und obwohl Blume sechs Jahre √§lter war, gab es zwischen den Geschwistern nie jenen Zank und Streit, der bei solcher Altersdistanz h√§ufig √ľblich ist. Sie verstanden sich so gut, dass es aller Welt fast ungew√∂hnlich erschien. Die zwei konnten sich alles erz√§hlen, was immer es auch war, und ihre tiefsten Geheimnisse wussten sie bei dem anderen in sichersten H√§nden.
„Blume?“ fragte Konrad seine Schwester einmal, als sie ihm eines Abends noch vorgelesen und gerade das Buch fortgelegt hatte. „Warum fragt mich jeder so komische Sachen?“
„Na, weil niemand verstehen kann, dass du Dinge h√∂rst, die sie nicht h√∂ren k√∂nnen.“
„Du fragst mir nie L√∂cher in den Bauch so wie die. Verstehst du es denn?“
„Nein“, hatte Blume gesagt und ihm z√§rtlich √ľber die Stirn gestreichelt. „Und ganz ehrlich: Das will ich auch nicht.“ Daraufhin sa√ü sie eine lange Zeit schweigend auf der Bettkante und schaute ihn an. Bis sie schlie√ülich hinzuf√ľgte: „Wei√üt du, die anderen machen alle ein so gro√ües R√§tsel aus dir. Sie fragen immer ‚Warum?’ und ‚Weshalb?’ Ich finde das genauso langweilig wie du. Ich mag es viel lieber, wenn du mir ab und zu erz√§hlst, was diese Stimmen dir erz√§hlen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich dich lieb habe, so wie du bist, mit diesem verr√ľckten Tick in deinem Kopf.“
Konrad schaute zun√§chst etwas verwirrt drein. Dann, nach einer Weile, nickte er. Und als sich seine Schwester in ihr Bett neben dem seinen gelegt hatte und die Sandmannlampe ausmachte, fl√ľsterte er „Ich habe dich auch lieb, Blume“ in die Dunkelheit des Kinderzimmers.
Und doch sollte ausgerechnet Blume es sein, die ein paar Wochen später hinter das Geheimnis von Konrads Stimmen kam. Durch Zufall. Und auf grausame Art und Weise.
* * *
(Fortsetzung folgt)
__________________
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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Sandra
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Registriert: Not Yet

Hallo Markus,

nachdem ich Dein Werk schon per Download gelesen habe, hatte ich auch vor, nochmals in der LL reinzuklicken und etwas zu schreiben. Wie bereits schon erw√§hnt, gef√§llt mir die Geschichte sehr gut. Du h√§ltst den Wechsel der Zeiten durch und die Geschichte scheint mir neu und spannend. Mich w√ľrde noch interessieren, was Du mit der kompletten Geschichte vorhast? Ich denke, f√ľr einen Roman wird es zu kurz sein. Sie hat wohl eher die Gr√∂√üe einer Novelle, oder?

Die Details habe ich Dir ja per Mail zugeschickt.

Ich werde den Zeitlauscher auf alle Fälle weiter lesen und Dir nach und nach sagen, wie es mir gefällt.

Gruß

Sandra

P.S. Fall Du detailiertere Verbesserungsvorschläge brauchst setze Deine Geschichte doch einfach bei Hier klicken rein. Dort werden längere Geschichten eher und haarklein kommentiert.

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Stephanie Seelig
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2001

Werke: 44
Kommentare: 387
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hallo markus

Willst du eine ehrliche Antwort? Bitte bring mehr Spannung rein. Ich finde es langweilig. Nicht b√∂se gemeint. Es hat viel. W√ľrde dir gerne sagen wie du es anders machen sollst, aber kann es nicht. Lass die Geschichte leben. Mein Vorschlag.



In diesem Sinne....Stephanie




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Gespräche sind Leitplanken

Gezähmte Lippen

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Stephanie Seelig
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Registriert: Oct 2001

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Hallo Markus

So nun habe ich es in Ruhe gelesen und nehme meine vorherige Anwort zur√ľck. War gestern einfach schon zu sp√§t. Lese gleich den zweiten Teil.

In diesem Sinne.....Stephanie
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