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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der andere Fahrgast
Eingestellt am 21. 02. 2006 21:19


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Meckie Pilar
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Der andere Fahrgast

Die große Bahnhofsuhr zeigte drei Minuten vor neun. Sie hatte es also eben noch geschafft. Der Zug musste jeden Augenblick einlaufen. Hier am Gleis 2, ganz am Rande des BahnhofgelĂ€ndes war es dĂŒster. Nur wenige Lampen tauchten den Bahnsteig in ein trĂŒbes, orangefarbenes Licht. MerkwĂŒrdig nur, dass ĂŒberhaupt niemand hier stand und wartete!
Auf einmal war es ganz still. Eben noch plĂ€rrte eine Lautsprecherdurchsage, die alles ĂŒbertönte. Trotzdem hatte Viktoria kein Wort verstehen können. Sie hörte nur noch ihren Stoß weisen Atem. Das Rennen hatte sie angestrengt.
Erst jetzt bemerkte Viktoria, dass auf dem elektronischen AnkĂŒndigungsschild gar kein Zug angezeigt war. Aber hier war doch Bahnsteig 2! Sie schleppte ihre beiden GepĂ€ckstĂŒcke ein paar Schritte weiter bis zu dem beleuchteten Glaskasten mit dem Fahrplan. Die Zeit stimmte. Auch das Gleis. Aber irgendetwas war trotzdem nicht in Ordnung.
Auf allen anderen Bahnsteigen standen Leute herum. Gleis 2 war als einziges menschenleer. Sie sah sich Hilfe suchend um. Jetzt entdeckte sie am Ende ihres Bahnsteiges eine Frau, die dort zu warten schien. Viktoria zerrte ihre Sachen weiter.
„Entschuldigung, haben Sie irgendwas gehört, kommt der Zug nach Schifferstadt heute nicht hier an?“
Die Frau drehte sich ihr langsam zu. Sie reagierte nicht gleich. Viktoria sah in ein grell geschminktes Gesicht, in abweisende, etwas verschwommene Augen. Die Frau schien zu ĂŒberlegen, ob sie antworten wollte. „Keine Ahnung! Ich glaub, da war eben eine Durchsage“, sagte sie schließlich langsam und unbeteiligt. „Ich glaube, Sie mĂŒssen zu Gleis 7.“ Dann wandte sie sich wieder ab.
Viktoria versuchte ĂŒber die Bahnsteige hinweg zu erkennen, ob ihr Zug schon auf Gleis 7 stand. Weiter hinten wartete ein Zug. Das konnte er sein.
Sie nahm seufzend ihr GepĂ€ck wieder auf und hetzte zurĂŒck in Richtung Treppe. Jetzt hörte sie auch die Wiederholung der Durchsage: „Die Regionalbahn nach Schifferstadt fĂ€hrt heute nicht am Gleis 2 ab, sondern am Gleis 7.“
Hoffentlich erwischte sie den Zug noch! Wenn sie die AnschlusszĂŒge nicht mehr erreichen wĂŒrde, sĂ€ĂŸe sie irgendwo zwischen Mannheim und Speyer fĂŒr heutige Nacht fest.
Viktoria fing an zu rennen. Der Koffer schlug ihr bei jedem Schritt gegen das rechte Bein. Sie hastete die Treppe hinunter durch die dĂŒstere, zugige UnterfĂŒhrung. Sie trat in eine ölig schimmernde PfĂŒtze, die sich hier angesammelt hatte. Beinah wĂ€re sie ausgerutscht. Als sie versuchte, ihr Gleichgewicht zu halten, stieß sie gegen einen Mann, der hier im Dunkeln gestanden hatte. Sie konnte sein Gesicht in der Eile nicht erkennen. Sie rannte weiter.
Bei Gleis 7 stolperte Viktoria die Treppe wieder hinauf. Der Zug stand noch da. Nur jetzt nicht in den falschen Zug einsteigen! Mit gehetztem Blick suchte sie die WaggonwĂ€nde ab nach einem Hinweis ĂŒber den Zielbahnhof. Nichts war zu sehen. Aber schließlich konnte es nur ihr Zug sein.
Normalerweise setzte sie sich in die obere Etage. Von dort hatte man die bessere Aussicht. Doch jetzt blieb sie lieber gleich unten. Vom Bahnsteig aus hatte sie sehen können, dass die SitzplĂ€tze im Zug fast alle belegt waren. Auch oben war alles voll. Sie hĂ€tte außerdem auch gar nicht mehr die Kraft, ihren Koffer und die schwere Aktentasche die schmale Treppe hinauf zu wuchten. Ihr Atem ging noch immer schwer. So ein GepĂ€ckschnelllauf war wirklich nichts mehr fĂŒr sie. Und schon gar nichts fĂŒr ihren RĂŒcken.
Viktoria betrat das Zwischenabteil, das eigentlich fĂŒr Reisende mit FahrrĂ€dern und großen GepĂ€ckstĂŒcken vorgesehen war. Hier war reichlich Platz. Sie war ganz alleine. Sie klappte sich einen der gepolsterten Notsitze herunter. Das wĂŒrde ihr reichen. In 20 Minuten könnte sie ja schon wieder aussteigen. Wenn alles gut ging. Und bisher war schließlich alles klar gegangen.

Es war angenehm warm im Zug. Das tat gut nach dem feuchten und windigen SpĂ€therbstwetter, das sie den ganzen Tag hatte ertragen mĂŒssen. Viktoria versuchte, sich zu entspannen. Der Notsitz war etwas zu kurz. Sie streckte die Beine von sich und machte es sich trotzdem so bequem wie eben möglich.
Jetzt schlossen sich die TĂŒren automatisch und der Zug rollte an.
Die letzten Bahnhofslichter huschten vorbei. Hinter den großen Fenstern wurde es plötzlich dunkel. Von der Welt draußen war nichts mehr zu erkennen. Hinter ihrem RĂŒcken huschte die schwarze Nacht vorbei.

Jetzt kam ein junges MĂ€dchen mit kurzem, schwarzem Haar die Treppe vom oberen Stock herunter. Sie stieß die GlastĂŒr zum Zwischenabteil auf und setzte sich gegenĂŒber von Viktoria auf einen der anderen Notsitze. Sie holte ihr Handy heraus und fing sofort an zu telefonieren. Das MĂ€dchen wĂŒrdigte Viktoria keines Blickes. Viktoria betrachtete sie ungeniert. Sie hatte knallenge Jeans an und einen sehr freizĂŒgigen Busenausschnitt an ihrem Pulli. WĂ€hrend sie sprach, kokettierte und scharwenzelte sie ununterbrochen mit dem ganzen schlanken, aber wohlgeformten Körper, obwohl ihr GesprĂ€chspartner sie gar nicht sehen konnte. Wie alt mochte sie sein?
Viktoria beendete ihre Beobachtungen und schaute sich weiter um durch die GlastĂŒr, die ihr Zwischenabteil zur Treppe und zum oberen Stockwerk hinauf abschlossen.
Sie bemerkte ihn sofort. Sie hatte nur fĂŒr den Bruchteil einer Sekunde sein Gesicht sehen können. Die rastlose Art, wie er dasaß, war ihr sofort aufgefallen. Der Mann war noch jung, trotzdem machte der ganze Mensch einen zerschundenen und verbrauchten Eindruck. Das lag nicht nur an seiner Kleidung. Im Gesicht hatte er irgendeine schlecht versorgte Wunde. Und gleichzeitig wirkte der Mann auf sie unverschĂ€mt. Seine Augen saugten sich ohne Hemmungen an allem fest, was er ansah. Der Mann hatte gerade in dem Moment, als sie ihn erblickte, selbst in das Zwischenabteil herunter gesehen. Ihre Augen waren sich begegnet. Viktoria schaute betroffen weg. Warum bloß fingen mit einem Mal alle Alarmglocken in ihrem Kopf an zu schrillen? Unversehens fĂŒhlte sie sich von einer fast erwĂŒrgenden Welle der Abneigung ĂŒberschwemmt. Es peinigte sie, mit diesem Menschen in ein und demselben Zug zu sein. Warum musste sie immer solchen Menschen begegnen?
Viktoria hoffte instĂ€ndig, dass der Mann eigentlich das aufreizende junge MĂ€dchen angestarrt hatte. Aber eigentlich war ihr lĂ€ngst klar, dass er sie beobachtete. Vielleicht schon die ganze Zeit ĂŒber.
Viktoria blieb unverĂ€ndert sitzen, obwohl sich alles in ihr mit einem Mal anspannte. Sie sah aus dem Augenwinkel heraus, dass der Mann jetzt in die andere Richtung blickte und wagte es, noch einmal zu ihm hinaufzusehen. Sein Anblick jagte ihr erneut heftige Angst ein. Er war dĂŒnn und nicht besonders groß oder krĂ€ftig. Er bewegte sich, als hĂ€tte er getrunken. Sie sah, wie er auf andere FahrgĂ€ste einredete, die neben ihm saßen und ganz offensichtlich nicht angesprochen werden wollten. Doch das schien ihn nicht weiter zu interessieren.
Wieder blickte er zu ihr herunter mit diesem hemmungslosen und gierigen Augenausdruck. Hoffentlich hatte er nicht bemerkt, dass sie ihn beobachtet hatte!
Viktoria versuchte noch immer, locker zu bleiben. Sie kannte solche Situationen. Sie hatte so was immer irgendwie gemeistert, war immer wieder heil davon gekommen. Und sicher bildete sie sich das alles sowieso nur ein. Warum sollte er denn ausgerechnet sie im Visier haben? Sie war bestimmt gut 20 Jahre Ă€lter als er. Sie dĂŒrfte nach der anstrengenden Bahnfahrt heute auch kaum attraktiv aussehen.
Er sah schon wieder zu ihr her. Wie alt und hĂ€sslich muss man eigentlich sein, um in Ruhe gelassen zu werden? Sie schaute nach dem jungen MĂ€dchen. Aber das telefonierte und kĂŒmmerte sich nicht darum, was um sie herum geschah.
Viktoria schloss entnervt die Augen. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, erst gegen Mittag loszufahren. Jetzt musste sie in den spÀten, dunklen Abendstunden auf fremden Bahnhöfen herumirren. Aber sie hatte noch so viel zu erledigen gehabt am Morgen.
Außerdem sah sie das nicht ein. Warum sollte man als Frau in diesem Lande nicht am Abend im November mit der Bahn fahren können?
Meine GĂŒte, sie wollte doch nur ihre Ruhe! Sie sehnte sich danach, sich entspannen zu können. Sie hatte keine Lust mehr, vor irgendetwas auf der Hut sein zu mĂŒssen.
Aber sie ahnte es: Vorerst war ihre Ruhe vorbei.
Jetzt sah er wieder zu ihr herunter. Sie fĂŒhlte sich auf einmal wie ein Hase, der den Geruch des Jagdhundes gewittert hat. Sie versuchte, sich tot zu stellen.

Der Zug war gerade auf einem Bahnhof eingelaufen und stand jetzt still. Am liebsten wĂ€re sie jetzt einfach hier ausgestiegen. Sie konnte dem heftigen Impuls nur mit MĂŒhe widerstehen. Aber das durfte sie nicht: Sie wĂŒrde sonst sicher heute Abend nicht mehr von hier wegkommen. In Schifferstadt aber stand ihr Anschlusszug und in knapp 10 Minuten wĂ€re sie dann endlich in Speyer. Dort wartete ein warmes Zimmer mit einem frisch bezogenen Bett. Dort wĂ€re sie in Sicherheit, vor wem auch immer!
Das junge MĂ€dchen hatte aufgehört, zu telefonieren. Jetzt nahm sie ihre Tasche und ging ins nĂ€chste Abteil. Die TĂŒr schloss sich hinter ihr. Viktoria saß jetzt wieder ganz alleine da. Der Schaffner war eben schon durch ihr Abteil gegangen und wĂŒrde vorerst nicht wieder kommen.

Sie wusste es, bevor es wirklich geschah. Sie konnte es nicht verhindern. Er kam die Treppe herunter, er kam direkt auf sie zu. Sie saß in der Falle. Sie wĂŒrde nicht einfach weggehen können mit ihrem schweren, sperrigen GepĂ€ck. Es blieb ihr nichts ĂŒbrig, als zu bleiben wo sie war. Die zehn Minuten, die es jetzt noch bis Schifferstadt dauerte, musste sie einfach durchstehen.

Er kam die Treppe herunter, stieß mit einer etwas zu heftigen Bewegung die GlastĂŒr auf und setzte sich ihr gegenĂŒber auf einen der anderen Notsitze.
Viktoria beobachtete ihn ohne ihn offen anzusehen. So von Nahem wirkte er nicht wirklich gewalttĂ€tig, eher etwas angeschlagen. Vielleicht hatte sie sich in ihm getĂ€uscht? Was wollte er also wirklich? So, wie er da saß, wollte er mit ihr reden, sonst nichts. Ein einsamer, gekrĂ€nkter, nach menschlicher WĂ€rme hungriger Wolf? Aber sicher war das nicht. Und auch solchen Wölfen ist nicht zu trauen. Viktoria bemĂŒhte sich mit aller Kraft, gleichmĂŒtig auszusehen.

„Haste ne Zigarette?“, fragt er jetzt.
‚Warum bloß ich?‘, denkt sie Ă€rgerlich. ‚Warum bloß sucht sich der ausgerechnet mich aus?‘
Dass er sie duzt, ist vielleicht gar nicht als Provokation gemeint, ĂŒberlegt sie. Vielleicht auch doch. Er muss eigentlich sehen, dass sie nicht aus seiner Gesellschaftsecke kommt. Was also an ihr bringt ihn dazu, herunter zu kommen und mit ihr anzubĂ€ndeln? Und was will er von ihr? Hat er einfach seinen Spaß daran, ihr Angst einzujagen oder sucht er Kontakt?
„Ich rauche nicht.“ Sie versucht, es freundlich zu sagen. Sie ist auf der Hut. Sie will ihn nicht reizen.
„Kann ich mal dein Handy haben?“
„Ich hab keins“, lĂŒgt sie und wirft ihm einen kurzen Blick zu. Er scheint nicht sauer zu sein.
„Wo kommste denn her?“, setzt er seine Konversation fort. Was soll sie tun? Wenn sie schweigt, rastet er womöglich aus. Wenn sie antwortet, macht sie ihm Hoffnung.
„Aus Jena.“
„Ach, da aus dem Osten! Das wollte ich mir die ganze Zeit auch mal angucken. Die Leute reden immer nur so, aber da leben ja schließlich auch Menschen.“
Viktoria sieht ĂŒberrascht auf. Irgendwie ist er fast rĂŒhrend. Sie lĂ€chelt. Das scheint ihn zu ermutigen.
„Ich komm aus Hamburg. Ich arbeite da, weißt du? Jetzt fahre ich zu meinen Eltern. Die wohnen hier in Liebenheim.“
„Ach ja?“
„Wo musst du denn raus?“
Er möchte also reden. Das ist was wert.
„In Schifferstadt. Das muss jetzt gleich kommen.“
Erst in diesem Moment wird ihr bewusst, dass der Zug immer noch still steht. Es hat offenbar einen unerwarteten Aufenthalt gegeben. Sie muss trotzdem durchhalten. Wie lange bloß noch?
„In Hamburg ist es ganz schön“, fĂ€ngt er wieder an. „Kennst du Hamburg?“
„Ja, kenn ich. Mir gefĂ€llt es auch.“
„Weiß du, ich bin Autolackierer. Ich hab die ganzen Jahre Arbeit gehabt, eine gute Stelle. Das ist heutzutage nicht mehr selbstverstĂ€ndlich!“
Sie nickt. Sie sieht ihn an. Der bedrohliche Eindruck von vorhin ist jetzt fast vollstÀndig gewichen. Er kommt ihr nun eher vor wie ein allein gelassener Junge, der eine Mutter sucht. Das wÀre dann also die harmlosere Variante, denkt sie unsicher.
„Komm doch mit nach Liebenheim!“, schlĂ€gt er jetzt vor.
„Ich muss doch noch weiter. Ich will noch nach Speyer. Da muss ich in Schifferstadt aussteigen, jetzt gleich.“
Das hĂ€tte sie ihm nicht auf die Nase binden dĂŒrfen, das mit Speyer, fĂ€llt ihr ein. ‚Wenn er jetzt einfach mit ihr aussteigt?’ Viktoria merkt, wie ihr plötzlich ĂŒbel wird. Wenn doch nur der Zug endlich losfahren wĂŒrde!
„Bist du verheiratet?“
„Nein.“
„Single?“
„Auch nicht.“
Er sieht sie zweifelnd an.
„Gibst du mir deine Telefonnummer?“ Er lĂ€sst nicht locker! Irgendwie muss sie ihn stoppen, denkt sie, irgendwo muss sie ihm die Stirn bieten.
„Ich glaube nicht“, wagt sie zu sagen. „Ich gebe nicht jedem meine Telefonnummer, den ich so treffe.“
Er sieht sie an und schweigt. Er wirkt traurig, nicht böse. Er sieht sie lange an, ohne jede Scham, wie ein Kind.
„Was machst du denn so, beruflich, mein ich?“
Viktoria seufzt. Sie hasst diese Frage. Was bloß soll sie sagen? Aber was soll er mit einer Professorin? Vielleicht macht ihn das sauer?
„Ich bin Lehrerin.“ Das scheint ihr nicht so provokativ.
„Hey, toll. Ich kenne jemanden, der ist Lehrerin!“, freut er sich. „Was denn fĂŒr eine?“
„Was denken Sie denn?“ Das Fragespiel verbraucht Zeit. Das ist gut.
„Grundschule?“
„Nein.“
„Was denn dann?“
Viktoria zuckt mit den Achseln.
„Hauptschule?“
Sie schĂŒttelt den Kopf.
„Realschule?“
„Nein.“
„Dann also Gymnasium, echt!?“ Er betont jede Silbe des fremden Wortes. Er ist stolz, dass er es aussprechen kann.
Sie hat das GefĂŒhl, dass sie nicht noch weiter gehen darf, dass sie ihm nicht mehr zumuten kann. Sie nickt.
„Mensch, toll! So gebildet! Echt, das finde ich richtig gut!“
Er ist ehrlich begeistert.
Sie lĂ€chelt verloren. Sie spĂŒrt, wie ihr langsam die Luft ausgeht.
„Ich hab nur den Dingsda, den Hauptschulabschluss.“ Er sagt das zu ihr, wie man ein Schuldbekenntnis ausspricht. Der Mann hat angefangen, zu stottern. Er ist richtig aufgeregt.
„Das ist doch auch was! Das schafft doch heute auch nicht mehr jeder!“, hört sie sich sagen.
Er sieht sie an wie ein Hund, der gewohnt ist, nur Tritte zu bekommen, und der plötzlich gestreichelt wird.
Jetzt setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Endlich! In etwa zehn Minuten mĂŒssen sie jetzt in Schifferstadt sein. Aber sie wird in jedem Fall an der nĂ€chsten Station aussteigen. Sie kann nicht mehr. Egal, ob es dann wirklich Schifferstadt ist oder nicht.
„Ich glaube, wir sind jetzt gleich in Schifferstadt“, sagt sie vorsichtig. „Ich gehe am besten schon vor zur TĂŒr.“
„Gibst du mir dann deine Telefonnummer?“
„Ich hab Ihnen doch schon gesagt, dass ich das nicht mache.“
„Schade.“ Er sieht vor sich hin, ein wenig traurig, ein wenig vergnĂŒgt.
„Eine Lehrerin! War das eigentlich schwer, das Studieren?“
„Ach, nicht besonders. Es ging so.“
„Ich wĂ€re auch gerne so was.“
„Ist Autolackierer nicht gut?“
Er schluckt. Wahrscheinlich hat er schon vergessen, dass er ihr das erzÀhlt hat. Er kommt von ganz weit unten, das sieht ja jeder. Und sie sieht es sowieso.
Jetzt schweigen beide.
Verstohlen schielt sie auf ihre Uhr. Höchstens noch drei Minuten.
„Jetzt muss ich gleich aussteigen“, sagt sie und erhebt sich. Der Notsitz klappt sofort hoch.
„Dann möchte ich aber einen Abschiedskuss!“
Der Albtraum ist also noch nicht vorĂŒber! Wenn sie sich weigert, was dann? Sie kann in ihrem Kopf schon sehen, wie sein Gesicht sich in Sekundenschnelle verwandelt und verzerrt, wie er sich von einem traurigen Tramp in einem brutalen SchlĂ€ger verwandelt! Vielleicht tut sie ihm ja auch unrecht. Sie wĂŒrde etwas darum geben, zu wissen, ob er ihre Angst spĂŒrt.
Er legt seinen Arm um ihre Schulter und kĂŒsst sie auf die rechte und dann auf die linke Wange. Und nun hĂ€lt er ihr seine hin. Sie handelt wie ein Automat. Sie spĂŒrt weder Furcht noch Ekel. Das hier ist der Preis. Das muss gezahlt werden. Sonst entkommt sie nicht.
Dann lÀsst er sie gehen. Er bietet ihr nicht an, ihr GepÀck zum Ausgang zu tragen.
An der TĂŒr steht bereits ein gut gekleideter, Ă€lterer Herr mit einem großen Koffer. Sie stellt ihr GepĂ€ck daneben und schaut durch die Glasscheibe in die Dunkelheit hinaus. Jetzt fliegen die ersten Lichter vorbei. Der Zug verlangsamt die Fahrt und rollt in einen Bahnhof ein. Es kommen immer mehr Menschen die Treppe herunter.
Sie fĂŒhlt sich wieder sicher. Er steht an der ZwischentĂŒr hinter all den Menschen, die mit ihr aussteigen wollen. Sie sieht ihn kaum hinter den Köpfen der anderen.
„TschĂŒĂŸâ€œ, sagt er und wirkt auch jetzt noch traurig.
„TschĂŒĂŸâ€œ, murmelt sie, sie sagte es zur TĂŒr, nicht in seine Richtung.
Als sie auf dem Bahnsteig steht, merkt sie plötzlich, wie stark ihr Herz klopft.
Viele sind mit ihr ausgestiegen. Die meisten von ihnen wohnen offenbar hier. Der Bahnsteig leert sich rasch. Nur wenige FahrgĂ€ste wollen noch weiter. Der Anschlusszug ist schon weg, er hat natĂŒrlich nicht gewartet. Nun wird der Zug erst in 45 Minuten kommen. Und das ist dann fĂŒr heute der letzte.

Mit Viktoria zusammen ist eine junge Frau ausgestiegen, die sich sehr Ă€rgert, weil sie den Zug verpasst haben. Der Mann mit dem Koffer, der mit ihnen zusammen den Zug verlassen hat, ist nirgends mehr zu sehen. Weiter hinten im dĂ€mmrigen Licht sieht Viktoria ein aufgeregtes PĂ€rchen, das heftig gestikuliert und laut mit einander spricht. Irgendwo im Dunklen steht halb verdeckt von einer BetonsĂ€ule ein Mann und schaute zu ihnen herĂŒber. Sonst ist der Bahnsteig leer.
Viktoria steht mit ihrem GepÀck neben der jungen Frau.
„Was bin ich froh, dass ich da raus gekommen bin!“
Die Frau lĂ€chelt dĂŒnn und schweigt. Sie scheint an einem GesprĂ€ch nicht interessiert zu sein.
Der einsame Mann ist nĂ€her gekommen. Er steht noch immer im Schatten, sie kann sein Gesicht nicht erkennen. Er hat sich eine Zigarette angezĂŒndet. Er hat kein GepĂ€ck.

Die Frau, die neben ihr steht, hat auf einem anderen Bahnsteig weiter hinten einen Bekannten entdeckt. Sie nimmt sie ihr GepÀck und lÀuft zu ihm.
Viktoria steht alleine wieder neben ihrem Koffer.

__________________
der Ausbruch aus dem GefÀngnis dauert ein Leben lang ...B. Groult

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Larissa
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Der andere Fahrgast

Hallo Meckie Pilar,

du hast eine beklemmende Situation sehr subtil und eindringlich beschrieben. Die lĂ€hmende Angst der Protagonistin wird prĂ€zise herĂŒbergebracht, springt auf den Leser ĂŒber, lĂ€sst den Atem stocken.

Aufatmen, Erleichterung, als Viktoria schließlich mit heiler Haut der lauernden Gefahr entkommen ist. Noch einmal gut gegangen ... Und dann die ĂŒberraschende Wendung.

SpÀtestens als die junge Frau sich abwendet und der zweite
dĂŒstere Geselle auftaucht, gefriert das Blut in den Adern.
Großartig!

Beklommene GrĂŒĂŸe

Larissa

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HFleiss
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Der andere Fahrgast

Liebe Pilar,

du hast dir viel vorgenommen: eine differenzierte, zufĂ€llige Begegnung von Menschen, die sonst eigentlich nicht so nahe zusammenkommen, zu beschreiben. Die Idee zu diesem Stoff gefĂ€llt mir. Doch die AusfĂŒhrung lĂ€sst mich nicht in jedem Fall zufrieden zurĂŒck, ich sag es dir gleich mit Bedauern vorweg. Du hast dir viel MĂŒhe gegeben, daraus einen langen Text zu machen, und lang ist er wirklich geworden, insofern ist dieser Teil des Unternehmens gelungen.

Eine nervöse feine Dame (Professorin mit ausgeprĂ€gtem FeingefĂŒhl, dies der unteren Klasse nicht mitteilen zu können, ohne vor Scham im Boden zu versinken) fĂŒhlt sich wĂ€hrend einer Bahnfahrt von einem
Arbeiter („Er kommt von ganz weit unten, das sieht ja jeder“) belĂ€stigt. Wenn du das einfach als Tatsache stehen lĂ€sst, dasmit dem ganz weit unten, werden einige Leser spĂ€testens an dieser Stelle ihre LektĂŒre unterbrechen. Das aber ist die Situation, das ist die ganze Handlung, die betont wird durch den Wechsel vom PrĂ€teritum ins PrĂ€sens. Alles Drumherum ist Beschreibung, sehr wortreiche, du bist buchhalterisch darauf bedacht, nichts auszulassen, und fĂŒr die eigentliche Handlung nicht in allen FĂ€llen relevant. Aber auch bei Beschreibungen kommt es meiner Ansicht nach auf die Auswahl an. Du fĂŒhrst Personen ein, die dann auf die Handlung in keiner Weise einwirken, zum Beispiel die junge Frau, sie „schwarwenzelte ununterbrochen mit dem ganzen schlanken, aber wohlgeformten Körper“ (eine, wie ich finde, nicht ganz glĂŒckliche Beschreibung), am Schluss noch eine Frau, die nun gar nichts mehr tut, als dass sie auf dem anderen Gleis einen Bekannten entdeckt. Nun kannst du sagen, das gehört zur Ortsbeschreibung, und da hast du recht, aber inzwischen kennen wir den Ort ziemlich genau, und von gestern sind deine Leser auch nicht, sie wissen, dass es auf Bahnhöfen mehrere Reisende gibt.

Mir hĂ€tte die Geschichte besser gefallen, wenn du dich ganz auf die Begegnung der beiden beschrĂ€nkt und die Örtlichkeit mit wenigen Strichen beschrieben hĂ€ttest. So muss man sich seitenlang durch nicht allzu Ergiebiges durchlesen, bis man zum Eigentlichen kommt, und zum Schluss hĂ€ngst du noch ein völlig unwesentliches SchwĂ€nzchen dran, statt die Handlung hochzuziehen. Die Handlung selbst bietet nichts Ungewöhnliches, beinahe jeder Frau ist solch eine Begegnung schon einmal im Leben passiert. Nun ist aber nicht jede Frau eine nervöse feine Frau Professor, und wenn du diese Personenkonstellation benutzt, dann erwarte ich als neugierige Leserin, dass sich die Handlung aus diesem gesellschaftlichen Hintergrund ergibt. Das aber tut sie nicht. Es ist mehr oder weniger ein allgemein-konkretes GeplĂ€nkel, die Situation ist nicht besonders auf die Spitze getrieben (bis auf den Kuss, na ja), die Personen gehen aus dieser Begegnung nicht verĂ€ndert hervor. Das aber ist der Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte.

Im ersten Teil der ErzĂ€hlung deutest du etwas an: „Aber irgendetwas war trotzdem nicht in Ordnung.“ Hier geht es um die Beschreibung des Bahnhofs. Ich als durchschnittliche Leserin erwarte jetzt, dass sich auf diesem Bahnhof irgendetwas abspielen wird (die eigentliche Handlung). Aber April, April - die Handlung spielt sich im Zug ab.

Die Charakterisierung ist mir stellenweise nicht differenziert genug. Du hast recht, auch eine Frau Professor ist eine einsame Frau in dieser Situation, und sie hat wie tausend andere einsame Frauen in dieser Situation Angst. Dass ihr dennoch mit einem Mal einfĂ€llt, der dreckige Kerl ist nur die HĂ€lfte von mir wert, schließlich bin ich sogar eine Professorin und der Typ da nur Arbeiter – der Leser muss in deiner Lesart ihre Reaktionen auf das irgendwie angeborene flegelhafte Verhalten des Mannes zurĂŒckfĂŒhren -, und du dieses nicht in den Mittelpunkt der ErzĂ€hlung stellst, das empfinde ich als verschenkt. Befremdend sogar finde ich den kommentarlosen Satz: „Ein einsamer, gekrĂ€nkter, nach menschlicher WĂ€rme hungriger Wolf?“ Als ob ein Arbeiter unbedingt ein einsamer, gekrĂ€nkter, hungriger Wolf sein muss. Schon den Vergleich mit dem Wolf nehme ich dir ein wenig ĂŒbel, dann ist die Dame nĂ€mlich eine dĂ€mliche Ziege, der man den Hintern versohlen sollte. Dass ich darauf komme, liegt daran, dass diese Frau aus dieser Begegnung nichts, aber auch gar nichts lernt. Und das liegt meiner Ansicht nach am Autor.

Was mir auffĂ€llt am Stil: Reihenweise kurze SĂ€tze Subjekt, PrĂ€sidikat, Objekt. Das ist mir noch ein wenig zu eintönig. Lesbar wird ein Text doch erst durch die Mischung von kurzen, mittellangen und langen SĂ€tzen. So aber habe ich das GefĂŒhl, dass du beim Schreiben ein bisschen kurzatmig warst.

Ich weiß nicht, ob du bereit bist, auf die angesprochenen Punkte einzugehen. Ich habe deine Geschichte ernst genommen und will dir kein Allerweltslob spenden, ein Lob allerdings verdienst du wie jeder, der sich mit einer Geschichte abmĂŒht – hier ist es, sehr gern wĂŒrde ich noch sehr viel mehr loben, - es ist ein interessanter Stoff, aus dem du mit ein wenig Überarbeitung eine wirklich gute Geschichte machen könntest. Du weißt, hier gibt es nur persönliche Meinungen, dies ist wie immer eine von vielen.

Lieben Gruß
Hanna

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Meckie Pilar
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Der andere Fahrgast

Liebe Hanna,
ich bin beeindruckt, dass du dich so ausgiebig und lange mit meinem Text beschÀftigt hast.
Danke fĂŒr manschen Hinweis und manche Anregung, ich werde sie einarbeiten.
Dennoch: Wenn ich nicht vorher auch die RĂŒckmeldung von Larissa bekommen hĂ€tte, ich glaube, ich wĂ€re ganz schön perplex gewesen.
Besonders, dass du den beschriebenen Mann immer als Arbeiter bezeichnest und dann im Gegesatz zu der Professorin siehtst - und damit eine Geschichte wahrnimmst, in der eine feine Dame sich ĂŒber einen armen Mann erhebt, (was eigentlich hĂ€tte sie lernen sollen?) hat mich aus den Socken gehauen. Ich fĂŒhle mich an dieser Stelle falsch verstanden. Aber da muss ich mich wohl selber an die Nase packen, denn wenn der Text solche IrrtĂŒmer hergibt, dann habe ich vermutlich was falsch gemacht.
Es handelt sich nicht um das Problem sozialer Unterschiede sondern um die Hilflosigkeit einer Frau, die mit jemand konfrontiert wird, der ihr Angst macht, weil er sich so verhĂ€lt, dass sie sich weder auf Regeln der RĂŒcksicht und des zwischenmenschlichen Understatements verlassen kann noch darauf, dass das GegenĂŒber ihre Person und ihren Wunsch, in Ruhe gelassen und nicht berĂŒhrt zu werden, respektiert. Obwohl sie vielleicht "ĂŒber" ihm steht und in jeder anderen Situation in der Lage wĂ€re, ihn von sich fern zu halten, ihn einfach stehen zu lassen oder auch, ganz lĂ€ssig und cool mit ihm zu reden - hier, alleine, eingesperrt in diesen fahrenden Zug, beschwert und unbeweglich durch GepĂ€ck und Erschöpfung, ist sie es nicht. Und deshalb ist sie völlig aufgeschmissen und hilflos und kann nur noch versuchen, irgendwie halbwegs heil aus der Sache heraus zu kommen.
Und diese Situation zu zeigen, das ist die Absicht meiner eindringlichen Bahnhofschilderungen, das ist der Hintergrund fĂŒr den etwas atemlosen Stil und vor allem ist das die Funktion der Tatsache, dass stĂ€ndig andere Menschen auftauchen, sie aber trotzdem immer wieder alleine bleibt. Du schreibst: "Du fĂŒhrst Personen ein, die dann auf die Handlung in keiner Weise einwirken". Genau das ist es aber. Das macht die Situation so einsam und hilflos. Mir ist das ĂŒberhaupt erst jetzt beim Wiederlesen aufgefallen, ich hatte das gar nicht bewußt so gemacht. Aber es hat eben genau diese Funktion und das werde ich wohl nicht Ă€ndern.
Das SchwĂ€nzchen, wie du es nennst, ist tatsĂ€chlich nicht besonders glĂŒcklich formuliert. Es geht darum, dass sie sich in Sicherheit glaubt, dass aber alles - vielleicht - wieder von vorne losgeht....
Und dann noch:
Warum sollten oder mĂŒĂŸten die Personen deiner Meinung nach verĂ€ndert aus dieser Situation hervorgehen? Sie wird vielleicht ein bisschen mehr Angst haben. Und er wird sich vielleicht eins lachen. Mehr kaum. Aber die Geschichte soll doch keine "Lehrgeschichte" sein, kein Entwicklungsroman...

Wie gesagt, die Geschichte sollte so ankommen, wie sie bei Larissa angekommen ist (was mich sehr freut!). Aber gelernt habe ich tatsĂ€chlich ganz viel aus deinem Kommentar. Danke noch mal fĂŒr deine MĂŒhe!
LG Meckie


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HFleiss
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Der andere Fahrgast

Liebe Meckie Pilar,

was soll ich dir darauf antworten? Wenn du diese Geschichte, wie sie jetzt ist, in einem sehr konservativen Kreis vorliest, wirst du auf Beifall stoßen wegen der gesellschaftlichen Aussage: Besserverdienende sind bessere Menschen als Schlechterverdienende, die wissen sich noch zu benehmen, Leute der "Unterschicht", wie man Arbeiter neuerdings nennt, haben eben keine Kinderstube gehabt. Das ist sehr plakativ, und so etwas sollte man wirklich vermeiden. Stell dir vor, du hĂ€ttest die Geschichte umgekehrt geschrieben: Ein vermögender Mann in guter gesellschaftlicher Position verirrt sich nachts in einen Zug, trifft dort auf eine alleinreisende junge VerkĂ€uferin eines Supermarktes, baggert sie an, und die junge Frau wehrt sich. WĂ€re ein solcher Vorgang von deinem Standpunkt aus möglich? Das wĂ€re nicht nur ein interessanterer Konflikt fĂŒr eine Geschichte, das ist mein Standpunkt. Jeder Autor verrĂ€t auch etwas von sich selbst, egal, was er schreibt.
Du fragst, weshalb die Personen verĂ€ndert aus einer Geschichte hervorgehen sollten. Es ist ganz einfach: Wenn die beiden nur ĂŒber Unwichtiges parlieren, was sie nicht weiter berĂŒhrt, ist auch der Leser nicht weiter berĂŒhrt. Es ist tatsĂ€chlich ein Grundsatz einer Geschichte, dass die Personen gegenĂŒber ihrem Eintritt in die Geschichte verĂ€ndert hervorgehen sollten, positiv oder negativ im Autorensinne, erst dann gewinnt der Text Spannung. Ich habe dir geschrieben, dass ich die Konversation der beiden lediglich fĂŒr GeplĂ€nkel halte, und insofern habe ich auch fehlende Spannung beklagt.
Was die ĂŒbermĂ€ĂŸig lange Beschreibung angeht: Beschreibung ja, aber sie muss in einem relativen VerhĂ€ltnis zur Handlung stehen. In deiner Geschichte wuchert sie, sehr oft auch funktionslos.
Es tut mir wirklich leid, ich kann dir nichts anderes schreiben, das ist nun mal meine Meinung.

Lieben Gruß
Hanna

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Mumpf Lunse
Routinierter Autor
Registriert: May 2004

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Hallo,
Interessant euer Disput, HFleiss und Meckie Pilar.
Was die LĂ€nge der Beschreibungen und die etwas abgehackte Schreibweise angeht, schließ ich mich Hfleiss an.
Was das Ideologisieren angeht, bin ich unentschlossen.
Mir fÀllt das Fehlen von Zwischentönen auf. Entweder es gibt keinen Kontakt oder es fehlt jede Distanz.
Das Bedrohliche an der Situation entsteht nicht aus der "RealitÀt", sondern aus der Fantasie der Protagonistin.
Oder aus ihrer UnfÀhig-/Unwilligkeit angemessenen Kontakt zu bekommen.
Der Zug ist - bis auf den Raum, fĂŒr den die Frau sich entschieden hat - brechend voll. Was könnte den passieren?
Welche Bedrohung - ob real oder in der Fantasie existiert denn? Du deutest an das sie sich sexuell bedroht fĂŒhlt. Sie relativiert das aber sofort. Also frag ich mich: worum geht es eigentlich? Hier wird es vielleicht doch noch ideologisch. FĂŒr mich liest es sich so: Die Frau Professor kommt durch widrige UmstĂ€nde (Reise mit der Regionalbahn - im ICE ist man ja unter sich - so man es sich leisten kann.) mit einer fremden Welt in Kontakt. Da wimmelt es von Menschen, die nach anderen Spielregeln agieren. Sowas verunsichert, macht Angst.
Oder ist das ein weiterer Beitrag zu einem beliebten Thema? Frauen haben es schwerer als MĂ€nner.
Die Idee von HFleiss das Ganze umzudrehen ist schon recht reizvoll. Allerdings wĂŒrde ich es in einem anderen Sinn umdrehen. Ein mĂŒder, genervter Akademiker sitzt im Zug und eine 20 Jahre jĂŒngere HauptschĂŒlerin versucht ein GesprĂ€ch mit ihm zu fĂŒhren. "haste mal ne Zigarette?" usw. ... "aber dann will ich wenigstens einen Abschiedskuss" ...
Nun weiß ich ja nicht, welche Assoziationen da bei anderen entstehen, aber ich vermute niemand wĂŒrde das als bedrohlich lesen. Es wĂ€r wohl eher auf eine tragische Weise romantisch. Mein Fazit: Die Bedrohung ist Produkt von "Weltsicht". Insofern kein Text ĂŒber eine bedrohliche Situation, sondern ein Text ĂŒber "Konstruktion von Wirklichkeit".

Zum Abschluss vielleicht noch:
Ein Text, der zum Diskutieren anregt, ist gut!

Viele GrĂŒĂŸe

Mumpf

__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ĂŒberraschendes

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