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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der befleckte Spiegel
Eingestellt am 08. 11. 2002 16:26


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Rolf-Peter Wille
???
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Der befleckte Spiegel


© Rolf-Peter Wille


(Diese Geschichte spielt in Taiwan.)

Ganz aus Versehen warf Dr. X., PrĂ€sident der MiĂ«ntze* UniversitĂ€t, beim HĂ€ndewaschen einen Blick in den Spiegel im Klo der Musikabteilung. Die Reflektion des PrĂ€sidenten, die der Spiegel durch die Augen desselben in das PrĂ€sidentengehirn warf, stimmte nicht ĂŒberein mit dem Bild eines PrĂ€sidenten der MiĂ«ntze UniversitĂ€t in eben diesem PrĂ€sidentengehirn. Der Spiegel war besudelt, und X.’s unbefleckter Anzug, made in Hongkong, erschien in diesem Spiegel als besudelter Anzug — ganz zu schweigen von den verfeinerten GesichtszĂŒgen des Herrn PrĂ€sidenten, die in diesem Spiegel einen ganz ordinĂ€ren Ausdruck erhielten.

Diese Erscheinung erregte die Empörung des PrĂ€sidenten. Die MiĂ«ntze UniversitĂ€t verdiente einen unbefleckten PrĂ€sidenten, selbst wenn es sich nur um eine Reflektion handelte. X. beauftragte ohne weitere UmstĂ€nde seinen SekretĂ€r, den Dean zu benachrichtigen. Der Dean benachrichigte den Jiao Wu Tzeng, dieser den Direktor der Musikabteilung, welcher seinem SekretĂ€r befahl, die Angelegenheit bei der nĂ€chsten Abteilungskonferenz zur Sprache zu bringen. Der SekretĂ€r der Musikabteilung tippte das Wort ‘Spiegel’ in die Abteilungskonferenz-Akte des Computers der Musikabteilung. Der Computer der Musikabteilung zögerte nicht lange und druckte das Wort Spiegel als dritten Programmpunkt der Abteilungskonferenz aus, welche fĂŒr Montag vorgesehen war.

Das Spiegelproblem sollte um 9AM diskutiert werden.

Am Montag, pĂŒnktlich um 9AM, beauftragte der Direktor der Musikabteilung, ein Herr in unbeflecktem Anzug, made in Taipei, seinen SekretĂ€r, in unbeflecktem Oberhemd, die Angelegenheit mit dem besudelten Spiegel zur Sprache zu bringen.

Der SekretĂ€r erhob sich und zupfte mehrmals an seinem GĂŒrtel, der die Grenze zwischen der Hose und dem unbefleckten Hemd bildete. Er machte ein sehr ernstes Gesicht, was man allerdings nicht bemerken konnte, da er bereits von Natur aus ein etwas ernstes Gesicht hatte. "Ein Spiegel im Klo unserer Abteilung ist besudelt worden." sprach der SekretĂ€r. "Der PrĂ€sident X. selbst hat sich an diesem Spiegel gestört und ihn kritisiert. Es ist wohl ĂŒberflĂŒssig zu bemerken, daß dies sehr negative Folgen fĂŒr unsere Abteilung hat."

Nach dieser sehr ernsten Rede des SekretĂ€rs erschienen die Gesichter des Lehrkörpers ebenfalls sehr ernst. Der Direktor erhob sich und zupfte mit der rechten Hand am linken Ärmel seines unbefleckten Anzugs, made in Taipei. "Ich bitte Sie um VorschlĂ€ge, wie wir dieser Situation Herr werden können." sprach der Herr Direktor.

Es folgte ein ratloses Schweigen. Das Problem des besudelten Spiegels war dem Lehrkörper der Musikabteilung bisher nicht bewußt geworden. Die Besudelung jenes Spiegels war nĂ€mlich eine chronische. Er war wahrscheinlich bereits besudelt hergestellt, da sich niemand erinnern konnte, ihn jemals unbefleckt gesehen zu haben. Im ĂŒbrigen beschrĂ€nkte sich die Besudelung keineswegs auf diesen Spiegel allein: Alle Spiegel der MiĂ«ntze UniversitĂ€t waren besudelt. Alle Klos waren besudelt, und die gesamte UniversitĂ€t war besudelt, mit Ausnahme der AnzĂŒge des PrĂ€sidenten und der Direktoren. Das Problem war also keineswegs die Besudelung des Spiegels sondern vielmehr die Begegnung zwischen besudeltem Spiegel und unbesudeltem PrĂ€sidenten.

Als erste sprach Frau Professor Y. Sie hatte bereits mehrfach bei Konferenzen auf den Gestank im Klo der Musikabteilung hingewiesen, und dies gab ihr ein GefĂŒhl der moralischen Überlegenheit. Frau Y. hatte beim Sitzen oder Stehen ungefĂ€hr die gleiche Höhe. Das Aufstehen geschah bei ihr also schneller und mit grĂ¶ĂŸerer NatĂŒrlichkeit als bei den Herren, die sich erst am GĂŒrtel oder Ärmel zupfen mĂŒssen. Sie redete deshalb mit großer Festigkeit. Man könne dem PrĂ€sidenten nicht zumuten, die Klos der verschiedenen Abteilungen zu benutzen. Der PrĂ€sident solle sein eigenes privates und unbeflecktes Klo nebst Spiegel erhalten, und die Musikabteilung könne ja notfalls bei der Einrichtung eines solchen PrĂ€sidentenklos behilflich sein.

Trotz der Festigkeit des Vortrags der Professorin schien der Direktor nicht ĂŒberzeugt. Er zupfte sich mehrfach am Ärmel und benutzte diese scheinbar schĂŒchterne Geste geschickt zur Distanzgewinnung. Er lobte die innere Logik der Y.’schen GedankengĂ€nge mußte aber darauf hinweisen, daß eine derart gewichtige Entscheidung, wie die Einrichtung eines PrĂ€sidentenklos, die Befugnisse der Musikabteilung ĂŒberstiegen und nur vom Zentralkomitee vorgenommen werden könne. Im ĂŒbrigen sei das Problem nicht beim Herrn PrĂ€sidenten sondern bei der Musikabteilung, deren Ansehen sozusagen durch den befleckten Spiegel besudelt worden sei.

Ein jĂŒngerer Dozent erhob sich hierauf und schlug vor, den Spiegel zu putzen. Dieser Dozent hatte bereits bei frĂŒheren Konferenzen leichtsinnige Bemerkungen gemacht. Auch dieser Vorschlag wurde sofort vom gesamten Lehrkörper als naiv abgelehnt: Der PrĂ€sident wĂŒrde mit Sicherheit niemals wieder das Klo der Musikabteilung betreten. Eine so unbedeutende Geste wie das Putzen des Spiegels könne also auf keinen Fall das Ansehen der Musikabteilung wiederherstellen. Es gelte vielmehr, einen symbolischen Schritt von Bedeutung zu wagen.

Der Direktor persönlich schlug vor, unbefleckbare Spiegel aus Japan zu importieren, bemerkte aber selbst, daß die Musikabteilung kein Budget fĂŒr eine derartige Investition habe.

Ein Ă€lterer Professor wies schließlich darauf hin, daß der Spiegel sicher beim HĂ€ndewaschen durch Seifenspritzer besudelt worden sei, und der Lehrkörper befand, daß dies eine vernĂŒnftige ErklĂ€rung sei. Ein spitzfindiger Zyniker hĂ€tte vielleicht bemerken können, daß es in den Klos der MiĂ«ntze UniversitĂ€t grundsĂ€tzlich keine Seife gab und sich auch niemals jemand die HĂ€nde wusch — vielleicht mit Ausnahme des PrĂ€sidenten an jenem verhĂ€ngnisvollen Tage. Aber der Lehrkörper der Musikabteilung schien keinen Anstoß an dieser Tatsache zu nehmen.

Man kam also ĂŒberein, das HĂ€ndewaschen zu verbieten, und befahl, diese Maßnahme sofort ĂŒber Lautsprecher und Plakate bekanntzugeben und auch den Herrn PrĂ€sidenten zu benachrichtigen. Ferner sollte die realistische Attrappe einer Videokamera ĂŒber dem besudelten Spiegel angebracht werden, um eventuelle HĂ€ndewascher abzuschrecken. Der Geburtstag des PrĂ€sidenten wurde zum ‘Clean Mirror Day’ ausgerufen. Ein Feuerwerk und ein Sportfest sollten an diesem Tag stattfinden und spezielle T-shirts mit der englischen Aufschrift ‘Clean Mirror, Music Department, MTU’ verkauft werden.

Das Ansehen der Musikabteilung war auf diese Weise wiederhergestellt. Jedoch der linke Ärmel des Direktoranzugs sowie der GĂŒrtel des SekretĂ€rs schauen jetzt leicht besudelt aus, wĂ€hrend PrĂ€sident X. nur noch nach unten schaut, wenn er ein Klo der MiĂ«ntze UniversitĂ€t betritt.


*Miëntze = Gesicht

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niclas van schuir
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Rolf-Peter,
ich hoffe, dass du nicht in diesem Komödienstadl arbeiten musstest. Ich kann mit dir Szene richtig gut vorstellen. Hab mich schmunzelnd amĂŒsiert wie immer bei deinen Geschichten.
Gruß, Nic

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo Nic,

vielen Dank fuer's Lesen und Feedback. Im Moment sind sowohl unsere Konferenzen als auch unsere Klos leider sehr viel langweiliger geworden. Inzwischen gibt es sogar Klopapier und Seife, etc. etc. (Wahrscheinlich werde ich auswandern muessen...).

Viele Gruesse,
RP

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herb
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ich schau in mein Gesicht

Hallo Rolf-Peter,

nach dem Lesen deiner Geschichte schĂŒttelte ich etwas ratlos den Kopf, stand auf und ging auf die Toilette meiner wunderbaren Wohnung und schaute in den Spiegel. Dieser warf eine Reflektion in mein Gehirn, ein breit grinsendes Gesicht mit leicht irritierten Augenflimmern, Äh, zum Auswandern wĂŒrde ich dir einen Slum der Kikuyu empfehlen,
nicht der Ugander, die sind zwar Àrmer, aber sehr sauber

Herzlich
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. KĂ€stner

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
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Besudelter Kommentar

Lieber Rolf-Peter,

zu gerne wĂŒrde ich dich mal in der Luft zerreissen, finde aber nichts zum Besudeln. Einzig die Namen "X" und "Y" haben mich etwas gestört. Doch ohne "Y" kein "Y.'scher Gedankengang". Ein Ausdruck, der mir wiederum sehr gefallen hat.

Wirklich zum Kringeln ist der besudelte 7. Absatz. Und die Vorstellung einer Dame namens "Y", die sich von einem Stuhl erhebt, ohne an GrĂ¶ĂŸe zu gewinnen, lĂ€ĂŸt meine Mundwinkel in ungeahnte Höhen schnellen.

WĂ€re noch anzumerken, daß ich diese Geschichte bereits vor einigen Wochen in unmittelbarer NĂ€he arg besudelter Toiletten las. Kann man sich fĂŒr ein besudeltes Werk ein prĂ€chtigeres urinöses Ambiente wĂŒnschen?

Liebe GrĂŒĂŸe
Majissa

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo Herb,

vielen Dank fuer die Reflektionen! Ich habe bereits Nachforschungen ueber Kikuyu und Masai Klos angestellt und ein Visum beantragt.

Thii na wega,
RP

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Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

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Liebe Majissa,

ich bin froh, dass Du meine Geschichte weder in der urinoesen Luft zerrissen, noch in gewisse patrasische Toiletten hineingeworfen hast, die ja ohnehin sicher bereits voellig verstopft sein werden. Da wir ueber Klos reden: Ich sollte eine andere meiner urinoesen Erzaehlungen, "Klos sammeln", einmal in die Lupe hinabspuelen. Leider kennst Du die ja auch schon. Aber jetzt muss ich erst eine kammermusikalische Tour nach Suedtaiwan mitmachen. Mal sehen, vielleicht finde ich da ja noch die originale Klo-ambiente.

Viele Gruesse,
Rolf-Peter

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