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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der geizige Baum
Eingestellt am 13. 12. 2002 13:14


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Vera-Lena
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Der geizige Baum

Zur Zeit, als die Mutsche noch durch den Winkelwald floss, der sich den Vogelsberg hinaufzieht zwischen Brunningen und Babingen, stand gleich links ein paar Schritte vom TrĂŒben TĂŒmpel entfernt eine gut gewachsene mittelgroße Fichte. Die Tiere, die damals in diesem Teil des Waldes zu Hause waren, hĂ€tten bei der Fichte gerne Nahrung und Unterschlupf gefunden, aber die Fichte wollte davon nichts wissen.

Eines Tages huschte ein junger MĂ€userich durch den Wald auf der Suche nach einer Behausung. „Das ist der richtige Ort“, piepste er vor sich hin, und sein SchnurrbĂ€rtchen zitterte vor Freude. „Wenn ich das Loch unter dieser Wurzel noch etwas grĂ¶ĂŸer mache und es mit Moos auspolstere, finde ich gewiss ein MĂ€usemĂ€dchen, das mit mir zusammen dort wohnen möchte. Brauchen wir frisches Wasser, liegt der TĂŒmpel genau vor unserer Nase. Fuchs und Eule werden uns niemals erwischen, weil der Eingang gut versteckt ist.“ Emsig begann er, das Erdreich unter der Wurzel aufzuwĂŒhlen. „Musst du mich so kitzeln?“ Eine Ă€rgerliche Stimme drang dem MĂ€userich in seine Ohren. Was hatte das zu bedeuten? Der MĂ€userich stellte sich auf seine Hinterbeine und blickte vorsichtig hin und her. „Ich rede mir dir“, rief die Fichte und ließ ein paar spitzkantige Nadeln auf das MĂ€nnchen herab fallen, so dass es zur Seite springen musste. „Ach, du bist es, Fichte“, antwortete es und blickte mit seinen glitzernden Augen den rötlichen Stamm hinauf. „Was willst du denn von mir?“ „Mach, dass du fort kommst“, raunzte die Fichte, „ist der Wald nicht groß genug? Such dir woanders ein Zuhause. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand unter meinen Wurzeln herumwĂŒhlt.“ „Aber warum denn nicht“, fragte der MĂ€userich zurĂŒck. So schnell ließ er sich nicht einschĂŒchtern. „Das geht dich gar nichts an“, erwiderte die Fichte und ließ ihre Äste knacken, „und jetzt verschwinde endlich!“ „Ganz wie du willst“, sagte der MĂ€userich. Von dieser seltsamen Fichte wollte er sich nicht die Laune verderben lassen. „Es gibt auch noch andere schöne PlĂ€tze“, sagte er und wuselte davon.

„Hierher, hierher“, krĂ€chzte die Elster und wippte aufgeregt auf einem Fichtenast auf und nieder. „So komm doch, so komm doch! Hier bin ich, hier bin ich!“ Neugierig kam das Elsterweibchen angeflogen und noch ehe das MĂ€nnchen den Schnabel öffnen konnte, rief es schon begeistert:“ Was fĂŒr eine prĂ€chtige Astgabel. Sie hat genau die rechte GrĂ¶ĂŸe um ein Nest zu tragen fĂŒr 4 oder vielleicht sogar 5 junge Vögelchen.“ Erwartungsvoll blickte es das MĂ€nnchen an. „Das war es, was ich gerade sagen wollte“, brachte das MĂ€nnchen hervor. „Dies ist unser Nistplatz. Das sollen alle wissen, damit sich kein anderer Vogel hierher wagt.“ Dann begannen die beiden zu krĂ€chzen so laut sie nur konnten, dass es durch den ganzen Wald schallte. Die Fichte war so erschrocken, dass sie erst einmal Luft holen musste. Zornig schĂŒttelte sie die Äste und versuchte, die Elstern zu ĂŒbertönen, indem sie immer wieder schrie. „ Aufhören, aufhören!“ Die beiden Vögel verstummten erstaunt. „Wie kann man nur so viel LĂ€rm machen?“ fragte die Fichte erbost. „Haltet ihr das etwa fĂŒr Gesang? Wenn ihr schon in diesem Wald wohnen mĂŒsst, dann zieht doch auf die andere Seite, dorthin, wo die Felder beginnen, da stört ihr vielleicht niemanden.“ Jetzt war es fĂŒr einen Augenblick ganz still. Das Elsterweibchen putzte an seinem Gefieder herum und wusste noch nicht einmal, was es jetzt denken sollte. „So“, krĂ€chzte schließlich das MĂ€nnchen, „wir sind dir also nicht gut genug, eine Nachtigall wĂ€re dir wohl lieber, aber die gibt es in diesem Wald nicht. Du vertrĂ€gst keinen LĂ€rm, und wie mir neulich der junge MĂ€userich erzĂ€hlt hat, bist du sogar kitzlig. Wir können uns gerne an einem anderen Ort ein Nest bauen, aber eines Tages wird es dir noch leid tun, dass du uns vertrieben hast.“ Das Letzte sagte er aber nur, weil er nicht kampflos davon fliegen wollte. Sein Weibchen blickte ihn bewundernd an. Darauf erhoben sich die beiden hoch in die Luft und zogen mit lautem GekrĂ€chz ĂŒber der Fichte ein paar Kreise, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Jetzt ist die rechte Zeit, sich einen Wintervorrat anzulegen, dachte sich das Eichhörnchen. Es rannte am Rand der Weide entlang, hĂŒpfte von Ast zu Ast an einer Buche hinauf und hielt plötzlich inne. Richtig, jetzt fiel es ihm wieder ein, in der NĂ€he des TrĂŒben TĂŒmpel standen ein paar HaselstrĂ€ucher. Dort schmeckten die NĂŒsse am sĂŒĂŸesten. Hurtig machte es sich wieder auf den Weg, sprang geschickt von Baum zu Baum und war bald an seinem Ziel. Oho, was war denn das? Mit seinen Äuglein spĂ€hte es zur Fichte hinauf. TrĂ€umte es denn? Dort hingen die prĂ€chtigsten Fichtenzapfen, die es jemals in einem SpĂ€therbst gesehen hatte. Mit einem Satz war es dort, nahm einen Zapfen zwischen seine Vorderpfoten und knusperte und kraspelte mit seinen spitzen ZĂ€hnen daran herum, bis es an die Samenkörnchen herankam. „Hilfe, Hilfe, ein Dieb“, schrie die Fichte, „ich werde bestohlen, man raubt mir alles, was ich habe!“ Das Eichhörnchen machte erschrocken einen Satz in den benachbarten Ahornbaum. „Geht es dir nicht gut? Bist du krank?“ fragte es von dort. „Du unverschĂ€mter Kerl“, ereiferte sich die Fichte. „Willst du dich ĂŒber mich lustig machen? Zuerst machst du mir meinen schönsten Zapfen kaputt und dann stellst du eine so einmalig dumme Frage. Warum gehst du nicht woanders hin?“ „Weil du der einzige Baum bist, der noch Zapfen hat“, erwiderte das Eichhörnchen. Alle anderen Tannen, Kiefern, Fichten, was immer du magst, haben ihre Zapfen lĂ€ngst zur Erde fallen lassen, damit wir Tiere unser Futter finden können.“ „Aber ich werde das nicht tun“, erregte sich die Fichte, „meine Zapfen gehören mir, und niemand bekommt etwas davon, verstehst du, niemand!“ EnttĂ€uscht stieß das Eichhörnchen einen hellen Ton hervor Die Fichte hatte so viele Zapfen und einer hatte bestimmt immer noch leckerere Samenkörner als der andere. „Mach doch, was du willst“, sagte es so gleichgĂŒltig wie möglich. Es sprang zu den HaselbĂŒschen und fand dort manche sĂŒĂŸe Nuss.

Ähnlich wie das Eichhörnchen hatten auch einige andere Tiere sich einen Wintervorrat zusammen gesammelt oder sich auf den Winterschlaf vorbereitet. Die MĂ€use kuschelten sich unter der Erde aneinander, die KĂ€fer hatten eine geschĂŒtzte Stelle in einer Baumrinde gefunden und die Vögel plusterten ihr Gefieder auf, um sich warm zu halten. Es war still im Winkelwald geworden. Eines nachts tĂŒrmten sich am Himmel mĂ€chtige graue Wolken auf, aus denen große weiße Flocken lautlos herab rieselten. Als die Morgensonne durch das Gewölk hervorlugte, glitzerte der ganze Wald in einem dichten weißen Kleid. Nur auf der Fichte saß keine einzige Schneeflocke. Der Schnee wĂ€rmte die BĂ€ume, die GrĂ€ser und BĂŒsche, aber die Fichte, die ganz nackt da stand, und immer noch ihre Fichtenzapfen fest hielt, begann zu frieren. Der Frost drang in ihre Nadeln, Zweige und Äste, ja, bis in ihren Stamm. Sie wusste sich nicht zu helfen und begann, dicke TrĂ€nen aus Harz zu weinen. Das Harz tropfte an ihrem Stamm herunter und verbreitete einen sĂŒĂŸen Duft.

Der Dezember war noch nicht ganz vergangen, als Hirsche auf ihrem Weg zur Futterkrippe, welche die Menschen fĂŒr sie aufgestellt hatten, bei der Fichte vorĂŒber zogen. Der Leithirsch bemerkte als erster den harzigen Geruch. Auch die anderen Tiere aus dem Rudel nahmen jetzt die Witterung auf, und alle versammelten sich um die Fichte. „Was ist mit dir?“ fragte der Leithirsch. „Ich friere“, antwortete die Fichte. Jetzt bemerkten die Tiere, dass die Fichte ohne ein Schneeflöckchen dastand. „Möchtest du, dass wir uns ganz dicht um deinen Stamm herum stellen, um dich zu wĂ€rmen?“ fragte der Leithirsch. „Ja“, seufzte die Fichte hoffnungsvoll. Jetzt kam auch die Elster herbei geflogen. „Fichte, Fichte“, rief sie aus, „im FrĂŒhling und Herbst wolltest du niemanden von uns in deiner NĂ€he haben, aber jetzt können wir ja gar nicht genug sein.“ Mit raschen SprĂŒngen eilte das Eichhörnchen vorĂŒber. Wie fast in jedem Winter hatte es auch dieses Jahr vergessen, wo es die HaselnĂŒsse versteckt hielt. Plötzlich machte es wieder kehrt und blieb vor der Fichte stehen. „Mir knurrt der Magen , und du hast immer noch alle deine Zapfen“, sagte es vorwurfsvoll. “Nimm dir alles, was du willst“, antwortete die Fichte, „wenn du mir nur auch ein wenig WĂ€rme gibst. Im nĂ€chsten FrĂŒhling könnt ihr alle in meinen Zweigen und unter meinen Wurzeln wohnen. Ich glaube, weil ich euch vertrieben habe, sind nun auch die Schneeflocken nicht zu mir gekommen.“ „Da kannst du recht haben“, brachte das Eichhörnchen noch heraus bevor es zu knuspern und zu kraspeln begann, so dass auch andere Eichhörnchen durch dieses angenehme GerĂ€usch herbeigelockt wurden. Viele Vögel ließen sich ebenfalls in den Zweigen nieder, um die Samen aus den Zapfen heraus zu picken.

Durch all diese ungewohnten GerĂ€usche erwachte der junge MĂ€userich, der nicht weit von der Fichte entfernt unter einer Buche eine Behausung gefunden hatte. Ich will doch einmal nachsehen, was das da draußen zu bedeuten hat, dachte er sich und streckte das Köpfchen blinzelnd aus dem Mauseloch heraus. Wutsch, sauste er wieder ins Innere zurĂŒck. „Wach auf, wach auf!“ rief er und rĂŒttelte sein Weibchen wach . „Komm schnell mit mir vor unseren Bau. Dort ist etwas, so ein etwas, wie du es in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen hast.“ Neugierig folgte ihm das Weibchen. Draußen verharrten beide regungslos. „Wie wunderschön“, flĂŒsterte das Weibchen, „was ist das fĂŒr ein Licht?“ „Ich weiß es auch nicht“, antwortete der MĂ€userich. „Die Sonne ist doch schon vor einiger Zeit hinter den BĂ€umen untergegangen. Was kann das nur fĂŒr ein Licht sein?“ Jetzt hatte die Elster die MĂ€use entdeckt. „He, ihr beiden“, rief sie ihnen aus den Fichtenzweigen entgegen, „was steht ihr dort wie angewachsen?“ „Oh“, raunte das Mausweibchen, “wenn ihr wĂŒsstet, wie ihr alle miteinander ausseht, die Fichte und alle Tiere, die bei ihr sind, ihr alle zusammen seid in ein Licht eingetaucht wie von vielen Sonnen.“ „Das will ich auch sehen“, beschloss die Elster und flog zu den beiden MĂ€usen hin. „Wahrhaftig“, sagte sie. Danach kamen sie abwechselnd einer nach dem anderen und betrachteten die Fichte und die Tiere in diesem wundersamen Licht bis jedes Tier es einmal angeschaut hatte. Was sie da gesehen hatten, vergaßen sie nie mehr.

Die Fichte hielt ihr Versprechen und ließ im nĂ€chsten FrĂŒhling jedes Tier bei sich wohnen. Auch ĂŒberließ sie gerne ihre Zapfen allen hungrigen Tieren. Als der nĂ€chste Winter kam, erinnerten sich die Tiere wieder an das seltsame Licht, das um die Fichte gestrahlt hatte. Das Elsterweibchen flog zu der Fichte, zupfte sich eine zarte Flaumfeder aus ihrem Gefieder und steckte sie in einen Zweig. „Hier hast du ein Andenken, Fichte“, sagte es, „ ein Andenken an den Tag, an dem du so leuchtend gestrahlt hast.“ Viele Vögel machten es ihr nach. Mancher gab sogar eine seiner schönsten Federn her bis die Fichte von den untersten Zweigen bis zur Baumspitze ĂŒber und ĂŒber mit bunten Farben und sogar metallenem Glanz geschmĂŒckt dastand. Die Tiere erfreuten sich an dem Anblick, und , wann immer sie dort vorbei kamen, auch die Menschen.





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Der Mensch ist sich selbst das grĂ¶ĂŸte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

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