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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der kleine Laden
Eingestellt am 22. 05. 2006 19:43


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Dornrose
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2006

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Pflichtbewusst wie jeden Tag stand sie sofort auf, als der Wecker klingelte. Sie zog die Pantoffeln an, die sie am Vorabend sorgsam unters Bett gestellt hatte und den Bademantel, der am Fu├čende lag und ging in die K├╝che, um Kaffeewasser aufzusetzen. Es schien ein Tag wie jeder andere zu sein. Nur die Handgriffe in der K├╝che fielen ihr nicht so leicht wie sonst.

Im Badezimmer betrachtete sie sich im Spiegel, in den sie seit mehr als f├╝nfzig Jahren blickte. Er hatte die Falten gesehen, die sich nach und nach in ihr Gesicht geschlichen hatten und auch die grauen Haare, die anfangs leicht ihr dunkelblondes Haar durchzogen und mit den Jahren immer mehr geworden waren.

Sie wusch sich, k├Ąmmte das Haar und zog den gebl├╝mten Kittel ├╝ber. Als sie die K├╝che wieder betrat, war der Kaffee bereits durch die Maschine gelaufen. Die halb gef├╝llte Kaffeekanne nahm sie mit zum K├╝chentisch, den sie bereits am Abend zuvor gedeckt hatte. Sie schenkte den Kaffee ein, holte aus dem K├╝hlschrank Butter und Marmelade und aus dem Brotschrank zwei Scheiben Schwarzbrot.

W├Ąhrend sie an dem schwarzen Kaffee nippte, dachte sie wieder an den Brief, der alles ├Ąnderte. Der Hauseigent├╝mer hatte kurz und knapp mitgeteilt, man m├╝sse ihr die K├╝ndigung f├╝r das Ladenlokal mit der angrenzenden Wohnung aussprechen. Kein Wort des Bedauerns. Warum auch? Man hatte sie vor Monaten schon gebeten, den Laden zu r├Ąumen, um aus dem Ladenlokal ein Internetcaf├ę machen zu k├Ânnen, das der Hauseigent├╝mer plante, selbst zu f├╝hren. Die K├╝ndigung war die letzte Ma├čnahme, als sie nicht freiwillig auszog.

In der kleinen Stadt kannte jeder sie als ÔÇ×K├ĄthchenÔÇť. Nach dem Krieg hatte sie mit ihrem Mann den Lebensmittelladen er├Âffnet. Sie erinnerte sich noch gut, als sie eines Tages durch den Ort ging, entlang an Mauerresten von zerbombten H├Ąusern und pl├Âtzlich das Haus mit dem Laden entdeckte, das nicht v├Âllig zerst├Ârt war. In den Anfangsjahren war es sehr beschwerlich, K├Ąthchen und ihr Mann verdienten nur wenig, aber mit den Jahren wurde es besser.

Als eines Tages der Supermarkt in unmittelbarer N├Ąhe gebaut wurde, verschwand gleichzeitig ein gro├čer Teil der Kundschaft. ├ťbrig blieben die alten Leute, die auf die pers├Ânliche Bedienung bei K├Ąthchen nicht verzichten wollten. Das war bis heute so geblieben, aber K├Ąthchen hatte sich einiges einfallen lassen m├╝ssen, um die Kunden halten zu k├Ânnen. So besch├Ąftigte sie seit Jahren stundenweise Teenager, die sich ein Taschengeld verdienen wollten und die Eink├Ąufe den ├Ąlteren Leute nach Hause brachten. Den Service wussten ihre Kunden sehr zu sch├Ątzen. Viel verdienten K├Ąthe und ihr Mann nicht mit dem Laden, aber zum Leben reichte es gerade. Wichtiger war den beiden die Unabh├Ąngigkeit und eine T├Ątigkeit, die ihnen Spa├č machte und ihrem Leben einen Sinn gab.

K├Ątchen war schon seit f├╝nfzehn Jahren Witwe. Ihr Mann war pl├Âtzlich von ihr gegangen. Eine schwere Zeit war es damals, aber mit der Zeit war auch dieser Schmerz vergangen und die Erinnerung geblieben. Den Laden f├╝hrte sie weiter und w├Ąre niemals auf die Idee gekommen, ihn aus Altersgr├╝nden aufzugeben. Was h├Ątte sie auch sonst tun sollen? F├╝r Hobbys war in ihrem Leben nie Zeit gewesen.

Die alte Dame schenkte sich einen zweiten Kaffee ein. Ihre 75 Jahre sp├╝rte sie an diesem Tag mehr als deutlich und vor allem wurde ihr schwer ums Herz bei dem Gedanken, dass sie die letzten Stunden hier verbrachte. Kinder gab es nicht und auch keine Verwandten, die sie h├Ątten aufnehmen k├Ânnen und so blieb nichts anderes ├╝brig, als ein Doppelzimmer im Seniorenheim zu beziehen. Wie Kinder zusammengelegt in einen Raum, und das auch noch mit einer v├Âllig fremden Person.

Gedankenverloren sa├č sie nun in ihrer K├╝che und wischte ein paar Brotkr├╝mel mit der Hand vom Tisch. Ein Teil der M├Âbel war bereits am Vortag abgeholt worden. Ihr Gesch├Ąft hatte vor einem Monat schon geschlossen und war v├Âllig leer. Sie erhob sich von dem Stuhl, schlurfte durch die R├Ąume und blickte sich ├╝berall um. Hier war ihr Zuhause. Warum konnte man sie nicht hier wohnen und ihre letzten Jahre gl├╝cklich sein lassen?

Sie f├╝hlte sich schrecklich m├╝de. M├╝de gearbeitet und vom Leben m├╝de geworden, m├╝de der vielen Schicksalsschl├Ąge, die sie hatte erleben m├╝ssen. Scheinbar gab es nichts mehr, auf das sie sich freuen konnte. Vielleicht war die Dame nett, mit der sie k├╝nftig ein Zimmer w├╝rde teilen m├╝ssen. Vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall konnte sie direkt sagen, dass sie diese Art der Unterbringung nie gewollt hatte. Ihr Leben war nur noch mit Sorgen und anscheinend unl├Âsbaren Problemen behaftet. Und es gab niemanden, mit dem sie h├Ątte reden k├Ânne. Niemand, der sie verstand. Die jungen Nachbarn redeten ihr allesamt gut zu: Sie w├╝rde sich wohlf├╝hlen in dem Heim, h├Ątte endlich Zeit f├╝r sich selbst. Keine Hausarbeit mehr und die R├╝ckenschmerzen w├╝rden bestimmt auch verschwinden, wenn sie nicht mehr so lange stehen m├╝sse, so sagten sie. Gut reden konnten sie, aber sie waren ja auch selbst nicht so alt und mussten ihr liebgewonnenes Heim nicht verlassen.

So vergingen die fr├╝hen Morgenstunden des Tages. Die Sonne bahnte sich langsam einen Weg durch die Wolkendecke und schien durch die Fenster.

Nachdem M├Âbelpacker und Nachbarn mehrfach an ihrer T├╝re geklingelt hatten, ohne, dass die alte Dame ├Âffnete, wurde sie mit dem Zweitschl├╝ssel, den sie bei einer Nachbarin f├╝r Notf├Ąlle hinterlegt hatte, ge├Âffnet.

In der K├╝che stand noch das Fr├╝hst├╝cksgeschirr auf dem Tisch. Auf einem Stuhl stand ein offener Karton mit Fotos und auch auf dem Tisch lagen Fotos verteilt, die K├Ąthchens ganzes Leben dokumentierten. Die Eltern und Geschwister, die Schwiegereltern, die Hochzeit von K├Ątchen und ihrem Mann, Aufnahmen aus dem L├Ądchen, Aufnahmen aus j├╝ngeren Jahren von Unternehmungen und es gab auch Fotos von den letzten Jahren.

Die alte Dame musste sich noch einmal aufs Bett gelegt haben. Ihr Gesicht strahlte Zufriedenheit und Ruhe aus, als h├Ątten sich die Dinge nun doch noch zum Guten umgekehrt.


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Josef Knecht
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2006

Werke: 5
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Der kleine Laden

Hallo Dornrose,
deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen und war auch durchaus spannend, weil man gegen Ende der Geschichte sp├╝rt, das die alte Damen nie ins Seniorenheit wechseln wird. Was nun mit der Dame genau passiert erz├Ąhlst du leider nicht, ich vermute, dass sie Selbstmord begangen hat. Du hast auf jeden Fall positive Emotionen bei mir geweckt und Spannung erzeugt.
Eine sch├Âne Geschichte.
Liebe Gr├╝├če
Josef
__________________
Gl├╝ck ist die gr├Â├čte Leistung des Menschen

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Dornrose
One-Hit-Wonder-Autor
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Das gebrochene Herzchen

Hallo Josef,

vielen Dank f├╝r deine positive Reaktion sowie auch die kritische Anmerkung bzgl. des Endes. Ob die Dame denn nun an gebrochenem Herzen starb oder Selbstmord beging, habe ich absichtlich offen gelassen. Es ist beides m├Âglich. Und manche Geschichten - so dachte ich jedenfalls - kann man sich selbst zuende denken. Ob das hier die beste L├Âsung ist? Ich wei├č es nicht. Vielleicht gibt es noch andere Reaktionen, damit ich mich sicher f├╝hlen darf mit meinem Schluss?

Herzliche Gr├╝├če

Dagmar

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