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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der leere Autor
Eingestellt am 14. 03. 2004 15:45


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Tochter des Ozeans
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2003

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Der Autor sa├č vor seinem Blatt, den Stift in der Hand und sah nichts. Er f├╝hlte, h├Ârte, dachte nichts. Er war v├Âllig leer, hohl. Kein Wort, kein Satz forderte ihn zum Spielen auf. Kein Buchstabe schmiegte sich an einen anderen um sich mit ihm zum Wort zu vereinen.
Der Autor lie├č den Kuli von einer zur anderen Hand gleiten, drehte ihn, steckte ihn sich in den Mund, kaute am Plastikdruckknopf. Er wartete, doch nichts geschah. Er schloss die Augen, versuchte sich von seiner Umgebung inspirieren zu lassen, doch keine Farben, Figuren oder Kl├Ąnge entf├╝hrten ihn, luden ihn zu einer schillernden Erlebnisrundfahrt ein.
Es war nicht das erste Mal, dass er so da sa├č. Nicht zum ersten Mal krallte er die Finger um den Stift und flehte das Blatt an, sich schwarz beschrieben zu lassen. Nicht zum ersten Mal beschlich in eine unheimliche Starre und Anspannung. "Was ist?" sprach er laut mit gereizter Stimme. "Los! W├Ârter, wo bleibt ihr?" Seine Ungeduld und Unzufriedenheit wuchs mit jeder Minute die er vor dem leeren Blatt sa├č, ohne auch nur einen Buchstaben zu schreiben. Gerade hatte er doch so viele Ideen gehabt, so viele Situationen, Tr├Ąume und ├ängste in Geschichten verpackt, vor sich abspulen sehen. Noch vor wenigen Minuten war er um die Welt gesegelt, hatte eine Reise zum Ich gemacht und den Helden neben sich gesehen. Da hatte er das Hei├č und Kalt, den Schmerz und die Wohltat, die Gier und Furcht, die Liebe und Einigung, das Alles und Nichts durchlebt, gesp├╝rt, erfahren. Er hatte seine Gef├╝hle nicht beschreiben k├Ânnen, wusste nicht, wie er es bew├Ąltigen sollte. Noch vor wenigen Minuten ├Âffnete sich die Welt vor ihm...
Schnell hatte er sich ein Blatt und einen Stift gesucht, wollte schreiben, formte bereits die ersten S├Ątze, und dann? Als er mit der besagten Ausr├╝stung ausgestattet war, fand er sich vor einer gro├čen Leere vor. Alles war im entfallen, keines der gerade erfahrenen Emotionen kam mehr hoch.

Er hatte ja auch schon ├╝ber alles geschrieben. Er hatte ├╝ber das Leben und den Tod, ├╝ber Menschen und Tiere, Freunde und Feinde geschrieben. Wirkliches und Phantastisches, Sterben und Auferstehen, Alles und Nichts, Angst und Mut, Bewegung und Stillstand, Zeit und Ewigkeit – alles hatte er beschrieben, bebildert, auf seine Weise erschaffen.
Was ist ein Schreiber, dem die Worte fehlen? Der Held oder der Besiegte?
Was sollte denn jetzt noch kommen? Was sollte ihm noch erfahren? Was sollte er mit sich anfangen? Seine Aufgabe als Dichter schien ihm erf├╝llt. Er hatte schlie├člich ├╝ber alles geschrieben, und seine Werke hatten einen beachtlichen Gesamtumfang erreicht.
Dennoch f├╝hlte er jene besagte Leere, ein hohler K├Ârper, der in ihm wuchs, sich in seinem Fleisch und Blut einnistete. Er f├╝hlte sich verloren, hilflos. Sein Reich, seine besten Freunde, die Worte, hatten ihn verlassen. Sein Kabel zur Welt, zu sich selbst, war durchtrennt worden. Nun stand er vor einem Problem. Da er geistig und k├Ârperlich fit war, gerade erst geheiratet hatte und noch sich noch viele Lebensjahre erhoffte, konnte er sich auch nicht hinlegen, mit der Ruhe, im Leben genug geschrieben zu haben. Gewiss hatte er viel geschrieben, aber nicht genug. Der Autor wusste, dass das Sternenmeer an Themen, die sich zum Schreiben boten, reich, unendlich war. Und er wusste, dass er noch viele Sterne, Themen noch nicht in Erfahrung gebracht hatte.
Vielleicht, dachte er, werde ich betrogen. M├Âglicherweise spielten die Worte ein b├Âses Spiel mit ihm, versteckten sich vor ihm und wollten nicht entdeckt werden. Vielleicht gefiel ihnen die Eigenschaften, die der Autor ihnen bisher zugeordnet hatte, nicht. M├Âglicherweise, fuhr es dem Schreiber durch den Kopf, r├Ąchten sich die Buchstaben nun an ihm. Gut, ihr wollt einen Kampf?, dachte er listig. Also k├Ąmpfen wir!
Er setzte sich an seinen Computer und begann wirr und blind auf den Tasten zu tippen. Nachdem er eine Seite mit Schriftzeichen, welche wild aneinander gereiht waren, ├╝bers├Ąht hatte, lehnte er sich zur├╝ck und betrachtete das Blatt. Er beobachtete, wie die Zeichen zu fliehen versuchten. Wie sie sich bek├Ąmpften, wie sich ein gro├čes "I" zwischen zwei Klammern dr├Ąngte, zu einem Schmetterling formte und vom Bildschirm flog. Er sah, wie ein "T" in die Falle eines gro├čen "U's" tappte – ob er das "T" retten wollte? Er k├Ânnte es zumindest. Aber wieso sollte er? Schlie├člich hatte es ihm auch nicht geholfen! Zufrieden nahm er das "T" und platzierte es vor einem "a", auf welches ein "t" folgte. Er gab jedem Buchstaben einen rechten und linken Nachbarn, mit dem er sich verst├╝nde.

Der Schreiber lernte, mit den Buchstaben zu experimentieren. Er tippte noch viele unverst├Ąndliche Seiten, denn so wurde er sich bewusst, dass nicht er der Sch├Âpfer der W├Ârter war, sondern nur der, der manchmal den Schl├╝ssel zu ihren Geheimnissen hatte.

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gox
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Registriert: Jun 2002

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Hallo Tochter des Ozeans,

sch├Âne Geschichte!
Aber ich weiss nicht, ob sie Menschen mit Schreibhemmung so sehr gl├╝cklich machen wird. Wenigstens vermittelst Du zum Ende hin ein Qu├Ąntchen Hoffnung f├╝r den, dem sich die Buchstabensuppe hartn├Ąckig verweigern will ;-)

Viele Gr├╝sse vom gox
__________________
Das Unm├Âgliche ist immer denkbar und das Denkbare ist immer m├Âglich

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