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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der letzte seiner Art
Eingestellt am 25. 01. 2003 23:50


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Alpha O'Droma
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Der letzte seiner Art

Rafnagurd hatte Kopfschmerzen. Er streckte seine steifen Glieder und wurde mit Millionen Nadelstichen dafĂŒr belohnt. Sein kantiger SchĂ€del brummte, als hĂ€tte er drei FĂ€sser dalmatischen Rotweins gekippt. Er war wie benebelt. Langsam kam die Erinnerung wieder. Es waren sieben FĂ€sser gewesen, die er zum Abschied mit Onkel Hergart geleert hatte. Dalmatien. Onkel Hergart war der letzte Lordprotector sĂŒdlich der Alpen. Sein Volk hatte sich nach Norden zurĂŒckgezogen, denn die Menschen der 4. Welt vermehrten sich rund ums Mare Mediterraneum wie die Karnickel. Ihre AmeisenstĂ€dte und Befestigungen wuchsen so schnell wie ihre Armeen. Sie nannten das Zivilisation. Wer brauchte da noch einen Protector? Onkel Hergart hatte GlĂŒck. Er wachte seit mehr als 400 Jahren ĂŒber ein versprengtes Bergvolk, das sich weder von den Griechen noch von den Römern, die neuerdings immer stĂ€rker wurden, hatte vereinnahmen lassen. Dabei hatten sie nicht eine einzige Schlacht geschlagen. Sie waren einfach zu wenige und lebten zu abgelegen. Man hatte sie schlichtweg ĂŒbersehen. Übersehen zu werden, war heutzutage die einzige Möglichkeit, der Zivilisation zu entkommen. Diese neuen Menschen lebten nicht mehr im Einklang mit der Natur. Sie schotteten sich mit ihren immer höheren Mauern dagegen ab, erklĂ€rten sich selbst zum Zentrum der Welt, was ihnen das Recht gab, letztere zu vergewaltigen. Die WĂ€lder seiner Vorfahren waren lĂ€ngst Feldern gewichen und seine Rasse vom Aussterben bedroht. In Europa lebten noch 42, in Asien knappe 100 und auf dem Westkontinent vielleicht 60, aber den hatten die Zivilisationsmenschen der 4. Welt zum GlĂŒck noch nicht wiederentdeckt. In alten Zeiten hatte sein Volk auch Terra Africanum und die SĂŒdinseln bevölkert, doch die KlimaverĂ€nderungen gegen Ende der 3. Welt machten den wechselwarmen Geschöpfen das Leben schwer und so hatten sie sich in die gemĂ€ĂŸigten Klimazonen zurĂŒckgezogen.
Rafnagurd streckte sich, schĂŒttelte Eis und Schnee ab. Wie war er in diese vermaledeite Lage geraten? Er sah sich um. Nichts als schneebedeckte Berggipfel. Er lag mitten auf einem Gletscher, der in der Mittagssonne taute. Sein BrummschĂ€del erinnerte ihn mahnend an das gestrige Gelage und er lĂ€chelte. Man sah seine Verwandten ja schließlich nur alle paar hundert Jahre. Er war in den frĂŒhen Morgenstunden zu seinem RĂŒckflug aufgebrochen. Ein langer Flug war immer noch das beste Mittel, einen Kater zu vermeiden. Doch dann – ĂŒber den Alpen – war ihm schlecht geworden. Vielleicht lag ihm auch eine der 4 Ziegen quer. Da war immer noch so ein flaues GefĂŒhl im unteren Magen. Rafnagurd hatte entschieden, ein kleines PĂ€uschen einzulegen und war gelandet, um ein Loch in den jungfrĂ€ulichen Alpenschnee zu kotzen. Danach... was war danach geschehen? Filmriss.

Er spannte seine mĂ€chtigen FlĂŒgel, entfachte einen mittleren Schneesturm und bereute es sofort. Diese Gliederschmerzen! Er fĂŒhlte sich wie eingerostet. Dabei war 311 fĂŒr einen Drachen kein Alter. Es half Alles nichts. Er musste hier weg, bevor sein schuppiger Arsch festfror. 72 ZĂ€hne fest zusammengebissen, erhob er sich stöhnend in die hellblaue Alpenluft, verfluchte den Tag seines SchlĂŒpfens und schwor sich, nie wieder dalmatischen Wein zu trinken. Rafnagurd fand eine gĂŒnstige Luftströmung und ließ sich seine mĂŒden Knochen von der Sonne wĂ€rmen. MerkwĂŒrdig! Die Sonne stand zu hoch fĂŒr die Jahreszeit. Er war verwirrt. Musste der dicke SchĂ€del sein. Doch was er als NĂ€chstes sah, ließ ihn schlagartig nĂŒchtern werden, wenn er es nicht schon vorher war. Er winkelte seine Schwingen an und ging in den Sturzflug. Blitzlandung auf einer Bergkuppe, hinter einem Felsen versteckt und hinunter ins Tal gespĂ€ht: “Das gibt’s doch gar nicht!”
Es mussten Römer sein, die Truppen in die germanischen WĂ€lder verlegten. Doch sie sahen so seltsam aus. Viele bunte Streitwagen, die er in dieser Form noch nie gesehen hatte, rasten in aberwitzigem Tempo auf einer Straße dahin, die in ihrer Perfektion alles ĂŒbertraf, was er an römischer Baukunst jemals bewundert hatte. Und diese Wagen fuhren ohne Pferde. Von solcher Zauberei berichteten die alten Sagen. Der 2. Welt war es gelungen, die Geheimnisse der Schwerkraft zu lösen, doch das Wissen darum war beim Atlantischen Krieg verloren gegangen. Weder die 3. Noch die 4. Welt hatten diese technologischen Leistungen auch nur annĂ€hernd erreichen können, obwohl einige der Maschinen noch bis vor wenigen tausend Jahren funktioniert hatten. Er betrachtete die Straße genauer. Dabei fiel ihm auf, dass der Verkehr in die Gegenrichtung fast genauso stark war. Es gab auch keine Fußtruppen. Das war ungewöhnlich fĂŒr die Römer, die nie ohne InfantrieunterstĂŒtzung anzugreifen pflegten. Waren das ĂŒberhaupt Römer? Sein scharfes Auge prĂŒfte die Insassen. Viele sahen wie Germanen aus, andere wie Kelten. Es waren Frauen darunter und sogar Kinder. Seltsam gewandet - er konnte nicht eine einzige römische Uniform entdecken. Bevor dieses RĂ€tsel nicht gelöst war, schien es klĂŒger, unbemerkt zu bleiben. Also hielt er sich fern von diesem seltsamen Verkehr und flog durch die benachbarten TĂ€ler weiter. Doch es dauerte nicht lang, und er stieß auf die nĂ€chste Straße. Sie war schmaler und kaum befahren, aber aus dem selben ebenen Material, das schwarz glĂ€nzte und geschliffener Kohle glich. Ein einzelner Zauberwagen glitt vorbei, seine elegante Form sanft geschwungen, fast wie ein Schiff. Silbern in der Sonne glĂ€nzend, schmĂŒckte stolz eine magische Rune in metallenem Kreis seinen Bug. Das musste ein Magus sein. Seltsame Zeichen am Heck fielen ihm auf. Lateinische Buchstaben, M – ST, und arabische Zahlen, 788. Diese Verbindung war ungewöhnlich. Sonst war kein Fahrzeug zu sehen. Rafnagurd beschloss, dem Magus in sicherem Abstand zu folgen. Drachen sind nĂ€mlich neugierig, ein Umstand, der nicht unwesentlich zu ihrem Aussterben beitrug...

Der Zauberwagen fuhr zu einem Berg und röhrte dabei die ganze Zeit wie ein Hirsch in der Brunstzeit. Nur dass Hirsche zwischendurch auch mal Luft holen. Als der Berg nĂ€her kam, nahm Rafnagurd Deckung in einem Hochwald, denn dort unten standen viele Zauberwagen und Menschen liefen durcheinander wie auf dem Jahrmarkt. Das wilde Treiben konzentrierte sich um ein GebĂ€ude, das mit einem riesigen Apparatus verbunden war, der, einer Seilwinde nicht unĂ€hnlich, Römer, Germanen, Kelten und Slawen den Berg hinauf beförderte. Sogar einen Nubier sah er. Im ersten Augenblick drĂ€ngte sich der Gedanke an eine MilitĂ€roperation auf, denn diese gemischte Truppe trug lange Schwerter mit sich. Doch was machten diese Irren damit? Kaum oben angekommen, befestigten sie die Schwerter irgendwie an ihrem Schuhwerk und rutschten damit den Berg hinunter. Mit Befremden bemerkte er, dass viele sich unten im Tal wieder einreihten, um dieses sinnlose Tun fortzusetzen. Sie fuhren hoch und wieder runter, hoch und wieder runter. Er kam zu dem Schluss, dass es sich hier um einen verrĂŒckten Sysiphus-Kult handeln musste, eine weitere Ausgeburt der realitĂ€tsfremden mediterranen Religionen. Langsam ging die Sonne unter. Dann das nĂ€chste Wunder: die Menschen zĂŒndeten Fackeln an. Diese Fackeln brannten grell wie kleine Sonnen und sie flackerten nicht einmal. Auch die Zauberwagen waren mit solchen Minisonnen ausgerĂŒstet. Am Bug schienen sie weiß und erhellten dem Reisenden den Weg. Am Heck leuchteten sie feuerrot wie die Augen von Onkel Hergart, wenn er wĂŒtend war, wahrscheinlich um Feinde abzuschrecken. Die Sekte löste ihren geheimnisvollen Konvent auf und zerstreute sich in alle Winde. Einige saßen noch in dem Haus mit der großen Seilwinde, das wohl ihren Tempel darstellte, und unterhielten sich bei Speis und Trank. Rafnagurd glitt lautlos hinunter, um sie zu belauschen. Hatte ich schon erwĂ€hnt, dass Drachen neugierig sind? Hatte ich. Na gut.
Er landete auf dem Seil. Kalt. Es bestand aus Metall. Grauenhafte Musik drang aus dem Inneren des Tempels, obwohl keine Musiker zu sehen waren. Ein unsichtbarer SĂ€nger verkĂŒndete in einem schwer verstĂ€ndlichen germanischen Dialekt, er sei so schön, er sei so toll, er sei der Anton aus Tirol. Ob er schön war, konnte Rafnagurd mangels Sichtkontakt nicht beurteilen, toll musst er auf jeden Fall sein, den Tirol war fest in römischer Hand und kein Germane wĂŒrde es wagen, dort dumm herumzugröhlen, wollte er nicht als Sklave enden. Geredet wurde in verschiedenen Zungen, die sein feines Gehör zwar als romanische, germanische, und angelsĂ€chsische Mundarten erkannte, aber sie klangen so verfremdet, dass er nur einzelne Worte verstand. Niemand sprach Latein. Die TĂŒr ging auf und ein junges PĂ€rchen kam hinaus. Sie kĂŒssten sich und gingen kichernd zu ihrem Zauberwagen. Schamlos. Er verspĂŒrte wenig Angst, entdeckt zu werden. Menschen denken und bewegen sich zweidimensional. Deshalb schauen sie fast nie nach oben. Rafnagurd hatte genug gesehen. Diese Sysiphus-Sekte war ihm unheimlich. Er flog weiter nach Norden. In 2 Tagen sollte er das Gebiet seiner Schutzbefohlenen erreichen. Es war Zeit, sein eigenes Protektorat zu ĂŒbernehmen. Papa war im Lenz 1.200 geworden und fĂŒhlte seine Zeit kommen. Ihm blieben höchstens noch 100 Jahre. Sein Vater war nicht mehr derselbe, seit Mutter gestorben war. Sie war zwar ein alter Drachen gewesen, aber Papa hatte sie abgöttisch geliebt. Ihre Verbindung war Ă€lter als Rom. Er kam nicht dazu, sich lang in Reminiszenzen zu ergehen, denn am Horizont zeichnete sich die nĂ€chste Überraschung ab und vertrieb jĂ€h seine melancholischen Gedanken. Er hatte das Alpenvorland erreicht und blickte jetzt auf ein wahres Netz von Straßen, die, leuchtenden PerlenschnĂŒren gleich, in der Ferne funkelten. Straßenbeleuchtung kannte er nur aus Rom. Was fĂŒr ein Wunderland lag da vor ihm? Welche Zauberei war hier im Gange? Vor nicht einmal einem Monat hatte er dieses Gebiet ĂŒberflogen. Zu diesem Zeitpunkt hatte hier wilder Urwald gewuchert, durchzogen von nur einer römischen Straße, die zu den Provinzen sĂŒdlich des Limes fĂŒhrte. Jetzt rasten unzĂ€hlige Zauberwagen unter ihm dahin, Siedlungen, wahre Orgien magischen Lichtes, sĂ€umten die Prachtstraßen, wohin das Auge blickte. Menschen. Überall Menschen. Sie lebten in HĂ€usern, die sich sowohl durch Perfektion als auch durch den absoluten Mangel an Ornamenten auszeichneten. Eine funktionelle jedoch arme Architektur. Je weiter er nach Norden flog, desto mehr Siedlungen, um so grĂ¶ĂŸer die StĂ€dte. Dann der nĂ€chste Schock. Der Mond ging auf. Rafnagurd hatte seine Reise erst gestern angetreten. Bei Vollmond. Das hielten Drachen bei langen FlĂŒgen immer so, denn so ein Berggipfel verursachte ordentliche Kopfschmerzen, wenn man ihn zu spĂ€t bemerkte. Die Sicht war bei Vollmond einfach am besten. Das Nachtgestirn aber, das sich jetzt im Osten ĂŒber den Horizont quĂ€lte, schien als mickrige zunehmende Sichel. Es musste also etwa 2 Tage nach Neumond sein. Zum ersten Mal seit ihn Mama von der Felsklippe geschubst hatte, um ihm das Fliegen beizubringen, verspĂŒrte er Furcht. Es lief ihm kalt den Schuppenschwanz hinunter. Das hier war nicht seine Welt. Es war nicht seine Zeit. Panik kroch in ihm hoch wie ein mĂ€chtiger, unaufhaltsamer RĂŒlpser. Fast hĂ€tte er nicht mehr ausweichen können. Im letzten Augenblick zog er hoch und nur seine Klauen streiften die heimtĂŒckischen Kabel. Er sah sich um. Riesige Masten standen dort, verbunden mit vielen Seilen, die man in der Dunkelheit kaum erahnen konnte: Drachenfallen! Nichts wie weg! Er drehte ab nach SĂŒdwesten. Vielleicht konnte man dieses drachenfeindliche Zauberland umfliegen. Rafnagurd hielt sich am nördlichen Alpenrand und folgte dem Gebirge nach Westen. Die halbe Nacht. Doch das Reich des Wunderlichtes schien keine Grenze zu haben. Er wurde mĂŒde. Besser, sich rechtzeitig einen Schlafplatz zu suchen, der abseits der Lichterstraßen lag. In einer eleganten Kurve schwang er nach SĂŒden, um sich in die Alpen zurĂŒckzuziehen. Als wechselwarmes Reptil war es nicht ratsam, oberhalb der Schneegrenze zu campieren. Seine immer noch steifen Glieder erinnerten ihn schmerzhaft daran, diesen Fehler nicht noch einmal zu begehen. Nach einer Weile entdeckte er eine Hochalm, die geeignet schien. Kein Licht weit und breit. Unser schuppiger Freund fĂŒhlte sich verwirrt, verĂ€ngstigt und allein. Er landete am Rand der Alm. Hier boten ein paar BĂ€ume Schutz vor dem kalten Wind. Er rollte sich zusammen und schlang die großen ledrigen FlĂŒgel wie eine Decke um seinen Leib. Seine Gedanken rasten. War all das ein böser Zauber? Oder hatte er nur getrĂ€umt? War es der dalmatische Wein? Rafnagurd kam nicht dazu, diese Frage zu erörtern. Sein erschöpfter Körper war sofort eingeschlafen.

Leere am Horizont. Er flog, so schnell er konnte. Er flog vor etwas davon. Heillose Flucht. Wovor? Das wusste er nicht. Wohin? Das wusste er erst recht nicht. Vor ihm lag eine endlose Steppe. Kein Ausweg. Er war der einzige Drache auf der großen weiten Welt. Der Letzte seiner Art. Ihn verließen die KrĂ€fte. Er sank zu Boden und atmete keuchend den rötlichen Staub ein. Plötzlich hörte er das Geheul. Ein Wolf. Hoffnung keimte auf. Er wĂŒrde noch einmal all seine Kraft mobilisieren und den Wolf erlegen. Nahrung. Kraft. Ein Ausweg. Doch da war noch ein Wolf. Er hörte ihn knurren. Ein dritter. Und noch einer. Eine ganze Meute. Sie hatten ihn umzingelt. Er war verloren. Das Knurren wurde lauter. ZĂ€hnefletschen. WĂŒtendes Gebell...

Rafnagurd schreckte hoch. Wer? Was? Wo war er? Das Gebell hörte nicht auf. Schlaftrunken schĂŒttelte er sich. MajestĂ€tische Gipfel, prachtvoller Sonnenaufgang, eine saftig grĂŒne Hochalm und hysterisches GeklĂ€ffe. Irgendetwas passte nicht ins Bild. Dieser Meinung war auch der Hirtenhund und ließ nicht nach, seiner Empörung ob des sonderlichen Fremdlings weiterhin lautstark Ausdruck zu verleihen. Der Fremdling war genervt, denn er litt immer noch unter Kopfschmerzen, denen lautes Gebell in seine empfindlichen Ohren nicht gerade zutrĂ€glich schien, und in ihm reifte der Plan diese Fell gewordene LĂ€rmbelĂ€stigung zum FrĂŒhstĂŒck zu verputzen, als er eine Stimme vernahm. “Was ist denn los, Lauser? Ich komm ja schon.” Der Drache stutzte. Das war Rhetoromanisch, eine der 18 Zungen und 44 Dialekte, die er fließend verstand. Ihm blieb keine Zeit, darĂŒber nachzudenken, denn ein kleines MĂ€dchen tauchte plötzlich auf und guckte genau so dĂ€mlich wie er. Peinliche Situation. Der Hund hörte auf, zu klĂ€ffen, rannte zu dem MĂ€dchen, leckte ihre Hand und winselte unsicher. Nachdem die drei sich eine endlose Minute lang blöd angegafft hatten, brach unser geflĂŒgelter Protagonist das Schweigen: “Man nennt mich Rafnagurd. Ich bin auf der Durchreise. Darf ich wagen, nach eurem Namen zu fragen, holdes FrĂ€ulein?”
Mit der allen Kindern eigenen Gabe, sich in absolut verrĂŒckten Situationen absolut normal zu verhalten, kicherte sie, machte einen höflichen Knicks und sagte: “Ursula.”
“So so, die kleine BĂ€rin. Ich muss mich doch nicht fĂŒrchten, oder?”
Ursula kicherte erneut: “Nein. Du brauchst keine Angst zu haben. Bist du ein Drache?”
“Das habt ihr wohl erkannt, FrĂ€ulein Ursula.”
“Ich dachte, Drachen gibt es nur im MĂ€rchen.”
“Dies ist ein MĂ€rchen! Sagt, Ursula, was macht ihr hier?”
“Spazieren gehen, Blumen pflĂŒcken, Fernsehen... Es sind Sommerferien.”
Rafnagurd kannte keine Sommerferien, doch offensichtlich war es die Zeit fĂŒr kleine Menschenkinder, um spazieren zu gehen, Blumen zu pflĂŒcken und in die Ferne zu sehen. “Wo lebt eure Familie?”
“Drunten im Tal. Du kannst unseren Hof von hier aus erkennen.” TatsĂ€chlich. Er sah ein Gehöft, das ihm gestern Nacht entgangen war, aber keine schwarze Straße und keine Zauberwagen. Vielleicht konnte ihm dieses freundliche Menschenkind weiterhelfen: “Ich fĂŒrchte fast, ich weiß nicht genau, wo ich bin. Wie nennt man dieses Land? Und kennt ihr die LĂ€nder nördlich von hier?”
“Wir sind in der Schweiz. Nördlich von hier liegen Frankreich und Deutschland.”
Schweiz, Deutschland, nie gehört; und dass die Franken, ein unbedeutender germanischer Volksstamm, ihr eigenes Reich gegrĂŒndet hatten, war ebenfalls absurd. Das war kein böser Traum mehr. Rafnagurd befand sich eindeutig im falschen Film, auch wenn der seiner Meinung nach noch gar nicht erfunden war. Verzweifelt startete er einen letzten Versuch, sein Leben irgendwie mit dieser verzerrten RealitĂ€t in Einklang zu bringen: “Ist Julius Caesar noch Imperator von Rom?”
Ursula war 10 und ging in die 5. Klasse. Caesar hatten sie zwar noch nicht durchgenommen, aber sie kannte ihn aus Asterix-Comics: “Der hat vor ganz langer Zeit gelebt, vor 100 oder 1000 Jahren oder so. Weiß ich nicht so genau. Aber es ist lange her. Die Gallier haben die Römer immer verprĂŒgelt”
Die Gallier hatten also mit ihren stĂ€ndigen Rebellionen Erfolg gehabt und ein eigenes Reich gegrĂŒndet. Das war bemerkenswert. Noch bemerkenswerter war die Tatsache, dass ihm in seiner Erinnerung offensichtlich 100 oder 1000 Jahre fehlten. Oder so. Wie konnte das sein? Er kramte noch mal in seinem KurzzeitgedĂ€chtnis. Also er flog ĂŒber die Alpen. Ihm wurde schlecht. Er landete und bereicherte die Landschaft um einen großen Haufen Drachenkotze. Und dann? Da war ein Vibrieren, ein Grollen. Plötzlich sah er es vor seinem gesitigen Auge. Das Grollen kam wider Erwarten nicht aus seinem versoffenen SchĂ€del. Es stammte von einer weißen Wand aus Schnee, die auf ihn nieder raste. Dann riss die Erinnerung ab. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen (alter Drachenspruch): Eine Lawine! Sein grauenhaftes WĂŒrgen hatte eine Lawine ausgelöst. Die einzige ErklĂ€rung. Sie schien so bescheuert, wie manchmal nur die Wahrheit sein konnte. Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende war er eingefroren gewesen. Daher die steifen Glieder. Verdammt!
“Du schaust so traurig. Hast du dich verlaufen? Findest du nicht nach Hause?”
Das traf die Sache auf den Punkt: “Ich habe kein Zuhause. Ich habe niemanden”
Der Drache tat ihr Leid: “Du hast mich. Lass uns Freunde sein!” Ohne eine Antwort abzuwarten, setzte sich Ursula auf sein rechtes Vorderbein und tĂ€tschelte aufmunternd seinen langen Hals. Die Geste rĂŒhrte ihn: “Ihr seid zu gĂŒtig.”
“Und ihr Drachen riecht aus dem Mund.”
Rafnagurds dröhnendes Lachen hallte durch die Alpen. Der Hirtenhund, der sein anfĂ€ngliches Mißtrauen ĂŒberwunden und begonnen hatte, neugierig an ihm zu schnĂŒffeln, klemmte den Schwanz zwischen die Hinterbeine und stellte den alten Sicherheitsabstand wieder her. Das Lachen war ansteckend, also fiel Ursula mit ein. Ein kleines Glöckchen und eine riesige Basstrommel.
“Wo kommst du her und was machen Drachen so?”, wollte sie wissen.
Die Frage war nicht so leicht zu beantworten. Doch da Rafnagurd nichts Besseres zu tun hatte, erzĂ€hlte er Ursula die Geschichte der Drachen: “Die 1. Welt wurde von uns Drachen beherrscht, doch sie wurde durch Feuer, das vom Himmel fiel, zerstört. Die Sonne war viele Jahre nicht zu sehen, die Meisten meines Volkes gingen zugrunde. In der 2. Welt ĂŒbernahmen die WarmblĂŒter das Zepter, allen voran die Atlanter, ein Menschenstamm. Sie lebten auf einem Inselkontinent, der noch westlich des Westkontinentes lag...”
“Du meinst westlich von Amerika?”
“Kann sein, dass das jetzt so heißt. Sie waren ein sehr fortschrittliches Volk. Ihre StĂ€dte wuchsen in den Himmel. Sie bauten großartige Maschinen, die fliegen und auch die riesigste Last schwerelos befördern konnten. Sie vermochten den hĂ€rtesten Granit wie Butter zu schneiden und ĂŒber große Strecken mitteinander zu sprechen. Es existierten noch viele andere Völker, doch sie lebten so primitiv wie in der 1. Welt. Die Bewohner von Atlantis wurden von ihnen als Götter verehrt. Wir Drachen lebten in Frieden mit den Atlantern, doch Menschen können Frieden untereinander nur schwer bewahren. Es kam zum Krieg. Leider waren die Waffen der Atlanter so hochentwickelt wie ihre Kultur. Sie bekĂ€mpften einander mit unsichtbaren Wellen des Schalls, die ihre Körper zerplatzen liessen. Eine grausame Waffe. Man bekam davon noch Kopfschmerzen, wenn man hunderte von Meilen entfernt war. Die Erde begann zu beben. Als der Krieg den Höhepunkt erreicht hatte, brach der Inselkontinent auseinander und versank im Meer. Um ihn herum entstand der Ring des Feuers, dessen Vulkane sich heute noch nicht beruhigt haben. Atlantis und all seine Wunder waren zerstört, doch einige Atlanter konnten entkommen. Die 3. Welt war die Zeit ihrer Diaspora. Die Ära der Verwirrung. Die ĂŒberlebenden Atlanter flohen nach Osten zum Westkontinent, den ihr Amerika nennt. Sie wollten sich dort niederlassen, doch sie wurden von eingeborenen StĂ€mmen vertrieben. Über das Mare Atlanticum gelangten sie nach Terra Africanum. Einige sollen sogar bis zum Dach der Welt gekommen sein. Es war die Zeit der großen Völkerwanderungen und Kriege. Wir wurden auch hineingezogen. Die Drachen in Mittelwald mussten ihr Territorium gegen MenschenstĂ€mme verteidigen, die wie Ameisenheere aus dem SĂŒden und dem Osten in ihren Lebensraum strömten. Es waren zu viele. Wieder starben die Meisten von uns. Die 3. Welt wurde durch Eis zerstört, das von Norden und von SĂŒden kam. Mittelwald wurde von Kilometer hohen Gletschern platt gewalzt. Fast alle Wesen – Menschen, Tiere und Drachen drĂ€ngelten und prĂŒgelten sich rund ums Mare Mediterraneum, das damals fast ausgetrocknet war. Zu Beginn der 4. Welt schmolz das Eis und die Meere wurden wieder grĂ¶ĂŸer. Die Eiszeit hatte alle Völker in ihrer Entwicklung weit zurĂŒck geworfen, doch das interessierte uns nicht. Die Kultur der Drachen bestand nie in Dingen, GebĂ€uden oder Technologie. Die WĂ€lder waren voller Rotwild, Wölfe, Wildschweine. Das und der Himmel war alles, was wir zum Leben brauchten. Unsere Kultur widmete sich der Philosophie, der Magie und der Natur. Als die Gletscher sich zurĂŒckzogen und Mittelwald frei gaben, kehrten auch wir zurĂŒck, wĂ€hrend die Menschen am Mare Mediterraneum sich in Ackerbau und Viehzucht versuchten und die Nachfahren der Atlanter sich mit den wenigen Maschinen, die sie aus der 2. Welt gerettet hatten, DenkmĂ€ler setzten. Auch wenn es weiterhin nomadisierende Völker gab, stellte die Zivilisation, wie die Römer es nennen, den entscheidenden Fortschritt dar. Aus Lagern wurden Dörfer, aus Dörfern StĂ€dte. Reiche entstanden, das der Nubier, der Ägypter, der Griechen und neuerdings der Römer. DafĂŒr musste man munter Krieg fĂŒhren. Im Gegensatz zu uns Drachen, die weitgehend Einsamkeit vorziehen, seid ihr Menschen Rudeltiere. Durch diese Zivilisation wurden eure Rudel immer grĂ¶ĂŸer. Ein Rudel dehnte sein Territorium aus, bis es an die Grenzen eines anderen Rudels stieß und dann gab es Keile, bis ein Rudel unterlag. Diese Denkart ist uns fremd, aber wir vermehren uns auch nicht so schnell wie ihr. Viele unterlegene Rudel, Ă€h StĂ€mme, mussten ihren Lebensraum im SĂŒden und im Osten aufgeben. Sie zogen umher und einige ließen sich in Mittelwald nieder. Da sie uns Drachen als gefĂ€hrliche Monster betrachteten – in der 4. Welt war das alte Wissen bereits verloren – wurde manch ein Drache im Schlaf gemetzelt und manch ein vorwitziger Mensch bereicherte unseren Speiseplan. Doch so konnte es nicht weitergehen. Ihr wart so viele und eure Zahl nahm stĂ€ndig zu. Wir waren nur noch so wenige und unsere Zahl sank. Da beschloss der Rat der TausendjĂ€hrigen von Mittelwald, Frieden mit den Menschen zu schließen. Das war leichter gesagt als getan. Wir sprachen die Zungen der Menschen, doch manch ein Friedensangebot endete im Fiasko, weil die Menschen uns entweder angriffen oder schreiend wegliefen, kaum dass sie einen von uns erblickten. Aber nach und nach gelang es uns, BĂŒndnisse mit einzelnen StĂ€mmen zu schließen. Wir hielten Wölfe, Berglöwen und BĂ€ren von ihren Behausungen fern. Das war nicht allzu schwierig, denn kein Drache schlĂ€gt ein gutes Mahl aus. Im Gegenzug ließen sie uns in Ruhe, spendierten in kalten Wintern sogar die eine oder andere Ziege oder Kuh. Abgesehen von einigen notorischen EinzelgĂ€ngern, die nach Osten zogen, war bald jeder Drache Lordprotektor eines menschlichen StammesfĂŒrsten in Mittelwald. Unsere einzige Bedingung war, dass man uns nicht in ihre dummen Kriege hineinzog. Diese Symbiose funktionierte einige tausend Jahre ganz gut. Es gelang, in Harmonie mit den Menschen zu leben.”
“Stimmt es, dass ihr Drachen Feuer speien könnt?”
Rafnagurd grinste, was Lauser, den Hirtenhund, Ă€ngstlich aufjaulen ließ. Dann schĂŒttelte er den Kopf: “Dieses GerĂŒcht hat also die Geschichte ĂŒberdauert. Ich will berichten, junge Maid, wie es dazu kam. Ich erzĂ€hlte euch bereits, dass wir BĂŒndnisse mit einigen StĂ€mmen schlossen. Wir lernten sogar, bestimmte menschliche Erfindungen zu schĂ€tzen, wie die Weinkelterei und das Rösten eines Tieres ĂŒber dem Feuer, obwohl das nicht jedem bekam. Wie zum Beispiel, Isgart, meinem Ururgroßvater mĂŒtterlicherseits, der diese Legende auslöste. Er war der Lordprotektor eines nordgermanischen Stammes, der vor langer Zeit am Mare Balticum lebte. Ein Rudel Schneewölfe war in ihr Land eingefallen, riss ihr Vieh und bedrohte das Volk. Isgart bat den StammesfĂŒrsten um eine Ziege, die er ausserhalb des Lagers an einen Pflock binden sollte. Er hockte sich auf eine hohe Eiche, bis die Wölfe dem Ă€ngstlichen Meckern des Zickleins nicht mehr widerstehen konnten. Dann stieß er im Sturzflug hinunter und biss dem Leitwolf den Kopf ab. Es wurde ein harter Kampf und Isgart trug einige Wunden davon, aber am Ende liessen 6 Wölfe ihr Leben. Der Rest der Meute floh, um niemals wiederzukehren. Nachdem mein Ururgroßvater die 6 Wölfe nebst Ziege verputzt hatte – das arme Tier starb an Herzversagen – und zum Lager zurĂŒckgekehrt war, feierte man ihn als Helden und Retter des Stammes. Es wĂ€re beleidigend gewesen, den Ochsen abzulehnen, den man ihm zu Ehren röstete. Das wilde Gelage dauerte bis in die frĂŒhen Morgenstunden. Kurz vor Sonnenaufgang geschah es. Das gemeine Volk war lĂ€ngst zu Bett gegangen. Nur die Ältesten und der StammesfĂŒrst saßen noch am Lagerfeuer. Sie hatten die WeinschlĂ€uche geplĂŒndert, sich selbst gefeiert und den Ochsen vernichtet, eine schwierige Arbeit, bei der Isgart den Löwenanteil bewĂ€ltigt hatte. Das rĂ€chte sich, denn als der 8. WarmblĂŒter endlich vertilgt war, musste er fĂŒrchterlich aufstoßen. Das Gas, welches von seinem oberen Magen so vehement in die Freiheit drĂ€ngte, erwies sich als hoch brennbar. Isgart rĂŒlpste also gewaltig ins Lagerfeuer, eine Stichflamme schoss aus seinem Rachen, setzte 2 germanische BĂ€rte in Brand und versengte ein Dutzend Augenbrauen. Man glaubte seinen Beteuerungen, dies sei keine Absicht gewesen und nahm seine Entschuldigung an. Die BĂ€rte waren schnell gelöscht, niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, doch die Legende, Drachen könnten Feuer speien, verbreitete sich schneller als unsereins zu fliegen vermag.”
Ursula kicherte: “Das ist lustig, hi hi.”
“Ho ho ho, stellt euch vor, mein Ururgroßvater hĂ€tte furzen mĂŒssen! Ho ho, das hĂ€tte Tote gegeben, ho ho ho! Welches MĂ€rchen daraus wohl entstanden wĂ€re, ho ha ha hu!”

Ursula war glĂŒcklich. Dieser Drache machte ihr viel Spaß. Er brachte sie zum Lachen. Sie öffnete ihren Rucksack und holte die Brotzeit heraus: “Hast du Hunger?”
“Nein, danke. Ich habe erst vor 2 Tagen reichlich gegessen. Oder vor 2000 Jahren, wer weiß das schon so genau. Drachen kommen mit 2 bis 3 Mahlzeiten pro Woche aus. Aber bitte, mein junges FrĂ€ulein, erzĂ€hlt mir von eurer Welt! Wie ist es den Menschen ergangen?”
Das MĂ€dchen kaute an einer dicken Brotrinde und biss grĂŒbelnd in ihren KĂ€se: “Fast alle Menschen leben in StĂ€dten. Ich mag StĂ€dte nicht. Sie sind laut und die Luft stinkt. Unsere Familie lebt in der kleinen Gemeinde dort unten. Wir halten Schafe, Ziegen, KĂŒhe und Bienen. GemĂŒse und etwas Getreide bauen wir auch an. Wir haben nicht viel Geld. Das wenige vom Verkauf der Wolle reicht kaum aus, aber wir haben genug. Mein Papa macht den besten KĂ€se weit und breit. Ich weiß nicht viel von der Welt, aber das hier könnte dir helfen..”
Sie holte einen kleinen Kasten aus dem Rucksack, dessen Vorderseite glĂ€sern glĂ€nzte. Dann zog sie einen Metallstab aus dem Kasten und drĂŒckte mit dem Finger auf einen roten Kreis: “Ich komme manchmal zu Fernsehen hier hoch. Drunten im Tal kann man kaum etwas empfangen. “Funkloch.”, sagt der Papa. Hier oben kann man sogar italienische Programme sehen.”
Rafnagurd erschrak, denn in dem Kasten erschien plötzlich das Bild einer Frau im Schneesturm. Ursula bewegte den Metallstab und das Bild wurde klar. Die Frau sprach in einem kaum verstĂ€ndlichen romanischen Dialekt – und sie blickte ihn an. Potzblitz! Das MĂ€dchen besass eine magische Kristallkugel. Sie war zwar nicht rund, doch sie funktionierte einwandfrei. Ihm kam ein Verdacht: “Seid ihr eine Zauberin?”
Ursula lachte: “Nein. Das ist doch nur ein Fernseher. Dreh an dem Rad hier und du bekommst verschiedene Sender. Die Batterien halten etwa 4 bis 5 Stunden. Ich muss zurĂŒck nach Hause, sonst macht Mama sich Sorgen. Ich komm dich heute Nachmittag noch mal besuchen und hol ihn ab. Machs gut! Bis nachher.”

Ursula hĂŒpfte fröhlich ins Tal hinunter, wobei ihre langen, blonden Zöpfe lustig herumtanzten. Lauser, ihr Hund, sprang schwanzwedelnd nebenher, glĂŒcklich, einen völlig verdatterten Drachen mit einer Sinnkrise und einem portablen Kleinfernseher auf einer malerischen Hochalm zurĂŒckzulassen.

Rafnagurd konnte mit dem italienischen FrĂŒhstĂŒcksfernsehen nicht viel anfangen. Er spitzte eine Kralle und drehte vorsichtig an dem Rad. Da saßen 7 Menschen auf 7 StĂŒhlen und schrien sich an. Ein Mann stand vor ihnen und stellte kurze Fragen, woraufhin die Menschen sich noch lauter anschrien. Wieso stellte man die StĂŒhle nebeneinander, so dass die Menschen sich gar nicht vernĂŒnftig unterhalten konnte? Warum klatschten und johlten die Zuschauer, wenn ein Mensch den anderen besonders laut angeschrien hatte? Er drehte noch mal am Rad. 4 Leute auf 4 StĂŒhlen stritten sich in einer anderen Sprache. Eine Frau mit sehr roten Lippen stellte hier die Fragen, doch auch sie schien den Streit nur anzuheizen. Er drehte weiter. Ein einzelner Mann. Er sprach ruhig und freundlich in einer germanischen Zunge, so dass Rafnagurd vieles verstehen konnte. An einer blauen Wand hinter ihm erschienen schreckliche Bilder. Kriege, Überschwemmungen und WaldbrĂ€nde. Der Mann fuhr lĂ€chelnd fort, von den Katastrophen des Tages zu berichten, wĂ€hrend hinter ihm Landkarten eingeblendet wurden, um zu zeigen, welche Katastrophe gerade wo statt fand. Dann sagte er das Wetter voraus. Rafnagurd drehte weiter am Rad...
* * *

Das Gebell riss ihn aus seinen Gedanken. Die Sonne hatte ihren Zenit weit ĂŒberschritten. Die Zeit war schnell vergangen. Ursula und ihr lebendsmĂŒder Hirtenhund waren zurĂŒckgekehrt: “Hör auf, zu klĂ€ffen, Lauser! Ganz ruhig. Der tut dir nichts.”
Wenn sie sich da mal nicht zu sicher war. Rafnagurd hĂ€tte einen kleinen Snack durchaus vertragen können. Der Hund schien diese Gedanken zu erahnen, stellte die akustische Umweltverschmutzung ein und legte sich in sicherem Anstand hin, um den Drachen zu beobachten. Ursula blickte neugierig zu ihm auf: “Hast du was ĂŒber unsere Welt gelernt?”
“Das habe ich. Vielen Dank fĂŒr euren Zauberkasten! Ich muss jetzt gehen.”
Das MĂ€dchen zog eine enttĂ€uschte Schnute: “Aber ich dachte, wir wĂ€ren Freunde. Kommst du mich wenigstens mal besuchen?”
“Vielleicht – irgendwann. Ich muss jetzt weiter. Es war eine Ehre, eure Bekanntschaft zu machen, holde Maid. Lebt wohl! Ich werde euch nie vergessen.”
“Ich dich auch nicht.”, erwiderte sie mit trauriger Stimme. Dicke TrĂ€nen fĂŒllten ihre Augen. Die OberflĂ€chenspannung hielt der Schwerkraft nur einen Moment stand, dann ergossen sich zwei kleine Rinnsale ĂŒber rosige Wangen. Der Drache breitete seine Schwingen aus und erhob sich mĂ€jestĂ€tisch in die Luft. Lauser winselte Ă€ngstlich, Ursula winkte. Sie winkte noch lange nachdem er hinter dem nĂ€chsten Berg verschwunden war.

Er war der Letzte seiner Art. Sein Entschluss stand fest. Er suchte sich einen steilen, schneebedeckten Hang aus und landete an dessen Fuß. Mit seinen starken Klauen grub er ein tiefes Loch in den Schnee. Nach etwa 25 Ellen stieß er auf Fels. Egal. Das musste reichen. Dann erhob er seine mĂ€chtige Stimme. Sein Ruf hallte weit durch die Alpen. Es war ein trauriger Gesang, ein Klagelied. Auch Trotz und Wut klangen mit: “Hört mich, ihr Berge! Hör mich, o Sonne! Hör mich Himmel! Ich lebe!”

Die Melancholie wich einer inneren Ausgeglichenheit, als er das Grollen der Lawine vernahm. Er ließ sich in das Loch gleiten und gedachte seiner Ahnen. In dieser Welt war kein Platz fĂŒr Drachen. Vielleicht in 100 oder 1000 Jahren. Oder so. Rafnagurd lĂ€chelte.

Dann war da nur noch KĂ€lte. Und Dunkelheit.

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