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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der malachitfarbene Schal
Eingestellt am 28. 11. 2004 00:52


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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

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Tom Bosbach schenkte den vielen GesprÀchen, die sich darum drehten, warum seine Mutter so war, wie sie war, wenig Beachtung. Er verstand sie ja selbst nicht und alle Versuche, herauszufinden, warum sie eines Abends nackt bis auf einen Schal in den IC Richtung Augsburg stieg, schlugen ebenso fehl wie die Anstrengung, den Vorfall zu vergessen.

Toms Mutter hieß Lilian und jeder – außer Tom selbst – nannte sie Lilly oder Lia mit lang gezogenem „i“. Sie hasste beide Varianten aber liebte alles, was verhalten malachit glĂ€nzte. So wie der Schal, an den sich Tom mehr als alles andere erinnerte, als seine Mutter mit der Polizei in der TĂŒr stand und wortlos an ihm und seinem Vater vorbeirauschte. Dabei bewegte sie sich in ihrer Nacktheit so selbstverstĂ€ndlich, dass sie vollstĂ€ndig bekleidet wirkte.
Ohne Eile schritt sie die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf und wie immer machten ihre FĂŒĂŸe auf dem alten Holz kein GerĂ€usch. Tom war das ein RĂ€tsel. Schon oft hatte er versucht, ebenso gerĂ€uschlos die Treppe hinaufzusteigen, klang aber immer wie jemand, der unter keinen UmstĂ€nden ein GerĂ€usch verursachen wollte.

Lilian hielt inne, blickte ĂŒber ihre Schulter zurĂŒck und maß das schweigsame GrĂŒppchen an der HaustĂŒr mit einem nachdenklichen Blick. Dann taxierte sie den Kronleuchter. Unweigerlich taxierten alle den Kronleuchter, und Tom fragte sich, ob dieses kristallene UngetĂŒm, das schon seit Jahren ĂŒber den gemeinsamen Mahlzeiten schwebte, darĂŒber hinaus aber kaum beachtet wurde, jemals zuvor so viel Aufmerksamkeit erfahren hatte. Schon immer wollte Lilian den Kronleuchter loswerden, aber jede in diese Richtung gehende Diskussion wĂŒrgte Toms Vater mit den Worten „Lia, er ist vierundvierzigflammig!“ ab. Aus Richard Bosbachs Mund klang das so unangreifbar wie die Ă€rztliche AnkĂŒndigung „Es ist ein Tumor!“. Tom schloss daraus, dass erst eine Flamme mehr oder weniger den Kronleuchter endgĂŒltig seiner Daseinsberechtigung entheben wĂŒrde. Bis dahin war er unantastbar und fraß sich nach Lilians Ansicht tatsĂ€chlich wie ein großes KrebsgeschwĂŒr durch den hĂ€uslichen Frieden.

Langsam wickelte Lilian sich den malachitfarbenen Schal vom Hals und richtete ihn auf den Kronleuchter, so, als wolle sie ihn erschießen. „Lia!“, hauchte Richard vorwurfsvoll, und es war nicht klar, ob sein Tadel ihrer so offen zur Schau gestellten Verachtung oder ihrer BlĂ¶ĂŸe galt, die ohne Schal mehr und mehr an Kontur gewann. „Lia!“, sagte er etwas lauter, trat an den Fuß der Treppe und hob seine Hand, unschlĂŒssig, ob er sie damit bannen oder ihr einfach zuwinken wollte. Lilian beachtete ihn nicht. Sie wandte den Blick ab und schritt die letzten Stufen hinauf. Nie zuvor war sie Tom schöner vorgekommen: Das Haar floss ihr wie schwarzer Samt ĂŒber den schlanken RĂŒcken, die schmale Taille mĂŒndete in rundliche, aber feste HĂŒften. Die vollen BrĂŒste schimmerten im Halbschatten weiß; ihr leichtes Wogen war nur zu erahnen. Oben angekommen ließ sie den Schal achtlos fallen und verschwand um die Ecke.

„Sie meint es nicht so“, erklĂ€rte Toms Vater den Polizeibeamten. Sie starrten Lilian mit offenem Mund nach. „Sie meint es nicht so“, sagte er wenig spĂ€ter auch zu Tom, tĂ€tschelte ihm beilĂ€ufig den Kopf und zog sich mit seinem irischen Tullamore-Dew-Whiskey in sein Arbeitszimmer zurĂŒck, aus dem bis zum frĂŒhen Morgen Bachs geistliche Kantaten erklangen. In jener Nacht hob Tom den Schal auf und versteckte ihn in seinem Zimmer. Lilian vermisste ihn nicht. Vielleicht wollte sie ihn auch nicht mehr. Welchem Zweck auch immer er gedient hĂ€tte – wie die fehlgeschlagene Fahrt nach Augsburg schien auch der Schal fĂŒr sie der Vergangenheit anzugehören.

Nicht so fĂŒr die Leute. Das Thema wurde hingebungsvoll in der Nachbarschaft erörtert. Von ihrem „Aufzug“ war die Rede, nie aber von ihrer Nacktheit, Als wĂ€re allein der malachitfarbene Schal skandaltrĂ€chtiger als der Busen, den zu bedecken er nur leidlich nachgekommen war.

„Sie meinte es nicht so“, erklĂ€rte Tom ĂŒberall, wo vom „Aufzug“ seiner Mutter die Rede war. Mehr war aus ihm nicht herauszuholen. Er war ein schweigsamer Junge, der im Winter wĂ€hrend des Unterrichts seinen Mantel anbehielt und in den Pausen nachdenklich auf seinem Sandwich herumkaute. Eine unheilvolle Aura umgab ihn, an der er selbst keine Schuld trug. Man machte einen großen Bogen um ihn, so, als habe er die Nacktheit seiner Mutter geerbt, und tatsĂ€chlich wirkte er selbst im Mantel unbekleideter als Lilian im Schal auf dem Weg nach Augsburg. Jene unheilvolle Aura und das nachdenkliche Kauen weckten schließlich meine Neugier. „Wie meinte sie es denn?“ fragte ich ihn eines Tages auf dem Schulhof. Es erschien mir ehrlicher, ohne Umschweife gleich zur Sache zu kommen. Schneeflocken wirbelten um uns herum. Tom sah von seinem Sandwich auf. Sein Atem gefror zu einer Dampfwolke. „Frag sie doch selbst!“, sagte er und zeichnete mit seinem Schuh eine Horizontale in die dĂŒnne Schneedecke, so als wolle er damit endgĂŒltig einen Schlussstrich unter die ganze Angelegenheit ziehen. „Wann?“, fragte ich und malte ein Fragezeichen unter die Horizontale. Tom grinste. „Wann immer du willst.“ In jenem Winter wurden wir Freunde.

„Schön, dass du mal Jemanden mit nach Hause bringst, Junge“, sagte Toms Vater und schĂŒttelte mir die Hand. Über seinem Anzug trug er eine dicke Strickjacke. In der linken Hand hielt er eine Lesebrille. Er wirkte mĂŒde und hatte tiefe Augenringe, die seinen Blick wie eine umgekippte schwarze 8 umwölkten. Draußen ging ein Schneesturm nieder und das ganze Haus war unterkĂŒhlt. „Dein Freund bleibt doch zum Abendessen?“, fragte er. Unsicher blickte ich von ihm zu Tom, der mich bereits in Richtung Treppe zog. „Klar bleibt er“, antwortete er an meiner Stelle und nickte mir zu. „Na, dann macht euch mal ein schönes Feuer, Jungs.“ Richard Bosbach zog den Reißverschluss seiner Strickjacke zu und ging in sein Arbeitszimmer. Von innen verschloss er sorgfĂ€ltig die TĂŒr. „Warum schließt er sich ein?“, fragte ich. „Hm, er will seine Ruhe.“ Ich lachte. „Aber hier ist es stiller als auf einem Friedhof. Und kalt.“ „Das kann tĂ€uschen“, antwortete Tom und ging die Stufen hinauf. „Kommst du nun mit oder nicht?“. Ich folgte ihm und betrat die in der ganzen Nachbarschaft berĂŒhmt gewordene Treppe. Den GerĂŒchten zufolge hatte Lilian hier splitternackt gestanden und versucht, sich mit ihrem Schal am Kronleuchter zu erhĂ€ngen. Dazu hĂ€tte sie aber mindestens fĂŒnf Meter durch die Luft fliegen mĂŒssen. Es war unmöglich, das Ding von der Treppe aus zu erreichen. „Willst du da Wurzeln schlagen?“, fragte Tom, der bereits oben angekommen war. „Nein“, beeilte ich mich zu sagen und schob fĂŒrs Erste meine Neugier beiseite. „Wie meinte er das mit dem Feuer?“, fragte ich. Tom fĂŒhrte mich durch einen schmalen dunklen Korridor. Ein weinfarbener Teppich verschluckte unsere Schritte. „Warts ab“, sagte er und öffnete eine TĂŒr.

Weitaus bemerkenswerter als die Augenringe seines Vaters war Toms Zimmer. Es hatte DachschrĂ€gen und an der Nordseite zur Terrasse hin eine imposante Fensterfront mit Blick auf den verschneiten Wald. Der große offene Kamin, die sĂ€uberlich gestapelten Holzscheite und das schmiedeeiserne Kaminbesteck ließen keinen Zweifel daran, dass Richard Bosbach keinen Witz gemacht hatte. „Na, willst du das Feuer anmachen?“, fragte Tom und drĂŒckte mir zerknĂŒlltes Zeitungspapier in die Hand. Meine Begeisterung schien ihn zu belustigen. „Ja, klar“, sagte ich und löste meinen Blick von dem BĂŒcherregal, das eine gesamte Wandseite einnahm. „Willst du die alle noch lesen?“, ĂŒberspielte ich mein Unvermögen, das Feuer richtig in Gang zu bringen. „Hab ich schon lĂ€ngst“, bemerkte Tom knapp. „Und wieso versuchst du es nicht erst mit ein paar dĂŒnnen SpĂ€nen? Die Scheite kommen spĂ€ter.“ „Ich kenne mit damit nicht aus“, gab ich etwas beleidigt zurĂŒck. „Wir haben keinen Kamin.“ Tom hockte sich neben mich. „Komm, ich zeigs dir“, sagte er. Ein paar Handgriffe spĂ€ter knisterte ein kleines Feuer im Kamin. Ich blickte aus dem Fenster. Das Schneetreiben war stĂ€rker geworden und verwischte die Konturen des Waldes. „Ich mag dieses GerĂ€usch“, sagte Tom nach einer Weile und wies auf das Feuer. „Nun ja, es knistert“, antwortete ich. „Ja, aber klingt es zu Anfang nicht so wie wenn ein GemĂ€lde versucht, aus dem Rahmen zu klettern?“ Ich zuckte die Schultern. „So genau habe ich noch nicht hingehört.“ Tom seufzte. „Dann höre jetzt mal hin!“ Lange Zeit war es still. Ich starrte auf die Flammen und versuchte mir ein GemĂ€lde vorzustellen, das lebendig geworden war und angestrengt versuchte, aus dem Rahmen zu rascheln. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und begann zu lachen. Tom blickte mich tadelnd an. Ich verlor vollends die Beherrschung. Jemand klopfte an die TĂŒr. „Tom? Tom, wen hast du da bei dir? Wer lacht da so schamlos?“ Augenblicklich war ich still. Da draußen stand sie also. Lilian Bosbach, deren Name nach nunmehr einem Jahr noch in aller Munde war. Und nichts als eine TĂŒr trennte sie von mir und meiner Neugierde, die zugegebenermaßen gerade in eine Mischung aus Aufregung und Furcht umschlug. „Nur ein Freund, Mama“, rief Tom. "Ein Freund also. Nun denn, ich will ihn ansehen!", forderte Lilian. Dann verstummte die Stimme hinter der TĂŒr. Tom schien meine NervositĂ€t zu bemerken. "Entspann' dich, Mann, sie kommt hier nie rein", flĂŒsterte er und legte einen Scheit nach.


Fortsetzung folgt...



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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An majissa

Schön und spannend erzÀhlt mit einem Schuss Geheimnis, das neugierig auf die Fortsetzung macht.

An manchen Stellen gibt es etwas ungeschickt eingesetzte Worte, wie hier:

oder ihrer BlĂ¶ĂŸe galt, die ohne Schal mehr und mehr an Kontur gewann.

Das Wort Kontur will mir nicht gefallen.

wie die fehlgeschlagene Fahrt nach Augsburg schien auch der Schal fĂŒr sie der Vergangenheit anzugehören.

Ereignisse gehören der Vergangenheit an, wie die Fahrt nach Augbsburg. Dinge aber, wie der Schal, werden vergessen.

Als wĂ€re allein der malachitfarbene Schal skandaltrĂ€chtiger als der Busen, den zu bedecken er nur notdĂŒrftig nachgekommen war.

Der Nebensatz "den zu bedecken..." ist linkisch ausgedrĂŒckt und das Wort "notdĂŒrftig" hier fehl am Platz.

Ich warte auf die Fortsetzung.

Lotte Werther

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majissa
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Hallo Lotte,

danke fĂŒrs Lob und die Auseinandersetzung mit dem Text. Über deine Hinweise denke ich nach. Warum ist das "notdĂŒrftig" deiner Meinung nach fehl am Platze?

LG
Majissa

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dubidu
One-Hit-Wonder-Autor
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Ich schließe mich

Lottes Meinung an - ein Text mit etwas Sand im Getriebe, nicht sehr majissalike! Auf der anderen Seite macht er Appetit auf den 2. Teil. Falls es beim Lesen nicht so knirschen wĂŒrde, dann freute ich mich umso mehr.
Viele GrĂŒĂŸe
das dubidu
__________________
Die TollkĂŒhnheit des Schreibers und sein spontanes BedĂŒrfnis nach Wahrheit mĂŒssen allemal grĂ¶ĂŸer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

notdĂŒrftig

Warum ist das "notdĂŒrftig" deiner Meinung nach fehl am Platze?

Der Nebensatz reisst den Leser aus der Stimmug, die du erzeugen konntest. Er vermittelt ein falsches Bild.

Als wĂ€re allein der malachitfarbene Schal skandaltrĂ€chtiger als der Busen, den zu bedecken er nur notdĂŒrftig nachgekommen war.

Ein Schal kommt keiner Aufgabe nach, auch nicht im ĂŒbertragenen Sinne.

Das Wort "notdĂŒrftig" im Zusammenhang mit einem vorher als schön und fest beschriebenen Busen zu verwenden, empfinde ich als daneben, weil es an Notdurft erinnert.

Streich doch einfach die Not und lass ihn dĂŒrftig die BlĂ¶ĂŸe bedecken.

Lotte Werther

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majissa
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@Lotte

Danke fĂŒr die ErlĂ€uterung. Du hast mich das "notdĂŒrftig" betreffend ĂŒberzeugt. Ich werde es in "dĂŒrftig" oder "leidlich" abĂ€ndern.


Liebes Dubidu,

wo knirschts denn fĂŒr dich besonders? Meinst du exakt die von Lotte aufgezĂ€hlten Punkte oder gibts da noch mehr?

LG
Majissa

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