leselupe.de Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   3946
Themen:   58117
Momentan online:
7 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?

 Leselupe Werke   Werke suchen
Foren-Übersicht
Prosa-Foren
Lyrik-Foren
Das Beste
Das Neueste
Die LL empfiehlt
Schreibwerkstatt
Diskussionsforen
Anonymus

 Leselupe Service
Anthologien u. Reihen
Ausschreibungen
Fan-Shop
Für Webmaster
Lektorat
Neues von der LL
Rezensionen
Literatur-Webkatalog


Leselupe.de > Kindergeschichten
Der schottische Weingeist
Eingestellt am 08. 09. 2009 17:50


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Donkys Freund
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2008

Werke: 13
Kommentare: 64
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Donkys Freund eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ab 9 Jahre

Der schottische Weingeist

„Uuuh!“, tönte es schon wieder aus dem Keller. Jan zog das Kissen über den Kopf und schimpfte laut: „Ruhe!“ Ich dagegen dachte nur daran, wie ich meinen Sohn morgen rechtzeitig aus dem Bett bekomme, ohne den Bus zum Büro zu verpassen. Das musste aufhören! Immerhin schlug die Uhr gerade eins. „Uuuh!“ Dieses weinerliche, aber trotzdem durchdringende Stimmchen gehörte Dunny, unserem Hausgeist. Der hatte in einem Burgprospekt gelesen, dass Gespenster vor allem um Mitternacht spuken. Das ist natürlich Quatsch. Geister spuken, wie sie Lust haben. Man wollte nur die Touristen nicht verschrecken, die in der Regel tagsüber das schottische Cravhorn Castle bestaunten. Deshalb legte man die Spukzeit lieber außerhalb der Öffnungszeiten. In dieser Burg in den schottischen Highlands trieb unser Hausgeist noch letzten Sommer sein Unwesen, als wir die Ruinen der gewaltigen Gemäuer während unseres Urlaubes besichtigten. Jan war anschließend immer recht mies gelaunt, während wir wanderten. Meinte ich jedenfalls zunächst.

„Uuuh! Wo bin ich?“ Ein Luftzug rauschte uns durch die Haare, als wir nach unserer Rückkehr in unserem kleinen Reihenhaus die Regenjacke ausschüttelten. Danach hörten wir nur ein wildes Gepolter im Keller und natürlich ein „Uuuh!“ Wie wir später erfuhren, hatte sich der Ex-Burggeist anscheinend in Jans Kapuze verfangen und entwischte erst jetzt wieder in die Freiheit.

Jan eilte in den Keller und rief: „Hallo? Ist da jemand?“ - „Uuuh!“, lautete die Antwort. Wie sollte es anders sein. „Wo bin ich? Es ist ganz schön eng hier!“, klang es dumpf aus einem Umzugskarton. Jan öffnete den Deckel: „Kannst rauskommen!“ Er hatte wenig Erfahrung mit Geistern und ahnte nicht, dass sich unser unsichtbarer Freund inzwischen in der Bohrmaschine verkrochen hatte. Da er keine Elektrogeräte auf Cravhorn Castle kannte, bohrte er versehentlich erstmal ein Loch in einen Gummistiefel. „Schluss jetzt!“, schimpfte Jan verärgert, „Raus da und ab in den Putzeimer!“ Der Geist gehorchte und verschwand unter einem Lappen im Eimer.

„Du bist bei uns zu Hause in Deutschland. Wahrscheinlich haben wir dich versehentlich aus Schottland mitgenommen“, vermutete Jan. „Ist das denn auch ein Castle?“, erklang es dumpf aus dem Eimer. „Hmm, wenn man so will.“ Jan wog zögernd den Kopf hin uns her. Er ahnte, dass ein Reihenhaus für so ein echtes Burggespenst schon eine gewaltige Umstellung bedeutete und suchte nach einer Lösung. „Wir basteln dir ein Castle aus Umzugskartons, okay? Ich heiße übrigens Jan.“ – „Einverstanden! Zurück nach Schottland komme ich ja nicht mehr. Zumindest habt ihr es schön warm hier unten. Auf Cravhorn Castle hatte es die letzten 500 Jahre immer so fürchterlich gezogen ohne Fenster. Dunny ist übrigens mein Name. Uuuh!“, wimmerte unser neuer Mitbewohner. „Ja, ja, uuuh. Wir haben sogar eine Fußbodenheizung“, erzählte Jan begeistert, ohne dabei zu bedenken, dass Dunny gar keine Füße hatte. Zumindest keine sichtbaren. „Aber sag’ mal: Warum heulst du denn die ganze Zeit?“ – „Uuuh! Das ist eine lange Geschichte. Willst du sie wirklich hören?“, sprach der Lappen, oder besser der Geist darunter. „Wenn es keine 500 Jahre dauert“, lachte Jan und setzte sich vor den Putzeimer. Es sah schon lustig aus, wie Jan so interessiert dem Eimer zuhörte. (Ich gebe die Geschichte jedoch mal in meinen Worten wieder, um die U-Taste meines Computers nicht zu stark zu belasten.)

Dunny arbeitete vor langer, langer Zeit mal als Küchenjunge auf Cravhorn Castle. Er machte seine Sache sehr gut. Besonders im Kartoffelschälen hatte er Talent (Kohlrabi weniger), ließ aber auch mal die ein oder andere in seine eigene Tasche plumpsen, denn seine Familie hatte Hunger. An jenem Schicksalstag hatte er bereits einen Trog Erbsen gekrüllt und einen Eimer Möhren geschrubbt, denn der Burgherr wollte am Abend seine Vermählung feiern, um direkt anschließend die Erbfolge zu regeln, also wer denn die Burg nach seinem Tod erhält. Dafür benötigte er jedoch erstmal einen Sohn als Erbe, wofür die Hochzeitsnacht mit seiner Braut wie geschaffen schien. (An dieser Stelle kann die Geschichte gern unterbrochen werden, um ein paar Fragen zu stellen.)

Cravhorn Castle war weit über die Highlands hinaus bekannt für die außerordentlich pikante Gemüsesuppe, die zum Fest des Tages serviert werden sollte. Das war schließlich auch der Grund, warum sich die Braut hinreißen ließ, den bollerigen Knallkopf von Burgherrn zu heiraten. Dunny hatte dummerweise eine Hauptzutat, die Zwiebeln, für seine Mutter zur Seite gelegt, so dass der Koch die Gemüsesuppe ohne Zwiebeln zubereiten musste. Und so nahm das Unheil seinen Lauf: Die Hochzeitssuppe schmeckte fade, dadurch verlief die Hochzeitsfeier fade und die Hochzeitsnacht schließlich auch. Nichts mit Erbfolge am Abend. Stattdessen lief die Braut weinend in den Garten, wo ihr der Gärtner zufällig doch noch eine Zwiebel versprach, die er im Geräteschuppen versteckt hatte. So deutet zumindest Dunny das Gepoltere dort in der Nacht. Zu allem Unglück küsste der Gärtner auch noch die Braut. Und so weiter, und so weiter. Nach neun Monaten gebar die Braut tatsächlich einen Sohn, der allerdings dieselbe Haarfarbe hatte wie der Gärtner: Rot!

Der schwarzhaarige Burgherr war außer sich vor Wut und hatte den wahren Schuldigen schnell ausgemacht (Der Gärtner hatte inzwischen keinen rothaarigen Kopf mehr.) Er zitierte Dunny zu sich und kleinlaut gab der Küchenjunge zu, die Zwiebeln gestohlen zu haben. Der Burgherr zerrte ihn an den Ohren zu einer Klippe, ohne ihm anschließend nicht noch einen Fluch auf dem Weg hinunter in die tosende Brandung zu geben, dass er in alle Ewigkeit eine Zwiebel um den Hals tragen solle. Eine Ewigkeit dauert ganz schön lang, mindestens jedoch 500 Jahre. Denn diese traurige Geschichte lag nun 500 Jahre zurück und genau diese Zeit lang heulte Dunny unentwegt, wie es nur eine Zwiebel anzuregen vermag. Dadurch wirkte er sehr weinerlich für ein edles Burggespenst. Immer und immer „Uuuh!“ eben.

Das musste ein Ende haben, schworen Jan und ich uns am Morgen nach Dunnys erneuter Heulattacke um 24:00 Uhr und gähnten erst einmal kräftig. Jan hatte schon einen einfachen wie genialen Plan für den Nachmittag. Er rief Dunny zu sich, der allerdings schon längst da war, und sprach einen Gegenfluch. So etwas sollte man bei einem Fluch immer parat haben. „Abracadabra, die Zwiebel ist weg!“, sang er mit erhobener Stimme. Dafür, dass dieser Gegenfluch ziemlich phantasielos ist und sich noch nicht einmal reimt, hatte er eine erstaunliche Wirkung. „Hihihi!“, hallte es aus dem Nichts. Ein „Juhuuu!“ schwirrte es an uns vorbei und Dunny polterte erst einmal mit Getöse durch unsere Vitrine mit den Bergkristall-Gläsern. Zum Glück blieben diese bis auf eins heil, dafür aber nicht die Vase von Tante Heidrun auf dem Fensterbrett. Das wurde jedoch auch mal Zeit!

„Was ist mit mir denn los? Hihi!“, gluckste Dunny, „Und wo ist die Zwiebel?“ Dunny hatte anscheinend vergessen, wie man lacht. 500 Jahre sind auch eine lange Zeit. Da kann man auch mal was vergessen. „Du brauchst ab jetzt nicht mehr weinen. Die Zwiebel ist weggezaubert“, freute sich Jan. „Jippie!“ Es schepperte und ich holte erstmal ein Kehrblech. Dunny hatte zunächst etwas Probleme ohne Zwiebel. So eine lange, gemeinsame Zeit verbindet eben. Und so überfiel ihn das ein oder andere Mal noch so eine Art Phantomheulkrampf. Aber irgendwie passt das ja auch zu einem Gespenst. Trotzdem zauberte ihm Jan vorsichtshalber jeden Tag einen Zwiebelkuchen, den der Hausgeist auch genüsslich futterte. Jedenfalls war am nächsten Morgen immer der Teller alle. Keine Ahnung, wie Dunny das anstellte so ohne Bauch.

Wir jedenfalls können wieder gut schlafen, außer Dunny verirrt sich während eines nächtlichen Lachanfalls im Kühlschrank und pfeffert aus Versehen die Marmeladengläser an die Wand. Das kommt aber eher selten vor.

__________________
Donkyswelt
Das andere Blog
zur Ente, ihren Freunden und uns

Version vom 08. 09. 2009 17:50
Version vom 08. 09. 2009 18:26

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kindergeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.