Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87726
Momentan online:
312 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der steinerne Patriot
Eingestellt am 25. 09. 2002 13:44


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

Werke: 123
Kommentare: 368
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rolf-Peter Wille eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der steinerne Patriot


┬ę Rolf-Peter Wille


(Auch diese Geschichte spielt in Taiwan.)


Jia Ai-Kuo war ein echter Patriot, noch dazu ein Opernliebhaber; was nun allerdings kein Widerspruch zu sein braucht. Er pflegte alle Opernauff├╝hrungen des Nationaltheaters mit gro├čer Regelm├Ą├čigkeit zu besuchen, und seine besondere Freude war es, jedesmal beim gemeinsamen ├Âffentlichen Singen der Nationalhymne sowohl seine eigene Stimme als auch sein gro├čes patriotisches Gef├╝hl zur Geltung zu bringen. Er besa├č einen wunderbaren hellen Contratenor, weshalb sich seine Frau bereits vorsorglich ein paar St├╝hle weiter links oder rechts zu platzieren pflegte. Man mu├č n├Ąmlich wissen, da├č die meisten Opernbesucher beim Absingen der Nationalhymne ihren Mund, teils aus mangelndem Patriotismus, oder fehlender Musikalit├Ąt, oder allgemeiner Indifferenz, oder einer Mischung dieser drei Eigenschaften, keinen Millimeter weit ├Âffnen, wodurch Jia sozusagen 'a cappella' fungierte.

Die Vorsorglichkeit der guten Frau Jia sollte sich auch im ├╝brigen als nicht ganz unbegr├╝ndet erweisen. Denn nachdem ihr Gemahl vor einer Auff├╝hrung des Don Giovanni die Nationalhymne wieder einmal mit besonderer Inbrunst hervorgeschmettert hatte, geschah das Unglaubliche: Jia versteinerte festgefroren in patriotisch opernhafter Pose mit offenem Munde und weigerte sich trotz mehrfacher Aufforderungen, Platz zu nehmen. So stand er - ein Opfer des nationalen Magnetismus - als Marmorstatue ehern im Raum, zum Entsetzen der Anwesenden, welche kaum zu atmen wagten. S├Ąmtliche Bem├╝hungen, den Jia hinwegzutragen oder ├╝berhaupt nur etwas von der Stelle zu bewegen, scheiterten an der steinernen Schwere des Objekts, die Auff├╝hrung mu├čte verschoben werden, und erst der Autoabschleppdienst konnte Jia nach vielem Geschrei und Hau-ruck in der Vorhalle abstellen, wo er zun├Ąchst mit einem gro├čen Garbage Bag dezent verdeckt wurde.

├ťberhaupt h├Ątte man den ganzen Vorfall gern verdeckt. Doch war er bereits derart ins Bewu├čtsein der ├ľffentlichkeit gedrungen, da├č eine allgemeine Vertuschung nur die phantastischsten Ger├╝chte erzeugt h├Ątte, welche ohnehin schon zirkulierten - schlie├člich versteinert man nicht alle Tage. Auch konnte man den Jia nicht unbefristet als Denkmal des Patriotismus mit einem Garbage Bag geschm├╝ckt in der Vorhalle des Nationaltheaters stehenlassen, ohne den Sarkasmus der Oppositionspartei heraufzubeschw├Âren.

Nat├╝rlich erschienen Sensationsberichte in allen Tageszeitungen, und der Fall Jia wurde in nur wenigen Tagen zu einem gro├čen Skandal aufgebl├Ąht. Im Li-Fa Yuan (Senat) kam es fast zu Pr├╝geleien, da ein Oppositionsmitglied die Regierungspolitiker beschuldigte, bereits ebenso versteinert zu sein wie Jia, was nur durch die ma├čgeschneiderten Anz├╝ge verdeckt w├╝rde. Hierauf entkleidete sich ein Politiker ├Âffentlich, um zu beweisen, da├č er noch aus Fleisch und Blut sei. Der Wirtschaftsminister wies darauf hin, da├č Jia nicht nur in irgendeinen Stein verwandelt sei, sondern in wertvollen italienischen Marmor, den man nicht vergeuden solle, sondern vielleicht beim H├Ąuserbau verwerten k├Ânne. Manche Musiker munkelten, da├č vielleicht bestimmte harmonische Wendungen in der Nationalhymne an der Versteinerung schuld seien. Vielleicht k├Ânne man eine ganz neue Instrumentierung vornehmen. ├ťberhaupt - lie├čen sich die Physiker vernehmen - sollten sich bei leichter Manipulation der Hymne noch ganz andere Resultate erzielen lassen. Sicherlich k├Ânne man auch Personen in Gold oder sogar Platin verwandeln, wodurch eine moderne Alchemie von ungeahnter wirtschaftlicher Bedeutung ins Leben gerufen sei. Der sinnvollste Vorschlag - den Opernenthusiasten Jia in der n├Ąchsten Auff├╝hrung des Don Giovanni als steinernen Gast zu verwenden - kam vom Operndirektor pers├Ânlich, scheiterte jedoch an der Unbeweglichkeit des Standbildes.

Der Direktor des Kunstmuseums bat, Jia vor dem Museum als Kunstwerk aufzustellen. Nat├╝rlich m├╝sse er zuvor erst neu angestrichen werden. Der Vorschlag, Jia in kleine Steinchen zu zerhacken und als magnetische Souvenirs New Age Fanatikern anzudrehen, scheiterte am heftigen Widerstand der Frau Jia, welche steif und fest behauptete, Jia habe sicherlich nur etwas Schweres gegessen und werde sich nach einiger Zeit schon von selbst wieder lockern.

Man entschied sich endlich, Jia als Denkmal im Zentrum der Stadt aufzustellen, und die Statue durch eine w├╝rdige Zeremonie als nationales Denkmal und Touristenattraktion gleicherma├čen einzuweihen. Astrologen hatten das Datum auf den 10. Oktober [Nationalfeiertag] festgelegt, und Geomantiker hatten sich darauf geeinigt, da├č der offene Mund Jias dem Regierungspalast zugewandt sein solle. Endlich war der Tag gekommen, an dem die Statue, die im Volksmund schon als 'Chinesische Sphinx' bekannt war, von ihrem Garbage Bag befreit werden sollte. Eine gewaltige Menschenmenge hatte sich bereits Stunden zuvor auf dem ...platz versammelt. Doch schon beim Absingen der Nationalhymne kam es zu einem unerwarteten Zwischenfall. Die Statue verlor ihre Haltung und sackte allm├Ąhlich in sich zusammen, begleitet von einem entsetzlichen steinernen Knirschen. Jia, der offensichtlich nur in einen besonders schweren Schlaf gefallen war, wurde durch das Absingen der Nationalhymne wieder geweckt, g├Ąhnte herzhaft - und setzte sich.

(Jia, der zum Gl├╝ck eine Green Card besa├č, konnte sich nach diesem peinlichen Vorfall in die Staaten absetzen, wo er als gro├čer Amerikanischer Patriot zu Ansehen gelangt ist.)




PS: "Jia Ai-Kuo": Dieser chinesische Name klingt wie "falscher Patriot".

Das Absingen der Nationalhymne war in Taiwan obligatorisch vor kulturellen Veranstaltungen, heute aber bereits nicht mehr. Schade... ... ...



Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


niclas van schuir
Guest
Registriert: Not Yet

Einfach k├Âstlich, sehr chinesisch (ich kenne auch ein paar davon). Bitte mehr solcher Geschichten!
Gru├č, Nic

Bearbeiten/Löschen    


Rolf-Peter Wille
???
Registriert: Apr 2002

Werke: 123
Kommentare: 368
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rolf-Peter Wille eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Nic,

vielen Dank fuer's Lesen und fuer den netten Kommentar! Diese Geschichte haette mich meinen Kopf gekostet (oder zumindest doch mein Visum), wenn sie mir vor 30 oder 40 Jahren eingefallen waere...

Viele Gruesse,
Rolf-Peter

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!