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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die 9 1/2 Leben der Dorothee R.
Eingestellt am 10. 06. 2003 11:18


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Wendla
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2003

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Kommentare: 5
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Die 91/2 Leben der Dorothee R.

1.1.

Ich habe beschlossen, mich umzubringen.

Am einfachsten erscheint es mir mit Tabletten. Ist auch am schmerzlosesten. Werde also gleich in die Apotheke gehen um mir Tabletten zu kaufen. Mal sehen, was es da so gibt...
Hoffe das geht schnell, ich habe einfach keinen Bock auf dieses ganze Theater. Gewollt bin ich ja anscheinend sowieso noch nie gewesen.

4.1.

Wie du schon merkst, bin ich nicht tot. Aber vielleicht sollte ich vorne beginnen:
Ich bin also vor 3 Tagen in diese Apotheke rein, sag\' dass ich nicht schlafen kann und krieg\' dann solche Tabletten zum Schlafen, h├Ârte sich laut Beipackzettel auch echt gef├Ąhrlich an, alles klar. Am n├Ąchsten Tag wollte ich mich dann also umbringen. Vor der Englischarbeit, dachte, das w├Ąre am eindruckvollsten. Ich geh\' also aufs Klo und fang an diese Tabletten zu schlucken, da kommt meine Englischlehrerin rein, sieht mich, nimmt mir die Tabletten weg und schreit um Hilfe. Ich sack\' weg und denke noch: Hey, super gelaufen, geiler Abgang, M├Ądchen, aber denkste: ich wache doch tats├Ąchlich wieder auf! Da alles so nett wei├č war, dachte ich, vielleicht doch der Himmel, obwohl ich an so was nicht glaube, aber es stellte sich ziemlich schnell raus, dass ich im Krankenhaus lag. Der Fakt, dass mir der Hals weh tat, verriet mir, dass mir wohl der Magen ausgepumpt worden war! Ich hasse es, den Magen ausgepumpt zu bekommen!
Na ja, auf jeden Fall bin ich jetzt zu Hause und darf morgen die Arbeit nachschreiben. Dazu wird es aber nicht kommen..., denn ich habe das Brotmesser f├╝r mich entdeckt!

6.1.

Wider nicht! Habe mir gestern fr├╝h versucht, die Pulsadern aufzuschneiden. Ungl├╝cklicherweise hatte ich vergessen, dass meine Mutter noch zu Hause war, diese mich folglich fand und wieder ins Krankenhaus schleppte. Tja, bin jetzt geklammert und verbunden. H├Ątte ich mich wenigstens rechts geschnitten, dann m├╝sste ich diese Schei├čarbeit nicht schreiben und ├╝berhaupt.


7.1.

Habe diese Arbeit jetzt doch geschrieben. Hatte danach aber in Kunst die Idee, mich zu ertr├Ąnken! Habe also aus Pappe ein kleines Modell eines Steines mit einer Schnur dran gebastelt, wollen wir doch mal sehen. Das organisieren der Sachen ist kein Problem. Ein Seil hab ich und Steine liegen ja ├╝berall rum. Also morgen ist Schluss!!! Ich habe au├čerdem mal wieder ’nen Grund mich umzubringen: Ich habe die Englischarbeit n├Ąmlich heute schon wieder bekommen, mal wieder nicht das, was alle von mir erwartet haben, wie immer...

8.1.

Hatte nicht gehofft, diesen Tag noch zu erleben. Doch leider ist mal wieder alles schief gegangen:
Ich hatte also mein Seil an einem nicht zu kleinen Stein befestigt, stand dann gestern Abend auf der Kanalbr├╝cke, guck\' mich noch mal um und zerre den Stein ins Wasser. Das Seil spannt sich langsam und ich warte darauf, runtergezogen zu werden, es passiert aber nichts!!! Ich werde nur so weit runtergezogen, dass mein Kopf ├╝ber Wasser bleibt!!! Ich h├Ąnge da also, wie eine Boje, gehe nicht unter, komme nicht los, gar nichts. Hatte schon die Hoffnung zu erfrieren, aber da funkt mir einfach die K├╝stenwache dazwischen, fischt mich raus und bringt mich mal wieder ins Krankenhaus. Wegen Unterk├╝hlung. Muss also die Nacht hier verbringen, zum beobachten. Ich hasse Krankenh├Ąuser!

10.1.

So, heute kann nichts schief gehen: ich werde mich gleich ganz einfach in mein Zimmer setzten und die Luft anhalten. Warum ich da noch nicht vorher drauf gekommen bin, ist mir schleierhaft!!!
Bis irgendwann im Himmel ihr alle!

11.1.

Wieder eine Pleite: ich konnte es einfach nicht!! Ich habe 4 stunden lang versucht, die Luft lange genug anzuhalten, aber es ging einfach nicht!!! Ist schon irgendwie peinlich...
Aber mir ist (mal wieder, haha) was neues eingefallen: ich habe n├Ąmlich beim Luftanhalten Hunger gekriegt - Schlussfolgerung: ich werde einfach nicht mehr essen!! Das kostet zwar Zeit, aber das ist jetzt auch egal! Werde jetzt mein letztes Glas Wasser genie├čen und dann auf nimmer wiedersehen!

13.1.

Man. Langsam f├Ąllt es auf, das ich nichts esse. Abgesehen von meinen Kreislaufproblemen, der M├╝digkeit und dem ganzen Schei├č, f├Ąngt meine Mutter an, sich Sorgen zu machen. Aber sie wird mich nicht abhalten k├Ânnen!
Genauso wenig meine Vertrauenslehrerin. Die hat mich heute angesprochen, weil ich anscheinend so ├╝bel aussehe und nichts esse. Ich wei├č nicht was sie hat. Ich finde Bl├Ąsse steht mir! Die sollen mich blo├č alle in Ruhe lassen!

19.1.

Bin vor 2 Tagen in der Schule zusammengebrochen und fand mich mal wieder im Krankenhaus. Habe ich erw├Ąhnt, dass ich Zwangsern├Ąhrung hasse?
Lasst mich doch einfach alle! Ihr versteht mich doch sowieso nicht, also was soll das ganze Getue von wegen \"Wir verstehen dich, du kannst uns alles erz├Ąhlen...“ Habe eine nette Hitliste gefunden: „Die Lieblingsl├╝gen deiner Eltern“, habe das ganze etwas umgestellt:

1. Wir haben dich lieb
2. Wir sind dir nicht b├Âse
3. Das macht nichts mit deinen Noten, das ist nicht schlimm
4. Du bekommst genug Taschengeld
5. Ich sage das nur einmal.

22.1.

Sitze jetzt seit 2 Tagen zu Hause rum und mir f├Ąllt nix ein, wie ich mich noch umbringen k├Ânnte! Kreatives Tief nennt sich das glaube ich...
Doch dann, auf dem Weg vom Arzt nach Hause kam mir die Idee: die Bahngleise!!
Habe mich schon erkundigt: Der 1.15 Uhr Zug f├Ąhrt durch ein einsames Waldst├╝ck, wo also keiner ist, der mich st├Âren k├Ânnte, folglich freie Bahn f├╝r mich sich da anzuketten und zu warten... Das wird geil!

25.1.

Zu dumm sich umzubringen. Ich bin zu dumm mich umzubringen. Langsam wird es echt gruselig.
Wie du bereits erraten hast, hat schon wieder nicht geklappt. Es hat am 23. ganz sch├Ân geschneit, und die Gleise waren so dicht, das der 1.15 Uhr Zug abgesagt wurde. Ich liege da also, warte auf den Zug, frier mir alles ab, bis dann endlich der 3.23 Uhr Zug kommt. Ich aber habe mich, weil das so lange gedauert hat, losgemacht und habe es nur noch geschafft einen Arm anzuketten. Mir ist dann, zu sp├Ąt, eingefallen, dass ich wenn dann ganz ├╝berrollt werden will. Habe also an meinem Arm gezerrt und der bl├Âde Zug hat nur die Kette gesprengt und mich umgerissen, nicht aber etwa umgebracht oder gar verletzt!
Da hatte ich dann keinen Bock mehr und bin nach Hause gegangen. Schei├če, man, warum klappt das nicht????
Der Plan war so gut, ich sehe das langsam nicht mehr ein, warum alle Welt stirbt, und das sogar unfreiwillig, aber mir ist nicht mal der Freitod verg├Ânnt!

27.1

Ich habe einen neuen Plan: Ich werde mich aufh├Ąngen! Heute Abend sind meine Eltern im Theater und mein Bruder bei einem Freund, also werde ich das Seil vom Br├╝ckenversuch wieder hervorkramen und mich auf den Dachboden zur├╝ckziehen. Ich habe auch schon meine dramatischen letzten Worte verfasst:

Liebe Verbleibenden,

im Anbetracht der Tatsache, dass ich meines Lebens m├╝de bin und die festgelegten Systeme der Erdbev├Âlkerung nicht l├Ąnger akzeptieren kann, genauso wenig wie diese mich akzeptieren, entschied ich mich dazu, mich vorzugsweise der oberen Gerichtsbarkeit zu stellen, anstatt weiter in dieser Welt zu leben .
Im vollkommenen Besitz meiner geistigen und k├Ârperlichen Kr├Ąfte vermache ich im weiteren meine von Hand geklaute Radkappensammlung meinem Vater, Thomas R. , meine CD-Sammlung meinem j├╝ngeren Bruder Timo R. , und meine M├Âbel gehen bitte an das ├Ârtliche Waisenhaus, so werden sie einen guten Zweck erf├╝llen.
Behaltet mich in eurer besten Erinnerung und gedenkt mir bitte an folgenden Tagen: meinem Geburtstag, Ostern, Weihnachten und am Totensonntag.

Eure tote Dorothee R. , in ewiger Verbundenheit.

P.S.: mein Tagebuch bleibt bitte auch nach meinem Tod tabu und wird bitte in einer alten Holztruhe verschlossen, die dann an der Stelle platziert wird, wo ihr mich aufgefunden habt.

So, ich wei├č, klingt sehr dramatisch, aber so soll mein Abgang schlie├člich sein. Ich werde glaube ich, noch schwarze Kerzen um mich herum platzieren, wenn ich mich aufh├Ąnge, kommt bestimmt gut.
So, ich werde jetzt alles vorbereiten und kurz vorher meinen letzten Eintrag verfassen, und dann auf nimmer wieder sehen ab in den Himmel!

27.1. ca. 23.00

Dies werden nun meine letzten Worte auf Erden sein, ihr Sitzpisser! Ich gehe und werde entweder auf ewig in Ruhe gelassen oder werde euch alle qu├Ąlen, bis ihr euch ebenfalls alle umbringt, das k├Ânnt ihr glauben! So, ich werde jetzt langsam zu dem Kasten schreiten, der in der Mitte eines Kreises aus brennenden schwarzen Kerzen unter einer Seilschlinge steht, werde meinen Kopf in die schlinge h├Ąngen, nette Musik auflegen und dann den Kasten wegtreten. Und dann auf nimmer wiedersehen!!!!!!!!!


30.1.

Ich bin deprimiert.
Ich bin wirklich deprimiert.
Nicht nur ich bin deprimiert.
Mein Vater ist deprimiert.
Meine Mutter ist deprimiert.
Mein Bruder ist nicht deprimiert.

So, ist zwar kein Gedicht, aber entspricht trotzdem dem, was ich f├╝hle.
Ich liege wieder im Krankenhaus, mein Hals und mein Gesicht sind vollgeschmiert mit dieser schei├č Salbe die wie tote Oma stinkt und ich bin immer noch am Leben. Langsam habe ich wirklich einen Grund, mich umzubringen: ich bin zu dumm f├╝r diese Welt. Diesmal war zwar der Strick kurz genug, nur ist unser Dachbalken erstaunlich morsch und hielt den Haken nicht, an dem ich das Seil befestigt hatte. Ich stehe da also, trete den Kasten weg, falle, l├Ąchele und sitze auf dem Boden!!!!! Na ja, eigentlich habe ich mich voll hingelegt... Deshalb auch die Bluterg├╝sse im Gesicht... Ja ja, man hat es nicht einfach als suizidgef├Ąhrdeter Jugendlicher heutzutage...
Meine Oma hatte es da schon leichter, die ist einfach in die Turbinen des Staudammes gesprungen, aber hier gibt es leider keine Turbinen, und auch keinen Staudamm, von dem sich st├╝rzen k├Ânnte.
Sich st├╝rzen, Moment mal! Ich werde einfach zum n├Ąchstbesten Hochhaus gehen und mich aus dem Flurfenster st├╝rzen!!! Das ist es doch!
Bis ich hier wieder raus bin, werde ich diesen Plan noch ausarbeiten!!!

4.2.

So, ich werde also heute auf ein Hochhaus steigen und mich wieder fallen lassen. Wird schon klappen, muss klappen!!

8.2.

Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin! Es hat schon wieder nicht geklappt!!!!! Ich war auf wenigstens zwanzig Hochh├Ąusern, und bei allen waren die Fenster vergittert, durchs Treppenhaus konnte man sich auch nicht st├╝rzen, zu eng und bei den Wohnungen hat mich keiner reingelassen. Haben mich alle im Stich gelassen, als sie geh├Ârt haben, dass ich mich umbringen will. Das ist doch wohl nicht fair, oder????? Warum l├Ąsst mir den keiner meinen Willen und tut mir diesen kleinen Gefallen, ich meine, ich habe ihnen sogar angeboten zu unterschreiben, dass sie mir nicht geholfen haben, sondern dass ich durch die T├╝r geflogen kam, als sie diese ge├Âffnet haben und mich nicht abhalten konnten. Aber nein, so etwas ist ja nicht m├Âglich! Man! Das ist doch nicht mehr normal!


15.2.

Ha! Neuer Plan: Wir fahren ├╝bers Wochenende zu Tante Elfi an die Nordsee. Dort werde ich dann meine Familie zu einer Dampfertour ├╝berreden und mich dann bei einem Spaziergang einfach in die Schiffsschraube fallen lassen! Hey, tot - sicherer Plan (man bemerke das Wortspiel...), wer soll mich da schon aufhalten? Und springen (ohne Seil...) kann ich ja auch, also, auf an die Nordsee!

17.2.

Sooo, ich trage eine extra enge Regenjacke, damit ich
nicht h├Ąngen bleibe und bewege mich jetzt auf das Schiffsheck zu. Meinen Abschiedsbrief habe ich in Folie gesteckt und werde ihn gleich an die Rehling binden. Danach werde ich mich zusammenrollen und springen. Tod ich komme!

18.2.

Nein, schei├če! Ich hatte nicht beachtet, dass die \"Andrea Doria\" ein Versuchsschiff mit Heckschraubenschutz ist! Ich bin also auf einer Metallplatte ├╝ber der Schraube gelandet, dann ins Wasser gefallen. Ich habe noch versucht, von unten in die Schraube reinzuschwimmen, aber leider war der Strom zu stark und mir wurde ein wenig kalt, sodass ich fast ertrunken w├Ąre, wenn mich diese schei├č K├╝stenwache nicht beobachtet und mich rausgefischt h├Ątte. Na ja, das ganze war ein wenig peinlich, denn die Mannschaft die mich das letzte mal aus dem Fluss gerettet hat, ist versetzt worden und hat mich jetzt wieder rausgefischt. Daraufhin haben die meinen Eltern eine Selbsthilfegruppe und mir einen Psychiater empfohlen. Toll! Danke!!!!!

25.2.

Nach einem tristen Wochenende in Tante Elfis Wohnzimmer (sie haben mich nicht mehr rausgelassen.. Ist auch irgendwie Terror, ein neuer Grund sich umzubringen: Terror durch die eigene Familie!), endlosen Talkshows (weswegen ich mich auch umbringen k├Ânnte..) und viiiiiel Gerede von meinen Eltern sind wir wieder nach Hause gefahren. Ich durfte nicht mal alleine pinkeln gehen, das ist doch nicht mehr normal. Au├čerdem muss ich morgen mit dieser dummen Therapie beginnen! Ich will nicht! Zwar muss ich nicht in die Schule, aber trotzdem, ich habe keinen Bock meinen ganzen Tag (und die n├Ąchsten 4 Wochen) mit echt gest├Ârten Leuten zu verbringen und st├Ąndig Recht zu haben! Ich bin nicht krank, ich habe nur klein Bock mehr auf dieses dumme Leben!

26.2.

Hey, heute war mein erster Therapietag! So schlimm ist es gar nicht, wie ich gedacht hatte. Ich werde in einem Therapiezentrum in Mitte behandelt. Das Geb├Ąude ist total sch├Ân, alles ganz hell, es gibt Schr├Ąnke und eine Kantine. Alle sind total nett, ich habe nicht immer Recht und einen netten, suizidgef├Ąhrdeten Alkoholiker kennen gelernt. Ist in meiner Gruppenstunde. In der Pause (wir haben in diesem Therapiezentrum auch Unterricht) haben wir uns ein wenig ├╝ber unsere Selbstmorderfahrungen ausgetauscht und ich habe ein paar neue Ideen, auch wenn ich mich jetzt eigentlich gar nicht mehr umbringen will, zu mindest nicht die n├Ąchste Zeit, denn da werde ich meine Gruppentherapie genie├čen und er Staatskasse auf den Sack gehen....

1.3.

Die Therapie ist total interessant! Was alles so ├╝ber meine Psyche ans Tageslicht kommt, Wahnsinn. Es ist ziemlich lustig, warum sich Leute so umbringen wollen. Ein M├Ądchen in meiner Gruppe ist total traumatisiert, weil ihre Mutter sie missbraucht hat, eine andere hat ne Abtreibung nicht verkraftet. Die redet nicht und wackelt so komisch rum.
Im Gegensatz dazu geht es mir ja eigentlich verdammt gut... Und Berthold ist immer noch verdammt interessant. Werde mal versuchen mehr ├╝ber ihn herauszufinden..

6.3

Berthold ist noch gest├Ârter als ich! Jede Gruppenstunde (waren bis jetzt schon 16...) guckt er mich an und l├Ąchelt. Er ist ja sooo cool! Nein, das h├Ârt sich jetzt so an, als ob ich so ne aufgedonnerte Bratze w├Ąre, ├Ąhhh. Aber er ist es. Er lie├čt Shakespeare, spielt Cello und philosophiert gerne, welch ein Traummann.
Meine Therapie l├Ąuft ├╝brigens auch gut, meine ├ärzte sind zufrieden.

7.3.

Heute hat mich Berthold gefragt, ob wir in der Kantine nebeneinander sitzen. (Ahoi High-School-Sitcom!) Das haben wir dann auch getan, es war sehr interessant mit ihm zu reden, alleine schon seine Ansichten ├╝ber Religion.. Wahnsinn. Ich frage mich, warum der sich versucht, umzubringen..

10.3.

Ich habe Berthold heute gefragt, ob wir mal ausgehen. Und er hat JA gesagt!! Also gehen wir morgen ins Kino und dann noch Tanzen. Er will mir so ein Lokal zeigen, f├╝r Grufties oder so, isser ja schlie├člich auch...


11.3.

Wir waren also heute im Kino, in \"Selbstmord in Montana\". Wir haben beide mitgeschrieben (Ideen) und sind danach in dieses Lokal gegangen. Ich bin da zwar ein wenig aufgefallen, wegen meinen roten Haaren und weil ich gr├╝ne Hosen anhatte, Berthold meinte aber, das sei nicht schlimm. Er will irgendwann mal mit mir einkaufen gehen und mir schwarze Klamotten kaufen. Finde ich gut. In diesem Lokal gab es aber leider nur alkoholische Sachen, weshalb Berthold sich ein Glas hat geben lassen und sich etwas Wasser vom Klo geholt hat. Mir hat er aber Bacardi Cola bestellt, so lange, bis ich betrunken war. Tja, gestern morgen war ich Jungfrau, heute bin ich es nicht mehr. War aber, soweit ich das in Erinnerung habe, ganz gut.

13.3.

Habe Mist gebaut und in der Therapie was von vorletzter Nacht fallen lassen. Jetzt muss ich auch noch zur Sexualtherapie.. Schei├če. Aber denen werde ich was erz├Ąhlen! Von wegen Vergewaltigung! Wir gehen demn├Ąchst noch mal aus, wenn meine Eltern mal nicht da sind... die m├Âgen Berthold n├Ąmlich nicht wirklich, haben mir im ├╝brigen auch den Umgang mit ihm verboten.

14.3.

Die Sexualtherapie hat sich er├╝brigt, sie haben wir geglaubt, dass Berthold mir nichts getan hat. So, wieder ein Vermerk weniger in den Akten. Na ja, wir treffen uns demn├Ąchst noch mal. Mal sehen, was dann passiert.


18.3.

War gestern mit ihm aus und ich glaube, ich habe eine Ahnung, warum er versucht, sich umzubringen. Sein Vater ist vor einem Jahr abgehauen und hat ein paar Tage darauf Selbstmord begangen. Ich konnte ihm aber nicht erkl├Ąren, warum ich mich eigentlich umbringen will...
Na ja, auf jeden Fall geht\'s mir jetzt echt besser. Trotzdem wurde meine Therapie verl├Ąngert.. noch 4 Monate... dann werde ich wieder in die normale Welt entlassen.(harrrharrr)

28.3.

Mit Berthold und mir l├Ąuft es gut, das einzige Problem, das wir haben sind meine Eltern. Sie haben geklagt, dass Berthold sich von mir fernhalten soll, wurde aber abgewiesen. Die Polizei hat sich kaputt gelacht und ich habe wieder meine Ruhe..

13.4.

Berthold und ich haben uns heute das erste Mal gestritten! Seit ein paar Tagen benutzen wir den gleichen Schrank im Therapiezentrum (er findet, dass das fast wie zusammen wohnen ist), und heute morgen wollte ich diesen Schrank ├Âffnen, und mir kommt sein Fr├╝hst├╝ck entgegen, was ja halb so wild w├Ąre, wenn er kein K├Ąsefetischist w├Ąre und keinen Harzer Roller auf seinem 3 Tage alten Brot gehabt h├Ątte. Hatte er aber! Alle meine B├╝cher stinken jetzt so, als ob sie jemand ausgeschwitzt h├Ątte!
Bei meiner anschlie├čenden Therapiestunde habe ich dar├╝ber gesprochen, wollte mich auch umbringen, aber mein Therapeut sagte, dass es ein Harzer Roller nicht wert sei. Dann habe ich ihm das Brot gegeben und er hat mir den Weg zur Kanalbr├╝cke beschrieben, ja, der ist wirklich gut drauf. Allerdings fand er es nur halb so lustig, als er geh├Ârt hatte, dass ich nicht in der n├Ąchsten Stunde war, sondern auf dem Weg zur Kanalbr├╝cke. Dort hat mich dann einer dieser dummen Pfleger aufgesammelt und mich wieder ins Zentrum gebracht. Da habe ich dann extra Therapiestunden bekommen und muss die n├Ąchste Woche jeden Tag ne Stunde l├Ąnger bleiben. Ist irgendwie nicht fair, damit geben die mir doch wieder nen Grund mich umzubringen!!! Ach schei├če!

15.4.

Mit Berthold ist wieder alles okay. Er hat auch Extrastunden bekommen, wegen einem Giftgasanschlag aufs Zentrum. Mein Therapeut war so dumm und hat das Harzerbrot einfach liegen lassen, ohne es einzuschwei├čen. Nach der 20min├╝tigen Pause kamen dann wohl die ersten Sch├╝ler ins Zimmer, es liegt ├╝brigens auf der S├╝dseite.., haben einen Krankenwagen gerufen und den chemischen Notdienst. Na ja, hab\' ich gestern ja ganz sch├Ân was verpasst! Berthold hat sich jetzt auch auf Gouda spezialisiert und hofft, durch hohen Genuss dieser f├╝r ihn, wie er sagt, \"leichteren Droge\" von dem schweren Zeug loszukommen.


27.4.

Berthold hat mir gestern er├Âffnet, dass er wegen mir vom K├Ąse fast weggekommen ist. Ist das nicht s├╝├č? Wir teilen uns jetzt auch das Kantinenessen, er sagt das w├Ąre so, als ob wir zusammen nun zusammen wohnen UND essen w├╝rden, toll oder?
Er hat sich gestern ├╝brigens ein tolles Buch gekauft: Die Geschichte des Selbstmordes in Europa und dem Rest der Welt. Hinten sind sogar ein paar Notizseiten f├╝r eigene Erfahrungen drin!! Also haben wir uns gestern zusammen hingesetzt und diese Seiten mit unseren Erfahrungen gef├╝llt. Bei dem Schein schwarzer Kerzen haben wir dann gemeinsam ├╝ber unsere Gr├╝nde gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir uns, wenn, dann zusammen umbringen. Kurzum, es war ein wundersch├Âner Abend.

1.6.

Es gibt wieder Probleme! Berthold hat ne Erk├Ąltung und seine Mutter (fast blind, Glasdicke 12mm) hat nicht gelesen bzw. lesen k├Ânnen, dass Franzbrandwein nur zur ├Ąu├čeren Anwendung bedacht ist und hat Robbie die ganze Flasche eingefl├Â├čt. Sie dachte, dass er das vertr├Ągt, wo er ja trockener Alkoholiker ist (oder sagen wir besser war).
Auf jeden Fall hatte Robbie ne Alkoholvergiftung und wurde ins Krankenhaus auf die Intensiv gebracht. Bertholds Mutter hat mich dann angerufen, weil ihr Sohn die ganze Zeit \"Ich will ficken\" geschrieen hat und ich sollte das Problem l├Âsen. Wollte ich ja auch, aber der Arzt hat mich nicht gelassen. Na ja, Berthold musste die Nacht im Krankenhaus verbringen und wir heute Abend entlassen. Danach muss er station├Ąr ins Zentrum und wird dort nem kalten Entzug unterzogen. Er sagte, er brauche mich jetzt. Also bin ich den halben Tag bei ihm geblieben und habe ihm beigestanden. Er darf jetzt die n├Ąchsten Wochen nicht raus, weil er sonst wieder trinken k├Ânnte, und das will er nicht, das will ich nicht und ├╝berhaupt. Eigentlich ist ja alles seine Mutter schuld. Ich werde meinen Abschiedsbrief etwas ├Ąndern, damit das klar wird. Seit ich mit Berthold in \"Selbstmord in Montana\" war, haben wir beide immer einen Abschiedsbrief (in Folie geschwei├čt) bei uns, falls wir uns mal spontan umbringen sollten, gut oder?

14.6.

Berthold geht es besser. Nach der Zitter- und der Halluzinationsphase geht es bergauf mit ihm und er hat sogar schon wieder etwas Farbe im Gesicht. Das einzige Problem ist, dass meine Therapie offiziell beendet ist, da ich alles mit Bravour bestanden hab und mir keiner psychische Sch├Ąden nachweisen konnte (ich bin guuuuut...). Aber jetzt muss ich wieder auf meine alte Schule gehen, in meine alte Klasse, ohne Berthold, ohne Schrank, ohne Kantine, erw├Ąhnte ich schon , dass ich Berthold dann zur├╝cklassen muss? Ahhhhhhhhhhhhhhh!

Ich muss wieder ins Zentrum! Doch wie??
Ich werde jetzt ├╝bers Wochenende dr├╝ber nachdenken und bis Montag werde ich eine L├Âsung haben.

17.6.

Ich habe es! Ich werde noch einmal versuchen, mich umzubringen, dann muss ich wieder in Therapie und kann wieder bei Berthold sein, der Staatskasse auf\'n Sack gehen und alles ist gut!
Ich habe gerade mit ihm telefoniert: Seine Mutter l├Ąsst mich rein und ich soll mir das Selbstmordbuch holen und mir was aussuchen. Daf├╝r musste ich ihm aber versprechen, dass er im Abschiedsbrief erw├Ąhnt wird, er mein Tagebuch kriegt und ich nicht wirklich sterbe. Na ja, bei meiner Erfahrung habe ich auch keine Angst, dass es klappen k├Ânnte.

20.6.

Ich habe einen Plan: Ich werde mir Tabletten holen, die nicht t├Âdlich sein k├Ânnen und mich auf den Dachboden legen und so tun, als wollte ich mich umbringen. Ich werde dann diese Tabletten nehmen, die hab ich auch schon dank meines Bruders, laut schreien und wenn dann meine Eltern hochkommen, werde ich so tun als w├╝rde ich in Ohnmacht fallen. Daraufhin werden sie mich wieder ins Krankenhaus bringen und ich werde wieder in Therapie geschickt und alles ist super. Ich finde auch nicht, dass der Plan zu hypothetisch ist. Nein, es wird alles klappen. Habe auch schon mit Berthold telefoniert und er hat dem Plan zugestimmt. Ich werde jetzt alles vorbereiten: Ich werde mir saubere Unterw├Ąsche anziehen (stand in dem Buch drin, stimmt ja auch, ist ja sonst peinlich im Krankenhaus und macht nen guten Eindruck), die Tabletten nach oben bringen, mir ein Glas Wein holen (zum Schlucken, dann schmeckt\'s wenigstens noch gut) und dann werde ich die Show abziehen. Es wird sch├Ân werden, wieder in Therapie zu sein...

F├╝r Berthold, der dieses Buch ja jetzt zu lesen bekommt:
Ich liebe dich, ich liebe dich mit allen deinen S├╝chten, ich will mich nie von dir trennen und ich bin mir sicher, dass wir beide das beste Paar ├╝berhaupt sind! Kein anderes Paar hat so viel mitgemacht und ist so zusammengewachsen, dass es sich den Schrank und das Tablett beim Essen teilt! Ich liebe dich!

Mein Abschiedsbrief:

Liebe Verbleibenden

Ich, Dorothee R., 13 Jahre alt, im Vollbesitz meiner geistigen und k├Ârperlichen Kr├Ąfte m├Âchte hiermit verk├╝nden, dass ich des Lebens nicht wert bin. Ich habe mich umgebracht, weil ich es nicht mehr mit ansehen konnte, wie mein Freund, Berthold, langsam durch den Franzbrandwein seiner Mutter dahin siecht, zuckt vor Entzugserscheinungen, schreit und das Tageslicht nicht sehen darf. Ich kann das und dieses ganze System nicht l├Ąnger ertragen. Ich als Querdenker f├╝hle mich dazu verpflichtet, ein Zeichen zu setzten gegen eine Welt, in der harmlose Jugendlich K├Ąsefetischisten und Alkoholiker werden k├Ânnen, in der die Selbstmordrate bei Jugendlichen h├Âher als bei alten deprimierten, zu Tode gepflegten Menschen ist. Gegen eine Welt, in der Randgruppen nicht akzeptiert werden und in Sonderschulen gesteckt werden, damit sie der Allgemeinheit, der \"heilen\" Welt nicht zur Last fallen. Ich kann so nicht leben und ich kann es auch nicht verantworten, Kinder in diese Welt zu setzten. Sie w├╝rden sich umbringen. Ich rate jedem, der so f├╝hlt wie ich, sich mir anzuschlie├čen und den Freitod zu w├Ąhlen. Es werden nur die zur├╝ckbleiben, die dumm genug sind, unsere Welt wie sie ist zu ignorieren.

Denkt dar├╝ber nach, gedenkt mir zu Weihnachten, Ostern, meinem Namenstag, meinem Geburtstag, am Totensonntag und zu Aller Heiligen.
Vergesst mich nicht.

In Liebe, eure Dorothee R.

So. Das ist der Brief, der wahrscheinlich sowieso nicht gebraucht wird. Trotzdem. Ich finde der ist gut geworden. Ist zwar eigentlich totaler Schwachsinn, aber kommt gut. Inzwischen wei├č ich, dass Resignation nichts bringt... Also auch Selbstmord nicht, aber f├╝r Berthold werde ich so tun, als w├╝sste ich das nicht.

Was dann geschah
__________________
Im Land der begrenzten Unmoeglichkeiten gibt es ein Leben vor dem Tod.

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Inu
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Hallo Wendla

Ich habe mich k├Âstlich am├╝siert. Herrlich wie Du mit 'Entsetzen' 'Scherz' treibst. Wei├č nicht warum, aber das ganze hat meine Lachmuskeln wahnsinnig strapaziert. Mit komisch - schwarzem Humor hast Du einer traurigen und todernsten Sache den Stachel genommen.

Nicht alles hat mir gefallen, den Schluss fand ich nicht ganz so gelungen, aber wie du die missgl├╝ckten Suizidversuche schilderst, das ist einmalig.
H├Ąngt manchmal auch davon ab, wie man selbst gerade drauf ist und wie aufnahmef├Ąhig f├╝r diese Art trotzig - negativer Sichtweise der Welt. Mich hats tats├Ąchlich immer wieder vor Lachen vom Stuhl gehauen, was mir sonst kaum je passiert.

Viele Gr├╝├če und Danke f├╝r eine sehr vergn├╝gliche Viertelstunde.
Inu

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