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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 09. 06. 2012 16:44


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

Werke: 19
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Über das Jahresende war nicht viel passiert.Er hatte die Artikel nur überflogen.Schon die Schlagzeile war uninteressant: "Über hundert Millionen Euro gingen in die Luft" Darunter ein Foto explodierender Raketen mit dem Text: "Unseren Leser/-Innen ein frohes neues Jahr!"
Er schenkte sich Weinbrand, heute morgen schon sein dritter, ins Glas. Seit seine Frau vor zwei Jahren verstorben war, brauchte er ihn, wie andere Zigaretten. Zum Schluss sah er noch - wie jeden Tag - die Todesanzeigen durch.
Er hatte schon so manchen Namen ehemaliger Nachbarn, Arbeitskollegen oder Schulfreunden gefunden. So leid es ihm tat, freute er sich, dass er sie überlebt hatte.
Heute gingen die Annoncen sogar über zwei Seiten. Zwischen den Jahren wurde viel gestorben. Die Texte wiederholten sich; es kam ihm so vor, als würden nur die Namen ausgetauscht.
"Wir betrauern den Tod unserer lieben Oma, die mit 92 Jahren sanft entschlief." "Mitten aus dem Leben gerissen wurde unser lieber Bruder im 39. Lebensjahr."
Einige waren mit Sprüchen versehen: "Tot ist nur der, der vergessen wird." "Der Tod ist nur Abwesenheit vom Leben" Oder: "Warum? Wir hatten noch so viel vor!"
Auf einmal hatte er seinen Namen vor Augen. Er erschrak. Hatte der Alkohol seinen Geist benebelt? Nein, da stand er schwarz auf weiß. Der Vorname mit 'th' und der Nachname, was selten vorkam wie bei ihm, mit 'r' und nachfolgendem 'z' in der Mitte. Er lachte. Welch seltsame Namensgleichheit!Aber als er das Geburtsdatum wahrnahm, fing sein Herz an zu rasen.
Bevor er weiter las, leerte er sein Glas und füllte es wieder auf. "Nach einem erfüllten Leben ist er plötzlich und unerwartet von uns gegangen. Die Urnenbeisetzung erfolgte bereits im engsten Familienkreis. Hamburg, im Dezember 2011 Die Hinterbliebenen."
Er wischte sich über die Augen. Das konnte doch nicht wahr sein! Er kippte den Schnaps in einem Zug hinunter. Seine Ehe war kinderlos und nahe Verwandte hatte er nicht mehr.
Er las den Text ein zweites Mal. Jetzt fiel ihm auf, dass der Todestag identisch war mit dem Sterbetag seiner Frau: 26. Dezember.
Er griff zum Telefon und verlangte die Anzeigenabteilung der Zeitung.
"Eigentlich dürfen wir telefonisch keine Auskunft geben", sagte eine weibliche Stimme. "In welchem Verhältnis stehen Sie zu dem Verblichenen? - Wie ist Ihr Name?"
Er nannte ihn.
"Ach so, Sie sind verwandt mit dem Toten."
"Nein, ich bin es selbst!"
"Wie bitte? Sie sollten sich schämen! Damit macht man keine Scherze! Der Auftrag kam aus der Schweiz. Mehr darf und will ich Ihnen nicht sagen. Auf Wiederhören!"
Aus der Schweiz? Er schenkte sich noch nach, nippte aber nur, weil ihm plötzlich schwindlig wurde und die Buchstaben von der Anzeige, von der er nicht lassen konnte, vor seinen Augen verschwammen. Aus der Schweiz? wiederholte er. Da kannte er nur die Bank, die sein Nummernkonto verwaltete. Ihm wurde heiß. Sein Herz klopfte wie ein Zweitakter.Wollte die an sein Schwarzgeld? Die wusste genau, wegen Steuerhinterziehung konnte er sie nicht anzeigen. War das in der Finanzkrise die neueste Masche: Plötzlicher Herztod durch Schock?! Das wäre vollkommen risikolos für sie!
Obwohl er noch einen Rest im Glas hatte, schenkte er es bis zum Rand voll und stürzte den Fusel hinunter."Diese Bangster!" schimpfte er. "Aber nicht mit mir!"
Woher hatten die überhaupt seine Personalien? Nummernkonten sollten doch anonym sein! Oder musste er die Daten bei der Kontoeröffnung angeben? Er konnte sich nicht daran erinnern. Er musste jetzt unbedingt den Vertrag einsehen, stand auf und taumelte zum Schreibtisch. Ihm war kotzübel. Er versuchte die Schublade zu öffnen. Sie klemmte. Er zog mit beiden Händen. Sie gab nach und er fiel rückwärts, vorher mit dem Hinterkopf den Couchtisch treffend, zu Boden. Die Schublade und herausgeschleuderte Papiere bedeckten seinen Körper. Bevor er das Bewusstsein verlor, murmelte er noch: "Totgesagte leben länger!"



Version vom 09. 06. 2012 16:44
Version vom 18. 06. 2012 16:25

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