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Leselupe.de > Erzählungen
Die Armprothese
Eingestellt am 02. 09. 2002 13:32


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bosbach46
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Niersexpress (Die Armprothese)

Der Zug Richtung Kleve hielt in Kempen. Der H√ľne √∂ffnete die Abteilt√ľr und trampelte polternd ein. Ob hier noch ein Platz frei sei, dr√∂hnte er und ohne meine Antwort abzuwarten fuhr er fort, Schei√üe hei√ü, die Suppe l√§uft, fluchte er mit einer Stimme, die wie ein ungestimmter Kontraba√ü klang.

Ich nickte, es war wirklich unerträglich. Im Radio hatte der Sprecher vom heißesten Tag am Niederrhein geredet.

Der holzf√§llerartige Kolo√ü fiel in den Sitz und legte seine Beine auf die gegen√ľberliegende Sitzfl√§che.

Warum ist das Fenster geschlossen, fragte er gereizt.
Es klemmt, gab ich an.
Scheiß Eisenbahn, meinte er und stand auf.

Erst jetzt sah ich, daß der vielleicht vierzigjährige, vitale Mann seinen rechten Unterarm verloren hatte. Seine hellblauen Augen stachen blitzend aus seinem unrassiertem Gesicht hervor. Er schien zu irgendetwas entschlossen zu sein. Mit seiner Pranke versuchte er das Fenster zu öffnen.

Schei√üe, rief er, zwischen Rahmen und Fenster klebt das verdammte Nikotin von zweiundzwanzigtausend Zigaretten und die Bundesbahn spart, spart am Reinigungskr√§ften, bedienungsfreundlichen Fahrkartenautomaten, h√ľbscher Dienstkleidung f√ľr die Zubegleiterinnen und an Fenstern die funktionieren k√∂nnten.

Aus seinem Plastikbeutel nestelte er einen achthundertgramm schweren Hammer hervor. Du glaubst gar nicht, fuhr er mich an, wie oft ich auf meinen Mottek angewiesen bin. √úberall gibt es defekte T√ľrschl√∂sser, betr√ľgerische Zigarettenautomaten und unfreundliche Beamte. Peng, mit dem Hammer dagegen und die Sache ist geritzt, schrie er, w√§hrend er bereits mit dem Hammer von oben kr√§ftig gegen die Griffe des Fensters schlug.

Du hast verspielt, uns hier schwitzen zu lassen, Du Fensterbiest, zischte er. Nach einigen wenigen gezielten Schlägen gab das Fenster nach. Er schob es hinunter und prustete ein dröhnendes Lachen heraus.

Jetzt hast Du hoffentlich kapiert, dass es keine Situation gibt, die nicht zu meistern wäre.
Wortlos pflichtete ich ihm durch meine sparsame Kopfbewegung bei.

Kannst Du nicht sprechen, raunzte er mich an.

Doch, doch.




Ah, ich vernehme eine menschliche Stimme. Und nun sag, warum hast Du keinen Hammer dabei ?

Ich war perplex. Mit fiel partout keine Antwort ein. Der Riese sah mich unverwandt an.

Na, sagte er zu mir gebeugt, keine Antwort ?

Ich nickte, keine Antwort !

Du hast keinen Hammer dabei, weil Du keine Zivilcourage hast ! Wo wohnst Du, fragte er fordernd.

Ich steige in Goch aus.

Bist Du hörgeschädigt ? Ich fragte wo Du wohnst ?

In einem der schönsten Dörfer, die der Niederrhein zu bieten hat.

Und wie heißt der wunderbare Ort ?

Asperden !

Du hast die Welt nicht gesehen, tobte er, Asperden ein schönes Dorf, unglaublich !
Ich mach Dir mal klar, in welchem Scheiß Kaff Du dahin vegetierst. Asperden ist eine Ansammlung von langweiligen Einfamilienhäusern in die sich die Bewohner verkrochen haben. Alles was es dort gibt sind gepflegte Vorgärten und hinter den Häusern grauenhafte Zierrasenanlagen ! Die Asperdener sind derart besessen von ihren Rasen, daß ich mich wundere, warum sie noch keine Schilder aufgestellt haben: Betreten des Rasens verboten !

Immerhin, wandte ich ein, gibt es in der Andoverstra√üe eine herrliche Naturwiese, auf der bereits im M√§rz √ľppig die Krokusse bl√ľhen.

Quatsch, Du erz√§hlt Stumpfsinn. Eine h√ľbsche Wiese, na und ! Treffen sich die Asperdener etwa auf ihren Wiesen ? Gibt es freundliche Nachbarschaften ? Werden gemeinsame Feste gefeiert ?

Doch, sagte ich, das gibt es schon noch.

Bl√∂dsinn, die Asperdener pflegen ihre verdammten Zierrasen und leben ansonsten zur√ľckgezogen vor sich hin. Freiwillig w√ľrde ich in diesem Nest nicht leben wollen. Au√üerdem hasse ich den Zierrasenkult !

Warum ?




Weil ich deshalb meinen Arm verloren habe, br√ľllte er. Gut, gut, ich werde ruhig, keuchte er und Du h√∂rst dir meine Geschichte an.


Bitte, meinte ich, erzähl .

Der Kerl sah mich pr√ľfend an, als w√ľrde er sich fragen, ob ich f√ľr ihn vertrauensw√ľrdig sei. Durch das ge√∂ffnete Fenster drang k√ľhlender Fahrtwind in das √ľberhitzte Abteil. W√§hrend der Zug auf Rheinberg zufuhr, wurde ich von dem Mann begutachtet, der mir nicht geheuer war. Wie er da sa√ü und mich ins Visier nahm, bemerkte ich eine allm√§hliche Verwandlung. Seine Gesichtsz√ľge, in denen bis gerade eben alle Wut dieser Welt sich ausdr√ľckte, gl√§tteten sich und seine Augen blickten mich warmherzig an.

Sie sind der erste Mensch seit Tagen, der ruhig geblieben ist, es tut mir leid, wenn ich sie erschreckt habe., sagte er bed√§chtig und √ľberraschenderweise so leise, dass ich genau hin h√∂ren mu√üte.

Ist schon gut, meinte ich.

Ich bin einfach aus den Fugen geraten, erklärte er, und ......er stockte.

Und..., was möchten sie sagen, fragte ich nach.




Sehen Sie, ich hatte ein H√§uschen, einen Sohn, eine Frau, achthundert Quadratmeter feinsten englischen Zierrasen, leitete eine Filiale einer hier in der Gegend ans√§ssigen Bank und war geachtet. Jetzt bin ich fertig und w√ľrde am liebsten Einsiedler werden.


Fahren Sie fort, ermunterte ich ihn. Der Fremde saß nun zusammengesunken vor mir.

Der Rasen mußte ja ständig gemäht werden. Jeden Samstag um 10 Uhr morgens schoben die Weezer Männer ihre Benziner in den Garten und legten loß. Kneifen war nicht erlaubt.
Wessen Rasen die Vierzentimeterh√∂he √ľberschritt, der wurde ge√§chtet. Also machte ich mit. F√ľnfzig Zentimeter Schnittbreite, automatischer Vorschub, Schnellgang, ein kraftvolles Ger√§t nannte ich mein Eigen. Und dann eines morgens, sprang die M√ľhle nicht an. Alle Nachbarn hatten das Rennen um den gepflegtesten Rasen bereits begonnen und ich verzweifelte an meiner streikenden Maschine.

Was dann ?

Ich versuchte wie fr√ľher bei den Flugzeugen, den Propeller zu drehen.



Ich verstehe, der Motor sprang an.

Umgehend, mein Arm war direkt abgetrennt. Er zeigte mir den Stumpf.



Ich sp√ľrte keinen Schmerz, wohl wurde mir schwarz vor Augen und als ich wieder erwachte lag ich auf der chirugischen Abteilung.

Meine Frau sa√ü an meinem Bett und weinte. Ich lie√ü sie weinen, wie h√§tte ich auch tr√∂sten k√∂nnen, schlie√ülich fehlte mir ein Arm und in dem vorhandenen steckte eine Infusionskan√ľle. Besser keine Streicheleinheiten, √ľberlegte ich.

Wenige Tage nach dem Unfall besuchte mich ein junger Mann. Er legte mir eine Visitenkarte vor und erkl√§rte er sei Mitarbeiter des Institutes f√ľr intelligente Prothetik.
Es w√§re kein Problem, versprach er, mir eine mechanische Armprothese zu verschaffen, die ich durch nervale Verbindungen willentlich steuern k√∂nnen w√ľrde. Er zeigte mir gro√üformatige Prospekte, auf denen die Wunderwerke der Technik eindrucksvoll abgebildet waren. Das Unternehmen suche Versuchspersonen, deshalb k√∂nne er mir die Installation der Prothese kostenneutral anbieten.

Pl√∂tzlich wirkte mein Gegen√ľber wie entr√ľckt. Er schwieg einige Zeit und sah nach drau√üen. Der Zug fuhr an Maisfeldern vorbei und manchmal war ein einzelner Bauernhof zu sehen. L√§ngs der Bahnstrecke stand ein bauf√§lliges, angerostetes Schild. Die schwarzen Buchstaben waren verbla√üt und nur Ortskundige konnten vermuten, dass fr√ľher mal "Geldern" auf dem Schild gestanden hatte.

Ich war neugierig geworden und h√ľstelte. Der Unbekannte sah mich an.

Was kam dann, fragte ich.


Dann, erlebte ich eine Serie von Einschr√§nkungen. Nat√ľrlich erst nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Ich war Na√ürasierer, verstehen Sie. Jeden Morgen sch√§umte ich mich ein, straffte mit der linken Hand die Wangen und strich mit der rechten Hand die Klinge √ľber meinen Bart. Wie sollte ich mich einh√§ndig rasieren k√∂nnen. Ich tobte vor Wut. Wenige Tage nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus rief Gerd Janssen mich an, er war Vorsitzender unseres Sch√ľtzenvereines. Sie h√§tten f√ľr mich eine Vorrichtung konstruiert, mit der ich den Vogel abschie√üen k√∂nnte. Ich stellte mir die Presse vor, wie sie schreiben w√ľrde "Einarmiger wird Sch√ľtzenk√∂nig" und lehnte dankend ab.

F√ľr einen kurzen Moment schwieg er. Pl√∂tzlich sah er mich eindringlich an. Auff√§llig leise meinte er, mir vertrauen zu k√∂nnen und fuhr fort.




Meine Frau, wie sollte ich sie in meinen Armen halten k√∂nnen ? Vor dem Unfall waren wir regelm√§√üig gierig aufeinander. Die Lust war prompt nach meiner R√ľckkehr aus dem Krankenhaus wieder aufgeflackert, brannte lodernd und meine Frau hauchte, komm Junge es wird Zeit. Sie verstehen. Explosion im Bauch, erh√∂hter Blutdruck und dann die peinliche Panne. Nach einer Minute hatte ich die Schnauze voll ! Verstehen Sie ?

Nicht ganz, deutete ich an.

Okay, stehen Sie mal auf, befahl er.

Warum ?

Ein Experiment, kommen Sie, stehen Sie auf, es wird nichts Schlimmes passieren.

Ich tat ihm den Gefallen.

So, nun nehmen wir mal an, Sie lieben ihre Frau. Voller Leidenschaft begegnen sie ihr. Sie sind scharf aufeinander und m√∂chten wild √ľbereinander herfallen, aber der Reisverschlu√ü ihrer Hose klemmt. Und jetzt √∂ffnen Sie bitte einh√§ndig ihren Reisverschlu√ü.

Das ist peinlich, wandte ich ein.

Probieren geht √ľber studieren, keine Hemmungen.

Der Knopf paßte nicht durch das Knopfloch und ich zerrte vergeblich an ihm.

Genau so war es Junge, schrie der Kerl. Genau so ! Mein zweibeiniges Paradies blickte mich entsetzt an und wandte sich wortlos ab. Ich wu√üte Bescheid. Sie hatte mir unmi√üverst√§ndlich verdeutlicht, mit keinem Kr√ľppel dieser Welt ins Bett zu gehen. Was konnte ich da noch tun ? Sag schon, was sollte ich tun ?

Mir war danach das Gespr√§ch zu beenden. Raus aus dem Abteil bevor der Einarmige zum Hammer greifen w√ľrde und mich fragen w√ľrde, ob ich seine Frau kenne. Seine Augen
stierten ins Leere, in einen unbegreiflichen häßlichen Kosmos der seinen persönlichen Schmerz immer wieder neu gebar.

Ich kann Dir sagen was ich getan habe; telefoniert habe ich. Mit diesem L√ľderscheidt vom Institut f√ľr intelligente Prothetik. Bauen Sie die Prothese f√ľr mich, heulte ich ins Telefon !

Der Zug erreichte den Weezer Bahnsteig. Mein Gespr√§chspartner erhob sich, nahm die Plastikt√ľte mit dem Hammer und stand unschl√ľssig vor mir.

Ich muß hier aussteigen, sagte er fast weinerlich. Das bedeutet, Sie verpassen den besten Teil meiner Geschichte.



Schade, befand ich.

Wo wohnen sie in Asperden ?

Im Puttenbruch.

Am Samstag komme ich mit dem Fahrrad und erzähle den Rest.

Entsetzt fragte ich nach, ob er das wirklich wolle.

Energisch bejahte er seine Absicht und stieg aus. Ich sah ihm nach, wie er mit hängender Schulter zum Ausgang schlenderte. Noch einmal drehte er sich zu mir, bis Samstag, rief er.

Vorsichtig winkte ich ihm zu. Ich wollte keinesfalls unhöflich wirken.


Voll Freude bewunderte ich den von mir gedeckten Fr√ľhst√ľckstisch. Exakt wie ein Familienidyll aus der Butterwerbung befand ich. Die Sonne schien auf die Terrasse und meine kleine Familie nahm Platz. Oh, Wonne welch friedliches Leben, w√§re da nicht pl√∂tzlich der Einarmige mit seinem klapprigen Fahrrad durch den Garten auf uns zu gefahren.

W√ľnsche einen Guten Morgen, krakeelte er. Herausfordernd grinste er uns an. Meine Frau schien statt der Pupillen Fragezeichen in ihren Augen zu haben, weshalb ich leise zischte, er hat sich mir im Zug aufgedr√§ngt. Da er unvermeidlicherweise in unser Leben getreten war, bot ich ihm eine Tasse Kaffee an.

Ich nehme an, Ihre Frau ist informiert und kennt den ersten Teil meiner Geschichte.

Rita stand auf. Leider nur ungef√§hr, sagte sie knapp, ich w√ľrde wirklich gerne den weiteren Verlauf h√∂ren. Nur schlie√üen die Gesch√§fte bald und ich mu√ü einkaufen.


Sie verlie√ü mich, w√§hrend ich mit dem Eindringling wie gefangen auf meiner Terrasse sitzen mu√üte. Meine Stimmung war mit einem Schlag unter dem Wetter, wie Engl√§nder es ausdr√ľcken w√ľrden. Schlechter konnte sie nicht sein.

Der unsensible Mensch schl√ľrfte seinen Kaffee, stellte die Tasse fahrig ab und fixierte mich.

Ich halte meine Versprechen, betonte er. Er legte einige zerknitterte Fotos auf den Tisch. Da, gucken Sie, das bin ich mit meiner Prothese. Das Bild zeigte einen durchtrainierten, muskulösen Mann, der rechts eine futuristische Konstruktion trug, die wie ein Roboterarm aussah. Klickt es bei Ihnen, fragte er.

Ich gab zu, wie meistens nichts zu verstehen.

Dieses Ding da hat mein Leben zerstört !

Vom Nachbargrundst√ľck dr√∂hnte ein Rasenm√§her zu uns her√ľber. Au√üer sich vor Wut sprang mein ungebetener Gast auf und rief meinem Nachbarn zu, er solle die Kiste ausstellen, sonst w√ľrde er das tun.

Bitte, fuhr ich dazwischen, das geht zu weit.

Zu weit ? Die Folgen gehen zu weit, tobte er.

Bitte, kommen Sie, Sie erschrecken meinen Nachbarn.

Wie ein Donnerschlag lachte er schallend und meinte, heute keinen Hammer dabei zu haben. Er sei wirklich harmlos.

Verdammt harmlos, befand ich bissig.

Brav wie ein Lamm kehrte er zum Tisch zur√ľck. Einarmiger wieder lieb, rief er dem verschreckten Nachbar zu.

Immer wieder gehen die G√§ule mit mir durch, sagte er zu seiner Entschuldigung. Aber kommen wir zur Sache. Er setzte sich umst√§ndlich auf seinen Stuhl und nippte verlegen an seinem inzwischen abgek√ľhlten Kaffee.

Die Prothese pa√üte, wie angegossen, begann er. Die Verbindung zu den vorhandenen Nervenendungen wurde unter lokaler Bet√§ubung hergestellt und nach einem Tag durfte ich das neue Wunderwerk bewegen. Mehr als hundert kleinste Hydraulikzylinder bewegten ein mechanisches Meisterwerk, mit dem ich filigranste Bewegungsabl√§ufe ausf√ľhren konnte. Meine Kunsthand wies den Vorteil auf, keine einzige zittrige Bewegung auszuf√ľhren. Ich konnte mit ihr feinste Arbeiten ausf√ľhren. Der Clou war ein Latex√ľberzug in Hautfarbe, der auf K√∂rpertemperatur aufgeheizt wurde. Ich konnte mit diesem Instrument wesentlich z√§rtlicher streicheln, als es meine fr√ľhere fleischliche Hand
vermocht h√§tte. Nach und nach wuchs die Freude √ľber mein neues K√∂rperteil. Ich war begeistert. Deshalb bemerkte ich die ersten Anzeichen nicht.

Welche Anzeichen ?

Na ja, irgendwann ertappte ich meinen Kunstarm, wie er mit dem Zeigefinger in meiner Nase bohrte.

Das ist nichts Schlimmes, meinte ich.

Sicher, nur machte es mich stutzig, weil die Prothese nur beweglich sein sollte, wenn ich willentlich eine Bewegungsfolge ausf√ľhren wollte. Jede Bewegung setzte eine

Handlungsabsicht voraus. Mein neue Arm fand allein den Weg zur Nase, ohne Aufforderung.

Vielleicht juckte Ihre Nase ?

Sehen Sie, selbst wenn meine Nase triefte oder juckte oder ein fetter Popel mich störte, meine Prothese war ungehorsam. Zufällig befand ich mich an diesem Tag in ihrem Dorf.
Ich hatte Hunger und wollte mir eine Kleinigkeit kaufen. Ein belegtes Br√∂tchen. In der N√§he der Kirche, in diesem merkw√ľrdigen Lebensmittelgesch√§ft.

Ja, und ?

Der Verk√§ufer schlich wie eine Schnecke hinter die Brottheke, griff als sei er zur Zeitlupenbewegung verzaubert worden ein Br√∂tchen und schnitt es ohne eine Spur von Eifer zu zeigen auf. Ich kam mir vor, als w√ľrde ich diesen Menschen bestrafen, weil ich ein belegtes Br√∂tchen wollte. Dann mu√üte ich mit der Br√∂tchent√ľte zu der unbesetzten Kasse gehen. In der N√§he sa√ü eine volumin√∂se Verk√§uferin, die damit besch√§ftigt war Kunststoffblumen zu verkleben. Vorwurfsvoll traf mich ihr Blick. Z√∂gernd erhob sie ihren massigen Hintern und n√§herte sich √§chzend der Kasse. Mir war, als w√ľrde sie denken, Du Arschloch willst ein Br√∂tchen bezahlen und wagst es mich in meiner Tr√§gheit zu st√∂ren, Du bist des Todes Einarmiger ! In dem Moment zuckte meine Prothese und warf ihr die Br√∂tchent√ľte vor die F√ľ√üe. Dann schnellte mein K√∂rperersatzst√ľck in die H√∂he und zeigte ihr den Vogel.

Sie waren einfach sauer, warf ich ein.

Nat√ľrlich √§rgerte mich die Schlafwandler in dem Gesch√§ft, aber habe ich deswegen meinem Arm befohlen, so kra√ü meinen Unmut zu √§u√üern ?

Keine Ahnung.

Eben, mein Arm verselbstst√§ndigte sich. Er begann mehr und mehr meine Gef√ľhlswelt auszudr√ľcken. Der kurz und knapp an die Stirn getippte Zeigefinger wurde zur Regel. Eines Tages flatterten die ersten Strafanzeigen ins Haus. Der Klever Staatsanwalt der meine Anklageschriften bearbeitete drohte mir Beugehaft an, da er meine schriftlichen Erl√§uterungen als Verspottung empfand.

Konnten Sie die Prothese nicht neu einstellen lassen ?

Was glauben Sie denn ? Mehrfach w√§hlte ich das Institut f√ľr "Intelligente Prothetik" an.
Bereits w√§hrend des W√§hlens legte mein Kunstarm wieder auf. Ich wurde verr√ľckt, der eine Arm gehorchte und der andere verhinderte meine Handlung.

Schließlich kam der Tag an dem etwas geschehen mußte.



Mein Besucher sch√ľttete sich noch einen Kaffee ein. Ich sah ihm schweigend zu und √ľberlegte, ob ich meine Zeit mit einem Wahnsinnigen verbrachte. Im Garten schlich unserer Kater umher. Eine fette Drossel fesselte seine Aufmerksamkeit. Sie h√ľpfte auf dem W√§schest√§nder umher und schimpfte erregt √ľber unseren vierbeinigen Vogelm√∂rder.

Eine h√ľbsche Katze ist das, sagte der Fremde besonnen.

Ich stimmte ihm zu. Er rieb an seinem Stumpf. Sein Gesicht dr√ľckte einen heftigen, stechenden Schmerz aus. Die Katze verlor ihre Jagdlust und stolzierte auf die Terrasse zu. Mit einem eleganten Sprung landete sie auf den Scho√ü meines Gastes und schnurrte prompt, laut vor sich hin, kurz nachdem sie sich bequem auf der Hose des Einarmigen zusammengerollt hatte.

Tiere mögen mich. Außerdem ist mir aufgefallen, wie unhöflich ich zu Ihnen war.
Ich bin quasi inkognito hier, habe meinen Namen unterschlagen.

Na ja, ein Meister des "Guten Benehmens " scheinen sie ohnehin nicht zu sein. Aber tierlieb, lachte ich versöhnlich.

Also, ich bin Andreas Str√∂ttker, Bankkaufmann ade, ehemaliger aktiver Vereinssch√ľtze,
fr√ľher verheiratet und Hausmitbesitzer, einstmals umg√§nglicher, menschenfreundlicher Zeitgenosse, durch das Leben belehrt und nunmehr ein kritischer Geist, der Dummheit und Gemeinheit nicht mehr verzeiht. Und Sie, f√ľgte er hin zu, sind Herr Georg Franz Janssen, Konto-Nummer: 331 280 512, Inhaber eines altmodischen Goldkontos, etwas verschwenderisch gestrickt, unkonventionell und familienbezogen.

Verdutzt nickte ich.

Woher kennen Sie meine Konto-Nummer?

Keine Bange, lachte er, ich sah vorhin den Überweisungsträger, den Ihre Frau vom Tisch nahm. Mein Nummerngedächtnis ist trainiert.

Er kraulte die Katze und sah mich belustigt an.

Dieses Tier hier, erklärte er, hat mich von meinem verfluchten Phantomschmerz abgelenkt. Aus heiterem Himmel schmerzt manchmal meine nicht mehr vorhandene Hand.

Das ist bitter, bemerkte ich.

Es geht, der Schmerz vergeht meist nach wenigen Minuten. √úberwiegend meldet er sich vor Wetterumschw√ľngen. Bevor es regnet zum Beispiel.

Und, wird es regnen.

Ja, ab Mittag etwa, meinte Andreas, ich werde auch jetzt los fahren, sonst w√ľrde ich nachher geduscht zu Hause ankommen. K√∂nnen wir uns duzen ?

Klar, Andreas.

Er prostete mir mit seiner Kaffeetasse zu, schubste die Katze vorsichtig wach und erhob sich.

Ich mu√ü zur√ľck, Georg, vielen Dank f√ľr den Kaffee.

Fast eilig stieg er auf das veraltete Fahrrad. Ich sah ihm nach. Er hatte keine Ank√ľndigung gemacht, noch mal kommen zu wollen, um seine Geschichte weiter zu erz√§hlen. Ich war beunruhigt. Abgebrochene Geschichten wirkten ung√ľnstig in mir nach. Die Geschichte
mu√üte ein Ende haben beschlo√ü ich. In unsrer Garage verstaubte eine Vespa. Vielleicht w√ľrde der Roller st√∂rungsfrei anspringen und ich k√∂nnte ihm nachfahren. Es klappte. Ohne an meinen Helm zu denken brauste ich ihm hinterher. Gl√ľcklicherweise sah ich ihn wie er die Triftstra√üe √ľberquerte um zur Hommersumerstra√üe gelangen zu k√∂nnen. Seine Kondition war herausragend. Auf dem alten Drahtesel hielt er eine Geschwindigkeit von ann√§hernd 30 Stundenkilometern. Er radelte weiter Richtung Hassumerstra√üe und bog dort links ein. √úberquerte die Autobahnbr√ľcke und hielt auf die Gaesdonk zu. Ich achtete auf einen gen√ľgend gro√üen Abstand. Unentwegt hielt Andreas sein professionelles Tempo. Am Internat fuhr er vorbei, dann an dem Reitstall und schlie√ülich erreichte er die H√ľlmerheide. Noch erkannte ich sein Ziel nicht, bis er unerwartet vor Weeze rechts in einen landwirtschaftlichen Nutzungsweg einbog und schnurstracks auf das Petrusheim zufuhr. Vor einer kleinen Baumgruppe, die das r√ľckw√§rtige Gel√§nde des Obdachlosenheimes begrenzte, hielt er an. Aus den B√ľschen trat ein Mann hervor, der ein mindestens eben so altes Fahrad schob.

Der Hinzugekommene hielt einen Plastikbeutel in der Hand. Beide legten die R√§der ab und Andreas zog einen kastenartigen, schw√§rzlichen Gegenstand aus der T√ľte. Beide betrachteten eine Weile den Inhalt, bevor sie eintr√§chtig ihre Fahrt fortsetzten. √úber den Feldweg bogen sie in die landwirtschaftliche Anlage des Nichtse√ühaften-Heimes ein. Langsam tuckerte ich ihnen nach. Irgendwo vermutete ich, w√ľrden sie hier wohnen. Ich fand jedoch weder eines der alten Fahrr√§der, das angelehnt an einer Hauswand h√§tte stehen k√∂nnen, noch eine andere Spur. Mein Handy spielte den Tango, den ich statt des schrillen Ruftones einprogrammiert hatte. Ich h√∂rte gleich an der Stimme meiner Frau wie aufgeregt sie war. Ihre schwarze Schatulle war von jetzt auf gleich unauffindbar. Ihr Schmuck war weg.

Hast Du vielleicht dein Schmuckkästchen verlegt ?

Nein, bevor ich zum Einkauf fuhr öffnete ich es und nahm die Korallenkette heraus.

Beruhige Dich, dein Schmuck kommt zur√ľck, versprochen !

Was meinst Du, schrie sie ins Telefon.

Die Verbindung ist schlecht, gab ich zur√ľck und legte auf. Es d√§mmerte in meinem Hirn. Jetzt war schnelles Handeln angesagt. Ich gab Vollgas und fuhr mit dem altert√ľmlichen Roller in den Haupthof des Wohnheimes ein. M√∂glicherweise war die resolute Chefin der Einrichtung im Hause. Schon h√§ufiger war mir erz√§hlt worden, dass sie √§hnlich wie die amerikanische Au√üenministerin die Dinge ungeschminkt ansprach und zielstrebig L√∂sungen vorgab. Selbst die alten Landwirte aus der Umgebung zollten der Heimchefin Respekt.

Frau Domener residierte hinter ihrem ausladenden Schreibtisch. Ich stellte mich kurz vor und beschrieb mein Anliegen. √úber die Lesebrille blitzte sie belustigt hinweg.

Er legt immer noch Leute rein, √§u√üerte sie sichtlich am√ľsiert. Kommen Sie mit zu den Wohnh√§usern, wenn er und sein Kumpel in ihrem Haus waren, erhalten Sie ihr Hab und Gut umgehend zur√ľck. Wahrscheinlich hat er Ihnen die Geschichte von der verselbst-st√§ndigten Prothese aufgetischt.

Hat er !

Die schlanke, Sechzigjährige lachte laut aus sich heraus. Ein Schlitzohr sei er immer gewesen, der Andreas. Aber die Bankerstory sei neu. Alles habe er schon gemacht. Zuletzt habe er ein Sonnenstudio betrieben und dann ereilte ihn sein Unfall mit dem Rasenmäher. Er wurde aus dem Gleis geworfen.

Wir betraten ein freundlich wirkendes Einfamilienhaus. Die selbstst√§ndigeren Heimbewohner w√ľrden alle in solchen H√§usern in Wohngruppen auf ihre Entlassung vorbereitet, erkl√§rte die Chefin. Im Flur rief sie mit der Stimme eines hartgesottenen Feldwebels die beiden M√§nner. Versch√ľchtert betraten sie den Flur. Sie deutete auf mich.
Der Herr bekommt etwas von Euch, verlangte sie.

Wenig später startete ich meinen Roller, beladen mit einem luftgetrocktnetem Schinken aus eigener Herstellung, der Schatulle und der Erkenntnis ganz ohne Hammer den weiteren Nachmittag verbringen zu wollen.

Im R√ľckspiegel sah ich den Einarmigen, wie er das Auto seiner Chefin putzte. Die Zeiten √§ndern die Menschen nicht wirklich, dachte ich und Strafe mu√ü sein. Dann erkannte ich, wie die Chefin pr√ľfend hinter ihren Sch√ľtzling ging und ihm einen freundlichen Klaps auf den Po gab. Noch lange hallte ihr Gel√§chter nach.


__________________
J. Bosbach

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herb
???
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beeindruckt

Hallo Bosbach,

Toll, was soll ich weiter sagen, vielleicht: wie interessant es auf einem scheinbar langweiligen Dorf zugehen kann, smile
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

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Inu
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An 'Bosbach'

Eine interessante Geschichte, extrem spannend erz√§hlt. Ich habe jede Zeile genossen. Toll und √ľberraschend war auch das Ende, das ich soo nicht erwartet h√§tte.

Nur eine kleine Frage: Kann ein Einarmiger ( mit oder ohne Prothese ]wirklich so gut Radfahren? Habe mir noch nie dar√ľber Gedanken gemacht, aber ich k√∂nnte mir vorstellen, dass man sich sowas antrainiert?

viele Gr√ľ√üe
Inu

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Zefira
???
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Verr√ľckte Geschichte, das Lesen hat gro√üen Spa√ü gemacht.
Kleine Kritik nur:
Die Schauplatzwechsel gefallen mir nicht so recht, der erste - vom Zug an den Fr√ľhst√ľckstisch - ist mir allzu schnell; der zweite - als der Erz√§hler den Einarmigen verfolgt - nicht so recht motiviert. Wenn er nur hinterherf√§hrt, um die Geschichte zu Ende zu h√∂ren, warum achtet er dann auf "gen√ľgend gro√üen Abstand", statt den Mann einzuholen? Ich h√§tte es einleuchtender gefunden, wenn ihn die Sache mit der Kontonummer so beunruhigen w√ľrde, da√ü er einfach erfahren m√∂chte, wo der Kerl wohnt.
Es gibt √ľbrigens ausgezeichnete einarmige Radfahrer, Inu; in meiner Teja-Zeit hatten wir einen in der Nachbarschaft.
Gr√ľ√üle,
Zefira

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herb
???
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Rad fahren

lach, mir fällt der witz ein von dem kind, dass an der mutter mit dem fahrrad vorbeifährt: "mama, mama; guck mal
ohne arme!" also freihändig.
die nächste runde: "mama, mama, guck mal, nun ohne zähne."
entschuldigung
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

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flammarion
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hm,

eine atemberaubende geschichte. da ist wirklich alles dran. volle punktzahl und aufnahme ins "Lupengold". ganz lieb gr√ľ√üt
__________________
Old Icke

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