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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Beerdigung
Eingestellt am 28. 09. 2001 15:05


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Intonia
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Die Beerdigung

Regina fĂŒhlte einen sanften Zug an ihrem Arm und erwachte aus ihren Gedanken.
"Komm, Mutter, du machst den Anfang," sagte Joachim, ihr Ältester. Er fĂŒhrte sie an die offene Grube, in der gerade der hellbraune, schwere Eichensarg den Blicken entschwunden war. Ihr Gesicht war ausdruckslos, in sich gekehrt, und sie konnte weder klar sehen, noch klar denken. Die letzte halbe Stunde hatte sie wie in Trance verbracht und konnte sich nur bruchstĂŒckhaft an Einzelheiten der Trauerfeier erinnern. Als in der kleinen Kapelle die Orgel mit dem Ave Maria einsetzte, waren ihre Gedanken in eine andere Welt davon geschwebt. Nun stand sie am Grab und fĂŒhlte sich seltsam leicht und erlöst. Es war fast ein GefĂŒhl von Euphorie, eine Helligkeit und angenehme WĂ€rme, die sich in ihrer Brust ausbreitete. Und die einsetzenden TrĂ€nen waren wie eine Erlösung. Sie war verwirrt. Waren das GefĂŒhle der Trauer? GefĂŒhle von Schmerz und Verzweiflung? Sie wusste es nicht. Sie warf die rote Rose, die Joachim ihr reichte, in die Gruft und nahm eine Handvoll Erde aus der aufgestellten Schale und liess sie auf den Sarg rieseln.
Die Pfarrerin bedeutete ihr mit einer knappen Handbewegung, sich neben sie zu stellen. Als nĂ€chster nahm Joachim rechts von ihr Aufstellung. Es folgten Karla, Joachims Frau mit dem kleinen Kai, ihrem dreijĂ€hrigen Enkel. Als nĂ€chster reihte sich JĂŒrgen, ihr jĂŒngster Sohn mit seiner Verlobten Beatrice ein und schliesslich Reinhard, der Bruder von Karl-Heinz, ihr Schwager. Es waren ausser den engsten Angehörigen ca. 30 Personen anwesend, die nun an ihnen vorbei zogen und ihr MitgefĂŒhl in tröstende Worte kleideten.

Regina war froh, als endlich der letzte Trauergast sein Beileid ausgesprochen hatte. Eigentlich wollte sie jetzt lieber allein sein und Ordnung in ihre Gedanken und GefĂŒhle bringen, aber das ging erst nach dem gemeinsamen Essen, das im Anschluss an die Beerdigung vorgesehen war. Doch ganz allein konnte sie sowieso nicht sein, denn sie musste einen Gast beherbergen. Reinhard war heute vormittag aus DĂŒsseldorf eingetroffen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen. Sie seufzte! Reinhard - sie kannte ihn aus ihrer Kindheit, genauso wie Karl-Heinz. Sie waren Nachbarskinder gewesen und es gab bestimmt viel, worĂŒber sie mit Reinhard Erinnerungen austauschen konnte. Jetzt freute sie sich doch auf ihn. FĂŒr ihre eigenen Gedanken und GefĂŒhle blieb spĂ€ter noch genug Zeit.

Nach dem Essen verabschiedete sich Regina von ihren Kindern und den letzten TrauergĂ€sten und stieg zu Reinhard ins Auto. Zuerst saßen sie schweigend nebeneinander. Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln und stellte fest, dass sie immer noch eine schöne Frau war. Sie hatte kastanienbraunes Haar, das in weichen Wellen auf den Kragen ihres schwarzen KostĂŒms fiel. PastellgrĂŒn oder flachsgelb wĂŒrde ihr gut stehen, stellte er in Gedanken fest. Ihre Nase war, von der Seite betrachtet, dominierend. Sie war lang und schmal, von klassischer Schönheit. Die Lippen waren voll, besonders, die Unterlippe. Das Kinn war unauffĂ€llig, weder energisch vorstrebend, noch weichlich zurĂŒckfallend. Das Markante daran war das reizende GrĂŒbchen. Regina fĂŒhlte sich beobachtet und wandte ihm ihr schmales Gesicht zu. Ihre Augen waren von seltener Klarheit, fast so grĂŒn wie Smaragde. Jetzt waren sie verweint und ihr Blick etwas getrĂŒbt. Aber er hatte sie schon feurig blitzen sehen. Er lĂ€chelte und suchte ihre Hand. Sie liess es geschehen.
"Regina, wenn Du Hilfe brauchst, ich bin fĂŒr Dich da. Das bin ich Dir und meinem Bruder schuldig."
"Ich danke Dir, Reinhard, wir sind doch alte Freunde. Mach Dir keine Sorgen, meine Söhne sind ja erwachsen und wohnen nicht weit entfernt. Sie geben mir Trost und Beistand. Joachim ist angehender Jurist und JĂŒrgen ist mehr fĂŒr das Praktische zustĂ€ndig. Und eine gute Freundin habe ich auch, die mich in die Arme nimmt. Mir wird es an nichts fehlen."
Sie sprach nicht weiter, aber ihre Gedanken endeten damit nicht. Sie dachte, dass das Schlimmste ja vorbei war und - dass ihr schon lange etwas gefehlt hat. Das eine erleichterte sie, das andere bedrĂŒckte sie. Eine schwere Zeit lag hinter ihr. WĂ€hrend der letzten zwei Jahre hatte Karl-Heinz mehrere Krankenhausaufenthalte ĂŒber sich ergehen lassen mĂŒssen, insgesamt war er mehr als ein halbes Jahr von zuhause fort. Der ersten stationĂ€ren Behandlung folgte eine Rehabilitation. Leider war sie erfolglos, wie sich spĂ€ter herausstellte. Diese zwei Jahre waren nicht nur fĂŒr Karl-Heinz eine Tortur, sondern auch fĂŒr sie. Sie fĂŒhlte sich oft nahe dem Zusammenbruch und wurde bis an ihre Belastungsgrenze gefordert. Hoffen und Bangen, Optimismus und Verzweiflung wechselten sich ab. Sie war tag und nacht fĂŒr ihn da - und er klammerte sich an sie, liess ihr keine Ruhe, war ein unertrĂ€glicher Patient. Karl-Heinz kĂ€mpfte wie ein Löwe gegen seine Krankheit, mal tobte er, mal klagte er an, mal war er depressiv, mal zweifelte er an Gott und Gerechtigkeit. Er wollte es nicht wahrhaben, dass es ihn getroffen hatte. Bis er schliesslich resignierte, und von da an ging es schnell mit ihm bergab. Es wurde leichter, mit ihm umzugehen. Er hatte eingesehen, dass er den Kampf nicht gewinnen konnte.

Regina erwachte aus ihren Gedanken, als Reinhard ihre Hand los liess, um in die kleine Nebenstrasse einzubiegen, die zu ihrem schmucken Einfamilienhaus fĂŒhrte. Sie stiegen aus und Reinhard reichte ihr den Arm und fĂŒhrte sie die wenigen Stufen zur EingangstĂŒr. Es wurde ein schöner Abend, denn sie hatten sich viel zu sagen. Die Kindheit passierte Revue. Sie waren in der selben Klasse der Grundschule und hatten den selben Schulweg. Ihre GĂ€rten grenzten aneinander und sie waren damals unzertrennlich. Ihre Erinnerungen wurden bei einer Flasche Rotwein in einer angenehmen AtmosphĂ€re lebendig. Ja, sie lachten sogar und waren so fröhlich wie damals. Reinhard nahm ihre Hand und sagte:
"Weisst Du noch, Regina, wie wir hinter euren JohannisbeerstrĂ€uchern die Unterschiede von Jungen und MĂ€dchen bestaunten?" Regina wurde rot. Sie wusste es nur zu genau. Sie hatte sich als Kind in Reinhard verliebt, unsterblich wie sie glaubte. Warum hatte sie dann aber Karl-Heinz, seinen Bruder, geheiratet? Karl-Heinz war drei Jahre Ă€lter als Reinhard und als sie ins Teenageralter kam, wurde Karl-Heinz auf eine ganz andere Art auf sie aufmerksam, anders als Reinhard! Karl-Heinz sah gut aus, war selbstsicher und obendrein noch intelligent. Die MĂ€dchen begehrten ihn, aber er wollte nur sie. Das schmeichelte ihr und sie gab sich den GefĂŒhlen hin, die er ihr entgegen brachte. Sie lernte sogar, ihn zu lieben. Reinhard blieb ein guter Freund. Ihr GefĂŒhl sagte ihr aber, dass er gern an die Stelle seines Bruders getreten wĂ€re.

Am Morgen musste Reinhard frĂŒh die Heimreise antreten. Als er fort war, rĂ€umte Regina das FrĂŒhstĂŒcksgeschirr in die SpĂŒlmaschine und ging anschliessend hinauf ins GĂ€stezimmer. Sie warf sich auf das unbenutzte Bett und versuchte Ordnung in ihre Gedanken und GefĂŒhle zu bringen. Es waren ganz andere Gedanken und GefĂŒhle als noch vor 24 Stunden.
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"Liebe kostet nichts und ist doch das Teuerste auf der Welt."

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Willi Corsten
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Hallo Intonia,
gut geschrieben. Vor allem das offene Ende gefĂ€llt mir. Ich hatte schon befĂŒrchtet, dass aus der Kindheitsliebe ausgerechnet am Tag der Beerdigung ein Stelldichein werden wĂŒrde. Eine unnötige Sorge, denn Du hast zwar den nötigen Humor, menschlich/allzumenschliches zu beschreiben, aber auch den Takt, das nicht unbedingt an dem Zeitpunkt geschehen zu lassen.
Ein kleiner Hinweis, wenn Du gestattest. In der Passage im Auto hĂ€ufen sich „war“ und „waren“. Ist Dir vielleicht nicht aufgefallen.
Herzliche GrĂŒĂŸe
Willi

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Intonia
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Hallo Willi,


Du hast recht, ich habe mir die fertige Geschichte nicht sorgfĂ€ltig genug durchgelesen. Danke fĂŒr Deinen Hinweis; ich werde es bei der Überarbeitung Ă€ndern.

Liebe GrĂŒsse
Intonia
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