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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Benachrichtigung
Eingestellt am 23. 08. 2006 23:14


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HFleiss
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Pat war noch einmal vorbeigekommen, die Ungewissheit hatte sie nicht zu Hause gehalten. Die Mutter wirkte zerstreut. Sie hatte nicht allzu unbeteiligt dagesessen oder gar eine Andeutung gemacht, aber Pat merkte voller BestĂŒrzung, sie konnte heute nicht eingehen auf die Sorgen der Tochter mit den beiden Kindern, wie sie es sonst tat. Einsilbig und beilĂ€ufig hatte sie sich nach dem Schwiegersohn erkundigt, der bei einer staatlichen Behörde angestellt war. Dies war Pat BestĂ€tigung genug, dass ihr Ehemann Ronald nicht geflunkert hatte. Nach dem Kaffee hatte die Mutter den Fernseher angestellt, was sie sonst niemals tat, wenn die Tochter zu Besuch war. Pat verabschiedete sich, ohne die Mutter wissen zu lassen, dass sie etwas wusste. Auch wollte sie eine unschöne Szene, die ihr das Herz zerrissen hĂ€tte, vermeiden. Ihr Abschiedskuss war nicht eine Nuance herzlicher als an den anderen, normalen Tagen.

Gestern hatte die Behörde des Schwiegersohns der Mutter die Benachrichtigung geschickt. Pat wusste von Ronald: Dem Kuvert ĂŒblicherweise beigeschlossen war ein flaches BehĂ€ltnis, durchsichtig, man konnte die beiden Tabletten erkennen, ohne dass man es öffnete. Sie waren weiß, kaum grĂ¶ĂŸer als ein 1-Cent-StĂŒck, von sehr geringem Gewicht, einzunehmen spĂ€testens zwei Tage nach Briefempfang, und zwar, auch dies war von der Behörde vorgeschrieben worden, vor dem Abendbrot. Sollte der EmpfĂ€nger des Briefes sich nicht vorbehaltlos an die Einnahmevorschriften halten, so drohten Weiterungen, die er selbst zu verantworten habe. Sollte er gar den Empfang des Briefes verweigern (man hatte einen gepolsterten weißen Fensterumschlag verwendet, ohne den Absender zu nennen), so drohten ihm nicht genau angegebene Konsequenzen, die sogar Familienmitglieder ersten und zweiten Grades betreffen könnten. Pat, obwohl sie in den Minuten, als die Mutter in der KĂŒche den Kaffee bereitet hatte, das Zimmer durchsuchte, fand das Schreiben nicht. Aber sie war beunruhigt, denn dass sie den Brief nicht fand, um ihm die Tabletten zu entnehmen, und die Mutter mit keiner Silbe etwas andeutete, ließ erkennen, dass sie sich widerspruchslos an die Anweisungen der Behörde halten wĂŒrde.

Pat war wĂŒtend. Ronald hĂ€tte das Äußerste verhindern können, wenn er nur gewollt hĂ€tte. Die Mutter war doch erst vorigen Monat siebzig geworden! Und Geld genug war in der Familie vorhanden, um mittels einer ĂŒblichen, lĂ€sslichen Bestechung einen Aufschub zu erlangen, wenn nicht gar den Vollzug der Maßnahme, wie der Behördenjargon lautete, gĂ€nzlich zu verhindern.

Am Abendbrottisch konnte sie sich nicht mehr zurĂŒckhalten. „Es ist ja auch nicht deine Mutter! FĂŒr sie wĂŒrdest du sogar deine jĂŒngste Tochter verkaufen. Aber es ist ja nur die Mutter deiner zweiten Frau, da verausgabt man sich nicht mehr, da lehnt man sich zurĂŒck und ĂŒbt sich in Staatstreue und LoyalitĂ€t! Ich hasse dich!“

„Du vergisst, Schatz, dass meine Mutter schon vor fĂŒnfzehn Jahren, als ich noch mittelloser Student war, an der Reihe war. Ich verstehe deine Aufregung nicht. Jeder ist irgendwann mal dran.“

Pat kamen vor Wut die TrĂ€nen. „Meine Mutter ist gerade mal siebzig. Mit ein bisschen Protektion, die dir bestimmt nicht schwergefallen sein dĂŒrfte, hĂ€tten wir noch mindestens fĂŒnf Jahre herausholen können! Dein Amt ist ein Verbrechersyndikat! Du Beamter, du! Auch du bist verantwortlich, jeder von euch!“

Ronald hob bedauernd die Schultern. „Jetzt ist es zu spĂ€t. Du hĂ€ttest mir deinen Willen ruhig etwas frĂŒher mitteilen können! Der Vorgang ist abgeschlossen. Aber wenn du es wĂŒnschst – ich kann meinen Chef ja morgen frĂŒh fragen, welche Möglichkeiten die Behörde jetzt noch hat hat. Und das mit der Bestechung will ich nicht gehört haben. Ich bin Staatsbeamter. Verbrechersyndikat! Lass das niemanden hören, ich bitte dich. Und ich, meine Liebe, nur zu deiner Kenntnis, bin wohl am wenigstens fĂŒr unsere Gesetze verantwortlich. Ich setze sie lediglich durch, ich lasse mir derartige MonstrositĂ€ten aber nicht selbst einfallen.“

„Morgen frĂŒh, morgen frĂŒh! Morgen frĂŒh kann es zu spĂ€t sein. Sie hat die Benachrichtigung gestern erhalten.“

„Ach ja? Das wusste ich nicht, Schatz. Nur, dass etwas im Busch war.“

Pat war aufgesprungen. „So tu doch etwas. Heute noch! Ruf deinen Chef an, sie sollen den Vorgang stoppen! Sei doch einmal im Leben ein Mann, ich bitte dich! Du sagst, du liebst mich. Beweise es! Einmal nur!“

Ronald seufzte. „Nun gut, du willst es. Ich probiere es. Ich weiß, welches Risiko ich eingehe. FĂŒr dich, Schatz, nur fĂŒr dich. Nicht fĂŒr deine Mutter. Schließlich kommt niemand von uns um die Maßnahme herum. Und siebzig ist doch ein ganz schönes Alter. Das musst du zugeben.“

„Ich gebe gar nichts zu. Nichts, nichts! Niemals! Ruf endlich an!“

WĂ€hrend Ronald die Privatnummer seines Chefs wĂ€hlte, bemĂŒhte sich Pat, ihm nicht in die Augen zu blicken. Es war unzulĂ€ssig, einen Aufschub zu verlangen, man könnte Ronald Korruption vorwerfen, und dies wĂ€re das Ende seiner Karriere. UnzĂ€hligen Mitarbeitern des Amtes, zumeist der mittleren FĂŒhrungsschicht, war es so ergangen. Oft verschwanden sie und ihre Familie ĂŒber Nacht, ohne dass man in der Behörde etwas ĂŒber ihr weiteres Schicksal erfuhr. NatĂŒrlich war die Behörde auch nicht bemĂŒht, etwas zu erfahren, das wĂ€re zu gefĂ€hrlich gewesen.

Pat verließ das Zimmer. Sie hĂ€tte es nicht ertragen, mitzuerleben, wie Ronald sich ihretwegen vor seinem Chef demĂŒtigte.

NatĂŒrlich, sie musste fair bleiben, Ronald war fĂŒr die Gesetze nicht verantwortlich. Doch es war und blieb ein schlimmes Gesetz, das Allgemeine Altenerlösungsgesetz.

(2006)

















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flammarion
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ganz

schön gruselig. aber dann hĂ€tte der gute mann ja mit 20 eine 70jĂ€hrige mutter gehabt haben mĂŒssen oder so Ă€hnlich. naja, kommt ja manchmal vor, so eine geburt in den wechseljahren . . .
aber der himmel bewahre uns vor solchen gesetzen!
lg
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Old Icke

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Inu
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Hallo Hanna

Wie Flammarion schon sagt: der Himmel bewahre uns vor solchen Gesetzen. Das zu lesen hat mir den schönen Morgen verdorben.
Aber eindrucksvoll. Ein wenig straffen hÀttest du vielleicht noch sollen.

Lieben Gruß
Inu

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HFleiss
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Die Benachrichtigung

Nein, nicht besonders gruselig. Nur das, was heute mit den Alten lÀuft, zu Ende gedacht. Euthanasie ist doch auch schon salonfÀhig. Warum das Ganze nicht mal durchorganisieren?

Gruß
Hanna

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HFleiss
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Die Benachrichtigung

Liebe Flammarion, doch, Euthanasie ist in der Bundesrepublik bereits anerkannt. Und zwar gibt es in Hannover eine Zweigstelle der Schweizer Sterbehilfe-Organisation "Dignitas". Dort schwatzt man, man wolle das Selbstbestimmungsrecht des mĂŒndigen Menschen durchsetzen, deshalb habe er auch das Recht, sein Lebensende selbst zu bestimmen. Und es wird gemacht, schon ganz professionell. Leute, wahrscheinlich psychisch außerordentlich belastet oder gar pathologisch krank, gehen dorthin, sagen, sie wollen sterben, und dann gibt man ihnen Gifte u. a. Das Beerdigungsinstitut ist auch schon informiert, der Wagen fĂ€hrt vor und direkt ins Krematorium, und niemand hat es gesehen. NatĂŒrlich gibt es Protest von verantwortungsvollen Ärzten, die eher die Sterbebegleitung verbessert wissen wollen als die sogenannte Erlösung. Auch steht dem das deutsche Recht entgegen - noch. Allerdings gibt es auch die Ethik-Konvention, die zum Beispiel medizinische Experimente an nicht einwilligungsfĂ€higen Patienten erlaubt - auch dies sehr nahe der Euthanasie. Mit dem scheinheiligen Begriff der "Erlösung" wurden in der Nazizeit allein in Deutschland nahezu 400 000 Behinderte und psychisch Kranke ermordet - und zwar von Ärzten, sogenannten Fachleuten, also Neurologen, Psychiatern usw. Sie haben allen Ernstes damit argumentiert, sie wĂŒrden mit der Ermordung des Kranken ihn zugleich "erlösen". Dieses Argument findest du heute wieder, und zwar bei Sterbehilfe-Organisationen. Ist es da so weitgegriffen, sich vorstellen zu können, dass man aus ErsparnisgrĂŒnden die Rentner "erlösen" will? Ich habe mir den Spaß gemacht und mir das mal bĂŒrokratisch-bildlich vorgestellt. Und allen Ernstes: Sind wir eigentlich so weit davon entfernt? Der einzige Unterschied - noch - besteht doch darin, dass man den Rentnern immer weiter die Rente kĂŒrzt und sie dann selbst zum Strick greifen - dann brauchen sie ihre löbliche Regierung mehr fĂŒr die "Erlösung".

Gruß
Hanna

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flammarion
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na bravo,

und das bei ner cdu regierung. geburtenkontrolle nein, sterbehilfe ja. tstststs. und die wollen gewĂ€hlt werden? bis ĂŒbermorgen den kopf schĂŒttelt
__________________
Old Icke

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