Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87720
Momentan online:
488 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Diebin
Eingestellt am 01. 03. 2012 10:23


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 766
Kommentare: 4434
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Karl Feldkamp eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich hĂ€tte es ahnen mĂŒssen, denn es ist ĂŒberhaupt nicht meine Art, mich auf ParkbĂ€nke zu setzen, wenn schon jemand darauf sitzt.
Die schwarzhaarige Schönheit rutschte nicht bereitwillig zur Seite. Nein, sie rĂŒckte sogar, sobald ich saß, nĂ€her, ergriff meinen Arm und wies damit auf eine Katze, die unter der nĂ€chsten nicht besetzten Bank ihr tödliches Spiel trieb.
Dieses schwarze Biest, spielte mit einer winzigen Maus, die, obwohl schon blutend, immer wieder dem Raubtier zu entkommen suchte. Und blieb sie einen Moment erschöpft und regungslos liegen, schubste die Katze sie mit der Pfote, sodass sie wieder ein paar taumelnde Schritte lief, bis die Katze sie erneut einholte und in ihrem Maul zurĂŒck unter die Bank trug, um dort erneut ihr Tod bringendes Spiel zu beginnen.
Die junge Frau griff immer wieder nach meinem Unterarm. Und wenn das schwarze Rautier, den kleinen Nager erneut eingefangen hatte, packte sie so krÀftig zu, dass sich ihre FingernÀgel in das Fleisch meines Unterarms eingruben.
Sie kam mir bekannt vor. Zugleich war ich mir sicher, dass sie eine Fremde bleiben wĂŒrde.
Ihre Schönheit hatte nichts Außergewöhnliches, aber auch nichts Durchschnittliches.
Die BlĂ€sse ihrer fast durchsichtigen Gesichtshaut erschien noch blasser durch die vollen schwarzen Haare, die ihr bis zur HĂŒfte reichten. Schwarz war auch ihr langer weiter Pullover, der ihre Rundungen weitrĂ€umig umhĂŒllte. Eine enge glĂ€nzende Lederjeans ließ er erst ab Oberschenkelmitte abwĂ€rts frei.
Als die schwarze Katze sich mit der toten Maus im Maul endlich trollte, stand die schwarze Frau auf und stöckelte ohne Abschieb auf den hohen Hacken ihrer Lederstiefel davon.

Wieder getroffen habe ich sie vor Monaten im Kino. Bei einem Film ĂŒber Untote. Den Filmtitel habe ich vergessen.
Sie saß zufĂ€llig neben mir und schwieg. Als wir nach dem Filmende aufstanden, gingen wir wortlos ins Bistro neben dem Kino. Sie sprach wenig und ich bemĂŒhte mich die ganze Zeit Konversation zu machen.
Danach trafen wir uns hÀufiger dort.
Sie trank jedes Mal Bionade. Ich Cappuccino. Essen mochte ich nie etwas, denn in ihrer NĂ€he verspĂŒrte ich keinen Appetit. Sie aß immer ein Sandwich mit KĂ€se, redete wenig und bĂŒrstete hĂ€ufig ihr Haar.
Bei unserem letzten Treffen fragte sie, ob sie mich auch einmal in meiner Wohnung besuchen dĂŒrfte. Ich willigte ein, obwohl ich eigentlich nicht wollte, da ich sie von Beginn an fĂŒr eine geschickte Diebin hielt , eine, die stĂ€ndig unbemerkt und erfolgreich auf Beutezug geht.
Sie kam nicht, als ich auf sie wartete. DafĂŒr traf ich sie beim nĂ€chsten Mal wieder im Bistro.
Stets nahm sie mir nur wenig. Nur meinen Humor, den glaubte ich vor ihr retten zu können. Vor allem meinen schwarzen. Sie lachte nie, auch nicht, wenn ich einen meiner Witze erzÀhlte, mit dem ich bei Anderen immer Lacherfolge hatte.
Selbst wenn sie nicht in meiner NĂ€he war, spĂŒrte ich die Verluste, nach immer kĂŒrzerer Zeit.
Allein wenn ich mir vorstellte, in ihrer NĂ€he zu sein, begann ich zu frieren.
Und dabei verloren sich irgendwie Körperkraft, Beweglichkeit, GedÀchtnis und schmerzfreie Zeiten.
Aus reiner Vorsicht habe ich mich nie wirklich in sie verliebt. Und doch fehlte sie mir, wenn ich sie ein paar Tage nicht sah.

Menschen mĂŒssen höheren MĂ€chten wohl Menschliches zuschreiben, sonst passen die nicht in ihre begrenzte Vorstellungswelt. Auch nicht in meine. Selbst den Tod, den nie jemand sah und der schweigend und unauffĂ€llig seiner Arbeit nachgeht, soll wie ein menschliches Skelett aussehen.
Sie sieht mich selten an, aber wenn, dann saugen sie an mir - ihre tief liegenden blauen Augen in dem blutleeren Gesicht.
Manches Mal lockt mich der Mut, manchmal auch Übermut nahe an AbgrĂŒnde, deren Anblick in mir das lustbetonte Kribbeln unterhalb der GĂŒrtellinie erzeugt.
Sie, die zwischendurch immer wieder ihr langes schwarzes Haar bĂŒrstet und sich mir beim zweiten Mal im Bistro als Lydia vorstellte, sie ist ein Abgrund. Den Namen habe ich ihr nie geglaubt und ihn daher immer wieder vergessen.
Eine Diebin wird sie bleiben, eine, die ihren wahren Namen nicht verrÀt.
Zudem habe ich sie in Verdacht, immer einmal wieder einen Freund, Verwandten und Nachbarn aus dessen und meinem Leben verschwinden zu lassen. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob die vielen Toten der letzten Zeit Lydia vor ihrem Ableben ĂŒberhaupt kannten.
ZunĂ€chst habe ich ihr, obwohl ich immer fror, gern etwas von mir erzĂ€hlt. Ja, ich hielt die GĂ€nsehaut fĂŒr ein Zeichen meiner Erregung. Sie weiß viel aus meinem Leben. Und sie wollte immer mehr wissen. Sie selbst aber wollte mit mir vor allem ĂŒber den Tod reden, da er nach ihrer Ansicht zum Leben dazugehört. Ohne den Tod, wĂ€re Liebe ĂŒberhaupt nicht nötig, behauptete sie. Und als ich sie bat, mir das zu begrĂŒnden, zuckte sie mit den Schultern und meinte, das wĂŒrde ich schon noch begreifen.
Inzwischen besuchte ich Friedhöfe und Mausoleen, las aufmerksam Todesanzeigen in der Presse und in SchaukĂ€sten von Kirchengemeinden, ging zu Veranstaltungen von Bestattern sowie zu Lesungen und VortrĂ€gen. Wahrscheinlich war ich lĂ€ngst sĂŒchtig, trĂ€umte ich doch bereits von HochhĂ€usern, von deren Balkonen ich mich stĂŒrzen und von AussichtstĂŒrmen, die mir zum Absprung dienen könnten.
Mord verabscheute ich, auch in kleinen Portionen. Mit Lydia, da war ich sicher, kÀme ich irgendwann nicht umhin, Menschen ins Jenseits zu befördern. SpÀtestens dann wollte ich mich von ihr trennen.
Bin schon verwundert, auf welche Gedanken mich ihre BlÀsse und meine KÀlte brachten.
Vermutlich alles nur, weil ich in jener Lebensphase angekommen war, die mir nach allgemeinen menschlichen Erfahrungen nur noch begrenzte Lebenszeit lÀsst. Zudem hatte ich sie in Verdacht, sich mit Vorliebe Àlteren MÀnnern zu nÀhern.
Bei einer Werbeveranstaltung eines Bestatters behauptete jener auch, der Tod gehöre zum Leben dazu. Nun fĂŒr den Bestatter war das verstĂ€ndlich. Immerhin bestritt er damit seinen Lebensunterhalt.
Die Begegnungen mit ihr gehörten inzwischen zu meinem Leben. Machte sie sich rar, sehnte ich mich nach ihr. Und oft war ich schon Stunden vor ihr im Bistro und wartete auf sie.
Vor einer Woche rief sie an, sie wĂ€re gerade in der NĂ€he, ob sie nicht doch einmal bei mir vorbeikommen dĂŒrfte. In gut einer Stunde wollte sie bei mir sein.
Obwohl ich sofort fror, behauptete ich, es wĂŒrde mich freuen.
Es klingelte. Ich ging langsam zur TĂŒr. Öffnete.
Herbert Schulte, mein Nachbar aus der Wohnung unter mir, sah mich bittend an. Er hatte vor Monaten einen Schlaganfall und konnte lÀngere Zeit nicht reden. Seit er es wieder konnte, besuchte er mich hÀufig und redete ununterbrochen.
„Darf ich reinkommen? Wie findest du mein neues Flanell-Oberhemd. Original kanadisches HolzfĂ€llerhemd.“
Es spannte leicht ĂŒber seinem Bauch. Herbert sah, dass ich es sah. „Ach, das wĂ€chst mit. Nach der nĂ€chsten WĂ€sche
, du wirst schon sehen.
„Ich erwarte Besuch. Aber komm ruhig rein. Allerdings muss ich noch schnell zum BĂ€cker, um ein paar TortenstĂŒcke zu holen.“
Herbert lachte. Dabei gruben sich seine Lachfalten nur in seine rechte GesichtshĂ€lfte. Die linke war noch immer gelĂ€hmt. „Dann mach ich doch schon mal Kaffee,“
„Lass dir ruhig Zeit. Ich fahre zum Konditor in der Innenstadt. Der hat echt gute Torten. Bin in etwa einer halben Stunde zurĂŒck. Und mein Besuch heißt Lydia. Du kannst sie ja ein wenig unterhalten, bis ich zurĂŒck bin.“
Im Laden des Konditors drĂ€ngten sich die Kunden. Nach fast einer Stunde stand ich wieder vor meiner Wohnung und schloss die TĂŒr auf. In meinem engen dunklen Flur roch es nach Lydias schwerem ParfĂŒm.
Ob Herbert doch gegangen war? Ich hörte ihn nicht reden. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Lydia ihn mit ihrem Schweigen sprachlos gemacht hatte.
Die WohnzimmertĂŒr war angelehnt. Vorsichtig drĂŒckte ich sie auf.
Herbert lag da. Mit aufgerissenen Augen und aufgeknöpftem Hemd. Halb auf dem Sofa und halb auf dem Boden.
Ich rief nach Lydia, rannte zum Bad, ins Schlafzimmer und zurĂŒck ins Wohnzimmer.
Sie war gegangen. Herbert atmete nicht und war noch warm.


__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!