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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Erbschaft
Eingestellt am 28. 01. 2006 18:13


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HFleiss
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Die Erbschaft

Der alte Borkmann dachte ans Sterben, wĂ€hrend er die drei Treppen zu seiner Wohnung hinaufstieg. Wie so oft schon in den letzten Jahren, immer wieder musste er ans Sterben denken. Es war Juli geworden, lange sonnenheiße Tage waren zwei verregneten Wochen gefolgt. Er fĂŒrchtete sich, fĂŒr ein paar Besorgungen aus dem Haus gehen zu mĂŒssen, vor den SchwitzanfĂ€llen und den Herzschmerzen, die ihn jedesmal ĂŒberfielen wie Ungeheuer, sobald er die drei Stockwerke hinter sich hatte und die WohnungstĂŒr endlich abschließen konnte. Und wĂ€hrend er sich im Bad abkĂŒhlte, den Kopf unter fließendem, kaltem Wasser, dachte er daran, dass er eines Tages mitten auf der Treppe zusammenbrechen könnte, weil sich das Blut im Kopf staute und weil das Herz so stark schlug und weil es schmerzte, als zerrisse es ihm die Brust.

SorgfĂ€ltig trocknete er sich den Kopf und die spĂ€rlichen Haare ab, schlĂŒrfte in die KĂŒche, die kĂŒhler war als das kleine Bad, und rĂ€umte das Brot in den Kasten auf der Anrichte. Er ĂŒberlegte, ob er die Zeitung noch einmal lesen sollte, diesmal grĂŒndlicher als am Morgen, und sich mit dem KreuzwortrĂ€tsel beschĂ€ftigen sollte, damit er nicht etwa noch Alzheimer bekĂ€me.
Das FlÀschchen mit den Herztropfen stand auf der Anrichte.
SorgfĂ€ltig zĂ€hlte er Tropfen fĂŒr Tropfen, schluckte sie vom Teelöffel. Er schĂŒttelte sich und wischte sich angewidert den Mund ab.
Lieber den Tod als Alzheimer. Der Tod, dachte er, ist nichts Schlimmes, er kommt, man sagt guten Tag, es ist nicht Zeit genug, auf seinen Widergruß zu warten, schon ist es um einen geschehen. Man merkt ihn nicht, den eigenen Tod. Er hatte am Krankenbett seiner Frau gesessen, vor sechs Jahren, als sie sich auf den Weg gemacht hatte, zu ihrem letzten Schlaf. Seit Stunden schon röchelte sie, die Ärztin sah ihn besorgt an und wollte ihn verscheuchen, und plötzlich löste sich die Hand seiner Frau, und er begriff. Ja, er hatte Zeit gebraucht, Wochen, Monate, Jahre, bis er endgĂŒltig verstand. Aber sie hatte nicht gelitten, man hatte ihr im Krankenhaus Morphium gegeben, und wenn er nach Schmerzen fragte, hatte sie verneinend die Augenlider geschlossen, und er wusste nun, dass Sterben nichts war, um das man sich Sorgen machen musste. Nein, er hatte keine Angst mehr vor dem Tod, nicht so wie in jungen Jahren, als er nicht begreifen konnte, dass er, er selbst, eines Tages nicht mehr sein wĂŒrde. Der einzige Kummer, den man hinterlĂ€sst, dachte er, ist doch der Kummer, den man den Söhnen macht. Ihnen, Christoph und Bernhard, konnte er ihn nicht ersparen.
Benommen, jedesmal nach den Herztropfen hatte er das GefĂŒhl, sie brachten irgendwas in seinem Kopf in Unordnung, schlĂŒrfte er ins Wohnzimmer zu seinem Sessel. Ihm war ĂŒbel. Es wurde Zeit, ans eigene Ende zu denken, Tag fĂŒr Tag ging es ihm schlechter, und Tag fĂŒr Tag wurde er schwĂ€cher. Wozu braucht der Mensch so ein verdammtes Herz, wenn es doch nur schmerzte. Wie wohltuend es war, im weichen Sessel zu sitzen, in die Sonne zu blinzeln und an nichts zu denken.
Plötzlich richtete er sich auf. Herrgott, die Bibliothek. Ächzend und sich die Herzseite haltend, erhob er sich aus seinem Stammsessel. Er nahm einen schmalen Band aus dem BĂŒcherregal, das statt einer Schrankwand im Wohnzimmer stand, und betastete den Einband. Seine BĂŒcher, die er sich ein Leben lang zusammengespart hatte. In jedes Buch hatte er seinen Namen geschrieben und den Tag, an dem er es gekauft hatte. Wenn ihm etwas geschĂ€he - was sollte mit der Bibliothek passieren? Oft schon hatte er sich diese Frage gestellt. Zweitausend BĂŒcher. Nichts Besonderes darunter, keine einhundert Jahre alten Erstausgaben, kein Exlibri, kaum mal eine Widmung des Autors, es waren einfache BĂŒcher, manche mit zerfleddertem Umschlag, manche ohne Umschlag, große und kleine, dicke und dĂŒnne. Seit den fĂŒnfziger Jahren hatte er jeden Monat, wenn er Lohn bekam, er war Mechaniker in einem großen Betrieb gewesen, in allen Buchhandlungen, die er kannte, nach Neuveröffentlichungen gesucht, und wenig hatte er in den ersten Jahren nach der Gefangenschaft verdient. In der DDR war es nicht einfach gewesen, sie aus all dem BĂŒcherwust in den Regalen aufzuspĂŒren, und gute Beziehungen zu BuchhĂ€ndlerinnen fehlten ihm. Er war eben zu unbeholfen gewesen. Oft kam er erst, wenn das angekĂŒndigte Buch schon lĂ€ngst vergriffen war. Die Zeitungen sagten, wegen der Papierknappheit. Das Papier wurde anscheinend immer knapper, erst recht dann, als er genug Geld hatte, es in BĂŒchern anzulegen. Nachjagen hatte er den BĂŒchern mĂŒssen, vor allem in den letzten Jahren der DDR. Aber wen interessierten sie eigentlich noch, seine BĂŒcher?
Etwas wie Mitleid ĂŒberkam ihn, er öffnete den schmalen Band, den er wahllos herausgegriffen hatte, und las den Titel: „Kein Ort. Nirgends“. BĂŒcher sterben nicht, sie verstauben im Regal und werden hundert Jahre alt und Ă€lter, alt wie BĂ€ume, aus denen sie gemacht sind, Ă€lter als Menschen. Er könnte, ĂŒberlegte er, ein Testament aufsetzen, einer der Söhne mĂŒsste die BĂŒcher ins Haus nehmen. Und wenn er sie ins Antiquariat gĂ€be? Wo die BĂŒcher fĂŒr ein Butterbrot verramscht wurden? Nein, kein Antiquariat, nicht fĂŒr seine mĂŒhsam gesammelten BĂŒcher. Groß zu erben gab es sonst nichts. Auf dem Sparbuch lagen nur ein paar tausend Euro, die angeschabten Möbel aus den siebziger Jahren wĂŒrden in den SperrmĂŒll gehen, aber was wĂŒrden die Söhne mit den BĂŒchern tun?
Er stellte das Buch ins Regal zurĂŒck, neben die „Kindheitsmuster“, die ihm damals so zugesetzt hatten mit den Kriegserinnerungen, an die er nie mehr denken wollte. Aber, er beugte sich hinab und pustete ein wenig Staub von den BĂŒchern, es war gut gewesen, dass es dieses Buch gab. Er hatte nachdenken mĂŒssen und war sich damals, in den siebziger Jahren, ĂŒber etwas klargeworden: ĂŒber den Krieg und die Gefangenschaft und ĂŒber die Politik im allgemeinen. Mit seiner Frau, der er nicht zutraute, dass sie ihn verstand, hatte er darĂŒber nicht sprechen können, die Gedanken waren gekommen, und er hatte sie in sich eingeschlossen. „Du alter Schweiger“, neckte sie ihn, als er sie abschĂŒtteln musste, weil sie wegen seiner Wortkargheit in ihn gedrungen war. Richtig beleidigt konnte sie ihn ansehen, erinnerte er sich. Aber sie hatte ihm, er wusste es noch genau, ein StĂŒck von dem Rosinenkuchen vorgesetzt, den er nun schon jahrelang vermisste, und ihn angelĂ€chelt wie frĂŒher, als sie beide noch verliebt waren.
In der KĂŒche, er hatte Teewasser aufgesetzt, pfiff es. Er hastete aus dem Wohnzimmer. Seine Hand zitterte, als er das Wasser in die Teekanne goss. An dieses Zittern hatte er sich gewöhnen mĂŒssen, lĂ€stig war es. Und was war alles nicht lĂ€stig geworden. Dass die Konsumkaufhalle zum Beispiel nun einem großen Lebensmittelkonzern gehörte und dass er mit jedem Einkauf wider Willen irgendeinen fernen Boss reich machte. Gerade heute, vorhin beim Einkaufen, hatte er daran denken mĂŒssen, als er die junge Frau an der Kasse sah, sie hatte einen intelligenten Eindruck auf ihn gemacht, viel zu intelligent fĂŒr diese Arbeit. Sie hatte sich ihre Zukunft sicher einmal anders vorgestellt, musste er denken. Vielleicht hĂ€tte sie studieren können in der DDR und wĂ€re Ärztin geworden, oder Lehrerin oder Philosophin. Mitleid hatte er gefĂŒhlt, zugesehen, wie sie sein Brot ĂŒber den Rechner zog, sein Blick war auf ihre junge Hand gefallen, er hĂ€tte sie drĂŒcken mögen. Aber alles, sagte er sich seufzend, kommt eben anders, als man es sich vorstellt, wirklich alles.
Behutsam und mit Stolperschrittchen, er hasste Flecken auf dem Teppich, trug er Teekanne und Zuckerdose von der KĂŒche zum Tisch im Wohnzimmer. Man mĂŒsste, brummelte er auf dem Weg durch den Flur, man mĂŒsste die Jungen einladen an den Familientisch. Beide zusammen sollten sie kommen, fragen mĂŒsste er sie, wer die Bibliothek an sich nehmen und behĂŒten wolle, und notfalls, falls sie sich weigerten, die Söhne ein letztes Mal unter seinen Willen zwingen. Aber es war wohl sicherer, er schrieb es ins Testament, das mit den BĂŒchern. So ein Testament war etwas Altmodisches, ihm Fernes, aber ans Testament, sagte er sich, wagt sich niemand heran, das ist etwas StinkbĂŒrgerliches, ein Testament muss erfĂŒllt werden, Buchstabe fĂŒr Buchstabe. Heute noch, gleich nach dem Teetrinken wĂŒrde er es aufschreiben, sein Testament.
Mit den Fingern griff er ein StĂŒck Zucker, ließ es in die Tasse fallen, goß den Tee ein und wartete, bis der Zucker sich aufgelöst hatte und der Tee abgekĂŒhlt war. Da hatte er auf seine alten Tage ein Problem, Herrgott, ein richtiges Problem.

Er hatte dann doch die Söhne zusammengerufen, nach Hause, an den Familientisch. MĂŒhsam war es gewesen, Bernhard wollte erst gar nicht kommen. Keine Zeit, Vater, sagte er, er mĂŒsse an die Börse. Von was fĂŒr Problemen der Vater spreche, das gebe es doch gar nicht, in seinem Alter und Probleme, lĂ€cherlich. Aha, um die Erbschaft ginge es also, natĂŒrlich werde er kommen. „Ich werd doch meinen Vater nicht allein lassen mit seinen Problemen, was denkst du denn von mir?“
Christoph, den jĂŒngeren Sohn, ans Telefon der Freundin zu bekommen war auch nicht leicht gewesen, immer unterwegs, der Chris. Als es dann endlich klappte, machte er anfangs AusflĂŒchte, durchsichtige, als schĂ€mte er sich, dem Vater unter die Augen zu treten. Das Rauschgift, das Teufelszeug, der Junge kam ihm unter die RĂ€der. Sparsam sagte er etwas von Erbschaft, bat den Sohn: Komm, Chris, ich will dich sehen, Bernhard kommt auch, und wer weiß, wie alt ich noch werde, ich fĂŒhl mich nicht gut.
Jetzt saßen die Söhne am Tisch, dem Familientisch, jeder an dem Platz, an dem er als Kind schon gesessen hatte, rechts und links von ihm. Ein bisschen umstĂ€ndlich, wollte er sie beide im Blick behalten. Wenn er sprach, sprach er ins Leere, dorthin, wo seine Frau gesessen hatte, an der Stirnseite ihm gegenĂŒber, ins Helle des Fensters, die Köpfe der Söhne im Dunklen.
Von seinem Tod, der nicht mehr lange auf sich warten lassen wĂŒrde, sprach er wie von etwas, das nichts mit ihm zu tun hatte. Sein Tod war eine sichere Tatsache, ĂŒber Tatsachen diskutierte er nicht, und fĂŒr SentimentalitĂ€ten hatte er auch nichts ĂŒbrig. Den Söhnen war sein Reden trotzdem peinlich, er spĂŒrte es, sah, wie Chris die Hand vors Gesicht nahm und durch die Finger zu Bernhard hinĂŒbersah und wie der ihm unauffĂ€llig zunickte.
Um die Erbschaft ginge es, um praktische Dinge, die Möbel und das Renovieren der Wohnung und das BegrĂ€bnis. Nur gĂ€be es da noch ein Problem. NĂ€mlich, was solle mit der Bibliothek geschehen? Schließlich sei sie das Wertvollste im ganzen Haushalt, abgesehen von Mutters Handarbeiten.
Chris reagierte als Erster. „Ich bin sechsunddreißig, Vater. Lange mach ich es auch nicht mehr.“ Mager, mit Fingern wie Spinnenbeinen, trommelte er auf den Tisch. „Du weißt, was mit mir los ist. Was soll ich mit deinen BĂŒchern. Wohin damit? Und fĂŒr wie lange? Ich verkaufe sie nur. Ans nĂ€chste Antiquariat.“ Kraftlos, Christoph strĂ€ubte sich, den Vater anzusehen, schweifte sein Blick weg vom Vater, durch das Fenster, hinaus zum nachmittĂ€glichen Himmel.
Der Vater schwieg. Der Junge hatte Recht, das musste man bedenken, Chris brauchte Geld. Aber Verkaufen kam nicht in Frage. Aufheben fĂŒr spĂ€ter, falls mal Enkel kommen, das sollte mit den BĂŒchern geschehen. Damit sie wissen, wie ihr Großvater gelebt hatte, wie auch die Eltern, es wird ihnen niemand mehr sagen können. Jedes Buch atmet die Zeit, in der es entstanden ist.
„Und du, Bernhard? Verkaufst du auch - meine BĂŒcher?“
Bernhard starrte den Vater an. Er kaute an der Lippe, sagte nichts. Plötzlich richtete er sich auf. „Ich nehm sie“, sagte er schnell. „Ich stell sie in den Keller. In der Wohnung hab ich keinen Platz, musst du verstehen, Vater. Fressen ja kein Brot, deine BĂŒcher.“
Der Vater nickte bei jedem Satz. Das ginge, in den Keller könnte man sie stellen. „Gut“, sagte er bedachtsam. „Das gefĂ€llt mir zwar nicht, so ohne WĂŒrde und niemand liest die BĂŒcher, aber zur Not, wenn sich nichts anderes findet, wird es gehen.“
Dann hatte er doch noch einen Einwand. „Aber ist es im Keller nicht zu feucht, ich meine, es sind doch BĂŒcher.“
Chris mischte sich ein. „Nicht in den Keller, das Zeug verfault dort bloß. Das kriegst du fertig, Bernhard, Vaters BĂŒcher in den Keller stellen, zwischen MĂ€usen und Spinnen.“ Er warf dem Bruder einen verĂ€chtlichen Blick zu.
Er ĂŒberlegte. „Ich nehme sie, Vater“, sagte er dann, „Platz wird sich finden. Wenn du willst, schwöre ich es dir: Ich verkaufe sie nicht. Schreib es so ins Testament.“
Bernhard, erst vierzig, aber schon ein wenig aufgeschwemmt, hob den Blick von der Tischplatte. „Mein Keller ist geheizt. Bei mir verfault nichts. Chris“, er musterte skeptisch den Bruder, „Chris verhungert ohne deine BĂŒcher. Der braucht sie, fĂŒrs Überleben, fĂŒr den Nachschub. Der verkauft sie dir glatt. Bei mir stehen sie wenigstens gut. Geld hab ich. Und zu essen hab ich auch. Und ich nehm ja nicht dieses Zeugs, diese Drogen.“ Der Blick, den er dem Bruder zuwarf, war gehĂ€ssig.
Er zog den Aschenbecher heran und zĂŒndete sich eine Zigarette an. „Übrigens, wie sieht es denn mit Knete aus? Ich meine, falls ich die BĂŒcher mal irgendwo anders unterstellen muss? Die wollen dann Miete von mir.“
Der Vater verstand nicht, er kniff die Augen zusammen, Bernhard hatte ihm den Rauch ins Gesicht gepustet. „Wer? Wer will Miete von dir? Der Hauswirt? FĂŒr die BĂŒcher im Keller?“
Bernhard verzog das Gesicht. „Was du schon verstehst. Ich sag, falls ich, nun, falls ich mal umziehe oder so, und wenn ich dann keinen Keller hab, dann muss ich doch fĂŒr den Platz bezahlen, verstehst du? Und wenn ich dann zufĂ€llig kein Geld hab? Hast du noch was auf dem Sparbuch?“
Der Alte antwortete nicht. So war das also, Bernhard, sein Ältester, wollte sich bezahlen lassen! Vom eigenen Vater! Und wofĂŒr? DafĂŒr, dass er die Erbschaft annahm? Er fĂŒhlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. „Und du, Chris“, stieß er aus sich heraus, jedes Wort mĂŒhsam artikulierend, den Kopf gesenkt, „du sagst, du wĂŒrdest sie nehmen, meine BĂŒcher? Sie nicht verkaufen? Sie in Ehren halten?“ Plötzlich schĂ€mte er sich. In Ehren halten, was fĂŒr ein großes Wort. „FĂŒr spĂ€ter?“, schwĂ€chte er ab.
Chris blickte den Vater erschrocken an, legte dann seine Hand auf die des Vaters und beugte sich ihm ĂŒber den Tisch entgegen. „Schon gut, Vater. Wenn es dir so wichtig ist. Bernhard meint es doch nicht so.“
„Bernhard meint, was er sagt.“ Des Vaters Blick wurde hart. „Was er sagt, meint er.“ Unwillig schĂŒttelte er die Hand des Sohnes ab.
Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche. „Da ist noch ein Sparbuch, Chris“, er schnĂ€uzte sich, „es sind nur ein paar Tausend, weit kommst du damit nicht. FĂŒr die Miete.“
Er schlĂŒrfte zur Anrichte, zog umstĂ€ndlich einen Kasten heraus und entnahm ihm ein in Packpapier eingeschlagenes Heftchen. Schweigend legte er es vor Chris auf den Tisch.
Bernhard war aufgesprungen, der Stuhl schurrte. „Was ist denn nun mit der Erbschaft? War das alles? Dir ging es nur um deine verdammten BĂŒcher? Was hast du denn mit all dem Geld gemacht, das von Mutter? Und ich dachte, Vater, wir hĂ€tten noch etwas zu besprechen!“
„Es gibt keine Erbschaft.“ Ruhig blickte er zum Sohn empor. „Nur die BĂŒcher. Nur sie.“ Er wollte noch etwas von Herzenssache sagen, empfand das aber als zu groß, und fĂŒgte nur hinzu: „Mutters Geld ist fĂŒr euch draufgegangen, Junge.“

Der alte Borkmann starb im September. Nachbarn wurden aufmerksam, als sie ihn lange nicht gesehen hatten. Feuerwehrleute brachen die WohnungstĂŒr auf. Verwundert standen sie vor den BĂŒchern. „Ob der Alte die alle gelesen hat? Na, das wird ein ziemliches RĂ€umen geben. Arme Erben“, sagte ein Junger, griff ungeschickt nach einem Buch, es fiel ihm aus der Hand. Er bĂŒckte sich, hob es auf. „Kein Ort. Nirgends“, las er laut den Titel, begann zu blĂ€ttern. Er schlug das Buch zu und zwĂ€ngte es zurĂŒck, ins Regal.
„Irgendwo ist immer ein Ort“, sagte er. Der andere nickte.







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Inu
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Hallo HFleiss

Eine richtig graue Geschichte... der alte Vater ein armer Gebeutelter, die ebenso grauen Söhnchen herzlos und nicht einmal smart genug, um den schönen Schein und Anstand zu wahren.

Ja, ja BĂŒcher. Die Welt ist voll gedrucktem Wissen, mehr inzwischen als die Menschheit verkraften und stapeln kann und fĂŒr den ganzen gehorteten Schatz wĂ€re wahrscheinlich einem Trödler sogar noch das Geld fĂŒr den Abholtransport zu schade. So ist das Leben. Aber diese traurigen Tatsachen um den alten Mann hast Du gut beschrieben.

Ein bisschen straffen wĂŒrde ich noch

Liebe GrĂŒĂŸe
Inu

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HFleiss
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Die Erbschaft

Danke fĂŒr deinen Kommentar, Inu. Wo sollte ich deiner Meinung nach straffen?

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Ralph Ronneberger
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Hallo HFleiss,

Das ist sicherlich keine schöne Geschichte, aber sie ist schön geschrieben. Ohne Pathos, ohne Effekthascherei sind die Sprache und die ein wenig betulich daher kommende Handlung ganz auf den Protagonisten zugeschnitten. Er und der ErzÀhlstil pssen meines Erachtens sehr gut zusammen.
Ich habe den Text nur einmal gelesn, und mir ist auf Anhieb nichts aufgefallen, wo man straffen könnte. Vielleicht hat sich Inu den Tex etwas nÀher unter die Lupe genommen. Aber es ist ja eine ErzÀhlung - ich glaube, die darf man schon mal etwas breiter anlegen, als ein "Blitzlicht" namens Kurzgeschichte.
Ich habe mal in dein Profil geschaut. "Ich habe keine grĂ¶ĂŸeren Ambitionen", steht da unter anderem. Vielleicht ist das der Grund, warum Du so unverkrampft schreibst?

Gruß Ralph
__________________
Schreib ĂŒber das, was du kennst!

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HFleiss
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Ich bedanke mich, Ralph. Nein, leider habe ich auch noch nichts gefunden, was ich in der Geschichte entbehren wĂŒrde, ich habe ja schon so viel herausgenommen, dass sie nicht in Plauderei ausartet. FĂŒr mich ist jeder angesprochene Punkt wichtig, aber ein Dritter sieht ja immer mehr.

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Inu
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Hallo HFleiss


Ich markiere mal blau, was man eventuell weglassen könnte.

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Der alte Borkmann dachte ans Sterben, wĂ€hrend er die drei Treppen zu seiner Wohnung hinaufstieg. Wie so oft schon in den letzten Jahren, immer wieder musste er ans Sterben denken. Es war Juli geworden, lange sonnenheiße Tage waren zwei verregneten Wochen gefolgt. Er fĂŒrchtete sich, fĂŒr ein paar Besorgungen aus dem Haus gehen zu mĂŒssen, vor den SchwitzanfĂ€llen und den Herzschmerzen, die ihn jedesmal ĂŒberfielen wie Ungeheuer, sobald er die drei Stockwerke hinter sich hatte und die WohnungstĂŒr endlich abschließen konnte. Und wĂ€hrend er sich im Bad abkĂŒhlte, den Kopf unter fließendem, kaltem Wasser, dachte er daran, dass er eines Tages mitten auf der Treppe zusammenbrechen könnte, weil sich das Blut im Kopf staute und weil das Herz so stark schlug und weil es schmerzte, als zerrisse es ihm die Brust.

SorgfĂ€ltig trocknete er sich den Kopf und die spĂ€rlichen Haare ab, schlĂŒrfte in die KĂŒche, die kĂŒhler war als das kleine Bad, und rĂ€umte das Brot in den Kasten auf der Anrichte. Er ĂŒberlegte, ob er die Zeitung noch einmal lesen sollte, diesmal grĂŒndleicher als am Morgen, und sich mit dem KreuzwortrĂ€tsel beschĂ€ftigen sollte, damit er nicht etwa noch Alzheimer bekĂ€me.
Das FlÀschchen mit den Herztropfen stand auf der Anrichte.
SorgfĂ€ltig zĂ€hlte er Tropfen fĂŒr Tropfen, schluckte sie vom Teelöffel. Er schĂŒttelte sich und wischte sich angewidert den Mund ab.
Lieber den Tod als Alzheimer. Der Tod, dachte er, ist nichts Schlimmes, er kommt, man sagt guten Tag, es ist nicht Zeit genug, auf seinen Widergruß zu warten, schon ist es um einen geschehen. Man merkt ihn nicht, den eigenen Tod. Er hatte am Krankenbett seiner Frau gesessen, vor sechs Jahren, als sie sich auf den Weg gemacht hatte, zu ihrem letzten Schlaf. Seit Stunden schon röchelte sie, die Ärztin sah ihn besorgt an und wollte ihn verscheuchen, und plötzlich löste sich die Hand seiner Frau, und er begriff. Ja, er hatte Zeit gebraucht, Wochen, Monate, Jahre, bis er endgĂŒltig verstand. Aber sie hatte nicht gelitten, man hatte ihr im Krankenhaus Morphium gegeben, und wenn er nach Schmerzen fragte, hatte sie verneinend die Augenlider geschlossen, und er wusste nun, dass Sterben nichts war, um das man sich Sorgen machen musste. Nein, er hatte keine Angst mehr vor dem Tod, nicht so wie in jungen Jahren, als er nicht begreifen konnte, dass er, er selbst, eines Tages nicht mehr sein wĂŒrde. Der einzige Kummer, den man hinterlĂ€sst, dachte er, ist doch der Kummer, den man den Söhnen macht. Ihnen, Christoph und Bernhard, konnte er ihn nicht ersparen.
Benommen, jedesmal nach den Herztropfen hatte er das GefĂŒhl, sie brachten irgendwas in seinem Kopf in Unordnung, schlĂŒrfte er ins Wohnzimmer zu seinem Sessel. Ihm war ĂŒbel. Es wurde Zeit, ans eigene Ende zu denken, Tag fĂŒr Tag ging es ihm schlechter, und Tag fĂŒr Tag wurde er schwĂ€cher. Wozu braucht der Mensch so ein verdammtes Herz, wenn es doch nur schmerzte. Wie wohltuend es war, im weichen Sessel zu sitzen, in die Sonne zu blinzeln und an nichts zu denken.
Plötzlich richtete er sich auf. Herrgott, die Bibliothek. Ächzend und sich die Herzseite haltend, erhob er sich aus seinem Stammsessel. Er nahm einen schmalen Band aus dem BĂŒcherregal, das statt einer Schrankwand im Wohnzimmer stand, und betastete den Einband. Seine BĂŒcher, die er sich ein Leben lang zusammengespart hatte. In jedes Buch hatte er seinen Namen geschrieben und den Tag, an dem er es gekauft hatte. Wenn ihm etwas geschĂ€he - was sollte mit der Bibliothek passieren? Oft schon hatte er sich diese Frage gestellt. Zweitausend BĂŒcher. Nichts Besonderes darunter, keine einhundert Jahre alten Erstausgaben, kein Exlibri, kaum mal eine Widmung des Autors, es waren einfache BĂŒcher, manche mit zerfleddertem Umschlag, manche ohne Umschlag, große und kleine, dicke und dĂŒnne. Seit den fĂŒnfziger Jahren hatte er jeden Monat, wenn er Lohn bekam, er war Mechaniker in einem großen Betrieb gewesen, in allen Buchhandlungen, die er kannte, nach Neuveröffentlichungen gesucht, und wenig hatte er in den ersten Jahren nach der Gefangenschaft verdient. In der DDR war es nicht einfach gewesen, sie aus all dem BĂŒcherwust in den Regalen aufzuspĂŒren, und gute Beziehungen zu BuchhĂ€ndlerinnen fehlten ihm. Er war eben zu unbeholfen gewesen. Oft kam er erst, wenn das angekĂŒndigte Buch schon lĂ€ngst vergriffen war. Die Zeitungen sagten, wegen der Papierknappheit. Das Papier wurde anscheinend immer knapper, erst recht dann, als er genug Geld hatte, es in BĂŒchern anzulegen. Nachjagen hatte er den BĂŒchern mĂŒssen, vor allem in den letzten Jahren der DDR. Aber wen interessierten sie eigentlich noch, seine BĂŒcher?
Etwas wie Mitleid ĂŒberkam ihn, er öffnete den schmalen Band, den er wahllos herausgegriffen hatte, und las den Titel: „Kein Ort. Nirgends“. BĂŒcher sterben nicht, sie verstauben im Regal und werden hundert Jahre alt und Ă€lter, alt wie BĂ€ume, aus denen sie gemacht sind, Ă€lter als Menschen. Er könnte, ĂŒberlegte er, ein Testament aufsetzen, einer der Söhne mĂŒsste die BĂŒcher ins Haus nehmen. Und wenn er sie ins Antiquariat gĂ€be? Wo die BĂŒcher fĂŒr ein Butterbrot verramscht wurden? Nein, kein Antiquariat, nicht fĂŒr seine mĂŒhsam gesammelten BĂŒcher. Groß zu erben gab es sonst nichts. Auf dem Sparbuch lagen nur ein paar tausend Euro, die angeschabten Möbel aus den siebziger Jahren wĂŒrden in den SperrmĂŒll gehen, aber was wĂŒrden die Söhne mit den BĂŒchern tun?
Er stellte das Buch ins Regal zurĂŒck, neben die „Kindheitsmuster“, die ihm damals so zugesetzt hatten mit den Kriegserinnerungen, an die er nie mehr denken wollte. Aber, er beugte sich hinab und pustete ein wenig Staub von den BĂŒchern, es war gut gewesen, dass es dieses Buch gab. Er hatte nachdenken mĂŒssen und war sich damals, in den siebziger Jahren, ĂŒber etwas klargeworden: ĂŒber den Krieg und die Gefangenschaft und ĂŒber die Politik im allgemeinen. Mit seiner Frau, der er nicht zutraute, dass sie ihn verstand, hatte er darĂŒber nicht sprechen können, die Gedanken waren gekommen, und er hatte sie in sich eingeschlossen. „Du alter Schweiger“, neckte sie ihn, als er sie abschĂŒtteln musste, weil sie wegen seiner Wortkargheit in ihn gedrungen war. Richtig beleidigt konnte sie ihn ansehen, erinnerte er sich. Aber sie hatte ihm, er wusste es noch genau, ein StĂŒck von dem Rosinenkuchen vorgesetzt, den er nun schon jahrelang vermisste, und ihn angelĂ€chelt wie frĂŒher, als sie beide noch verliebt waren.
In der KĂŒche, er hatte Teewasser aufgesetzt, pfiff es. Er hastete aus dem Wohnzimmer. Seine Hand zitterte, als er das Wasser in die Teekanne goss. An dieses Zittern hatte er sich gewöhnen mĂŒssen, lĂ€stig war es. Und was war alles nicht lĂ€stig geworden. Dass die Konsumkaufhalle zum Beispiel nun einem großen Lebensmittelkonzern gehörte und dass er mit jedem Einkauf wider Willen irgendeinen fernen Boss reich machte. Gerade heute, vorhin beim Einkaufen, hatte er daran denken mĂŒssen, als er die junge Frau an der Kasse sah, sie hatte einen intelligenten Eindruck auf ihn gemacht, viel zu intelligent fĂŒr diese Arbeit. Sie hatte sich ihre Zukunft sicher einmal anders vorgestellt, musste er denken. Vielleicht hĂ€tte sie studieren können in der DDR und wĂ€re Ärztin geworden, oder Lehrerin oder Philosophin. Mitleid hatte er gefĂŒhlt, zugesehen, wie sie sein Brot ĂŒber den Rechner zog, sein Blick war auf ihre junge Hand gefallen, er hĂ€tte sie drĂŒcken mögen. Aber alles, sagte er sich seufzend, kommt eben anders, als man es sich vorstellt, wirklich alles.
Behutsam und mit Stolperschrittchen, er hasste Flecken auf dem Teppich, trug er Teekanne und Zuckerdose von der KĂŒche zum Tisch im Wohnzimmer. Man mĂŒsste, brummelte er auf dem Weg durch den Flur, man mĂŒsste die Jungen einladen an den Familientisch. Beide zusammen sollten sie kommen, fragen mĂŒsste er sie, wer die Bibliothek an sich nehmen und behĂŒten wolle, und notfalls, falls sie sich weigerten, die Söhne ein letztes Mal unter seinen Willen zwingen. Aber es war wohl sicherer, er schrieb es ins Testament, das mit den BĂŒchern. So ein Testament war etwas Altmodisches, ihm Fernes, aber ans Testament, sagte er sich, wagt sich niemand heran, das ist etwas StinkbĂŒrgerliches, ein Testament muss erfĂŒllt werden, Buchstabe fĂŒr Buchstabe. Heute noch, gleich nach dem Teetrinken wĂŒrde er es aufschreiben, sein Testament.
Mit den Fingern griff er ein StĂŒck Zucker, ließ es in die Tasse fallen, goß den Tee ein und wartete, bis der Zucker sich aufgelöst hatte und der Tee abgekĂŒhlt war. Da hatte er auf seine alten Tage ein Problem, Herrgott, ein richtiges Problem.

Er hatte dann doch die Söhne zusammengerufen, nach Hause, an den Familientisch. MĂŒhsam war es gewesen, Bernhard wollte erst gar nicht kommen. Keine Zeit, Vater, sagte er, er mĂŒsse an die Börse. Von was fĂŒr Problemen der Vater spreche, das gebe es doch gar nicht, in seinem Alter und Probleme, lĂ€cherlich. Aha, um die Erbschaft ginge es also, natĂŒrlich werde er kommen. „Ich werd doch meinen Vater nicht allein lassen mit seinen Problemen, was denkst du denn von mir?“
Christoph, den jĂŒngeren Sohn, ans Telefon der Freundin zu bekommen war auch nicht leicht gewesen, immer unterwegs, der Chris. Als es dann endlich klappte, machte er anfangs AusflĂŒchte, durchsichtige, als schĂ€mte er sich, dem Vater unter die Augen zu treten. Das Rauschgift, das Teufelszeug, der Junge kam ihm unter die RĂ€der. Sparsam sagte er etwas von Erbschaft, bat den Sohn: Komm, Chris, ich will dich sehen, Bernhard kommt auch, und wer weiß, wie alt ich noch werde, ich fĂŒhl mich nicht gut.
Jetzt saßen die Söhne am Tisch, dem Familientisch, jeder an dem Platz, an dem er als Kind schon gesessen hatte, rechts und links von ihm. Ein bisschen umstĂ€ndlich, wollte er sie beide im Blick behalten. Wenn er sprach, sprach er ins Leere, dorthin, wo seine Frau gesessen hatte, an der Stirnseite ihm gegenĂŒber, ins Helle des Fensters, die Köpfe der Söhne im Dunklen.
Von seinem Tod, der nicht mehr lange auf sich warten lassen wĂŒrde, sprach er wie von etwas, das nichts mit ihm zu tun hatte. Sein Tod war eine sichere Tatsache, ĂŒber Tatsachen diskutierte er nicht, und fĂŒr SentimentalitĂ€ten hatte er auch nichts ĂŒbrig. Den Söhnen war sein Reden trotzdem peinlich, er spĂŒrte es, sah, wie Chris die Hand vors Gesicht nahm und durch die Finger zu Bernhard hinĂŒbersah und wie der ihm unauffĂ€llig zunickte.
Um die Erbschaft ginge es, um praktische Dinge, die Möbel und das Renovieren der Wohnung und das BegrĂ€bnis. Nur gĂ€be es da noch ein Problem. NĂ€mlich, was solle mit der Bibliothek geschehen? Schließlich sei sie das Wertvollste im ganzen Haushalt, abgesehen von Mutters Handarbeiten.
Chris reagierte als Erster. „Ich bin sechsunddreißig, Vater. Lange mach ich es auch nicht mehr.“ Mager, mit Fingern wie Spinnenbeinen, trommelte er auf den Tisch. „Du weißt, was mit mir los ist. Was soll ich mit deinen BĂŒchern. Wohin damit? Und fĂŒr wie lange? Ich verkaufe sie nur. Ans nĂ€chste Antiquariat.“ Kraftlos, Christoph strĂ€ubte sich, den Vater anzusehen, schweifte sein Blick weg vom Vater, durch das Fenster, hinaus zum nachmittĂ€glichen Himmel.
Der Vater schwieg. Der Junge hatte Recht, das musste man bedenken, Chris brauchte Geld. Aber Verkaufen kam nicht in Frage. Aufheben fĂŒr spĂ€ter, falls mal Enkel kommen, das sollte mit den BĂŒchern geschehen. Damit sie wissen, wie ihr Großvater gelebt hatte, wie auch die Eltern, es wird ihnen niemand mehr sagen können. Jedes Buch atmet die Zeit, in der es entstanden ist.
„Und du, Bernhard? Verkaufst du auch - meine BĂŒcher?“
Bernhard starrte den Vater an. Er kaute an der Lippe, sagte nichts. Plötzlich richtete er sich auf. „Ich nehm sie“, sagte er schnell. „Ich stell sie in den Keller. In der Wohnung hab ich keinen Platz, musst du verstehen, Vater. Fressen ja kein Brot, deine BĂŒcher.“Der Vater nickte bei jedem Satz. Das ginge, in den Keller könnte man sie stellen. „Gut“, sagte er bedachtsam. „Das gefĂ€llt mir zwar nicht, so ohne WĂŒrde und niemand liest die BĂŒcher, aber zur Not, wenn sich nichts anderes findet, wird es gehen.“
Dann hatte er doch noch einen Einwand. „Aber ist es im Keller nicht zu feucht, ich meine, es sind doch BĂŒcher.“
Chris mischte sich ein. „Nicht in den Keller, das Zeug verfault dort bloß. Das kriegst du fertig, Bernhard, Vaters BĂŒcher in den Keller stellen, zwischen MĂ€usen und Spinnen.“ Er warf dem Bruder einen verĂ€chtlichen Blick zu.
Er ĂŒberlegte. „Ich nehme sie, Vater“, sagte er dann, „Platz wird sich finden. Wenn du willst, schwöre ich es dir: Ich verkaufe sie nicht. Schreib es so ins Testament.“
Bernhard, erst vierzig, aber schon ein wenig aufgeschwemmt, hob den Blick von der Tischplatte. „Mein Keller ist geheizt. Bei mir verfault nichts. Chris“, er musterte skeptisch den Bruder, „Chris verhungert ohne deine BĂŒcher. Der braucht sie, fĂŒrs Überleben, fĂŒr den Nachschub. Der verkauft sie dir glatt. Bei mir stehen sie wenigstens gut. Geld hab ich. Und zu essen hab ich auch. Und ich nehm ja nicht dieses Zeugs, diese Drogen.“ Der Blick, den er dem Bruder zuwarf, war gehĂ€ssig.
Er zog den Aschenbecher heran und zĂŒndete sich eine Zigarette an. „Übrigens, wie sieht es denn mit Knete aus? Ich meine, falls ich die BĂŒcher mal irgendwo anders unterstellen muss? Die wollen dann Miete von mir.“
Der Vater verstand nicht, er kniff die Augen zusammen, Bernhard hatte ihm den Rauch ins Gesicht gepustet. „Wer? Wer will Miete von dir? Der Hauswirt? FĂŒr die BĂŒcher im Keller?“
Bernhard verzog das Gesicht. „Was du schon verstehst. Ich sag, falls ich, nun, falls ich mal umziehe oder so, und wenn ich dann keinen Keller hab, dann muss ich doch fĂŒr den Platz bezahlen, verstehst du? Und wenn ich dann zufĂ€llig kein Geld hab? Hast du noch was auf dem Sparbuch?“
Der Alte antwortete nicht. So war das also, Bernhard, sein Ältester, wollte sich bezahlen lassen! Vom eigenen Vater! Und wofĂŒr? DafĂŒr, dass er die Erbschaft annahm? Er fĂŒhlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. „Und du, Chris“, stieß er aus sich heraus, jedes Wort mĂŒhsam artikulierend, den Kopf gesenkt, „du sagst, du wĂŒrdest sie nehmen, meine BĂŒcher? Sie nicht verkaufen? Sie in Ehren halten?“ Plötzlich schĂ€mte er sich. In Ehren halten, was fĂŒr ein großes Wort. „FĂŒr spĂ€ter?“, schwĂ€chte er ab.
Chris blickte den Vater erschrocken an, legte dann seine Hand auf die des Vaters und beugte sich ihm ĂŒber den Tisch entgegen. „Schon gut, Vater. Wenn es dir so wichtig ist. Bernhard meint es doch nicht so.“
„Bernhard meint, was er sagt.“ Des Vaters Blick wurde hart. „Was er sagt, meint er.“ Unwillig schĂŒttelte er die Hand des Sohnes ab.
Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche. „Da ist noch ein Sparbuch, Chris“, er schnĂ€uzte sich, „es sind nur ein paar Tausend, weit kommst du damit nicht. FĂŒr die Miete.“
Er schlĂŒrfte zur Anrichte, zog umstĂ€ndlich einen Kasten heraus und entnahm ihm ein in Packpapier eingeschlagenes Heftchen. Schweigend legte er es vor Chris auf den Tisch.
Bernhard war aufgesprungen, der Stuhl schurrte. „Was ist denn nun mit der Erbschaft? War das alles? Dir ging es nur um deine verdammten BĂŒcher? Was hast du denn mit all dem Geld gemacht, das von Mutter? Und ich dachte, Vater, wir hĂ€tten noch etwas zu besprechen!“
„Es gibt keine Erbschaft.“ Ruhig blickte er zum Sohn empor. „Nur die BĂŒcher. Nur sie.“ Er wollte noch etwas von Herzenssache sagen, empfand das aber als zu groß, und fĂŒgte nur hinzu: „Mutters Geld ist fĂŒr euch draufgegangen, Junge.“

Der alte Borkmann starb im September. Nachbarn wurden aufmerksam, als sie ihn lange nicht gesehen hatten. Feuerwehrleute brachen die WohnungstĂŒr auf. Verwundert standen sie vor den BĂŒchern. „Ob der Alte die alle gelesen hat? Na, das wird ein ziemliches RĂ€umen geben. Arme Erben“, sagte ein Junger, griff ungeschickt nach einem Buch, es fiel ihm aus der Hand. Er bĂŒckte sich, hob es auf. „Kein Ort. Nirgends“, las er laut den Titel, begann zu blĂ€ttern. Er schlug das Buch zu und zwĂ€ngte es zurĂŒck, ins Regal.
„Irgendwo ist immer ein Ort“, sagte er. Der andere nickte.
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Sehr gut gefĂ€llt mir die Beschreibung der Gedanken, die der Mann sich ĂŒber die junge Frau im Supermarkt gemacht hat.

Ein bisschen unergiebig finde ich persönlich die GesprĂ€che zwischen Vater und Söhnen ĂŒber das Nehmen oder Nichtnehmen der BĂŒcher. Diese Diskussionen, noch bös verschĂ€rft, auch die GrĂŒnde, warum der eine Sohn drogensĂŒchtig geworden ist, wĂŒrden in einem Schauspiel oder Hörspiel mit verteilten Rollen besser zur Geltung kommen.

Deine Geschichte ist immerhin so gut und interessant geschrieben, dass ich sie bis zum Ende in einem Rutsch durchgelesen habe

Ich grĂŒĂŸe Dich
Inu

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