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Die Flasche [20 schwule Geschichten mit Ralf, Nr. 5]
Ich bin auf dem Heimweg vom Park. Der Weg führt zwischen nachtschlafenden Wohnblocks an einer Ausfallstraße entlang. Bis zu meinem Vorort sind es fünf Kilometer. Um diese Uhrzeit fährt kein Bus, das Fahrrad ist kaputt. Mir entgegen, aber auf der anderen Straßenseite, kommt ein junger Mann, der, soweit ich das über die Straße weg beurteilen kann, ganz gut aussieht. Ich drehe mich um und sehe ihm nach. Gleich darauf drehe ich mich noch einmal um und merke, dass er sich nach mir auch umgedreht hat. Schnell gucke ich wieder gradeaus und gehe weiter. Aber nach nur wenigen Schritten will ich doch noch einmal nach ihm schauen. Und entweder hat er mir die ganze Zeit nachgeschaut oder wir haben es geschafft, in exakt derselben Sekunde uns noch einmal umzudrehen. Wieder gehe ich weiter und dann muss ich mich doch schon wieder nach ihm umdrehen. Und da ist er verschwunden.
Wo kann er stecken? Die Straße fällt ein wenig ab, ich kann Hunderte von Metern weit sehen und bemerke nirgendwo einen Passanten. Zwar kommt da nun bald die große Kreuzung mit den Zebrastreifen und den Möglichkeiten, in mehrere Seitenstraßen zu verschwinden, aber er ist doch so langsam gegangen! Nur, um nicht mehr von mir gesehen zu werden, müsste er zu rennen angefangen haben, sonst kann nicht sein, dass er jetzt schon abgebogen ist. Kurz vor der Kreuzung kommt noch „Der Gallier“, ein Kellerlokal, das nur abends geöffnet hat. Ich weiß nicht, was das für ein Lokal ist. Es hat auch wohl schon geschlossen, die Lichtreklame ist aus. Der Bursche versteckt sich hinter einer Hausecke, er spielt mit mir, denke ich. Da will ich mal mitspielen, denke ich, überquere die Fahrbahn und gehe auf den „Gallier“ zu, obwohl ich schon auch ein wenig Angst habe, er könnte mich überfallen wollen.
Es ist ein junger, angenehm hübscher Mann, kurzes blondes Haar, vielleicht neunzehn, zwanzig oder einundzwanzig. Er steht, eine Bierflasche in der Hand, in der Hofeinfahrt vom „Gallier“ und schaut mich fragend an. Die Tür zur Kellertreppe steht weit offen und von unten ist angeregte Unterhaltung zu hören. Der Knabe ist ein Soldat von den Amis, schwören könnte ich das. Er hat ausbleichte Jeans an und Turnschuhe und nur ein schlichtes weißes T-Shirt, obwohl es ganz schön kühl ist in dieser Nacht. Er hat ein wirklich anziehendes Gesicht, ein wenig dämlich vielleicht, aber irgendwie mag ich das ja, diese Unverdorbenheit der Jungs, zehn Jahre älter bin ich, diese unkomplizierte Aufrichtigkeit und Freundlichkeit der Amerikaner. Ich kannte mal einen, der sah so aus, den hatte ich innerlich immer „Kartoffelgesicht“ genannt, das Wort aber natürlich nie ausgesprochen, ich fand es schön so, sein Kartoffelgesicht.
„Hey“, sagt er. „Following me?“ Fuchtelt mit der Bierflasche herum, die ist offen und scheint mehr oder weniger leer zu sein.
„Äh, was?“, sage ich.
„You speak English?“
„A bit“, sage ich. Er teilt mir mit, dass er Amerikaner ist, und ich sage: „I’m German.“
Wo ich gerade herkomme, fragt er. Aus der Stadt, antworte ich. Und wo ich jetzt hinginge. Nach Hause, sage ich und deute die Richtung an, dass ich hinter dem Berg daheim bin, im Dorf draußen wohne. Er scheint zu glauben, dass ich ihm etwas vorenthalte und fragt wieder, von wo ich gekommen bin, von wo ich so spät noch gekommen bin, wie er betont. „Nichts weiter, einfach aus der Stadt.“ Er grinst, als hätte ich mich jetzt verraten, und will wissen, was ich da gemacht habe. Dieser hübsche Bub, der bedauerlicherweise in mir keinen ebenso hübschen Buben zum Gegenüber hat, wird von mir möglicherweise die ganze Zeit auf eine dermaßen sehnsüchtige Art durchleuchtet, dass er, mir kommt das wirklich so vor, irgendwie spürt, dass ich bis jetzt den größten Teil der Nacht im Park verbracht habe und dort auf so Hübsche gewartet habe wie ihn. Vergeblich selbstverständlich. Sein Text an dieser Stelle wäre jetzt: „Und... kann man noch irgendwo was losmachen hier um die Zeit?“ Das aber fragt er nicht.
„Why are you walking behind? Are you dangerous?“, fragt er und lacht, weil ich natürlich nicht gefährlich bin und er das sehen kann. Oh, der ist ein bisschen zu angesoffen. Solchen soll die Nacht dann nie enden, sie hängen sich an irgendwen, aber plötzlich werden sie vielleicht rabiat. Der Alkohol. Ich frage, wo denn er hin will um diese Zeit.
„Don’t you try a thing on me.“ Sie senkrecht haltend, stößt er die Flasche in die Luft, zwanzig Zentimeter vor meiner Brust. Ich sage: „Alright. Well. See you.“ Aber ich mache keinen Schritt, ich stehe und schaue ihn aufmerksam an. Da behauptet er, er weiß, er weiß, was ich will, er weiß genau Bescheid über mich. „Oh yeah?“, sage ich.
„You’re looking for something. Right?“ Ich sage nichts.
„Looking for this?“, sagt er. Dazu stützt er den Boden der Flasche an seinem Hosenschlitz ab und hält den Hals in steilem Winkel aufwärts in meine Richtung. Ich lächle. „Could be.“ „See. I got you“, sagt er. Er mag mich offenbar, er lächelt nett.
Wir stehen, bewegen uns nicht, sehen uns an, lächeln und mögen uns. Aber wir wissen nicht, was wir jetzt tun sollen. Wahrscheinlich muss ich was machen, ich bin zehn Jahre älter und er hat mich gerade überführt, dass ich von ihm was will, er ja nichts von mir. Was ich zwar nicht mehr glaube, aber solche Vorgaben muss man respektieren, sonst kommt man zu rein gar nichts. „You’re with the American forces?“ Nein, eigentlich nicht mehr, er war bei der Army und jetzt ist es vorbei. „It’s all over now.“ Angeblich schon morgen ist er nicht mehr in Deutschland. Oder will nicht mehr gefunden werden. „Ah so, du feierst deine Entlassung?“, sage ich mit einem Wink auf die ziemlich leere Flasche. Wortlos reicht er sie mir zum Trinken. Ich nehme einen Schluck.
„Still after it?“, fragt er. Ich mache nur „Hm, hm“, er haut mir unsanft mit der hohlen Hand vor meine schmerzempfindliche Männlichkeit. Wir grinsen uns an wie zwei ungezogene Jungs, die sich gefunden haben. Toll, denke ich, so einfach geht es sonst doch nie. Und dann auch noch genau meine Kragenweite, hier muss irgendwo ein Haken sein. „Know a place?“ Ich spreche zu viel Deutsch für ihn und stammle: „Ich weiß nicht. Hier ist nichts. Dort um die Ecke auch nicht. Drüben auf dem Platz, vielleicht dort, da ist ein Spielplatz.“ Was zum Geier heißt „Spielplatz“ auf Englisch?
Er packt mich bei der Schulter: „Let’s go! Come on!“ Er geht ins Haus hinein, auf die Kellertreppe zu. Ich rufe: „No, not there. That is nothing.“ „There’s got to be somebody down there. Can’t you hear the voices?“ Die Stimmen höre ich, aber was will er bei denen? „It’s already closed“, sage ich. Er steht schon auf der Treppe. „No, it’s open. It can’t be closed with all those people down there.“ Und verschwindet dort unten.
Ich schleiche mich langsam vorwärts, gehe auch ein paar Stufen hinab, ich spitze die Ohren, kriege aber nichts mit und sehe ihn nicht mehr. Da unten rein kriegt der mich nicht, das bringt überhaupt nichts, weiß ich. Bin aber entschlossen, lange zu warten, bis er wieder kommt. Und es dauert auch sehr lange, zumindest sehr lange für mich. Jetzt kann ich seine angetrunkene Stimme heraushören, verstehe aber nicht, was es zu palavern gibt. Dann steht er wieder neben mir, allein, und die blöde Flasche immer noch in seiner Hand. „They’re closed.“
Jetzt rennt er einfach los, irgendwo hin und ich hinterher. Um die Ecke, hinein in die Seitenstraße. Da sind doch nur Zwei-Familien-Häuser, die haben ihre Jägerzäune und Ligusterhecken alle dicht gemacht, um sich in Sicherheit zu bringen. Das hier ist Deutschland, Burschi! Ich fasse ihn fest am Arm. „Come away with me! There must be a playground over there.“ Mal angenommen, dass „playground“ nicht Rummelplatz bedeutet. Er folgt mir zurück zur Kreuzung und über die ganzen Zebrasteifen weg. Totenstille, weit und breit nicht ein einziges Fahrzeug.
Allerdings ist dieser Platz nicht so, wie ich ihn mir gewünscht hätte. Vor allem mal ist alles viel zu hell wegen der vielen Lampen. Es gibt keine Sichtblenden, sondern nur eine einzige, wahnsinnig hohe Wand aus Machendraht zu der einen von den zwei großen Straßen hin. Einige Bänke stehen da, Papier und Becher liegen auf dem Boden. Dann gibt es noch eine sehr schöne, dichte Hecke, aber die umschließt gar nichts, sondern führt nur in einer Linie am Gehweg von der einen Seitenstraße entlang. Ich war mir sicher, dass es einen Sandkasten und zwei Tischtennisplatten geben würde, aber dem ist nicht so. Es gibt ein altes, fest gemauertes Häuschen mit einem Ziegeldach und vergitterten Fenstern, das ist eine Toilettenanlage, aber sie ist zugesperrt. Und ich weiß einfach nicht, wohin sonst. Das ist nicht meine Gegend hier. Mein kleiner, übrigens durchaus fleischiger und maskuliner Spatz nimmt den letzten Zug aus seiner Bierflasche, aber er wirft sie leider nicht drei Meter weiter aufs Gras, was Burschen seines Alters sonst in solchen Fällen zu tun pflegen. Der Kleine hat Angst vor mir, denke ich, dabei hab ich Angst vor ihm.
Die Flasche bleibt fest in seiner Rechten, als er mir mit einem kleinen Seufzer und mit vorgerecktem Kinn gegen die Schulter taumelt und mit der Linken am Reißverschluss von der Jeans zu reißen beginnt. „I’m drunk.“ Irgendwie ist das schon praktisch, wenn man so jung ist und Mächten unterliegt, die stärker sind als die Moral. „I’m drunk“, und, damit das restlos klar gestellt ist, auch noch mal auf Deutsch: „Be-trun-ken!“ Und, okay, selbst ohne Alkohol ist es nicht immer ganz leicht, einen fremden Reißverschluss aufzubringen und den Eingriff in die Unterhose zu finden. Dennoch aber ist es der Sache nicht sehr förderlich, wenn man wie ein Berserker auf Teile der männlichen Anatomie eindrückt, die ein wenig mehr Sanftmut ganz gerne hätten. Dann mache halt ich jetzt einmal. Zumindest ist geklärt, dass wir beide wollen. Ich packe ihn hart am Schwanz. Der ist ziemlich groß, weich, beschnitten und äußerst schlaff. Mein Bubi ist ein Komiker.
Da ich etwas Erfahrung habe in der Branche, gehe ich davon aus, dass er, wohl tatsächlich zu besoffen, sowieso nicht kommen wird, was immer hier nun auch noch passiert. Wahrscheinlich noch nicht mal richtig steif wird der werden, obwohl ich schon noch einen gewissen Einsatz vorlegen werde. Derweil gebe ich ihm meinen in die Hand. Der ist, ich fasse es nicht, steif wie ein Metabobohrer und, das geht damit lästigerweise einher, auch bereits arg glitschig. Die Unschuld vom Lande fingert einigermaßen uninspiriert daran herum. Meinen Arm lege ich um diesen kleinen Tarzan, ziehe ihn an mich und gebe ihm Küsse auf den Mund. Tarzans Liane pendelt weg von mir und dafür gibt’s auch eine Erklärung: „I’m drunk.“
Ich muss ihn geil machen, sonst kommt das über den Stand Schwanzvergleich von Dreizehnjährigen nicht mehr raus. Ich wichse ihn wie ein Weltmeister und er wächst auch ein wenig, aber viel zu wenig. Die Zeit fängt an zu stocken, zu altem Harz zu verkleben. Wie ein Monument für die Freundesliebe werden wir in Ewigkeit stehen bleiben auf diesem Platz. Und irgendwann wird dann der erste Mensch die Straße herauf kommen. Ich streichle sein Gesicht. Ich will jetzt was bekommen von ihm. Ich will zumindest einen richtigen Kuss bekommen. Das könnte vollauf genügen. Aber er weiß mittlerweile, dass er Küssen nicht macht, und weicht mir aus. Aber eigentlich ist er doch ein sehr lieber Junge, das spüre ich. Er weiß nur nicht so genau, was er sich zutrauen darf. Man muss ihn führen und es könnte sehr schön werden, wenn er diesen Gedanken aus dem Kopf kriegte, dass er gerade was Schlechtes tut. Das ist es, es ist nicht das Bier, warum er nicht kann. In aller Gemütsruhe mache ich ihm die Hose ganz weit auf, ziehe sie dann an beiden Beinen herab bis auf die Turnschuhe und dann auch die Boxershorts bis dorthin. Er ist drunk, er merkt’s nicht, dass er mit runtergelassenen Hosen auf dem Präsentierteller steht, voll im Licht der Scheinwerfer.
„What do you want me to do?“, flüstere ich.
„Don’t know. You took me. I’m drunk.“
„Du Witzknochen, du!“, rufe ich. Das versteht er bestimmt nicht, so gut Deutsch wird er wohl nicht können.
Ich knie nieder vor meinem glorreichen Engel der Nacht und lutsche. Lutschen ist aber nur schön, wenn es hart wird beim Anderen. Und das wird es einfach nicht. Und dann diese Bierflasche, zwanzig Zentimeter neben meiner Hirnschale. Ich stehe wieder auf.
Schiebe ihm die Linke unters Shirt, schön glatt und haarlos ist der Oberkörper, mit der Rechten mache ich es mir selber. Einer wenigstens soll heute noch kommen. Er legt den Kopf an meinen Hals und nimmt mir sanft den Schwanz aus der Hand und wichst. Wie Wichsen geht, wissen junge Burschen anscheinend immer, auch wenn sie sinnlos betrunken sind. Auch hat er eine Engelsgeduld, ist mir allerdings einfach ein wenig zu lasch. Es geht sehr, sehr lange. Inzwischen habe ich angefangen, den Vorgang innerlich mit Gedanken abzuschätzen. Nüchtern stelle ich fest, dass ich geil bin und eine Latte habe, die so schnell nicht mehr verschwinden wird. Klar erkenne ich aber auch, dass von diesem „ja! jetzt!“, diesem „gleich werf ich mich weg für dich“ nichts heraufkommt. So was darf man, weiß ich, nicht denken, dann passiert es auch nicht mehr. Aber in meinem Leben kommt ja immer alles anders, als ich mir das denke. Jetzt nämlich komme ich, kommt es mir, geht mir einer ab, wenn auch gewiss nicht der Größte meiner Erdentage. Wortlos reiche ich dem Ami ein Tempo hinüber. Er stellt die Flasche neben sich ab, wischt sich die Hände sauber und wirft das Papiertaschentuch auf den Boden.
„What now? Where are we going?“ Als ob er nicht ohne Hose dastehen würde.
Ich fasse ihn noch mal an. Sein Ding ist so hübsch und so schlaff wie eh und je. Auch die Flasche hat er sich wieder genommen und fuchtelt damit auf eine schon äußerst dumme Art herum.
„What now? Tell me.“ Und jetzt will er sich auch noch aufregen über irgendwas.
Entweder, sage ich mir, ich bin hier jetzt ganz schnell weg oder ich geb dir das, was dir zusteht. Weil ich so junge Deppen immer viel zu gerne hab, mache ich das Dumme. Ich knie mich wieder hin vor ihm, nehme seinen Schwanz in den Mund und streichle mich zudem jetzt auch mit einigem Vorbedacht an seinen Arsch heran. Zuwendungen am Hinterteil sind für Männer äußerst vorteilhaft, aber da muss man vorsichtig sein, manche wissen das noch gar nicht, wie gut ihnen das täte, dann fassen sie es als Übergriff auf ihre Ehre auf. Männer bringen dich bekanntlich um für ihre Ehre. Mein blonder, junger, amerikanischer und gewesener Soldat schaut mir zu. Er schaut mir zu, wie ich was versuche mit ihm. Er schaut zu viel zu und ist zu wenig drin. Weil ich schon gekommen bin, bin ich unterdessen aber fast schon so ungeduldig und rastlos, wie Männer werden, wenn sie gekommen sind. Ich habe einfach den Nerv nicht mehr. Ich mache es ihm mit der Hand, geht wahrscheinlich doch fixer. Der Bub geht weg von mir und macht ein paar Schritte und fängt an, noch im Gehen, die Flasche in der Hand, die Hose hoch zu ziehen.
„I’m drunk. Oh, I’m so drunk!“
Da stehen wir, wir zwei Helden. Drei Meter Abstand zwischen uns. Und keiner kann sich rühren.
Die Flasche wird Zeigestab oder Gerichtshammer: „You’re a prostitute.“
So jedenfalls klang das gerade. „You are a prostitute. It’s against the law. I’m gonna turn you in to the police. Po-li-zei!“
Ich lache. „You must be joking. I am no prostitute.“
„A prostitute. I know. You certainly are a prostitute. Come on!“
Er dreht mir den Rücken zu und läuft weg von mir und macht mit dem Flaschenarm eine weit ausholende Bewegung, dass ich ihm folgen soll.
„Come on! We’re on our way to Po-li-zei.“ Er hat sich umgedreht und sieht, dass ich mich nicht bewegt habe. Er macht sich wieder dran wegzugehen und ich soll ihm tatsächlich hinterher laufen, weil ich eine Prostituierte bin und also zur Polizei will.
Er kommt zurück, lachend, das muss eine Art Spiel sein, und zerrt an meinem Ellbogen. „Alright. Let’s go! Let’s go!“ Er ist jetzt ganz Mann, ganz Soldat, ganz Vorgesetzter. Diesen Ton hat er gelernt in den vergangenen Jahren. Es ist irgendein Spiel, ich lache und gehe mit ihm. Wir kommen zum Gehweg und er will in die Richtung, in die er ganz am Anfang schon gegangen war. Das ist die Richtung, wo es auch zur Polizei geht, aber genau entgegengesetzt zu meinem Heimweg. Ich bleibe stehen und frage: „Do you know where you want to go?“
„The police. You are a prostitute.”
Ich lache wieder, aber das ist gespielt. „I’m not going to the police. Besides you don’t even know where the police is.“
„Po-li-zei!“, plärrt er in die immer weiter menschen- und autoleere Nacht hinaus. „I know where they are. Maxstraße. Come on!“
Er reißt sehr ungnädig an mir und die Flasche lässt er kreisen, um mir zu zeigen, wie sehr er mir weh tun könnte.
Wir laufen zusammen in Richtung Maxstraße. Ich bin einer der bescheuertsten Leute, die ich kenne. Ich will einfach, dass der Junge so lange alles bekommt, was er sich wünscht, wie es irgendwie geht. Bis vor die Polizei an seiner Seite bleibe ich auf jeden Fall noch.
Aber die Polizei ist gar nicht weit weg, da vorn gleich. Ich halte an und sage: „I am no prostitute. Good night. It was very nice meeting a nice American guy like you.“
Ein Auto kommt auf uns zu. Er steht am Straßenrand und stößt die Bierflasche gegen den Himmel. „Prostitute!“ Er röhrt mit aller Kraft: „Stop! Stop! He’s a prostitute.“ Das Auto fährt vorbei. Er packt mich wieder und tut so, als würde er mir gleich die Flasche ins Gesicht schlagen. „Come on! Let’s go!“ Ich bin zu weit gegangen. Ich weiß genau, wenn ich davon renne, wird er hinter mir herjagen, dann wird er mich wahrscheinlich wirklich schlagen, vielleicht kaputt schlagen. Andererseits kann mir die Polizei kaum was tun. Und da will er mich wirklich abliefern, kein Zweifel. Na, könnte vielleicht auch einigermaßen lustig werden, tröste ich mich.
Vor der Polizei ist ein Parkplatz, auf dem ich frei gelassen stehe, und er hüpft die Stufen aus Waschbeton hoch und klingelt Sturm und nichts geschieht. „Open up! I bring you a prostitute!“, schreit er und klatscht mit der freien Hand gegen die Tür. Und nichts geschieht und wahrscheinlich könnte ich ganz gemächlich weggehen und er würde es nicht mal sehen. Mehrmals tritt er hart gegen das Metall unten an der Tür. Dann klingelt er wieder, endlos. Polizisten müssen gemütliche Menschen sein.
Die Tür geht auf. „Was ist denn hier los?“, mault eine verärgerte Männerstimme. „Was schreien Sie da herum?“
„A prostitute! He is a prostitute!“ Der Amerikaner deutet mit dem Flaschenhals auf mich, wie ich so harmlos stehe unten an der Treppe. Der Polizist schaut mich wachsam und feindselig an und sagt: „Kommen Sie beide mal einen Augenblick herein, bitte!“
Man lässt mich auf einer Bank im Eingangsbereich Platz nehmen und ein zweiter Polizist kommt, sieht mich mit undefinierbarem Gesichtsausdruck an und verschwindet wieder. Ich stehe auf, gehe zur Tür und ziehe dran. Die Türe ist verriegelt. Ich kann nicht mehr weg. Der Amerikaner ist mit dem ersten Polizisten irgendwo im Gebäude verschwunden. Ich sitze etwa fünf Minuten auf der Bank.
Dann kommen die beiden zurück. Die Flasche ist nicht mehr dabei, wie ich sogleich bemerke. Der Polizist deutet auf den Amerikaner und sagt: „Das ist einer von den Amerikanern.“ Und macht eine bedeutungsvolle Pause, als würde das allerhand erklären. „Der will Sie anzeigen. Er sagt, Sie sind eine Prostituierte. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass es nicht strafbar ist bei uns. Der versteht aber kein Deutsch. Außerdem steht er unter Einfluss von Alkohol.“
„Aha“, sage ich und sehe dem Polizisten fest in die Augen. Der Polizist scheint mich aus tiefstem Herzensgrund zu verabscheuen, ist aber ein deutscher Beamter, die sind immer korrekt.
Ich schaue mir dann doch lieber den Amerikaner an. Der Amerikaner sieht im Licht noch schöner und auch noch jünger und noch unschuldiger aus als vorher auf der Straße. Ich finde sehr bedauerlich, dass es enden muss unter solchen Umständen.
„Da wird jetzt gleich die MP da sein. Dann hat sich das.“
Mit Karacho biegt ein olivfarbener Bus von den Amerikanern auf den Platz ein. Der Polizist führt den jungen Amerikaner am Arm und entriegelt die Türsperre, was anscheinend mit einem Knopf in der leeren Portiersloge geht. Im Auto der Amerikaner sitzen zwei Männer. Einer springt heraus, ein blutjunger Bursche in Grünzeug und Stiefeln. Er trabt die Treppe herauf und wirkt tödlich entschlossen aufzuräumen mit allem Bösen auf der Welt. Ist aber ein eher noch braverer und harmloserer Bub als meiner. Da kommt kein einziger Moment, wo ich ihm beweisen könnte, dass er mich überhaupt gesehen hat. Der Ami und der Polizist flüstern. Man hört, dass der Polizist irgendein Klippschulenglisch zusammenkratzen muss.
Der MP greift sich den Burschen in Jeans und T-Shirt, reißt ihn, offenbar muss alles äußerst schnell geschehen, mit sich wie einen Gegenstand oder einen tobenden Hund und schleudert ihn, nachdem er die Schiebetüre aufgemacht hat, in den Laderaum des Busses. Dann steht der Bus noch eine Zeitlang auf dem Parkplatz. Man kann nichts hören, aber sehen, dass der eine amerikanische Junge den anderen sehr böse zusammenscheißt. Dann fährt der Bus weg.
„Der hat behauptet, ich wär ’ne Prostituierte und ich hätt ihn angemacht“, beklage ich mich bei dem Polizisten. Der Polizist hat merkbar keine Lust zu einem Gespräch. Ich aber.
„Das ist ja wohl ziemlich lächerlich. Schauen Sie mich doch mal an! Sehen so Prostituierte aus?“
„Ich will gar nicht wissen, was da war. Sie müssen vorsichtiger sein mit denen. Geh’n Sie jetzt! Gute Nacht!“
„Na ja, interessieren würd's mich aber schon mal. Weiß nicht, ob ich da jetzt den richtige Ansprechpartner erwischt habe... Aber angenommen, nur mal angenommen, ich hätte diesem junge Mann angeboten, ihn sexuell zu befriedigen, wenn er mir Geld zahlt dafür. Wäre das denn irgendwie illegal gewesen für das amerikanische Militär? Ich meine, mich als deutschen Staatsbürger könnten die doch wohl kaum belangen... Aber wenn er, wenn dieser junge Mann das dann gemacht hätte, wenn er dafür Geld gezahlt hätte, wäre das denn strafbar gewesen innerhalb der US-Armee hier in Deutschland?“
„Also wissen Sie, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß nur eins, die haben ihre eigenen Vorschriften. Bei denen sind viele Sachen strenger wie bei uns. Hören Sie! Ich hab’s grad eben schon gesagt. Es geht mich ja nichts an, aber ich geb Ihnen einfach nur den Rat, lassen Sie ich Zukunft Ihre Finger weg von denen. Das spart Ihnen nur Ärger.“
Wie eigentlich jede Nacht in meinem Leben gehe ich alleine nach Hause. Manchmal tut man das etwas ungern. Ich komme zur Kreuzung, wo „Der Gallier“ ist und schräg gegenüber die Maschendrahtwand und das Toilettenhäuschen und der Spielplatz, der aber gar keiner ist. Alles ist wie immer und wie, wenn nie was wäre. Außer, fällt mir ein, dass die Polizei gerade fünfzehn Pfennige Flaschenpfand eingenommen hat.
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"Die uns bekannte Welt versinkt, indem sie Geschichten für passé erklärt, im Wahnsinn."
(John Ashberry)
Version vom 10. 05. 2010 20:47
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