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Leselupe.de > Erzählungen
Die Flut
Eingestellt am 05. 10. 2005 15:48


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Deltabravo
gesperrt
Schriftsteller-Lehrling

Registriert: Aug 2005

Werke: 10
Kommentare: 1
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Die Flut

Der Sturm wehte hundert Kilometer tief in das Land, die Flut ergoss sich √ľber
D√∂rfer und H√∂fe, √Ącker und Weiden und verschlang Menschen, Vieh und das
Land.
Gegen Abend durchstieß das Meer den Stettiner Deich. Die Flut, in rasenden
Ansturm von allen Seiten einbrechend, umfasste das Dorf Stettinek derartig
schnell, dass mit der Schreckensbotschaft zugleich das Wasser ankam. In der
hastigen Flucht vor dem Tod trieb das Wasser Bauer H√§rter und seine Frau aus dem Haus. Inmitten haben sie noch ihr Vieh und zwei Kinder gl√ľcklich auf die n√§her gelegte Geest hinaufgebracht. Aber in der geistlosen Todesangst haben die beiden Eltern die f√ľnf Monate alte Jacqueline im Schlafzimmer vergessen.
Jeder von ihnen war √ľberzeugt, dass der andere das Kind mitgenommen hatte.
In der Schar der Fl√ľchtenden fand sich die Familie H√§rter nicht gleich. Erst
in der Morgendämmerung sahen sich die Eltern mit der furchtbaren Gewissheit
konfrontiert, dass sie die kleine Jacqueline hilflos den Wogen und dem Tod
√ľberlassen hatten.
Von der sicheren Höhe der Geest konnte man erkennen, dass unten im
√ľberfluteten, sturmgepeitschten Stettinek kein Haus mehr stand. Kein Mensch
konnte da noch leben, vor allem nicht solch ein hilfloses Wesen wie ein
Säugling.
Herr Härter nahm seine Frau in die Arme und versuchte mit ungeschickter
anschwärmen die Zitternde zu trösten und zu beruhigen. Auch die Kinder
umarmten das Elternpaar und erinnerten so ungewollt daran, dass sie noch am Leben sind. Frau Härter war entsetzlich verstört, schien weder Mann noch Kinder zu erkennen. Sie sah nur das kleine, hilflose, geliebte Kind, dass
sie noch, ehe die Flut und die Angst √ľber sie kam, mit leisem Gesang in den
Schlaf begleitet hatte. Sie sah nur diese kleinen Händchen, dieses liebliche
Gesicht und die blinzelnden Augen. Ihre Gedanken kreisten nur darum, wie sie sofort zu dem verlassenen Kind kommen könnte.
Sie blickte √ľber das zu den F√ľ√üen der Geest br√ľllende Wasser. Sie sieht die
Leichen der Menschen, die Kadaver des Viehs und die Reste von Häusern und Hausrat treiben.
Die Eltern mussten sich sagen lassen, dass hier an Rettung eines winzigen,
hilflosen Lebens nur zu denken, schon ein Wahnsinn ist. Frau Härters Herz
nahm aber keinen Rat an. Am Rand der Geest entlang huschte sie heimlich, wie eine Wilde, durch das Geb√ľsch. Hier und allerw√§rts waren Fl√ľchtende mit Booten, die sich kreuz und quer aufs Trockene warfen.
Sie ergriff den Rand eines der handlichen Boote, stieß es vor sich ins
Wasser, sprang hinein und ruderte mit kr√§ftigen Schl√§gen der anst√ľrmenden
Flut entgegen, die durch die eintretende Ebbe ein wenig nachzulassen begann.
Bald schwebte sie einsam in der Nussschale √ľber dem kochenden Wasser. Aber dann wendet sich der Zug der Flut, tr√§gt sie rasch und saugend ins Meer, der Stelle zu, an der zwischen alten Obstb√§umen bis vor kurzem noch ihr Haus stand.
Mehr steuernd als rudernd vermochte sie unter den hin und her stoßenden
Wassern, dorthin zu kommen. Aber da war nichts mehr. Nur ein leeres
Balkenger√ľst das Innere war fortgeschwemmt. Frau H√§rter klammerte sich
verzweifelt an das verschobene Dach und drängte das Boot an das Balkenwerk
heran. Sie erkannte den Herd, den Rauchfang und das ganze Innere, aber alles schien ihr fremd und grausig entleert. Sie suchte die Stelle, an der das
Schlafzimmer gewesen war und in dem das Bett mit dem Kind gestanden hatte.
Ein kalter Schauer √ľberf√§llt ihren K√∂rper, als sie die entsetzliche Leere
sieht.

Durch das schwappende Wasser hindurch hörte sie plötzlich leises Wimmern.Nicht das Weinen eines Kindes, sondern ein Katzenmiauen.
‚ÄúTr√§ume ich oder ‚Ķ‚Ķ? Wo bist du?‚ÄĚ‚ÄĚ Sie suchte im Geb√§lk nach dem Tier.
Vergeblich, Frau Härter fand nichts, aber das leise Rufen des Kätzchens hört
nicht auf. Im gleichen Augenblick sah sie den schiefen alten Pflaumenbaum,
der hinter dem Haus gestanden hatte. In dessen m√§chtigem Astwerk, wie von kr√§ftiger Hand gehalten, war das Kinderbett und auf ihm, zierlich gegen den Himmel erhoben, stand das K√§tzlein. Mit raschem Schwung trieb die Frau das Boot an den Baum heran und sie sieht, wie ihr kleines Kind aus dem rosigen Schlaf erwacht. Der Mund √∂ffnete sich zu einem G√§hnen und zu einem s√ľ√üen, herzersch√ľtternden Laut des Erkennens und der Freude. Ohne zu √ľberlegen zog sich die junge Mutter in das h√∂here, festere Ge√§st, und lehnte sich in der Krone gegen den Stamm. Mitten im Br√ľllen und Drohen der Wogen legte sie das kleine M√ľndchen ans Herz und stillte ihr Kind, indessen das kleine K√§tzchen in ihren warmen Scho√ü fl√ľchtete.
Nicht lange danach kam ein anderes Boot, in dem ihr Mann mit einigen Helfern
die unschöpferische Frau nacheiferte.
Sie retteten die Mutter, das Kind und das Kätzlein.

“Wir sollen nie verzweifeln, unmöglich ist eigentlich nichts. Glaube und
Hoffnung kann dort helfen, wo alles meint, es kommt weder Hilfe noch
Hoffnung.‚ÄĚ
__________________
CvHoltei

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Walter Walehn
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Registriert: Oct 2001

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Hallo Deltabravo,

eine bewegende und fesselnde Geschichte. War sehr sch√∂n zu lesen und fl√ľssig :-) Hat mir gut gefallen!

LG Walter

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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hm,

schade nur, dass man den ausgang von vornherein weiß. einzig baum und katze sind originell, gewöhnlich ist es ein hund, der das baby rettet.
lg
__________________
Old Icke

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