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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die Geige
Eingestellt am 16. 10. 2006 13:39


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Haarkranz
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Die Geige.

Schrille T├Âne, k├Ânnte dran bleiben an dem Begriff. Was ich vom Damals behalten habe, ist nicht schrill. Musste niemand schrillen, um geh├Ârt zu werden. Die Welt war leise. Nicht ohne Ger├Ąusche. I wo! Nur n├Ąher dem Ich war das Geh├Ârte. Gab viele Dinge nicht, oder gab sie schon, nur nicht in erdr├╝ckender Masse. War zu ├╝bersehen, was man sah. ├ťbersichtlich. Sicher, ich hab vom H├Âren gesprochen, aber gilt auch f├╝rÔÇÖs Sehen. Ebenso wie das Ohr von st├Ąndigem Gedudel bel├Ąstigt wird, kann sich das Auge nicht retten vor greller anmachender Buntheit.
Nicht, dass ich grunds├Ątzlich dagegen w├Ąre. Durchaus nicht! Es gibt Stimmungen, da braucht es den anfeuernden L├Ąrm, den Angriff ├╝ber Netzhaut und Trommelfell ins Verborgene. Nur bitte nicht dauernd!
Da wo ich herkomme, war es leise, unbeschreiblich leise! Die Lautspur der Katze, ihre ├╝ber die Dielen schn├╝renden Sammetpfoten, h├Ârtest du. Lebendige Stille.
Die Nachmittage, hei├č, windstill, endlos blauer Himmel von Deutschland ├╝ber Polen bis nach Ru├čland gebreitet. In dem Blau ein Summen. Nichts Mechanisches. Ein stilles eigenes Summen, gemeinsam dem Dorf, dem Wald, der unermesslichen von gelber Kornfrucht gebeugten Weite.
Im Himmel Bussarde und Schwalben. Der Bussardschrei wie der Mitze miau.
Auf dem steilen roten Ziegeldach der Kirche ein Wagenrad, darauf das Jahr um Jahr h├Âher geschichtete Storchennest. Standen da, hoch oben auf rotgelben Beinen, die Adebars, den Schlangenhals mit dem langen, roten Schnabel ├╝ber den R├╝cken werfend, klapperten sie sich an.

Sonntagsvormittags Gesang aus dem Gemeindehaus, auf dem Harmonium begleitet vom Gro├čvater, der auch der Dorflehrer war. Zu ihm gingen wir alle in eine einzige, gro├če Klasse. Er brachte uns das Einmaleins, Lesen und Schreiben bei.
Meine Mutter erz├Ąhlte sp├Ąter oft von der Heimat. Dabei wurde ihre Stimme dunkel vor Sehnsucht. Glaub mir, Zeit kam bei uns kaum vor, seufzte sie. Dabei wurde sie lebhaft, unterst├╝tzte ihre Behauptung mit energischen Gesten. Es gab Karfreitag, Ostern, das Pfingstfest und Weihnachten. Zwischen diesen Pfl├Âcken war das Jahr aufgespannt. Die Sonne und der Mond waren die Uhr.
Au├čer dem Harmonium spielte der Gro├čvater die Geige. Auf den Bauernhochzeiten war er gefragt, kam er heim, brach bei uns eine Schlaraffenzeit aus, konnten kaum bew├Ąltigen, was er an Schinken und W├╝rsten mitbrachte.
Fr├╝h, noch bevor ich zu ihm in die Schule ging, zeigte er mir, wie man die Geige zwischen Kinn und Schulter h├Ąlt, den Bogen ├╝ber die Saiten streicht. Er war freundlich und ruhig. Alle Viertelstunde nahm er eine kleine Flasche aus der Westentasche, sch├╝ttelte eine Prise Schnupftabak in ein H├Âhlchen seiner Hand, das sich bildete, und spreitze den Daumen seitlich von den Fingern ab. Dann saugte er die Tabakkr├╝mel mit einem schl├╝rfenden Laut in ein Nasenloch hoch, verharrte einen Augenblick mit halb geschlossenen Augen erwartungsvoll plierend, um dann mit einem gewaltigen Nie├čer die Ladung in sein Schnupftuch zu rotzen, wischte sich sorgf├Ąltig die Reste der Explosion aus dem Gesicht, sah mich an und sagte: "Gut gespielt, Jungchen, aber jetzt noch einmal, ruhig und gleichm├Ą├čig ├╝ber die C Saite streichen."
So wurde ich in die Anf├Ąnge des Geigenspiels eingef├╝hrt. Sanft aber beharrlich die C-Saite solange streichen, bis sie klingt. Streichen nicht kratzen. Nochmal, ja schon besser, also nochmal! Nein, das war nichts, garnichts, k├Ânnte die Mitze besser. Komm, Mitze, komm. Die sprang ihm auf den Scho├č, er kraulte und schmuste sie, und ich bearbeitete unverdrossen die C Saite, bis er zufrieden war.
"Verlass dich auf mich, deinen Opa, Jungchen, hast Talent," tr├Âstete er. "Ich triezte dich nicht, wenn da nichts w├Ąr. Es wird! Eines Tages streichst du das C aus dem eff-eff, dann machen wir D."
So war das. Das Geigenspiel ├╝ben mit dem Opa erinnere ich, als ob es gestern gewesen, wie auch das Ende des Idylls. Was sonst noch von damals in meinem Kopf ist, hat Mama in endlosen Stunden mehr sich selbst als mir erz├Ąhlt. Wei├čt du noch? So begannen ihre Geschichten immer.
Das Ende kam schnell. Opa jagte den Friedrich, unseren Ganter, zur├╝ck auf den Hof. Der hatte wieder ein Loch im Gatter gefunden und war ausgeb├╝chst. Mit ausgebreiteten Armen sehe ich den Opa vor dem gef├╝rchteten Vogel stehen. Friedrich, die Schwingen halb ausgefahren, den Hals tief auf den Boden gedr├╝ckt, zischte ihn an. Ich h├Âr den Opa schimpfen: "Willst wohl, du Lorbass! Zur├╝ck, zur├╝..." ein furchbarer Knall platzt mir ins Ohr! Der Opa! Er f├Ąllt! Wo sein Kopf gewesen, nichts, nur Blut. Er zuckt mit den Beinen, liegt still.
Die Mama schreit, packt mich am Arm, zieht mich in die Schlafstube, dr├╝ckt mich in den Kleiderschrank. Ich wei├č nicht, was mit mir ist. Ich sehe den Gro├čvater und den Friedrich, viel Blut, und OpaÔÇśs Beine, die so komisch marschieren. Ich trommle gegen die Schrankt├╝r. "Lass mich raus! Ich krieg keine Luft! Die Mottenkugeln! Ich will raus! Raus!" Ich trete wie wahnsinnig gegen die T├╝r, die springt auf. Mama liegt auf dem Bett und weint.
Jahn ist da. Er spricht zu Mama, die immer noch auf dem Bett liegt. "Weinen hilft nicht", sagt er. "Schnapp das N├Âtigste, nimm das Jungchen, in einer halben Stunde seit ihr am Bahnhof. Noch gehen Z├╝ge. Wenn alles gutgeht, halten die den Iwan noch einmal auf, das letzte Mal, danach Gnade uns Gott."
Jahn hatte recht. Aber unaufhaltbar kam der Iwan erst vier Monate sp├Ąter.

Wir hatten Gl├╝ck. Am n├Ąchsten Morgen stiegen wir in Berlin aus dem Zug. Auf der Bahnhofsmission gab es Gr├╝tzbrei und hei├čen Pfefferminztee zusammen mit der Auskunft: "In Berlin k├Ânnen Sie nicht bleiben mit dem Kind. Total ├╝berf├╝llt, Luftangriffe ohne Ende."
\"Wohin?" fragte die Mama fast ohne Stimme.
\"Nach Westen, gute Frau," riet ein Soldat, der wie wir Brei und Tee bekommen hatte."Soweit nach Westen wie ihr kommt, und noch ein St├╝ck weiter, wennÔÇśs geht. Nur weit weg vom Iwan."
Ich sehe die Mama ihn ansehen, als sie fragt: "Stimmt das, was man h├Ârt?"
"Es ist erst der Anfang, glauben Sie mir," antwortete der Soldat."Ich bin seit 41 dabei, im Osten. Wir waren die Sieger und haben so gehandelt. Wenn es Auge um Auge geht, wo wir jetzt die Verlierer sind, wird es unvorstellbar. Sollte es auch Zahn um Zahn gehen, bricht das Inferno, die Apokalypse ├╝ber uns herein."
"Wollen Sie sagen, wir als Sieger bekommen heimgezahlt, was wir angerichtet haben?" Die Mama sah ihn nicht an, fragte mehr vor sich hin.
"Angerichtet ist gut! Verbrochen haben, muss das hei├čen! Ausgemordet, niedergebrannt, gedem├╝tigt, gesch├Ąndet, den Gegner zum Untermenschen, schlimmer zum Vieh gemacht." Die blauen Augen des Soldaten wurden ganz klein, als er das mehr zischte als sagte.
"Mein Mann ist in Ru├čland gefallen," erwiderte die Mama leise.
"Wie Millionen andere. So, ich muss weg,"sagte der Soldat noch und verschwand.
Die Schwester von der Bahnhofsmission meinte kopfsch├╝ttelnd."Gut, dass der weg ist, was der da gesagt hat, kann ihn den Kopp kosten."

Zwei Tage und N├Ąchte sp├Ąter stiegen wir in Duisburg aus dem Zug. Wir hatten eine H├Âllenfahrt hinter uns. Richtig vorw├Ąrts gekommen sind wir nur nachts, ohne anzuhalten raste der Zug durch brennende, noch unter dem Bombenhagel der Terrorflieger berstende St├Ądte.

Tags├╝ber mussten wir alle naselang aus dem Waggon in die Felder, den Kopf in den Acker, volle Deckung. Tiefflieger heulten ├╝ber uns hinweg, schossen wahllos auf alles, was sich regte.
Duisburg war ein rauchender Tr├╝mmerhaufen. Auf der Bahnhofsmission gab es eine d├╝nne Suppe. Die Schwester sah die Mama emp├Ârt an, als die ihr erz├Ąhlte, wo wir herkamen.
"Aber da waren sie doch sicher," knurrte sie!"Ein Wahnsinn, hierher zukommen mit dem Jungen! Da sehen sie man zu, dass sie ├╝ber den Rhein kommen, dann in einem der kleinen D├Ârfer am Niederrhein unterkriechen, irgendwo, wo der Tomy nicht bombt."
Auf der Pritsche eines klapprigen Lasters kamen wir bis Aldekerk. Auf dem Amt da das Gleiche. Der Beamte staunte. Aus dem sicheren Osten nach hier? Ein Zimmer k├Ânnen Sie kriegen, wie lange, wei├č ich nicht. Steht viel leer, die Leute sind alle vor den Bomben gefl├╝chtet."

Tag und Nacht war die Luft erf├╝llt vom wummernden Motorengedr├Âhn nicht z├Ąhlbarer Maschinen, die aus Westen kommend zu Zielen im Reich unterwegs waren. Wir blieben ungeschoren.

Es wurde Winter, uns unbekannt mild. Fast Fr├╝hling, der dann auch kam und mit ihm das Ende des Krieges. Es gab nichts zu essen. Von fr├╝h bis sp├Ąt suchten wir auf den Feldern nach liegengebliebenen K├Ârnern. Die Mama kannte sich aus. Wir gruben nach Wurzeln, ernteten Brennnesseln, schnitten L├Âwenzahn. Aus Bl├╝tenbl├Ąttern und jungen Zweigspitzen kochte sie eine w├╝rzige So├če, die unsere t├Ągliche Ernte leckerer machte. Ich fand das alles nicht schlimm, die Mama st├Âhnte.

Als es Lebensmittelkarten gab, brauchten wir nicht mehr so viel aufs Feld. Die gewonnene Zeit war ├ťbezeit. Alles repetieren, was ich gelernt hatte, genau wie der Opa das h├Ątte wollen. Geduldig immer und immer wieder streichen, bis ein Ton, ohne kratzen, deutlich und klar stand. Die Geige und das Lehrbuch hatten unsere Flucht heil ├╝berstanden. So war mein Tag gut gef├╝llt mit Frucht sammeln, streichen und Griffe trainieren.
Die Mama war unerbittlich. Ihr Regiment war strenger als OpaÔÇÖs. Ihre Erkl├Ąrung:"Du bist ein gro├čer Junge, kein Jungchen mehr." Von ihrem Vater hatte sie das absolute Geh├Âr geerbt,kein noch so leiser Misston entging ihr.
Wir zogen von Aldekerk nach Bergisch Gladbach."Hier verbauerst du mir," war ihre Begr├╝ndung. Eine Wohnung hatte sie dort ├╝ber den Kontakt zu einer Cousine gefunden.

K├Âln war nah, da sollte ich aufÔÇÖs Konservatorium. Umziehen war einfach,mit unseren zwei Koffern. Die neue Wohnung hatte zwei Zimmer."Gut," befand Mama, "du bekommst das Zimmer, ich schlafe in der K├╝che". Zum ersten Mal erlebte ich eine Stadt. Ich f├╝hlte mich fremd. Nichts kam dem ├ťben mehr entgegen. Jeden Tag bis zu sechs Stunden vertiefte ich mich in die Noten, versuchte, meinem Instrument Ausdruck und Seele zu entlocken.
Das Konservatorium gab es noch nicht wieder."Wir haben andere Sorgen", wurde Mama auf dem Magistrat in K├Âln erkl├Ąrt. Magistrat nannte sie die Stadtverwaltung. So lange sie lebte, ist sie nicht im Westen angekommen. Ich lebte mich ein und besuchte die Schule mit m├Ą├čigem Erfolg.

Als ich vierzehn war, lag Mama eines morgens tot im Bett.
Das Jugendamt k├╝mmerte sich um mich, wurde mein Vormund. Herrn Schmitz, der mich betreute, spielte ich vor."H├Ârt sich gut an," befand er."Ich finde eine Lehrstelle f├╝r dich."
Vier Wochen sp├Ąter war ich Lehrling mit Kost und Logie bei Herrn Wittig, Reparatur s├Ąmtlicher Musikinstrumente. Herrn Wittig spielte ich auch vor."Du kannst was, Junge," sein Urteil. Das hie├č, ich konnte weiter ├╝ben. W├Ąhrend er die wenigen Instrumente, die Kunden ihm brachten, instandsetzte, lie├č ich bei weit ge├Âffneten Fenstern meine Geige singen. Immer sammelten sich Gruppen von Zuh├Ârern vor unserer Werkstatt, der Name Wittig und Musik verschmolzen.

Die Zeiten besserten sich. Herr Wittig mietete einen Laden im Zentrum, begann mit gebrauchten Instrumenten aller Art zu handeln. Wenn sie interessiert waren, spielte ich m├Âglichen K├Ąufern auf dem Klavier, der Fl├Âte, dem Saxophon vor.
Nachtragen muss ich, Herr Wittig legte mir nahe, auch andere Instrumente als die Geige spielen zu lernen. Es ging mir leicht von der Hand. Keines jedoch spielte ich so gern wie meine Geige. F├╝r die Vorf├╝hrung beim Verkauf reichten meine Saxophon-, Fl├Âten- und Klavierspielk├╝nste allemal.

Viel Zeit verging, bis ich Ernst Marten traf. (Mein verschlissenes Leben war weder unn├╝tz noch ungl├╝cklich gdewesen.)
Wie jeden Morgen, wenn das Wetter sch├Ân war, sa├č ich in einer versteckten Ecke im Park auf meiner Bank. Aus dem CD-Player neben mir erklang Schuberts: Der Tod und das M├Ądchen, die Luft war frisch, das Himmelsblau endlos, ich f├╝hlte mich geborgen.
Ein Herr ging vorbei. Ich erkannte ihn, l├Ąchelte ihm zu. Er blieb stehen, gr├╝├čte und fragte, ob er sich zu mir setzen d├╝rfe?
"Gerne, warum nicht," lud ich ihn ein.
"Ich lausche Ihrer Musik schon l├Ąngere Zeit. Wenn ich ehrlich sein soll, komme ich deswegen in den Park," gestand er.
Ich nickte,"Ich habe es seit einer Woche bemerkt. Kann sein, ich habe Sie auch schon vorigen Monat, bevor der gro├če Regen kam, wahrgenommen."
"Stimmt," bekr├Ąftigte er."Vorigen Monat hat mich der Ton dieser Violine zum ersten Mal bezaubert. Wer ist der Interpret?"
"K├Ânnen Sie nicht kennen, nur Insidern in des Wortes wahrster Bedeutung bekannt,"lachte ich.
"Sie lachen," sagte er fast traurig,"ich m├╝├čte ihn kennen, bin ein ausgewiesener Kenner auf diesem Gebiet, ein versierter Geiger."
"Glaube ich Ihnen, doch diesem Geiger begegnen Sie jetzt eben, ich habe die St├╝cke eingespielt."
"Sie? Hei├čt das, alles, was ich im Vorbeispazieren h├Ârte, interpretierten Sie?"
Ich stellte ihm meinen Aktenkoffer hin."Sehen Sie selbst, alles von mir eingespielt, zuhause habe ich noch mehr."
Vorsichtig nahm er eine CD nach der anderen, las und stutzte.
"Hier lese ich St. Martin in the Fields, Berliner Philharmoniker, Boston Symphonie Orchestra, Mariner, Zubin Meta, Bernstein? Wer sind Sie? Ich m├╝├čte Sie kennen, sollten Sie mit diesen Orchestern und Dirigenten musiziert haben?"
"Der Name der Virtuosen, sehen Sie hin, ist unkenntlich gemacht?" beantwortete ich seine Fragen.
"Ja gewiss, doch ich kann mir denken, wer die Herren waren."
"Oder die Damen, in einigen F├Ąllen waren es Damen."
"Einverstanden, oder die Damen, aber kl├Ąren Sie mich doch bitte auf."
"Nichts leichter als das, lieber Herr," freute ich mich."Der Violinpart des urspr├╝nglichen Interpreten ist gel├Âscht,den habe ich im Playbackverfahren eingespielt."
"Fantastisch! Nur, nehmen Sie es mir nicht ├╝bel, das muss ich sehen und h├Âren, bevor ich es glaube. Darf ich einen Vorschlag machen?"
"Nurzu,"ermunterte ich.
"Kommen Sie mit zu mir. Ich biete Ihnen ein erlesenes Instrument, eine Amati. Kommen Sie, lassen Sie uns SchubertÔÇÖs Streichquartett Nr. 14 spielen. Der Tod und das M├Ądchen. Ich telefoniere sofort zwei Mitspieler herbei, soda├č wir ein Quartett sind. Das wird eine Sensation, glauben Sie mir, eine Sensation."
Er nahm sein Handy, erkl├Ąrte einem lieben Epstein sein Vorhaben und schien sofort Zustimmung zu finden.

Als wir vor seinem Haus ankamen, erwarteten uns ein ├Ąlterer Herr und eine junge Dame.
"Vater und Tochter Epstein," stellte mein Begleiter vor,"wobei ich mich Ihnen auch gleich bekannt machen darf, ich bin Ernst Marten."
"Otto Knechties freut sich, Sie alle kennenzulernen," verbeugte ich mich. Ernst Marten, scho├č es mir durch den Kopf, eine der Kritikerkoryph├Ąen des Landes. Gleichzeitig bemerkte ich den etwas erstaunten Blick, mit dem die junge Dame meinen Aufzug musterte. Ich l├Ąchelte sie an, kl├Ąrte sie auf:"Kleidung vom Sozialen Hilfswerk, schon von verschiedenen Personen vor mir getragen, aber sauber." Sie err├Âtete und entschuldigte sich. Ich half ihr, indem ich Verst├Ąndnis f├╝r ihr Erstaunen, meine Person betreffend, zeigte.
Herr Marten schloss auf und f├╝hrte uns in sein Musikzimmer, einen saalartigen Raum, dessen eine Wand eine gro├če, auf einen Garten hinausf├╝hrende Kombination von Fenstern und Schiebet├╝r war."Ich m├Âchte sofort zur Sache kommen, besser, ich kann es kaum erwarten zur Sache zu kommen," begann Marten."Herr Knechties," wandte er sich mir zu und f├╝hrte mich an eine Vitrine,"sehen Sie."
"Eine Amati," nahm ich ihm das Wort ab."Eine Nicola Amati, die darf ich spielen?"
"Die d├╝rfen sie spielen, wenn, verzeihen Sie mir bitte meine Vorsicht, wenn Sie mir eine Passage aus Schubert Nr.14 d-moll, auf meiner Violine vorgespielt haben."
"Herr Marten, ich w├╝rde diese Vorsicht genauso walten lassen, w├Ąre ich an Ihrer Stelle," beruhigte ich ihn."Ich m├Âchte vorschlagen, lassen Sie mich f├╝rs Erste meinen Part im Quartett auf einem normalen Instrument spielen. Ich mu├č gestehen, ich f├╝rchte mich fast vor dem Anspruch eines solchen Kleinods wie der Amati."
"Ein vern├╝nftiger Vorschlag, Herr Knechties." Herr Epstein legte eine Hand auf Martens Arm,"la├č es so sein, Ernst."
"Einverstanden," Marten reichte mir eine Violine, wir stellten uns auf, er schlug den Takt und wir waren im ersten Satz. Ich merkte sofort, ich spielte mit Profis. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich fand meinen Ton, der Martens Aufmerksamkeit im Park gefangen hatte, unmittelbar.
Nach dem Ende des Satzes nahm Epstein meine Hand."Mein Gott, Herr Knechties, wer sind Sie? Wie kann jemand mit solcher Kunst nicht ber├╝hmt sein, weltber├╝hmt?"
"Ich erz├Ąhle es Ihnen gern, aber d├╝rfte ich bitten, zuerst die noch ausstehenden S├Ątze zu spielen?" wandte ich ein.
"Nichts was wir lieber t├Ąten, aber bitte mit der Amati!" Marten ├Âffnete die Vitrine und wollte die Geige herausnehmen. Da wurde mir schwach.
"Meine Herrschaften," konnte ich noch fl├╝stern,"das ├╝berw├Ąltigt mich alles ein wenig, darf ich mich einen Moment setzen." Sarah, so hie├č Epsteins Tochter, nahm meinen Arm und f├╝hrte mich zu einem Sessel. Keinen Moment zu fr├╝h. W├Ąhrend ich in den Sessel sank, f├╝hlte ich, wie mir die Sinne schwanden.

Als ich die Augen ├Âffnete, war die Szenerie ver├Ąndert. Ich lag auf einem Bett, eine Dame, offensichtlich ├ärztin, zog eine Spritze aus meinem Arm.
"Da sind Sie ja wieder," freute sie sich."Machen Sie sich keine Sorgen, war ein kleiner Schw├Ącheanfall, ausgel├Âst durch zuviel Emotion. Was ich aber anmerken muss", fuhr sie fort,"Sie scheinen sich falsch zu ern├Ąhren?"
"Suppenk├╝che f├╝r Obdachlose, mehr ist nicht drin," erkl├Ąrte ich.
"Ist das Herrn Marten bekannt?\" wollte sie wissen.
"Nein, nat├╝rlich nicht, kenne Herrn Marten erst seit einer Stunde."
"Seit einer Stunde?"
"So ist es."
"Bleiben Sie bitte noch ein kleines Weilchen liegen, bin gleich wieder bei Ihnen," sagte sie und verlie├č das Zimmer. Sie kam mit Marten zur├╝ck, der sich auf das Bett setzte, meine Hand nahm und dekretierte:"Lieber Otto Knechties! Mit Obdachlosigkeit und Suppenk├╝che ist ab sofort Schluss! Lassen Sie mich das in die Hand nehmen. "Lena," wandte er sich an die ├ärztin,"kann er aufstehen?"
"Sicher Papa, wie gesagt, Emotion hat ihn von den F├╝├čen gerissen. Dass er sich vern├╝nftig ern├Ąhren sollte, ist eine andere Sache."
"Hei├čt das, wir k├Ânnen weiter spielen?" fragte ich.
"Von mir aus," Lena musterte mich sachlich,"aus ├Ąrztlicher Sicht steht dem nichts entgegen."
"Dann bitte, Herr Marten, diesmal kann ich es kaum erwarten. Eine Amati, eine Amati in meinen H├Ąnden!"
Lena sah ihren Vater an. Vor Verbl├╝ffung den Mund ein wenig ├Âffnend, sch├╝ttelte sie den Kopf."Du l├Ą├čt ihn auf deiner Amati spielen, Papa? Solange ich denken kann, hat das noch keiner gedurft!"
"Da hast du recht, Kind, keiner war gut genug," antwortete Marten.
Wir gingen zur├╝ck in den Musiksalon. Aus Herrn Epstein`s und seiner Tochter Blicken las ich mit Hochachtung gepaarte Best├╝rzung. Marten trat an den Schrank, in dem er die Amati aufbewahrte, entnahm das kostbare Instrument mit and├Ąchtiger Behutsamkeit und legte es mir in die H├Ąnde. "Spielen Sie, Herr Knechties," sagte er fast fl├╝sternd. "Geben Sie ihr die Chance, zu zeigen, was sie kann."
Ich ergriff das einzigartige Instrument, nahm den Bogen. Doch vor dem ersten Strich dachte ich an Mama und den Gro├čvater. Vielleicht sahen sie mich, wer wei├č?
Dann versanken wir in den Wogen der unvergleichlichen T├Âne Franz Schuberts. Die Amati sang und jubelte, ich lie├č mich emporheben von dieser Musik, wurde weit weggetragen. Pl├Âtzlich bemerkte ich, meine Mitspieler standen um mich herum, die Geigen hingen in ihren H├Ąnden. Ich war der einzige der spielte, meinen Part spielte, und sie h├Ârten mir zu.
Als ich geendet hatte, klatschten sie. Diesmal war es Sarah, die zuerst sprach. "Otto Knechties," sagte sie, und ihre Stimme zitterte leicht,"wo haben Sie solange gesteckt? Welcher Zauberberg hielt Sie verborgen. Wer waren die Gl├╝cklichen, die Ihrem Spiel lauschen durften?"
"Ich will es Ihnen gern erz├Ąhlen, wenn Sie bereit sind, mir eine Weile zuzuh├Âren. Es ist keine lustige Geschichte, eher traurig, aber nicht so traurig, dass ich mich ungl├╝cklich nennen w├╝rde."
"Setzen wir uns," ├╝bernahm Marten die Regie, "und erlauben Sie, dass ich eine gute Flasche ├Âffne, dann wollen wir Ihnen in aller Ruhe zuh├Âren."
"Ist es unbescheiden, Herr Marten, wenn ich Sie b├Ąte, mich vorher ein wenig zu f├╝ttern?" unterbrach ich."Mein Tag existiert auf zwei trockenen Br├Âtchen." Lena sprang auf. "Wie unbedacht von mir, ich bin sofort wieder da, bitte warten Sie mit ihrer Geschichte."
Schnell war ich mit k├Âstlich belegten Broten versorgt und begann, wenn auch mit halbvollem Mund meinen Bericht:

"Meine Mutter, sie verstarb, als ich eben vierzehn Jahre alt geworden war, ist mit mir 1944 aus Stallup├Ânen/ Ostpreu├čen in den Westen gefl├╝chtet. Gro├č geworden bin ich in Bergisch Gladbach. Seit meinem vierten oder f├╝nften Lebensjahr habe ich Geige gespielt. Nach meiner Mutter Tod brachte mich das Jugendamt bei einem Musikalienh├Ąndler unter, nachdem ein Betreuer sich mein Geigenspiel angeh├Ârt hatte.
Bei diesem H├Ąndler blieb ich, absolvierte eine Lehre, bis es zu der Konstellation kam, die mein Leben ver├Ąnderte. Insgesamt war ich l├Ąnger als zehn Jahre bei Herrn Wittig. Es war so, dass mir v├Âllig freie Hand gegeben war, meine musikalischen F├Ąhigkeiten auszubilden.
Der Verkauf von Pianos, Geigen, Saxophonen usw, war Wittigs Gesch├Ąft und wurde von mir betreut. Die musikalisch Interessierten vertrauten meiner Beratung, vor allem auch, wenn es um die f├╝r ihre Kinder geeigneten Instrumente ging. Ich erkl├Ąrte ihnen, dass nicht Elternwunsch ma├čgeblich sei beim Kauf von Klavier oder Geige, sondern die Veranlagung des Kindes. Oft riet ich auch ab, einem Kind, das unbegabt war, das Musizieren beizubringen.
Herr Wittig tolerierte das, auch wenn hierdurch manches Gesch├Ąft nicht zustande kam. Letztlich zahlte sich das durch Vertrauen aus, das die Kundschaft in uns zu setzten begann.
Herr Wittig hatte eine h├╝bsche, einzige Tochter, einige Jahre j├╝nger als ich. Es war sein heimlicher Wunsch, dass Rosie und ich ein Paar w├╝rden. Doch weder Rosie noch ich hatten in dieser Richtung Ambitionen.
Ich verdiente sehr gut, von allen Verk├Ąufen erhielt ich eine Provision. Meine Eink├╝nfte lagen weit ├╝ber denen eines normalen Verk├Ąufers. Da ich au├čer der st├Ąndigen Vervollkommnung meines Geigenspiels und dem Besuch jeden Konzerts im Umkreis von 100 km keine Hobbys oder Konsumw├╝nsche hatte, war ich ein ├Ąu├čerst solventer junger Mann.
1964 im Fr├╝hjahr, ich war zweiundzwanzig Jahre alt,las ich von einem Violinwettbewerb des K├Âlner Konservatoriums, an dem sich auch Externe beteiligen konnten. Ich meldete mich nicht ohne Zagen an.
Der gro├če Tag kam. Vor mir spielte eine wundersch├Âne junge Dame, die sp├Ąter auch eine beachtete Karriere machte. Die Pr├╝fer waren begeistert.
Dann spielte ich vor. Der erste Satz aus Paganinis Konzert D-dur Op. 6. Ein technisch ├Ąu├čerst anspruchsvolles St├╝ck sollte mich in rechte Licht setzen. Nachdem ich geendet, kein Beifall. Einer der Pr├╝fer fragte nach meinem Lehrer. Ich kl├Ąrte ihn auf."Ja mein Lieber, daher also," war sein Kommentar.
"Sie beherrschen die Technik", fuhr er fort,"doch Ihrem Strich fehlt das Leben, die Brillianz." Ich antwortete, das k├Ânne ich bei richtiger Anleitung hier auf dem Konversatorium sicher noch lernen?
Leider, wurde ich beschieden, gehe das nicht. Es st├Ąnden nicht gen├╝gend Studienpl├Ątze zur Verf├╝gung. Die wenigen, die man habe, seien f├╝r wirkliche, junge Begabungen reserviert. Au├čerdem sei ich zu alt, meinen Stil grundlegend zu ├Ąndern.
Meine Ent├Ąuschung war gro├č, aber entmutigt war ich nicht. Es gab damals die ersten Tonb├Ąnder, und so kaufte ich einen Apparat, der jetzt mein kritischer Zuh├Ârer wurde. Ich fand schnell heraus, was die Herren Pr├╝fer gemeint hatten. Damals begann ich, Oistrach und Menuhin immer und immer wieder nachzuspielen. Ich bespielte ein ganzes Band in deren Manier.
Herr Wittig, der ├╝ber seinen Reparaturdienst mit dem Konservatorium verbunden war, bat einen der Pr├╝fer, sich das Band anzuh├Âren. Er gab vor, es von einem Kunden geschenkt bekommen zu haben, wisse jedoch nicht, wer die Interpreten seien. Der Pr├╝fer rief einige Kollegen hinzu, und man war einhellig der Meinung, es k├Ânne sich nur um Einspielungen Oistrachs und Menuhins handeln.
Meinem verletzten Stolz war Gen├╝ge getan. Mich als Urheber zu enttarnen war ich leider nicht klug genug. Jugendlicher Trotz, w├╝rde ich heute sagen.
Hinzu kam, die Ereignisse in der Familie Wittig hielten mich zu sehr in Atem, als dass ich der ges├╝hnten Konservatoriums Schmach l├Ąnger gedacht h├Ątte. Rosie verheiratete sich wegen dringender Umst├Ąnde von heute auf morgen. Ihr Mann, ein abgebrochener Student der Betriebswirtschaft, wurde in seines Schwiegervaters Gesch├Ąft angestellt. Herr Wittig versicherte mir, dass mein Bereich unangetastet bleiben w├╝rde.
Gerald war in meinem Alter. Zu Anfang f├╝gte er sich reibungslos in den Ablauf unserer t├Ąglichen Routinen. Er lie├č sich erkl├Ąren, h├Ârte zu, hielt sich ganz im Hintergrund.
Eines Tages, er war Zeuge geworden, wie ich einer ehrgeizigen Mama vom Kauf eines Pianos f├╝r ihren Spr├Â├čling abriet, fragte er, ob ich auch den Umsatzausfall in Rechnung stelle, der meine Vorgehensweise verursache?
Ich erkl├Ąrte ihm die auf Dauer gerichtete Strategie, konnte meine Darlegungen mit Verk├Ąufen bis nach D├╝sseldorf, Aachen, Frankfurt, ja M├╝nchen untermauern. Kunden, die auf Grund von Empfehlungen kamen, auf unsere Redlichkeit bauend. Gerald h├Ârte sich das an, ├╝berzeugt war er nicht.
Nach einigen Monaten kam es ganz aus heiterem Himmel zu einem Auftritt mit Herrn Wittig.
Ich war dabei, einem kleinen M├Ądchen die Bogenhaltung, die sie beherrschen musste, um ihre Geige zu spielen, wieder und wieder zu korregieren. Gerald sa├č an seinem Schreibtisch im Hintergrund des Verkaufsraums. Ein Kunde betrat den Laden. Als Gerald sich nicht r├╝hrte, rief ich zu ihm r├╝ber:
"Gerald, Kundschaft!" und widmete mich wieder meiner kleinen Virtuosin.
Sp├Ąter rief Herr Wittig mich zu sich in die Werkstatt. Gerald sa├č auf der Werkbank und lie├č die Beine ins Leere baumeln.
"Otto," begann Herr Wittig."Otto, wir haben uns in unserer langj├Ąhrigen Zweisamkeit Dinge angew├Âhnt, die der Korrektur bed├╝rfen. Wir sind nicht mehr zu zweit."
"Das stimmt," entgegnete ich, "was st├Ârt Sie?"
Anstelle meines Chefs antwortete Gerald.
"Zuerst einmal bist du f├╝r den Verkauf zust├Ąndig," fauchte er mich an."Du, der das meiste Geld hier wegschleppt."
Im weiteren Verlauf der Unterredung, die mehr und mehr zu feindlicher Kontroverse wurde, ging es um meine umsatzsch├Ądliche, untragbare Verkaufstaktik und um meine Provisionen, die in keinem Verh├Ąltnis zu meinen Leistungen st├╝nden.
Ich wehrte mich, appelierte an Herrn Wittig, fand aber keine Unterst├╝tzung.
Am n├Ąchsten Tag wurde mir ein Vertrag vorgelegt, der meine T├Ątigkeit auf die eines Handlungsgehilfen mit entsprechendem Gehalt reduzierte. Ich weigerte, mich den Vertrag anzunehmen. Unterschreiben oder K├╝ndigung, war die Alternative.
"K├╝ndigen Sie mir, und mein Zeugnis, bitte," meine Antwort.

Am n├Ąchsten Morgen wurde mir Zeugnis und K├╝ndigung ausgeh├Ąndigt, und das Betreten des Ladens verboten. Es gab eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht, die f├╝r Herrn Wittig sehr teuer wurde. Nur was half mir das, ich war totungl├╝cklich. Der Laden und meine T├Ątigkeit dort war mein Leben gewesen, Herr Wittig Vaterersatz.
Ich stellte mir vor, wie Rosie und Gerald dem armen Wittig zugesetzt haben mussten, um ihn zu solch perfidem Verhalten gegen mich zu bewegen. Sicher tat das Baby, das Rosie zur Welt gebracht hatte, ein ├╝briges, den alten Mann zu verblenden. Wer wei├č, was die noch ausheckten?
Das wurde mir zur fixen Idee. Wittig retten und Gerald vernichten! Ich hatte auch ein Konzept. Ich setzte mich mit dem urspr├╝nglichen Zeugnis von Wittig - das Arbeitsgericht hatte verf├╝gt, dass mir ein meiner T├Ątigkeit gerecht werdendes, geschrieben wurde - jeden Tag, an dem die Sonne schien, vor den Laden.
Kunden kamen, sahen mich, fragten, ich berichtete. Zeigte mein ├╝rspr├╝ngliches, miserabeles Zeugnis, erntete Verst├Ąndnis f├╝r mich, Unverst├Ąndnis f├╝r Wittig.
Was besonders ins Gewicht fiel, im Laden fand keine Beratung mehr statt. Sachkundige Gespr├Ąche wurden nicht mehr gef├╝hrt. Kein Partiturverkauf, Partituren waren Wittig und Gerald, B├╝cher mit sieben Siegeln. Kunden verlie├čen kopfsch├╝ttelnd den Laden, beklagten sich bitter bei mir. Was bei Wittig geschehen, verbreitete sich in Windeseile durch die Kundschaft. Kamen fr├╝her zehn, f├╝nfzehn Kunden pro Tag, so waren es bald nur noch zwei, drei.
Gerald stand finster br├╝tend am Fenster und fixierte mich stundenlang. Ich f├╝r meinen Teil war zufrieden, wartete eigentlich nur darauf, das Herr Wittig k├Ąme und sich mit mir vers├Âhnte. Leider kam es anders.
Eines morgens schellte es an meiner Wohnungst├╝r. Ich ├Âffnete, ein Herr stand vor der T├╝r, stellte sich vor: Kommissar Leicht, Kriminalpolizei. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte.
Ich bat den Beamten einzutreten. "Haben Sie uns nicht erwartet?" fragte der.
"Wie sollte ich?" meine Antwort.
"Gerald B├Ąumer ist tot. Ermordet, erschlagen!" Ich setzte mich. Mir blieb die Spucke weg.
"Ja, Herr Knechties," sagte der Polizist, "Sie geh├Âren zum Kreis der Verd├Ąchtigen. Ein Motiv h├Ątten Sie, vielleicht aber auch ein Alibi? Wo waren Sie gestern abend zwischen zehn und zw├Âlf?"
"Hier, in der Wohnung, wo sonst. Ich bin abends immer zuhause und ├╝be."
"Freundin, Bekannte, irgendwer, der das best├Ątigen kann?" kam die n├Ąchste Frage.
"Nein, ich lebe allein, mein einziges Hobby ist das Violinspiel und Konzertbesuche."
"Herr Knechties! Sie haben den Laden vergessen, Herrn Wittigs Laden, aus dem B├Ąumer sie verdr├Ąngt hat, war der nicht auch Ihr Hobby?"
"Das war er, Herr Kommissar, will ich nicht leugnen."
"Sehen Sie, das meinte ich mit Motiv."
"Mein M├╝tchen an ihm zu k├╝hlen, Herr Kommissar," entgegnete ich, "dazu musste ich ihn nicht umbringen, das habe ich eleganter bewerkstelligt."
"Haben wir schon herausgefunden, wie Sie das gemacht haben, Wittigs Umsatz tendiert gegen Null. Vielleicht gen├╝gte Ihnen das nicht? Vielleicht wollten Sie mehr. Hass ist ein b├Âser Berater, Herr Knechties," Kommissar Leicht sah mich bei dieser Unterstellung durchdringend an.
"Darf ich fragen, Herr Kommissar, wie und wo B├Ąumer umgebracht worden ist?"
"Sicher, an seinem Schreibtisch, mit einem Hammer aus Wittigs Werkstatt erschlagen. Keine Fingerabdr├╝cke an der Tatwaffe. Haben Sie einen Schl├╝ssel zum Laden?"
"Nein, nicht mehr, habe ich abgegeben, als ich entlassen wurde."
"Keinen zweiten Schl├╝ssel anfertigen lassen?"
"Warum sollte ich?"
"Ich frage nur, die Kripo fragt und erwartet Antwort. Sie sind also sicher, keinen Schl├╝ssel mehr zum Laden zu haben?"
"Ganz sicher, ich habe meinen Schl├╝ssel zur├╝ckgegeben, Herr Wittig wird das best├Ątigen."
"Eine Quittung ├╝ber die R├╝ckgabe haben Sie nicht vorzuweisen?"
"Nein, ich habe den Schl├╝ssel vor Herrn Wittig auf den Schreibtisch gelegt, als ich meine Papiere abholte. Hier der Ladenschl├╝ssel, hab ich gesagt und vor ihn hingelegt."
"Gut, nun noch mal zum Alibi. Sie sind sicher, niemand kann f├╝r die fragliche Zeit zwischen zweiundzwanzig und vierundzwanzig Uhr best├Ątigen, Sie hier in der Wohnung oder sonstwo gesehen zu haben?"
"Da bin ich sicher, ja."
"Geh├Ârt? Kann Sie jemand geh├Ârt haben?"
"Geh├Ârt, ja. Die Nachbarin, Frau Schlunk, k├Ânnte mich spielen geh├Ârt haben."
"Hat Frau Schlunk Ahnung von Musik?"
"Bestimmt, ├╝berdurchschnittlich viel Ahnung. Frau Schlunk ist ein Gl├╝cksfall f├╝r mich, sie h├Ârt gern zu, auch durch die Wand."
"Da sind wir ein St├╝ck weiter. Wenn Frau Schlunk Sie geh├Ârt hat, vielleicht auch aussagen kann, was Sie geh├Ârt hat, w├Ąre das nicht schlecht f├╝r Sie."
"Herr Knechties," fuhr Leicht fort,"ich mu├č Sie bitten, mitzukommen. Sie sind nicht verhaftet, wir m├╝ssen nur ohne Beeinflussung durch Sie Frau Schlunk vernehmen und bei Ihnen eine Haussuchung vornehmen, um sicherzustellen, dass kein weiterer Schl├╝ssel zum Laden in Ihrem Besitz ist."
"Glauben Sie, Herr Komissar, ich h├Ątte den Schl├╝ssel nicht l├Ąngst weggeworfen, wenn ich die Tat begangen h├Ątte?"fragte ich.
"Man wei├č nie, Herr Knechties. T├Ąterverhalten ist oft sehr merkw├╝rdig."
Ich ging mit aufs Revier, wurde freundlichst behandelt. Man gab mir eine Zeitung und sperrte mich in eine Arrestzelle. Nach einigen Stunden, so gegen Nachmittag, holte man mich raus. Der freundliche Kommissar fragte, was ich zur fraglichen Zeit auf meiner Violine gespielt habe.
"Das Violinkonzert von Mendelsohn Bartoldy, den Part der ersten Geige," antwortete ich.
"Stimmt, Herr Knechties, best├Ątigt auch Ihre Nachbarin Frau Schlunk. Was die Sache entwertet, auf dem Plattenteller Ihres Abspielger├Ąts liegt eben diese Platte. Frau Schlunk sagt aus, dass sie nat├╝rlich wisse, der Plattenspieler laufe mit, dass Sie jedoch die erste Geige synchron spielten. Das entwertet leider Ihre Aussage total, Ihr Alibi ist futsch. Was erschwerend hinzukommt, Knechties, wir haben einen Ladenschl├╝ssel in Ihrer Wohnung gefunden, in Ihrem Schl├╝sselkasten, zusammen mit anderen Schl├╝sseln. Wir haben schon probiert, der Schl├╝ssel passt.
Was ich Ihnen noch nicht verraten habe: Es gibt keinerlei Anzeichen f├╝r unbefugtes Eindringen in Wittigs Laden. B├Ąumer wurde an seinem Schreibtisch von einem T├Ąter erschlagen, der sich ohne Gewaltanwendung Zugang verschaffen konnte. Jemand mit Schl├╝ssel.
Herr Knechties, ich verhafte Sie wegen des dringenden Verdachtes, der M├Ârder des Gerald B├Ąumer zu sein."

Ich nahm mir einen Anwalt. W├Ąhrend der Verhandlung nahm er Wittig und Rosie ins Kreuzverh├Âr, denn beide h├Ątten ebenso gut wie ich B├Ąumer erschlagen k├Ânnen.
Was sie mir voraus hatten war ihr Alibi. Sie waren zusammen in der Wohnung. B├Ąumer sei nur eben in den Laden gegangen, um eine Unterlage zu suchen, und nicht wiedergekommen. Einige Telefonanrufe, die sie entgegengenommen hatten, best├Ątigten ihre Anwesenheit, was an sich aber belanglos f├╝r ihr Alibi war. Entscheidend aber war, das Gericht unterstellte, sie h├Ątten kein Motiv.
Ich hatte ein Motiv, den Schl├╝ssel und kein Alibi. Mein Verhalten vor dem Mord untermauerte die Vermutung eines nicht zu b├Ąndigenden Hasses auf B├Ąumer. Zusammen mit dem verheimlichten Schl├╝ssel addierte sich Hass und Heimt├╝cke zu lebenslangem Gef├Ąngnis.
Meine Einlassung, ich h├Ątte den Schl├╝ssel vor Jahren verlegt, dieses Herrn Wittig berichtet und einen neuen Schl├╝ssel erhalten, wurde von Wittig nicht best├Ątigt.
Ich kam in die Haftanstalt Werl. Die ersten Jahre lie├čen mich st├Ąndig hart am Selbstmord vorbeischlittern. Was mich am Leben erhielt war meine Unschuld und die Musik. Die vielen Partituren, in die ich mich in den letzten zehn Jahren vertieft hatte, standen auf, erhoben sich in mir, wurden instrumentlose, lebendige Musik in meinem Inneren, lie├čen die Zeit zur Belanglosigkeit schrumpfen.
Gew├Âhnung trat ein. Beziehungsm├Ârder sind in den Anstalten beliebt, weil ungef├Ąhrlich. Kaum je wieder w├╝rde sich eine Konstellation in ihrem Leben ergeben, wie die, die sie zu T├Ątern werden lie├č.
Ich arbeitete in der Schreinerei und baute mir in der Freizeit eine Geige. War ├Ąu├čerst schwierig, dies mit dem Prinzip Versuch und Irrtum hinzukriegen. Als die Geige endlich fertig war und ich sie mit erstem Spiel einweihen wollte, lie├č der Direktor mich rufen."Ich will miterleben, wie meine Anstalt Geigenbauanstalt wird," scherzte er.
Ich w├Ąhlte, wie konnte es anders sein, das Mendelsohnsche Violinkonzert, spielte den Part der ersten Geige. Als ich fertig war, stand ich vor einem sprachlosen Direktor.

"Knechties, sie sind ein Genie," stotterte er. "Ein solcher K├╝nstler in meinem Hause! Niemand hat es geahnt! Wie lange sind Sie schon bei uns? Was, acht Jahre erst? Herrlich! Da haben wir ja noch ganz viel von Ihnen! Mensch, Knechties, das organisiere ich, nein, meine Frau nat├╝rlich!
Hier in Werl, wo wirklich Kultursteppe ist, sowas! Sie k├Ânnen oft raus, man wird sich um Sie rei├čen. In Hamm gibt es einen Konzertverein, die tun sich schwer, erstrangige K├╝nstler zu engagieren. Wer will schon in Hamm konzertieren?
Die m├╝ssen Ihnen, ganz klar, Honorar zahlen. Auszahlen kann ich Ihnen nur eine kleine Summe pro Monat, aber den Rest legen wir gut an. Wenn ihre Haft zu Ende ist, kommt Ihnen das sicher gelegen."

So vergingen vier weitere Jahre meiner Gefangenschaft, die ich dank des Engagements des Direktors f├╝r meine Kunst kaum als beschr├Ąnkend empfand. Ich trat in Soest, in Hamm, in M├╝nster und Dortmund auf, immer incognito, was Spekulationen ├╝ber meine Identit├Ąt ins Kraut schie├čen lie├č. Keine Feier des Gef├Ąngnispersonals, Hochzeiten, Konfirmationen, Lossprechungen und alle erdenklichen Ehrungen, die B├╝rger einander antun, die ich nicht mit meiner Musik untermalt h├Ątte.
Dann, es traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, starb mein G├Ânner.
Sein Nachfolger, ein stockkonservativer enger Zuchtmeister im schlimmsten Sinne, strich meine s├Ąmtlichen Privilegien. Sogar das Spielen in meiner Zelle wurde mir genommen, es st├Âre die Ruhe, befand er.
Es half auch nicht, dass von au├čen, bis zum Ministerium alles unternommen wurde, mich f├╝r das kulturelle Leben der Stadt zu reklamieren. Die n├Ąchsten drei Jahre war ich wieder ein normaler Strafgefangener. Doch dann kam die Wende!
Herr Wittig verstarb, seinem Testament war ein Gest├Ąndnis beigelegt. Wittig beschrieb minuti├Âs, wie er die Tat begangen hatte.
H├Ątte die Polizei nicht von Anfang an mit zweierlei Ma├č gemessen, Wittig und seine Tochter ordentlich vernommen, w├Ąre es nicht so ohne weiteres zu meiner Verurteilung gekommen.
Wittig hatte seinen Schwiegersohn ins B├╝ro geschickt, um eine Akte zu holen. Das Schriftst├╝ck hatte er so versteckt, dass es nicht schnell zu finden war. Er selbst ging angeblich zur Toilette, in Wirklichkeit schlich er sich hinter seinen die Akte suchenden Schwiegersohn und erschlug ihn.
Er hatte nicht beabsichtigt, mir die Tat in die Schuhe zu schieben, schrieb er, vielmehr wollte er sich, nachdem B├Ąumer beseitigt war, mit mir auss├Âhnen.
Wie er sich das vorgestellt hat, blieb sein Geheimnis.
Einen Monat sp├Ąter war ich frei. Haftentsch├Ądigung konnte ich keine beanspruchen, das Gericht hatte mich in gutem Glauben verurteilt."

Nachdem ich geendet hatte, war erst einmal Stille. Marten fing sich als Erster, r├Ąusperte sich und fragte:
"Als Sie sich am Konservatorium bewarben, man Sie abwies, konterten Sie doch nach kurzer Zeit mit den neu eingespielten Tonb├Ąndern al├á Menuhin und Oistrach, und die Gutachter erkannten nicht, dass weder Menuhin noch Oistrach die Urheber waren?"
"Nein, jedenfalls hat mir Herr Wittig so berichtet."
"Hat Wittig Ihnen gesagt, wer die Gutachter waren?"
"Ja, Herr Marten, Sie waren der Gutachter, der mich zur├╝ckwies, und auch einer der Herren, die mein Spiel f├╝r das der beiden Virtuosen hielt."
Marten senkte den Kopf. "Kein Ruhmesblatt f├╝r mich," gestand er,"leider, aber nicht zu ├Ąndern. Fragen m├Âchte ich aber doch, warum sind Sie nach der gelungenen T├Ąuschung nicht vor uns getreten und haben Ihr Recht gefordert."
"Ja, mein Recht, Herr Marten, erst einmal wusste ich nichts von meinem Recht. Weiter war ich au├čerordentlich unsicher, f├╝rchtete Pr├╝fungen, denen mein autodidaktisches K├Ânnen, wie ich glaubte, nicht gewachsen sein w├╝rde. Nicht zu vergessen die Komplikationen mit Wittig.
Nach dem Rausschmiss und meinem gelungenem Rachefeldzug h├Ątte ich sicher noch einmal vorgesprochen, davon gehe ich aus, nur dazu konnte es nicht kommen, wie Sie wissen."
"Herr Knechties," Epstein sah mich traurig aus seinen gro├čen braunen Augen an,"wie lange sind Sie wieder frei?"
"Ein Jahr, warum?"
"Haben Sie nie daran gedacht ,sich zu wehren, Ihr Lebensrecht zu fordern? Sie haben diese vielen Jahre unschuldig abgesessen, wollen Sie nicht aufstehen und zu Leben beginnen?"
"Es ist nicht so, dass ich nicht gelebt h├Ątte, Herr Epstein," wehrte ich mich."Wie soll ich das erkl├Ąren? Ich habe nie so gelebt, wie junge Leute das tun. Meine einzige Leidenschaft war die Musik. Das Gef├Ąngnis war, nachdem ich mich beschieden, meine Unschuld in Lebenskraft verwandelt hatte, wie ein Kloster f├╝r mich. Nie vorher und nacher war es mir verg├Ânnt, so intensiv eins zu werden mit den Werken Mozart's, SchubertÔÇÖs, BeethovenÔÇÖs und BrucknerÔÇÖs. Die Partituren ihrer grossen Werke, jede einzelne Note kennt mein Ged├Ąchtnis, habe ich genossen und bearbeitet, bearbeitet und genossen. Mein Lebensrecht einfordern will ich nicht als interpretierender K├╝nstler, ich will formen, sch├Âpfen, schaffen. Mit einem Wort dirigieren!"
"Das werden Sie!" Marten st├╝rzte auf mich zu, zog mich an sich und wiederholte:"Das werden Sie, so wahr ich Ernst Marten hei├če."
Da stand ich, umarmt von dem Menschen, der, w├Ąre er ein wenig sensibler gewesen, meinem Leben ├Ąu├čeren Erfolg h├Ątte bescheren k├Ânnen.

Ob ich geworden w├Ąre wie ich heute bin, Musik einziges Gl├╝ck, Quell unsagbarer Daseinsfreude? ich glaube es nicht. Keine Nacht vergeht, ohne dass ich nicht voll Sehnsucht der kl├Âsterlichen Abgeschiedenheit meiner Zelle in Werl nachtraure. Der st├Ąndige L├Ąrm, das Klopfen, Schreien, Kratzen, Schaben, Fluchen, Br├╝llen, der die Anstalt unabl├Ąssig erf├╝llte, drang nie in mein Inneres vor.
Ich konnte mit schreien, mit br├╝llen, manchmal gingÔÇÖs nicht anders, um zu ├╝berleben, doch es drang nicht durch zu mir. Prallte ab an der Schale meiner inneren Zelle, in der ich unverletzbar hauste.
Selbst nachdem meine Privilegien gestrichen worden waren, traf mich das nicht wirklich, hatte ich doch jetzt wieder die Mu├če, mich v├Âllig in eine Partitur zu versenken, sie zu studieren, zu versuchen, mich in die Seele ihres Sch├Âpfers zu stehlen, teilzunehmen am Prozess ihres Werdens.

Jetzt versprach mir Marten, und ich zweifelte nicht am Ernst seiner Worte, die Erf├╝llung eines Wunschtraums. Ich w├╝rde vor einem Orchester stehen, meine Sicht von Musik den Menschen vermitteln d├╝rfen. Wunsch w├Ąre erf├╝llt, Traum Realit├Ąt. Doch die Wirklichkeit, der Alltag, wie ging ich damit um? Vielleicht w├╝rde die Schale zerbrechen, das Gespinst des Kokons zerrei├čen, in dem ich so trefflich behaust war?
Wie w├╝rde ich absehbare Kritik verkraften, die meine Interpretationen zerpfl├╝cken, wenn nicht gnadenlos verrei├čen w├╝rde. Wie war meines G├Ânners Ohr beschaffen? Hatte er nicht schon bewiesen, wie wenig einf├╝hlsam, oder milder, der Konvention der allt├Ąglichen Auffassung verhaftet er war? W├Ąre er wirklich in der Lage, mich zu st├╝tzen, zu mir zu stehen? Fragen kann ich ihn nicht, fragen kann ich nur mich, und ich wei├č keine Antwort.

Ich l├Âste mich behutsam aus seiner Umarmung, erkl├Ąrte ihm, wobei ich mit einem Blick die ├Ąrztliche Unterst├╝tzung seiner Tochter einwarb, es w├Ąre ganz einfach zu viel f├╝r mich, jetzt und hier eine Entscheidung, gleich welcher Art zu treffen.
"Wie meinen Sie das, gleich welcher Art?\" fragte Marten.
"Lieber Herr Marten, es betrifft alle Ihre hochherzigen Angebote, auch das bei Ihnen zu wohnen. Bitte verstehen Sie meine Situation. Sie sehen mich h├Ąngen, zwischen Armenk├╝che und Amati! So schnell verkrafte ich das nicht!"
"Vater," schaltete Lena sich ein,"sei bitte vorsichtig! Herr Knechties muss seine Situation verdauen. Best├╝rme ihn nicht! Gute Nachricht kann ebenso stressig sein wie schlechte. Ganz besonders, wenn eine Psyche alles von Au├čen kommende als schlecht erfahren hat. Er wei├č, was er an dir hat, lass ihn sich finden!"
"Danke, Frau Lena," ich nahm ihre Hand, "Sie treffen ins Schwarze, ich brauche Zeit und m├Âchte Sie alle bitten, mich jetzt gehen zu lassen. Es war ein bemerkenswerter Tag f├╝r mich, sicher der absonderlichste meines Lebens. Ich melde mich, sobald ich Land sehe." Ich verabschiedete mich, und das warÔÇśs.
Die Konsequenz meines jetzt schon, noch in der Minute des Weggehens unwiderruflichen Entschlusses, war klar. Nie Amati, Dirigieren, atemlose Bewunderung. Doch auch nie abh├Ąngig, immer ich sein! Meine in bittersten Stunden erworbene F├Ąhigkeit, Musik und Gl├╝ck als eins zu empfinden, bewahren. Wieviel Zeit verl├Âre ich beim Verbeugen, Bedanken und Wichtigsein. War das Hochmut? Musste ich pr├╝fen. Wenn es Hochmut war, dann gegen├╝ber Dingen. Habe nie, auch nicht vor dem Gef├Ąngnis, mit Dingen gelebt. Musik ist mein Leben.

Karl, jahrelang mein Zellennachbar, kochte im Geist. Kochb├╝cher lesen und schmecken, schmatzen, Duft von nur in seiner Vorstellung Gebratenem, Gesottenem oder Gekochtem, mit geschlossenen Augen tief einatmen, mir dabei erz├Ąhlen, was er schmeckte, roch. Erz├Ąhlen, wie er den Raum, in dem aufgetragen w├╝rde, geschm├╝ckt hatte. Welche Blumen er ausgesucht, nach Farbe und Form. Welche Tischw├Ąsche, welches Tafelsilber. Es beschreiben mit allen Nuancen, wenn es ein Men├╝ zu besonderem Anlass war: Mei├čen. Ich kann nur unvollkommen wiedergeben, wie er Besteck, Tischw├Ąsche und Mei├čen beschrieb. Rosen, Veilchen, schimmerndes Porzellan, Goldrand, gediegene Henkel und Deckelkn├Âpfe. Konnte mich nicht mitnehmen lassen in sein Fantasieland der vorgestellten Gen├╝sse. Mitgerissen hat mich die Verkl├Ąrung dieses seit bald zwanzig Jahren wegen Raubmordes b├╝├čenden Heiligen. Seine Kraft, sein unbeugsamer Entschluss, Mensch zu bleiben, dessen Vehikel die Kochb├╝cher waren. Karl sprach nie von Zukunft, weil er keine wollte. Im Moment der Entlassung w├╝rde sein Mei├čen zerbrechen, seine Tischw├Ąsche beschmutzt, sein Tafelsilber verloren sein. Als er wegen guter F├╝hrung und g├╝nstiger Prognose entlassen werden sollte, h├Ąngte er sich auf.

Ich bin drau├čen, komme zurecht, muss mich ein wenig mehr um mich k├╝mmern. Muss nahrhaft und regelm├Ą├čig essen. Darf nicht in der Stadt bleiben, nicht in K├Âln. Werl oder Soest k├Ânnten passen. Bei Hochzeiten aufspielen, im ├Ârtlichen Musikverein dabei sein. Es gab die Hilfe f├╝r Ehemalige. Hatte ich in meiner Verwirrung nach der Entlassung alles ausgeschlagen. So konnte ein bescheidener Anfang aussehen, der immer bescheiden bleiben sollte.
Meine paar Sachen hatte ich schnell gepackt. Als ich mich von der Leiterin des Heims verabschiedete, drang die noch einmal in mich: "Essen, Herr Knechties, gesund und regelm├Ą├čig essen. Bei Ihrer bescheidenen Lebensf├╝hrung ohne Rauchen und Trinken bleibt doch genug von der St├╝tze, um anst├Ąndig essen zu k├Ânnen. Hier haben Sie Ihr Sparbuch, da sind fast Zw├Âlftausend Mark drauf, warum verbrauchen Sie das Geld nicht?"
Jetzt, im Zug auf der R├╝ckfahrt nach Werl, ausgerechnet nach Werl, innerlich grinste ich. Werl! Aber K├Âln? Was war mir K├Âln? Kalt, laut und viel zu schnell. Wussten die Menschen ├╝berhaupt, was sie taten?
Einer sagte mir, als ich ihn fragte: "Wie meinst du das? Arbeiten muss man doch, sonst l├Ąuft nix. Nach der Arbeit nach Haus, bist du da bist, sind je nachdem, zehn, elf Stunden um. Ja und dann? Essen, mit en Fl├Ąsch Bier vor die Glotz, dat is et. Int Bett, die Frau kurz in de Arm, schon schellt der Wecker. Dat geht so, biste in Rente bist.

Nicht mein Ding. Frau, brauchte ich eine Frau? Nach momentanem Empfinden, nein. Hatte mich nie an dem endlosen Gequassel ├╝ber Frauen beteiligt. Trieb, was war mir Trieb? Hatte ich im Griff, lebte in freiwilligem Z├Âlibat. Als erstes werde ich zum Lippert gehen, unserem Knastpfarrer. Mit dem konnte ich immer gut, der w├╝rde verstehen, was ich mit bescheidenem Leben meinte. Ein wenig bang ist mir schon, kenne Werl von meinen Auftritten. Die Stadt von Freig├Ąngen, die Hauptstrasse, das Schwimmbad, das Stadtcaf├ę, was sonst? Mehr erinnere ich nicht. Menschen? Nein, kaum Menschen.
Lie├č sich aber gut an. Pastor Lippert war noch immer Gef├Ąngnisgeistlicher. Habe ihm kurz geschildert, wie Freiheit f├╝r mich aussehen k├Ânnte, aber nicht sollte. Hat nicht gesagt, er verst├Ąnde das. Hat zugeh├Ârt, manchmal genickt. Seine Gl├Ąubigen sind die ohne Hoffnung, das f├Ąrbt ab.
"Ich h├Ątte einen Vorschlag, k├Ânnen Sie sich ├╝berlegen. Ich mu├č weg, bin gegen Abend zur├╝ck, bis dahin."
OK Pfarrer, erst mal danke. Er hat mir vorgeschlagen, bei ihm im Pastorat zu wohnen. Platz sei genug, hier haben fr├╝her vier Kapl├Ąne, Haush├Ąlterin, K├╝chenhilfen und ein Pastor gewohnt. Jetzt hause er hier allein. Gesellschaft sei ihm hochwillkommen.
Der Lippert und ich? K├Ânnte klappen. Ich mache die Hausarbeit, koche. Kann ich noch nicht, l├Ąsst sich aber lernen. Lippert k├Ânnt leicht zu Leuten Kontakte kn├╝pfen, die einen Spielmann brauchen. Hochzeiten, Geburtstage, Jubil├Ąen. Hatten wir alles schon. K├Ąme von der Sozialhilfe los, f├╝hlt sich schlecht an, die Abh├Ąngigkeit.
Wohne jetzt im Pastorat. Habe ein Schlafzimmer, nicht gr├Â├čer als eine Zelle, daran anschlie├čend Bad und Toilette, dazu ein Riesenwohnzimmer. Kostenpunkt: Null! Geht nicht auf Dauer, wenn ich verdiene, ist Miete f├Ąllig, sonst gibt es ├ärger mit der Di├Âzese.
Als ich einwilligte, bei ihm zu wohnen, meinte er: "Vorsicht, Otto, guck, ob es dir gef├Ąllt."
"Wird mir schon gefallen, Herr Pfarrer, bin Luxus gewohnt, Sie kennen meine langj├Ąhrige Bleibe."
"Ja, kenne ich, Otto, aber ansehen mu├č du die Bude. Noch was, ich bin der Klaus, lassen wir den Pfarrer im Knast, da kennt der sich aus."
Das war vor einem Jahr. Mittlerweile hab ich acht Kilo zugenommen und zahle Miete. Dreihundert Mark im Monat, warm, weil meine Hausarbeit gegengerechnet wird. Der Klaus hat sich mit der Di├Âzese gefetzt wie ein Marktschreier, die wollten partout nichts wissen von unserem Arrangement.
"Ich begreife nicht, was die sich rausnehmen", hat er gest├Âhnt."Nirgendwo ├╝be ich Demut so sehr wie vor unserer allchristlichsten B├╝rokratie. Das Haus steht seit Jahren leer, niemanden k├╝mmert das. Meine s├Ąmtlichen Vorschl├Ąge, eine kinderreiche, ergo arme Familie hier mitwohnen zu lassen, abgeschlagen. Mein Einwand, ich f├╝hlte mich allein, Familienanbindung t├Ąte meiner Psyche wohl, ├╝berh├Ârt. Das viel zu gro├če Haus grunds├Ątzlich sozialvertr├Ąglich zu vermieten, unbeantwortet. Dabei herrscht Mangel an Priestern wie nie zuvor.
Ich bin Priester wie du Musiker. Nicht wegen Sicherheit oder Geld, da lachen die H├╝hner. Ich h├Ątte beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt, stiege ich aus. Aber meine Berufung, ich sehe das so, und die d├Ąmliche Di├Âzese haben nichts miteinander zu tun. Einem von den Leidenden im Bau geholfen zu haben, wenn auch nur f├╝r kurze Zeit, wiegt allen ├ärger auf\".
Klaus hat mir Arbeit in F├╝lle verschafft. Ich bin jetzt steuerzahlender B├╝rger mit allen Rechten und Pflichten. Der Zustand, ├╝ber den jederman ohne Unterlass jammert, macht mich stolz. Es ist wie zu meines leider so pl├Âtzlich verstorbenen G├Ânners, des Gef├Ąngnisdirektors, Zeiten. Ich bin st├Ąndig ausgebucht. Dazu, ich wage es kaum zu denken, f├╝hle ich mich so anders wie nie! Klaus nennt diesen Zustand Gl├╝ck. Gl├╝ck, glaubte ich, w├Ąre mir nur die Musik, doch ich sehe freudig ein, Gl├╝ck ist wie eine Melodie, gesegnet mit nicht auslotbarem Spektrum.
Ein Partikel dieses Spektrums, nein zwei Partikel, zwei, sind Silva und ich. Silva ist vor zehn Jahren aus Bosnien nach Werl gekommen. Sie hat Asyl beantragt und erhalten. Ich habe sie nie gefragt, warum. Klaus sagte:"Frage sie nie! Sollte sie dir erz├Ąhlen wollen, nimm ihre Hand, h├Âr zu. Gib ihr so viel Sicherheit, wie du geben kannst. Sei ihr Freund, ohne Mann zu sein. F├╝r ihr Unbewu├čtes sind M├Ąnner, ich kann es nicht ausdr├╝cken, sagte ich Tiere, ich w├╝rde die Kreatur beleidigen. Teufel w├Ąre das Wort, w├Ąren Teufel uns noch gegenw├Ąrtig als die Inkarnation des B├Âsen. Sie ist therapiert worden, sie kann leben. Du verstehst, Otto?"
Ich konnte ihm fest versprechen, wie sehr ich verstand.
Seitdem gibt es Silva. Sie besucht uns im Pastorat, ich lasse meine Violine die Liebe singen. H├Ârt sich kitschig an, ist aber so. Meine Geige spielt mich. Liebe. Mir ganz und gar unbekanntes Land. Terra incognita. Weite, horizontlose Weite, Unendlichkeit und doch so nah, ganz nah. Sehe Silva den St├╝rzen und Aufschw├╝ngen, dem Himmelsflug der T├Âne folgen, bin mit ihr, steige auf, sehe das nicht Sichtbare, f├╝hle uns verflochten in das gewaltige Rad der Sch├Âpfung. Nie k├Ąme mir ein verr├Ąterisches Wort ├╝ber die Lippen.

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flammarion
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Korrekturvorschl├Ąge:

Schrille T├Âne, k├Ânnte dran bleiben an dem Begriff. Was ich vom Damals behalten habe, ist nicht schrill. Musste niemand schrillen, um geh├Ârt zu werden. Die Welt war leise. Nicht ohne Ger├Ąusche. I wo! Nur n├Ąher dem Ich war das Geh├Ârte. Gab viele Dinge nicht, oder gab sie schon, nur nicht in erdr├╝ckender Masse. War zu ├╝bersehen, was man sah. ├ťbersichtlich. Sicher, ich hab vom H├Âren gesprochen, aber gilt auch f├╝rÔÇÖs Sehen. Ebenso wie das Ohr von st├Ąndigem Gedudel bel├Ąstigt wird, kann sich das Auge nicht retten vor greller anmachender Buntheit.
Nicht, dass ich grunds├Ątzlich dagegen w├Ąre. Durchaus nicht! Es gibt Stimmungen, da braucht es den anfeuernden L├Ąrm, den Angriff ├╝ber Netzhaut und Trommelfell ins Verborgene. Nur bitte nicht dauernd!
Da(Komma) wo ich herkomme, war es leise, unbeschreiblich leise! Die Lautspur der Katze, ihre ├╝ber die Dielen schn├╝renden Sammetpfoten, h├Ârtest du. Lebendige Stille.
Die Nachmittage, hei├č, windstill, endlos blauer Himmel von Deutschland ├╝ber Polen bis nach Ru├čland (Russland) gebreitet. In dem Blau ein Summen. Nichts Mechanisches. Ein stilles eigenes Summen, gemeinsam dem Dorf, dem Wald, der unermesslichen von gelber Kornfrucht gebeugten Weite.
Im Himmel Bussarde und Schwalben. Der Bussardschrei wie der Mitze miau (Mieze Miau).
Auf dem steilen roten Ziegeldach der Kirche ein Wagenrad, darauf das Jahr um Jahr h├Âher geschichtete Storchennest. Standen da, hoch oben auf rotgelben Beinen, die Adebars, den Schlangenhals mit dem langen, roten Schnabel ├╝ber den R├╝cken werfend, klapperten sie sich an.

Sonntags(getrennt)vormittags Gesang aus dem Gemeindehaus, auf dem Harmonium begleitet vom Gro├čvater, der auch der Dorflehrer war. Zu ihm gingen wir alle in eine einzige, gro├če Klasse. Er brachte uns das Einmaleins, Lesen und Schreiben bei.
Meine Mutter erz├Ąhlte sp├Ąter oft von der Heimat. Dabei wurde ihre Stimme dunkel vor Sehnsucht. Glaub mir, Zeit kam bei uns kaum vor, seufzte sie. Dabei wurde sie lebhaft, unterst├╝tzte ihre Behauptung mit energischen Gesten. Es gab Karfreitag, Ostern, das Pfingstfest und Weihnachten. Zwischen diesen Pfl├Âcken war das Jahr aufgespannt. Die Sonne und der Mond waren die Uhr.
Au├čer dem Harmonium spielte der Gro├čvater die Geige. Auf den Bauernhochzeiten war er gefragt, kam er heim, brach bei uns eine Schlaraffenzeit aus, konnten kaum bew├Ąltigen, was er an Schinken und W├╝rsten mitbrachte.
Fr├╝h, noch bevor ich zu ihm in die Schule ging, zeigte er mir, wie man die Geige zwischen Kinn und Schulter h├Ąlt, den Bogen ├╝ber die Saiten streicht. Er war freundlich und ruhig. Alle Viertelstunde nahm er eine kleine Flasche aus der Westentasche, sch├╝ttelte (sch├╝ttete) eine Prise Schnupftabak in ein H├Âhlchen seiner Hand, das sich bildete, und spreitze (spreizte) den Daumen seitlich von den Fingern ab. Dann saugte er die Tabakkr├╝mel mit einem schl├╝rfenden Laut in ein Nasenloch hoch, verharrte einen Augenblick mit halb geschlossenen Augen erwartungsvoll plierend, um dann mit einem gewaltigen Nie├čer (Nieser) die Ladung in sein Schnupftuch zu rotzen, wischte sich sorgf├Ąltig die Reste der Explosion aus dem Gesicht, sah mich an und sagte: "Gut gespielt, Jungchen, aber jetzt noch einmal, ruhig und gleichm├Ą├čig ├╝ber die C Saite streichen."
So wurde ich in die Anf├Ąnge des Geigenspiels eingef├╝hrt. Sanft(Komma) aber beharrlich die C-Saite solange streichen, bis sie klingt. Streichen(Komma) nicht kratzen. Noch(getrennt)mal, ja schon besser, also noch(getrennt)mal! Nein, das war nichts, gar(getrennt)nichts, k├Ânnte die Mitze (wenn er das Tier wirklich mit kurzem i gerufen hat, kann das als Umgangssprache durchgehen) besser. Komm, Mitze, komm. Die sprang ihm auf den Scho├č, er kraulte und schmuste sie, und ich bearbeitete unverdrossen die C Saite, bis er zufrieden war.
"Verlass dich auf mich, deinen Opa, Jungchen, hast Talent,(kein Komma)"(Komma) tr├Âstete er. "Ich triezte dich nicht, wenn da nichts w├Ąr. Es wird! Eines Tages streichst du das C aus dem eff-eff, dann machen wir D."
So war das. Das Geigenspiel ├╝ben mit dem Opa erinnere ich, als ob es gestern gewesen, wie auch das Ende des Idylls. Was sonst noch von damals in meinem Kopf ist, hat Mama in endlosen Stunden mehr sich selbst als mir erz├Ąhlt. Wei├čt du noch? So begannen ihre Geschichten immer.
Das Ende kam schnell. Opa jagte den Friedrich, unseren Ganter, zur├╝ck auf den Hof. Der hatte wieder ein Loch im Gatter gefunden und war ausgeb├╝chst. Mit ausgebreiteten Armen sehe ich den Opa vor dem gef├╝rchteten Vogel stehen. Friedrich, die Schwingen halb ausgefahren, den Hals tief auf den Boden gedr├╝ckt, zischte ihn an. Ich h├Âr den Opa schimpfen: "Willst wohl, du Lorbass! Zur├╝ck, zur├╝..." ein furchbarer (Ein furchtbarer) Knall platzt mir ins Ohr! Der Opa! Er f├Ąllt! Wo sein Kopf gewesen, nichts, nur Blut. Er zuckt mit den Beinen, liegt still.
Die Mama schreit, packt mich am Arm, zieht mich in die Schlafstube, dr├╝ckt mich in den Kleiderschrank. Ich wei├č nicht, was mit mir ist. Ich sehe den Gro├čvater und den Friedrich, viel Blut, und OpaÔÇśs Beine, die so komisch marschieren. Ich trommle gegen die Schrankt├╝r. "Lass mich raus! Ich krieg keine Luft! Die Mottenkugeln! Ich will raus! Raus!" Ich trete wie wahnsinnig gegen die T├╝r, die springt auf. Mama liegt auf dem Bett und weint.
Jahn ist da. Er spricht zu Mama, die immer noch auf dem Bett liegt. "Weinen hilft nicht", sagt er. "Schnapp das N├Âtigste, nimm das Jungchen, in einer halben Stunde seit (seid) ihr am Bahnhof. Noch gehen Z├╝ge. Wenn alles gut(getrennt)geht, halten die den Iwan noch einmal auf, das letzte Mal, danach Gnade uns Gott."
Jahn hatte recht. Aber unaufhaltbar kam der Iwan erst vier Monate sp├Ąter.

Wir hatten Gl├╝ck. Am n├Ąchsten Morgen stiegen wir in Berlin aus dem Zug. Auf der Bahnhofsmission gab es Gr├╝tzbrei und hei├čen Pfefferminztee zusammen mit der Auskunft: "In Berlin k├Ânnen Sie nicht bleiben mit dem Kind. Total ├╝berf├╝llt, Luftangriffe ohne Ende."
"Wohin?"(Komma) fragte die Mama fast ohne Stimme.
"Nach Westen, gute Frau,(kein Komma)"(Komma) riet ein Soldat, der wie wir Brei und Tee bekommen hatte.(Leerfeld)"Soweit nach Westen(Komma) wie ihr kommt, und noch ein St├╝ck weiter, wennÔÇśs geht. Nur weit weg vom Iwan."
Ich sehe die Mama ihn ansehen, als sie fragt: "Stimmt das, was man h├Ârt?"
"Es ist erst der Anfang, glauben Sie mir,(kein Komma)"(Komma) antwortete der Soldat.(Leerfeld)"Ich bin seit 41 dabei, im Osten. Wir waren die Sieger und haben so gehandelt. Wenn es Auge um Auge geht, wo wir jetzt die Verlierer sind, wird es unvorstellbar. Sollte es auch Zahn um Zahn gehen, bricht das Inferno, die Apokalypse(Komma) ├╝ber uns herein."
"Wollen Sie sagen, wir als Sieger bekommen heimgezahlt, was wir angerichtet haben?" Die Mama sah ihn nicht an, fragte mehr vor sich hin.
"Angerichtet ist gut! Verbrochen haben, muss das hei├čen! Ausgemordet, niedergebrannt, gedem├╝tigt, gesch├Ąndet, den Gegner zum Untermenschen, schlimmer(Komma) zum Vieh gemacht." Die blauen Augen des Soldaten wurden ganz klein, als er das mehr zischte als sagte.
"Mein Mann ist in Ru├čland gefallen,(kein Komma)"(Komma) erwiderte die Mama leise.
"Wie Millionen andere. So, ich muss weg,(kein Komma)"Komma Leerfeld)sagte der Soldat noch und verschwand.
Die Schwester von der Bahnhofsmission meinte kopfsch├╝ttelnd.(besser Doppelpunkt Leerfeld)"Gut, dass der weg ist, was der da gesagt hat, kann ihn den Kopp kosten."

Zwei Tage und N├Ąchte sp├Ąter stiegen wir in Duisburg aus dem Zug. Wir hatten eine H├Âllenfahrt hinter uns. Richtig vorw├Ąrts gekommen sind wir nur nachts, ohne anzuhalten raste der Zug durch brennende, noch unter dem Bombenhagel der Terrorflieger berstende St├Ądte.

Tags├╝ber mussten wir alle naselang aus dem Waggon in die Felder, den Kopf in den Acker, volle Deckung. Tiefflieger heulten ├╝ber uns hinweg, schossen wahllos auf alles, was sich regte.
Duisburg war ein rauchender Tr├╝mmerhaufen. Auf der Bahnhofsmission gab es eine d├╝nne Suppe. Die Schwester sah die Mama emp├Ârt an, als die ihr erz├Ąhlte, wo wir herkamen.
"Aber da waren sie doch sicher,(kein Komma)"(Komma) knurrte sie!(Leerfeld)"Ein Wahnsinn, hierher zu(getrennt)kommen mit dem Jungen! Da sehen sie (Sie) man zu, dass sie ├╝ber den Rhein kommen, dann in einem der kleinen D├Ârfer am Niederrhein unterkriechen, irgendwo, wo der Tomy (Tommy) nicht bombt."
Auf der Pritsche eines klapprigen Lasters kamen wir bis Aldekerk. Auf dem Amt da das Gleiche. Der Beamte staunte.(besser Doppelpunkt Anf├╝hrungszeichen) Aus dem sicheren Osten nach hier? Ein Zimmer k├Ânnen Sie kriegen, wie lange, wei├č ich nicht. Steht viel leer, die Leute sind alle vor den Bomben gefl├╝chtet."

Tag und Nacht war die Luft erf├╝llt vom wummernden Motorengedr├Âhn nicht z├Ąhlbarer Maschinen, die aus Westen kommend zu Zielen im Reich unterwegs waren. Wir blieben ungeschoren.

Es wurde Winter, uns unbekannt mild. Fast Fr├╝hling, der dann auch kam und mit ihm das Ende des Krieges. Es gab nichts zu essen. Von fr├╝h bis sp├Ąt suchten wir auf den Feldern nach liegen(getrennt)gebliebenen K├Ârnern. Die Mama kannte sich aus. Wir gruben nach Wurzeln, ernteten Brennnesseln, schnitten L├Âwenzahn. Aus Bl├╝tenbl├Ąttern und jungen Zweigspitzen kochte sie eine w├╝rzige So├če, die unsere t├Ągliche Ernte leckerer machte. Ich fand das alles nicht schlimm, die Mama st├Âhnte.

Als es Lebensmittelkarten gab, brauchten wir nicht mehr so viel aufs Feld. Die gewonnene Zeit war ├ťbezeit. Alles repetieren, was ich gelernt hatte, genau wie der Opa das h├Ątte wollen. Geduldig immer und immer wieder streichen, bis ein Ton, ohne kratzen, deutlich und klar stand. Die Geige und das Lehrbuch hatten unsere Flucht heil ├╝berstanden. So war mein Tag gut gef├╝llt mit Frucht sammeln, streichen und Griffe trainieren.
Die Mama war unerbittlich. Ihr Regiment war strenger als OpaÔÇÖs. Ihre Erkl├ĄrungLeerfeld)"Du bist ein gro├čer Junge, kein Jungchen mehr." Von ihrem Vater hatte sie das absolute Geh├Âr geerbt,(Leerfeld)kein noch so leiser Misston entging ihr.
Wir zogen von Aldekerk nach Bergisch Gladbach.(Leerfeld)"Hier verbauerst du mir," war ihre Begr├╝ndung. Eine Wohnung hatte sie dort ├╝ber den Kontakt zu einer Cousine gefunden.

K├Âln war nah, da sollte ich aufÔÇÖs (aufs) Konservatorium. Umziehen war einfach,(Leerfeld)mit unseren zwei Koffern. Die neue Wohnung hatte zwei Zimmer.(Leerfeld)"Gut,(kein Komma)"(Komma) befand Mama, "du bekommst das Zimmer, ich schlafe in der K├╝che". Zum ersten Mal erlebte ich eine Stadt. Ich f├╝hlte mich fremd. Nichts kam dem ├ťben mehr entgegen. Jeden Tag bis zu sechs Stunden vertiefte ich mich in die Noten, versuchte, meinem Instrument Ausdruck und Seele zu entlocken.
Das Konservatorium gab es noch nicht wieder.(Leerfeld)"Wir haben andere Sorgen", wurde Mama auf dem Magistrat in K├Âln erkl├Ąrt. Magistrat nannte sie die Stadtverwaltung. So lange sie lebte, ist sie nicht im Westen angekommen. Ich lebte mich ein und besuchte die Schule mit m├Ą├čigem Erfolg.

Als ich vierzehn war, lag Mama eines morgens tot im Bett.
Das Jugendamt k├╝mmerte sich um mich, wurde mein Vormund. Herrn Schmitz, der mich betreute, spielte ich vor.(Leerfeld)"H├Ârt sich gut an," befand er.(Leerfeld)"Ich finde eine Lehrstelle f├╝r dich."
Vier Wochen sp├Ąter war ich Lehrling mit Kost und Logie bei Herrn Wittig, Reparatur s├Ąmtlicher Musikinstrumente. Herrn Wittig spielte ich auch vor.(Leerfeld)"Du kannst was, Junge," sein Urteil. Das hie├č, ich konnte weiter ├╝ben. W├Ąhrend er die wenigen Instrumente, die Kunden ihm brachten, instand(getrennt)setzte, lie├č ich bei weit ge├Âffneten Fenstern meine Geige singen. Immer sammelten sich Gruppen von Zuh├Ârern vor unserer Werkstatt, der Name Wittig und Musik verschmolzen.

Die Zeiten besserten sich. Herr Wittig mietete einen Laden im Zentrum, begann mit gebrauchten Instrumenten aller Art zu handeln. Wenn sie interessiert waren, spielte ich m├Âglichen K├Ąufern auf dem Klavier, der Fl├Âte, dem Saxophon vor.
Nachtragen muss ich, Herr Wittig legte mir nahe, auch andere Instrumente als die Geige spielen zu lernen. Es ging mir leicht von der Hand. Keines jedoch spielte ich so gern wie meine Geige. F├╝r die Vorf├╝hrung beim Verkauf reichten meine Saxophon-, Fl├Âten- und Klavierspielk├╝nste allemal.

Viel Zeit verging, bis ich Ernst Marten traf. (Mein verschlissenes Leben war weder unn├╝tz noch ungl├╝cklich gdewesen .)
Wie jeden Morgen, wenn das Wetter sch├Ân war, sa├č ich in einer versteckten Ecke im Park auf meiner Bank. Aus dem CD-Player neben mir erklang Schuberts: Der Tod und das M├Ądchen, die Luft war frisch, das Himmelsblau endlos, ich f├╝hlte mich geborgen.
Ein Herr ging vorbei. Ich erkannte ihn, l├Ąchelte ihm zu. Er blieb stehen, gr├╝├čte und fragte, ob er sich zu mir setzen d├╝rfe?
"Gerne, warum nicht,(kein Komma)"(Komma) lud ich ihn ein.
"Ich lausche Ihrer Musik schon l├Ąngere Zeit. Wenn ich ehrlich sein soll, komme ich deswegen in den Park,(kein Komma)"(Komma) gestand er.
Ich nickte,(entweder Punkt oder Doppelpunkt Leerfeld)"Ich habe es seit einer Woche bemerkt. Kann sein, ich habe Sie auch schon vorigen Monat, bevor der gro├če Regen kam, wahrgenommen."
"Stimmt,(kein Komma)"(Komma) bekr├Ąftigte er.(Leerfeld)"Vorigen Monat hat mich der Ton dieser Violine zum ersten Mal bezaubert. Wer ist der Interpret?"
"K├Ânnen Sie nicht kennen, nur Insidern in des Wortes wahrster Bedeutung bekannt,(kein Komma)"(Komma Leerfeld)lachte ich.
"Sie lachen,(kein Komma)"(Komma) sagte er fast traurig,(Leerfeld)"ich m├╝├čte (m├╝sste) ihn kennen, bin ein ausgewiesener Kenner auf diesem Gebiet, ein versierter Geiger."
"Glaube ich Ihnen, doch diesem Geiger begegnen Sie jetzt eben, ich habe die St├╝cke eingespielt."
"Sie? Hei├čt das, alles, was ich im Vorbeispazieren h├Ârte, interpretierten Sie?"
Ich stellte ihm meinen Aktenkoffer hin.(Leerfeld)"Sehen Sie selbst, alles von mir eingespielt, zuhause (zu Hause) habe ich noch mehr."
Vorsichtig nahm er eine CD nach der anderen, las und stutzte.
"Hier lese ich St. Martin in the Fields, Berliner Philharmoniker, Boston Symphonie Orchestra, Mariner, Zubin Meta, Bernstein? Wer sind Sie? Ich m├╝├čte Sie kennen, sollten Sie mit diesen Orchestern und Dirigenten musiziert haben?"
"Der Name der Virtuosen, sehen Sie hin, ist unkenntlich gemacht?"(Komma) beantwortete ich seine Fragen.
"Ja gewiss, doch ich kann mir denken, wer die Herren waren."
"Oder die Damen, in einigen F├Ąllen waren es Damen."
"Einverstanden, oder die Damen, aber kl├Ąren Sie mich doch bitte auf."
"Nichts leichter als das, lieber Herr,(kein Komma)"(Komma) freute ich mich.(Leerfeld)"Der Violinpart des urspr├╝nglichen Interpreten ist gel├Âscht,(Leerfeld)den habe ich im Playbackverfahren eingespielt."
"Fantastisch! Nur, nehmen Sie es mir nicht ├╝bel, das muss ich sehen und h├Âren, bevor ich es glaube. Darf ich einen Vorschlag machen?"
"Nur(getrennt)zu,(kein Komma)"(Komma Leerfeld)ermunterte ich.
"Kommen Sie mit zu mir. Ich biete Ihnen ein erlesenes Instrument, eine Amati. Kommen Sie, lassen Sie uns SchubertÔÇÖs Streichquartett Nr. 14 spielen. Der Tod und das M├Ądchen. Ich telefoniere sofort zwei Mitspieler herbei, soda├č (sodass) wir ein Quartett sind. Das wird eine Sensation, glauben Sie mir, eine Sensation."
Er nahm sein Handy, erkl├Ąrte einem lieben Epstein sein Vorhaben und schien sofort Zustimmung zu finden.

Als wir vor seinem Haus ankamen, erwarteten uns ein ├Ąlterer Herr und eine junge Dame.
"Vater und Tochter Epstein,(kein Komma)"(Komma) stellte mein Begleiter vor,(Leerfeld)"wobei ich mich Ihnen auch gleich bekannt machen darf, ich bin Ernst Marten."
"Otto Knechties freut sich, Sie alle kennen(getrennt)zu(getrennt)lernen,(kein Komma)"(Komma) verbeugte ich mich. Ernst Marten, scho├č (schoss) es mir durch den Kopf, eine der Kritikerkoryph├Ąen des Landes. Gleichzeitig bemerkte ich den etwas erstaunten Blick, mit dem die junge Dame meinen Aufzug musterte. Ich l├Ąchelte sie an, kl├Ąrte sie aufLeerfeld)"Kleidung vom Sozialen Hilfswerk, schon von verschiedenen Personen vor mir getragen, aber sauber." Sie err├Âtete und entschuldigte sich. Ich half ihr, indem ich Verst├Ąndnis f├╝r ihr Erstaunen, meine Person betreffend, zeigte.
Herr Marten schloss auf und f├╝hrte uns in sein Musikzimmer, einen saalartigen Raum, dessen eine Wand eine gro├če, auf einen Garten hinausf├╝hrende Kombination von Fenstern und Schiebet├╝r war.(Leerfeld)"Ich m├Âchte sofort zur Sache kommen, besser, ich kann es kaum erwarten(Komma) zur Sache zu kommen,(kein Komma)"(Komma) begann Marten.(Leerfeld)"Herr Knechties,(kein Komma)"(Komma) wandte er sich mir zu und f├╝hrte mich an eine Vitrine,(Leerfeld)"sehen Sie."
"Eine Amati,(kein Komma)"(Komma) nahm ich ihm das Wort ab.(Leerfeld)"Eine Nicola Amati, die darf ich spielen?"
"Die d├╝rfen sie spielen, wenn, verzeihen Sie mir bitte meine Vorsicht, wenn Sie mir eine Passage aus Schubert Nr.14 d-moll,(kein Komma) auf meiner Violine vorgespielt haben."
"Herr Marten, ich w├╝rde diese Vorsicht genauso walten lassen, w├Ąre ich an Ihrer Stelle,(kein Komma)"(Komma) beruhigte ich ihn.(Leerfeld)"Ich m├Âchte vorschlagen, lassen Sie mich f├╝rs Erste meinen Part im Quartett auf einem normalen Instrument spielen. Ich mu├č (muss) gestehen, ich f├╝rchte mich fast vor dem Anspruch eines solchen Kleinods wie der Amati."
"Ein vern├╝nftiger Vorschlag, Herr Knechties." Herr Epstein legte eine Hand auf Martens Arm,(Leerfeld)" la├č (lass) es so sein, Ernst."
"Einverstanden,(kein Komma)" Marten reichte mir eine Violine, wir stellten uns auf, er schlug den Takt und wir waren im ersten Satz. Ich merkte sofort, ich spielte mit Profis. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich fand meinen Ton, der Martens Aufmerksamkeit im Park gefangen hatte, unmittelbar.
Nach dem Ende des Satzes nahm Epstein meine Hand.(Leerfeld)"Mein Gott, Herr Knechties, wer sind Sie? Wie kann jemand mit solcher Kunst nicht ber├╝hmt sein, weltber├╝hmt?"
"Ich erz├Ąhle es Ihnen gern, aber d├╝rfte ich bitten, zuerst die noch ausstehenden S├Ątze zu spielen?"(Komma) wandte ich ein.
"Nichts(Komma) was wir lieber t├Ąten, aber bitte mit der Amati!" Marten ├Âffnete die Vitrine und wollte die Geige herausnehmen. Da wurde mir schwach.
"Meine Herrschaften,(kein Komma)"(Komma) konnte ich noch fl├╝stern,(Leerfeld)"das ├╝berw├Ąltigt mich alles ein wenig, darf ich mich einen Moment setzen." Sarah, so hie├č Epsteins Tochter, nahm meinen Arm und f├╝hrte mich zu einem Sessel. Keinen Moment zu fr├╝h. W├Ąhrend ich in den Sessel sank, f├╝hlte ich, wie mir die Sinne schwanden.

Als ich die Augen ├Âffnete, war die Szenerie ver├Ąndert. Ich lag auf einem Bett, eine Dame, offensichtlich ├ärztin, zog eine Spritze aus meinem Arm.
"Da sind Sie ja wieder,(kein Komma)"(Komma) freute sie sich.(Leerfeld)"Machen Sie sich keine Sorgen, war ein kleiner Schw├Ącheanfall, ausgel├Âst durch zuviel Emotion. Was ich aber anmerken muss", fuhr sie fort,(Leerfeld)"Sie scheinen sich falsch zu ern├Ąhren?"
"Suppenk├╝che f├╝r Obdachlose, mehr ist nicht drin,(kein Komma)"(Komma) erkl├Ąrte ich.
"Ist das Herrn Marten bekannt?\"(Komma) wollte sie wissen.
"Nein, nat├╝rlich nicht, kenne Herrn Marten erst seit einer Stunde."
"Seit einer Stunde?"
"So ist es."
"Bleiben Sie bitte noch ein kleines Weilchen liegen, bin gleich wieder bei Ihnen,(kein Komma)"(Komma) sagte sie und verlie├č das Zimmer. Sie kam mit Marten zur├╝ck, der sich auf das Bett setzte, meine Hand nahm und dekretierteLeerfeld)"Lieber Otto Knechties! Mit Obdachlosigkeit und Suppenk├╝che ist ab sofort Schluss! Lassen Sie mich das in die Hand nehmen. "(kein Anf├╝hrungszeichen)Lena,(kein Komma)"(Komma) wandte er sich an die ├ärztin,(Leerfeld)"kann er aufstehen?"
"Sicher(Komma) Papa, wie gesagt, Emotion hat ihn von den F├╝├čen gerissen. Dass er sich vern├╝nftig ern├Ąhren sollte, ist eine andere Sache."
"Hei├čt das, wir k├Ânnen weiter spielen?"(Komma) fragte ich.
"Von mir aus,(kein Komma)"(Komma) Lena musterte mich sachlich,(Leerfeld)"aus ├Ąrztlicher Sicht steht dem nichts entgegen."
"Dann bitte, Herr Marten, diesmal kann ich es kaum erwarten. Eine Amati, eine Amati in meinen H├Ąnden!"
Lena sah ihren Vater an. Vor Verbl├╝ffung den Mund ein wenig ├Âffnend, sch├╝ttelte sie den Kopf.(Leerfeld)"Du l├Ą├čt (l├Ąsst) ihn auf deiner Amati spielen, Papa? Solange ich denken kann, hat das noch keiner gedurft!"
"Da hast du recht, Kind, keiner war gut genug,(kein Komma)"(Komma) antwortete Marten.
Wir gingen zur├╝ck in den Musiksalon. Aus Herrn Epstein`s und seiner Tochter Blicken las ich mit Hochachtung gepaarte Best├╝rzung. Marten trat an den Schrank, in dem er die Amati aufbewahrte, entnahm das kostbare Instrument mit and├Ąchtiger Behutsamkeit und legte es mir in die H├Ąnde. "Spielen Sie, Herr Knechties,(kein Komma)"(Komma) sagte er fast fl├╝sternd. "Geben Sie ihr die Chance, zu zeigen, was sie kann."
Ich ergriff das einzigartige Instrument, nahm den Bogen. Doch vor dem ersten Strich dachte ich an Mama und den Gro├čvater. Vielleicht sahen sie mich, wer wei├č?
Dann versanken wir in den Wogen der unvergleichlichen T├Âne Franz Schuberts. Die Amati sang und jubelte, ich lie├č mich emporheben von dieser Musik, wurde weit weggetragen. Pl├Âtzlich bemerkte ich, meine Mitspieler standen um mich herum, die Geigen hingen in ihren H├Ąnden. Ich war der einzige(Komma) der spielte, meinen Part spielte, und sie h├Ârten mir zu.
Als ich geendet hatte, klatschten sie. Diesmal war es Sarah, die zuerst sprach. "Otto Knechties,(kein Komma)"(Komma) sagte sie, und ihre Stimme zitterte leicht,(Leerfeld)"wo haben Sie solange gesteckt? Welcher Zauberberg hielt Sie verborgen. Wer waren die Gl├╝cklichen, die Ihrem Spiel lauschen durften?"
"Ich will es Ihnen gern erz├Ąhlen, wenn Sie bereit sind, mir eine Weile zuzuh├Âren. Es ist keine lustige Geschichte, eher traurig, aber nicht so traurig, dass ich mich ungl├╝cklich nennen w├╝rde."
"Setzen wir uns,(kein Komma)"(Komma) ├╝bernahm Marten die Regie, "und erlauben Sie, dass ich eine gute Flasche ├Âffne, dann wollen wir Ihnen in aller Ruhe zuh├Âren."
"Ist es unbescheiden, Herr Marten, wenn ich Sie b├Ąte, mich vorher ein wenig zu f├╝ttern?"(Komma) unterbrach ich.(Leerfeld)"Mein Tag existiert auf zwei trockenen Br├Âtchen." Lena sprang auf. "Wie unbedacht von mir, ich bin sofort wieder da, bitte warten Sie mit ihrer (Ihrer) Geschichte."
Schnell war ich mit k├Âstlich belegten Broten versorgt und begann, wenn auch mit halbvollem Mund(Komma) meinen Bericht:

"Meine Mutter, sie verstarb, als ich eben vierzehn Jahre alt geworden war, ist mit mir 1944 aus Stallup├Ânen/ Ostpreu├čen in den Westen gefl├╝chtet. Gro├č geworden bin ich in Bergisch Gladbach. Seit meinem vierten oder f├╝nften Lebensjahr habe ich Geige gespielt. Nach meiner Mutter Tod brachte mich das Jugendamt bei einem Musikalienh├Ąndler unter, nachdem ein Betreuer sich mein Geigenspiel angeh├Ârt hatte.
Bei diesem H├Ąndler blieb ich, absolvierte eine Lehre, bis es zu der Konstellation kam, die mein Leben ver├Ąnderte. Insgesamt war ich l├Ąnger als zehn Jahre bei Herrn Wittig. Es war so, dass mir v├Âllig freie Hand gegeben war, meine musikalischen F├Ąhigkeiten auszubilden.
Der Verkauf von Pianos, Geigen, Saxophonen usw, war Wittigs Gesch├Ąft und wurde von mir betreut. Die musikalisch Interessierten vertrauten meiner Beratung, vor allem auch, wenn es um die f├╝r ihre Kinder geeigneten Instrumente ging. Ich erkl├Ąrte ihnen, dass nicht Elternwunsch ma├čgeblich sei beim Kauf von Klavier oder Geige, sondern die Veranlagung des Kindes. Oft riet ich auch ab, einem Kind, das unbegabt war, das Musizieren beizubringen.
Herr Wittig tolerierte das, auch wenn hierdurch manches Gesch├Ąft nicht zustande kam. Letztlich zahlte sich das durch Vertrauen aus, das die Kundschaft in uns zu setzten (setzen) begann.
Herr Wittig hatte eine h├╝bsche, einzige Tochter, einige Jahre j├╝nger als ich. Es war sein heimlicher Wunsch, dass Rosie und ich ein Paar w├╝rden. Doch weder Rosie noch ich hatten in dieser Richtung Ambitionen.
Ich verdiente sehr gut, von allen Verk├Ąufen erhielt ich eine Provision. Meine Eink├╝nfte lagen weit ├╝ber denen eines normalen Verk├Ąufers. Da ich au├čer der st├Ąndigen Vervollkommnung meines Geigenspiels und dem Besuch jeden Konzerts im Umkreis von 100 km keine Hobbys oder Konsumw├╝nsche hatte, war ich ein ├Ąu├čerst solventer junger Mann.
1964 im Fr├╝hjahr, ich war zweiundzwanzig Jahre alt,(Leerfeld)las ich von einem Violinwettbewerb des K├Âlner Konservatoriums, an dem sich auch Externe beteiligen konnten. Ich meldete mich nicht ohne Zagen an.
Der gro├če Tag kam. Vor mir spielte eine wundersch├Âne junge Dame, die sp├Ąter auch eine beachtete Karriere machte. Die Pr├╝fer waren begeistert.
Dann spielte ich vor. Der erste (Den ersten) Satz aus Paganinis Konzert D-dur Op. 6. Ein technisch ├Ąu├čerst anspruchsvolles St├╝ck sollte mich in (ins) rechte Licht setzen. Nachdem ich geendet, kein Beifall. Einer der Pr├╝fer fragte nach meinem Lehrer. Ich kl├Ąrte ihn auf.(Leerfeld)"Ja(Komma) mein Lieber, daher also," war sein Kommentar.
"Sie beherrschen die Technik", fuhr er fort,(Leerfeld)"doch Ihrem Strich fehlt das Leben, die Brillianz (Brillanz)." Ich antwortete, das k├Ânne ich bei richtiger Anleitung hier auf dem Konversatorium (Konservatorium) sicher noch lernen?
Leider, wurde ich beschieden, gehe das nicht. Es st├Ąnden nicht gen├╝gend Studienpl├Ątze zur Verf├╝gung. Die wenigen, die man habe, seien f├╝r wirkliche, junge Begabungen reserviert. Au├čerdem sei ich zu alt, meinen Stil grundlegend zu ├Ąndern.
Meine Ent├Ąuschung (Entt├Ąuschung) war gro├č, aber entmutigt war ich nicht. Es gab damals die ersten Tonb├Ąnder, und so kaufte ich einen Apparat, der jetzt mein kritischer Zuh├Ârer wurde. Ich fand schnell heraus, was die Herren Pr├╝fer gemeint hatten. Damals begann ich, Oistrach und Menuhin immer und immer wieder nachzuspielen. Ich bespielte ein ganzes Band in deren Manier.
Herr Wittig, der ├╝ber seinen Reparaturdienst mit dem Konservatorium verbunden war, bat einen der Pr├╝fer, sich das Band anzuh├Âren. Er gab vor, es von einem Kunden geschenkt bekommen zu haben, wisse jedoch nicht, wer die Interpreten seien. Der Pr├╝fer rief einige Kollegen hinzu, und man war einhellig der Meinung, es k├Ânne sich nur um Einspielungen Oistrachs und Menuhins handeln.
Meinem verletzten Stolz war Gen├╝ge getan. Mich als Urheber zu enttarnen(Komma) war ich leider nicht klug genug. Jugendlicher Trotz, w├╝rde ich heute sagen.
Hinzu kam, die Ereignisse in der Familie Wittig hielten mich zu sehr in Atem, als dass ich der ges├╝hnten Konservatoriums Schmach l├Ąnger gedacht h├Ątte. Rosie verheiratete sich wegen dringender Umst├Ąnde von heute auf morgen. Ihr Mann, ein abgebrochener Student der Betriebswirtschaft, wurde in seines Schwiegervaters Gesch├Ąft angestellt. Herr Wittig versicherte mir, dass mein Bereich unangetastet bleiben w├╝rde.
Gerald war in meinem Alter. Zu Anfang f├╝gte er sich reibungslos in den Ablauf unserer t├Ąglichen Routinen. Er lie├č sich erkl├Ąren, h├Ârte zu, hielt sich ganz im Hintergrund.
Eines Tages, er war Zeuge geworden, wie ich einer ehrgeizigen Mama vom Kauf eines Pianos f├╝r ihren Spr├Â├čling (Spr├Âssling) abriet, fragte er, ob ich auch den Umsatzausfall in Rechnung stelle, der meine Vorgehensweise verursache?
Ich erkl├Ąrte ihm die auf Dauer gerichtete Strategie, konnte meine Darlegungen mit Verk├Ąufen bis nach D├╝sseldorf, Aachen, Frankfurt, ja M├╝nchen(Komma) untermauern. Kunden, die auf Grund von Empfehlungen kamen, auf unsere Redlichkeit bauend. Gerald h├Ârte sich das an, ├╝berzeugt war er nicht.
Nach einigen Monaten kam es ganz aus heiterem Himmel zu einem Auftritt mit Herrn Wittig.
Ich war dabei, einem kleinen M├Ądchen die Bogenhaltung, die sie beherrschen musste, um ihre Geige zu spielen, wieder und wieder zu korregieren (korrigieren). Gerald sa├č an seinem Schreibtisch im Hintergrund des Verkaufsraums. Ein Kunde betrat den Laden. Als Gerald sich nicht r├╝hrte, rief ich zu ihm r├╝berkein Absatz)
"Gerald, Kundschaft!" und widmete mich wieder meiner kleinen Virtuosin.
Sp├Ąter rief Herr Wittig mich zu sich in die Werkstatt. Gerald sa├č auf der Werkbank und lie├č die Beine ins Leere baumeln.
"Otto,(kein Komma)"(Komma) begann Herr Wittig.(Leerfeld)"Otto, wir haben uns in unserer langj├Ąhrigen Zweisamkeit Dinge angew├Âhnt, die der Korrektur bed├╝rfen. Wir sind nicht mehr zu zweit."
"Das stimmt,(kein Komma)"(Komma) entgegnete ich, "was st├Ârt Sie?"
Anstelle meines Chefs antwortete Gerald.
"Zuerst einmal bist du f├╝r den Verkauf zust├Ąndig,(kein Komma)"(Komma) fauchte er mich an.(Leerfeld)"Du, der das meiste Geld hier wegschleppt."
Im weiteren Verlauf der Unterredung, die mehr und mehr zu feindlicher Kontroverse wurde, ging es um meine umsatzsch├Ądliche (Umsatzsch├Ądigende), untragbare Verkaufstaktik und um meine Provisionen, die in keinem Verh├Ąltnis zu meinen Leistungen st├╝nden.
Ich wehrte mich, appelierte (appellierte) an Herrn Wittig, fand aber keine Unterst├╝tzung.
Am n├Ąchsten Tag wurde mir ein Vertrag vorgelegt, der meine T├Ątigkeit auf die eines Handlungsgehilfen mit entsprechendem Gehalt reduzierte. Ich weigerte,(kein Komma)
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Korrekturvorschl├Ąge: (2.Teil)

mich(Komma) den Vertrag anzunehmen. Unterschreiben oder K├╝ndigung, war die Alternative.
"K├╝ndigen Sie mir, und mein Zeugnis, bitte,(kein Komma)"(Komma) meine Antwort.

Am n├Ąchsten Morgen wurde mir Zeugnis und K├╝ndigung ausgeh├Ąndigt, und das Betreten des Ladens verboten. Es gab eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht, die f├╝r Herrn Wittig sehr teuer wurde. Nur was half mir das, ich war totungl├╝cklich (todungl├╝cklich) . Der Laden und meine T├Ątigkeit dort war mein Leben gewesen, Herr Wittig Vaterersatz.
Ich stellte mir vor, wie Rosie und Gerald dem armen Wittig zugesetzt haben mussten, um ihn zu solch perfidem Verhalten gegen mich zu bewegen. Sicher tat das Baby, das Rosie zur Welt gebracht hatte, ein ├╝briges (├ťbriges), den alten Mann zu verblenden. Wer wei├č, was die noch ausheckten?
Das wurde mir zur fixen Idee. Wittig retten und Gerald vernichten! Ich hatte auch ein Konzept. Ich setzte mich mit dem urspr├╝nglichen Zeugnis von Wittig - das Arbeitsgericht hatte verf├╝gt, dass mir ein meiner T├Ątigkeit gerecht werdendes, geschrieben wurde - jeden Tag, an dem die Sonne schien, vor den Laden.
Kunden kamen, sahen mich, fragten, ich berichtete. Zeigte mein ├╝rspr├╝ngliches , miserabeles (miserables) Zeugnis, erntete Verst├Ąndnis f├╝r mich, Unverst├Ąndnis f├╝r Wittig.
Was besonders ins Gewicht fiel, im Laden fand keine Beratung mehr statt. Sachkundige Gespr├Ąche wurden nicht mehr gef├╝hrt. Kein Partiturverkauf, Partituren waren Wittig und Gerald,(kein Komma) B├╝cher mit sieben Siegeln. Kunden verlie├čen kopfsch├╝ttelnd den Laden, beklagten sich bitter bei mir. Was bei Wittig geschehen, verbreitete sich in Windeseile durch die Kundschaft. Kamen fr├╝her zehn, f├╝nfzehn Kunden pro Tag, so waren es bald nur noch zwei, drei.
Gerald stand finster br├╝tend am Fenster und fixierte mich stundenlang. Ich f├╝r meinen Teil war zufrieden, wartete eigentlich nur darauf, das (dass) Herr Wittig k├Ąme und sich mit mir vers├Âhnte. Leider kam es anders.
Eines morgens (Morgens) schellte es an meiner Wohnungst├╝r. Ich ├Âffnete, ein Herr stand vor der T├╝r, stellte sich vor: Kommissar Leicht, Kriminalpolizei. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte.
Ich bat den Beamten(Komma) einzutreten. "Haben Sie uns nicht erwartet?"(Komma) fragte der.
"Wie sollte ich?"(Komma) meine Antwort.
"Gerald B├Ąumer ist tot. Ermordet, erschlagen!" Ich setzte mich. Mir blieb die Spucke weg.
"Ja, Herr Knechties,(kein Komma)"(Komma) sagte der Polizist, "Sie geh├Âren zum Kreis der Verd├Ąchtigen. Ein Motiv h├Ątten Sie, vielleicht aber auch ein Alibi? Wo waren Sie gestern abend (Abend) zwischen zehn und zw├Âlf?"
"Hier, in der Wohnung, wo sonst. Ich bin abends immer zuhause (zu Hause) und ├╝be."
"Freundin, Bekannte, irgendwer, der das best├Ątigen kann?"(Komma) kam die n├Ąchste Frage.
"Nein, ich lebe allein, mein einziges Hobby ist das Violinspiel und Konzertbesuche."
"Herr Knechties! Sie haben den Laden vergessen, Herrn Wittigs Laden, aus dem B├Ąumer sie verdr├Ąngt hat, war der nicht auch Ihr Hobby?"
"Das war er (es) , Herr Kommissar, will ich nicht leugnen."
"Sehen Sie, das meinte ich mit Motiv."
"Mein M├╝tchen an ihm zu k├╝hlen, Herr Kommissar,(kein Komma)"(Komma) entgegnete ich, "dazu musste ich ihn nicht umbringen, das habe ich eleganter bewerkstelligt."
"Haben wir schon herausgefunden, wie Sie das gemacht haben, Wittigs Umsatz tendiert gegen Null. Vielleicht gen├╝gte Ihnen das nicht? Vielleicht wollten Sie mehr. Hass ist ein b├Âser Berater, Herr Knechties,(kein Komma)"(Punkt) Kommissar Leicht sah mich bei dieser Unterstellung durchdringend an.
"Darf ich fragen, Herr Kommissar, wie und wo B├Ąumer umgebracht worden ist?"
"Sicher, an seinem Schreibtisch, mit einem Hammer aus Wittigs Werkstatt erschlagen. Keine Fingerabdr├╝cke an der Tatwaffe. Haben Sie einen Schl├╝ssel zum Laden?"
"Nein, nicht mehr, habe ich abgegeben, als ich entlassen wurde."
"Keinen zweiten Schl├╝ssel anfertigen lassen?"
"Warum sollte ich?"
"Ich frage nur, die Kripo fragt und erwartet Antwort. Sie sind also sicher, keinen Schl├╝ssel mehr zum Laden zu haben?"
"Ganz sicher, ich habe meinen Schl├╝ssel zur├╝ckgegeben, Herr Wittig wird das best├Ątigen."
"Eine Quittung ├╝ber die R├╝ckgabe haben Sie nicht vorzuweisen?"
"Nein, ich habe den Schl├╝ssel vor Herrn Wittig auf den Schreibtisch gelegt, als ich meine Papiere abholte. Hier der Ladenschl├╝ssel, hab ich gesagt und vor ihn hingelegt."
"Gut, nun noch mal zum Alibi. Sie sind sicher, niemand kann f├╝r die fragliche Zeit zwischen zweiundzwanzig und vierundzwanzig Uhr best├Ątigen, Sie hier in der Wohnung oder sonst(getrennt)wo gesehen zu haben?"
"Da bin ich sicher, ja."
"Geh├Ârt? Kann Sie jemand geh├Ârt haben?"
"Geh├Ârt, ja. Die Nachbarin, Frau Schlunk, k├Ânnte mich spielen geh├Ârt haben."
"Hat Frau Schlunk Ahnung von Musik?"
"Bestimmt, ├╝berdurchschnittlich viel Ahnung. Frau Schlunk ist ein Gl├╝cksfall f├╝r mich, sie h├Ârt gern zu, auch durch die Wand."
"Da sind wir ein St├╝ck weiter. Wenn Frau Schlunk Sie geh├Ârt hat, vielleicht auch aussagen kann, was Sie geh├Ârt hat, w├Ąre das nicht schlecht f├╝r Sie."
"Herr Knechties,(kein Komma)"(Komma) fuhr Leicht fort,(Leerfeld)"ich mu├č (muss) Sie bitten, mitzukommen. Sie sind nicht verhaftet, wir m├╝ssen nur ohne Beeinflussung durch Sie Frau Schlunk vernehmen und bei Ihnen eine Haussuchung vornehmen, um sicherzustellen, dass kein weiterer Schl├╝ssel zum Laden in Ihrem Besitz ist."
"Glauben Sie, Herr Komissar, ich h├Ątte den Schl├╝ssel nicht l├Ąngst weggeworfen, wenn ich die Tat begangen h├Ątte?"(Komma Leerfeld)fragte ich.
"Man wei├č nie, Herr Knechties. T├Ąterverhalten ist oft sehr merkw├╝rdig."
Ich ging mit aufs Revier, wurde freundlichst behandelt. Man gab mir eine Zeitung und sperrte mich in eine Arrestzelle. Nach einigen Stunden, so gegen Nachmittag, holte man mich raus. Der freundliche Kommissar fragte, was ich zur fraglichen Zeit auf meiner Violine gespielt habe.
"Das Violinkonzert von Mendelsohn Bartoldy, den Part der ersten Geige,(kein Komma)"(Komma) antwortete ich.
"Stimmt, Herr Knechties, best├Ątigt auch Ihre Nachbarin Frau Schlunk. Was die Sache entwertet, auf dem Plattenteller Ihres Abspielger├Ąts liegt eben diese Platte. Frau Schlunk sagt aus, dass sie nat├╝rlich wisse, der Plattenspieler laufe mit, dass Sie jedoch die erste Geige synchron spielten. Das entwertet leider Ihre Aussage total, Ihr Alibi ist futsch. Was erschwerend hinzukommt, Knechties, wir haben einen Ladenschl├╝ssel in Ihrer Wohnung gefunden, in Ihrem Schl├╝sselkasten, zusammen mit anderen Schl├╝sseln. Wir haben schon probiert, der Schl├╝ssel passt.
Was ich Ihnen noch nicht verraten habe: Es gibt keinerlei Anzeichen f├╝r unbefugtes Eindringen in Wittigs Laden. B├Ąumer wurde an seinem Schreibtisch von einem T├Ąter erschlagen, der sich ohne Gewaltanwendung Zugang verschaffen konnte. Jemand mit Schl├╝ssel.
Herr Knechties, ich verhafte Sie wegen des dringenden Verdachtes, der M├Ârder des Gerald B├Ąumer zu sein."

Ich nahm mir einen Anwalt. W├Ąhrend der Verhandlung nahm er Wittig und Rosie ins Kreuzverh├Âr, denn beide h├Ątten ebenso gut wie ich B├Ąumer erschlagen k├Ânnen.
Was sie mir voraus hatten(Komma) war ihr Alibi. Sie waren zusammen in der Wohnung. B├Ąumer sei nur eben in den Laden gegangen, um eine Unterlage zu suchen, und nicht wiedergekommen. Einige Telefonanrufe, die sie entgegengenommen hatten, best├Ątigten ihre Anwesenheit, was an sich aber belanglos f├╝r ihr Alibi war. Entscheidend aber war, das Gericht unterstellte, sie h├Ątten kein Motiv.
Ich hatte ein Motiv, den Schl├╝ssel und kein Alibi. Mein Verhalten vor dem Mord untermauerte die Vermutung eines nicht zu b├Ąndigenden Hasses auf B├Ąumer. Zusammen mit dem verheimlichten Schl├╝ssel addierte sich Hass und Heimt├╝cke zu lebenslangem Gef├Ąngnis.
Meine Einlassung, ich h├Ątte den Schl├╝ssel vor Jahren verlegt, dieses Herrn Wittig berichtet und einen neuen Schl├╝ssel erhalten, wurde von Wittig nicht best├Ątigt.
Ich kam in die Haftanstalt Werl. Die ersten Jahre lie├čen mich st├Ąndig hart am Selbstmord vorbeischlittern. Was mich am Leben erhielt(Komma) war meine Unschuld und die Musik. Die vielen Partituren, in die ich mich in den letzten zehn Jahren vertieft hatte, standen auf, erhoben sich in mir, wurden instrumentlose, lebendige Musik in meinem Inneren, lie├čen die Zeit zur Belanglosigkeit schrumpfen.
Gew├Âhnung trat ein. Beziehungsm├Ârder sind in den Anstalten beliebt, weil ungef├Ąhrlich. Kaum je wieder w├╝rde sich eine Konstellation in ihrem Leben ergeben, wie die, die sie zu T├Ątern werden lie├č.
Ich arbeitete in der Schreinerei und baute mir in der Freizeit eine Geige. War ├Ąu├čerst schwierig, dies mit dem Prinzip Versuch und Irrtum hinzukriegen. Als die Geige endlich fertig war und ich sie mit erstem Spiel einweihen wollte, lie├č der Direktor mich rufen.(Leerfeld)"Ich will miterleben, wie meine Anstalt Geigenbauanstalt wird,(kein Komma)"(Komma) scherzte er.
Ich w├Ąhlte, wie konnte es anders sein, das Mendelsohnsche Violinkonzert, spielte den Part der ersten Geige. Als ich fertig war, stand ich vor einem sprachlosen Direktor.

"Knechties, sie sind ein Genie,(kein Komma)"(Komma) stotterte er. "Ein solcher K├╝nstler in meinem Hause! Niemand hat es geahnt! Wie lange sind Sie schon bei uns? Was, acht Jahre erst? Herrlich! Da haben wir ja noch ganz viel von Ihnen! Mensch, Knechties, das organisiere ich, nein, meine Frau nat├╝rlich!
Hier in Werl, wo wirklich Kultursteppe ist, sowas! Sie k├Ânnen oft raus, man wird sich um Sie rei├čen. In Hamm gibt es einen Konzertverein, die tun sich schwer, erstrangige K├╝nstler zu engagieren. Wer will schon in Hamm konzertieren?
Die m├╝ssen Ihnen, ganz klar, Honorar zahlen. Auszahlen kann ich Ihnen nur eine kleine Summe pro Monat, aber den Rest legen wir gut an. Wenn ihre Haft zu Ende ist, kommt Ihnen das sicher gelegen."

So vergingen vier weitere Jahre meiner Gefangenschaft, die ich dank des Engagements des Direktors f├╝r meine Kunst kaum als beschr├Ąnkend empfand. Ich trat in Soest, in Hamm, in M├╝nster und Dortmund auf, immer incognito, was Spekulationen ├╝ber meine Identit├Ąt ins Kraut schie├čen lie├č. Keine Feier des Gef├Ąngnispersonals, Hochzeiten, Konfirmationen, Lossprechungen und alle erdenklichen Ehrungen, die B├╝rger einander antun, die ich nicht mit meiner Musik untermalt h├Ątte.
Dann, es traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, starb mein G├Ânner.
Sein Nachfolger, ein stockkonservativer enger Zuchtmeister im schlimmsten Sinne, strich meine s├Ąmtlichen Privilegien. Sogar das Spielen in meiner Zelle wurde mir genommen, es st├Âre die Ruhe, befand er.
Es half auch nicht, dass von au├čen, bis zum Ministerium alles unternommen wurde, mich f├╝r das kulturelle Leben der Stadt zu reklamieren. Die n├Ąchsten drei Jahre war ich wieder ein normaler Strafgefangener. Doch dann kam die Wende!
Herr Wittig verstarb, seinem Testament war ein Gest├Ąndnis beigelegt. Wittig beschrieb minuti├Âs, wie er die Tat begangen hatte.
H├Ątte die Polizei nicht von Anfang an mit zweierlei Ma├č gemessen, Wittig und seine Tochter ordentlich vernommen, w├Ąre es nicht so ohne weiteres zu meiner Verurteilung gekommen.
Wittig hatte seinen Schwiegersohn ins B├╝ro geschickt, um eine Akte zu holen. Das Schriftst├╝ck hatte er so versteckt, dass es nicht schnell zu finden war. Er selbst ging angeblich zur Toilette, in Wirklichkeit schlich er sich hinter seinen die Akte suchenden Schwiegersohn und erschlug ihn.
Er hatte nicht beabsichtigt, mir die Tat in die Schuhe zu schieben, schrieb er, vielmehr wollte er sich, nachdem B├Ąumer beseitigt war, mit mir auss├Âhnen.
Wie er sich das vorgestellt hat, blieb sein Geheimnis.
Einen Monat sp├Ąter war ich frei. Haftentsch├Ądigung konnte ich keine beanspruchen, das Gericht hatte mich in gutem Glauben verurteilt."

Nachdem ich geendet hatte, war erst einmal Stille. Marten fing sich als Erster, r├Ąusperte sich und fragtekein Absatz)
"Als Sie sich am Konservatorium bewarben, man Sie abwies, konterten Sie doch nach kurzer Zeit mit den neu eingespielten Tonb├Ąndern al├á Menuhin und Oistrach, und die Gutachter erkannten nicht, dass weder Menuhin noch Oistrach die Urheber waren?"
"Nein, jedenfalls hat mir Herr Wittig so berichtet."
"Hat Wittig Ihnen gesagt, wer die Gutachter waren?"
"Ja, Herr Marten, Sie waren der Gutachter, der mich zur├╝ckwies, und auch einer der Herren, die mein Spiel f├╝r das der beiden Virtuosen hielt."
Marten senkte den Kopf. "Kein Ruhmesblatt f├╝r mich,(kein Komma)"(Komma) gestand er,(Leerfeld)"leider, aber nicht zu ├Ąndern. Fragen m├Âchte ich aber doch, warum sind Sie nach der gelungenen T├Ąuschung nicht vor uns getreten und haben Ihr Recht gefordert.(besser Fragezeichen)"
"Ja, mein Recht, Herr Marten, erst einmal wusste ich nichts von meinem Recht. Weiter war ich au├čerordentlich unsicher, f├╝rchtete Pr├╝fungen, denen mein autodidaktisches K├Ânnen, wie ich glaubte, nicht gewachsen sein w├╝rde. Nicht zu vergessen die Komplikationen mit Wittig.
Nach dem Rausschmiss und meinem gelungenem (gelungenen) Rachefeldzug h├Ątte ich sicher noch einmal vorgesprochen, davon gehe ich aus, nur dazu konnte es nicht kommen, wie Sie wissen."
"Herr Knechties,(kein Komma)" Epstein sah mich traurig aus seinen gro├čen braunen Augen an,(Leerfeld)"wie lange sind Sie wieder frei?"
"Ein Jahr, warum?"
"Haben Sie nie daran gedacht (kein Leerfeld),(Leerfeld)sich zu wehren, Ihr Lebensrecht zu fordern? Sie haben diese vielen Jahre unschuldig abgesessen, wollen Sie nicht aufstehen und zu Leben (leben) beginnen?"
"Es ist nicht so, dass ich nicht gelebt h├Ątte, Herr Epstein,(kein Komma)"(Komma) wehrte ich mich.(Leerfeld)"Wie soll ich das erkl├Ąren? Ich habe nie so gelebt, wie junge Leute das tun. Meine einzige Leidenschaft war die Musik. Das Gef├Ąngnis war, nachdem ich mich beschieden, meine Unschuld in Lebenskraft verwandelt hatte, wie ein Kloster f├╝r mich. Nie vorher und nacher (nachher) war es mir verg├Ânnt, so intensiv eins zu werden mit den Werken MozartÔÇÖs, SchubertÔÇÖs, BeethovenÔÇÖs und BrucknerÔÇÖs (keine Apostroph). Die Partituren ihrer grossen (gro├čen) Werke, jede einzelne Note kennt mein Ged├Ąchtnis, habe ich genossen und bearbeitet, bearbeitet und genossen. Mein Lebensrecht einfordern will ich nicht als interpretierender K├╝nstler, ich will formen, sch├Âpfen, schaffen. Mit einem Wort(Komma) dirigieren!"
"Das werden Sie!" Marten st├╝rzte auf mich zu, zog mich an sich und wiederholteLeerfeld)"Das werden Sie, so wahr ich Ernst Marten hei├če."
Da stand ich, umarmt von dem Menschen, der, w├Ąre er ein wenig sensibler gewesen, meinem Leben ├Ąu├čeren Erfolg h├Ątte bescheren k├Ânnen.

Ob ich geworden w├Ąre(Komma) wie ich heute bin, Musik einziges Gl├╝ck, Quell unsagbarer Daseinsfreude? ich (Ich) glaube es nicht. Keine Nacht vergeht, ohne dass ich nicht voll Sehnsucht der kl├Âsterlichen Abgeschiedenheit meiner Zelle in Werl nachtraure. Der st├Ąndige L├Ąrm, das Klopfen, Schreien, Kratzen, Schaben, Fluchen, Br├╝llen, der die Anstalt unabl├Ąssig erf├╝llte, drang nie in mein Inneres vor.
Ich konnte mit schreien, mit br├╝llen, manchmal gingÔÇÖs nicht anders, um zu ├╝berleben, doch es drang nicht durch zu mir. Prallte ab an der Schale meiner inneren Zelle, in der ich unverletzbar hauste.
Selbst nachdem meine Privilegien gestrichen worden waren, traf mich das nicht wirklich, hatte ich doch jetzt wieder die Mu├če, mich v├Âllig in eine Partitur zu versenken, sie zu studieren, zu versuchen, mich in die Seele ihres Sch├Âpfers zu stehlen, teilzunehmen am Prozess ihres Werdens.

Jetzt versprach mir Marten, und ich zweifelte nicht am Ernst seiner Worte, die Erf├╝llung eines Wunschtraums. Ich w├╝rde vor einem Orchester stehen, meine Sicht von Musik den Menschen vermitteln d├╝rfen. Wunsch w├Ąre erf├╝llt, Traum Realit├Ąt. Doch die Wirklichkeit, der Alltag, wie ging ich damit um? Vielleicht w├╝rde die Schale zerbrechen, das Gespinst des Kokons zerrei├čen, in dem ich so trefflich behaust war?
Wie w├╝rde ich absehbare Kritik verkraften, die meine Interpretationen zerpfl├╝cken (zerpfl├╝ckt), wenn nicht gnadenlos verrei├čen w├╝rde. Wie war meines G├Ânners Ohr beschaffen? Hatte er nicht schon bewiesen, wie wenig einf├╝hlsam, oder milder, der Konvention der allt├Ąglichen Auffassung verhaftet er war? W├Ąre er wirklich in der Lage, mich zu st├╝tzen, zu mir zu stehen? Fragen kann ich ihn nicht, fragen kann ich nur mich, und ich wei├č keine Antwort.

Ich l├Âste mich behutsam aus seiner Umarmung, erkl├Ąrte ihm, wobei ich mit einem Blick die ├Ąrztliche Unterst├╝tzung seiner Tochter einwarb, es w├Ąre ganz einfach zu viel f├╝r mich, jetzt und hier eine Entscheidung, gleich welcher Art(Komma) zu treffen.
"Wie meinen Sie das, gleich welcher Art?"(Komma) fragte Marten.
"Lieber Herr Marten, es betrifft alle Ihre hochherzigen Angebote, auch das(Komma) bei Ihnen zu wohnen. Bitte verstehen Sie meine Situation. Sie sehen mich h├Ąngen,(kein Komma) zwischen Armenk├╝che und Amati! So schnell verkrafte ich das nicht!"
"Vater,(kein Komma)"(Komma) schaltete Lena sich ein,(Leerfeld)"sei bitte vorsichtig! Herr Knechties muss seine Situation verdauen. Best├╝rme ihn nicht! Gute Nachricht kann ebenso stressig sein wie schlechte. Ganz besonders, wenn eine Psyche alles von Au├čen kommende als schlecht erfahren hat. Er wei├č, was er an dir hat, lass ihn sich finden!"
"Danke, Frau Lena,(kein Komma)" ich (Ich) nahm ihre Hand,(besser Punkt) "Sie treffen ins Schwarze, ich brauche Zeit und m├Âchte Sie alle bitten, mich jetzt gehen zu lassen. Es war ein bemerkenswerter Tag f├╝r mich, sicher der absonderlichste meines Lebens. Ich melde mich, sobald ich Land sehe." Ich verabschiedete mich, und das warÔÇÖs.
Die Konsequenz meines jetzt schon, noch in der Minute des Weggehens unwiderruflichen Entschlusses, war klar. Nie Amati, Dirigieren, atemlose Bewunderung. Doch auch nie abh├Ąngig, immer ich sein! Meine in bittersten Stunden erworbene F├Ąhigkeit, Musik und Gl├╝ck als eins zu empfinden, bewahren. Wie(getrennt)viel Zeit verl├Âre ich beim Verbeugen, Bedanken und Wichtigsein. War das Hochmut? Musste ich pr├╝fen. Wenn es Hochmut war, dann gegen├╝ber Dingen. Habe nie, auch nicht vor dem Gef├Ąngnis, mit Dingen gelebt. Musik ist mein Leben.

Karl, jahrelang mein Zellennachbar, kochte im Geist. Kochb├╝cher lesen und schmecken, (setze erst das schmatzen, sonst schmeckt er die B├╝cher) schmatzen, Duft von nur in seiner Vorstellung Gebratenem, Gesottenem oder Gekochtem, mit geschlossenen Augen tief einatmen, mir dabei erz├Ąhlen, was er schmeckte, roch. Erz├Ąhlen, wie er den Raum, in dem aufgetragen w├╝rde, geschm├╝ckt hatte. Welche Blumen er ausgesucht, nach Farbe und Form. Welche Tischw├Ąsche, welches Tafelsilber. Es beschreiben mit allen Nuancen, wenn es ein Men├╝ zu besonderem Anlass war: Mei├čen. Ich kann nur unvollkommen wiedergeben, wie er Besteck, Tischw├Ąsche und Mei├čen beschrieb. Rosen, Veilchen, schimmerndes Porzellan, Goldrand, gediegene Henkel und Deckelkn├Âpfe. Konnte mich nicht mitnehmen lassen in sein Fantasieland der vorgestellten Gen├╝sse. Mitgerissen hat mich die Verkl├Ąrung dieses seit bald zwanzig Jahren wegen Raubmordes b├╝├čenden Heiligen. Seine Kraft, sein unbeugsamer Entschluss, Mensch zu bleiben, dessen Vehikel die Kochb├╝cher waren. Karl sprach nie von Zukunft, weil er keine wollte. Im Moment der Entlassung w├╝rde sein Mei├čen zerbrechen, seine Tischw├Ąsche beschmutzt, sein Tafelsilber verloren sein. Als er wegen guter F├╝hrung und g├╝nstiger Prognose entlassen werden sollte, h├Ąngte er sich auf.

Ich bin drau├čen, komme zurecht, muss mich ein wenig mehr um mich k├╝mmern. Muss nahrhaft und regelm├Ą├čig essen. Darf nicht in der Stadt bleiben, nicht in K├Âln. Werl oder Soest k├Ânnten passen. Bei Hochzeiten aufspielen, im ├Ârtlichen Musikverein dabei sein. Es gab die Hilfe f├╝r Ehemalige. Hatte ich in meiner Verwirrung nach der Entlassung alles ausgeschlagen. So konnte ein bescheidener Anfang aussehen, der immer bescheiden bleiben sollte.
Meine paar Sachen hatte ich schnell gepackt. Als ich mich von der Leiterin des Heims verabschiedete, drang die noch einmal in mich: "Essen, Herr Knechties, gesund und regelm├Ą├čig essen. Bei Ihrer bescheidenen Lebensf├╝hrung ohne Rauchen und Trinken bleibt doch genug von der St├╝tze, um anst├Ąndig essen zu k├Ânnen. Hier haben Sie Ihr Sparbuch, da sind fast Zw├Âlftausend Mark drauf, warum verbrauchen Sie das Geld nicht?"
Jetzt, im Zug auf der R├╝ckfahrt nach Werl, ausgerechnet nach Werl, innerlich grinste ich. Werl! Aber K├Âln? Was war mir K├Âln? Kalt, laut und viel zu schnell. Wussten die Menschen ├╝berhaupt, was sie taten?
Einer sagte mir, als ich ihn fragte: "Wie meinst du das? Arbeiten muss man doch, sonst l├Ąuft nix. Nach der Arbeit nach Haus, bist (bis) du da bist, sind je nachdem, zehn, elf Stunden um. Ja und dann? Essen, mit en Fl├Ąsch Bier vor die Glotz, dat is et. Int Bett, die Frau kurz in de Arm, schon schellt der Wecker. Dat geht so, biste in Rente bist.(Anf├╝hrungszeichen)

Nicht mein Ding. Frau, brauchte ich eine Frau? Nach momentanem Empfinden, nein. Hatte mich nie an dem endlosen Gequassel ├╝ber Frauen beteiligt. Trieb, was war mir Trieb? Hatte ich im Griff, lebte in freiwilligem Z├Âlibat. Als erstes werde ich zum Lippert gehen, unserem Knastpfarrer. Mit dem konnte ich immer gut, der w├╝rde verstehen, was ich mit bescheidenem Leben meinte. Ein wenig bang ist mir schon, kenne Werl von meinen Auftritten. Die Stadt von Freig├Ąngen, die Hauptstrasse, das Schwimmbad, das Stadtcaf├ę, was sonst? Mehr erinnere ich nicht. Menschen? Nein, kaum Menschen.
Lie├č sich aber gut an. Pastor Lippert war noch immer Gef├Ąngnisgeistlicher. Habe ihm kurz geschildert, wie Freiheit f├╝r mich aussehen k├Ânnte, aber nicht sollte. Hat nicht gesagt, er verst├Ąnde das. Hat zugeh├Ârt, manchmal genickt. Seine Gl├Ąubigen sind die ohne Hoffnung, das f├Ąrbt ab.
"Ich h├Ątte einen Vorschlag, k├Ânnen Sie sich ├╝berlegen. Ich mu├č weg, bin gegen Abend zur├╝ck, bis dahin."
OK Pfarrer, erst mal danke. Er hat mir vorgeschlagen, bei ihm im Pastorat zu wohnen. Platz sei genug, hier haben fr├╝her vier Kapl├Ąne, Haush├Ąlterin, K├╝chenhilfen und ein Pastor gewohnt. Jetzt hause er hier allein. Gesellschaft sei ihm hochwillkommen.
Der Lippert und ich? K├Ânnte klappen. Ich mache die Hausarbeit, koche. Kann ich noch nicht, l├Ąsst sich aber lernen. Lippert k├Ânnt leicht zu Leuten Kontakte kn├╝pfen, die einen Spielmann brauchen. Hochzeiten, Geburtstage, Jubil├Ąen. Hatten wir alles schon. K├Ąme von der Sozialhilfe los, f├╝hlt sich schlecht an, die Abh├Ąngigkeit.
Wohne jetzt im Pastorat. Habe ein Schlafzimmer, nicht gr├Â├čer als eine Zelle, daran anschlie├čend Bad und Toilette, dazu ein Riesenwohnzimmer. Kostenpunkt: Null! Geht nicht auf Dauer, wenn ich verdiene, ist Miete f├Ąllig, sonst gibt es ├ärger mit der Di├Âzese.
Als ich einwilligte, bei ihm zu wohnen, meinte er: "Vorsicht, Otto, guck, ob es dir gef├Ąllt."
"Wird mir schon gefallen, Herr Pfarrer, bin Luxus gewohnt, Sie kennen meine langj├Ąhrige Bleibe."
"Ja, kenne ich, Otto, aber ansehen mu├č (musst) du die Bude. Noch was, ich bin der Klaus, lassen wir den Pfarrer im Knast, da kennt der sich aus."
Das war vor einem Jahr. Mittlerweile hab ich acht Kilo zugenommen und zahle Miete. Dreihundert Mark im Monat, warm, weil meine Hausarbeit gegen(getrennt)gerechnet wird. Der Klaus hat sich mit der Di├Âzese gefetzt wie ein Marktschreier, die wollten partout nichts wissen von unserem Arrangement.
"Ich begreife nicht, was die sich rausnehmen", hat er gest├Âhnt.(Leerfeld)"Nirgendwo ├╝be ich Demut so sehr wie vor unserer allchristlichsten B├╝rokratie. Das Haus steht seit Jahren leer, niemanden k├╝mmert das. Meine s├Ąmtlichen Vorschl├Ąge, eine kinderreiche, ergo arme Familie(Komma) hier mitwohnen zu lassen, abgeschlagen. Mein Einwand, ich f├╝hlte mich allein, Familienanbindung t├Ąte meiner Psyche wohl, ├╝berh├Ârt. Das viel zu gro├če Haus grunds├Ątzlich sozialvertr├Ąglich zu vermieten, unbeantwortet. Dabei herrscht Mangel an Priestern wie nie zuvor.
Ich bin Priester wie du Musiker. Nicht wegen Sicherheit oder Geld, da lachen die H├╝hner. Ich h├Ątte beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt, stiege ich aus. Aber meine Berufung, ich sehe das so, und die d├Ąmliche Di├Âzese haben nichts miteinander zu tun. Einem von den Leidenden im Bau geholfen zu haben, wenn auch nur f├╝r kurze Zeit, wiegt allen ├ärger auf".
Klaus hat mir Arbeit in F├╝lle verschafft. Ich bin jetzt steuerzahlender B├╝rger mit allen Rechten und Pflichten. Der Zustand, ├╝ber den jederman (jedermann) ohne Unterlass jammert, macht mich stolz. Es ist wie zu meines leider so pl├Âtzlich verstorbenen G├Ânners, des Gef├Ąngnisdirektors, Zeiten. Ich bin st├Ąndig ausgebucht. Dazu, ich wage es kaum zu denken, f├╝hle ich mich so anders wie nie! Klaus nennt diesen Zustand Gl├╝ck. Gl├╝ck, glaubte ich, w├Ąre mir nur die Musik, doch ich sehe freudig ein, Gl├╝ck ist wie eine Melodie, gesegnet mit nicht auslotbarem Spektrum.
Ein Partikel dieses Spektrums, nein zwei Partikel, zwei, sind Silva und ich. Silva ist vor zehn Jahren aus Bosnien nach Werl gekommen. Sie hat Asyl beantragt und erhalten. Ich habe sie nie gefragt, warum. Klaus sagteLeerfeld)"Frage sie nie! Sollte sie dir erz├Ąhlen wollen, nimm ihre Hand, h├Âr zu. Gib ihr so viel Sicherheit, wie du geben kannst. Sei ihr Freund, ohne Mann zu sein. F├╝r ihr Unbewu├čtes (Unbewusstes) sind M├Ąnner, ich kann es nicht ausdr├╝cken, sagte ich Tiere, ich w├╝rde die Kreatur beleidigen. Teufel w├Ąre das Wort, w├Ąren Teufel uns noch gegenw├Ąrtig als die Inkarnation des B├Âsen. Sie ist therapiert worden, sie kann leben. Du verstehst, Otto?"
Ich konnte ihm fest versprechen, wie sehr ich verstand.
Seitdem gibt es Silva. Sie besucht uns im Pastorat, ich lasse meine Violine die Liebe singen. H├Ârt sich kitschig an, ist aber so. Meine Geige spielt mich. Liebe. Mir ganz und gar unbekanntes Land. Terra incognita. Weite, horizontlose Weite, Unendlichkeit und doch so nah, ganz nah. Sehe Silva den St├╝rzen und Aufschw├╝ngen, dem Himmelsflug der T├Âne folgen, bin mit ihr, steige auf, sehe das nicht Sichtbare, f├╝hle uns verflochten in das gewaltige Rad der Sch├Âpfung. Nie k├Ąme mir ein verr├Ąterisches Wort ├╝ber die Lippen.

Der Teil, wo er seinen Lebenslauf erz├Ąhlt, k├Ânnte gek├╝rzt werden, der Teil danach k├Ânnte stellenweise noch st├Ąrker ausgearbeitet werden.
Versuche, die Querstriche herauszunehmen (haben sich oft bei Anf├╝hrungszeichen eingeschlichen).
Erkl├Ąrst du mir bitte, was ne Lossprechung ist? Das hab ich noch nie geh├Ârt, bin Ostberliner. lg

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Hallo Haarkranz,


diese Geschichte hat gegen Ende den Satz:

quote:
H├Ârt sich kitschig an, ist aber so.

Viel mehr ist dazu auch nicht zu sagen. Es werden viele Versatzst├╝cke bem├╝ht, f├╝r mich ├Ąrgerlich ist

quote:
Sanft aber beharrlich die C-Saite solange streichen, bis sie klingt. Streichen nicht kratzen.


Weil eine Geige mit einer C-Saite musst Du erst erfinden.

Und sag jetzt bitte nicht, ach so.

Ersch├╝ttert

G.


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