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Leselupe.de > Erzählungen
Die Geschichte meines Bruders
Eingestellt am 10. 03. 2012 22:37


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Ma.Fia.
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2012

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Die Geschichte meines Bruders

„Er hat schon wieder jemanden gefunden…“ Steve, der bullige, kahlköpfige Barkeeper mit den unzähligen Tattoos und der vom Whyskey und Zigaretten angegriffenen Stimme, hob seine Augenbrauen und sein Blick ging an das andere Ende der Kneipe. Dort, in der hintersten Ecke, saß Mike mit einem Unbekannten.
Mike kam seit acht Monaten jeden Tag hier her und trank Cola oder Wasser. Nur manchmal trank er ein Bier. „Ist doch gut wenn er immer wieder andere findet die er voll labern kann. Dann müssen wir uns nicht immer diesen Mist anhören“, sagte Jason, der mit einem Kumpel bei Steve an der Bar saß und an seinem Bier nippte.

Die Kneipe öffnete jeden Abend um fünf Uhr. Mike war jedoch meist schon um vier Uhr vor der Tür. So war es auch heute, an diesem verregneten Samstag. Die Kneipe war heute nicht gut besucht. Heute nicht und auch sonst nicht. Die Gegend war trist und öde und die Meisten zogen von hier weg. Die, die geblieben waren, gingen Samstags lieber in Restaurants oder fuhren ein paar Kilometer weiter in die Stadt oder blieben in ihren schäbigen Wohnungen.
Aus wirtschaftlicher Sicht hätte Steve, der Barkeeper und gleichzeitig auch Inhaber der Kneipe mit dem Namen „Steve´s Oase“ war, längst den Laden dicht machen müssen. Das Plus am Ende des Monats wich immer öfter einem dicken Minus. Doch er wollte seine paar Stammgäste nicht betrüben. Für die war es wirklich eine Oase. Zu diesen Stammgästen zählte auch Mike. Den Gedanken Mike Hausverbot zu erteilen hatte Steve schon öfter, doch Mike trank viel. Sehr viel. Dies bedeutete jeden Tag eine sichere Einnahme. Und immer mal verliefen sich unbekannte Gesichter in die Kneipe.

Die meisten waren nur auf der Durchreise und machten hier eine Pause. So auch der Mann mit der ledernen Weste und dem braunen Hut. Er saß mit Mike am hintersten Tisch und sie unterhielten sich. Wenn man sich mit Mike unterhielt bedeutete das, dass er sprach und sein gegenüber zuhörte.

„Der kommt jetzt seit, ich glaube sieben oder acht Monaten jeden Tag hier her und erzählt jeden Tag seine gleiche Geschichte. Zum Glück kam heute dieser Typ rein. Jetzt kann der sich den kram anhören“, sagte Jason zu seinem Kumpel, der heute zum ersten mal in der „Oase“ war.
„Immer geht es um seinen Bruder, seinen Bruder, seinen Bruder. Ich kann es echt nicht mehr hören“, fuhr er fort und nahm darauf hin einen großen Schluck aus seiner Bierflasche.
Steve sah Jason schon fast bemitleidenswert an, als Mike plötzlich laut anfing zu lachen. „Jetzt ist er gerade an der Stelle, wo er und sein Bruder die Äpfel aus dem sechsten Stock geworfen haben,“ sagte Jason mit genervter Stimme und drehte sich wieder zu Steve um.

„Wir warfen und warfen und duckten uns immer weg wenn die Leute zu uns hoch blickten. Das war ein Spaß kann ich Ihnen sagen. Bis mein Bruder dann mal herunter schaute und in die entsetzten Augen unseres Onkels sah. Da war der Spaß vorbei kann ich Ihnen sagen. Wir hatten erst überlegt alles zu leugnen und zu behaupten, dass es andere Kinder waren. Aber es wäre Quatsch gewesen, unser Onkel hat uns ja gesehen. Wir waren schnell zurück in die Wohnung unseres Onkels gelaufen. Und dann kam er. Es setzte Ohrfeigen und die Ohren hat er uns lang gezogen und erklärt was passiert wäre, wenn wir die Leute mit den Äpfeln getroffen hätten. Es war natürlich ein blöder Streich.“Mike sah den Unbekannten mit dem Blick an, mit dem er auch damals seinen Onkel ansah: Wie einen Hund den man beim anknabbern der Couch erwischt hatte.
Der Unbekannte drehte seinen Oberkörper Richtung Bar und bat Steve an den Tisch zu kommen.

„Der hat die Schnauze voll“, schnaubte Steve.
„Siehst du, wieder ein Gast den Mike vergrault hat“, meinte Jason
Steve ging zu dem Tisch und sah nun deutlicher als von der Bar aus, dass der Unbekannte sich scheinbar köstlich amüsierte.
„Bringen sie uns bitte jeweils vier Flaschen Bier. Und können sie die Schale mit den Erdnüssen voll und die Aschenbecher leer machen?“
Steve nickte und ein „Selbstverständlich“ kam aus seinem Mund. Die Kneipe war total vernebelt von dem ganzen Qualm und das Licht war sowieso immer sehr trüb. Deswegen konnte er den fröhlichen Gesichtsausdruck des Unbekannten von der Bar aus nicht sehen.
Mike sah Steve voller Genugtuung an und lächelte um dann gleich fortzusetzen: “Mein Bruder meinte dann zu unserem Onkel, dass es seine Idee war und er doch mehr Ärger bekommen sollte als ich, obwohl es unsere gemeinsame Idee war. Aber so war er halt, hat meist die Schuld auf sich genommen um andere zu schützen.“

Mike erzählte noch so manche Begebenheit und was sie so alles schönes und spannendes erlebt hatten, als seine Stimme plötzlich von fröhlich munter zu traurig betrübt umschlug.
Die acht Bierflaschen waren schon leer, die Erdnussschale auch und der Aschenbecher wieder voll, als Mike sagte: „Und so ein Herzensguter, lieber und gutmütiger Mensch wie mein Bruder, bekommt so vom Leben eins auf die Fresse.“

Jason und sein Kumpel waren seit eineinhalb Stunden schon weg und Steve hatte nur noch Tom der vor kurzem kam und nun am Tresen saĂź.
„Die zwei wollen was von dir“, sagte Tom zu Steve der gerade die frisch gespülten Schnapsgläser in das Regal hinter sich einräumte.
Steve lief wieder zu Mike und dem Unbekannten und nahm die nächste Bestellung auf: Vier Bier für jeden, eine volle Schale Erdnüsse und ein leerer Aschenbecher.

„So lange hat es noch niemand mit dem ausgehalten“, meinte Steve zu Tom voller Erstaunen als er zum Tresen zurück kam nachdem er das Bier die volle Schale mit den Erdnüssen und den leeren Aschenbecher an den Tisch brachte.

„Mein Bruder hatte diese Schmerzen. Bauchschmerzen und Übelkeit. Doch er hatte nichts. Das haben zumindest die Ärzte gesagt. Die meinten es sei psychisch. Und dann hatte er das Gefühl, dass er träumt. Ist doch verrückt oder? Er war wach, aber er dachte, er träumt. Und wissen sie was? Er nahm nichts! Gar nichts. Keine Drogen, keine berauschenden Medikamente und er trank keinen Tropfen Alkohol. Geraucht hat er auch nicht. Und sehen sie uns an…Wir saufen, wir rauchen und sagen sie mir nicht, dass sie nicht manchmal auch andere Drogen nehmen. Also ich tu es…“
Mike´ Gesicht wurde immer verzerrter und es kam jetzt schon mal vor, dass er mit der Faust auf den Tisch schlug. Einmal so heftig, dass zwei leere Bierflaschen umfielen und Steve an den Tisch kam um den Unbekannten zu fragen ob alles okay sei. Der nickte nur und Steve verschwand wieder.

„Und dann hatte er diese Gedanken. Diese Ängste. Zwangsstörung nennen es die Ärzte.
Er wusch sich zigmal am Tag die Hände und kontrollierte alles bis zur Erschöpfung. Wenn er das nicht getan hätte, dachte er, dass etwas Schlimmes passiert. Verrückt oder? Wahnsinn! Und wissen sie was? Nein, wie sollen Sie auch, er war ja schließlich mein Bruder. Aber glauben Sie mir, das hat nichts zu heißen. Mein Bruder war gläubig. Sehr sogar. Sonntags ging er in die Kirche. Er las in der Bibel. Und er hatte riesige Angst, Gott zu betrüben. Angst einen Fehler zu machen und dafür bestraft zu werden. Doch nicht er würde dann direkt dafür bestraft werden, sondern indirekt wenn Sie verstehen. Er hatte so viele Wünsche und Träume, doch diese Angst hat ihm den Freiraum genommen.“

Es war mittlerweile halb drei in der Nacht als Steve an den Tisch kam. „Wie ihr sehen könnt sind alle Gäste weg. Jungs, ihr würdet mir einen großen Gefallen tun wenn ihr auch gehen würdet. Ich bin müde. Mike, in ein paar Stunden sehen wir uns eh wieder.“ Mike blickte in das Gesicht des Unbekannten. Der saß nun schon seit sieben Stunden mit ihm zusammen. Mike blickte zu Steve und bat ihn um noch etwa eine Stunde und ein paar Flaschen Bier. „Dann bin ich weg Steve“, sagte er und sah Steve tief in die Augen.
Ein müdes und genervtes „Okay“ presste Steve heraus, holte das Bier und setzte sich dann an einen der leeren Tische die in der Nähe des Tresen´ standen und legte seinen
wuchtigen Kopf in seine verschränkten Arme auf den Tisch.

„Also, ausgerechnet jemand der sich gesund ernährt und auch etwas Sport macht, bekommt Magenschmerzen und Übelkeit. Mehrere Jahre lang. Jeden Tag. Ausgerechnet jemand, der nicht säuft, nicht qualmt und auch sonst keine Drogen nimmt, denkt über mehrere Wochen, dass er träumt obwohl er wach ist. Und ausgerechnet jemand, der an Gott glaubt in die Kirche geht und täglich betet, hat Angst vor Gott und einer Strafe von ihm.
Ausgerechnet so jemand bekommt diese lähmenden Gedanken. Er, der es jedem recht machen will…“

Mike war wütend und schlug erneut mit der Faust auf den Tisch. So laut, dass Steve, der eingenickt war, hoch schreckte. „Mike“, schrie er, „noch mal und es ist gleich Schluss.“ „Entschuldigung Steve“, sagte Mike

„Sie hatten doch bestimmt auch schon mal Angst, dass ein Ihnen nahe stehender Mensch sterben könnte. Mein Bruder hatte diese Angst in letzter Zeit ständig. Permanent. Neue Dinge kaufen oder machen waren ganz schlimm, weil er immer dachte: „wenn ich das jetzt mache stirbt meine Frau. Wenn ich das jetzt kaufe stirbt meine Frau.“ Doch es würde nicht gleich passieren, vielleicht erst einen Monat oder ein Jahr später. Aber auf alle fälle deswegen, weil er das jetzt gemacht oder gekauft hat. Er wollte so gern Geschichten schreiben. Doch diese Angst quälte ihn so sehr, verstehen Sie? Kennen Sie den Abschnitt in der Bibel um die Zahl 666? Ich kann Ihnen sagen, das hat meinem Bruder das Genick gebrochen. Die Angst vor diesen Zahlen und davor wenn er etwas macht oder kauft oder dabei diese Zahl sieht oder in Gedanken hat. Die Angst, dass dann etwas passiert, etwas schlimmes wie, dass jemand stirbt, seine Frau zum Beispiel. Dass Gott ihn bestraft , wissen Sie? Und der Abschaum läuft frei herum. Frei in Gedanken und seinem Tun.
Und mein geliebter Bruder, der mit sowas nichts am Hut hatte und haben wollte wird so gequält.“ Mike war völlig außer sich, schlug nochmals mit beiden Fäusten auf den Tisch und seine Augen glühten und er kochte vor Wut.

„Mike“, schrie Steve. „Gleich ist echt Feierabend“. „Entschuldigung Steve. Noch ein paar Minuten ja?“
Steve senkte seinen Kopf wieder und döste erneut ein.

„Und wissen sie was?“, fuhr Mike seine Geschichte fort, „ich war nie für meinen Bruder da als es ihm so schlecht ging. Nie hatte ich Zeit. Gut, ich wohnte weit weg und hatte viel Arbeit um die Ohren. Doch vielleicht hätte ich ihm helfen können. Wenigstens ein bisschen.“

„Wo ist ihr Bruder denn jetzt?“ Es war das erste Mal in all den Stunden, dass der Unbekannte etwas zu Mike sagte.
„Er ist tot“, antwortete Mike

Mike stand auf, gab dem Unbekannten die Hand und bedankte sich für die Zeit und das zuhören.
„Wie alt war ihr Bruder?“
„29“, sagte Mike, legte das Geld für die Rechnung hin und verließ den Tisch.
Er ging zu Steve der nun tief eingeschlafen war und weckte Ihn mit den Worten: „Ich bin jetzt fertig. Danke für deine Geduld.“

Steve sah Mike mit verschlafenem Blick an. Der ging Richtung TĂĽr und schlieĂźlich nach drauĂźen.

Mit einer Zigarette in der Hand betrachtete der Unbekannte den nun leeren Stuhl der ihm gegenüber stand, als Steve an den Tisch kam um diesen abzuräumen.

„Kannten Sie seinen Bruder?“, fragte der Unbekannte.
„Mike hatte keinen Bruder!“, antwortete Steve, nahm die leeren Flaschen und die leere Erdnussschale und ging an den Tresen.
Der Unbekannte setzte sich seinen Hut auf und verlieĂź wortlos die Bar.

Mike wurde nie mehr gesehen….

Ende




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