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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Geschichte vom kleinen "Ichliebedich"
Eingestellt am 29. 10. 2000 02:56


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Beate, ich liebe Dich!

Als ich diesen Satz zum ersten Mal bewußt, aber nur halblaut vor mich hin murmelte, hĂ€tte ich mir vor Schreck fast auf den Mund geschlagen. Durfte ich so vermessen sein, um so etwas ĂŒberhaupt auch nur zu denken? Dann mußte ich schmunzeln. Oh ja - ich durfte diese vier Worte denken. Nur mal so - aus einem ganz leisem GefĂŒhl heraus. Mir war halt so - jetzt - in diesem Moment, wo ich dein Gesicht plötzlich und unerwartet vor meinem geistigen Auge mit nie erlebter Klarheit erscheinen sah. Es hatte ja auch keiner gehört.
Aus dem Schmunzeln wurde ein LĂ€cheln, begleitet von einem resignierenden KopfschĂŒtteln. Trotzdem erwuchs aus diesem winzigen GefĂŒhl ein scheuer Traum, vom hauchdĂŒnnen Schleier einer wehmĂŒtigen Sehnsucht umhĂŒllt.
"Beate, ich liebe Dich!" wiederholte ich nun etwas mutiger und ließ den faszinierenden Klang dieser Worte in mir nachklingen. Doch fast gleichzeitig spĂŒrte ich leisen Schmerz.
"Tut mir leid, mein Junge", hörte ich eine wohlbekannte Stimme hinter mir. "Ich mußte dir diesen Stich versetzen. Lieber jetzt als spĂ€ter. Glaub mir, es ist nur zu deinem Besten. WĂ€rst womöglich noch einem Phantom nachgejagt. Du wirst das, was Du in spleenigen TrĂ€umen herauf beschwörst, nie mehr wirklich erleben. Du hast deine Chance vor langer Zeit gehabt. Du hast sie nicht genutzt und dafĂŒr mich gewĂ€hlt. Komm - wach auf!"
Ich bekam einen freundschaftlich gemeinten Knuff in den RĂŒcken. Schuldbewußt zog ich den Kopf zwischen die Schultern und drehte mich um. Groß, breit und strotzend vor Selbstbewußtsein stand sie da - die Vernunft, diese treue Seele, die mich schon so oft vor irgendwelchen Torheiten bewahrt hatte.
"Hast ja Recht", sagte ich und versuchte ein verlegenes Grinsen.
"Und was ist damit?" fragte sie strenger als erwartet und blickte auf das kleine "Ichliebedich", das ich unbewußt noch immer zwischen den HĂ€nden hielt.
Ich wollte es gerade von mir werfen, da wieselte es mir durch die Finger hindurch, bohrte sich in meine Brust und verkroch sich in einem der hintersten Winkel meines Herzens - dorthin, wo selbst die Macht meiner allgegenwĂ€rtigen Vernunft nicht hin gelangen konnte. Das ging so rasch, daß ich es kaum bemerkte.
"Komm - gehen wir!" sagte die Vernunft, und ich folgte ihr artig.

* * *

Beate, Du hast mir im BĂŒro mir gegenĂŒber gesessen. Und da war plötzlich dieser Blick aus deinen unergrĂŒndlich tiefen Augen. Und als ich diesem Blick begegnete, da trommelte plötzlich jemand wie wild in mir. Es war das kleine "Ichliebedich", das sich auf einmal zu regen begann. Es drĂ€ngte aus dem Herzen, glitt die Kehle hinauf und legte sich auf die Zunge. Ich schaute wohl ein wenig erschrocken, denn schon hatte ich die Aufmerksamkeit der Vernunft geweckt. Sie verschloß mir blitzartig die Lippen.
"Wenn wir allein sind, werde ich das kleine Biest schon austreiben", flĂŒsterte sie.
Ich nickte unmerklich, denn sie hatte ja Recht - wie immer.
Nachdem Du mein BĂŒro verlassen hattest, machte sich die Vernunft an die Arbeit. Aber es gelang ihr nicht, dem kleinen "Ichliebedich" den Garaus zu machen. Es lag still in seinem sicheren Schlupfwinkel und kicherte fröhlich.
"Wenn es wieder einmal heraus kommt, dann mußt Du dein Herz ganz fest verschließen und es nie wieder hinein lassen", riet mir die Vernunft. Ich dankte ihr fĂŒr den guten Rat.

* * *

Doch das kleine "Ichliebedich" ließ sich nicht so schnell ĂŒberlisten. Es mied die Zunge und nistete sich dafĂŒr um so hĂ€ufiger im Kopf ein. Immer dann, wenn ich still vor mich hin trĂ€umte, konnte ich gewiß sein, daß es irgendwo zwischen den Hirnwindungen saß und meine Gedanken in eine ganz bestimmte Richtung lenkte. Und noch etwas bemerkte ich. Es begann zu wachsen. Schon bald war es in der Lage, zeitweilig mein ganzes Denken auszufĂŒllen. Nur wenn die Vernunft mal wieder so richtig im Kopf aufzurĂ€umen begann, versteckte es sich unangreifbar in seinem alten Versteck. Doch es war schon so groß geworden, daß man es auch dort stets und stĂ€ndig spĂŒrte. Und immer dann, wenn du in meiner NĂ€he warst, da wurde es ĂŒbermĂŒtig und begann in mir zu lĂ€rmen. Nur mit MĂŒhe und mit Hilfe der guten alten Vernunft vermochte ich es gerade noch Zaum zu halten. Es völlig zu vertreiben oder gar zu vernichten - das hatten wir lĂ€ngst als sinnloses Unterfangen aufgegeben.

* * *

Doch eines Tages wurde das kleine "Ichliebedich" etwas zu mutig. WĂ€hrend einer kleinen Gartenparty im Hochsommer muß ihm deine stĂ€ndige NĂ€he und der verheißungsvoll raunende Klang deiner Stimme wohl in den Kopf gestiegen sein. Es erzĂ€hlte mir, daß es eine kleine Zwillingsschwester besĂ€ĂŸe, die es schon lange vermisse.
"Und was geht mich das an?" fragte ich.
"Ich glaube meine Schwester sitzt in Beates Herzen, genauso wie ich in deinem.. Laß mich nachschauen! Dann werden wir sehen."
Beim Abschied schien die Gelegenheit dafĂŒr gĂŒnstig. Das "Ichliebedich" huschte seit langem wieder einmal auf die Zunge. Sollte ich den Mund öffnen und es heraus lassen? Das hatte doch nur Sinn, wenn es bei dir wirklich eine Schwester gefunden hĂ€tte. Doch dein Blick schien mir in diesem Moment nichtssagender als sonst, und du hattest es auf einmal ausgesprochen eilig.
Der Mund blieb zu. Die Vernunft war wieder rechtzeitig auf der BildflĂ€che erschienen und verschloß ihn mir. Und das nicht ohne mir dabei eine Predigt zu halten.
"Du bist schließlich glĂŒcklich verheiratet, hast Kinder. Und diese Beate auch. Willst Du dein GlĂŒck mit dem UnglĂŒck anderer erkaufen?"
Ich schĂŒttelte den Kopf, und so kam es, daß mich die Vernunft fĂŒr einige Stunden in Ruhe ließ. Das war, als ich allein auf der Terrasse saß, um die laue Sommernacht zu genießen. Inzwischen hatte das kleine "Ichliebedich" ziemlich vergnazt sĂ€mtliche Herzkammern besetzt und machte sich dort so richtig schwer. Eine merkwĂŒrdige Traurigkeit erfĂŒllte mich.
"Warum quĂ€lst du mich so?" fragte ich. "Laß mich endlich in Ruhe. Du hast doch gehört, was die Vernunft gesagt hat."
"Warum mußt du immer auf diese alte Kuh hören?" entgegnete der kleine QuĂ€lgeist. Nun hast du auch noch meine neue Freundin vertrieben."
"Du meinst die Hoffnung?" fragte ich.
"Ja, genau die. Sie ist nötig, damit ich weiter wachsen kann."
"Die Hoffnung? Die ist lĂ€ngst ĂŒber alle Berge", höhnte die Vernunft, die unbemerkt wieder auf der BildflĂ€che erschienen war. Sie lachte laut auf, und zum ersten Mal störte mich dieses Lachen, denn es klang irgendwie böse.
Mein Blick ging ĂŒber den sternklaren Himmel. In diesem Augenblick schoß eine hell leuchtende Sternschnuppe ĂŒber das Firmament und zog eine flackernde Spur.
UnwillkĂŒrlich versuchte ich einen Wunsch zu formulieren. Und diese kleine Unaufmerksamkeit nutzte das quirlige Wesen in mir, huschte nach oben, raste durch den geöffneten Mund und segelte hinaus in die Nacht.
"Ich liebe Dich!"
Und ohne auf die Vernunft zu achten, setzte ich hinzu. "Mein grĂ¶ĂŸter Wunsch ist es, von dir.. " - ich zögerte ..." von dir geliebt zu werden."
Ich schaute mich scheu um, aber niemand hatte mich gehört. Nur die Vernunft schĂŒttelte mißbilligende den Kopf. Doch das war mir plötzlich egal.
Das kleine "Ichliebedich" genoß die Freiheit und tollte ausgelassen umher. Es machte ihm Spaß immer wieder in meinem Mund zurĂŒck zu kehren, um dann erneut mit Macht nach draußen zu drĂ€ngen. Als es endlich wieder ins Herz zurĂŒck gekehrt war, da erschien es mir noch viel schwerer geworden zu sein.
"Werde ich es mit dir da drin auch wirklich aushalten?" fragte ich, als ich schon im Bett lag.
"Such die Hoffnung und bringe sie wieder zurĂŒck", flĂŒsterte es in mir.

* * *

Wir trafen die Hoffnung tatsĂ€chlich nur wenige Wochen spĂ€ter. Es wurde aber auch Zeit, denn das kleine "Ichliebedich" war ziemlich ungnĂ€dig geworden, spukte tagsĂŒber unentwegt im Kopf herum und machte nachts das Herz fast unertrĂ€glich schwer.
Und dann kam der Tag, wo wir den zweitĂ€gigen Betriebsausflug machten. Unser gemeinsamer abendlicher Spaziergang fĂŒhrte uns hinunter zu dieser romantischen MĂŒhle. Ich weiß nicht, ob Du sie auch gesehen hast - die Hoffnung. Ich glaube nicht, denn es war ja meine Hoffnung, die dort hinter dem alten GemĂ€uer hervor trat. Sie lĂ€chelte uns zu und ihr Anblick ließ mich das Rauschen des kleinen Baches wie eine von Sehnsucht getragene Sinfonie erscheinen. Die Vernunft schickte heftigen Wind und eisigen Nieselregen. Zum ersten Mal empfand ich diese Aufpasserin als ungemein lĂ€stig. Gern hĂ€tte ich sie verscheucht, aber noch hatte sie uns fest im Griff. Auch das "Ichliebedich" erhielt keine Chance, ĂŒber die Lippen zu kommen. Doch das lag nicht an meinem unvermeidlichen ZĂ€hneklappern, sondern an der Vernunft, die alt, grau und hĂ€ĂŸlich mit ihren nassen zerzausten Haaren neben uns am BrĂŒckengelĂ€nder lehnte. Von da an begann ich sie zu hassen.

* * *

In den nĂ€chsten Tagen wuchs die Hoffnung, und das kleine "Ichliebedich" fĂŒhlte sich putzmunter. Es durfte in deiner Gegenwart noch immer nicht heraus, und seine Ungeduld wuchs von Stunde zu Stunde.
"Meine Schwester ist ganz in der NĂ€he", behauptete es, und die Hoffnung nickte lebhaft.
"Glaub an mich, die beiden sind nur ein Spuk", warnte mich die Vernunft. Doch diesmal zweifelte ich echt, ob sie Recht haben könnte. Ich genoß das Zusammensein mit dir und war oft genug drauf und dran, dieses zapplige Wesen in mir freiwillig hinaus zu lassen.

* * *

Wieder einige Tage spĂ€ter hast du neben mir im Auto gesessen. Als sich wie zufĂ€llig unsere HĂ€nde begegneten, bekam das "Ichliebedich" noch einen VerbĂŒndeten. Er hieß GefĂŒhl und war so mĂ€chtig, daß er das "Ichliebedich" von nun an vor jeder Attacke der Vernunft zu schĂŒtzen wußte. Die beiden wurden unzertrennlich. Sie mochten sich so, daß sie gemeinsam die gleiche Wohnung bezogen. Nun wollten sie beide an die OberflĂ€che. Doch die Hoffnung wußte sie noch eine Weile zu besĂ€nftigen. Erst als sich bei Ă€hnlicher Gelegenheit unsere HĂ€nde erneut fanden, da machte sich das GefĂŒhl selbstĂ€ndig. Es brauchte nicht unbedingt den Weg durch den Mund. Es kroch in die Fingerspitzen und indem es sie dirigierte, traf es in Deinen HĂ€nden plötzlich seinesgleichen, worauf die Hoffnung voller Jubel noch mĂ€chtiger anschwoll und das "Ichliebedich" es kaum noch aushielt.

* * *

"Laß mich endlich raus - ich will meine Schwester sehen!" murrte es in den nĂ€chsten Tagen. Die Hoffnung nickte lebhaft. Das GefĂŒhl konnte ich nicht fragen, das gehorchte mir ohnehin nicht mehr und hatte sich mit deinem GefĂŒhl lĂ€ngst angefreundet.
"Ich liebe Dich!"
Oh je. Nun war es heraus. WĂŒrde es eine Schwester finden?
Aber nein. Ein wenig enttĂ€uscht kam es zurĂŒck. Es war nur auf ein "Ichmagdichsehr" gestoßen.
"Siehste, was hab ich gesagt", höhnte die Vernunft.
"Hör nicht auf sie", riet mir die Hoffnung.
"Folge mir", sagte das GefĂŒhl mit mĂ€chtig dröhnender Stimme.

* * *

Es war ein aufregendes und zugleich wunderbar beglĂŒckendes Spiel, das diese liebenswerten Gesellen in mir trieben. Und gemeinsam brachten sie es fertig, daß das kleine "Ichliebedich" nun doch noch eine Schwester fand. Kurz vor der Weihnachtszeit begegneten sie sich zum ersten Mal.
"Ich liebe dich!"
"Ich liebe dich auch!"
"Da ist sie! Da ist sie! Ich hab es immer gewußt!" jubelte mein "Ichliebedich".
"Es ist schön, mit Dir zusammen zu sein", sagte dein "Ichliebedich".
Von nun an spielten sie bei jeder Gelegenheit miteinander.
"Wird es immer so bleiben?" fragten die Beiden uns eines Tages und schauten Ă€ngstlich, ob wir auch ja recht ernsthaft nickten. Wir taten es natĂŒrlich, denn das LĂ€cheln der Hoffnung ermunterte uns dazu.
"Das könnte Euch so passen! Da werde ich auch noch ein Wort mitreden", wurde die Vernunft giftig. Unsere "Ichliebedichs" klammerten sich aneinander und wollten wissen, ob die hĂ€ĂŸliche Alte tatsĂ€chlich soviel Macht besĂ€ĂŸe.
"So lange wir da sind, kann Euch ĂŒberhaupt nichts passieren", versicherten die GefĂŒhle. Sie gingen zur Vernunft, packten sie bei den Armen und schoben des zeternde Weib zur TĂŒr hinaus.
"Du hast hier nichts mehr zu suchen. Der Platz, den Du bislang beansprucht hast, wird jemand anderes einnehmen."
Sie traten zur Seite und herein schritt eine wunderschöne und von strahlender Helligkeit umgebene Gestalt. Auf ihrem ebenmĂ€ĂŸigen Gesicht lag ein weicher Schimmer, das Wesen strahlte majestĂ€tische Ruhe aus und die Bewegungen ihrer krĂ€ftigen Gliedmaßen verrieten Selbstsicherheit. Mit einer herzlichen Umarmung begrĂŒĂŸte es die anderen. Ihr gewinnendes LĂ€cheln schien alle förmlich zu verzaubern.
"Wer bist denn Du?" fragte mein "Ichliebedich".
Das LĂ€cheln vertiefte sich.
"Ich bin das GlĂŒck", kam es glockenhell zurĂŒck.
Alle umringten das GlĂŒck, ehe es auf uns zu kam und uns gemeinsam in seine Arme schloß. Wir versanken in einen Zustand, den eben nur das GlĂŒck zu vermitteln vermag. Dabei entging uns völlig, wie sich die alte Vernunft wieder ins Zimmer schlich. Zwar war sie noch ganz grĂŒn vor Ärger ĂŒber den groben Rausschmiß, aber ihre Augen blinzelten bereits wieder in alter Boshaftigkeit. Vorsichtshalber verkroch sie sich in eine Ecke, wo sie ungesehen alles beobachten konnte.

* * *

Und sie bekam eine Menge zu sehen - Dinge, die ihr so gar nicht in den Kram paßten. Ihr Blick war voller Argwohn.
Warum gelingt es nur so selten, daß sich das GlĂŒck mit ihr anzufreunden vermag? Warum nur wurde sie von den GefĂŒhlen so hĂ€ufig gemieden? In unserem Fall verhielt es sich zwischen ihnen wie mit Feuer und Wasser. Und die Vernunft gewann unmerklich an Macht. Daß sie die glĂŒckliche Runde hĂ€ufig genug störte, damit konnte man sich mit Ach und Krach noch abfinden. Daß sie die Gelegenheiten fĂŒr beglĂŒckende Stunden so selten zuließ - das war schwer, aber wir fanden Mittel und Wege, sie hĂ€ufig zu ĂŒberlisten. Und dann waren da noch die GefĂŒhle, die uns wirksam vor ihr schĂŒtzten.
Doch die GefĂŒhle, die Hoffnung, die kleinen Ichliebedichs und vor allem das GlĂŒck - sie konnten nur durch uns bestehen, denn sie gehörten uns - nur uns. Wir brauchten sie und sie brauchten uns. Anders die Vernunft. Sie suchte sich mĂ€chtige VerbĂŒndete. Menschen, die die Sprache unserer GefĂŒhle nicht verstanden, die unser GlĂŒck als ihr eigenes UnglĂŒck betrachten mußten, die unsere Hoffnung nicht teilen konnten und die eine panische Angst vor unseren "Ichliebedichs" besaßen. Sie beschworen neue Gestalten herauf. Die blindwĂŒtige Eifersucht, die geifernde Mißgunst, das schlechte Gewissen - das waren nur einige der KrĂ€fte, mit denen die Vernunft sich verband. Und diese geballte Macht war es, die zunĂ€chst unmerklich, aber dann mit immer grĂ¶ĂŸerem Nachdruck das strahlende GlĂŒck zu verdrĂ€ngen suchten. Irgendwann erhob es sich schließlich, um uns zu verlassen. Wo waren die Mittel, es aufzuhalten? Warum schauten wir zu, wie es mehr und mehr verblaßte und schließlich in unerreichbare Ferne entrĂŒckte? Warum sind wir am Ende so ohnmĂ€chtig dieser hĂ€misch grinsenden Vernunft ausgeliefert?
"Halt mich fest! Halt mich ganz fest!" riefen wir uns gegenseitig zu. Doch die knochigen HĂ€nde der Vernunft erwiesen sich am Ende stĂ€rker und vollbrachten das Unfaßbare. Sie rissen uns unbarmherzig auseinander. Sie trug den Sieg davon, weil wir so schwach waren. Noch fanden sich unsere beiden "Ichliebedichs", aber vermochten nicht mehr unbeschwert miteinander zu spielen. Traurig hockten sie beisammen und schienen den Abschied zu proben.

***

Beate, was bleibt uns?
Es sind die GefĂŒhle. Allein sie sind mĂ€chtig genug, der allgegenwĂ€rtigen Vernunft zu widerstehen. Und da ist jemand, der den Platz des GlĂŒckes einnimmt. Dieses Wesen heißt Sehnsucht. Geliebt und gehaßt zugleich. Geliebt, wenn ihm die ErfĂŒllung folgt. Gehaßt, wenn nur die Qual sein Begleiter ist. Und doch sind es wiederum die GefĂŒhle, die der Sehnsucht ihre Berechtigung geben. Vielleicht verblassen sie eines Tages und lassen somit diese unerfĂŒllte Sehnsucht ertrĂ€glicher werden. Doch sie werden stets noch mĂ€chtig genug sein, um der - vielleicht auch vergeblichen - Hoffnung ein wenig Raum zu lassen. Und sie werden es immer beschĂŒtzen - dieses einstmals so lebenslustige "Ichliebedich", das nun nur noch selten den Weg nach draußen finden wird. Ich werde es gemeinsam mit meinem GefĂŒhl fest in mir einschließen. Es wird stets wach bleiben, immer bereit, dir entgegen zu fliegen, wo und wann sich dazu auch nur der Hauch einer Gelegenheit bietet. Sollte es diese Gelegenheit nicht mehr geben, weil die hĂ€ĂŸliche alte Vernunft dies sorgsam zu verhindern weiß, dann wird das kleine liebenswerte und so gefĂŒhlvolle "Ichliebedich" solange ein einsames Dasein in meinem Herzen fristen, bis es dieses Herz nicht mehr gibt. Aber bis dahin wird es mal schreiend und dann wieder ganz leise noch tausendfach rufen:

"Beate, ich liebe dich!"


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Svalin
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Hallo Ralph

eine wunderbare ErzĂ€hlung! Die Idee, die widerstreitenden Stimmen in uns auf diese Weise zu vergegenstĂ€ndlichen, ist originell und sehr lebendig dargestellt. Dein Schreibstil ist sehr schön, fließend und ohne Interferenzen. GefĂ€llt mir sehr gut!

Gruß Martin
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Ralph Ronneberger
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Hallo Martin,
uff, das tat gut! Wie du siehst, bin ich noch neu bei "Leselupe". Ich hatte durchaus ein wenig Bammel davor, mit meinem ersten Beitrag in dieser doch so anspruchsvollen Runde glatt durchzufallen, oder - was noch schlimmer gewesen wĂ€re - einfach ĂŒbersehen zu werden. Vor allem freue ich mich, daß Mitglieder der Leselupe durchaus bereit sind, mal einen etwas lĂ€ngeren Text zu lesen. Das allzu Kurze gelingt mir nĂ€mlich selten.
Na denn, vielleicht bis bald.

Gruß Ralph.
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Svalin
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Hallo Ralph

nur keine Angst! Eine Meinung ist immer nur eine von ĂŒber 300 möglichen. Anspruchsvoll? - Vielleicht. Aber bestimmt nicht objektiv. Jeder hat so seine Vorlieben und richtet sein Augenmerk auf bestimmte QualitĂ€ten. Mir hat's gefallen, das bedeutet aber noch nicht, daß es generell gut ist. Wollte ich mal sagen ... ohne dich depremieren zu wollen. Ich bin oft etwas subjektiv indem, was mir gefĂ€llt. Aber dazu stehe ich.

Gruß Martin
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Yossarian
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So muss gute Prosa aussehen. Wieder bestĂ€tigt sich, dass wirklich gute Geschichten eben nicht auf eine halbe Seite zu quetschen sind. Es hat mir viel Spaß gemacht deine Geschichte zu lesen und hoffe du folgst nicht dem allgemeinen Trend kurz, kĂŒrzer am kĂŒrzesten zu schreiben.
Nicht nur vom Schreibstil sondern auch von der dramatischen Entwicklung und dem dauerhaften inneren Konflikt kann man sich nur ein Scheibchen abschneiden.
Ausserdem ist die Geschichte Ă€ußerst sympatisch.

Schöne GrĂŒĂŸe

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Svalin
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also wenn selbst Yossarian (als unbestechlicher Kritiker) ins SchwÀrmen gerÀt, kannst du dir relativ sicher sein, Ralph, ein Meisterwerk vollbracht zu haben :-)

In dem Sinne
Martin
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