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Leselupe.de > Erzählungen
Die Gestrandeten
Eingestellt am 04. 03. 2010 08:25


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caspAr
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Die Gestrandeten

Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge.
Leo Tolstoj

Ich lebe im franz√∂sischen Viertel Shanghais und nenne eine kleine Wohnung mein Eigen. Meine kleine Wohnung liegt im dritten Stock eines alten Kolonialhauses, hinter einer Kaserne, abgelegen vom L√§rm der Stra√üe und von vier Pappeln umschlossen. Meine Nachbarn sind alte runzlige Chinesen, die auf der Stra√üe waschen und kochen, wenn ich mich morgens auf den Weg zur Arbeit mache. Die Zimmer meiner Wohnung habe ich √ľbersichtlich eingerichtet. Man findet dort nichts √úberfl√ľssiges und es beruhigt mich, wenn ich nach Hause komme und eine zuverl√§ssige Aufger√§umtheit mich empf√§ngt.
Meine Versetzung nach China geschah innerhalb von Stunden. Und als ich Europa in Schutt und Asche hinter mir gelassen hatte, begann ich dankbar und hochmotiviert vor einem Jahr meine Arbeit hier vor Ort. Als Abgesandter Europas lastet eine schwere Verantwortung auf mir. Durch jahrelange harte Arbeit und der Mitgliedschaft in einer der letzten bildungspolitischen Eliten, ist es mir gelungen, nicht Teil des Exodus zu werden, welcher sich in den letzten Jahren best√§ndig aus dem Westen √ľber China ergie√üt. Heute versuche ich in Zusammenarbeit mit den chinesischen Beh√∂rden die lokale Asylproblematik zu regulieren. Meine aufgenommen Forschungen an der hiesigen Sternengruppe errechnen Prognosen f√ľr die kommenden Jahre und dieser Auftrag sichert mir mein Leben - ich bin wichtig. Wichtig f√ľr China. Nat√ľrlich nagen immer Zweifel und Vorw√ľrfe in einem selbst, denn in einer Welt in der man zwischen Pflicht und alten humanistischen Werten hin und hergerissen zu sein scheint, wird es immer schwieriger den richtigen Ton zu treffen.
Ich sch√§tze mich als einen gen√ľgsamen, reflektierten Menschen ein, den nicht so leicht aus der Bahn werfen kann. Jedoch brauche ich heute eine Weile um wieder zu mir zu kommen, denn heute Nacht war Ming bei mir. Ihre dunklen Haare hingen wie nasse Algen am Kopf und bedeckten fast ihr gesamtes Gesicht. Sie stand in der mir auch jetzt gegen√ľberliegenden Ecke meines Schlafzimmers und wiegte ihren K√∂rper hin und her. Dabei gab sie entsetzliche Laute von sich, eine Art kehliges R√∂cheln, welches klang, als w√ľrde sie gerade an ihrem eigenen Blute ertrinken. Um sie herum bildete sich eine schwarze Pf√ľtze, die sich immer weiter in meine Richtung ausbreitete. Ich hatte Ming nicht kommen geh√∂rt und auch nicht eingelassen, sie stand dort, und als die Pf√ľtze versuchte meine Bett zu erreichen, verschwand der Spuk so pl√∂tzlich wie er gekommen war. Schwei√ügebadet und mit rasendem Herzen wurde mir in diesem Moment bewusst, dass zum ersten Mal in meinem Leben ein Gef√ľhl von Schuld mich belastete. Es war meine Entscheidung, Ming den zust√§ndigen Beh√∂rden zu melden. Hin und her gerissen, gefangen zwischen emotionaler Eskalation und analytischer Auseinandersetzung mit der Sachlage, befinde ich mich nun in einem Dilemma. Auf der einen Seite sind die Gr√ľnde v√∂llig klar und liegen auf der Hand. Seit 12 Monaten ist beschlossen, dass Ver√§nderungen nationaler Genmaterialien ohne wissenschaftliche Zielrichtung hart bestraft werden. Fairerweise erf√§hrt der ein oder andere Angeklagte nat√ľrlich auch, dass er seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit dem Leben bezahlen muss. Es gab nichts, was Ming h√§tte retten k√∂nnen und ich tat nur meine Pflicht. Doch seit dem n√§chtlichem Ereignis nagen, wie schon erw√§hnt, Zweifel, Angst und Vorw√ľrfe in mir.
Ming. Vor zwei Wochen kam sie zu mir. Aufgel√∂st, verzweifelt und dem Ende nah. Sie erz√§hlte mir in allem Vertrauen von ihrer Beziehung zu einem Nordamerikaner und das sie jetzt schwanger sei. Ich sa√ü vor ihr, sichtlich schockiert und vermochte das alles nicht wirklich begreifen. Schwanger? Von einem Nordamerikaner? Entsetzt von den Neuigkeiten brachte ich kein Wort √ľber die Lippen und Ming war voller Emotionen und so angreifbar. Sie merkte √ľberhaupt nicht, wie sie sich immer mehr um Kopf und Kragen redete. Nach einer Weile fasste ich mich und versuchte, so gut es ging, den verst√§ndnisvollen Zuh√∂rer zu mimen, was mir anscheinend auch ziemlich gut gelang. Ming fragte mich schlie√ülich nach Rat und ich gab ein paar lapidare Informationen preis. Kniffe und Tricks, um dem Raster zu entkommen, welches die chinesischen Gesundheitsbeh√∂rden in den letzten Monaten etabliert hatten, verschwieg ich ihr. Ja, nun wurde wirklich ernst gemacht. Fremden Blut im chinesischen Genmaterial wurde der Kampf angesagt. Mit allen Mitteln und auf allen Ebenen. Ming tat mir leid, denn nat√ľrlich musste ich sie den Beh√∂rden, in ihrem Fall dem chinesischem Gesundheitskommando, melden. Mich interessierte dabei nicht die hohe finanzielle Pr√§mie. Nein, hier ging es um die Sache. Es musste schnellstens interveniert und eingeschritten werden, denn sonst w√§re mein gesamtes Leben verzerrt zu einer Farce und alles woran ich glaubte und wof√ľr ich stand, m√∂glicherweise zunichte. Ming war eine sehr attraktive und gebildete Chinesin und gelegentlich waren wir auch zusammen ausgegangen - alles auf rein beruflicher Basis nat√ľrlich. Aber es liegt in der Natur des Menschen sich zu demontieren. Dies alles war mir bekannt und ich hatte es schon tausendmal gesehen, doch bei Ming hinterlie√ü alles einen bitters√ľ√üen Nachgeschmack. Im Grunde genommen war ihr politisches Outing das Ende einer m√∂glichen Romanze. Auch dies hatte ich bereits erkannt‚ĶDer Mensch lebt und erlebt Zeit. In einem K√§fig, geschaffen aus Gedanken und Gef√ľhlen, ist es egal, welches Land und welche Ideologie K√∂rper und Seele umschlingen. Getrieben von einer permanenten Sehnsucht ist der unproduktivste Zustand f√ľr ihn Zufriedenheit. Im Fernseher vor meinem Bett l√§uft der Trailer des heute Abend stattfindenden Schauprozesses. Ein Franzose muss diesmal dran glauben, mehrere Nordamerikaner und Minderheiten aus dem Osten. Die meisten Vergehen stehen mit Vorkommnissen von Genvermischungsdelikten in Verbindung, die seit dem Erlass vor einem Jahr auf derselben Stufe wie Mord, Vergewaltigung und Staatszersetzung zu finden sind.
Auf dem Weg zur Forschungsstation fallen mir rote Blumen am Wegesrand auf und bei der biometrischen Kontrolle am Eingang des Hengshan Lu Prospekts muss ich feststellen, dass die √∂ffentlichen Verkehrsmittelmittel durchzogen sind von einer s√ľ√ülichen Nuance Verwesung. Dies kann viele Gr√ľnde haben. Man munkelt, dass es Massaker gegeben h√§tte, drau√üen, am Rande der Stadt - dort wo die autonomen Regionen beginnen. Paramilit√§rische Todesschwadronen h√§tten ganze Arbeit geleistet und Leichen in Massengr√§bern nahe des Bel√ľftungszentrums verscharrt. Jetzt bin ich irgendwie richtig dankbar f√ľr meine Einzimmerwohnung, denn ich nenne auch eine Dusche mein Eigen. Die armen Fl√ľchtlingsfamilien im Park nebenan waschen sich mit Sicherheit nie, auch nicht im Sommer. Ziemlich schlimm das alles‚Ķ
Ich bahne ich mir meinen Weg durch die Massen von Menschen und dabei laufe ich bewusst zielgerichtet und dies gelingt mir indem ich meinen gesamten Oberk√∂rper anspanne. Falls mir jemand in die Quere kommt, lege ich mein ganzes Gewicht in die Schultern, so dass bei einer Kollision, der mir Entgegenkommende mindestens f√ľnf Meter abprallt und durch die Luft fliegt. Bei Frauen und Kindern bin ich etwas r√ľcksichtsvoller, ich steige entweder √ľber sie hinweg oder remple sie nur unfreundlich an. Auf diese Weise komme ich erfahrungsgem√§√ü sehr z√ľgig zu meiner Arbeitsstelle, dem ersten eurasischem Kindergarten f√ľr biologische Desaster in China - kurz genannt MIR. Bevor ich mich jedoch an die Arbeit mache, rauche ich drau√üen auf der Stra√üe noch ungef√§hr drei Zigaretten, da ich in den Vormittagsstunden bestimmt nicht mehr dazu kommen werde. Au√üerdem ist das Rauchen bei uns im Projekt nicht gerne gesehen. Alles ist manchmal sehr neueurop√§isch und schwierig in China.
√úber die Geschichte von Ming wird in unserer Sektion geschwiegen. Es ist, als h√§tte sie hier nie gearbeitet - sie es nie gegeben. Wie schnell ein Mensch doch in der √Ėffentlichkeit in Vergessenheit ger√§t, denke ich bei mir und laufe durch das Tor, hin zum Geb√§ude 101. Wenn ich in der Eingangshalle stehe, so kann ich von dort aus Petra in dem durchsichtigen Kasten sitzen sehen, der bis vor zwei Wochen auch noch Mings B√ľro war. Auf diesen W√ľrfel aus Glas waren beide besonders stolz, denn er wurde ihnen als Neuerung beim letzten Umbau des Kindergartens versprochen. Jetzt sitzt sie darin und sieht dabei aus, wie ein seltenes, verst√∂rtes Exemplar im Tierpark. So ganz allein und verlassen. Petra ist eine Pfarrerstochter und hat f√ľr ihr fortgeschrittenes Alter noch ziemlich viel Akne im Gesicht. Sie war wohl auch mal in Gedankentherapie, da sie sich auf Grund einer feindindizierten Psychose nicht mehr aus dem Haus traute. Aber das ist lange her und so richtig kennt niemand die Einzelheiten. Im Grunde ist es das Beste dieses Thema gar nicht zu erw√§hnen. Petra ist Eurasier, genau wie ich und Controllerin in der MIR. Ich diszipliniere im Gegensatz zu ihr nicht die Mischlinge, sondern versuche sie in ein wissenschaftliches Raster zu pressen. In meiner Dissertation besch√§ftige ich mich unter anderem mit dem Ph√§nomen, der verst√∂renden Wirkung von englischsprachiger Kinderlyrik auf die Heranwachsenden der lokalen Sternengruppe.
Petra war fr√ľher einmal eine begnadete Baucht√§nzerin in eurasischen Clubs. Vor zwei Jahren kam sie mit gro√üen Zukunftspl√§nen und ihrem Mann nach China, doch heute jammert sie nur noch rum, denn sie ist in meinen Augen eine typisch Betrogene. Eine Frau, vorbei geschlittert an ihren besten Jahren, die jetzt mit tiefer Einsamkeit und nagenden Selbstzweifeln im Alltag klar kommen muss, w√§hrend dessen ihr Ehemann jeden Tag aufs Neue sein Gl√ľck nicht fassen kann.
Sein Name ist Olaf und er ist der Meinung, so bald wie m√∂glich zum Buddhismus konvertieren zu m√ľssen. Mit Anfang f√ľnfzig noch einmal die Chance zu bekommen seinen Schwanz in etwas so knackiges, wie seine neue ostasiatische Freundin zu stecken, kann nur g√∂ttlicher Segen sein. Coco ist ihr Name und ihr Arsch ist ein Gedicht. Sie spricht sogar ein bisschen Deutsch und bl√§st wie eine nymphomane junge G√∂ttin. Ach, Chinesinnen sind so viel hingebungsvoller als diese europ√§ischen K√ľhe, mit denen er sich die meiste Zeit seiner alten Tage herumqu√§len musste. Doch jetzt gibt es ja Coco und ihm scheint, als habe eine neue Zeitrechnung begonnen. Wenn Coco dann anf√§ngt zu schnurren wie eine rollige Katze, dann wei√ü Olaf, dass das Leben sch√∂n ist. In diesen Momenten weint er manchmal ein bisschen und seine Tr√§nen entsprechen denen des Gl√ľcks und der tiefen Dankbarkeit. Jedoch, ein einziger Makel in diesem neuen Glanz bleibt. Der Terror seiner Frau Petra hat eine Stufe erreicht, die nicht mehr akzeptabel ist. Anscheinend ist sie √ľber den Verlauf der Dinge nicht allzu gl√ľcklich, obwohl sie doch immer freie Entfaltung propagiert und f√ľr sich selbst gew√ľnscht hatte. Jetzt gleicht sie nur noch einer hysterischen Hexe und darum versteht Olaf die Frauen manchmal nicht mehr, doch dann sieht er Cocos Augen und alles ist wieder sch√∂n und gut und wertvoll. In China liegt das gelobte Land, davon ist Olaf jetzt √ľberzeugt und er m√∂chte diese Erkenntnis unbedingt mir anderen teilen. Er m√∂chte helfen und so tr√§umt er, bald Seminare √ľber seine Erleuchtung zu geben. Im Grunde ist er zu beneiden, denn es scheint, als habe er seine Mission gefunden.
Die Kinder der Sternengruppe sind Unf√§lle aus Mischbeziehungen, die meist kreischend durcheinander rennen und jeden, dem sie begegnen massiv auf die Nerven gehen. Sie neigen zu k√∂rperlicher Gewalt und verletzen sich und andere sehr h√§ufig. Ihr abnormes Aggressionspotential liegt an einer Mutation der Gene, wie sie h√§ufig bei Mischlingen zu beobachten ist. Nicht nur aus diesem Grunde wurde im letzten Jahr auf Malta beschlossen, die Einmischung Fremder in nationales Erbgut unter Strafe zu stellen. Ich stimme mit dieser Entscheidung absolut √ľberein, bin aber auch ein wenig traurig. ‚Äě[...] Angelerntes Verhalten muss mit der eigenen Struktur √ľbereinstimmen, um authentisch zu bleiben.‚Äú, notiere ich sp√§ter in mein Notizbuch und nehme mir vor die Sternengruppe intensiver in Hinsicht auf Selbstverletzungen zu studieren. Erfahrungsgem√§√ü drehen die Kinder zwischen den Stunden neun und zw√∂lf besonders durch. Das liegt an Substanz C. Substanz C ist die Basis eines neuen engagierten Forschungsprojektes, entwickelt und ausgef√ľhrt von der Gruppe um Dr. Bohrschlag. Als Koryph√§e in seinem Gebiet war Bohrschlag einer der ersten, der sich f√ľr eine Legalisierung von Substanz C von Seiten der Wissenschaft einsetzte. Heute arbeitet er hier in China, zusammen mit seinem alten Unterst√ľtzer und Sch√ľler O. George. Sie versuchen fieberhaft, anhand einer kontrollierten Verabreichung von Substanz C, Ver√§nderungen der Hirnstr√∂me bei Kindern der Sternengruppe zu erreichen. Ich verstehe nicht viel von dieser Materie, wei√ü aber soviel um zu wissen, dass dies der finale Durchbruch f√ľr die Menschheit w√§re.
Zum Mittagessen sitze ich in der Kantine alleine an einem der langen grauen Tische. Alle anderen haben bereits gegessen, w√§hrend dessen ich mit der Auswertung der heutigen Testergebnisse besch√§ftigt war. Am Nachmittag erhalte ich dann das Urteil von Mings Prozess. Tod durch Strom. Die Hinrichtung soll aufgrund ihrer vergangen Verdienste f√ľr die chinesische Gesellschaft unter Ausschluss der √Ėffentlichkeit vollzogen werden. Wie zu erwarten war, nimmt diese Nachricht etwas Druck von mir, da ich wei√ü wie der Staat Exekutionen vorm Volke zelebriert. Fraglich ist wie es mit mir weitergehen wird. Jetzt wo die Sache ein sauberes Ende findet, kann ich mir eine weitere Gef√ľhlsduselei nicht mehr leisten. Ich habe einen Ruf und mich zu verlieren und hoffe, dass der Spuk von Ming mich mit der Zeit vergessen wird. M√∂ge ihre Seele in Frieden ruhen, denn jeder kreiert seine eigene Realit√§t und ist f√ľr sein Tun und Handeln selber verantwortlich. Ming wollte es nicht anders. Sie hat sich bewusst gegen uns entschieden und es wird Zeit damit abzuschlie√üen, gleichzeitig freunde ich mich mit der Idee an, so bald wie m√∂glich bei der Gedankentherapie vorzusprechen. M√∂glicherweise w√§re dies ein Weg meinen Geist und mich neu zu erfrischen. Gleich morgen werde ich alles in die Hand nehmen.
Als ich mit dem Bus unserer Firma nach Hause fahre und noch immer ein wenig √ľber Ming nachdenken muss, sitzt Petra hinten auf der letzten Bank und starrt hinaus auf die vorbei fliegenden H√§user. Wir haben heute kein Wort miteinander gewechselt und w√§hrenddessen ich das denke, zerplatzen Regentropen auf der Fensterscheibe vor ihrem Gesicht.
M√§nner kommen und gehen, das wei√ü sie bereits und doch ist diesmal alles anders. Ihr ist als bohre jemand eine stumpfe Klinge in ihren Unterleib und sie muss sich zusammenrei√üen, vor Ekel nicht zu kotzen. Sie sp√ľrt den sauren Geschmack von Erbrochenen im Mund und f√ľhlt den Brei aus ihrem Magen direkt unter dem Kehlkopf. Sie wei√ü, dass eines im Leben nie mehr zur√ľckkommen wird. Das Gef√ľhl begehrt zu werden‚Ķ Liebe wurde f√ľr sie nur zu einer geschmacklosen Posse, einem schlechten Witz √ľber den nicht einmal mehr Idioten lachen k√∂nnen. In den N√§chten hat sie Angst, denn es scheint, als g√§be es f√ľr sie keine Befreiung. Alles wird bald von dieser Traurigkeit besetzt werden, die tief in ihrem Herzen pocht und immer schwerer zu ertragen wird. Suizid w√§re eine willkommende M√∂glichkeit, dem allen final zu entfliehen. Und in diesem Moment beginnt der Zeitpunkt, wo alles Kommende nur noch eine kalte, glatte H√ľlle ber√ľhrt. Einen K√∂rper als Gef√§ngnis einer alten und vertrockneten Seele. Es gibt nichts mehr zu erwarten und alles wird nur noch ein Abstieg nach ganz unten sein. Ein Fallen, ewig und qu√§lend, solange, bis ein neuer letzter Mut entsteht. Ein Druck, ein letzer emotionaler Schub, dann ist alles beendet. Abgeschlossen f√ľr die Ewigkeit. Keine Verantwortungen und S√ľnden mehr. Im Tod liegt die Erl√∂sung f√ľr jene, die immer suchten und niemals fanden. Bye bye Petra. No one will miss you‚Ķ
Zu Hause angekommen stelle ich beruhigt fest, dass der Geist von Ming momentan nicht anwesend ist und ich lege mich auf mein Bett. Ich höre hinein in die Stille, die mich umgibt und lasse den Tag Revue passieren. Mein Puls schlägt dabei ruhig und regelmäßig und die Minuten verstreichen und schwinden dahin.
Fr√ľher oder sp√§ter wird man begreifen, dass das da wo Licht f√§llt, die Dunkelheit lauert. Auch gibt es Menschen, die haben es einfach nie geschafft. Ming und Petra nur zwei von ihnen. Angeschwemmt an die Ufer dieser Stadt, in der auch ich immer ein Fremder bleiben werde. Es stimmt, Ballast des √ľber die Jahre angelernten Verhaltens kann man nicht abwerfen, solange man meint aktiv zu k√§mpfen. Sich dem Selbst zu stellen, hei√üt auf einem Seil zu balancieren und dabei panisch mit den Armen zu rudern. Und wenn sich in diesen Sekunden unsere H√§nde nach Sprossen sehen, nach Halt und Sicherheit, dann ist dort nur Leere und Dunkelheit, denn wir schweben √ľber einem Abgrund aus Angst und Schmerzen. Nein, dieses Land ist nicht anders und die Regeln des Spiels sind dieselben geblieben. Irgendwann beginne ich langsam zu sinken, und ich sinke hinunter in ein Schlucht und von Ferne h√∂re ich eine mir altbekannt Melodie. Es sind Sirenen einer neuen Epoche und sie verk√ľnden uns, dass Liebe existiert. Sie singen, dass Liebe atmet und Menschen verbindet. Und vielleicht ist es ja wahr. Eine neue Wahrheit, die besagt, dass Vertrauen und W√§rme keine Rudimente vergangener Tage sind. Sie leben und sind es wert benannt zu werden. Wir sind Gestrandete und wir sind Zeit. Hier wo alles mit jedem neuen Tag von vorne beginnt. Hier in China. Du und ich. Wir alle als ein Teil von ihnen.



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die zeit zerstört alles

Version vom 04. 03. 2010 08:25
Version vom 05. 03. 2010 02:45

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