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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die Kerze (Schluss)
Eingestellt am 21. 01. 2002 11:05


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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(...)
Der Herr mit dem langen KerzenanzĂŒnder atmet tief aus und lĂ€sst Zeit verstreichen, so lange wie er es fĂŒr nötig hĂ€lt. Dann geht er zum Treppenabsatz vorm Altar, wendet sich aber der anderen Richtung zu. Hinter dem großen Fenster ĂŒber dem Portal flimmert ein Wetterleuchten. Obwohl er leise spricht, klingt seine Stimme voll und laut: "Du hĂ€ttest dein Leben nicht so leben mĂŒssen, Agatha."
Die Frau hat sich auf der Kniebank niedergelassen. GekrĂŒmmt wie sie da hockt, ihre Arme um die Knie geschlungen, wirkt sie zerbrechlich, und so furchtsam wie ein kleines Kind. Sie antwortet nicht.
"Wer trÀgt die Schuld daran, dass alles so kam?" fragt der Herr.
Ihre Worte kommen zögerlich. "Ich ... ich habe sie mir gegeben. Immer. Aber ..."
"Aber", wiederholt er, als sie innehĂ€lt. "Das war deine BrĂŒcke ĂŒber die Spalten, habe ich recht? Zwischen Zweifel und Ahnen, zwischen Glauben und Hoffen. Ein ewiges Aber." Er nickt nachdenklich. "Du hast ein Leben vernichtet, aber ein weiteres erschaffen, um auch deines zu erhalten. Deine SĂŒnden waren Trotz, aber zur SĂŒhne warst du bereit. Du bist eine Agatha, die der Versuchung verfiel, wurdest aber eine heilige Monika, die andere im Glauben bestĂ€rkte." Er lĂ€sst sein weißhaariges Haupt sinken. "Du hast dein Vertrauen in Gott verloren, ... aber das war nicht deine Schuld. - Das hĂ€tte nicht geschehen mĂŒssen."
Sorgenfalten haben sich in das Gesicht der alten Frau gegraben. "Was wird jetzt mit mir geschehen?"
Das Wetterleuchten wird heftiger, zu einem stetigen, lebendigen Licht hinter dem glĂ€sernen Abbild der heiligen Agatha. Der KĂŒster hebt den Blick. "Du bist hier, wo alles begann. Du sollst die Kerze zurĂŒckerhalten, wie es dir versprochen wurde. Du hast fĂŒr sie bezahlt." Er nickt zu dem Kirchenfenster hinauf. Die Frau folgt seiner Geste - und entdeckt das Attribut in den HĂ€nden der Heiligen. Schwarz und unförmig, noch nicht entflammt.
Sie wird blass, frische TrĂ€nen lösen sich und rinnen ĂŒber die Wangen.
"Ja, wasche deine Augen." Seine Miene zeigt weder Mitleid, noch Missbilligung. Er bemerkt ihren fragenden Blick. "Was war dein Leben? Der Glaube an eine Kerze, die Gott fĂŒr dich war. Sie hat dich dein Leben lang begleitet, hat deine Leiden miterlebt und deine Freuden, seien sie auch gering gewesen. Es ist Zeit, ihre Dankbarkeit zu entzĂŒnden."
Er rafft seinen Mantel und steigt die Stufen empor, geht zu dem Triptychonaltar in der Mitte des Chorraums. Nacheinander klappt er die mĂ€chtigen WĂ€nde auseinander. Die Innenseiten sind mit weißen Laken verhangen. Dann kommt er zu ihr zurĂŒck, geleitet sie zu der vordersten Kirchenbank.
Ihre TrÀnen sind versiegt, benetzte Stellen auf ihrem Kragen. "Was wird geschehen, wenn sie brennt?!" fragt sie ihn leise.
Den langen AnzĂŒnder immer noch in der Hand, steht er vor ihr. Über ihren Kopf hinweg sagt er: "Diese Kerze ist schwarz, weil sie Zeiten beleuchten kann, die in Finsternis geblieben sind. Es hĂ€ngt von dir ab, wie sie belebt werden. - Welche Zeit deines Lebens willst du in ihr Licht setzen."
"Das ist eine Gnade" flĂŒstert sie. Der KĂŒster geht nicht darauf ein. Nach einigem Überlegen erhellt ein LĂ€cheln ihr Gesicht. "Der Wolfgang war immer nett zu mir. Ich hĂ€tte ihn nicht so barsch behandeln mĂŒssen." Ihr Blick gleitet zum aufgeklappten Triptychon. "Der Wolfgang", wiederholt sie bestimmt. "Vielleicht wĂ€re alles anders geworden mit ihm."
Der Mann nickt einverstanden. Dann holt er eine Streichholzpackung aus der Tasche seines Mantels und reicht sie ihr. Ohne ein weiteres Wort entflammt sie eines der Hölzer. Er hĂ€lt ihr das Ende des AnzĂŒnders entgegen, um das die Wachsschnur gewickelt ist. Eine Flamme wĂ€chst golden empor.
Draußen sĂ€useln die Schatten lauter. Von dem Gesang einen Moment abgelenkt, trifft die Frau wieder auf seinen ernsten, ruhigen Blick. "Das Licht der Agatha dauert kein Leben lang", sagt der KĂŒster. "Es leuchtet gut, vergeht aber auch schnell. Nutze es gewissenhaft." Dann geht er fort, in die Richtung, aus der die Schatten singen. Sie schaut nicht hinter ihm her.
Ein Strahl bunten Lichts schwillt an und webt sich durch die Kirche, trifft auf weiß behangene Altarpforten. Bilder trennen den Ablauf eines Lebens ...

Ein Liebender trifft ein MĂ€dchen,
sĂŒndig in der And'ren Augen.
Er bittet sie zum Tanz,
verwandelt mit ihr die Lichternacht.
Ein Schwingen in Einheit!, Taumelnden Kopfes!,
spielt er an ihrem Feuer wie ein gebranntes Kind:
Nur noch ein Mal! Zagend kostend an dem sĂŒĂŸen Brei.
So verlockend die SĂŒĂŸigkeit ist
- so auch seltsam fremd, zart verbittert in dieser Nacht.

Angstvoll ist ihr Blick der Zeit gerichtet
Und tief nach NÀhe suchend dringt ihr zÀrtlich Mund in ihn:
"Lass uns gehn, mein Wolf!
Verweilen heißt: Ein Ende.
Vertilge meine schwarze Herde!
Dem Ewig möcht' ich singen, eh diese Nacht vorĂŒber."

Kerzenschein erhellt das Dunkel
Sie scheut das Licht, doch lÀsst's geschehen
FlĂŒchtet hilfesuchend in Umarmung
Und sĂŒndenlos wird alle NĂ€he!
Das Finster birgt ein Feuerwerk!
Wolken schwinden in GlĂŒckesflut!
Und des Leibes keim'de Frucht hÀlt still den Atem
Das Herz schlÀgt doppelt in inn'ger Seele
Bittet als Kind einen Vater ums Geleit
Er schenkt es, freudig
Allzu gern erkoren
Und noch viel mehr dazu
Voll der Gnade
Der Herr war mit ihr
In Ewigkeit
Amen

W.B. 1961

Licht zerreißt. Farben schmelzen dahin und ertrinken. Die Bilder trennten den Ablauf eines Lebens, ... fĂŒgen sich nun ein, ... und werden Wirklichkeit.
Als die Frau das leise Klirren hinter sich hört, schließt sie die Augen. Das GerĂ€usch zerknirscht und verebbt. Fahle Dunkelheit umhĂŒllt den Altar.
Langsame Schritte ĂŒber den Mittelgang. Neben ihr bleibt der KĂŒster stehen und schaut zum Kreuz hinauf. Sein GerĂ€t stellt er auf dem kleinen Blasebalg ab, hĂ€lt es zwischen den FĂŒĂŸen wie einen Hirtenstab. DĂŒnner Rauch nebelt aus der LöschtĂŒlle.
"Was ist passiert, ..." fragt sie kaum hörbar, "... danach?"
Eine Pause fĂŒr wohl ĂŒberlegte Worte. "Euer gemeinsames Leben verlief enthaltsam", sagt er fest. "Deine weiteren AffĂ€ren waren fĂŒr ihn nicht von Belang, und du kehrtest du ihm zurĂŒck. FĂŒr einige Zeit fanden seine Werke Beachtung, spĂ€ter arbeitete er in einem Verlagshaus. Er starb nach dreißig Jahre Ehe. Die letzten zehn hast du ihn gepflegt."
Sie nickt, holt tief Atem. "Unser Kind?"
"Er wurde ihm ein Vater. Dein Sohn studierte Informatik und siedelte spÀter in die USA. Er heiratete und hatte zwei Kinder."
"Hatte?" Sorge umwölkt ihre Stirn.
Er zögert. "Sein Tod kam unerwartet. Und nicht aus ... heiterem Himmel. Du hast ihn am Bildschirm gesehen. Dein Herz war dem Schmerz nicht lange gewachsen."
Sie sinkt in sich zusammen. TrÀnen benetzen den Kragen ihres Kleides. Er lÀsst ihr viel Zeit. Irgendwann legt er ihr die Hand auf die Schulter. Die Frau hebt den Kopf und schaut zum Gekreuzigten hinauf. "Aber welches war nun mein Leben?"
"Du hast es verĂ€ndert", antwortet der KĂŒster.
"Aber warum habe ich keine Erinnerung daran."
Schulterzucken. "Dein Schock saß tief. Die Ärzte nannten den Nebel um dich eine Gnade." Er seufzt. "Du hĂ€ttest eine Heilige sein können." Der Druck seiner Hand verstĂ€rkt sich. "Du musst gehen."
Sie nickt langsam. Unendlich mĂŒde sind ihre Bewegungen, als sie aufsteht und den Mittelgang entlang zum Portal geht. Der KĂŒster begleitet sie. Schatten öffnen die TorflĂŒgel.
"Muss ich dankbar sein?" fragt sie.
Der Herr mit dem Kerzenlöscher antwortet nicht, und ebenso schweigend wendet sich die Frau den sÀuselnden Schatten zu.

__________________
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Hallo Markus,
normalerweise lese ich am PC keine lĂ€ngeren Texte, aber diesmal hat sich der Versuch mehr als gelohnt. Ich bin begeistert von deiner ErzĂ€hlung. Mit treffenden Formulierungen hast du hier einen Text geschrieben, der mystisch, einfĂŒhlsam und ĂŒberaus spannend zugleich ist.
Kompliment mit Sternchen, aus ehrlicher Überzeugung!

Da wir in der LL aber auch Hinweise erwarten, hier meine einzige - konstruktiv gemeinte - Anmerkung: Der Anfang fesselte mich nicht so, wie es ab „An langen Strippen hĂ€ngen Lampen...“ der Fall war. Vielleicht sind die SĂ€tze dort ein wenig zu gleichförmig aufgebaut.
Nur meine persönliche Meinung, aber vielleicht kannst du ja etwas damit anfangen, OK?

Mit besten GrĂŒĂŸen
Willi

PS. Kann es sein, dass in der Handlung des KĂŒsters eine kleine Ungereimtheit steckt? Er legt sein GerĂ€t ab und stellt es nachher vor sich auf den Boden. (Vielleicht tĂ€usche ich mich auch, doch ich konnte aus ZeitgrĂŒnden den ganzen Text nicht noch einmal lesen.)

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Der Denker
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2001

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Hi Markus,

wirklich interessantes Konzept. Jetzt erkenne ich auch den Grund deiner Fragen.
Du bringst wirklich eine unheimliche und magische AtmosphĂ€re rĂŒber -um mal nicht einfach zu wiederholen, was schon gesagt wurde, denn ansonsten kann ich mich nur Willi anschließen.
Die ErzÀhlung ist wirklich gut gelungen.


Liebe GrĂŒĂŸe,
dede


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"Ist das alles, was ich bin? Ist da sonst gar nichts mehr?"


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Vielen Dank ...

... an euch beiden und auch an Ole, der mir seinen Lob und seine Kritik per Mail schrieb. Ich muß sagen, dass ich auch zufrieden mit dem Text bin, was den Inhalt betrifft. Am Anfang muß ich vielleicht tatsĂ€chlich noch ein bißchen tĂŒfteln, da hast du recht, Willi. Die Idee zu der "Kerze" liegt nun schon seit ĂŒber sechs Jahren in meiner Schublade und der Spielort hat sich von einem Trödelladen ĂŒber ein Kino nun endlich zu einer Kirche entwickelt. Die Parallelen, die sich dadurch ergaben, haben mich die vier Wochen des Schreibens sehr fasziniert. Bis zum Schluß habe ich mich mit den Fragen herumgeschlagen: "Erinnert sie sich nun an das verĂ€nderte Leben oder nicht. Wenn nicht, warum nicht? Doch wenn, wĂ€re es auf eigenartige Weise zwar nachvollziehbarer, aber fĂŒr die Geschichte nicht wirklich logisch." Aber dann begannen die beiden Figuren von selbst zu handeln und es kam zu diesem Ende. Mit einem Happy-end wĂ€re ich auch nicht zufrieden gewesen. Theoretisch könnte man ja nach dem Gedicht (Das war auch so ein Problem: Wie komprimiert man die Handlung einer Kerzenbrenndauer?) schliessen. Aber das hĂ€tte ich fĂŒr zu kitschig empfunden.
Es war mir auch von vornherein klar, dass es eine KĂŒrz-Gewalt sein mußte. Allerdings kann ich als Verfasser nur schwer beurteilen, ob es hier und da nicht doch noch Unklarheiten gibt. Ich erzĂ€hlte einem Freund vom Plot der "Kerze" und erwĂ€hnte anschließend, dass sie nicht lĂ€nger als 15 Seiten lang sein sollte. Er hielt es fĂŒr Wahnsinn und rechnete allein wegen des Inhaltes mit mindestens dreißig. Nun, jetzt sind es 13. - Falls euch noch etwas unklar ist, oder wenn die Geschichte noch irgendwo zu dĂŒnn oder zu dick ist, dann teilt es mir doch bitte mit.
Mit literarischen GrĂŒĂŸen
Markus Veith

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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